bereits ausgewanderten noch vieles Zurückgelassene
nachgeholt, indem man einem erneuerten Sturm und
abermaliges Bombardement befürchtete. Doch war
diese Furcht unbegründet.
Fast die ganze vordere Stadt mit der schönen
reformirten Kirche, dem Rathhause, dem Zollhause
u. s. w., nebst dem Eilande, liegt in Schutt und
Trümmer, unter denen es anfänglich schwer hält, sich
zu orientiren. Die Ost- und Westseite des Marktes
stehen, indeß sind die meisten Häuser mehr oder min
der beschädigt, was auch von der Häuserreihe längs
des Mittelburggrabens gilt, wo das Rectorhaus und
der Lombard niedergebrannt sind. — In der Hinter
stadt haben die Kugeln und Granaten stellenweise
große Verheerungen an den Gebäuden angerichtet und
sie mitunter fast unbewohnbar gemacht. Das Elend
und der Jammer ist grenzenlos und die Aussicht auf
den Winter die traurige.
Wer die Stadt vor der Catastrophe gekannt und
jetzt wiedersieht, wird sie von Süden her kaum wie
dererkennen. -- Doch, Gott, der Herr, der Allmäch
tige und Allgütige, der dieses schwere Unglück, diese
Gräuel der Verwüstung zugelassen, wird auch die
armen unschuldigen Schlachtopfer des Krieges helfen
und aufrichten. Und schon jetzt geschieht dieses, nem-
lich durch die Hülse und Theilnahme unserer guten,
braven Nachbaren in Eiderstedt und dem Amte Hu
sum. Bereitwillig und freudig theilen sie mit ihnen
ihre Wohnungen, Pflegen und trösten sie. Von allen
Orten kommen ganze Wagen voll Lebensmittel re.
herbei, um unter den armen kummervollen und noth-
leidenden Ausgewanderten und Hülfsbedürstigen in
der ruinirten Stadt, wo fast Nichts für Geld zu er
halten ist. vertheilt zu werden. Gottes Segen und
das edelste Gefühl des Herzens wird Eure Menschen
liebe, Eure Barmherzigkeit lohnen! Auch in größerer
Entfernung wird diese Trauer-Catastrophe theilneh-
mende Herzen erwecken, um die Noth der obdach- und
erwerblosen Einwohner so lange zu lindern, bis diese
sich wieder in den Stand gesetzt sehen, selbst für Ob
dach und Fortkommen sorgen zu können. Dann wird
auch die Auferstehung der darniedergeschmetterten
Stadt nicht lange ausbleiben, besonders wenn ein
dauernder Friede recht bald wieder seine Segnungen
über uns ausschüttet!
Dasselbe Blatt enthält auch ein offieielles Ver
zeichniß der todten und verwundeten Einwohner, wel
ches folgendermaßen lautet:
Todte:
Die Wittwe Horn.
Friederika Molter.
Marie Bauer.
Die Ehefrau des Schmiedemeisters Hansen.
Wilhelm Bendick, Sohn des Schuhmachers Bendrck.
Carl Michelsen, Sohn von Carl Michelsen.
Mine Josias.
Giesbert Nootbaar's Kind.
Stellmacher Billet älteste- Tochter Henriette.
Ein junger Mensch beim Fuhrwesen, Name unbekannt.
Verwundete:
Büttner und Ehefrau.
Frau Josias mit zwei Kindern.
Carl Michelsen.
Schuhmachermeister Bendick.
Abraham Drews.
Hafenineister Paasch und Tochter.
Zwei Kinder des Stellmachers Bille.
Hollmer aus Seeth, Fuhrknecht.
Die Ehefrau von Giesbert Nootbaar.
Dcput. Bürger Henning Grüdener.
Dessen Frau und Dienstmädchen.
Lorenz v. d. Leck.
Goldarbeiter I. Köhnhack.
I F. Müller.
Schiffszimmermann Hinrich Floris.
Eine fernere Bekanntmachung des dortigen Bür
germeisters gibt die Zahl der abgebrannten Häuser
auf 137 an, die der beschädigten aus 285. Der Ge-
sammtschadeu wird auf 600,000 mĶ geschätzt.
Fa der „Bert. Ztg." fordern auch der Comman
dant Helgesen, der Civricommissair Malting und
mehrere Capitaine zur Einsendung von Berträgen
für die Bewohuer Friedrichstadts ans. Nach der
Correspondenz der „D. Res." hat das kopenhagener
Committee zur Unterstützung für die Bewohner
Friedrichstadts 4000 Thaler m voriger Woche abge-
sandt und es sind bereits an 6000 Thaler an das
Committee eingegangen.
Ä»»s dem Schleswigfchen. Wie schau
derhaft die aus Schleswig ausgewiesenen Deutsch
gesinnten in Kopenhagen behandelt werden, geht u.
A aus Folgendem hervor:
Herr Lorenzen von Wassersleben, in der Nähe
von Flensburg, ein Mann von 64 Jahren saß 10
Wochen im engen Kerker, umgeben von Verbrecher
der gemeinsten Art. Sein Sitz war eine hölzerne
Bank, neben seinem Essen standen blecherne und^hol-
zerne Geschirre zu unflätigem Gebrauche. - seine
Erholung, um frische Lust zu Schöpsen, bestand m
Hin- und Hergehen in einem Stemyofe, 25 schritte
lang, erfüllt mit pcstilcnzialischcn Gerüchen aus 6
großen Tonnen, in welchen der llnrath gesaminelt
Wstï — Ww sehr die Dänen es verstehen, ihre in den
Gefechten gehabten Verlüste zu verheimltchen, dafür
möge Folgendes, verglichen mit den dänischen ofst-
ciellen Verlustlisten dienen:
Das 3. dänische Reserve-Bataillon war nach der
Jdstedter Schlacht ungefähr 980 Mann stark, 245
Mann in jeder Compagnie. — Nach dem Gefecht bei
Missunde, wo dies Bataillon die Deckung der Schanze
und des Brückenkopfes, und durch das Granatfeuer
unserer Batterien sehr gelitten hatte, zählte das Ba
taillon nur noch gegen 600 Mann; — es verlor in
diesem Gefecht 3 Capttäne und mehrere.Lieutenants;
eine Compagnie hatte allein 30 Todte und Verwun
dete. — Wo mögen die 400 Fehlenden aufgeführt
sein; nur eine geringe Zahl derselben ist in den Ver
lustlisten zu finden; ob sie vielleicht zu den Abcom-
mandirten gerechnet werden? (Fr. Pr.)
Kiel, den 17. Oct. So eben komme ich aus
dem «endemischen Consistorialsaale, wo in öffentlicher
Sitzung die so lange hinausgeschobene Publication
des Urtheils in Lafaurie's bekannter Rechtssache statt
fand. Das Urtheil war ein freisprechendes und
zwar in der Weise, daß Lafaurie nicht die Un
tersuchungskosten zu tragen, aber auch keinen Anspruch
auf Entschädigung für die, ihm durch den Proceß
verursachten Ausgaben und Verlüste babe. Der De
fensor Lafaurie's, Obergerichtsadvocat Claussen, er
bat sich sofort eine Abschrift der Erkenntnißgründe
und, wie ich höre, wird Lafaurie sich jetzt mit einer
Forderung auf Schadenersatz an das Oberappellati-
onsqericht wenden. (Fr. Pr.)
—, den 19. Oct. Der von dem Ober-Apella-
tionsgerichte wegen Theilnahme an einem Tumulte
zu acht mal fünftägiger Gefängnißstrafe bei Wasser
und Brod verurtheilte Maurermeister Niebuhr, ein
Complice von Springborn, ist auf seinen desfälligen
Antrag von der Statthalterschaft dahin begnadigt,
daß d'ie erkannte Strafe herabgesetzt ist. (Das Straf
maß ist ans dem Schreiben nicht zu ersehen.) Die
Statthalterschaft hat also, wie auch nicht anders zu
erwarten war, den Antrag der Landesversammlung
auf Amnestie verworfen. (H. N.)
Ehre oder Schande!
Die in Bremen erscheinende „Weser-Zeitung", die
sich besonders angelegen sein läßt, die Sympathie
des deutschen Volkes für unsere Sache zu heben und
aufzumuntern, enthält unter obiger Aufschrift wieder
folgenden Leitartikel:
Der Himmel über Deutschland ist nicht mehr ganz
grau, — einzelne lichte Streifen hie und dort erfül
len die ängstlich nach Licht suchenden Herzen mit einer
leisen Hoffnung auf das wiederkehrende Gold eines
tröstenden Sonnenstrahls. Lange bange Tage hin
durch schauten die Blicke nichts als die farblose, ein
förmige Wolkendecke eines vleischwer lastenden Nebels,
und es gehörte eine freudige Zuversicht, ein lebendi
ger Glaube dazu, um in der beklommenen Lust nicht
zu verzweifeln, um nicht feigherzig die Hände in den
Schooß zu legen und sich zu beruhigen mit dem Seuf
zer: „Deutschland ist verloren!"
Zuerst war es ein blutiges Nordlicht welches die
Nacht durchbrach, das Flammen der Kanonen und
das Brennen der Dörfer und Städte eines kleinen
Heldenvolkes, welches allein von allen Stämmen un
seres Vaterlandes nicht zu leicht erfunden ist in der
Wage, mit welcher die prüfende und strafende Vor
sehung die Nationen wägt. Ein Fleck deutscher Erde
wenigstens war noch vorhanden, auf welchem die große
Zeit große Herzen, die ernsten Geschicke ernsten Muth.
die eiserne Losung eiserne Festigkeit vorfand, auf wel
chem die Phrase zur That wurde, auf welchem Tau
sende willig das Gut und Blut opferten das sie in
besseren Tagen dem Vaterlande gelobt hatten, auf
welchem der Freiheitsspruch der alten Friesen „Lieber
todt als Sklav" von den Enkeln nicht mit Dinte,
sondern mit ihrem Herzbluts unterschrieben wurde.
Kurhessens Stern, der Stern deutschen Rechtsge-
sühles und deutscher Eibestreue, leuchtet, minder ge
waltig, aber fast noch tröstender, neben dem Nord
lichte Schleswtg-Holsteins, des furchtbar gequälten,
todeswunden, blutenden Landes, welches in der bit
tersten Noth und Bedrängnis) doch die Hand nicht
vom Schwerte läßt und mit seinem guten Wahlspruche
„Recht muß doch Recht bleiben", mit diesem Wörtlein,
das alle dräuenden und ränkeschmiedenden Feinde
stehen lassen müssen, sein Jahrhundert, jawohl sein
Jahrhundert in die Schranken ruft.
Denn ist es nicht selbst von seinem eignen Fleisch
und Blut, ist es nicht von uns Deutschen selbst im
Stiche gelassen worden? Haben wir nicht das schwache,
vertrauende unbeschützt semen Drängern, der Uever-
macht des feindlichen Königs, dem Ränkespiel der
großen Mächte preisgegeben ? Vor einem Jahre, als
durch einen schimpflichen Waffenstillstand das Schick
sal des hochherzigsten Bruderstammes besiegelt werben
sollte, glaubten wir die Nemisis der Geschichte auf
unsere Fürsten und Minister herabrufe» zu dürfen,
die so Arges vollbracht hatten. Oie Zeit hat uns
eines Besseren belehrt; sie hat uns gezeigt, daß wir
Alle in gleicher Verdammniß waren, daß wir Alle
des Rnhmes ermangelten, den wir vor Gott und dem
Vaterlande haben sollten. Das Volk selbst, das deut
sche Volke, das so gern sich das erste der Erde nennt,
ratificirte den faulen Frieden durch seine Lauheit uni>
seine Gleichgültigkeit.
Es waren trübe, beschämendeMonate, der August
und September dieses Jahres, als der Mahnruf an
die Nation erging durch die That das gutzumachen,
was ihre Fürsten an den Herzogthümern gesündigt
hatten, und als auf diesen Mahnruf eine so ärmliche
und dünne Antwort erfolgte. Da gab es wohl ein
zelne ehrenvolle Ausnahmen; da waren wohl manche
Landschaften, Städte und Dörfer, die ihre Schuldig-
Lit erkannten, aber das Ergebniß im Ganzen und
Großen war — um das harte Wort herauszusagen
— unwürdig und kläglich. Es schien als sei jener
Zeitpunkt eingetreten, welchen vorahnend im Jahre
1846 die Heidelberger Adresse mit den Worten eines
großen Dichters bezeichnete, der Zeitpunkt, wo die
Nation es verlernt hätte, „die eigne Thür dem Hund
zu wehren" und jeden „Ruhm der Tapferkeit und Po-
itik" zu verlieren.
Diese Monate find vergangen, und wir nahen
uns den großen Tagen der Erinnerung an jene Zeit,
ene rasch vergangene und hernach schmählich verleug
nete Zeit der glorreichen und einträchtigen Erhebung
aller Deutschen wider den fremden Eroberer, jener
Zeit der allgemeinen Begeisterung und Opferfreudig
st, in welcher die Reichen ihre Schätze, die Armen
ihr Blut und selbst die Frauen und Jungfrauen ihre
Kräfte dem heiligen Kampfe für die Ehre und Frei
heit des Vaterlandes weihten; in welcher ein Geist
alle beseelte, ein Ziel allen vorleuchtete, ein Heiliges
allen das Heiligste war. Und fast scheint es, daß
diesmal das alte Wort nicht zu Schanden werden
soll, welches die Hoffnung eine Tochter der Erinnerung
nennt. Es regt sich in diesen Tagen eine Stimmung
im Volke, welche uns der Beschämung überheben will,
den 18, October 1850 mit Klagen und in Zerknir
schung zu begehen.
Freilich wollen wir nicht die kleinen Anzeichen
einer besseren, frischeren Stimmung, welche hie und
da emportauchen mit der gewaltigen Brunst natio
naler Begeisterung vergleichen, welche im Jahre 1813
die Schmach des deutschen Namens sühnte, aber wir
hoffen deshalb, weil wir eben uns erinnern, daß auch
damals Großes aus kleinen Anfängen entstand, daß
auch damals Viele am Vaterland verzweifelten, viele
kluge Leute der Patrioten als armer Schwärmer spot
teten, viele Engherzige sagten wie heute: „Es hilft
doch nichts", — und es half doch, und das Vater
land wurde dennoch gerettet. Hatte doch selbst der
große Göthe den Freiheitskämpfern kopfschüttelnd das
bedächtige Wort zugerufen: „Der Napoleon ist euch zu
mächtig", und wenige Monde nachher hatte die Leip
ziger Schlacht dem Zweifler die donnernde Antwort
gegeben. Sperrten doch damals wie heute die Kö
nige und Fürsten sich gegen den Anschluß an die
nationale Sache; mußte doch selbst Friedrich Wilhelm
von Preußen von der damaligen deutschen Partei,
von einem stein, einem Scharnhorst, einem Gneife-
nau förmlich gezwungen, fortgerissen werden in den
Kampf. Glaubt mau, daß die Volksstimme im Jahre
1850 minder mächtig ist, daß sie nicht auch heute
noch im Stande wäre, vie Regierungen zu zwingen
ihre Schuldigkeit zu thun? O gewiß, sie ist stark
genug, wenn nur hinter der stimme der ernste männ
liche Wille steht, wenn nur das Wort zur That, wenn
nur der Anwalt zum Helfer wird. Jetzt lacken Für
sten und Minister der Volksstimme, und sie haben
Recht gehabt es zu thun, denn das Volk hat für sein
Theuerstes nicht viel mehr einzusetzen gehabt als das
tönende Erz und die klingende Schelle der Phrasen.
Wer mit Engelszungen redet und hat der Liebe nicht,
der predigt umsonst.
Wohlan, jetzt gilt es die Liebe zu besiegeln durch
die That, die Liebe, welche die Herzen der Kalten
und Gleichgültigen, der Spötter und Zweifler rührt
und umwendet, welche mächtiger ist als alle Macht
der Welt. Es gilt einen großartigen, unwiderleg
lichen, siegreichen Beweis, daß das deutsche Volk sei
nen Brüdern in Schleswig-Holstein geholfen wissen
will, baß es ihm Ernst ist um diese Sache, daß es
sich ein Recht erwerben will sich des Sieges mitzu
freuen, oder — wenn nach Gottes unerforschlichem
Rathschluffe die gute Sache unterliegen soll — das
Recht den Vaterlandsverräthern zu fluchen.
So lange die Masse des Volks in blöder Gleich
gültigkeit da lag und nicht zu ahnen schien, daß um
sein Heil, seine Ehre, seine Freiheit gerungen werde,—
so lange konnte der Einzelne sich entschuldigen, wenn
er sagte: „Ich gebe nichts, — was hilft die Spende
des Einzelnen, wo die Hand der Menge verschlossen
bleibt? Jetzt gilt diese Ausslucht nicht mehr.
Die Menge ist zu einem Gefühle ihrer Pflichten er
wacht; der Anfang zum würdigen Handeln ist auf
dem Vereinstage zu Hannover gemacht worden, und
Bremen hat sich beeilt die Ehren des Erstlings
opfers zu gewinnen. In diesem Sinne unternommen
und durchgeführt, wird unsere Hülfe helfen;
sie wird helfen, nicht allein den Kämpfern an der
Eider die Kriegslast zu erleichtern, sondern auch unt>
noch viel mehr dem feindseligen Auslande und den
lauen Regierungen in schwerer, klingender Münze den
Beweis zu geben, daß Schleswig-Holstein und Deutsche
land zu einander halten wollen.
Wer darum heute noch zurückbleibt mit seinem
Opfer, wer heute noch sich hinter die Ausflucht ver-
kriegt: „Es hilft doch nicht!" oder „Ich kann mich
für diese Sache nicht interessiren", — der brandmarkt
sich selbst mit dem schmutzigen Flecken des Geizes
%