Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1857. (Band IV.)

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Menschheit bewegen, völlige Uebereinstimmung unmöglich, dass aber deshalb Friede 
und Gedeihen nur von wechselseitiger Anerkennung und Duldung zu hoffen ist. 
Wissenschaftlicher Sinn wird am ehesten den widerlichen Hader bannen, den wir heut 
zu Tage gerade da sich erheben sehen, wo die höchsten und heiligsten Interessen am 
meisten zur Eintracht äuffordei’n sollten. Echte Ueberzeugung und geistiger Zwang 
sind unversöhnliche Gegensätze, darum kann die Förderung des Wahrheitssinnes nur 
dahin führen, allem geistigen Leben freien Spielraum, und darum auch der Eigen- 
thümlichkeit jedes Volkes, jedes Volksstammes freie und reiche Entfaltung zu gönnen. 
Wissenschaft gedeiht iüi Kampfe einander gegenüber stehender Meinungen, sie 
fordert daher Eingehen auf die Anschauung, Erwägen der Gründe des Andern und 
ist das Gegentheil jenes Starrsinnes, der im verstockten Festhalten des eigenen Stand 
punktes sich gross dünkt, der sich für unverbesserlich hält und allen Gründen des 
Gegners verschliesst. Diesem Starrsinn ist kein Volk sb abhold gewesen wie das 
griechische, bei welchem die bedeutungsvolle Lehre gefunden ward, dass Weisheit, 
dass Einsicht eine Tugend, ja die Quelle aller Tugenden sei. Durch die griechische 
Poesie, vor allem durch die griechische Tragödie klingt das eine Grundthema durch: 
sei deiner Gränzen dir bewusst, hüte dich vor übermüthigem Starrsinn, öffne dein 
Ohr den Worten Anderer 
„Denn auch ein Anderer fände wohl das Richtige“, 
zu spät lehrt oft das Unglück „weise zu werden.“ Alles wissenschaftliche Streben 
muss sich dieser echten Hellenenweisheit anschliessen. 
Die Wissenschaft ist überall auf die Wahrheit, also auf das Wesen der Dinge 
gerichtet, sie haftet nicht an der Schale und ist nicht mit blossem Schein zufrieden. 
Und hierin wird das wissenschaftliche Streben, wie es die Universitäten nähren, dem 
besseren Strome unserer Zeit sich anschliessen. Denn das ist doch wohl ein Gewinn, 
den die Erfahrungen der letzten Jahre gebracht haben, dass man den Dingen selbst 
gerader und heller in’s Auge sieht, dass auf hohle Phrasen und hochtönende Worte 
überhaupt wenig mehr gegeben wird, wie ja denn selbst der fast verbrauchte und in 
haltslos gewordene Name der Freiheit von seinem Zauber für die Menschheit viel ein 
geb üsst hat. 
Auf hohe Ziele, auf weit greifende Aufgaben ist hier hingewiesen und die 
Stellung anged.eutet, welche den Universitäten als den Pflanzstätten des Wahrheits- 
sinnes zu ihnen zukommt, Freilich das Streben bleibt hinter dem Erfolge, das Hoffen 
hinter der Erfüllung weit zurück, und gross könnte einem der Abstand scheinen 
zwischen dem was hier bezeichnet ist und dem was wir Einzelne, was unsre Hochschule 
als Ganzes erreicht und leistet. Aber es ist schon etwas Grosses zu wollen. Wollen 
wir Grosses und Gutes — und wer von uns sollte es nicht wollen? — so wird unserm 
Streben, darauf bauen wir, der Segen nicht fehlen, wird es auch uns, wie bisher so fer 
nerhin — unterstützt von allen Guten — gelingen die heilige Flamme des Wahrheitssinnes
	        
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