Full text: Newspaper volume (1850)

bereits ausgewanderten noch vieles Zurückgelassene 
nachgeholt, indem man einem erneuerten Sturm und 
abermaliges Bombardement befürchtete. Doch war 
diese Furcht unbegründet. 
Fast die ganze vordere Stadt mit der schönen 
reformirten Kirche, dem Rathhause, dem Zollhause 
u. s. w., nebst dem Eilande, liegt in Schutt und 
Trümmer, unter denen es anfänglich schwer hält, sich 
zu orientiren. Die Ost- und Westseite des Marktes 
stehen, indeß sind die meisten Häuser mehr oder min 
der beschädigt, was auch von der Häuserreihe längs 
des Mittelburggrabens gilt, wo das Rectorhaus und 
der Lombard niedergebrannt sind. — In der Hinter 
stadt haben die Kugeln und Granaten stellenweise 
große Verheerungen an den Gebäuden angerichtet und 
sie mitunter fast unbewohnbar gemacht. Das Elend 
und der Jammer ist grenzenlos und die Aussicht auf 
den Winter die traurige. 
Wer die Stadt vor der Catastrophe gekannt und 
jetzt wiedersieht, wird sie von Süden her kaum wie 
dererkennen. -- Doch, Gott, der Herr, der Allmäch 
tige und Allgütige, der dieses schwere Unglück, diese 
Gräuel der Verwüstung zugelassen, wird auch die 
armen unschuldigen Schlachtopfer des Krieges helfen 
und aufrichten. Und schon jetzt geschieht dieses, nem- 
lich durch die Hülse und Theilnahme unserer guten, 
braven Nachbaren in Eiderstedt und dem Amte Hu 
sum. Bereitwillig und freudig theilen sie mit ihnen 
ihre Wohnungen, Pflegen und trösten sie. Von allen 
Orten kommen ganze Wagen voll Lebensmittel re. 
herbei, um unter den armen kummervollen und noth- 
leidenden Ausgewanderten und Hülfsbedürstigen in 
der ruinirten Stadt, wo fast Nichts für Geld zu er 
halten ist. vertheilt zu werden. Gottes Segen und 
das edelste Gefühl des Herzens wird Eure Menschen 
liebe, Eure Barmherzigkeit lohnen! Auch in größerer 
Entfernung wird diese Trauer-Catastrophe theilneh- 
mende Herzen erwecken, um die Noth der obdach- und 
erwerblosen Einwohner so lange zu lindern, bis diese 
sich wieder in den Stand gesetzt sehen, selbst für Ob 
dach und Fortkommen sorgen zu können. Dann wird 
auch die Auferstehung der darniedergeschmetterten 
Stadt nicht lange ausbleiben, besonders wenn ein 
dauernder Friede recht bald wieder seine Segnungen 
über uns ausschüttet! 
Dasselbe Blatt enthält auch ein offieielles Ver 
zeichniß der todten und verwundeten Einwohner, wel 
ches folgendermaßen lautet: 
Todte: 
Die Wittwe Horn. 
Friederika Molter. 
Marie Bauer. 
Die Ehefrau des Schmiedemeisters Hansen. 
Wilhelm Bendick, Sohn des Schuhmachers Bendrck. 
Carl Michelsen, Sohn von Carl Michelsen. 
Mine Josias. 
Giesbert Nootbaar's Kind. 
Stellmacher Billet älteste- Tochter Henriette. 
Ein junger Mensch beim Fuhrwesen, Name unbekannt. 
Verwundete: 
Büttner und Ehefrau. 
Frau Josias mit zwei Kindern. 
Carl Michelsen. 
Schuhmachermeister Bendick. 
Abraham Drews. 
Hafenineister Paasch und Tochter. 
Zwei Kinder des Stellmachers Bille. 
Hollmer aus Seeth, Fuhrknecht. 
Die Ehefrau von Giesbert Nootbaar. 
Dcput. Bürger Henning Grüdener. 
Dessen Frau und Dienstmädchen. 
Lorenz v. d. Leck. 
Goldarbeiter I. Köhnhack. 
I F. Müller. 
Schiffszimmermann Hinrich Floris. 
Eine fernere Bekanntmachung des dortigen Bür 
germeisters gibt die Zahl der abgebrannten Häuser 
auf 137 an, die der beschädigten aus 285. Der Ge- 
sammtschadeu wird auf 600,000 mĶ geschätzt. 
Fa der „Bert. Ztg." fordern auch der Comman 
dant Helgesen, der Civricommissair Malting und 
mehrere Capitaine zur Einsendung von Berträgen 
für die Bewohuer Friedrichstadts ans. Nach der 
Correspondenz der „D. Res." hat das kopenhagener 
Committee zur Unterstützung für die Bewohner 
Friedrichstadts 4000 Thaler m voriger Woche abge- 
sandt und es sind bereits an 6000 Thaler an das 
Committee eingegangen. 
Ä»»s dem Schleswigfchen. Wie schau 
derhaft die aus Schleswig ausgewiesenen Deutsch 
gesinnten in Kopenhagen behandelt werden, geht u. 
A aus Folgendem hervor: 
Herr Lorenzen von Wassersleben, in der Nähe 
von Flensburg, ein Mann von 64 Jahren saß 10 
Wochen im engen Kerker, umgeben von Verbrecher 
der gemeinsten Art. Sein Sitz war eine hölzerne 
Bank, neben seinem Essen standen blecherne und^hol- 
zerne Geschirre zu unflätigem Gebrauche. - seine 
Erholung, um frische Lust zu Schöpsen, bestand m 
Hin- und Hergehen in einem Stemyofe, 25 schritte 
lang, erfüllt mit pcstilcnzialischcn Gerüchen aus 6 
großen Tonnen, in welchen der llnrath gesaminelt 
Wstï — Ww sehr die Dänen es verstehen, ihre in den 
Gefechten gehabten Verlüste zu verheimltchen, dafür 
möge Folgendes, verglichen mit den dänischen ofst- 
ciellen Verlustlisten dienen: 
Das 3. dänische Reserve-Bataillon war nach der 
Jdstedter Schlacht ungefähr 980 Mann stark, 245 
Mann in jeder Compagnie. — Nach dem Gefecht bei 
Missunde, wo dies Bataillon die Deckung der Schanze 
und des Brückenkopfes, und durch das Granatfeuer 
unserer Batterien sehr gelitten hatte, zählte das Ba 
taillon nur noch gegen 600 Mann; — es verlor in 
diesem Gefecht 3 Capttäne und mehrere.Lieutenants; 
eine Compagnie hatte allein 30 Todte und Verwun 
dete. — Wo mögen die 400 Fehlenden aufgeführt 
sein; nur eine geringe Zahl derselben ist in den Ver 
lustlisten zu finden; ob sie vielleicht zu den Abcom- 
mandirten gerechnet werden? (Fr. Pr.) 
Kiel, den 17. Oct. So eben komme ich aus 
dem «endemischen Consistorialsaale, wo in öffentlicher 
Sitzung die so lange hinausgeschobene Publication 
des Urtheils in Lafaurie's bekannter Rechtssache statt 
fand. Das Urtheil war ein freisprechendes und 
zwar in der Weise, daß Lafaurie nicht die Un 
tersuchungskosten zu tragen, aber auch keinen Anspruch 
auf Entschädigung für die, ihm durch den Proceß 
verursachten Ausgaben und Verlüste babe. Der De 
fensor Lafaurie's, Obergerichtsadvocat Claussen, er 
bat sich sofort eine Abschrift der Erkenntnißgründe 
und, wie ich höre, wird Lafaurie sich jetzt mit einer 
Forderung auf Schadenersatz an das Oberappellati- 
onsqericht wenden. (Fr. Pr.) 
—, den 19. Oct. Der von dem Ober-Apella- 
tionsgerichte wegen Theilnahme an einem Tumulte 
zu acht mal fünftägiger Gefängnißstrafe bei Wasser 
und Brod verurtheilte Maurermeister Niebuhr, ein 
Complice von Springborn, ist auf seinen desfälligen 
Antrag von der Statthalterschaft dahin begnadigt, 
daß d'ie erkannte Strafe herabgesetzt ist. (Das Straf 
maß ist ans dem Schreiben nicht zu ersehen.) Die 
Statthalterschaft hat also, wie auch nicht anders zu 
erwarten war, den Antrag der Landesversammlung 
auf Amnestie verworfen. (H. N.) 
Ehre oder Schande! 
Die in Bremen erscheinende „Weser-Zeitung", die 
sich besonders angelegen sein läßt, die Sympathie 
des deutschen Volkes für unsere Sache zu heben und 
aufzumuntern, enthält unter obiger Aufschrift wieder 
folgenden Leitartikel: 
Der Himmel über Deutschland ist nicht mehr ganz 
grau, — einzelne lichte Streifen hie und dort erfül 
len die ängstlich nach Licht suchenden Herzen mit einer 
leisen Hoffnung auf das wiederkehrende Gold eines 
tröstenden Sonnenstrahls. Lange bange Tage hin 
durch schauten die Blicke nichts als die farblose, ein 
förmige Wolkendecke eines vleischwer lastenden Nebels, 
und es gehörte eine freudige Zuversicht, ein lebendi 
ger Glaube dazu, um in der beklommenen Lust nicht 
zu verzweifeln, um nicht feigherzig die Hände in den 
Schooß zu legen und sich zu beruhigen mit dem Seuf 
zer: „Deutschland ist verloren!" 
Zuerst war es ein blutiges Nordlicht welches die 
Nacht durchbrach, das Flammen der Kanonen und 
das Brennen der Dörfer und Städte eines kleinen 
Heldenvolkes, welches allein von allen Stämmen un 
seres Vaterlandes nicht zu leicht erfunden ist in der 
Wage, mit welcher die prüfende und strafende Vor 
sehung die Nationen wägt. Ein Fleck deutscher Erde 
wenigstens war noch vorhanden, auf welchem die große 
Zeit große Herzen, die ernsten Geschicke ernsten Muth. 
die eiserne Losung eiserne Festigkeit vorfand, auf wel 
chem die Phrase zur That wurde, auf welchem Tau 
sende willig das Gut und Blut opferten das sie in 
besseren Tagen dem Vaterlande gelobt hatten, auf 
welchem der Freiheitsspruch der alten Friesen „Lieber 
todt als Sklav" von den Enkeln nicht mit Dinte, 
sondern mit ihrem Herzbluts unterschrieben wurde. 
Kurhessens Stern, der Stern deutschen Rechtsge- 
sühles und deutscher Eibestreue, leuchtet, minder ge 
waltig, aber fast noch tröstender, neben dem Nord 
lichte Schleswtg-Holsteins, des furchtbar gequälten, 
todeswunden, blutenden Landes, welches in der bit 
tersten Noth und Bedrängnis) doch die Hand nicht 
vom Schwerte läßt und mit seinem guten Wahlspruche 
„Recht muß doch Recht bleiben", mit diesem Wörtlein, 
das alle dräuenden und ränkeschmiedenden Feinde 
stehen lassen müssen, sein Jahrhundert, jawohl sein 
Jahrhundert in die Schranken ruft. 
Denn ist es nicht selbst von seinem eignen Fleisch 
und Blut, ist es nicht von uns Deutschen selbst im 
Stiche gelassen worden? Haben wir nicht das schwache, 
vertrauende unbeschützt semen Drängern, der Uever- 
macht des feindlichen Königs, dem Ränkespiel der 
großen Mächte preisgegeben ? Vor einem Jahre, als 
durch einen schimpflichen Waffenstillstand das Schick 
sal des hochherzigsten Bruderstammes besiegelt werben 
sollte, glaubten wir die Nemisis der Geschichte auf 
unsere Fürsten und Minister herabrufe» zu dürfen, 
die so Arges vollbracht hatten. Oie Zeit hat uns 
eines Besseren belehrt; sie hat uns gezeigt, daß wir 
Alle in gleicher Verdammniß waren, daß wir Alle 
des Rnhmes ermangelten, den wir vor Gott und dem 
Vaterlande haben sollten. Das Volk selbst, das deut 
sche Volke, das so gern sich das erste der Erde nennt, 
ratificirte den faulen Frieden durch seine Lauheit uni> 
seine Gleichgültigkeit. 
Es waren trübe, beschämendeMonate, der August 
und September dieses Jahres, als der Mahnruf an 
die Nation erging durch die That das gutzumachen, 
was ihre Fürsten an den Herzogthümern gesündigt 
hatten, und als auf diesen Mahnruf eine so ärmliche 
und dünne Antwort erfolgte. Da gab es wohl ein 
zelne ehrenvolle Ausnahmen; da waren wohl manche 
Landschaften, Städte und Dörfer, die ihre Schuldig- 
Lit erkannten, aber das Ergebniß im Ganzen und 
Großen war — um das harte Wort herauszusagen 
— unwürdig und kläglich. Es schien als sei jener 
Zeitpunkt eingetreten, welchen vorahnend im Jahre 
1846 die Heidelberger Adresse mit den Worten eines 
großen Dichters bezeichnete, der Zeitpunkt, wo die 
Nation es verlernt hätte, „die eigne Thür dem Hund 
zu wehren" und jeden „Ruhm der Tapferkeit und Po- 
itik" zu verlieren. 
Diese Monate find vergangen, und wir nahen 
uns den großen Tagen der Erinnerung an jene Zeit, 
ene rasch vergangene und hernach schmählich verleug 
nete Zeit der glorreichen und einträchtigen Erhebung 
aller Deutschen wider den fremden Eroberer, jener 
Zeit der allgemeinen Begeisterung und Opferfreudig 
st, in welcher die Reichen ihre Schätze, die Armen 
ihr Blut und selbst die Frauen und Jungfrauen ihre 
Kräfte dem heiligen Kampfe für die Ehre und Frei 
heit des Vaterlandes weihten; in welcher ein Geist 
alle beseelte, ein Ziel allen vorleuchtete, ein Heiliges 
allen das Heiligste war. Und fast scheint es, daß 
diesmal das alte Wort nicht zu Schanden werden 
soll, welches die Hoffnung eine Tochter der Erinnerung 
nennt. Es regt sich in diesen Tagen eine Stimmung 
im Volke, welche uns der Beschämung überheben will, 
den 18, October 1850 mit Klagen und in Zerknir 
schung zu begehen. 
Freilich wollen wir nicht die kleinen Anzeichen 
einer besseren, frischeren Stimmung, welche hie und 
da emportauchen mit der gewaltigen Brunst natio 
naler Begeisterung vergleichen, welche im Jahre 1813 
die Schmach des deutschen Namens sühnte, aber wir 
hoffen deshalb, weil wir eben uns erinnern, daß auch 
damals Großes aus kleinen Anfängen entstand, daß 
auch damals Viele am Vaterland verzweifelten, viele 
kluge Leute der Patrioten als armer Schwärmer spot 
teten, viele Engherzige sagten wie heute: „Es hilft 
doch nichts", — und es half doch, und das Vater 
land wurde dennoch gerettet. Hatte doch selbst der 
große Göthe den Freiheitskämpfern kopfschüttelnd das 
bedächtige Wort zugerufen: „Der Napoleon ist euch zu 
mächtig", und wenige Monde nachher hatte die Leip 
ziger Schlacht dem Zweifler die donnernde Antwort 
gegeben. Sperrten doch damals wie heute die Kö 
nige und Fürsten sich gegen den Anschluß an die 
nationale Sache; mußte doch selbst Friedrich Wilhelm 
von Preußen von der damaligen deutschen Partei, 
von einem stein, einem Scharnhorst, einem Gneife- 
nau förmlich gezwungen, fortgerissen werden in den 
Kampf. Glaubt mau, daß die Volksstimme im Jahre 
1850 minder mächtig ist, daß sie nicht auch heute 
noch im Stande wäre, vie Regierungen zu zwingen 
ihre Schuldigkeit zu thun? O gewiß, sie ist stark 
genug, wenn nur hinter der stimme der ernste männ 
liche Wille steht, wenn nur das Wort zur That, wenn 
nur der Anwalt zum Helfer wird. Jetzt lacken Für 
sten und Minister der Volksstimme, und sie haben 
Recht gehabt es zu thun, denn das Volk hat für sein 
Theuerstes nicht viel mehr einzusetzen gehabt als das 
tönende Erz und die klingende Schelle der Phrasen. 
Wer mit Engelszungen redet und hat der Liebe nicht, 
der predigt umsonst. 
Wohlan, jetzt gilt es die Liebe zu besiegeln durch 
die That, die Liebe, welche die Herzen der Kalten 
und Gleichgültigen, der Spötter und Zweifler rührt 
und umwendet, welche mächtiger ist als alle Macht 
der Welt. Es gilt einen großartigen, unwiderleg 
lichen, siegreichen Beweis, daß das deutsche Volk sei 
nen Brüdern in Schleswig-Holstein geholfen wissen 
will, baß es ihm Ernst ist um diese Sache, daß es 
sich ein Recht erwerben will sich des Sieges mitzu 
freuen, oder — wenn nach Gottes unerforschlichem 
Rathschluffe die gute Sache unterliegen soll — das 
Recht den Vaterlandsverräthern zu fluchen. 
So lange die Masse des Volks in blöder Gleich 
gültigkeit da lag und nicht zu ahnen schien, daß um 
sein Heil, seine Ehre, seine Freiheit gerungen werde,— 
so lange konnte der Einzelne sich entschuldigen, wenn 
er sagte: „Ich gebe nichts, — was hilft die Spende 
des Einzelnen, wo die Hand der Menge verschlossen 
bleibt? Jetzt gilt diese Ausslucht nicht mehr. 
Die Menge ist zu einem Gefühle ihrer Pflichten er 
wacht; der Anfang zum würdigen Handeln ist auf 
dem Vereinstage zu Hannover gemacht worden, und 
Bremen hat sich beeilt die Ehren des Erstlings 
opfers zu gewinnen. In diesem Sinne unternommen 
und durchgeführt, wird unsere Hülfe helfen; 
sie wird helfen, nicht allein den Kämpfern an der 
Eider die Kriegslast zu erleichtern, sondern auch unt> 
noch viel mehr dem feindseligen Auslande und den 
lauen Regierungen in schwerer, klingender Münze den 
Beweis zu geben, daß Schleswig-Holstein und Deutsche 
land zu einander halten wollen. 
Wer darum heute noch zurückbleibt mit seinem 
Opfer, wer heute noch sich hinter die Ausflucht ver- 
kriegt: „Es hilft doch nicht!" oder „Ich kann mich 
für diese Sache nicht interessiren", — der brandmarkt 
sich selbst mit dem schmutzigen Flecken des Geizes 
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