Obgleich nun der Ausdruck „totale Finsterniss“ und „gänzliche Dunkelheit“
an sich gleichbedeutend sind, soll ersterer doch im astronomischen Sinne bekanntlich
nur die gänzliche Verdeckung der Sonnenscheibe durch den Mond bezeichnen, ohne
damit über den Grad der Dunkelheit etwas auszusagen. Indessen würde man, nach
dem Anblicke von grossen partiellen Finsternissen zu urtheilen, auch leicht vermuthen
können, dass bei den totalen wirklich vollkommene Dunkelheit eintreten werde, wenn eben
nichts mehr von der Sonnenscheibe zu sehen übrig ist, und bei einiger Dauer dieses Zu
standes nicht nur derjenige Theil unserer Atmosphäre, wo der Mond vor die Sonne ge
treten ist, sondern auch eine weitere Umgebung desselben, von dem Mondschatten voll
ständig eingehüllt wird. Nimmt man dazu einige der früheren Nachrichten von
totalen Sonnenfinsternissen, wonach der Tag sich plötzlich in die dunkelste Nacht
verwandelt habe, und die Sterne wie um Mitternacht geleuchtet hätten, so ist es er
klärlich, wie diese extreme Vorstellung von der Dunkelheit bei totalen Sonnenfinster
nissen in manchen neuen astronomischen Lehrbüchern gangbar geworden war (sogar
in dem Herschel nach der ältern Ausgabe) bis im Jahre 1842 endlich wieder eine
totale Sonnenfinsterniss in Europa beobachtet werden konnte. In der deutschen Aus
gabe von Herschel’s Treatise on Astronomy (Leipzig 1838) bemerkt übrigens Nicolai,
dass eine vollkommene nächtliche Dunkelheit auch bei einer totalen Finsterniss
nicht wohl eintreten könne, sondern eine den Umständen nach schwächere oder
stärk ei e Dämmerung, bei welcher allerdings die helleren Sterne sichtbar werden
könnten. Als Ursache der noch übrigen Dämmerung gedenkt indessen Nicolai nur
der entfernteren Theile der Atmosphäre, welche etwa noch im Gesichtskreise des
Beobachters, aber ausserhalb des Schattens liegen und ihr Licht reflectiren. Wäre
dies nun die einzige Ursache der Beleuchtung, so müsste es wenigstens an denjenigen
Stellen der Atmosphäre noch am dunkelsten sein, welche sich in der Nähe des ver
finsternden Mondes befinden, falls der Vorübergang des Mondes vor der Sonne über
haupt von einiger Dauer ist, mithin der Mondschatten in unserer Atmosphäre breiter
als der Mond daselbst erscheint. Denn wenn auch die wirkliche Breite dieses
Schattens immer geringer als der Mond selbst sein muss, so wird doch für den Be
obachter innerhalb des Schattens, der entfernte Körper, welcher den Schatten verur
sacht, kleiner erscheinen als der Schatten selbst in der näheren Umgebung des
Beobachters. Die Helligkeit müsste aber jedenfalls nach der obigen Erklärung nur
von der Grenze des Schattens her eindringen. Dagegen zeigt nun der eigene Anblick
einer totalen Sonnenfinsterniss unzweifelhaft, dass die Hauptbeleuchtung anderswo
herkommt, nämlich merkwürdiger Weise aus der unmittelbaren Umgebung desjenigen
Himmelstheiles, wo der Mond und die von ihm verdeckte Sonne zusammen stehen,
also beinahe aus den innersten Theilen des Schattens. Hier strahlt dann ein merk
würdiges Licht, dessen Sichtbarkeit man auf verschiedene Weise zu erklären ver
sucht hat, wenn auch der Ursprung desselben allgemein in die Sonne gesetzt werden