Full text: Newspaper volume (1922, Bd. 1)

Die sächsische Regierung 
verlangt Getzlers Rücktritt. 
Dresden, 28. Juni. Heute veranstaltete der 
sächsische Landtag eine Trauerkundgcbung für Ra 
thenau. Bevor aber Präsident Fräsdorf seine An 
sprache beginnen konnte, forderten die Kommuni 
sten und Mehrheitssozialisten stürmisch, daß der 
Erste Vizepräsident Dr. Wagner (Dntl.) und der 
Zweite Vizepräsident Dünger (D. Vp.) den Sitz 
ungssaal verlassen sollten. Da beide das ablehn 
ten, verstärkte sich der Lärm. Sämtliche sozialisti 
schen Parteien verließen geschlossen den Sitzungs 
saal. Darauf fand in Anwesenheit der bürger 
lichen Parteien die Kundgebung statt. Präsident 
Fräsdorf würdigte den ermordeten Reichsminister. 
Der Landtag vertagte sich für die Dauer von einer 
Stunde zum Zeichen der Trauer. 
Dresden, 38. Juni. Nachdem die Abgeordneten der 
sozialistischen Regierungsparteien den Sitzungssaal vcr- 
lasien batten, veranstalteten sie im Sitzungssaal der 
früheren ersten Ständekammer eine besondere Traucr- 
ieier mit der Arbeiterpartei für Ratbenau. Nachdem 
Wirth (Soz.) zum Präsidenten gewühlt war, ergriff 
Landtagspräsident Fräsdori auch in dieser Versamm 
lung das Wort, llm die Republik zu sichern, müsse 
vorübergehend mit Ausnahmegesetzen gearbeitet wer 
den. In unabsehbarer Zeit würden voraussichtlich die 
Wähler zu entscheide» haben. Mit einem Hoch aus die 
Republik schloß diese Sondcrtrauerteier. 
Zn der Rachmittagssitzung des Landtages verlas 
Innenminister Lipinski eine Regierungserklärung, in 
der die Teilnahme der sächsischen Reigerung anläßlich 
der Ermordung Rathenaus ausgedrückt wird. Mit der 
Reichsregierung sei auch die sächsische Regierung der 
Auffassung, daß der Mord wohlvorbercitet und überlegt 
ausgeführt wurde. Die Mordbubcn wurden durch 
weitverzweigte Organisationen gestützt und gedeckt, die 
alle mit der Deutschnationalen Volkspartei zusammen 
hingen. Die sächsische Regierung babe alles getan, um 
Ruhe und Ordnung auirechtzuerbalten, und alle natio 
nalistischen Kundgebungen verboten. Sie habe darüber 
hinaus in einer Protestnote an die Reichsregierung 
darauf hingewiesen, daß die Reichswehr die monarchi 
stische Agitation durch das Stellen geschlossener Forma 
tionen zu Regimentsfeiern begünstige, und daß dies 
vom Reichswebrminister angeordnet wurde, ohne die 
vorherige Kenntnis der sächsischen Regierung. Sie mache 
darauf aufmerksam, daß die Reichswehr trotz des Mor 
des keine Dorbeugungsmatzregeln getroffen habe, und 
verlange, daß die Demonstrationen der Reichswehr bei 
Regimcntsfeiern und die Agitation hierfür verboten 
würden. Die sächsische Regierung halte es für geboten, 
daß durch einen. Wechsel in der Person des Reichswehr- 
ministers die Voraussetzung dafür geschaffen sei, daß 
die Reichswehr ein Mittel zum Schutze der Republik 
werde. 
Ausschreitungen. 
Darmstadt, 28. Juni. Ausschreitungen kamen hier 
vor. Die Menge drang in die Wohnungen der Ab 
geordneten der Deutschen Dolkspartei, Dingeldey und 
Dr. O. Sann ein und zertrümmerte dort die Woh 
nungseinrichtungen. Dingeldey wurde schwer verletzt. 
Auch Sann wurde mißhandelt. Dann drang die 
Menge in die Redaktion der Hessischen Landeszeitung 
ein, zerschlug Türen- und Fensterscheiben, demolierte 
das Mobiliar und warf Zeitungen und Manuskripte 
auf die Straße. Auch in der Redaktion des Täglichen 
Anzeigers sind sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen, 
das Mobiliar zerstört, und die Zeitungen auf die 
Straße geworfen worden. Gegen 7 Uhr abends schritt 
die Polizei ein. Sie feuerte nach einigen blinden 
Schüssen scharf auf die Menge, worauf diese ausein- 
andcrstob. Es joll bei den Zufammenstößen drei Tote 
und etwa 25 Berwundete gegeben haben. 
Weiter wird gemeldet: Der schwerverletzte 
Abgeordnete Dingeldey befindet sich auf dem Wege 
der Besserung. O. Sann konnte sich retten. Die 
Wohnungen der Abgeordneten wurden völlig ver 
wüstet und ausgeplündert. Auch die Räume der 
„Hessischen Landeszeitung" bieten ein Bild der 
Verwüstung. Beim „Täglichen Anzeiger" wurden 
auch die Maschinen stark beschädigt. Rach einer 
Mitteilung der Polizeibehörde ist bei den gestrigen 
llnruhen eine Person umgekommen. 
TU. Frankfurt a. M., 2g. Juni. (Eig. Draht 
bericht.) Ueber die Lage in Darmstadt berichten die 
„Frankfurter Nachrichten": Der Abgeordnete Din 
geldcy wurde von der tobenden Menge nach dem 
Marktplatz geschleppt, wo er gelyncht werden sollte 
Im letzten Augenblick gelang cs Schutzleuten, ihn 
in Sicherheit zu bringen. Doch muhte er gleich in 
einem Krankenwagen, in dem sich ein sozialdemo 
kratischcr Führer befand, ins Krankenhaus gebracht 
werden. Der Schaden beläuft sich auf 10 M'-llio 
nen Mark. In der Sitzung des Landtages erklär 
len die Abgeordneten der Deutschen Volkspartri 
daß sie nickt mit der Regierung weiter zusammen 
arbeiten könnten, wenn nicht den Geschädigten 
volle Genugtuung gegeben würde. Sie verliehen 
daraus den Sitzungssaal. 
WTB. Loeban (Sachsen), 28. Juni. Bei den 
gestrigen Kundgebungen anläßlich der Ermordung 
Rathenaus kam es hier zu Ausschreitungen. Die 
demonstrierende Menge drang in das Grundstück 
des „Sächsischen Postillon" und suchte den Verleger 
und verantwortlichen Schriftleiter Witte, den sie 
schließlich auch ausfindig machte. Als Witte einen 
Schreckschuß abgab, fiel die Menge über ihn her 
wobei Witte eine Kopfverletzung davontrug. W 
wurde dann auf einem Wagen durch die Straßen 
gefahren, bis er im Amtsgericht Aufnahme fand. 
Braunschweig, 28. Juni. Den von den beiden 
sozialistischen Parteien und den Kommunisten 
gestern nachmittag anläßlich der Ermordung Ra 
thenaus veranstalteten Kundgebungen sind am 
Abend Ausschreitungen gefolgt. Einige hundert 
junge Leute, vor allem die kommunistische Jugend 
und andere Kommunisten, marschierten zum Kreis- 
gefönFnis, wo eine Anzahl junger Leute in die 
Wohnung des Gefängnisinfpcktors eindrang und 
die Herausgabe der Schlüssel zur Ocffnung der 
Zellen verlangte. Als dies verweigert wurde, ver 
achte mau gewaltsam die Tore des Gefängnisses 
zu öffnen. Zahlreiche Personen kletterten über 
die Gefängnismauer und richteten im Garten des 
Inspektors yrohc Verwüstungen an. Schließlich 
brachte die Menge den im Gefängnis untergebrach 
ten politischen Gefangenen, die den Kommunisten 
nahestanden, durch Singen revolutionärer Lieder 
Kundgebungen dar. Unter Drvhungen auf bal- 
digeWiederkehr zerstreute sich dann die Menge. 
Die für heute nachizrittag von den Gewerkschaften 
hier anberaumten Kundgebungen gegen den Le- 
bensmittelwuchcr sind abgesagt worden. 
Ueber weitere Zwischenfälle wird gemeldet: 
Frankfurt a. M., 28. Juni. Der „Frankfurter 
Zeitung" zufolge besetzten heute früh Ausständige 
die Fabrikeingänge der wegen Streiks der Tech 
niker und Werkmeister stillgelegten Adlcrwerke und 
nahmen eine drohende Haltung an. Der kauf 
männische Direktor Wiegand flüchtete mit seinen 
Kollegen über einen Bretterzaun. Er erlitt hier 
bei einen Herzschlag und brach tot zusammen. Wie 
gand war seit 30 Jahren bei den Adlerwerken 
tätig. 
Heidelberg, 28. Juni. Hier ereignete sich ge 
stern nachmittag ein Zwischenfall, als der Nobel 
preisträger Geheimrat Lenard gegen die Anord 
nung des Direktors im Radiologifchen Institut der 
Universität feine Borlefung hielt. Andringende 
Arbeiter wurden durch Hydranten bespritzt und 
von Studenten mit Steinen beworfen. Als Lenard 
nebst einigen Studenten verhaftet war, drängten 
ihnen Arbeiter über die Reuenheimcr-Brücke nach 
und drohten sic in den Neckar zu werfen. Tie Ver 
hafteten wurden in das Eewerkfchaftshaus und 
dann ins Gerichtsgefängnis gebracht. Erst gegen 
10 Uhr abends verlief sich die Menge vor dem 
Gefängnistor. 
Die Forderungen 
der sozialistischen Parteien und 
Gewerkschaften. 
Ein Appell an die Arbeiterparteien des Auslandes. 
Berlin, 28. Juni. In einer Sonderausgabe ver 
öffentlicht der „Vorwärts" die Forderungen, welche die 
drei sozialistischen Parteien gemeinsam mit dem Vor 
stand des Allgemeinen Deutschen Gewcrlschaftsbnndcs 
mrd dem Afa-Bund an die Reichsregierung und den 
Reichstag richteten. Danach soll das Gesetz zum Schutze 
der Republik u. a. entbalten: Sofortiges Verbot und 
strenge Bestrafung jeder monarchistischen oder anti- 
rcvublikanischen Agitation in Wort, Bild und Schrift, 
Verbot u. sofortige Auslösung der antirepublikanischcn 
Verbindungen, Berbot der monarchistischen Fahnen und 
Farben, sofortige Beseitigung aller monarchistischen 
Embleme in den öffentlichen Gebäuden und Anstalten, 
Bestrafung jedes Angriffes in Tat, Wort und Schritt 
auf die republikanischen Farben und Fahnen, strenge 
Vorschriften zur Säuberung der Regierungsstellen und 
Behörden einschließlich der Gerichte und Reichswehr 
von allen monarchistischen oder antircvnblikanischen 
Elementen, Verbot des Waüentragcns außerhalb des 
Dienstes, Verbot des Uniformtragcns für ehemalige 
Offiziere, llnterfagung weiterer Ernennungen rum 
Reserveoffizier, Einsetzung eines außerordentlichen Ge 
richtshofes in Berlin, Schaffung einer Reichsexekutive, 
insbesondere einer Rcichskriminalpolizei. Die Gel 
tungsdauer des Gesetzes soll zunächst auf mindestens 2 
Iabre ieftgesetzt werden. Ferner wird gefordert: So 
fortige Amnestie für alle wegen politischer Vergehen 
Verurteilten, Amnestie auch für die anläßlich des Ei- 
senbahnerstreiks zur Verantwortung Gezogenen. Fer 
ner fordert die Erklärung von den Gewerkschaften und 
Arbeiterparteien des Auslandes starke Einwirkung auf 
ihre Regierungen in der Richtung, daß die Entente von 
ihrer Gewaltpolitik gegen das deutsche Voll, die den 
Nationalisten mrd Monarchisten immer neuen Agila- 
tionsstoii liefere, endlich ablasse. 
Inland. 
Berlin, 28. Juni. Selbstmordversuch des 
Fraucnmörücrs Erohmann. Im Untersuchungs 
gefängnis in Moabit suchte sich der Frauenmörder 
Karl Erohmann in der Nacht zum Mittwoch zu 
erhängen, nachdem er die Fenster seiner Zelle mit 
Zeitungspapier verklebt hatte. Er wurde aber 
noch rechtzeitig daran verhindert. 
Neueste NacheichLsu. 
ReichZtÄg§KLîfl8şiņg 
Wegen der Differenzen bezüglich 
der GetreiöenmlKge? 
T.-U. Berlin, 2». Juni. (Eig. Drahtbericht.) 
Heute kommt im Reichstag die Regierungsvorlage 
über die Getreideumlage zur zweiten Lesung, ohne 
dah es bis jetzt gelungen ist, eine Einigung zu er 
zielen. Zwischen den Forderungen der Sozialdemo 
kratie und dem Standpunkt der bürgerlichen Koa- 
litiansparteien klafft bis heute ein großer Gegen 
satz. Die Sozialdemokratie besteht daraus, dah der 
Roggenpreis nicht höher als auf 0390 Mark pro 
Tonne und'der Weizenpreis nicht über 6809 Mark 
festgesetzt wird. Die Bürgerlichen wollen noch be 
stenfalls einen Roggenpreis von 7699 Mark zuge 
stehen. Mit der dadurch entstandenen Situation 
beschäftigte sich die sozialdemokratische Reichstags 
fraktion gestern abend. In einer Sitzung, die sich 
bis in die späten Abendstunden hinzog, wurde der 
Meinung Ausdruck gegeben, daß eftie EiniWng 
nickt mehr zu erzielen sei, und daß die Ncichetags- 
auflöfung damit unabwendbar geworden sei. 
Außerdem heksii es: "W * *• ~ 
Berlin, 28. Juni. Das Kompromiß in der Ge- 
treideumlagc ist einstweilen wieder zerschlagen: die 
Sozialdemokraten verlangen die Begrenzung der von 
der Umlage befreiten landwirtfchaitlichen Fläche auf 
V/~, Hektar. 
TU. Berlin, 29. Juni. (Eig. Drahtbericht.) 
Der Reichskanzler hat gestern die Parteiführer 
empfangen, um die Vorlagen zu besprechen, die 
jetzt im Vordergrund des politischen Interesses 
stehen, nämlich über die Getreideumlage und den 
Gesetzentwurf zum Schutze der Republik. In der 
Besprechung der Parteiführer beim Reichskanzler 
haben sich die Gegensätze betreffend der Getreide- 
umlage nicht überbrücken lassen. Die Fraktion der 
sozialdemokratischen Partei erklärte, die Forderun 
gen der Gegenseite unter keinen Umständet« bewilli 
gen zu können, da sie diese vor der Arbeiterschaft 
nicht verantworten könne. Zentrum und Demokra 
ten wollen in neue Besprechungen mit der Deut 
schen Volkspartci eintreten. Für heute nachmittag 
ist eine interfraktionelle Besprechung angesetzt. 
Das schwere Ringbahn-Unglück 
in Rerlin. 
TU. Berlin. 29. Juni. (Eig. Drahtbericht.) 
Das Unglück auf der Nordringbahn bei der Schön 
hauser Allee fordert immer mehr Todesopfer, da 
fortgesetzt aus den Krankenhäusern Nachrichten 
vom Tod Schwerverletzter einlaufen. Bisher waren 
29 Tote und 47 Schwerverletzte gemeldet. Nach 
Äsn letzten Meldungen beläuft sich die Zahl der 
Toten auf 10 und de Zahl der Schwerverwundeten 
auf 38. Die Eifenbahnbehörde ist gemeinsam mit 
der Polizei am Werke, die Ursachen der Kata 
strophe festzustellen. 
Die dänische Militäivorlage. 
Kopenhagen, 28. Juni. Es verlautet, daß 
zwischen der Regierungspartei und den Konserva 
tiven in der Frage der Militärvorlagen eine Ei 
nigung erzielt worden ist. Der. eingesetzte Aus 
schuß wird die Beratung der Vorlagen wahrschein 
lich in allernächster Zeit beenden. Wie „Politiken" 
meldet, soll die Regierungspartei einer Verstär 
kung des Heeres auf 90 009 bis 100 000 Mann zu 
gestimmt haben. Bisher schlug sie ein stehendes 
Heer von nur 60 000 Mann vor. Auch die Flotte 
oll verstärkt werden. In einem Leitartikel wen 
det sich „Politiken" sehr scharf gegen diese neuen 
Vorschläge, da sie anstelle einer gleichen und neu 
tralen Verteilung der dänischen Heeresmacht eine 
Lösung vorschlagen, die das Hauptgewicht für die 
Landesverteidigung an die Südgrenze verlege und 
den Stachel gegen Deutschland wende, indem man 
von der unneutralen Vorstellung ausgehe, daß die 
Entente dazu berufen sei, Dänemark zu helfen, 
wenn dessen Neutralität angetastet werden sollte. 
Heftige Rümpfe in Dublin. 
London, 28. Juni. In Dublin wird heftig ge 
kämpft. Die Truppen des Freistaates haben auf 
das Hauptquartier der Aufständischen, die Four 
Torts, einen Angriff mit Mörsern und Sqneli- 
s.uergcschützen unternommen. Die Aufständischen 
haben das Feuer erwidert. Es soll viele Tote und 
Verwundete gegeben haben. Das Resultat des 
Kampfes ist noch unbekannt. Die Regierung des 
Freistaats hat die Nachrichtcnzensur eingeführt. 
Die Teuer ungszulagen an 
Beamte. 
WTV. Berlin, 28. Juni. Im Hausholtsausfchutz 
des Reichstages stand heute die Regierungsvorlage 
über die mit den Gewerkschaften vereinbarten Teue 
rungszulagen zur Beratung, wonach ab 1. Juni zum 
Grundgehalt, Diäten- und Ortszuschlog. soweit diese 
Bezüge den Betrag von insgesamt ly Mi JL nicht 
übersteigen, 160 Pro;., im übrigen 105 Pro», als 
Teuerungszuschlag bezahlt werden. Zu den Kinderzu 
schlägen wird eine Teuerungszulage von 105 Praz. ge 
währt. F 6, der für Vorschnhleistung dem Reichsfinanz 
minister bis zu 100 Millionen zur Verfügung stellt, 
wurde vom Ausschuß angenommen, ebenso § 4, der er 
klärt, daß das Gesetz mit dem auf seine Verkündigung 
folgenden Tage in Kraft tritt. Damit soll die Reichs 
regierung in die Lage versetzt werden, die Auszahlung 
der Mehrbeträge mit größter Beschleunigung vorneh 
men zu können. — Zum Schluß wurden die Richt 
linien'über die Gewährung von Kinderbeihilfen in ge 
setzlich nicht geregelten Fällen gemäß den Vorschlägen 
der Reichsregierung bewilligt. Hiernach kann im Falle 
des Bedürfnisses auf Antrag allen Reichsbeamten und 
Soldaten eine widerrufliche Beihilfe für Kinder vom 
vollendeten 21. bis zum 24. Lebensjahre bewilligt 
werden, wenn sie sich noch in der Ausbildung für ihren 
Lcbcnsberuf befinden, und wenn sie nicht ein eigenes 
Einkommen von wehr als 4000 ,M jährlich haben. 
Alarcheit unö watzrheU 
marschieren. 
T.-U. London, 29. Juni. (Gig. Drahtericht.) 
Reuter meldet: Aus der Konferenz der Arbeiter 
partei in Edinburgh wurde der Verwaltung der 
Partei eine Resolution übermittelt, in der erklärt 
wird, daß der heutige Zustand der Politik dem 
Obersten Rat zu verdanken sei. Die Resolution 
fordert die sofortige Abänderung des Derjailler 
Vertrages, Einschränkung der Reparationsoer- 
pflichtungen Deutschlands zum Wiederaufbau der 
verwüsteten Gebiete und Anerkennung der russi 
schen Sowjctregierung. 
Die meisten englischen Blätter ziehen es vor. diese 
bedeutsame Kundgebung, di« den Deiiall aller Rer- 
sammlungsteilnrbmer fand, zu unterdrücke«. 
MMerîât 
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Mann. den 29. Juni 1922 
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2. sonst, vollsteischige 30X0—33X0 
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1. vollst, höchst. SchlachimeNe 30.00 —33.00 
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Schafe. 
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2. a Wcidemast —— .— 
b Siallmasi 24.00-30.00 
3' gering genährte Schafe 12.00— 20.OH 
' Zufuhr: 1263 Rinder, darunter 284 Ochsen, 112 
Färsen, 263 Bullen, 601 Kühe, 1703 Schafe. _ Das Ge 
schäft mit Rindern verlief rege, mit Schafen ruhig. 
343 Rinder sind bereits ain 28. verkauft worden. 
Doüarkurs am 29.Juni. vormittags. 
Hamburg 360—362 y 
Schleswig-Holstein. 
Drei preußische Rein 
in der GL'sß-Hambnral-Zrage. 
Berlin, 28. Juni. Der preußische Ministerpräsi 
dent Braun hat an den 1. Bürgermeister Dr. Diestcl 
in Hamburg unterm 23. Juni ein Schreiben gerichtet, 
in dem es heißt: 
„Die Hamburger Unterhändler in der Angelegen 
heit einer Abtretung preußischen Gebiets an die Freie 
und Hansestadt Hamburg haben in den letzten Zusam 
menkünften mit den preußischen Unterhändlern am 19. 
ds. Mts. am Schluß der Verhandlungen diesen letzte 
ren folgende drei Fragen vorgelegt: 
1. Kann Hamburg darauf rechnen, daß *as von 
der Gliederungskommifsion vorgeschlagene Gebiet zwi 
schen Norder- und Süderelbc an Hamburg vorbehält-^ 
los abgetreten wird, wenn Hamburg dagegen Moor 
burg an Preußen abtritt? 
2. Will Preußen den sog. Gecstrücken zwischen 
Schiffbek und Bcrgedorf an Hamburg abtreten, ohne 
Gegenleistung dafür zu verlangen? 
3. Kann Hamburg darauf rechnen. daß das Alster 
tal an Hamburg gelangt gegen Groß-Hansborf- 
Schmalenbeck? 
Diesen Fragen haben sic die folgenden Erklärun 
gen hinzugefügt: Don der Beratung dieser Fragen 
müssen wir es abhängen lassen, ob in die Beratung 
der Frage einer D-rwaltvngsgemeinschaft zwischen 
preußischen und hamburgischen Lanbesteilen eingetre 
ten werden soll. Hamburg ist bereit, in eine Erör 
terung dieser Frage einzutreten, nachdem in Bezug 
auf die territorialen Fragen Einverständnis erzielt 
worden ist. Zu dieser Fragestellung sind wir Unter 
händler an sich nicht berechtigt. Wjr müssen uns des- 
hars ausdrUckrìck, dî- <Seņ-chrņi-,rtr>ņ de- Sen«t. und 
der Bürgerschaft vorbehalten. Nur. um zu einer Ver 
ständigung zu gelangen, bringen wir auf eigene Ge 
fahr bas Opfer der Abtretung von Moorburg. Wenn 
die preußischen Herren glauben, die Entscheidung über 
unsere Fragen aussetzen zu müssen, wollen wir jetzt 
nicht auf einer Antwort bestehen, müssen uns auch 
alles nach der Antwort vorbehalten. 
Die preußischen Unterhändler haben sich nicht ftir 
kompetent gehalten, die vorstehenden drei Fragen von 
sich aus endgültig zu beantworten, vielmehr erklärten 
sie, daß sic sie dem preußischen Kabinett vorzulegen 
sich verpflichtet hielten. Das ist sofort auch nach der 
Rückkehr der Herren von Hamburg geschehen. Das 
preußische Staatsminiftcrium hat sich in seiner heuti 
gen Sitzung mit der Vorlage beschäftigt und erteilt 
auf jene drei Fragen nachstehende drei Antworten: 
1. Rein, sondern nur soweit es nachweislich van 
Hamburg zum notwendigen Ausbau des Hafens ge 
braucht wird. 
2. Rein. 
3. Rein. 
Ich beeile mich wunschgemäß Ihnen diese drer 
Antworten umgehend mitzuteilen und bitte ergeben.> 
mich ebenfalls umgehend zu benachrichtigen.^ Sie 
weitere Verhandlungen wünschen oder nicht." 
* * 
Elmshorn. 28. Juni. Rach Beendigung der 
gestern anläßlich der Beisetzung Nathâus statt 
gefunden cn Kundgebung, an der etwa Ş Perso 
nen teilnahmen, kam es zu mehreren Zwischen 
fällen. Sa drangen einige junge Leute tn dte 
Bismarckschnle u. das Lyzeum ein, rissen dort aus 
gehängte Bilder der Heerführer und andere Ge 
mälde. darunter ein wertvolles Bismarckbild, von 
den Wänden, vernichteten sie und warfen sie aus 
den Fenstern. Aus dem Lşum wurden zwei 
schwarz-weiß-rote Fahnen herausgeholt und zer 
rissen Ferner drangen Teilnehmer des Demon 
strationszuges in ein Privotkontor ein und ver 
langten die Herausgabe von Kaiserbildern, 
dann zerrissen und in die Menge geworfen wuriicn. 
Außerdem wurde das Personal verschiedene Ban 
ken und Geschäfte Zwangsweise entfernt und dre 
Geschäftsinhaber zum Schließen der Geschäfte ver 
anlaßt. Der iri der Bismarckschule angerichtete 
Schaden dürfte, besonders infolge Vernichtung von 
Lehrgegenständen, in die Taufende gehen. 
Süsum. 28. Juni. Sturmflut in den 
letzten Tagen hat an den Hafenbauarbeiten man 
che Schaden verursacht und namentlich größere 
Mengen Materials fortgespült. — Erhöhung der 
Kurprersc. Infolge der steigenden Teuerung er 
höhten die Hotelwirtc und Pensionsinhabcr in 
Bufum die Preise um 30 Prozent. 
MunkSrarup. 20. Juni. Der Mörder ist leider 
noch nicht ermittelt. Die Untersuchung erfolgt in 
großem llmfang. Das ermordete Mädchen Anna 
Vrede. stammt aus Ostpreußen, aus einem kleinen
	        
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