Full text: Newspaper volume (1850)

434 
er 
Jahrgang 
M GV. 
Mittwoch, den 28. August 
TagesgeschLchte. 
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& t’ V fr b V i t it »nie n. 
London, 20. August. Aus sicheren Andeutun 
gen vernimmt man, daß Lord Palmerston's Verhalten 
in der Sache Schleswig-Holsteins und Deutschlands 
viel weniger einem Umschwünge seiner Ansicht als 
dem Ueberdruß an der langwierigen Angelegenheit 
zugeschrieben werden muß. Er hatte den testen Ent 
schluß gefaßt, sie um jeden Preis und auf jedem 
Wege zu Ende geführt zu sehen. Allerdings war er 
sich dabei wohl bewußt, daß sein Eintritt in die ge 
gen Deutschland gerichtete europäischen Coalition im 
eigenen Hause von Nutzen sein könnte, aber man 
kennt diesen verwegenen Staatsmann schlecht, wenn 
man sich einbildet, er habe deshalb allein der Sache 
der Freiheit plötzlich den Rücken gekehrt. Alle seine 
Schritte sind meist rasch und unerwartet gewesen, 
darum trauen ihm auch seine alten toryistischen Geg 
ner gegenwärtig keinen Augenblick; die Beförderer 
wahrhaft konstitutioneller Gesinnung im übrigen 
Europa haben nun eine ernste Lehre erhalten und 
werden in Zukunft gewiß auch ihr Mißtrauen weni 
ger zu unterdrücken wissen. Sie hatten es längst 
merken können, wie wenig renn das Mitgefühl im 
auswärtigen Amte zu London, war, auf das sie ihre 
Hoffnungen bauten. Jetzt müssen sie mit Erstaunen 
hören, wenn der edle Lord von Insurgenten an der 
Eider spricht, während er sich wohl hütet, die Tos- 
caner oder Sicilian« als Rebellen zu bezeichnen, mit 
denen er im Jahre 1848 nicht übel Lust zu haben 
schien, gemeinsame Sache zu machen. Es ist nur zu 
wahr, Lord Palmerston redet heute laut von Em 
pörung der Herzogthümer gegen ihren rechtmäßigen 
Herrn, und behauptet mit unschuldiger Zuversicht, von 
ihren in Arrspruch genommenen alten Rechten nie 
gehört zu haben. Freilich wenn er so leicht »nt dem 
eigenen Gewissen und der Erinnerung au den Inhalt 
mancher Note, die im staubigen Archive von Dow- 
niugstrect begraben liegt, fertig zu werden weiß, darf 
sich Niemand mehr schmeicheln, ihn eines Bessern 
belehren zu wollen. Von dieser Seite dürfen sich 
daher die Herzogthümer keine glänzenden Resultate 
von der Mission des trefflichen Gervinus versprechen. 
Palmerston will Ordnung stiften, und wenn es nicht 
anders sein kann, im Bunde mit Rußland. Er hat 
es nicht unversucht gelassen, auch Preußen,' das ja 
Frieden geschlossen, nach seiner Ansicht zur Ausführung 
desselben anzuhalten. Er argumenttrt nämlich: Preu- 
ßen hat im Namen Deutschlands Friede» geschlossen, 
Holstein, ein Theil Deutschlands hat im Widersprüche 
damit von neuem den Krieg begonnen, und also den 
Vertrag gebrochen: Preußen ist demnach gebunden, 
den sündigenden Theil zur Strafe zu ziehen. Dem 
Vernehmen nach soll indeß auf 'olche Zumuthungen 
cine entschlossene Antwort des H'rn. v. Schleinitz er 
folgt sein. Es wäre sehr zu wünschen, daß dieselbe 
bald veröffentlicht würde, damit man sich davon über 
zeugen könne, ob sie etwas mehr enthält, als leere 
Worte und jene beliebten Redensarten von der Ehre 
Preußens, die in Rendsburg, in Mainz und in Wien 
gewahrt werden müsse. Lord Palmerston hat dies 
zarte Ehrgefühl vielleicht am empfindlichsten verletzt, 
und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Her 
ren, welche in den letzten Tagen wegen ihrer Aus 
legung der preußischen Ehre und der zu ihrer Her 
stellung angewandten Mittel den Zorn Ihres Blattes 
auf sich gezogen, doch einmal für gut befänden, ein 
ernst gemeintes Wort zu sprechen. iE. Z.) 
Däne m st ï k. 
Kopenhagen, den 21. August. ,Fàl." 
meldet neben der Anordnung, daß den schleswlgfchen 
Schiffen wieder das Brandzeichen „Dansk Eiendom" 
ausgedrückt werden solle, auch die, daß nach „Avis- 
Salons-Nphedsblad" ein schleswigsches Obergericht 
wieder errichtet werden solle, welches aber seinen Sitz 
in Flensburg nehmen würde. 
Die französische Mittelmeer-Flotte kann sehr bald 
in der Ostsee erwartet werden. 
Kammerherr Pechlin ist vorgestern als außeror 
dentlicher Gesandter nach Berlin und Wien abge 
reist. 
Am 30. und 3l. August und 5. September soll 
ein großes Erntefest im Rosenburger Garten und 
auf dem Exercierplatz zu n Andenken an die im 
Kriege Gefallenen und zur Unterstützung ihrer Hin 
terbliebenen- statifinden. 
— Eine Kopenhagen« Correspondenz der „D R." 
schreibt: Es wird erzählt, der russische Admiral habe 
die Statthalterschaft wissen lassen, daß, wenn armirte 
Fahrzeuge unter sogenannter schleswig-holsteinischer 
oder deutscher Flagge sich auf offener See zeig'cn 
sollten, dieselben, von russischen Kriegsschiffen ange 
troffen, wie Piraten behandelt werden würden. (?) — 
Dem „Const. Bl. a. Böhm " wird aus Kalisch unterm 
ia. d. bericht«. Es befläiigl sich, baß sich m der 
Nähe von Riga ein Lager von ungefähr 20,000 
Mann befindet, welche Trunppeii, der hier herrschen 
den Annahme nach, zur Einschiffung nach Dänemark 
(Schleswig) bereit stehen sollen. (?) 
Die „B. N." schreiben über das politische Treiben 
in Kopenhagen Folgendes: In Kopenhagen betreibt 
die sehr starke demokratische Partei eifrig ihre ab 
sonderliche Politik, welche zum Theil in der ministe-' 
riellen schon wieder erscheint, zum Theil »och nicht, 
und in letzterer Beziehung dem Ministerium sehr 
große Schwierigkeiten zu verursachen droht. Die 
Partei hält sich nämlich mit dem Besitze von Schles 
wig insofern befriedigt, als die Belagerung Rends 
burgs, der Uebergang über die Eider bei Kiel, nicht 
ohne die Gefahren einer zweiten Schlacht auszuführen 
wären, auf die man nach dem theuren idstedter Siege 
nicht sehr begierig ist. Ucberhaupt macht die Partei 
eigentlich keine Ansprüche auf Holstein, sondern will 
nur Schleswig in Dänemark gründlich incorporirt 
lehrn. Es sind die Mächte Rußland und England, 
welche durchaus Holstein dazu legen und von Deutsch, 
land trennen wollen. Das Ministerium sucht nun 
seine Nachgiebigkeit gegen die Wünsche der Partei 
darzuthun, indem cs zunächst alle Anstalten zur aus 
dauernden Rast des Heeres in Schleswig treffen läßt. 
Daher werden die Winterguartiere desselben auf der 
Ostseitc Schleswigs, mit dem Besitze von Flensburg, 
der Stadt Schleswig und Eckernförde im Voraus 
gesichert. Zwischen Schleswig und Eckernförde einer 
seits und den Eider-Gegenden werden die Landstraßen 
unwegsam gemacht, von Schanzen durchschnitten, weit 
hin Gräben gezogen. Ueber die Schlei werden gute 
Brücken geschlagen, durch Schanzen und von nahebei 
postirten Kanonenböten gedeckt. So will man die 
holsteinische Armee erwarten, und jedenfalls den Besitz 
Schleswigs festhalten, aber den Angriff auf Rends 
burg ausgeben. Das Ministerium sieht nun Deutsch 
lands Thätigkeit wegen Holstein entgegen, da es zu 
dem eingewilligt hat, die Friedensratisication von der 
Zeit des innern deutschen Einverständnisses (!) ab 
hängig sein zu lasten. — Die kopenhagener Partei 
begnügt sich also mit einem -durchaus danisirten Dä 
nemark bis an die Eider und Tillisch thut ihr noch 
nicht genug, indem er in Süd-Jütland (so heißt 
Schleswig bei der Partei) noch deutsche Beamte, 
Prediger und Lehrer einsetzt, wenn sie auch den be 
kannten Revers unterzeichnet haben. — Ferner hofft 
die demokratische Partei, daß König Friedrich VH- 
bald resigniren und die Krone an seinen schwachen 
Oheim Ferdinand gelangen werde. Unter diesem 
Könige soll alsdann die republikanische Regierungs- 
form Wurzel schlagen, und nebst Frankreich und der 
Schweiz der dritte große Präsidentenstuhl in Europa 
aufgejchlagen, auch die Nothwendigkeit der scandina- 
vischen Union proclamirt werden, um durch nordische 
Sympathieen gegen Rußland aedeckt zu sein. Das 
Extravagante dieser letzten Theile der Wünsche leuchtet 
selbst dem Casino-Ministerium ein, das so tief an 
Rußland verpflichtet und verschuldet ist. Aus der 
einen Seite sieht es sich also von seiner Partei, auf 
der anderen von dem Verfalle des dänischen König 
thums bedrängt, den es selbst herbeiführen half. 
P 
Deutschland. 
Hamburg, 23. Aug. Vorgestern traf Major 
Klaprokh von Karlsruhe hier ein, mit der Absicht, 
dem General-Commando der Schleswig-Holsteinischen 
Armee zu ihrer Verstärkung eine Anzahl von 800 — 
1 00 0 Freiwilliger zuzuführen. Dieselben wol 
le» sich au« bell» Laoische», Mainz und der Gegend 
von Hanau und Frankfurt zusammenfinden, sich auf 
eigene Kosten uniformiren und bewaffnen, hingegen 
es dem General-Commando überlassen, die desfall- 
sigen näheren Bestimmungen zu treffen. Die einzige 
Bedingung für ihre Hülfe, welche diese jungen, kräf 
tigen und achtbaren Männer stellen, sind: in einem 
Corps beisammen bleiben und sich selbst ihre Officiere 
wählen zu dürfen. Major Klaproth, wie es uns 
scheint, ein Militair von altem Schrot und Korn 
(wir lernten ihn gestern persönlich kennen) würde ver 
muthlich Führer dieses Freicorps bleiben, das sich 
aber von dem gewöhnlichen Freischärlerwesen sehr fern 
halten will. Nach vorläufiger Rücksprache mit dem 
Chef des Annahmebureaus in Altona, welcher selbst, 
verständlich in der Sache nichts entscheiden konnte, 
reiste Major Klaproth beute nach Rendsburg ab, um 
dort mit General Willisen zu verhandeln. Sollte es 
auf eine Entscheidung der Statthalterschaft ankom- 
men, diese aber nicht sogleich erfolgen können, so will 
Major Klaproth die Resolution in Hamburg abwar 
ten. — Es wäre Lewiß zu wünschen, daß diese viel- 
versprechende Offerte Annahme fände, doch ist es 
leider nicht wahrscheinlich, daß man in glendsburg 
von einmal festgestellten Grundsätzen abweichen wird. 
(W. Z.) 
Berlin, den 23. Aug. In Betreff der Forde 
rung von 153,813 Thlr., welche die schlrsMģ-> 
steinische Statthalterschaft für die BerpfleHM-z"-rus 
sischer Truppen fordert, hören wir, daß das Staatk- 
ministerium ans dem Grunde Anstand nimmt, die 
Summe zu bezahlen, weil die preußische Regierung 
bereits einen jene Summen bei weitem übersteigen- 
den Vorschuß in schleswig - holsteinischen Angelegen 
heiten dem Bunde gezahlt habe. (Eben so schreibt 
das C. B.'— Dagegen schreibt die „K. Z." unterm 
24.: Wie wir heute hören, so scheint die Angelegen 
heit der Verpflegungsgelder nicht ungünstig für die 
Herzogthümer zu stehen. Die definitive und muth- 
maßlich günstige Entscheidung des hiesigen Ministe 
riums in Betreff der Ersatzforderung der Statthal 
terschaft wegen der Verpflegungen preußischer Trup 
pen soll nur jedenfalls erst nach der Rückkehr des 
Finanzministers stattfinden. 
— Die „K. 3." meldet aus Königsberg, daß 
Gras Eulenburg am 13ten dort angekommen sei. 
\ um nach kurzen Ferien das Präsidium der Regierung 
' von Marienwerder zu übernehmen. 
— Die Geldbeiträge, welche aus dem übrigen 
Deutschland für Schleswig-Holstein bis zum 21. 
August eingesandt waren, sollen nach der „K. 3" 
über 400,000 Mrk. betragen.
	        
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