Volltext: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1860 (Band VII.)

Obgleich nun der Ausdruck „totale Finsterniss“ und „gänzliche Dunkelheit“ 
an sich gleichbedeutend sind, soll ersterer doch im astronomischen Sinne bekanntlich 
nur die gänzliche Verdeckung der Sonnenscheibe durch den Mond bezeichnen, ohne 
damit über den Grad der Dunkelheit etwas auszusagen. Indessen würde man, nach 
dem Anblicke von grossen partiellen Finsternissen zu urtheilen, auch leicht vermuthen 
können, dass bei den totalen wirklich vollkommene Dunkelheit eintreten werde, wenn eben 
nichts mehr von der Sonnenscheibe zu sehen übrig ist, und bei einiger Dauer dieses Zu 
standes nicht nur derjenige Theil unserer Atmosphäre, wo der Mond vor die Sonne ge 
treten ist, sondern auch eine weitere Umgebung desselben, von dem Mondschatten voll 
ständig eingehüllt wird. Nimmt man dazu einige der früheren Nachrichten von 
totalen Sonnenfinsternissen, wonach der Tag sich plötzlich in die dunkelste Nacht 
verwandelt habe, und die Sterne wie um Mitternacht geleuchtet hätten, so ist es er 
klärlich, wie diese extreme Vorstellung von der Dunkelheit bei totalen Sonnenfinster 
nissen in manchen neuen astronomischen Lehrbüchern gangbar geworden war (sogar 
in dem Herschel nach der ältern Ausgabe) bis im Jahre 1842 endlich wieder eine 
totale Sonnenfinsterniss in Europa beobachtet werden konnte. In der deutschen Aus 
gabe von Herschel’s Treatise on Astronomy (Leipzig 1838) bemerkt übrigens Nicolai, 
dass eine vollkommene nächtliche Dunkelheit auch bei einer totalen Finsterniss 
nicht wohl eintreten könne, sondern eine den Umständen nach schwächere oder 
stärk ei e Dämmerung, bei welcher allerdings die helleren Sterne sichtbar werden 
könnten. Als Ursache der noch übrigen Dämmerung gedenkt indessen Nicolai nur 
der entfernteren Theile der Atmosphäre, welche etwa noch im Gesichtskreise des 
Beobachters, aber ausserhalb des Schattens liegen und ihr Licht reflectiren. Wäre 
dies nun die einzige Ursache der Beleuchtung, so müsste es wenigstens an denjenigen 
Stellen der Atmosphäre noch am dunkelsten sein, welche sich in der Nähe des ver 
finsternden Mondes befinden, falls der Vorübergang des Mondes vor der Sonne über 
haupt von einiger Dauer ist, mithin der Mondschatten in unserer Atmosphäre breiter 
als der Mond daselbst erscheint. Denn wenn auch die wirkliche Breite dieses 
Schattens immer geringer als der Mond selbst sein muss, so wird doch für den Be 
obachter innerhalb des Schattens, der entfernte Körper, welcher den Schatten verur 
sacht, kleiner erscheinen als der Schatten selbst in der näheren Umgebung des 
Beobachters. Die Helligkeit müsste aber jedenfalls nach der obigen Erklärung nur 
von der Grenze des Schattens her eindringen. Dagegen zeigt nun der eigene Anblick 
einer totalen Sonnenfinsterniss unzweifelhaft, dass die Hauptbeleuchtung anderswo 
herkommt, nämlich merkwürdiger Weise aus der unmittelbaren Umgebung desjenigen 
Himmelstheiles, wo der Mond und die von ihm verdeckte Sonne zusammen stehen, 
also beinahe aus den innersten Theilen des Schattens. Hier strahlt dann ein merk 
würdiges Licht, dessen Sichtbarkeit man auf verschiedene Weise zu erklären ver 
sucht hat, wenn auch der Ursprung desselben allgemein in die Sonne gesetzt werden
	        
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