Full text: Sämmtliche Märchen

74 
Die Prinzessin auf der Erbse. 
E⸗ war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heirathen; aber es 
sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt 
umher, um eine solche zu finden, aber überall stand dem etwas entgegen. 
Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, 
konnte er nicht herausbringen. Immer gab es etwas, was nicht in der 
Ordnung war. Da kam er denn wieder nach Hause und war traurig, 
denn er wollte doch gar zu gern eine wirkliche Prinzessin haben. 
Eines Abends zog ein schreckliches Gewitter auf; es blitzte und 
donnerte, der Regen strömte herunter, es war entsetzlichl Da klopfte es 
an das Stadtthor, und der alte König ging hin, um aufzumachen. 
Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Thore stand. Aber, 
o Gott! wie sah die von dem Regen und dem bösen Wetter aus! Das 
Wasser lief ihr von dem Haare und den Kleidern herunter; es lief in 
die Schnäbel der Schnhe hinein und an den Hacken wieder heraus. Und 
doch sagte sie, daß sie eine wirkliche Prinzessin sei. 
„Ja, das werden wir schon erfahren!“ dachte die alte Königin. Aber 
sie fagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alle Betten ab 
und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle, darauf nahm sie zwanzig 
Matratzen und legte sie auf die Erbse, und dann noch zwanzig Eider— 
dunenbetten auf die Matratzen. 
Darauf mußte nun die Prinzessin die ganze Nacht liegen. Am Morgen 
wurde fie gefragt, wie sie geschlafen habe. 
„O, schrecklich schlecht!“ sagte die Prinzessin. „Ich habe meine Augen 
fast die ganze Nacht nicht geschlossen! Gott weiß, was da im Bette ge⸗ 
wesen ist! Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so daß ich ganz braun 
und blau über meinen ganzen Körper bin! Es ist entsetzlicht“ 
Nun sahen sie ein, daß sie eine wirkliche Prinzessin war, weil sie 
durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdunenbetten hindurch 
die Erbse verspürt hatte. So empfindlich konnte Niemand sein, als eine 
wirkliche Prinzessin. 
Da nahm der Prinz sie zur Frau, denn nun wußte er, daß er 
eine wirkliche Prinzessin besitze; und die Erbse kam auf die Kunstkammer, 
wo sie noch zu sehen ist, wenn Niemand sie gestohlen hat. 
Sieh, das ist eine wahre Geschichte.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.