Jahrgang.
43p«
M 45.
Mittwoch, den 5. Juni.
4850.
Tngesgeschrchte.
r:ri-
Î? * rt u ¥ 1* c t ch.
Paris, den 29. Mai. Das „Bulletin von Paris"
berichtet von einer Concentration der Seemacht Ruß
lands, Frankreichs und Oesterreichs, besonders um den
Maßregeln Palmerstons gegen Neapel, welche Jener
zur Unterstützung der englischen Forderungen an die
ses Reich zu ergreifen vorhabe, entgegenzutreten.
Uebrigens will das „Bulletin" auch von bedeutenden
Rüstungen der englischen Regierung, welche die Ma
rine auf den Kriegsfuß setze, wissen, während in eng
lischen Blättern hierüber nichts zu lesen ist.
Die Frau des Dichters Herwegh und ein russi
scher Demokrat sind von hier ausgewiesen.
Der „K. Z." wird aus Straßburg vom 27.
Mai geschrieben: Der Elsaß ist jetzt von'etwa 25—
30,000 Mann Militär besetzt. Auch das Mosel-
Departement wird Verstärkungen erhalten, sobald die
Bejatzung in Paris einigermaßen vermindert werden
kann. Die Nachricht, daß in der Gegend von Bel
fort ein Lager gebildet werde, gewinnt mehr und
mehr an Haltbarkeit. Diese Woche noch wird der
ehemalige Minister und jetzige Director der Paris-
Straßburger Eisenbahn, Herr Jahr, dahier erwartet,
um ein endgültiges Gutachten über den Betrieb der
ersten Abtheilungen bis Saarburg und den Bau des
Bahnhofes dahier, für welchen nicht weniger als
3,400,000 Fr. beansprucht werden, abzugeben. Auf
fallend stark ist seit einiger Zeit die Zahl der deut
schen Ausreißer, namentlich der baierischen, welche
hieher kommen und sich für die Fremden-Legion an
werben lassen. Der Conscriptionshandcl wird dieses
Jahr weit schwunghafter denn je betrieben. Dieses
schmachvolle Gewerbe wird hoffentlich nicht lange
mehr dauern, denn cs wirkt im höchsten Grade er-
sittlichend auf die Armee.
Schwer z.
Zürich, den 23. Mai. I» Einsiedeln ist eine
lahme Frau durch Anhörung einer Messe Plötzlich
wieder gehend geworden. Unermeßlicher Spektakel!
Um aber ganz sicher zu gehen, daß hier wirklich ein
Mirakel vorgefallen ist, hat man die Person einst
weilen in Gewahrsam genominen und an ihre Hci-
wathsbehörden im Elsaß geschrieben um Attestate,
ob die Frau auch wirklich vorher lahm gewesen ist.
»t u c in (t r k.
Kopenhagen, den 28. Mai. Vor dem Schluffe
des Monats wird nun Alles zum Einmarsch in
Schleswig vorbereitet sein, und daß es dazu kommt,
wenngleich man sich auf den Seperatfrieden mit
Preußen nicht eingelassen, daran zweifelt man hier,
>m Vertrauen auf die Zusicherungen der übrigen
Großmächte, nicht. Zugleich aber spricht man von
einer vorhergehenden Proclamation dcs Königs-Her-
jvgs an seine Unterthanen in Schleswig und Hol
stein als letztes Wort. Man fühlt und wünscht, daß
es zur endlichen Entscheidung kommen müsse.
General Krogh, der das Oberkommando
erhalten hat, ist zur Armee abgegangen, wie
„Flyvepost" mittheilt.
— Die Flensburger Korrespondenz der „Flyvepost"
bringt, außer Geschichte» über dänische Stimmung
des Heeres, der Stadt Schleswig rc., die Geschichte,
daß der bekannte Berräther und Aufruhrknecht Schiffer
Johansen in Flensburg mit dem Dannebrog in Stettin
àtzksegelt sei, weil die erbitterte Stimmung der
Stettiner gegen die Schleswig-Holsteiner ihn dazu
genöthigt! Auch warnt sic von Neuem gegen Con-
ferenzrath Dumreicher, der in die neue Stattl,alter-
lchaft zu kommen hoffe.
Deutschland.
. Berlin, den 29. Mai. Der „Staatsanzeiqer"
bringt folgenden Artikel: Dem Vernehmen nach sind
neuerdings in Neuenburg Domainen -Parzelen und
zum Kirchengut gehörige Grundstücke, für deren recht
mäßige Veräußerung nach den Gesetzen die Zustim
mung und Mitwirkung der fürstlichen Regierung er
forderlich ist, zum Verkaufe gestellt worden. Mit
Beziehung hierauf spricht ein heute an den könig
lichen Gesandten bei der schweizerischen Eidgenossen-
schafl gerichteter Ministerial-Erlaß aus, daß die durch
die revolutionären Machthaber bereits bewirkten oder
ll0 $ i, u bewirkenden Veräußerungen von Staats-
und Klrchengut dereinst die Genehmigung der recht
mäßigen Obrigkeit nicht erhalten werden.
Die Cocarden-Frage beim Militair scheint immer
noch nicht erledigt. Es wird aus Braunsberg in
der Provinz Preußen derichicl, daß das dortige Ja-
gerdetachement die deutschenCocarden von den Hel
men habe abnehmen müssen.
Zu den großen am 18. Juni beginnenden drei
tägigen Feierlichkeiten der Grundsteinlegung des Na-
tionaldenkmals für die gefallenen Soldaten im Jn-
validenpark sollen auch die Gewerke mit ihren Fahnen,
Emblemen rc. eingeladen werden. Man fürchtet in
deß, daß dies zu vielen politischen Reibungen Ver
anlassung geben wird.
Die Befehle zur Mobilmachung des Gardekorps
imd heute ausgefertigt worden.
~ ®1 c „Constit. Ztg." schreibt aus Berlin:
Die dänischen Friedensunterhandlungen werden, dem
Vernehmen nach, bis zur Rückkehr des Prinzen von
Preußen ruhen.
Berlin, den 29. Mai. Es ist vielfach von
Londoner Conferenzen in deutschen Blättern die Rede
gewesen, und je weniger die Schreiber über den
Gegenstand wußten, desto mehr haben sie über den
selben gefabelt. Am 5. Mai machte der russische
Gesandte Lord Palmerston einige Eröffnungen dar
über, wie es vielleicht wünschenswert^ sei, die schles-
wig-holsteinische Frage zu ordnen; das übergebene
Memone betraf wesentlich die Feststellung der In
tegrität der dänischen Monarchie. In Folge dieses
Memoires fanden verschiedentliche Gespräche zwischen
Lorch Palmerston, dem russischen und dein französische:,
Gesandten statt, welche diese Sache zum Gegenstand
hatten, in welchen sich aber nur insofern eine Ueber
einstimmung zeigte, als man fühlte, daß ohne die
Hinzuziehung Oestreichs und vor Allem Preußens
abgemacht nŞ>en könne. Schon ehe der fran-
zojlsche Gesandte London verließ, waren diese Ge-
'şişş aufgegeben, und es ist nicht einmal zu dem
Sejchluffe gekommen, Oesterreich und Preußen zu
irgend einer Erklärung oder Handlungsweise einzu
laden. Nach der Abreise des französischen Gesandten
konnte natürlich nicht mehr über jenen Gegenstand
ernstliche Bcredung stattfinden. Dies sind die viel
besprochenen sogenannten Londoner Conferenzen! Sollte
es Rußlands Absicht sein, die Integrität der däni-
chen Monarchie auf Kosten der Legitimität europäisch
feststellen zu lassen, so wird hoffentlich eine Ueber
einstimmung an dem Widerspruche jedenfalls der bei
den deutschen Mächte (oder sollte es nur noch Eine
geben?), und ihre Verwirklichung an dem besonnene»,
eventuell bewaffneten Widerstande des betreffenden
Landes scheitern. Belgien's Geschichte wird vermuth
lich in den Herzogthümern zum Muster genommen
ìņrden. Belgien wies mehr als Ein Protocoll der
fünf Mächte zurück und ließ es ruhig auf die Aus
führung desselben ankommen. Dieselbe blieb denn
auch jedesmal aus. — Wir wissen, daß speciell Lor-
Palmerston m jenen Gesprächen auf die beiden von
uns hervorgehobenen Schwierigkeiten aufmerksam ae-
macht hat. ( J g f
Berlin, den 30. Mai. In einem Briefe „vom
Alsener Sunde," der aus den „Hamb. Nachr." u. A
auch in die „Deutsche Reichsztg." übergegangen ist
wird die Frage aufgeworfen, 'ob nicht Siner ÎS ge
heimen Artikel zur Waffenstillstandsconvention von,
10 juli v. I. den Dänen ausdrücklich freigegeben
habe, die Schanzen zu zerstören. Die Seelenruhe
mit welcher die preußische Regierung die Zerstörung
der Düppeler Schanzen und neuerdings einen ähn
lichen Bruch dcs Waffenstillstandes mit ansah, macht
es um jo nothwendiger, jene Frage zu erledigen, da
die geheimen Artikel, wie ich schon einmal airgedeutet,
das Beste an dem ganzen Vertrage sind und Däne
mark mehr Ursache hatte, sie zu verschweigen, als
Preußen I», ersten dieser Artikel verpflichtet sich
Dänemark, das Herzogthum Holstein ungefährdet zu
lassen und ,m Kampfe mit Schleswig keiner fremden
Intervention sich zu bedienen, dagegen Preußen ver
pflichtet jlch, be, ausbrechendem Kriege zwischen Schles
wig und Dänemark seine Officiere zurückzuberufen
und die Rechte des deutschen Bundes in Holstein
wahrzunehmen. Der zweite Artikel bestimmt daß
Kr die Dauer der Conventivn die holsteinischen
Schiffe unter deutscher Flagge fahren dürften. Ge
mäß dem dritten Artikel, der von Wichtigkeit werden
konnte, wenn Baiern mit seiner Nichtanerkennung
des Waffenstillstandes nicht bloß ein Spiel trieb und
wenn der Reichsvcrweser sich der Herzogthümer an
nehmen wollte, hinderte das Verbleiben von 3000 M
Reichstruppen die Geltung des Vertrages nicht; eine
jede größere Anzahl machte denselben nichtig. Im
Artikel 4 ist der Landesverwaltung die Residenz an
gewiesen. Endlich der fünfte uild letzte der geheimen
Artikel betrifft den Herzog von Augustenburg. Das
ist der wesentliche Inhalt der geheimen Artikel. Ueber
den ersten war bereits genug transpirirt; die vier
übrigen |mb entweder antiquirt oder ohne Bedeutung
Es geht aber daraus hervor, daß Preußen in An
sehung der Schanzen ebensowenig eine schimpfliche
Verabredung eingegangen ist, wie mit Bezug auf die
Geflon. . fh à)
Berlin, vom 30. Mai. Ein dunkles, seit ge
stern umlaufendes Gerücht will von militärischen
Mitschuldigen des Sefeloge wissen, welchen die wei-
tere Untersuchung bereits auf die Spur gekommen
sei. Damit hängt vielleicht ein anderes Gerücht zu-
saminen, daß eine Special-Commission eingesetzt wer
den solle, um die fernere Untersuchung zu leiten,
deren Umfang die Kräfte des einzelnen Untersuchungs
richters bereits zu überwiegen anfange. Gewiß ist
daß die auf dem Polizeipräsidium dazu angewiesenen
Personen,, um Mittheilungen über die Verhältnisse
und die frühere Lebensweije des Sefeloge entgegen
zu nehmen, bereis in Besitz eines massenhaften Ma
terials gelangt sind. In wie weit dabei Wahrheit
und Dichtung durcheinander laufen, wird erst freilich
die weitere Untersuchung herausstellen.
Bei der in dem Zimmer des Sefeloge gehaltenen
Nachsuchung wurde eine Quantität von etwa einem
halben Pfund Pulver in einem Pulverhorn, eine
Quantität Blei, eine bis zur Hälfte geladene Pistole
von überaus grobem Kaliber und 10 Schießscheiben
ganz eigenthümlicher Construction gefunden Es sind
diese nämlich etwa 20 Zoll lang, und in der Breite
des menschlichen Körpers. In der Mitte, wo der
Brustknochen sich befindet, wenn man annimmt, daß
die Scheibe die menschliche Brust darstelle» soll, ist
ein dicker, von oben bis nach unten gehender Strich,
von dem nach beiden Seiten hin dünnere Linien in
der Lage der Rippen gehen. Alle diese Scheiben
sind durchschossen, und zwar finden sich hst meisten