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Deutscher Reichstag.
115. Sitzung.
Berlin, 11. Jan.
Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt.
Abg. Sattler (nl.) äußert seine Verwunderung
darüber, daß der Abg. Oertel sich gestern so
ablehnend verhalten habe, gegen eine Reform
des Börsengesetzes. Alsdann wendet er sich
gegen die Aeußerungen des Abg. v. DziembowSki
zur Polenfrage und gegen diejenigen des Abg
v. Liebermann über Chamberlain und die eng
lische Armee. Das sei unerhört gewesen und
nicht einmal mit den gesellschaftlichen Gepflogen
heilen verträglich. Die vom Abg. v. Dziem-
bowski erhobenen Beschwerden seien im Wesent
lichen haltlos. Was die postalischen Ueber-
setzungsbureaus für polnische Adressen anlange,
so plaidire er für Aufhebung derselben. Die
Briefe mit polnischen Adressen müßten einfach
dem Absender zurückgegeben werden. Redner
geht nunmehr auf den Fall Spahn ein. Eine
reine Freude an diesem werde wohl Niemand
gehabt haben, weder der alte noch der junge
Herr Spahn, weder Herr Althoff noch der Ver
treter von Elsaß-Lothringen, weder das Centrum
noch andere Parteien. Der Kernpunkt der Frage
Spahn sei, daß eä bei der Art seiner Ernennung
den Anschein gewinne, als müsse neben einem
protestantischen Historiker ein katholischer sitzen,
als gebe es also eine katholische und eine
protestantische Geschichtswissenschaft. Und deshalb
müsse dieser Fall in der deutschen Volksvertretung
zur Sprache gebracht werden. Bei seiner Kritik
des Postetats meint Redner, und zwar unter
Hinweis auf die geplante Deckung ordentlicher
Ausgaben durch Anleihe, die bisherige Finanz
politik habe vollständig Bankerott gemacht, nicht
nur in den Ziffern, sondern auch in ihren
Grundsätzen, unter allen Umständen müsse die
Position des Reichsschatzsekretärs gestärkt werden
gegenüber allen anderen Refforts mit Ausnahme
des Reichskanzlers.
Staatssekretär von Köller kann
nicht glauben, daß die Erregung über den Fall
Spahn so weite Kreise erregt habe. Niemand
brauche zu glauben, daß die Regierung in
Elsaß-Lothringen irgend welche Schritte thun
werde, um Deutschland nach Conftssionen aus
einander zu reißen. In Elsaß-Lothringen sei
schon seit Jahren beklagt worden, daß die
Katholiken bei Besetzung von Professuren zurück
gestellt würde». Und es sei verlangt worden,
daß namentlich eine Geschichtsprofessur doch auch
einem Katholiken übertragen werde. Diesen im
Bundesausschuß ausgesprochenen Wünschen ent
sprechend habe die Regierung dann endlich die
Bedürfnißsrage geprüft und Herrn Spahn die
Professur übertragen. Er, Redner, hoffe nun,
daß die ganz ungerechtfertigte Aufregung über
den Fall Spahn sich endlich legen werde.
Abg. Bachem (Centr.) wundert sich, daß
keiner der elsässischen Abgeordneten hier sei, um
zu dieser Angelegenheit Stellung zu nehmen.
Was sich in Straßburg jetzt ereignet habe, sei
längst in Breslau und anderwärts Thatsache.
Nicht die Ernennung Spahns reiße die Bevöl
kerung auseinander, vielmehr sei in Elsaß-Loth
ringen die Bevölkerung auseinandergerissen wor
den dadurch, daß in der Straßburger Universität
nur protestantische Geschichtsprofeporen gewesen
seien. Die katholischen Studenten hätten des
halb aus dem Lande gemußt. Nachdem Redner
sich noch gegen einige Bemerkungen des Abg.
Sattler gewendet, nimmt das Wort Abg. Bebel
(Soz.). Er geht zunächst ebenfalls aus den Fall
Spahn ein und erinnert dabei an den Fall
Arons. Es geschehe im Allgemeinen nur, was
die Regierung wünsche. Ein Mann, der bisher
wissenschaftlich ganz unbekannt gewesen sei, sei
von der Regierung zum Prosepor gemacht wor
den, ein Mann, dessen einziges Verdienst darin
bestehe, daß er ein ganz byzantinisches Buch
über den Großen Kurfürsten geschrieben habe.
Redner wendet sich dann zum Etat und zur
gegenwärtigen Krise. Zur Verschärfung der
Letzteren habe wesentlich das Kohlensyndikat bei
getragen, das durch seine hohen Inlands- und
niedrigen Auslands-Preise die Concurrenzfähig-
keit des Auslandes erheblich gestärkt habe. Noth
wendig sei es daher, den Kohlenbergbau zu ver
staatlichen. Um der Arbeitslosigkeit abzuhelfen,
sollte das Reich den Mittellandkanal bauen
(Lachen rechts.) Es sei Zeit, endlich einmal
einen lOstündigen Normalarbeitstag gesetzlich fest
zulegen. Der Reichstag sei gegenüber allen
militaristischen Forderungen von oben nur eine
Jasagemaschine. Und auch der Bundesrath sage
zu Allem Ja. Die neuen SUuerankündigungen
des Schatzsekretärs seien Wäger aus die Mühle
der Sozialdemokraten. Die ganze bisherige
Politik sei bankerott und seien die Ausgaben für
das Heer fortwährend im Wachsen. Dabei
versichere der deutsche Kaiser in Hamburg und
Danzig, der Frieden sei gesichert und ein Segen
für Deutschland. Redner geht dann wieder auf
die Chinaexpedition ein.
Auch auf die Chinamission des chinesischen
Prinzlein, der nicht Kotau habe machen wollen,
kommt Redner zu sprechen, desgleichen auf die
Wegnahme der astronomischen Instrumente. Hier
bei fragt er, ob wohl Waldersee den Befehl dazu
ertheilt habe. Wenn ja, dann müffe derselbe
auf Grund des Militärstrafgesetzes zur Verant
wortung gezogen werden. Warum entrüste man
sich denn so über Chamberlain? Es sei doch
thatsächlich im deutsch-französischen Kriege so
Manches vorgekommen, was als Gewaltthat
angesehen werden müffe. Franktireurs seien
reihenweise niedergeschossen worden. Was er,
Redner, über die Hunnenbriefe gesagt, halte er
ausrecht, und zwar nicht trotz der Prozeße,
sondern wegen der Prozeße. In allen diesen
Prozeßen sei der Beweis nicht zugelaffen worden,
weil die Gerichte sich dafür entschieden, nur
wegen formaler Beleidigung zu verurtheilen.
Des Weiteren geht Abg. Bebel auf die Ange
legenheit des Hauptmanns v. Feilitzsch ein und
erklärt gegenüber Herrn v. Kardorff, daß seine
Freunde mit allen Mitteln, welche angängig
seien, daß Zustandekommen des Zolltarifs zu ver
hindern bemüht seien.
Reichskanzler Graf Bülow erwidert dem
Vorredner betreffs der Kaiserrede in Cuxhaven,
daß diese Rede eine Friedenskundgebung im
Sinne friedlicher Entwickelung deutscher Arbeit
gewesen sei. Die deutsche Regierung werde nur
eine vernünftige Weltpolitik machen und auch nur
eine vernünftige Hcimathpolitik. Der Reichs
kanzler bittet den Abg. Bebel, sich betreffs der
auswärtigen Politik nicht allzu viel Bären auf
binden zu laßen (Heiterkeit.) Was China
anlange, so seien unsere Interessen dort jeden
falls zu wichtig, als daß sie bei den ersten auf
tauchenden Schwierigkeiten preisgegeben werden
könnten. Die Hunnenbriefe seien Schnurrpfeifereien
oder blaffe Renommage. China sei von Deutsch
land klar gemacht worden, daß es sich nicht un
gestraft gegen Europäer vergessen dürfe und daß
die europäischen Mächte in diesem Punkte eines
Sinnes seien. Große feindliche Bewegungen
seien in absehbarer Zeit in China nicht zu er
warten. Die deutche Regierung habe keinerlei
Eroberungstendenz und gehe nicht auf Annexionen
aus; ihre Interessen dort seien wirthschaftlicher
Natur. Deutschland gehe aus den Wirren °in
China mit unges -mächten Kräften und mit allen
Ehren hervor. Wenn Herr Bebel über das
Verhalten unserer Truppen im deutsch franzö
sischen Kriege rede, so wolle er ihm entgegnen,
daß Deutschland, was Menschlichkeit anbetreffe,
stets in erster Linie gestanden habe. Unerhört
sei es, wenn hier aus deutschem Munde das
deutsche Heer so angegriffen werde. Er überlasse
das Urtheil darüber dem deutschen Volke und
der öffentlichen Meinung (Bravos.)
Kriegsminister v. Go'ßler stellt fest, es seien
in China Aktenstücke beschlagnahmt, aus denen
hervorgehe, daß in der Schweiz eine Fabrik
für Fälschung von Hunnenbriefen bestanden habe.
Beute sei von den deutschen Truppen in China
nicht gemacht. Die astronomischen Instrumente
seien beschlagnahmt worden, um die Kriegskosten
einigermaßen zu decken. Sobald die Beschlag
nahme bekannt geworden, sei die Rückgabe ange
ordnet worden; China habe dies aber abgelehnt.
Nachdeni noch der Minister den Fall des Haupt
manns v. Feilitzsch klar gelegt und sich auch der
baierische Generalmajor v. Endees zu dem
selben geäußert, vertagt das Haus die Weiter-
berathung auf Montag 1 Uhr.
Ist die Krisis vorüber?
Mit dieser Frage beschäftigt sich die
„Arbeitsmarktkorrespondenz."
Sie stellt einmal fest, daß auf dem Arbeits
markte, auf dem sich doch jede noch so leise
Besserung der Industrie in einer Vermeh
rung der beschäftigten Hände zeige, von
günstigen Anzeichen nichts zu
b e m e r k en s e i. Die Mitgliederzahl der
Krankenkassen weisen einen fortgesetzten
Rückgang auf und nicht einmal das
Weihnachtsgeschäft sei im Stande ge
wesen, den steigenden Andrang von Arbeits
suchenden aufzuhalten. Die Belebung im
Textilgeschäft rühre lediglich von dem Ein
gang der um diese Zeit alljährlich erfol
genden Aufträge her. Dann betont die
„Korrespondenz", daß die Krisis gerade
auf die mittleren und kleineren Betriebe
außerordentlich drücke und da die Zahl der
Existenzen, die an die letztgenannten Be
triebe geknüpft seien, absolut genommen noch
größer sei, als die Zahl der Arbeiter im
Großgewerbe, so werde man bei der Be
urtheilung der zukünftigen Gestaltung des
Wirthschaftslebens auch den Geschäftsgang
dieser Mittel- und Kleinbetriebe berücksich
tigen müssen. Zum Schluß führt das ge
nannte Organ aus:
Die gegenwärtige Krisis ist keine
S ch w i n d e l kr i s i s , die von Bankerott
u Bankerott beurtheilt werden kann. Sie
trägt den Charakter einer Produktion s-
und Absatzkrisis. Die Ueberfüllung
des Marktes hat ein Heruntergehen der
Preise bewirkt. Indem die Jndustie mit
einem Herabsetzen der Löhne oder einer
Einschränkung der Arbeitszeit zu folgen
suchte, hat sie nothwendiger Weise die
Kaufkraft der breiten Massen des Volkes
geschwächt. Wenn die Preise der Rohstoffe
und Fabrikate so weit gesunken sind, daß
sie der verminderten Kaufkraft entsprechen,
dann ist der Tiefpunkt erreicht, von dem
aus ein Auwärtssteigen beginnen wird.
Dann wird man auch sagen können, daß
„das Schwerste überstanden" sei. Früher
aber nicht. Bis dahin kann jede weiter
gehende optimistische Aeußerung aus sonst
sachverständigem Munde als erfreuliches
Gegengewicht gegen einen übertriebenen
Pessimismus betrachtet werden und kann auch
als Ermunterung zu thatkräftigem Eingreifen
werthvolle Dienste leisten (wie z. B. im
Baugewerbe eine Besserung sehr wohl
dadurch möglich ist, daß die Zeit der nie
drigen Löhne zu Kapitalsanlagen in Bau
ten reichlicher benutzt wird). Allein dar
über, daß der s ch w e r st e Theil der
Arbeit noch zu thun ist, darf sich am Wenig
sten derjenige hinwegtäuschen, der wünscht,
daß mit Muth und Zuversicht an der
Besserung gearbeitet werde.
momentan nicht klar, aber so viel steht bei
ihr fest, daß etwas geschehen muß und
etwas geschehen wird, das sie schützt vor
dem Sturz in Dürftigkeit und Armuth,
vor dem erbarmungslosen Zwang der Ar
beit, der wirklichen ernsten Arbeit, der
Sorge um das bescheidene tägliche Brod.
Nur das nicht, um alles in der Welt, nur
das nicht.
Sie springt auf und durchmißt den kleinen,
lauschigen, luxuriösen Raum und zermartert
ihr kluges Köpfchen und findet keinen Aus
weg, und dann fällt ihr Frobenius ein,
und' ein heißes, sehnsüchtiges Verlangen
regt sich in ihr.
Sie breitet die Arme aus wie nach etwas
Unsichtbarem, sie liebt ihn, nur noch heißer,
noch tiefer, noch leidenschaftlicher denn je
— jetzt, wo sie sich so ganz verlassen fühlt.
(Fortsetzung folgt.)
—- Die Aussichten des Zolltarifs
werden fast in allen Reichstagskreisen recht
pessimistisch beurtheilt, und man wird
kaum sagen können, daß diese Urtheile un
begründet seien. Wie die Dinge liegen,
bedarf es keiner eigentlichen Obstruktion,
um das Zustandekommen einer so weit
schichtigen Vorlage zu vereiteln. Vielleicht
könnte den Vereitlungsversuchen und der
Obstruktion die Spitze abgebrochen werden,
wenn es gelänge, das Plenum des Reichs
tages dauernd so voll besetzt zu erhalten,
daß die Freunde der Zolltarisreform
allein eine beschlußfähige Mehrheit bilden.
Das ist aber, wie Kenner der Verhältnisse
behaupten, wenn man sich entschließt, Tage
gelder einzuführen. Die Zahl der Reichs
tagsmitglieder, die durch Tagegelder in die
Lage versetzt werden können, in Berlin
auszuharren, ist zwar nicht allzu groß, aber
gerade groß genug, um in dieser Weise
ausschlaggebend zu sein, aber auch dann,
wenn man sich entschließen sollte, Tagegelder
einzuführen, würde das Zustandekommen! gerissen werden; ihr Retter erlitt mehrfache
des Entwurfs noch lange nicht gesichert Verletzungen.
sein. Außerdem ist es doch beschämend,
wenn eine solche Vorlage, die so tief in
das Leben eines Volkes einschneidet, nur
dann ihre Erledigung finden kann, wenn
die vom Volke dazu berufenen Vertreter
ihr Votum gegen pekuniäre Entschädigung ab
geben. Gewählt sind sie doch auf Grund
der Diätenlosigkeit. Wer ohne Diäten ein
solches Amt nicht treu verwalten kann,
müßte es aus diesem Grunde abgelehnt
haben.
Berlin, 11. Jan. Die „Nationallib.
Corresp." bestätigt, daß namentlich auch die
bayrische Regierung geneigt sei, dem vom
Reichstag gefaßten Beschluß wegen Auf
hebung des Jesuitengesetzes beizu
treten.
Berlin, 12. Jan. Anläßlich des Eisen
bahnunglückes in Altenbeken war die
Nachricht verbreitet worden, daß eine Ein
schränkung der v-Züge beabsichtigt sei. Dies
ist nicht der Fall, es sind sogar 47 neue
V-Zug-Wagen in Bestellung gegeben
worden.
Wie verhängnißvoll der Unfug wer
den kann, zum Jahreswechsel beleidigende
Postkarten zu versenden, zeigte ein
Vorfall in Berlin. Der 44 Jahre alte
Bahnsteigschaffner Ernst Markus erhielt
eine solche Karte und fühlte sich so ge
kränkt, daß er Hand an sich legte.
Während seine Frau mit der 13jährigen
Tochter zu Bekannten gegangen war, er
hängte er sich. Bei der Beerdigung hielt
der Geistliche auf dem Heilandskirchhof in
Plötzensee eine ergreifende Ansprache, in
der er den Unfug, der den Unglücklichen
in den Tod getrieben, scharf geißelte.
— Seitdem bei Fahrgeld rekl a -
m a t i o n e n eine Schreibgebühr von
einer Mark für jede Fahrkarte in
Abzug gebracht wird, empfiehlt es sich, von
einem Antrag auf Fahrgelderstattung ab
zusehen, wenn es sich nur um einen ge
ringen Betrag handelt. Kürzlich rekla-
mirte der Vertreter einer Geschäftsfirma
in Stargard i. P. bei der mecklenburgischen
General-Eisenbahn-Direktion den Unter
schiedsbetrag für eine nicht voll aus
genutzte Fahrkarte, welcher sich auf 1,10
Mk. belief. Nach Abzug der Schreib
gebühr blieben zu Gunsten des Reklamanten
noch ganze 10 Pfg., welche ihm in Brief
marken zugestellt wurden. Da dieses
Schreiben als „portopflichtige Dienstsache"
abgefertigt wurde, hatte der Reklamant
hierfür noch 10 Pfg. Porto zu entrichten.
Zieht man außerdem das Porto des
Reklamationsschreibens mit 10 Pfg. in
Betracht, so war das Ergebniß des ganzen
Schcibens noch ein Minus von 10 Pfg.
zum Schaden des Antragstellers.
Jena, 11. Jan. Das Kriegsgericht trat
heute hier zusammen unter Vorsitz des
Oberstleutnants von Hanstein. Beisitzer
waren Kriegsgerichtsräthe Seim, Rotermund,
Knapp, Meier, Hauptmann v. Hayden;
Vertheidiger Leutnant v. Pfannenberg. Die
Zeugenaussagen brachten nichts wesentlich
neues. Das Urtheil wurde am Abend
verkündet. Thieme erhielt unter Annahme
mildernder Umstände dem Antrage gemäß
zwei Jahre drei Monate, Cartellträger
Hauptmann v. Seebach, dem ebenfalls
mildernde Umstände zuerkannt wurden, 14
Tage Festung.
Meißen, 11. Jan. Nach Unterschlagung
in Höhe von 50000 Mark flüchtig geworden
ist der Stadtsekretär Reimer in Lauenstein.
Mainz, 9. Jan. Der Bierbrauer Albert
aus Fürth, der im vorigen Jahre in
Weisenau seinen Kollegen König auf so
bestialische Weise ermordet hatte
und vom vorletzten Schwurgerichte zu 10
Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, ist
jetzt wegen hochgradigen Irrsinns aus dem
Zuchthaus in die Irrenanstalt überführt
worden. Ein Heidelberger Professor hatte
seinerzeit vor dem Schwurgerichte sein
Gutachten dahin abgegeben, daß der An
geklagte, der erblich belastet war und auch
während der Sitzungen einen furchtbaren
Wuthanfall bekam, nicht strafrechtlich für
seine That verantwortlich gemacht werden
könne. Zwei weitere Sachverständige
standen auf einem entgegengesetzten Stand
punkte.
Hirschbcrg i. Schl., 10. Jan. Das
Schwurgericht verurtheilte den 21jährigen
Kutscher Wilhelm Prenzel aus Schosdorf,
der am 25. August des Vorjahres auf der
Eisenbahnstrecke Warmbrunn—Hermsdorf
zwei Personenzüge dadurch zum Ent
gleisen bringen wollte, daß er Steine
in die Schienen einklemmte,
zu 3 Jahren Zuchthaus.
Für |ben Bau einer Lungenheilanstalt
vermachte ein Fräulein Gueury der Stadt
München-Gladbach 800 000 Mark.
Gera, 7. Jan. Heute Namittag 5 Uhr
verlor der Wagenführer eines die Sorge
herabkommenden Motorwagens der Stra
ßenbahn die Gewalt über seinen Wagen,
weil die Bremse nicht funktionirte. Der
Motorwagen entgleiste, als er in die
Johannisgasse einbiegen sollte und fuhr
in die die Fortsetzung der Sorge bildende
Bachgasse, in der er dann zum Stillstand
kam. Dabei wurde der an der Ecke dort
stehende Dienstmann Klinger, Vater von
7 meist kleinen Kindern, vom Wagen
erfaßt, überfahren und getödtet.
Eine Reihe von Passanten, die nicht schnell
genug zur Seite zu springen vermochten,
wurden ebenfalls mehr oder minder schwer
verletzt. Eine Frau mit ihrem Kinde
konnte noch in letzter Minute zur Seite
Düren (Rheinl.), 11. Jan. Der „Ruhrztg."
zufolge wurde in einer in der Nähe der
hiesigen Irrenanstalt gelegenen Kiesgrube eine
Reihe fränkischer Gräber angeschnitten,
wodurch interessante Funde zu Tage gefördert
wurden, darunter als besondere Merkwürdig
keit zwei mächtige Plgttengräber.
— Die Ansammlungen Arbeitsloser in
Frankfurt a. M., über die wir mehrfach
berichteten, haben, wie man aus Frankfurt
telegraphirt, den Regierungspräsidenten ver
anlaßt, mit dem Polizeipräsidenten und dem
Magistrat persönlich über die zur Verhütung
ähnlicher Vorkommnisse zu ergreifenden Maß
nahmen sich zu besprechen. Es ist Vorkehrung
getroffen worden, daß von der Polizei alle
Demonstrationen von vornherein unterdrückt
werden. — In Sachsenhausen demonstrirten
etwa 400 Arbeitslose, zerstreuten sich aber,
als die Polizei einschritt. — Von den städti
schen Behörden wird für Schaffung regel
mäßiger und vermehrter Arbeitsgelegenheit
weiter gesorgt werden.
— Die Schule in Büchel bei Remscheid
ist am 7. wegen einer ausgebrochenen
Scharlachepidemie geschlossen worden. Die
Behörden haben alle Vorsichtsmaßregeln
angeordnet.
— Aus Halle wird mitgetheilt, daß die
Unterhandlungen, die zwecks Bildung eines
Syndikats mitteldeutscher Kohlen
händler geführt wurden, sämmtlich er-
gebnißlos verlaufen sind.
Hamburg, 9. Jan. Der verhaftete
13jährige Bursche Ferdinand Salomon,
welcher bisher behauptete, den verschwun
denen Knaben Schauer am 22. Dezember
iix_ der Hafenstraße verlassen zu haben,
gestand heute ein, daß er sich an dem
kleinen Schauer sittlich vergangen habe.
Er bezeichnete auch die Stelle, wo Schauer
darnach in die Elbe gefallen und ertrunken
sei. Es ist anzunehmen, daß Salomon
das Kind nach dem ersten Verbrechen ins
Wasser gestoßen hat. Eine Abfischung des
Stromes nach der Leiche blieb bisher
erfolglos.
werk zurückkommen werde. Dann fuhr er x Telling
davon. Der Soldat wurde verfolgt, nàed. Gloy in
heftiger Gegenwehr festgenommen und iiŞşitz, bestehe
Wandsbeker Polizeigefängniß gebracht, wĶnd ^ivas l
wo er durch eine Militärpatrouille abgŞnt aus Ş
holt wurde. Der Soldat ist schon seàträgt 3200<
Weihnachten von seinem Regiment desertirtļkabsichftgt 1
S# Kiel, 9. Jan. Der Kaiser hat neuer-Bann derselbe
dings bestimmt, daß die innerhalb däher nichts.
Marine vorhandenen Schaustücke maritimer Hadeuiarsch
Natur sowie derartige Gegenstände, welch^Nglücksfall
durch Herstellung, Anschaffung oder Zêsigen Orte.
Wendung in den Besitz der Marine gşecke bei ein
langen, der in den Räumen des Jnstituà Händler .
und Museum für Meereskunde in Berlin 'Unterleib
anzulegenden besonderen Reichs-MarinĢstorben ist.
sammlung zu überweisen sind. ' An ihrer ^ Ņorto,
Verwaltung und Ausgestaltung soll di^ e s D x « n ; t
Marine ständig betheiligt bleiben. Jnfolgļ^ benachba
dieser Bestimmung gehen zahlreiche Denk^ ihrer
Würdigkeiten aus der historischen Samni-. Thiere würd-
Provinzielle«
Altona, 12. Jan. Heute Nachmittag
kehrte eine Bewohnerin der 2. Etage eines
Hauses in der Winterstraße nach Hause zu
rück, nachdem sie beim Unterstützungs - Im
stitut auf ihr Sparkassenbuch über 1300 Mk.
einen Betrag neu eingezahlt hatte. Auf
dem Flur erwartete die Frau ein elegant
gekleideter Mann, der nach kurzer Unter
Haltung sofort den Versuch machte, sie
niederzuschlagen und ihr das Spar,
kassenbuch zu entreißen. Der Unbekannte
versetzte der Frau mit dem Spazierstock einen
Schlag auf den Kopf, glücklicherweise besaß
die Ueberfallcne Kraft genug, tim laut um
Hülfe zu rufen. Sie riß ein zur Straße
führendes Fenster auf und alarmirte da
durch die Straßenjugend. Als der Ver
brecher sah, daß ihm sein verruchtes Be
ginnen mißlungen sei, ergriff er die Flucht,
wurde jedoch auf der Straße durch das Ge
schrei der Straßenjugend empfangen. Der
freche Räuber flüchtete, verfolgt durch die
Knaben, in ein Haus in der Brauuschweiger
straße. Hier faßten die Knaben Posto, wäh
rend einige der Kinder fortliefen, um die
Polizei herbeizuholen. In kürzester Frist
erschien Kommissar Metzner; aber in dem
selben Augenblick, als er das Haus betrat,
hörte man in der zweiten Etage einen Schuß
fallen, und fast gleichzeitig stürzte ein
menschlischer Körper über das Treppen
geländer ans den Korridor der ersten Etage
hinunter. Der Mensch hatte auf einen
Zettel, der beschlagnahmt wurde, einige
Worte geschrieben und sich dann eine Kugel
in die rechte Schläfe gejagt; er war auf der
Stelle todt.
Altona, 12. Jan. Im Eisenbahndirek
tionsbezirk Altona, insbesondere auf der
Strecke Altona-Kiel haben sich . die ver
suchsweise eingestellten Wagen mrt elektri
scher Beleuchtung vortrefflich bewährt, so
daß ihre allgemeine Einführung in Aus
sicht genommen ist. Die neuen Wagen
sind im Gegensatz zu den alten, die 3-achsig
waren, 4-achsig gebaut.
Wandsbek, 8. Jan. Ein Soldat
als S t r a ß e n r ä u b e r. Als heute
Morgen ein Fuhrmann aus der Gegend
von Lütjensee mit einem Fuhrwerk nach
Wandsbek fuhr, traf er auf der Landstraße
einen Soldaten des hanseatischen Jnfanterie-
Regiments Nr. 76 (Hamburg), der den
Fuhrmann bat, ihn mit auf den Wagen
zu nehmen. Der Fuhrmann gab die Er
laubniß und der Soldat setzte sich zu ihm
auf den Bock. Nachdem sie eme Strecke
gefahren waren und im weiten Umkreise
weder Häuser noch Menschen in Sicht
waren, forderte der Soldat den Fuhrmann
in barschem Tone aus, den Wagen zu ver
lassen. Erstaunt fragte der Fuhrmann den
Soldaten, was seine Worte bedeuten sollten,
worauf dieser sein Seitengewehr zog und
mit demselben so lange auf den Fuhrmann
einschlug, bis er blutüberströmt und be
wußtlos zusammenbrach. Darauf warf der
Soldat den Verletzten vom Wagen auf die
Landstraße und ließ ihn dort hülflos liegen,
während er selbst mit dem Fuhrwerk davon
jagte. Er fuhr durch die Dörfer Meils
dorf, Braak, Stapelfeldt und kam nach
Rahlstedt, wo er in einer Wirthschaft Ein
kehr hielt und für Speisen und Getränke
eine nicht unbedeutende Zeche machte. Er
beglich die Zeche jedoch bei seinem Fort
gange nicht, sondern erklärte dem Wirthe,
zahlen zu wollen, wenn er mit dem Fuhr-
- — ... historischen . -... ^urc
lung der Marine-Akademie in Kiel in dŞ Begleftunc
Reichs - Marinesammlung über, so jem’^ e umünfter
Säule, welche unter der Regierung Königs"! nächsten
Johann II. von Portugal im Jahre 148Şffenden M
auf Cap Croß, Deutsch - Sûdwestafrikşien. Dies
errichtet und vor einer Reihe von Jabre» ei «e Tochter
nach Kiel gebracht wurde, die Orlogsflagşştztere auch c
des dänischen Linienschiffes „Christian VIII."Nie, würd,
dre . Orlogsflagge und der Wimpel delchachforsàng
dänischen Fregatte „Gefion", das Moderne Erfolg,
des schleswig-holsteinischen Kanonenboot-, Norl
„von der Tann", das Namenschild dêstwirthsài
vor Samoa untergegangenen Kanonen-J^P cm à
bootes „Eber", die Glocke des gestrandete»?^ siir 39 1
Kanonenbootes „Iltis", der Kompaß deşşigenBà
untergegangenen Torpedobootes „S. 26',?f, bor W ?
sowie zahlreiche Voll- und Halbmodelş 500 gjjj. 7
älterer Kriegsschiffe, Flaggen und anderşşŗs erfolgt
Erinnerungsstücke. Die Reichsmarineşieressante -
sammlung in Berlin soll die Zentralsteê,Geflügelz
für alle ähnlichen Sammlungen dêşşihûhnern,
Marine bilden. ^Neralversan
AL- Kiel, 13. Jan. (Vom Kieler Ui»?gelzuchtvere
schlag.) Da der eigentliche Hauptgeldtêà Hiern
des Umschlages, der 12. Januar, in dieses rebhuhnst
Jahre auf einen Sonntag fällt, so wurde»? Durchschiff
die größeren Geschäfte meistens am Sonn-^ Eier, n
abend abgewickelt. Soweit sich bis jeE^uzungshüh
übersehen läßt, sind alle Zinsen promp-ü^chschnift z
bezahlt und zwar, wie es immer mehF °er ^
Sitte wird, schon vor den eigentlichşUzungshâ
Zahltagen. Geld für erste Hypotheke^fern wie di
wurde genügend angeboten, im DurchschniŞheil, welcku
zu 4%. Der Grund hierfür ist in' de'^r haben, c
Abneigung des Publikums gegen industriellem obengem
Werthe zu suchen, die durch die bekannte»^ Zweiter
Vorkommnisse des vergangenen Jahre^ründet wo
stark diskreditirt sind. Weiter zurückstehende s Nindor
Hauspöste mögen im Bereiche der Stadls Luhnstedi
in einzelnen Fällen ungedeckt geblieben,^ den Fede
sein, was als eine Folge der umfang-V». Der ^
reichen Bauthätigkeit der letzten Zeit an-^schine bun
zusehen ist. Von Zahlungsschwierigkeiten? einen >
in den ländlichen Distrikten ist nicbts bersten. Der
kannt geworden. Verkäufe ländlicher Be^rmals ere
sitzungen sind im diesjährigen Umschlaê^n, daß di
nicht abgeschlossen. ). und dah,
Angeln, 10. Jan. In unserer Land- ^e Schwm
schüft mehren sich in letzter Zeit die Eiá'? Jcvenst
bruchsdiebstähle in bedenklicher Arischer I. £
Da die Art und Weise der Einbrüche iift^gen Nach
allen Fällen fast dieselbe ist, schließt man,>?hl twrü
daß die Diebstähle stets von derselbe»^ dabei I
Person ausgeführt werden. Glücklicher-, ^ Thäter
weise ist die Beute bislang stets einC, einen Sch
geringfügige gewesen. Pom Bahnbau he>? damit di«
treiben sich hier noch Vagabonden umher,, ^ erschloss«
auf welche die Diebstähle wohl zurückzu-,>. selben di
führen sind.. "^unbekan,
X Friedrich,ladt, 10. Jan. Der Land-ä Aus
mann Henning Hollmer aus S ü d e r 'iļ r~ a ïgfelb
stapel, welcher sich eine Landstellc
Toftlund kaufte, hat gestern seinen 9^3^^
Süderstapel Gelegenen Besitz an ein^ Kbniß ^
Herrn Thöming aus Hamdorf für 38 3
Mk. verkauft. Außer den Wirthschafts- In Kell
gebäuden sind die Ländereien ca. 17 ha,(Leiber, de
das Inventar und der größte Theil des^?rn Rolfs
Viehstapels in der Kaufsummc enthalten-,.!^^ņen Le
Thöming tritt den Besitz in den nächstens an, daß
Tagen an und wird denselben verparzelliren^^ Remonter
— Herr Amtsvorsteher Mertens im be-ki?s nehme
nachbarten Koldenbüttel, feiert am 17. d. Wi
sein ' 25jähriges Jubiläum als Lehnsmann, rn und
der Gemeinde. — Anfang Februar findet- ereilen Io
Hierselbst in der Centralhalle ein Concerts, Einlösuni
der hier so beliebten Kapelle des Jnf.-^ fehle u
Regis. No. 85 m Rendsburg unter Leitung,?şdenen -
des Herrn Kapellineisters Bartelt statt. verschw
X Friedrichstadt, 12. Jan. Da in denĢrde bli
letzten Jahren wiederholt unsere großen^ ^vnd Hut
Pferdemärkte mit anderen Märkten, nament- Ģhre alt
uch mit Husum collidirten, hatte die Stadt-2ft^ Rendsb
Vertretung den Antrag beim Provinzial- ^^^anuar !
Rath eingebracht, den sonst am 22./2S u rg e r
Juli stattfindenden Markt auf den Donnerstag der let
nach dem 20. Juli, festzulegen. In dckw Äacfye c
gestrigen Sitzung des Stadtverordneten-S«cJ 4, %bt'
Collegiums wurde die vom Provinzial-Rathbeft^>Neister
genehmigte Aenderung bekannt ‘ gegeben-r«'-^risch^
Die Entscheidung über die Verlegung desftf ' Zur Ver
Oktober-Marktes steht noch aus. In del^^en ist
Sitzung wurde alsdann der Stadthausbal-ļ>ej?Se —
tungsplan berathen. Die Einkommen-k!..? A
und Gewerbesteuer sollen die frühere Höh^st^tung
von 120 J / o behalten. — Auf der von dc^stcz (uit
hiesigen Pächter der Bergenhusener Jaişikàz ^lt.
vorgestern abgehaltenen Treibjagd wurdck^ih^ ^"wa
33 Hasen erlegt. — In dersGaftwirthschal
„Buttermilchskrug" in Schlichting (Nordc^ îi,
dithmarschen) kam es vorgestern zwischşi>tì,
jungen Leuten zu einem Streit, der na<v‘
her auf der Straße fortgesetzt wurd^ ^
Hierbei wurde Fräulein Louise Sachö-s, “ Wer
der Wirthschaft verbleiben mußte.
aus Nordfeld von einem jungen Mann ^"igl.
die Schulter gestochen, so daß sie dort ^ ì,Wanè
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