Jahrgang,
43"L
Rendsburger
M m.
Mittwoch, den 16. October
1§50
V^n diesem Blatte erscheint jeden Mittwoch und Sonnabend eine Nummer. Paffende Beiträge können entweder directe abgeliefert, oder unter der Bezeichnung; „An die Expedition
zeigen werden bis Dienstags und Freitags spätestens Mittags 12 Uhr erdeten. — Der Preis dieses Blattes
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werden 14 Tage vor Ablauf eines Quartals erbeten.
Tagesgeschichte.
Rußland.
Von der russischen Grenze. Noch nie hat
Rußland, selbst im Jahre 1812 nicht so große Kriegs
rüstungen gemacht und zugleich seine gesammte öffent
liche und geheiine Diplomatie so sehr in Bewegung
gesetzt, als jetzt. Außerordentliche Truppenaushebun
gen. Aufkündigung aller Anleihen aus den Staats-
Creditinstituten lasten schwer aus dem ganzen Lande,
besonders auf den westlichen Provinzen. Im König
reiche Polen sind sehr starke Truppenmassen in dem
Gouvernement Warschau, Auaustowo und in dem
Nordosten zusammengezogen. In dem südwestlichen
Theile des Reiches aber sind alle aus Kriegsfuß ge
setzten Truppen aus ihren Garnisonen in ein großes
Corps concentrirt worden, worüber der König selbst
die Heerschau vornehmen soll. Mit seinen drei Söh
nen wird der Herrscher hier erwartet, es heißt, daß
er insbesondere Kiew, Odessa, Sebastopol, Bessara-
bicn berühren werde. Es gilt die religiösnationale
Begeisterung allgemein im Volke zu entflammen; ein
heiliger Krieg, yeißr cs, für die Sache des eslaven-
thums und der Rechtgläubigkeit sei durch die Noth
wendigkeit der Dinge unabwendbar geworden.
Schweden und Norwegen.
Die neueste schwedische Post bringt Berichte aus
Stockholm bis zum 8ten, aus Gothenburg bis zum
lOten. Dieselben enthalten durchaus keine interessante
politische Neuigkeit; das Hauptthema bildet die Cho
lera, die noch immer, wenn auch langsam, fortschrei
tet. Auch die Cholerafurcht scheint in Schweden sich
noch immer in gleicher Höhe zu erhalten; wenigstens
deuten darauf die fast ans Lächerliche streifenden Ab
sperrungsmaßregeln. Nach Gothenburg hatte die
Regierung eine Anzahl Aerzte aus anderen schwedi
schen Städten geschickt.
D ä tt e m rt v k
Kopenhagen, den 8. October. Das Kriegs-
Ministerium veröffentlicht folgenden Bericht des Ober-
Commando's der Armee vom 6.: „Die gestern Abend
eingetroffenen Nachrichten von Friedrichstadt sind eben
so erhebend als beruhigend, mit Rücksicht auf die
Haltbarkeit jenes Punktes. Mit der größten Kalt
blütigkeit ist der vier Mal wiederholte Sturm des
Feindes abgeschlagen, ungeachtet er seine Fahne auf
der Brustwehr aufpflanzte und der Kampf hier Mann
gegen Mann geführt ward. Die Werke und Ge
schütze haben trotz des starken Feuers, welches der
Feind aus allen seinen Batterien entwickelte, so gut
wie Nichts gelitten; die Stadt dagegen ist, mit Aus
nahme des nordwestlichen Theiles, vollständig in Trüm
mer gelegt, theils durch die große Anzahl schwerer
Wurfgeschosse, die die Mauer weggerissen. Die Stim
mung unter den Gruppen in Friedlichstadt ist vor
züglich und des Feindes Fortfchritt für Nichts zu
rechnen, wohingegen der große Verlust, den er erlit
ten, und der abgeschlagene Sturm nicht wird unter
lassen haben, aus seine Truppen einen niederschlagen
den Eindruck zu macken. Unser eigener Verlust ist,
im Verhältniß zur Heftigkeit des Kampfes, nur ge
ringe, indem derselbe außer 2 gefallenen Officieren
(Prem.-Lieutenant I. v. Vaupell und Sec.-Licuten.
C. Wadskjar) ungefähr 120 Unterofficiere und Ge
meine an Todten" und Verwundeten beträgt. Die
Anzahl, die der Feind verloren, kann nicht angegeben
werden; die Anzahl der Todten vor den Schanzen,
die auf weit über 100 angeschlagen wird, deutet an,
daß derselbe sehr bedeutend gewesen ist. — Verwun
dete Offnere: Capitain v. Schaumann und Prem.-
Ļieut, E. v. Voss.
Reichstag. Das Landsthing und das Volksthing
haben der Armee als Anerkennung des Vaterlandes
sür ihre unvergänglichen Verdienste einstimmig einen
Dank votirt. Im Landsthing dankte der Kriegsmi
nister für sich und seine Kameraden und gab eine
Statistik der verdientesten Osficiere der Armee, wo
bei., wie „Kjöbenhp." bemerkt, alle Generale und
Obersten, die Tobten mit den Lebenden, genannt
wurden. — Der Finanzminister hat im Volksthing
den Vorschlag zum Finanzgesetz pro 1851 — 52 vor
gelegt, wonach die Einnahme, abgesehen von Schles
wig, auf 13 2 /s Millionen und die Ausgaben auf
15,881,000 Reichsbankthaler, mithin eine Unterbi-
lance von 2% Mill, veranschlagt wird, die theils
durch den Ueberschuß aus Schleswig, theils durch die
Einkommensteuer gedeckt werden soll, über die dem
Reichstage eine Vorlage zugehen wird. Ferner wird
eine Briefportoreform empfohlen, derzufolge das Brief
porto durch das ganze Land 4 — 6 Rbkschillinge
[4%, —- 1 7 /s ß Crt.f betragen wird. Die Aushe
bung der Zahlenlotterie soll Ausgangs nächsten Jahrs
stattfinden. Der Finanzminister theilte auch mit, daß
die disponiblen Contanten der Finanzen zur Zeit
3,860.000 Rbthlr. betragen, m r den lausenden
Kriegssteuereinzahlungen ŗ Resrri ,.-nds und den 2
Mill, ausgefertigten, aber nicht benutzten Credit-
scheinen.
Der Prinz Christian zu Schleswig-Holstein-Son-
derburg-Glücksburg und der Graf W. Piessen sind
nach „Kjöbenhp." den 7. nach Warschau abgereist,
wo der Kaiser Nicolaus sich aufhalte. „Hoffentlich
wird diese Sendung von einer günstigen Bedeutung
mit Rücksicht auf das Verhalten der Großmächte in
der dänischen Sache sein", fügt das gedachte Blatt
hinzu. Letzteres dringt in einem eigenen Artikel von
Neuem darauf, daß der Krieg auf holsteinisches Ge
biet hinübergefühlt werde.
Kopenbagen. Die gestern Abend spät und
heute eingetroffenen dänischen Blätter gehen bis zum
loten und bringen Berichte über die Feier des kö
niglichen Geburtstages, Correspondenzen aus däni
schen und deutschen Blättern über die Affaire bei
Friedlichstadt und Mittheilungen aus dem Reichs
tage, indeß wenig Bcmerkenswerthes.
Das Kriegsministerium hat den 9ten und lOten
Folgendes veröffentlicht: 0 „der Feind hat in der
Nacht zwischen dem 5ten und 6ten die Geschütze so
wohl von der Stellung vor der östlichen Fronte
Friedrichstadts als von der Batterie beim Fährhause
auf dem südlichen Eiderufer weggeführt und seine
Posten haben sich weiter zurückgezogen. Es scheint
darnach, als wenn der Feind den Angriff aus Frie
drichstadt aufgegeben hat." 2) „Der Feind hat sich
von Friedrichstadt zurückgezogen; von den gegen die
Stadt aufgeworsenen Verschanzungen hat er selbst
einige demolirt und die übrigen sind von der Be
satzung geschleift. — Den 8ten, Vormittags griff der
Feind unsere Vorposten bei Lottorf und Kirchendorf
mit einer Stärke von allen drei.Waffengattungen
an, wurde aber nach einstündigem Gefecht zurückge
worfen.
—,, vom 12. Oct. Der König hat für die Be
wohner Friedrichstadt's 2000 Rbthlr. anweisen lassen.
— Zu Rittern des Damwbrog sind ferner ernannt:
Prof. Petersen, Etatsrath Flor, Pastor Matzen, Ma
gister Hammcrich, Schauspieler Rosenkiude, Nielsen
und de St. Aubain. Die „Verl. Tid." bringt zu
gleich anderthalb Spalten Avancements in der Armee.
DeLgLşii>êrrà
Berlin. Das C. B. schreibt: Nach einer uns
zugegangenen Mittheilung wird in Kurzem von Sei
ten Rußlands, Englands und Frankreichs eine desi-
nitife Erklärung an die kriegführenden Tbeile in
Schleswig-Holstein gehen, welche die vorläufige Ein
stellung der Feindseligkeiten verlangt. Vor etwa 10
Tagen ist erst diese Erklärung verabredet und festge
stellt worden.
Stuttgart, vom 7. Octbr. Die Landesver
sammlung beschließt mit allen Stimmen gegen 2 dem
Antrage des Abgeordneten Seeger, betreffend die
Bezahlung der Truppen-Verpflegungsgelder an die
Statthalterschaft von Schleswig-Holstein, beizutreten.
Bremen, 10. Oct. Das (Semite für Schles
wig-Holstein erläßt folgenden Aufruf:
Mitbürger! Wiederum sind an Sechshundert und
vielleicht noch mehr der edelsten Söhne Deutschlands
gefallen — sür's Vaterland — für Deutschland!
Ja auch für Dich, auch für Dein Hab und Gut,
auch sür Dein Weib und Kind, daß sie nicht einst
das Joch der Fremden tragen! Kennst Du das Wort
nicht: „Wenn das am grünen Holz geschieht, was
will an: dürren werde»?" Und Deutschland — liest
die Zeitungen, die es uninteressant findet, wenn die
Druckerschwärze ihm nicht öfters ein solches Schau
spiel vorführt, und läßt seine edelsten Söhne ruhig
im Kampfe geschlachtet werden! Denn wie darf von
Deutschlands Theilnahme ohne Schamröthe geredet
werden, wenn unter 20,000 Einwohnern kaum ein
Mann dorthin zur Hülfe eilt, und wenn die Geld
beiträge eine wahre Bagatelle sind gegen das, was
fremde Sängerinnen, Tänzerinnen und Schauspliele-
rinnen in einem Jahre aus Deutschland ziehen.
Die Diplomatie hat das Privilegium in eisiger
Kälte zuzusehen, wenn das heiligste Blut stromweise
verspritzt wird.
Den innigsten herzlichsten Dank auch sür die
kleinste Gabe! Aber soll nach dem Gesammtbetrag
Deutschlands Patriotismus berechnet werden, so steht
er tief unter dem Nullpunkt in eisigster
Kälte; man hat berechnet, daß das kleine Holstein
800 Mal mehr geopfert hat als das große Deutsch
land und dazu sein Blut! Womit wollt Ihr das
aufwiegen? Verhüllen wir unser Angesicht bei dem
Gedanken, daß wir Deutsche heißen "und deutschen
Sinn in Liedern preisen, bis wir's mit Ehren wieder
zeigen können! Wo Leben ist, da zuckt doch noch
der Körper, wenn das beste Glied abgeschnitten wird.
Deutschland zuckt nicht, denn es ist ihm verboten,
und es gehorcht!
Dank den einzelnen Gebern, die nach Kräften ge
geben haben! Ihr aber, die Ihr bisher Nichts,
oder nach Euren Kräften so viel wie Nichts gegeben
habt, wie viel würdet Ihr dem fremden Eroberer
zahlen, wenn die Knute Euch gezeigt würde? Da
würde das Geld mit gebeugtem Rücken in tiefster
Devotion dargebracht werden, damit nur die Strafe
gnädig sei. Groß würdet Ihr sein in der Furcht,
gerade so wie klein im Vaterlandssinn. Doch Ihr
beweiset — die Einen, daß doch eigentlich das spitz
findige juridische Recht nicht auf Seiten der Schles
wig-Holsteiner sei — die Andern, daß sie Rebellen
— die Andern, daß sie keine Rebellen seien, — die
Andern, daß sie Euch hätten um Rath fragen müssen,
— und Alle zusammen, daß ihnen alle Gaben doch
nichts helfen können (eben weil nicht gegeben wird).
Nennt Euch Kosmopoliten, Freunde der Dänen,
Bewunderer der Engländer, der Franzosen von altem
oder künftigem Regime. Anbeter der Ruffen, nur
höhnt nicht, Euch Deutsche nennend, selbst den deut
schen Namen, den Ihr zum Hohn und Spott der
Völker macht! Ihr" seht dem ertrinkenden Brnder
ruhig zu, und statt ihm die Hand zu reichen, beweist