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Fall V.
A. M., lediger Bauer, 26 Jahr alt, wurde am 21. Dezember in die Tübinger
Klinik aufgenommen.
Der Vater war geisteskrank, 4 Geschwister klein gestorben. Patient litt im
2. Jahre an Krämpfen, lernte spät Laufen und Sprechen. Im 6. Jahre kehrten
die Krämpfe wieder und traten nun alle 14 Tage auf. Patient fiel plötzlich um,
hatte Zuckungen, biss sich auf die Zunge, nässte ein. Diese Anfälle kamen bald
am Tage, bald in der Nacht. Das Gedächtnis wurde schwächer. Das Lernen fiel
ihm schwer. Nach den Anfällen war er zuweilen mehrere Tage verwirrt. Mit
13 Jahren kamen die Anfälle bis zu dreimal den Tag. Eine Behandlung in St.
mit 15 Jahren hatte nur zeitweise Erfolg.
Vom 11. —15. Dezember traten 7 Anfälle auf. Darnach war Patient ver
wirrt, lief im Zimmer umher, redete albernes Zeug, tanzte, grimassierte, überhäufte
seine Umgebung mit Grobheiten. Am 16. Dezember wurde er stuporös, nahm
keine Nahrung, sprach nicht, Hess unter sich gehen.
21. Dezember 1S95. Aufnahme: Patient legt sich im Bette auf den Bauch,
nimmt das Kopfkissen unter den Arm, macht mit dem Kopfe wiegende Bewegungen,
schiebt sich ganz an den Rand des Bettes, bohrt den Kopf in die Kissen oder
wälzt sich umher. Das dargebotene Uringlas benutzt er nicht, sondern nässt ein.
Keine spontane Äusserung. Auf wiederholte Anrede erfolgt sehr langsam Antwort .
Er wisse nicht, wo er sei. Seine Wohnung sei dort! (Zeigt nach dem Fenster!)
Er sei 16 Jahre (!) alt. Weitere Antworten vermag man nicht zu erzielen.
Patient dreht sich auf die Seite, lässt geräuschvoll Winde von sich gehen,
atmet hörbar.
Somatisch: Kräftig gebaut, gut genährt. Pupillen zeigen normale Reaktion,
sind rund, gleich, mittel weit. Augenhintergrund normal. Augenbewegung frei.
Facialis symmetrisch. Zunge gerade, zittert nicht, frei von Narben. Rachenbefund
normal. Kniephänomene lebhaft. Hautreflexe schwach. Keine Lähmungsorscheinungen.
Kein vasomotorisches Nachröten. Puls 96, regelmässig. Kein Fieber. Herztöne
rein. Normaler Lungenbefund. Urin frei von Eiwoiss und Zucker. Nadelstiche
nirgends beachtet.
Im Laufe der Untersuchung zeigt Patient zunehmende motorische Unruhe,
er rollt sich in Zwischenräumen von 5 bis 10 Sekunden von einer Seite auf die
andere, hat die Augen bald weit offen, bald geschlossen, stöhnt. Oft zuckt er
mit dem ganzen Körper zusammen. Die wälzenden Seitenbewegungen werden
durch eine entgegengehaltene Nadel nicht beeinflusst, vielmehr stösst Patient gleich
gültig mit dem Gesichte dagegen. Zuweilen wird der Körper wie von einem
Schauer befallen. Dabei ändern die Pupillen nicht ihre Weite. Worte, die er
hört, spricht Patient zuweilen nach. Auf lautes Anreden erwidert er 15 — 20 mal
„Ja!“ Einmal nennt er seinen Namen. Später werden Uhr und Geldbeutel
richtig bezeichnet, Wachsstock als „Ja, Dings!“ Zündholzschachtel als „Zündel“
und als „Geldbeutel“, Taschenmesser als „Uhr“. Aufforderungen werden mitunter
befolgt. Patient äussort plötzlich spontan: „Auf dem Markt!“ — Nahrung wird
nicht genommen. Auf 3,0 Chloral schläft Patient die zweite Hälfte der Nacht.
Bis dahin verharrt er in seinen wälzenden Bewegungen, bewegt Kopf und Arme
ruckartig hin und her.