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Jahrgang
M GV.
Mittwoch, den 28. August
TagesgeschLchte.
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London, 20. August. Aus sicheren Andeutun
gen vernimmt man, daß Lord Palmerston's Verhalten
in der Sache Schleswig-Holsteins und Deutschlands
viel weniger einem Umschwünge seiner Ansicht als
dem Ueberdruß an der langwierigen Angelegenheit
zugeschrieben werden muß. Er hatte den testen Ent
schluß gefaßt, sie um jeden Preis und auf jedem
Wege zu Ende geführt zu sehen. Allerdings war er
sich dabei wohl bewußt, daß sein Eintritt in die ge
gen Deutschland gerichtete europäischen Coalition im
eigenen Hause von Nutzen sein könnte, aber man
kennt diesen verwegenen Staatsmann schlecht, wenn
man sich einbildet, er habe deshalb allein der Sache
der Freiheit plötzlich den Rücken gekehrt. Alle seine
Schritte sind meist rasch und unerwartet gewesen,
darum trauen ihm auch seine alten toryistischen Geg
ner gegenwärtig keinen Augenblick; die Beförderer
wahrhaft konstitutioneller Gesinnung im übrigen
Europa haben nun eine ernste Lehre erhalten und
werden in Zukunft gewiß auch ihr Mißtrauen weni
ger zu unterdrücken wissen. Sie hatten es längst
merken können, wie wenig renn das Mitgefühl im
auswärtigen Amte zu London, war, auf das sie ihre
Hoffnungen bauten. Jetzt müssen sie mit Erstaunen
hören, wenn der edle Lord von Insurgenten an der
Eider spricht, während er sich wohl hütet, die Tos-
caner oder Sicilian« als Rebellen zu bezeichnen, mit
denen er im Jahre 1848 nicht übel Lust zu haben
schien, gemeinsame Sache zu machen. Es ist nur zu
wahr, Lord Palmerston redet heute laut von Em
pörung der Herzogthümer gegen ihren rechtmäßigen
Herrn, und behauptet mit unschuldiger Zuversicht, von
ihren in Arrspruch genommenen alten Rechten nie
gehört zu haben. Freilich wenn er so leicht »nt dem
eigenen Gewissen und der Erinnerung au den Inhalt
mancher Note, die im staubigen Archive von Dow-
niugstrect begraben liegt, fertig zu werden weiß, darf
sich Niemand mehr schmeicheln, ihn eines Bessern
belehren zu wollen. Von dieser Seite dürfen sich
daher die Herzogthümer keine glänzenden Resultate
von der Mission des trefflichen Gervinus versprechen.
Palmerston will Ordnung stiften, und wenn es nicht
anders sein kann, im Bunde mit Rußland. Er hat
es nicht unversucht gelassen, auch Preußen,' das ja
Frieden geschlossen, nach seiner Ansicht zur Ausführung
desselben anzuhalten. Er argumenttrt nämlich: Preu-
ßen hat im Namen Deutschlands Friede» geschlossen,
Holstein, ein Theil Deutschlands hat im Widersprüche
damit von neuem den Krieg begonnen, und also den
Vertrag gebrochen: Preußen ist demnach gebunden,
den sündigenden Theil zur Strafe zu ziehen. Dem
Vernehmen nach soll indeß auf 'olche Zumuthungen
cine entschlossene Antwort des H'rn. v. Schleinitz er
folgt sein. Es wäre sehr zu wünschen, daß dieselbe
bald veröffentlicht würde, damit man sich davon über
zeugen könne, ob sie etwas mehr enthält, als leere
Worte und jene beliebten Redensarten von der Ehre
Preußens, die in Rendsburg, in Mainz und in Wien
gewahrt werden müsse. Lord Palmerston hat dies
zarte Ehrgefühl vielleicht am empfindlichsten verletzt,
und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Her
ren, welche in den letzten Tagen wegen ihrer Aus
legung der preußischen Ehre und der zu ihrer Her
stellung angewandten Mittel den Zorn Ihres Blattes
auf sich gezogen, doch einmal für gut befänden, ein
ernst gemeintes Wort zu sprechen. iE. Z.)
Däne m st ï k.
Kopenhagen, den 21. August. ,Fàl."
meldet neben der Anordnung, daß den schleswlgfchen
Schiffen wieder das Brandzeichen „Dansk Eiendom"
ausgedrückt werden solle, auch die, daß nach „Avis-
Salons-Nphedsblad" ein schleswigsches Obergericht
wieder errichtet werden solle, welches aber seinen Sitz
in Flensburg nehmen würde.
Die französische Mittelmeer-Flotte kann sehr bald
in der Ostsee erwartet werden.
Kammerherr Pechlin ist vorgestern als außeror
dentlicher Gesandter nach Berlin und Wien abge
reist.
Am 30. und 3l. August und 5. September soll
ein großes Erntefest im Rosenburger Garten und
auf dem Exercierplatz zu n Andenken an die im
Kriege Gefallenen und zur Unterstützung ihrer Hin
terbliebenen- statifinden.
— Eine Kopenhagen« Correspondenz der „D R."
schreibt: Es wird erzählt, der russische Admiral habe
die Statthalterschaft wissen lassen, daß, wenn armirte
Fahrzeuge unter sogenannter schleswig-holsteinischer
oder deutscher Flagge sich auf offener See zeig'cn
sollten, dieselben, von russischen Kriegsschiffen ange
troffen, wie Piraten behandelt werden würden. (?) —
Dem „Const. Bl. a. Böhm " wird aus Kalisch unterm
ia. d. bericht«. Es befläiigl sich, baß sich m der
Nähe von Riga ein Lager von ungefähr 20,000
Mann befindet, welche Trunppeii, der hier herrschen
den Annahme nach, zur Einschiffung nach Dänemark
(Schleswig) bereit stehen sollen. (?)
Die „B. N." schreiben über das politische Treiben
in Kopenhagen Folgendes: In Kopenhagen betreibt
die sehr starke demokratische Partei eifrig ihre ab
sonderliche Politik, welche zum Theil in der ministe-'
riellen schon wieder erscheint, zum Theil »och nicht,
und in letzterer Beziehung dem Ministerium sehr
große Schwierigkeiten zu verursachen droht. Die
Partei hält sich nämlich mit dem Besitze von Schles
wig insofern befriedigt, als die Belagerung Rends
burgs, der Uebergang über die Eider bei Kiel, nicht
ohne die Gefahren einer zweiten Schlacht auszuführen
wären, auf die man nach dem theuren idstedter Siege
nicht sehr begierig ist. Ucberhaupt macht die Partei
eigentlich keine Ansprüche auf Holstein, sondern will
nur Schleswig in Dänemark gründlich incorporirt
lehrn. Es sind die Mächte Rußland und England,
welche durchaus Holstein dazu legen und von Deutsch,
land trennen wollen. Das Ministerium sucht nun
seine Nachgiebigkeit gegen die Wünsche der Partei
darzuthun, indem cs zunächst alle Anstalten zur aus
dauernden Rast des Heeres in Schleswig treffen läßt.
Daher werden die Winterguartiere desselben auf der
Ostseitc Schleswigs, mit dem Besitze von Flensburg,
der Stadt Schleswig und Eckernförde im Voraus
gesichert. Zwischen Schleswig und Eckernförde einer
seits und den Eider-Gegenden werden die Landstraßen
unwegsam gemacht, von Schanzen durchschnitten, weit
hin Gräben gezogen. Ueber die Schlei werden gute
Brücken geschlagen, durch Schanzen und von nahebei
postirten Kanonenböten gedeckt. So will man die
holsteinische Armee erwarten, und jedenfalls den Besitz
Schleswigs festhalten, aber den Angriff auf Rends
burg ausgeben. Das Ministerium sieht nun Deutsch
lands Thätigkeit wegen Holstein entgegen, da es zu
dem eingewilligt hat, die Friedensratisication von der
Zeit des innern deutschen Einverständnisses (!) ab
hängig sein zu lasten. — Die kopenhagener Partei
begnügt sich also mit einem -durchaus danisirten Dä
nemark bis an die Eider und Tillisch thut ihr noch
nicht genug, indem er in Süd-Jütland (so heißt
Schleswig bei der Partei) noch deutsche Beamte,
Prediger und Lehrer einsetzt, wenn sie auch den be
kannten Revers unterzeichnet haben. — Ferner hofft
die demokratische Partei, daß König Friedrich VH-
bald resigniren und die Krone an seinen schwachen
Oheim Ferdinand gelangen werde. Unter diesem
Könige soll alsdann die republikanische Regierungs-
form Wurzel schlagen, und nebst Frankreich und der
Schweiz der dritte große Präsidentenstuhl in Europa
aufgejchlagen, auch die Nothwendigkeit der scandina-
vischen Union proclamirt werden, um durch nordische
Sympathieen gegen Rußland aedeckt zu sein. Das
Extravagante dieser letzten Theile der Wünsche leuchtet
selbst dem Casino-Ministerium ein, das so tief an
Rußland verpflichtet und verschuldet ist. Aus der
einen Seite sieht es sich also von seiner Partei, auf
der anderen von dem Verfalle des dänischen König
thums bedrängt, den es selbst herbeiführen half.
P
Deutschland.
Hamburg, 23. Aug. Vorgestern traf Major
Klaprokh von Karlsruhe hier ein, mit der Absicht,
dem General-Commando der Schleswig-Holsteinischen
Armee zu ihrer Verstärkung eine Anzahl von 800 —
1 00 0 Freiwilliger zuzuführen. Dieselben wol
le» sich au« bell» Laoische», Mainz und der Gegend
von Hanau und Frankfurt zusammenfinden, sich auf
eigene Kosten uniformiren und bewaffnen, hingegen
es dem General-Commando überlassen, die desfall-
sigen näheren Bestimmungen zu treffen. Die einzige
Bedingung für ihre Hülfe, welche diese jungen, kräf
tigen und achtbaren Männer stellen, sind: in einem
Corps beisammen bleiben und sich selbst ihre Officiere
wählen zu dürfen. Major Klaproth, wie es uns
scheint, ein Militair von altem Schrot und Korn
(wir lernten ihn gestern persönlich kennen) würde ver
muthlich Führer dieses Freicorps bleiben, das sich
aber von dem gewöhnlichen Freischärlerwesen sehr fern
halten will. Nach vorläufiger Rücksprache mit dem
Chef des Annahmebureaus in Altona, welcher selbst,
verständlich in der Sache nichts entscheiden konnte,
reiste Major Klaproth beute nach Rendsburg ab, um
dort mit General Willisen zu verhandeln. Sollte es
auf eine Entscheidung der Statthalterschaft ankom-
men, diese aber nicht sogleich erfolgen können, so will
Major Klaproth die Resolution in Hamburg abwar
ten. — Es wäre Lewiß zu wünschen, daß diese viel-
versprechende Offerte Annahme fände, doch ist es
leider nicht wahrscheinlich, daß man in glendsburg
von einmal festgestellten Grundsätzen abweichen wird.
(W. Z.)
Berlin, den 23. Aug. In Betreff der Forde
rung von 153,813 Thlr., welche die schlrsMģ->
steinische Statthalterschaft für die BerpfleHM-z"-rus
sischer Truppen fordert, hören wir, daß das Staatk-
ministerium ans dem Grunde Anstand nimmt, die
Summe zu bezahlen, weil die preußische Regierung
bereits einen jene Summen bei weitem übersteigen-
den Vorschuß in schleswig - holsteinischen Angelegen
heiten dem Bunde gezahlt habe. (Eben so schreibt
das C. B.'— Dagegen schreibt die „K. Z." unterm
24.: Wie wir heute hören, so scheint die Angelegen
heit der Verpflegungsgelder nicht ungünstig für die
Herzogthümer zu stehen. Die definitive und muth-
maßlich günstige Entscheidung des hiesigen Ministe
riums in Betreff der Ersatzforderung der Statthal
terschaft wegen der Verpflegungen preußischer Trup
pen soll nur jedenfalls erst nach der Rückkehr des
Finanzministers stattfinden.
— Die „K. 3." meldet aus Königsberg, daß
Gras Eulenburg am 13ten dort angekommen sei.
\ um nach kurzen Ferien das Präsidium der Regierung
' von Marienwerder zu übernehmen.
— Die Geldbeiträge, welche aus dem übrigen
Deutschland für Schleswig-Holstein bis zum 21.
August eingesandt waren, sollen nach der „K. 3"
über 400,000 Mrk. betragen.