18
der Stifft von aller fernem Ansprache beffeyet werde.“ Was mit andern Werkzeugen construirt
wäre, sei nicht als mathematische, sondern' mechanische Gestalt anzusehen. Den Verdeutschungen
sind die lateinischen Namen als Erklärung hinzugefügt, z. B. Ungeschickt Viereck (Trapezium),
Werckstück (Problema), Rührstrich (Tangens), Ebenmaass (Proportio) etc. — Zu dem schon im Al-
terthume (v. Proclus, Geminus -u. A.) angefochtenen elften Grundsatz Euclids macht Reyher die Be
merkung, „dass dieses kein rechter Grundsatz sey“, weil er bei dem 29. Satze bewiesen werden
könne. R. beweisst den 11. Grundsatz indirect als ein Lemma vor dem 29. Satze, mittelst des 28.
Satzes und des 9. Grundsatzes, indem er an der Linie, welche zwei gegebene Linien schneidet, ei
nen Winkel construirt, welcher dem andern gegebenen Winkel gleich ist etc., also eine Anordnung
der Sätze wie sie Montucla (Hist, des Math. I, 205) empfiehlt. Die Reyher’sehe Bearbeitung des
Euclid, besonders des 2. Buches, wird eine wesentliche Erleichterung des Studiums gewesen sein,
wo die abkürzende algebraische Form der Beweise seif Vieta und Descartes noch als „Neueste Löse-
Kunst“ wenig verbreitet war.
• Wenn in einem solchen Werke von der mathematischen Strenge nichts geopfert werden durfte,
so hält Reyher doch diese Form fur den ersten Unterricht nicht geeignet. Er empfiehlt dazu viel
mehr die Geometria Empyrica des berühmten Jungius und überhaupt alle Hülfsmittel, den Schüler erst
mit den mathematischen Formen und Begriffen zu befreunden, welches durch verschiedene Modelle
und dergl. geschehen könne. Auch die Kegelschnitte z. B. Hessen sich durch die verschiedenen
Lagen eines gläsernen Kegels vorläufig erörtern, wenn er mit einer gefärbten Flüssigkeit theil-
w r eise gefüllt wäre; die einfachen Operationen bei algebraischen Gleichungen ebenso mittelst einer
Wage etc.
Wie weit indessen Reyher die Verfolgung dieses Weges führen mochte, sieht man aus seinen
Schriften De Rege Mathematico (1Ö70) und Mathesis Regia (1693), welche sich vorzüglich mit der
Methode des mathematischen Unterrichts für einen jungen Prinzen beschäftigen und dabei in diesem
Theile mit der viel später erschienenen Schrift von Leibniz: Projet de l’education d’un Prince we
sentlich übereinstimmen. Auch Leibniz empfahl bei der hervorgehobenen realistischen Seite eines
solchen Unterrichts alle Arten von Abbildungen, Modelle, ein sogen. Theater der Natur etc.*). Reyher
giebt ins Besondere eingehend, als erste Methode diejenige an, bei w'elcher man sich eines oder meh
rerer Obelisken bedient, more Aegyptiorum, womit in einem Momente zunächst die Uebersicht des
ganzen Gebiets der mathematischen Wissenschaften anschaulich gemacht werden könne. Einen ähn
lichen Zweck zur Belehrung für Jung und Alt sollen nach seiner Meinung die weisen Aegypter
wirklich nur mit diesen Bauwerken gehabt haben. Wegen des glücklichen Erfolgs dieser Methode
beruft R. sich auf seine Erfahrungen mit dem jungnn Herzog Friedrich von Sachsen, welcher sieben
Jahre früher auf diese Weise in kurzer Zeit und mit dem grössten Vergnügen nach einem vergol
deten Obelisken die Encyclopädie der Mathematik sich unverlierbar fest eingeprägt habe. — Bei der
zweiten Methode wird Baco’s von Verulam Domus Salomonis sive sapientiae officina angeführt, wo
mit ein grosses Gebäude fingirt ist, in dessen verschiedenen Abtheilungen man omnem naturae et
artis Operationen) erlernen könne. Die Beschreibung wird von R, im Einzelnen fiir die Mathemata
ausgeführt, so dass im Wesentlichen ein physikalisches Cabinet entsteht, mit Einchluss der astronomi
schen, goedätischen, architectonischen und kriegswissenschaftüchen Erläuterungs-Apparate. Auch ein
Divinatorium darf dabei noch nicht fehlen, in 4 classes divisum: prima Astrologicas domorum tabulas
cum globo, cujus beneficio e vestigio Thema natalitium perfici queat: Altera exhibeat voles et plantas
pedum pictas, cum montibus et lineis. Tertia instructa sit variis facierum förmis, cum partibus cor-
*) Guhrauer’s Leibnitz Th. II. S. 204.