Han» Gudewerdts künstlerische Persönlichkeit
7'
Gudewerdts Figuren .
Mit den zum grosseren Teile dekorativ verwandten Engel - und Frauenköpfen gehen wir von den Schmuckfornien Gudewerdts zu dem Gebiet der Formen über , in denen Gedanken - und Gefühls - gehalt der Kunstwerke sich vornehmlich verkörpern , zu den Figuren . Bei der Beschreibung der Werke des Eckernförder Meisters habe ich im Einzelnen die Bedeutung und den künstlerischen Wert der Figuren und Gruppen zwar zu würdigen versucht , doch ist es nötig , sie in ihrer heit unter allgemeineren Gesichtspunkten noch einmal einer kurzen Betrachtung zu unterziehen .
Zunächst ist auch hier auf Rubens bedeutsamen Einflus» aufmerksam zu machen . Es handelt sich dabei nicht in erster Linie um eine Verwertung bestimmter Rubensscher Figuren oder Gruppen als Vorlage — solche direkte Benutzung kann ich nur in einem Falle nachweisen — , vielmehr lässt ein Anklingen nur an Rubens im ganzen Bereich des Figürlichen erkennen , dass wir es nicht mit einem unselbständigen Nachahmer , sondern mit einem fleissigen und begabten Schüler des belgischen Malers zu thun haben , mit einem Schüler , dessen künstlerische Individualität durch die Anregungen , welche er aus den Werken des grossen Meisters von verwandtem Volksstamm schöpfte , mehr wickelt als erstickt wurde . Dass gerade Rubens dergestalt Einfluss auf Gudewerdts künstlerische Entwickelung gewann , ist ja nichts so Auffallendes . Einmal gingen unsere Vorväter überhaupt bei den uns in Art und Wesen nahestehenden Niederländern bezüglich der Kunst und des Gewerbes vielfach in die Schule und wahrlich nicht zu ihrem Nachteil ; dann auch muss man sich wärtigen , dass Rubens in den Jugendjahren Gudewerdts auf der Höhe seines hellstrahlenden Ruhmes stand , dass er viel weiteren Kreisen bekannt war als z . B . Dürer zu Brüggemanns Zeiten . So ist es nicht unwahrscheinlich , dass gerade Rubens der Magnet gewesen ist , welcher den jungen Schleswig - Holsteiner vor Allem nach Belgien zog ; denn dass Gudewerdt in Belgien gewesen ist . scheint mir durch die vielfachen unmittelbaren Beziehungen seiner Arbeit zu der Kunst jener Lande , auf die ich in tien vorigen Abschnitten hinwies , doch mindestens sehr wahrscheinlich gemacht zu sein . Der Einfluss Rubens auf die figürlichen Schöpfungen Gudewerdts durfte hier aber jeden Zweifel nehmen , denn er ist nur zu erklären durch ein Studium der Werke des grossen Malers , wie es allein in dessen I Ieimat möglich war .
Unter den Engelköpfen und den Putten , wie unter den Hauptfiguren in den scenisclien Darstellungen stösst man auf Köpfe , Gestalten , Bewegungen und Stellungen , die an Rubens lebendig erinnern , ohne dass sich geradezu ein Vorbild fur sic bei dem Maler nachweisen Hesse . Die den derben Putten mit den Speckfalten an Fuss - und Handgelenken , den Grübchen an den runden Knieen und Armen und dem vollen Lockenhaar heimeln den mit Rubens Schöpfungen bekannten Betrachter unwillkürlich an . Man vergleiche z . B . den schönen Engelknaben rechts in der Staffel des Eckernförder Altars [ sieheTafel VI ) mit Rubensschen Putten , etwa den Putten in dem bekannten „ Frü£ht£=_ kränz " 'der Königlichen Pinakothek zu München ; man wird überrascht sein von der Ähnlichkeit , die man hier findet , und doch ist offenbar keine der Gestalten des Gemäldes unmittelbar Vorlage gewesen . — Ebenso verhält es sich mit den Magdalenenfiguren in den Scenen unter dem Kreuz , namentlich des Kappelner , doch auch «les Eckernförder Altars , man glaubt , die schönen , ausdrucksvollen Köpfe mit dem vollen , schlichtgescheitelten Haar aus Rubens grossen Darstellungen der Kreuzigung oder der Kreuzabnahme schon zu kennen , aber wieder ist keine einzige unter den vielen Magdalenen des Malers direkt Vorbild für den Schnitzer gewesen . Wer die Magdalena im Eckernförder Altar sieht , der wird beim Anblick tier Figur , die sich an den Kreuzstamm schmiegt , mit halb vom Kleid entblössten Arm das I lolz umfasst , gewiss an die Magdalena in der gewaltigen Schilderung des Gekreuzigten zwischen den beiden Schachern im Königlichen Museum zu Antwerpen ( nummer 297 ) denken müssen , und doch zeigt ein Vergleich auch hier , dass unmittelbare Beziehungen zwischen beiden Figuren nicht bestehen . In der Bcinstcllung und Gewandbchandlung der förder Magdalena lässt sich ein Anklang an die Maria der „ Himmelfahrt Maria " in der Königlichen Gemäldegalerie zu Brüssel ( Katalognummer 4081 nicht verkennen . Auch in den Christusfiguren