Jahrgang.
M 103.
Von tiefem Blatte erscheint
des Wochenblatts in Rendsburg,
ist für Jntereffenten, denen es hier
nntlcni machen, ist der Preis vierteljährlich
Mittwoch den 25. December
1850.
Tagesgesehichte.
• n« I -
F V a it f r e i ch.
rtiicW, den 13. Dec. Sämmtliche deutsche
Flüchtlinge, welche von der Grenze hieher internirt
waren, haben durch dcir Präfecten die Weisung er
halten unverzüglich von hier nach Nantes abzureisen;
nur Einer, Franz Raveaux aus Köln, macht hiervon
eine Ausnahme, indem man ihm nicht erlaubt hat
bei seinen Schicksalsgenossen zu verbleiben. Derselbe
ist nämlich angewielen worden unverzüglich die Reise
nach Pan (an der spanischen Grenze) anzutreten.
Niemand hat erfahren können welches die Motive
find die das Ministerium bewogen, mitten im Min
ier cine^ so harte Maßregel in Vollzug zu setzen.
Die hiesigen Behörden haben sogar erklärt daß die
deutschen Flüchtlinge sich durch ihr ruhiges, gesitte
tes Betragen die Achtung der Einwohnerschaft und
die Zufriedenheit der Behörden erworben hätten.
Da den meisten Flüchtlingen von der Regierung hier
ein ruhiger Axrşèuthgli—üewt lltj-ļ t—, V
haben auch fast alte ihre Familie kommen lassen, um
sich häuslich einzurichten, und auf längere Zeit Mieth-
und andere Contracts mit hiesigen Einwohnern ab
geschlossen. Nicht ein einziger von ihnen ist vorbe
reitet, um eine Reise von 200 bis 25O Stunden
so plötzlich antreten zu können, und so haben sie
denn alle ohne Ausnahme schriftlich dem Ministerium
des Innern, Herrn Baroche, eine energische Prote
station gegen diese unmenschliche Maßregel einge
reicht. Die Flüchtlinge sind entschlossen nur der
Gewalt zu weichen, was ihnen wahrscheinlich den
Nachtheil zuführen wird — wie es bereits anderen
geschehen — durch Gensdarmen an der Verbrecher
kette von hier abgeführt zu werden. Die hiesige
Einwohnerschaft, welche sich bis heute sehr indifferent
gegen die Flüchtlinge gezeigt, hat unerwarteter Weise
Partei sur dieselben genommen. Es circuliren Pe-
titionen und Adressen zu Gunsten der Flüchtlinge
in der Stadt, welche mit Unterschriften aller Stände
und Meinungsverschiedenheiten bedeckt sind Die
Entrüstung ist allgemein, und die Unterhaltung in
'den Restaurationen und Kaffeehäusern ist beinahe
diesem Gegenstände gewidmet.
Nņfillņd m»d Polen.
Lt. Petersburg, Len 28. Nov. Gestern vor
8 Tagen wurde endlich' die neue stehende Newabrückc
feierlichst eingeweiht. Nachdem die russische Priester
schaft sie am Morgen eingesegnet hatte, ging der
Kaiser um etwa 2 Uhr hinüber. Jhnr folgte seine
große Siiite, dann die Kaufmannschaft und zuletzt
alle Zuschauer, so daß binnen einigen Minuten wobt
50,000 Menschen die Brücke passirten. Der Kaiser
hatte gewünscht, daß Jeder ihm folgen möge. Als
er an der Seite von Wassily Ostr. bei der fünften
Linie anlangte, wurde er von etwa 30,000 Mensche»
mit emem Hurrah begrüßt, und in bester Laune wie
es schien, kehrte er in seiner Kalesche mit dem Thron
folger über die Brücke »ach dem englischen Kai zurück
Seit diesem Augenblick ist die Brücke dein Publicum
sowohl für Wagen als für Fußgänger eröffnet lind
bietet dem Verkehr eine große Erleichterung. Sie ist
ein imponirendes Bauwerk, das namentlich am Abend
beim Schein der Gaslaternen, deren sich 22, jede mit
30 Flammen, auf der Brücke finden, sich prächtig
genug ausnimmt.
îiinc m a V k.
Kopenhagen, den 18. Dec. Die „Berling.
Ztg." lagt, es bestätige sich, daß man von'deutscher
Seile durch vergebliche Unterhandlungen die schl.-
holst., Sache tu ine Länge ziehen wölle. Es scheine
als ob man den Insurgenten Zeir zu einem neuen
Angriffe lassen wolle, um nach dessen glücklichen oder
unglücklichen Ausfall das weitere Verhalten einzu
richten.
Deutschlands Dazwischentreten werde nichts als
Zeitverschleppung, die ungeschwächte Fortdauer des
Aufruhrs und noch mehr Blutvergießen bewirken.
Dänemark müsse daher seine Armee nicht nur redu-
ciren, sondern es müsse ein starkes Reservecorps sam
meln, theils um auf jeden Angriff gefaßt zu sein,
theils um seinen Sieg auf das Gebiet hinein ver
folgen zu können, wovon jeder ausgeht.
—, den 15. Dec. -Unsere Blätter melden nach
dem Vorgänge der norwegischen den Tod des Prof.
Sverdrup, de,sen Name in der Geschichte der Grün
dung des norwegischen Grundgesetzes eine hervorra
gende Stelle einnimmt. Sverdrup war es, der den
schon schwankenden Prinzen Christian unsern nach,
maligen König Christian des Achten zur Annahme
der norweg. Verfassung bewog.
—, den 20. Dec. Die Blätter bringen durchaus
keine Neuigkeiten. „Kjöbenhavnsposten" will mit Rück
sicht auf di« verwlält-n Vexbältnlffe in Deutschland
vuß Dänemark mtt bestimmten Vorschlägen hinsicht
lich Holsteins und Lauenburgs hervortrete, damit
diese Angelegenheit nicht länger mit den deutschen
Wirren in Verbindung bleibe.
— Das Kriegsdampfschiff „Geyser", das vor
einiger Zeit von Husum »ach England gegangen
war, um daselbst einen neuen Kessel zu erhallen,
ist vorgestern von dort wieder zurückgekommen und
nach der Ostsee abgegangen.
— Der pseudo-österreichische Ofsicier Zovannovich
ist geheilt und an die Polizei abgeliefert.
Deutschland.
Wien, den 14. Dec. Zn Betreff der schlesw.-
holstcinischen Frage sucht die österreichische Politik
sich diese Gelegenheit zum Vortheil ihres angestreb
ten mitteleuropäischen Handelsbundes zu Nutzen zu
machen, indem sie die eigentlichen Streitpunkte be
züglich des Erbfolgerechts und der gemeinsamen
staatsrechtlichen Vervindung der Herzogthümer fallen
läßt, und dafür einzig den Eintritt des dänischen
Gesammtstaats in den erwähnten Zoll- und Han
delsverein als Bedingniß stellt. Dem Vernehmen
nach hat das hiesige Cabinet dem Kopenhagener Hof,
im Einverstandniß mit Rußland, bereits die dahin
abzielende Proposition gestellt, die um so leichter an
genommen werden Dürfte, als die dänische Krone da
mit Alles erreicht hätte, was sie nur wünschen mag,
um die Meinung der Eiderdänen aber scheinen die
Diplomaten sich gar nicht zu bekümmern; der deut
schen Nation hingegen würde die,e Abfindung däni
scher Herrscherlust mittelst einer Handels-Einigung
als eine friedliche Eroberung von unberechenbarer
Tragweite dargestellt werden, da in Folge der com-
merciellen Verschmelzung die Germanijirung des dä-
nischen Festlandes reißende Fortschritte machen würde,
statt daß eine Danisirung Schleswigs stattfinden
könnte, llebcrall will Oesterreich die materiellen In
teressen an die Stelle der nationalen Idee setzen und
den Handelszweck zunr Mantel dynasti,chen Ehrgeizes
machen.
Berlin, den 18. Dec. Die „Deutsche Reform"
welche ihren Nameir wie Duo« a "»>> Luceiulo führt,
namentlich auch weil sie ein ganz unverantwortliches
Deutsch schreibt, hat Befehl erhallen aus die gewalt
same Weise der Pacificirung Schleswig-Holsteins vorzu
bereiten. Sic beginnt heute mit scheinheiligen Er
klärungen ihrer innigsten Sympathicen für „einen
edlen, tapferen, von wenigen Ehrgeizigen gcmißbrauch-
ten Botksstamm." Cs ist das alte Lied dgs früher
Bezeichnung: „An die Expedition
>en. — Der Preis dieses Blattes
welche Bestellungen bei den Post-
nuraP „Kreuzzertung" zu singen frech aenug war.
Ob dih „Deutsche Reform" auch den König von Preu
ßen zu-.den „wenigen Ehrgeizigen" rechnet? Den»
bekanntlich verfechten die Herzogthümer noch ganz
genau die nämlichen Rechte welche im April 1848
Friedrich Wilhelm der Vierte feierlich anerkannte,
nicht mehr und nicht weniger. Jetzt haben die
„Schleswig-Holsteiner" mit einem Male „große und
zahlreiche Irrthümer" sich zu Schulden kommen lassen:
— es ist ein altes Sprichwort: wenn der Hund
Schläge haben soll, so hat er Leder gefressen.
Die „Neue Preußische Zeitung"' rückt mit der
Sprache immer offener heraus. Sie erklärt heute
daß für ganz Deutschland das Steuerverweigerungs-
recht der Kammern und die Verbindlichkeit der Vcr-
fassungseide, nöthigensalls mit den Waffen in der
Hand, zu reguliren sei. Nach ihrer Meinung dürfen
die Kammern nie das Geld verweigern, welches zur
Ausübung der Regierungsrechte erforderlich ist, also
z. B. zu einem Kriege, sondern nur dasjenige welches
für neue Anlagen, Eisenbahnen u. s. w. verlangt
wird. Was den Verfassungseid anlangt, so soll
vcr- ll-ncvgevrvneien Beamteil
immer durch die des vorgesetzten absorbirt werden
Steucrverwelgerung der Kammern aber ohne Weite
res den Regenten seines Berfaffungseides entbînben
Nur so tonne man einer Wiederholung des hoch-
verrätherischen Spieles" in Kurhessen und Deutsch
land vorbeugen. Die „Kreuzzeitung" ist also scham
los genug zu lnslnruren daß in Kurhessen der Eid.
bruch der Minister eine Folge ständischer Steuerver-
Weigerung gewesen sei.
— Die „Neue Preußische Zeitung" sagt: „Da
die Angelegenheit wegen der Commissärien in Hessen
und in Schleswig-Holstein immer wieder von den
Blättern im verschiedensten Sinne dargestellt wird,
so wiederholen wir, daß der Wirkt. Geh.' Rath von
Schleinitz das Cominissorium für Kassel und nur
dies abgelehnt hat. Ueberhaupt ist nie daran gedacht
worden, beide Commissarien in die Hände eines dies,
fettigen Commissarius zu geben. Die für Hessen be
stimmten Couimissarien sollten von ihren resp. Re-
gierungen nur beauftragt werden, sich daselbst auch
mit der holsteinischen Frage zu beschäftigen zur Vor
bereitung für die Conferenzen in Dresden."
—, den 20. December. Die bereits von Berli«
»er Blättern gemeldete Ernennung des Generals v.
Thümen in Glogau zum preußischen Commissar für
Holstein bestätigt sich. Hinsichtlich des österreichischen
Commissars scheint die Ernennung noch nicht erfolgt
zu sein, doch dürfte dieselbe, nachdem Preuße» da
mit vorgegangen, wohl nicht lange mehr ans sich
warten lassen.
Berlin, den 20. Dec. Die „Rat. Z." spricht
sich über Oesterreichs Politik in der schlesw. Frage,
ohne Zweifel völlig zutreffend, aus, wenn sie be
merkt: „Wir haben bereits öfrer darauf hingewiesen,
daß Oesterreichs Plänen nicht blos eine Einverleibung
Schleswigs, sondern selbst Holsteins in den dänischen
Gesammtstaat entspricht. Oesterreich erkennt sehr
richtig, wie durch eine solche Incorporation Nord-
Deutschland verstümmelt, uiid namentlich Preußen
gelähmt und an der Wiederausnahme der Idee eines
„norddeutschen Sonderbundes" gehindert wird, des
halb wurde die sofortige Execution in Frankfurt ver
fügt, gegen den Inhalt der Fliedensbedingungen,
nach welchem zuvor der König von Dänemark seine
Absichten über die künftige Gestaltung der Verhält
nisse Holsteins darzulegen hatte... Oesterreich scheint
die Prätensionen Dänemarks im Geheimen eher zu
schüren, als ihnen entgegenzutreten. Wenigstens wird
in den von oben inspirirten Kreisen bereits in Wien
überall gepredigt, daß die Einverleibung Holsteins in
den dänischen Gesammtstaat ein nicht geringer Ge-
tvinn sür Deutschland sei, well dadllrch ndshwendtg