Full text: Newspaper volume (1882)

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Mttwoch. 
MO. 
8. November 1882. 
Berlin. Ob Kaiser Wilhelm die Eröffnung 
des Landtags vollziehen wird, ist noch nicht 
entschieden. Aus Berlin schreibt man dem 
»Hamb. Corresp." hierüber Folgendes: „Man 
daß der Kaiser höchst ungern auf solche 
Rechte seiner Krone verzichtet, und so hält er 
"uch jetzt dem Widerspruch seiner Aerzte gegen 
über auf das Bestimmteste an der Absicht fest, 
l"n 14. Novbr. seines Amtes vollauf zu malten. 
Die Thronrede wird daher jedenfalls in der 
şiir die eigentliche „Königl. Eröffnung" passen 
den Form abgefaßt werden. Schließlich ist es 
aber doch nicht unwahrscheinlich, daß der 
Monarch, wenn das Weiter nicht ganz unge 
wöhnlich schön bis zum Eröffnungstage bleibt, 
dem Rath der Aerzte folgt, welche jede der 
artige Anstrengung mit Recht von dem greisen 
Monarchen fernhalten, der bei aller wunder 
baren körperlichen Frische doch sehr zu Er 
kältungen neigt und daher nicht ahne Gefahr 
mr seine Gesundheit sich der kalten, ungesunden 
Temperatur des Weißen Saales aussetzt. 
— Der Justizminister hat den Amtsrichtern 
Empfohlen, an alle Schöffen neben der gesetz 
lich vor Beginn des Geschäftsjahres erfolgen 
den Benachrichtigung noch besondere Ladungen 
SU den einzelnen Sitzungen, und zwar etwa 
b Tage vor den betreffenden Sitzungstagen, 
SU erlassen. 
Berlin. (B. Tagebl.) Der Militärfiskus 
bat es abgelehnt, seine Haftpflicht gegenüber 
den Hinterbliebenen des am 29. August von 
dem Füsilier Gärtner erschosienen Arbeiters 
Binte anzuerkennen. In Folge dessen wird 
Rechtsanwalt Lustig als freiwilliger Mandatar 
ber Wittwe Binte einen Proceß gegen den 
Militärfiskus anstrengen, um diesen zur Ge 
währung eines auskömmlichen Unterhalts für 
oie Wittwe Binte und deren drei Kinder zwin 
gen. Das Rechtsgutachten des Rechtsanwalt 
Lustig lautet dahin, daß die Haftpflicht des 
Militärfiskus als zweifellos zu erachten sei. 
Der Soldat habe die That während der Aus 
übung seines Dienstes und nicht in Folge 
Einer'Privatstreitigkeit verübt, mithin sei die 
Behörde, welche diesen Dienst anordnete, für 
ben Schaden, welchen der dazu kommandirte 
Füsilier anrichtete, verantwortlich. Ebenso wie 
der Militärfiskus den Schaden für ein während 
des Manövers verwüstetes Feld zu ersetzen 
habe, müsse er sich auch dazu verstehen, für 
den Schaden aufzukommen, wenn ohne die ge 
ringste Ursache ein Bürger von einem Militär 
bosten erschossen wird, gleichviel, ob der be 
ireffende Soldat für irrsinnig oder für mit 
gesundem Menschenverstände bei Begehung der 
^-hat ausgestattet erklärt wird. — Zu be 
dauern bleibt es unter allen Umständen, daß 
Uch der Militärfiskus nicht freiwillig dazu ver 
banden hat, für die Hinterbliebenen eines 
Mannes zu sorgen, der in zwei Feldzügen für 
das Vaterland gekämpft hat und mitten im 
mieden auf so traurige Weise sein Leben verlor. 
^ -- Die starken Gesichtsschmerzen, welche den 
Kanzler längere Zeit geplagt haben, find von 
dkn Aerzten nunmehr als von einer Knochen 
hautentzündung auf der linken Seite der Zähne 
herrührend erkannt worden, und hofft man 
jetzt, des Uebels bald Herr zu werden, nachdem 
die Ursache desselben genau festgestellt worden. 
— Der Proceß des Kaufmannes Schlicht 
eisen gegen Landrath von Bennigsen-Foerder und 
Bürgermeister Hochberg dürfte, so schreibt die 
„A. L. L.-Ztg.", mit der jüngst erfolgten Frei 
sprechung der beiden Angeklagten vor der Straf 
kammer 1 des Landgerichts in Altona noch nicht 
endgültig erledigt sein. Wir hören, daß Kauf 
mann Schlichteisen sich nur unter gewissen 
Modalitäten bei dem Erkenntniß beruhigen will, 
andernfalls aber entschlossen ist, als Neben 
kläger die Revision gegen das Urtheil beim 
Reichsgericht einzulegen. In juristischen Kreisen 
ist man der Ansicht, daß die Annahme^des 
Altonaer Gerichts, wonach die Angeklagten 
wegen mangelnder Gesetzeskenntniß zu 
entschuldigen seien, de» Rechtsgrundsatz beein 
trächtigt, daß Gesetzesunkenntniß niemals im 
Stande ist, die Strafbarkeit einer Handlung 
aufzuheben oder zu mildern. 
Hamburg. Ein edler Wohlthäter, der 
verstorbene Herr Christian Goerne, hat ca. 
44 verschiedenen hiesigen wohlthätigen Anstalten, 
Instituten, Schulen rc. ohne Unterschied der 
Konfession im Ganzen die kolossale Summe 
von 239 250 Mk. hinterlassen. Das kleinste 
Legat beträgt 625, das größte 15 000 Mk. 
— Für die Ueberschwemmlen in Tirol und 
Kärnthen erläßt der Vorstand der Section 
Hamburg des deutschen und österreichischen Al 
penvereins einen Ausruf, um für die vom Un 
glück so schwer heimgesuchten Bewohner jener 
Länder fernere Gaben zu sammeln, die so 
dringend nothwendig sind, wenn die Schwere des 
Elends, das durch die bekannten Katastrophen 
über die armen Menschen hereingebrochen ist, 
nur einigermaßen gelindert werden soll. 
ş Kiel, 5. Nov. Der am Sonntage, den 
29. v. Mts., verstorbene Besitzer von Groß- 
Nordsee, Freiherr von Vincke, ein Schwieger 
sohn unseres weil. Oberpräsidenten v. S ch e e l- 
Plessen, wurde hier Donnerstag mit mili 
tärischen Ehren — (derselbe war bei Lebzeiten 
Corvetten-Capitän) — unter Geleit zahlreicher 
Gutsbesitzer der näheren und weiteren Um 
gegend, sowie unter Betheiligung einer Anzahl 
Tagearbeiter aus dem Gute selbst, auf dem, 
an der Holtenauer Straße belegenen Militär- 
Kirchhofe feierlich beerdigt. — Ueber die Fort- 
existenz des der Egell'schen Maschinenfabrik- 
Acliengesellschast gehörigen Gaarden er 
Schiffs bau-Etablissements geht aus den, 
von unseren Localblättern über die jüngste in 
Berlin abgehaltene Generalversammlung der 
betreffenden Actionäre mitgetheilten Notizen 
nichts zur Evidenz hervor. Soviel scheint 
allerdings gewiß, daß die Uebernahme der 
Werft Seitens eines Hamburger Consortiums 
bisher nicht perfect wurde. Was aber eigent 
lich das Resultat der auf jener Generalver 
sammlung angenommenen Antrüge auf Ver 
kauf der Etablissements zu Tegel und zu 
Gaarden ist, läßt die wunderliche Verclausu- 
lirung derselben nur schwer erkennen. Es sei 
denn, daß man Seitens der bisherigen Besitzer 
darauf bedacht ist, den Betrieb der Werke auf 
irgend eine Weise, auch unter neuen Besitzern, 
zu erhalten. Und eine zweckmäßige Wetter 
führung wäre gewiß wünschenswerth, wie für 
die Entwicklung des deutschen Schiffsbaues, so 
im Besonderen auch für die Entwicklung Gaar 
dens, das, ohne gerade auf die Werst als auf 
eine Existenzbedingung hingewiesen zu sein 
— es hat ja noch die kaiserliche Marinewerft 
in unmittelbarer Nähe — dennoch einen Theil 
seiner Blüthe darin findet. Der Ort hat über 
dies bereits diese oder jene mit der Werste 
correspondirende Einrichtung, z. B. eine Fort 
bildungsschule, an der ein technischer Director, 
ein Architect, unterrichtet, und ist überhaupt 
seit Jahren mit den allerdings sehr wechsel 
reichen Schicksalen der Schiffswerft aufs Engste 
verflochten. — Aus der letzten Freitags-Stadt- 
collegiensitzung ist die ersreulicl e Annahme des 
Antrags der Schulcommission zu melden, dahin 
gehend, einen an der Ecke der Garten- und 
Fährstraße belegenen Platz neben der zweiten 
Knabensreischule an die Gesellschaft freiwilliger 
Armenfreunde unentgeltlich für den Fall zu 
überlassen, daß die Gesellschaft sich bereit er 
klärt, auf dem Platze ein Gebäude für die 
Frauengewerbeschule zu errichten. Auch ist 
derselben Gesellschaft für den Neubau einer 
Volksküche ein Areal auf dem Klosterkirchhof 
auf Antrag der Baucommission unentgeltlich 
überlassen. Ein Antrag der Statuten-Com- 
mission betr. ein Notat der Regierung über 
das Verhältniß der Stadt zu den milden Stif 
tungen wurde nach längerer Debatte mit einer 
Stimme Majorität angenommen. — Wie ich 
höre, wird unseres namhaften vaterländischen 
Dichters Heinrich Zeise's „Liedermappe" in 
diesem Monate in zweiter Auflage im Arnold 
Weicheli'schen Verlage in Hannover erscheinen. 
Zeise gehört zu den Lieblingsdichtern unserer 
Provinz. Er hat sich seit mehr als 30 Jahren 
und bis in die jüngste Zeit eine erfreuliche 
Frische und Productivität bewährt, und wir 
dürfen hoffen, daß die zweite Auflage seiner 
„Liedermappe" zu den älteren Freunden sich 
manche neuere gewinnen wird. Die erste Auf 
lage der „Lieoermappe" — oder vielmehr 
„Aus meiner Liedermappe" — erschien 1861 
in Altona, bei Uflacker. 
-T Neumünster, 6. Novbr. Es kömmt 
wohl eigentlich nie vor, daß die Königl. Re 
gierung von ihrem Recht, die von den Klassen 
steuer - Einschätzungscommissiouen gemachten 
Steueransätze zu erniedrigen,Gebrauchmacht, 
desto ausgiebiger benutzt sie das der Erhöhung. 
Im letzten Jahre hat sie hier in Neumünster 
im Ganzen 64 Personen die Steuersätze erhöht, 
dabei hat sie einen Einwohner gar von der 
3. in die 12. Stufe gebracht, d. h. die Steuer 
ist von 9 auf 72 Mk. jährlich erhöht. Und 
dabei hat die Regierung sich nicht, wie es ihr 
gesetzlich vorgeschrieben ist, mit der Einschätzungs 
commission in's Einvernehmen gesetzt und sie 
über die einzelnen Fälle gehört. Eine Be 
schwerde an die Regierung Seitens der Com 
mission ist abschlägig beschieden, jetzt hat sie 
an den Finanzminister recurrirt; von da fehlt 
noch Entscheidung. — Der Recitator Theodor 
Horstmann will hier am Dienstag, den 14. d. 
M., noch einmal öffentlich auftreten, am Tage 
vorher wird er, ohne Eintrittsgeld zu erheben, 
vor der gesammten Jugend der Stadt für diese 
passende Sachen recitiren. — Der landwirth- 
schastliche Verein für Mittelholstein hält all 
jährlich im Herbste eine Versammlung ab, zu 
der auch die Damen der Vereinsmitglieder 
kommen, und in der diese interessirende Sachen 
verhandelt werden. An die Verhandlungen 
schließt sich dann ein V ereins ball. Diese Ein 
richtung hat sich hier recht als Mittel zum 
festem Zusammenschluß der Vereinsmitglieder 
bewährt. Das diesjährige Herbstvergnügen 
soll am 27. d. M. hier in Neumünster abge 
halten werden. — Herr Organist Klose hier- 
selbst hat im Laufe des vergangenen Sommers 
6 Orgelconcerte zum Besten des Kirchenchor's 
gegeben. Es wurde kein Eintrittsgeld erhoben, 
sondern es wurden nur freie Beiträge gezahlt. 
Es sind im Ganzen hieraus, incl. einiger son 
stiger Geschenke, 160 Mk. 60 Psg. für den 
Chor zusammengekommen. Ist dies auch ein 
nettes Sümmchen, so hätte dasselbe, in Rück 
sicht auf den durchweg recht guten Besuch der 
Vorträge, doch wohl gern noch ein Bischen 
höher ausfallen können. — Die hiesige all 
gemeine Sterbekasse, deren Rechnungsjahr mit 
Ende September schließt, hat in dem letzten 
Jahre 6985 85 Mk. Einnahme zu verzeichnen 
gehabt. An Ausgaben waren zu bestreiten 
für 51 Todesfälle a 30 Mk., für 6 Fälle 
a 40 Mk., für 2 Fälle a 60 Mk. (dies waren 
Kinder, nach dem Alter in Classen gebracht) 
und für 22 selbstständige Mitglieder zusammen 
2048 Mk., das macht in Summa 3938 Mk., 
hierzu kommen Verwaltungskosten rc. im Ge- 
sammtbetrage von 415,30 Mk., so daß der 
Cassebehalt und das bei der Sparkasse belegte 
Vermögen der Sterbekaffe zusammen 3838,10 
Mk. ausmachen. Dem Vereine gehören als 
Mitglieder 4055 Seelen an. — Am Sonn 
abend gegen 5 Uhr erscholl Feuerlärm. Es 
brannte im Hause des Zahnarztes Micheels, 
doch wurde das Feuer ohne Eingreifen der 
Feuerwehr gelöscht. Im Laufe des Winters 
soll das Gebäude, das auf dem Bauplatz des 
neuen Posthauses steht, doch abgebrochen werden. 
Càrnforde. In der Nähe von Gettorf 
sind am 3. d. Mts. durch deu Eisenbahnzug 
einem Manne beide Beide abgefahren worden. 
Allen Anzeichen nach liegt ein Selbstmord vor. 
(Man glaubt in der Leiche einen Tischler der 
Kieler Werst zu erkennen.) 
Neumünster, 3. Nov. In der heutigen 
Sitzung der städtischen Collegien wurde mit 
getheilt, daß die Gascommission beschlossen hat, 
das Personal der Gasanstalt von Neujahr ab 
bei der Transport- und Unfallversicherungs 
gesellschaft zu Zürich mit insgesammt 10 900 Mk. 
gegen alle Unfälle zu versichern. 
8. Schleswig, 6. Nov. Herr Gymnasial- 
Oberlehrer a. D. Grünseld, bekannt als Ver 
fasser weit verbreiteter Rechenbücher, geographi 
scher und mathematischer Lehrbücher, hat auf 
vielseitigen Wunsch seine im Schleswig er 
Gile mit Weile. 
. Der soeben veröffentlichte gutachtliche Theil 
^Es Jahresberichtes der Handelskammer zu 
Leipzig für 1881 lenkt die allgemeine Aufmerk- 
'Oüifeit auf einen Uebelstand hin, der wohl 
^ìelfach als solcher empfunden, meist aber wie 
Etwas Unabänderliches hingenommen wird: 
Kle unruhige Hast, die sich in Handel und 
Verkehr bemerklich macht. „Seit der Grün- 
Plngsperiode in der ersten Hälfte des vorigen 
Jahrzehnts," sagt der Bericht, „ist es in vielen 
joranchen geradezu üblich geworden, daß Auf 
läge auf Lieferung von Waaren nicht von 
Langer Hand vorbereitet, sondern erst beim 
Antritt dringlichen Bedarfs, am liebsten tele 
graphisch, zur „umgehenden" Ausführung 
^°Er doch mit kürzester Frist ertheilt werden, 
^aher kommt es, daß zeitweilig in den Fa 
briken die Aufträge sich übermäßig häufen, 
l a ?’ um ihnen gerecht zu werden, neue Ar 
biter eingestellt, die Nachtstunden zu Hülfe 
gENominen, wohl gar die Anlagen erweitert 
Werden, daß aber kurz darauf wieder Arbeits 
wangel sich einstellt, welcher nicht selten zur Ent- 
^'.şu n g von Arbeitern führt. Auf der anderen 
^Eite wird durch diese Unregelmäßigkeit in der 
Ausnutzung der Anlagen auch der Unternehmer- 
gewinn geschmälert. Aehnliche Uebelstände hat 
^°jEs hastige Treiben für den Handel zur 
K?lge. Es ist bezeichnend, daß fast in allen 
^nzelberichten, welche dem nachstehendenJahres- 
"Euchte zu Grunde liegen, die Klage über 
geringen Nutzen" wiederkehrt, auch in den- 
lentgeu, welche einen lebhafteren Geschäftsgang 
ŗ"uatiren. Diesem Uebelstande abzuhelfen, 
kauf mann, kann und soll an seinem Theile 
zur Abhülfe mitwirken. Oder gehörst du, lieber 
Leser, nicht zu denen, die, wenn sie sich einen 
Rock, ein Paar Stiefeln oder einen Schreibtisch 
oder sonst etwas beim Handwerker bestellen, 
jedesmal eine möglichst kurze Frist setzen, auch 
wenn es gar nicht nöthig ist? Ost ist es ja 
sehr nöthig, aber warum? Meistens doch nur 
deshalb, weil du versäumt hast, in Zeiten 
an daS Bedürfniß zu denken und das 
Erforderliche zu bestellen. Versuche es nur 
einmal, frage dich bei jeder Bestellung: ist es 
wirklich nöthig, eine kurze Frist zusetzen? und 
wenn ja — hätte die Bestellung nicht ebenso 
gut acht oder vierzehn Tage oder auch vier 
Wochen früher erfolgen könne»? Dann wirst 
du dich bald anders gewöhnen. Du allein 
kannst ja den allgcmeinenUebelstand nicht heben, 
aber glücklicherweise ist es mit der guten Ge 
wohnheit doch auch so wie mit der schlechten: 
was der Eine thut, ahmt der Andere, oft ohne 
sich deffen bewußt zu werden, nach. So wirkst 
du in deinem Kreise mehr, als du denkest — 
sei es zum Schlechten, sei es zum Guten. Laß 
es doch immer zum Guten sein. 
? ttb nur allmählich durch verständiges Zu- 
«mniênwirken von Käufern und Fabrikanten 
"wglich sein. Es schien uns aber angezeigt, 
ä".dieser Stelle nachdrücklich darauf hinzu- 
Şìşen. Jeder Einzelne, auch der Nicht- 
B er ui i s ch t cs. 
Petersburg, 27. Oct. Aus Moskau wird 
ein Ereigniß gemeldet, über das man selbst 
hier, wo man doch an die wunderbarsten Dinge 
gewöhnt ist, vor Erstaunen den Kopf geschüttelt 
hat und das ein grelles Streiflicht auf die 
unsägliche Lüderlichkeit wirft, die in russi 
schen Administrationen herrscht. Ein 
gestern hier eingetroffenes Telegramm bringt 
die Nachricht von dem Verschwinden des 
Kassirers des Moskau'schen Waisenge 
richts (ungefähr unserm Obervormundschafts 
gericht entsprechend). Die Depesche lautet 
„Der Moskauer Listok bringt die Nachricht, 
daß seit länger als einem Monate der Kassirer 
des Waisengerichts, Potapow, mit dem Schlüssel 
des Gewölbes, in welchem Privatpapiere und 
Werthgegenstände im Werthe von 13 Millionen 
Rubel verwahrt wurden, verschwunden sei. 
Offiziell waren die Sachen Potapow nicht über 
geben worden. Man vermuthet, er habe sich 
nur ohne Urlaub entfernt." Man wird zuge 
stehen, daß die Depesche in großen Räthseln 
spricht, welche auch die heute eingetroffenen 
Commentare nicht ganz löten. Zunächst ist 
der Kassier in der That seit einem Monat 
nirgends zu entdecken und in die Gewölbe 
kann Niemand hinein. Daß mittlerweile nicht 
öffentlich Schritte gethan sind, den Mann fest 
zunehmen, erscheint im Auslande unerklärlich, 
ist aber jedem Kenner russischer Verhältnisse 
ziemlich plausibel durch den Satz der Depesche 
gemacht: „Man vermuthet, er habe sich nur 
ohne Urlaub entfernt." Diese Worte heißen 
in klarem Deutsch: „Man hält den Mann noch 
nicht unbedingt für einen Spitzbuben, nimmt 
vielmehr die Möglichkeit an, daß er sich im 
Ssapoi entfernt habe, und daß er in irgend 
einem Winkeltraktiv aufgetrieben werden kann, 
oder wenn der Ssapoi vorüber, sich auch von 
selbst aus seinem Posten wieder einfindet." 
Unter Ssapoi versteht man jene entsetzliche 
Krankheit, die den Unglücklichen, der an ihr 
leidet, periodisch gewaltsam zum wüstesten 
Schnapstrinken treibt. Der Ssapoi dauert 
seine Zeit; weniger kräftige, schon zu sehr 
ruinirte Naturen halten nur einige Tage aus 
und schlafen nachher beinahe eben so lange, 
ohne viel Nahrung zu sich zu nehmen. Es 
werden Leute von dieser Krankheit überfallen, 
die jahrelang dem Trünke entsagt, und sich 
an solide Arbeit und Lebensweise gewöhnt 
haben; nur eine eiserne Energie leistet diesem 
Säuferwahnsinn Widerstand. Wenn man dem 
Kassirer Potapow zutraut, vier Wochen durch 
halten zu könne», so muß der Mann noch eine 
sehr feste Natur haben. Trotz dieser vier 
wöchentlichen Abwesenheit des Kassirers ist 
man nicht in das Gewölbe eingedrungen — 
weil der Schlüssel fehlt. Bis gestern hat man 
sich also nicht überzeugt, ob das Geld der 
Waisen gestohlen ist, oder wohl bewahrt in 
den Gewölben liegt, das klingt denn doch so 
unwahrscheinlich. „Offiziell waren diese Sachen 
Potapow nicht übergeben." Darin liegt der 
Schlüssel zu dem ganzen Schwindel. Potapow 
war seit einem Jahre angestellter Kassirer des 
Waisengerichts. Aber als er seine Stelle an 
trat, hat er auf der Seile seiner Bücher an 
fangen müssen zu rechnen, wo sein Vorgänger 
aufgehört hatte. Ein offizieller Kassenabschluß 
ist nicht gemacht worden. — Der Mann hat 
also niemals eine Ahnung davon gehabt, ob 
die von ihm gebuchten Werthe vorhanden 
waren oder nicht. Die deponirten Papiere 
betrugen angeblich 10 Mill., die Werthsachen 
3 Mill, und außerdem müssen ca. 100 000 
Rubel baares Geld in der Kasse gewesen sein. 
Potapow wird vielleicht und zwar nicht ohne 
Mitwissen Anderer durchgebrannt sein. Wie 
viel schließlich noch vorgefunden werden wird 
— denn über kurz oder lang wird man doch 
das Gewölbe einmal öffnen — wissen die 
Götter, die Oeffentlichkeit wird es schwerlich 
genau erfahren. Vor der Hand wird das Ge 
bäude des Waisengerichts von den Bestohlenen 
hart belagert. (Fr. Z.) 
— (Zum Transit deutscher Steinkohle nach 
Italien.) Eine der vielumstrittensten Fragen 
bezüglich des für die Gotthardbahn zu er 
wartenden Verkehrs war die, ob es der deut 
schen Steinkohle möglich sein werde, auf dem 
neuen Wege ein Absatzgebiet in Italien zu 
erlangen. In der That sind nun in den zwei 
ersten Monaten nach Eröffnung des Betriebes
	        
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