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Dem Rendsburger Wochenblatt tvird
„Der Landwirth"
(Zeitschrift für die politischen u. socialen Interessen
der Landwirthschast) gratis beigegeben.
Ülo. 137.
Donnerstag, den 15. Juni
1899.
Morş«euŞLŗichLe
B e r l i n, 13. Juni. Gegenüber dent
tendenziösen Bericht eines englischen Blat
tes über eine Rede, die der deutsche Dele-
girte Professor Dr. Zorn in der Sitzung
der dritten Kommission der Friedenskonfe
renz im Haag vom 9. d. M. gehalten hm
Den soll, ist die „Nordd. Allg. Ztg." in der
Lage, festzustellen, das; sich, Professor Dr.
Zorn darauf beschränkt hat, Folgendes zu
erklären: Der Gedanke eines permanenten
Tribunals zur Entscheidung von Staats-
streitigkeiten habe schon viel Geister be
schäftigt und entbehre vielleicht nicht einer
gewissen Größe. Er enthalte aber auch Ge
fahren und diese Gefahren seien unter Um
stünden eher geeignet, den Krieg als den
Frieden zu fördern. Nach seiner Ueber
zeugung werde die deutsche Regierung diese
Gefahren als überwiegend betrachten und
ans den Gedanken eines permanenten Tri
bunals nicht eingehen. Wohl aber würde die
kaiserliche Regierung den ursprünglichen
russischen Entwurf in dem — Artikel 13
—, nur ein von Fall zu Fall nach Ucber-
einkunft der streitenden Theile zu bilden
des Schiedsgericht vorgesehen sei, vielleicht
annehmen können. Darum müsse er for
mell die Wiederherstellung des ursprüngli
chen russischen Entwurfes, Artikel 13, be
antragen, vorbehaltlich anderweitiger Re
daktion.
Berlin, 13. Juni. Die Vertagung
des Reichstages ist für den Anfang der
nächsten Woche in Aussicht genommen und
man glaubt, hier, daß der Vertrag mit
Spanien über den Ankauf der Südsee-Jn-
seln von den Cortes bis dahin genehmigt
sein wird, sodaß derselbe im Reichstage noch
vor der Vertagung erledigt werden könnte.
Berlin, 14. Juni. In Schmargen
dorf versuchte die geschiedene Frau Buch
wald aus Schöneberg die G a t t i n i h r e s
Geliebten, des Gerichtsschrcibers Gu
stav 5z a h n zu erstechen, um sich die Mög
lichkeit zu schaffen, daß sie ihren Liebhaber
heirathen könne. Die Verletzungen der Frau
Hahn sind glücklicherweise nicht lebensge
fährlich. Hahn und seine Geliebte sind ver
haftet worden.
Berlin, 13. Juni. Ter A r b e i t ge
be r b u n d für das Maurer- und Zimmer
gewerbe hat in einer am heutigen Vormit
tag im Architektenhause abgehaltenen, von
liber 400 Personen besuchten Versammlung
einstimmig beschlossen, von morgen (Mitt
woch), 1.4. d. M., ab die Maurerarbeiten
auf allen Bauten in Berlin und Umgebung
e i n z u st e l l e n und sä w ra tliche
Maurergesellen zu entlassen.
Der Streik des Bundes wird so lange dau
ern, bis die Gesellen von ihrer letzthin ge
machten Lohnforderung (65 Pfennig pro
Stunde) bei neunstündiger Arbeitszeit zu
rückgetreten sind.
Halberstadt, 13. Juni. In der
heutigen Sitzung des Schwurgerichts ver
schied plötzlich bei der Rechtsbelehrung der
Vorsitzende, Landgerichtsrath Freiherr von
Berg. Der Tod trat in Folge eines Schlag
anfalls ein.
Köln, 13. Juni. Die „Köln. Ztg."
kann nach eingezogenen Erkundigungen die
Meldung, daß die deutsche Regierung sich
auf der Friedenskonferenz gegen
über dem Antrage auf Einsetzung eines stän
digen Schiedsgerichtshofes ablehnend ver
halte, als unbegründet bezeichnen. Deutsch
land stehe zunächst durchaus auf dem Bo
den, des Artikels 8 des den Berathungen zu
Grunde gelegten russischen Arbeitspro
gramms, durch den die Einsetzung von
Schiedsgerichten von Fall zu Fall geregelt
wird. Darüber hinaus haben England und
andere Staaten die Einsetzung eines ständi
gen Schiedsgerichts in verschiedener Form
beantragt, die indessen an dem Fehler lei
den, das; ln denselben keine Bestimmungen
vorgesehen sind, welche die unbedingte Un
parteilichkeit des Schiedsgerichtshofes den
streitenden Staaten gegeüüber gewährleistet.
Sobald diese Garantie gegeben worden fei,
könne auch Deutschland dem weitergehenden
Vorschlage zustimmen.
M a n n h e i m, 13. Juni. Große Ex
cesse haben heute Nacht wegen Verhaftung
revoltirender norddeutscher Zimmergesellen
stattgefunden. Es hatten sich gegen 5000
Personen angesammelt. Der Schutzmann-
schaft und der berittenen Gendarmerie ge
lang es nach dreistündiger angestrengter
Thätigkeit, die Ruhe wieder herzustellen;
51 Personen wurden verhaftet, ein Soldat
gemißhandelt.
Oberwesel,> 13. Juni. In vergan
gener Nacht entgleiste in Folge Schienen-
brnchs der Schnellzug Ostende-Wien. Per
sonen sind nicht verletzt, Materialschaden
liegt nicht vor. Die Verkehrsstörung dürfte
noch heute behoben sein.
Wien, 13. Juni. In Triest wird ganz
bestimmt erzählt, daß die Familie Dreyfus
durch einen Vertreter mit Eapitän Toma-
sevic wegen der Miethe einer diesem gehö
rigen Villa in Lapod bei Gravosa unter
handele.
Wien, 13. Juni. Tie ungarischen Mi
nister sind nach Budapest abgereist.
Bern, 13. Juni. Der 28jährige Li
thograph Reichmann aus Wien, seit zwei
Jähren in Bern wohnhaft, ist bei Bestei
gung des Stockhornes (Berner Oberland)
abgestürzt und war sofort todt. Er hin
terläßt betagte Eltern in Wien.
Paris, 13. Juni. Graf Christiani,
der Loubet beini Rennen mit dem Stocke
schlug, ist zu vierjährigem Gefängniß ver-
nrtheilt.
Paris, 13. Juni. Das auf vier
Jähre Gefängniß lautende Urtheil gegen
den Grafen Christiani hat unter der Zu-
hörerschaft, die sich! zumeist aus Angehöri
gen der hohen Aristokratie zusammensetzte,
größte Bestürzung hervorgerufen. Allge
mein hatte man geglaubt, daß ein mildes
Urtheil gefällt werde, besonders, nachdem
Christiani erklärt hatte, er wäre im Augen
blick der That nicht recht bei Sinnen gewe
sen. Die republikanischen Blätter begrü
ßen das Urtheil mit großer Befriedigung.
Paris, 13. Juni. Die repnblikanische
sozialistischen Mitglieder der Kommission zur
Vertheidigung der republikanischen Prinzi
pien waren den ganzen Abend versammelt,
um etwaigen Kundgebungen der Reaktion
vorzubeugen. Die Sozialisten durchzogen
die Straßen und bereiteten eine Kundge
bung vor der „Aurore". Vor den Lokalen
der „Libre Parole" sind des „Jntransigeant"
stießen sie feindliche Rufe auf die Armee
ans. Die Polizei zerstreute die Kundgeber
ohne weitere Zwischenfälle.
K o n st a n t i n o p e l, 13. Juni. Der
Direktor der Gruben in Kassandra Cheval-
lier ist von Räubern entführt worden.
M linffferfrip in Frankreich.
Das rasche Ende, das die Ministerherr
lichkeit des Herrn Tupuy genommen hat,
ist durch eine Coalition der zahlreichen Geg
ner herbeigeführt worden, die er sich durch
seine vielfach schwankende Haltung wäh
rend seiner Amtsthätigkeit erworben hat.
Den Ausschlag bei dem gestrigen Kammer-
votum gaben die Sozialisten, denen das ge
waltige, polizeiliche und militärische Machl-
aufgcbot des Ministerpräsidenten am Renn
tage von Longchamps unnöthig und gefähr
lich erschien. Auf ihrer Seite herrscht daher
über, den Rücktritt des Kabinets begreif
licher Jubel, der von den Radicalen, so
wie allen Revisionsfreunden getheilt wird,
während die übrigen Gegner des gestürzten
Ministeriums keinen Anlaß zur Freude ha
ben, weil die neuen Männer ihrer Richtung
sich kaum zugänglicher erweisen dürften, als
die alten.
Diese Stimmungen kommen heute auch in
der Pariser Presse überwiegend zum Aus
druck. Wie von dort telegraphirt wird,
schreibt der Figaro, der Stockschlag gegen
Loubet sei der Todesstreich für Dupuy ge
wesen. latin sagt, Dupuy habe zu ge
schickt erscheinen wollen, indem er es be
ständig mit beiden Parteien zu halten suchte.
Der Petit Parisien meint, nachdem Dupuy
nacheinander verschiedenen Parteien miß.
fallen habe, konnte er auf das Vertrauen
von Niemanden mehr rechnen. Das Land
fordere eine Regierung, welche sich auf die
Republikaner stütze und die ihr obliegenden
Pflichten fest erfülle. Rappel erklärt, daß
mit Dupuy die Schaukelpolitik, die Poli
tik der persönlichen Interessen verschwinde,
welche ebenso sehr der Republik wie dem
parlamentarischen Regime geschadet habe.
— Biviani spricht in der Petite Republique
seine Freude über den Sturz des Kabinets
aus, welcher den republikanischen Sieg vom
Sonntag vervollständige. Dieser Sieg sei
das Werk der Sozialisten. In radikalen
Kreisen wird erklärt, daß die Verstimmung
gegen Dupuy hauptsächlich durch die um
fassenden militärischen Maßnahmen am
Sonntag hervorgerufen wurde, die Maß
nahmen Hütten den Anschein erweckt, als
ob der Präsident der Republik das Ely-
see nur unter dem Schutze von 30 000
Mann verlassen könne. Die Besorgniß, Du
puy könne es darauf abgesehen haben, mit
derartigen Maßregeln die Stellung Lou-
bets zu compromittiren, habe die repnblika-
nischen Kreise veranlaßt, die gegen die Re
gierung gerichtete Tagesordnung anzuneh
men. —
Das neue Kabi n e t dürfte, wie nach!
dem Gange der gestrigen Abstimmung nicht
anders erwartet werden kann, aus Männern
der Linken zusammengesetzt werden. Im
Vordergründe der Combinationen stehen
B r i s s o n und Waldeck-Roussea u.
PàmàŞ NchŞņ.
Der Reichstag genehmigte in seiner gestrigen
Sitzung zunächst den Gesetzentwurf betreffend die
Verwendung non Mitteln des Reichs-Jnvaliden-
sonds, ohne jede Discussion in dritter Lesung.
Bei der hierauf folgenden dritten Berathung des
Hypothekenbankgesetzes erhob sich eine längere
Generaldiskussion, in welcher die Abgg. Gamp
(Rp.), Schrader (şreis. Vgg.), v. Strombeck (Ctr.),
v. Loebell (cons.), Munkel (frets. Vp.) u. A. noch
mals Namens ihrer Parteien deren Bedenken
gegen einzelne Bestimmungen des Gesetzes dar
legten, dabei indessen erklärten, daß sie mit Rück
sicht auf die Geschäftslage des Hauses von der
Stellung von Anträgen absehen und der Enbloc-
Annahme des Gesetzes nicht widersprechen würden.
Diese erfolgte hierauf.
Ausland.
Außereuropäische Gebiete.
Newport, 13. Juni. Wie aus den
Staaten Wisconsin und Minnesota ge
meldet wird, hat dort ein verheerender
Wirbelwind gewüthet. Am meisten
litten die Ortschaften New-Richmond und
Hudson in Wisconsin und Hastings in
Minnesota. In New-Richmond sollen
150 Menschen umgekommen sein.
Kairo, 13. Juni. Der Prinzessin
Chimay schöner R i g o sollte nach einer
Meldung, die über Wien den Weg in die
deutschen Blätter gefunden hatte, in
Aegypten an der Pest gestorben fein.
Rigo und Clara Ward befinden sich ganz
im Gegentheil „wohlauf". Sie bekommt
also keinen neuen Rigo.
Oesterreich-Ungarn.
Bekanntlich wurde in Grau die Bonne
Laura Heinz verhaftet, weil sie den
Kindern des Grafen Hadik -
Barkoczy vergiftetes Konlpot
gab, durch dessen Genuß die armen Kleinen
den Tod fanden. Man vermuthete zuerst,
daß Laura Heinz zu dem Morde gedungen
wurde, welche Annahme jedoch durch die
Erhebungen der Budapestcr Polizei sich
als hinfällig erwies. Dagegen verhält es
sich mit dem fürchterlichen Verbrechen nach
dem „W. I. E." wie folgt: Dje Bonne
hatte vor mehreren Jahren ein intimes
Verhältniß mit einem Ingenieur, das
nicht ohne Folgen blieb. Nachdem sie
Mutter geworden, tödtete fje ihr
Kind, worauf sie zu zwei Jahren
Gefängniß verurtheilt wurde. Nach
verbüßter Straser wandte sich das Mädchen
nach Oedenburg, wo sie bei der Familie
Almasy, die selbstverständlich keine Ahnung
von dem Borleben der Heinz hatte, eine
Anstellung erhielt. Sie führte sich so gut
auf, daß sie an die Familie Hadik-
Barkoczy empfohlen wurde, wo sie gleich
falls das allgemeine Vertrauen genoß.
In das sehr schöne Mädchen verliebte sich
ein Wirthschaftsbeamter, und abermals
fühlte es sich Mutter. Um ihren Zustand
zu verbergen, wollte die Bonne, daß die
bo) Der Spiritî
Roman von Walther Bes ant.
Vom Verfasser zur Übersetzung genehmigt.
(Alle Rechte vorbeh.)
„Wir sind Ihnen so tief verpflichtet, daß
ich glaube, ich darf mir die Freiheit nehmen,
mit Ihnen über Ihre jetzige Lage zu sprechen.
Da Sie aufgehört haben, zu — zu mani -
festircii, hat Frau Brünninghaus zu wünschen
aufgehört, daß Sie Ihren 'Besuch hier noch
länger ausdehnen. Vermuthlich wird sie
selber Ihnen das recht bald sagen. So
werden Sie also von uns fortgehen. Sie
haben mir das Recht gegeben, zu fragen,
ob wir Ihnen in irgend welcher Weise Ihren
Weg ebnen können — ob Sie, um es kurz
zu sagen, reich sind oder nicht."
„Gestern Morgen , sagte Paul, „würde
ich geantwortet haben, daß ich ausreichend
Mitte lbesäße. Heute Nachmittag kann ich
?hnen sagen, daß ich nur ein einziges Gold
stück außer einer Menge nutzloser und
kostspieliger Sachen, die ich verkaufen oder
versetzen kann, um mit dem Erlös meine
Rückreise nach Amerika zu bezahlen."
„Und dann?"
„W ester weiß ich nichts. Ich muß vor
Allem hier fortkommen, und ich muß auch
Fanny mit mir nehmen."
„Mein theuerer Paul, Sic müssen etwas
von uns annehmen."
„Nein, Theodor. Wenn ich für mein
ganzes übriges Leben keine andere Aussicht
als Steineklopfen hätte, würde ich doch das
Geld von irgend Jemand aus diesem Hause
nicht annehmen. Ich könnte es nicht. Sie
müssen doch den Grund begreifen!"
„Ich glaube, ich begreife ihn. Dann
lassen Sie uns Ihnen Geld leihen."
..Ich würde lieber sterben, als von Ihnen
Geld borgen." Er sprang auf und eilte
ans Fenster. Theodor glaubte, etwas wie
ein unterdrücktes Schluchzen zu hören und
verharrte deshalb eine Zeit lang schweigend.
„Ich habe seit einigen Tagen bemerkt",
fuhr er dann fort, „daß Sie sehr unglück
lich aussehen. Sind Geldsvrgen die Ver
anlassung dazu?"
„Vielleicht! Aber sprechen wir von etwas
Anderem."
„Wenn Sie es denn durchaus nicht anders
wollen — und doch bildet das Geld zu allen
Zeiten einen sehr wichtigen Untcrhaltungs-
gegenstand. Ich sprach davon, wie ich Sie
unablässig beobachtet hätte. Möchten Sie
gern hören, was ich dabei entdeckt habe?"
Paul wurde ganz blaß; sogar aus seinen
Lippen wich alle Farbe. „Ja", stammelte
er, „daS möchte ich gern hören."
„Als ich über die wunderbaren Manifesta
tionen deö ersten Abends nachzudenken be
gann — die bei Weitem das Beste ihrer
Art waren, so viel ich wenigstens davon
gesehen —, führte ich Sie zuerst ebenso wie
unser Freund Emanuel Schick auf mesmerische
Kraft, Magnetismus oder Hypnotismus zu
rück. Dann begann ich die einschlägige
Literatur, die freilich viel Lügen enthielt,
gründlich nachzulesen und auf dem Labora-
toriuni Versuche anzustellen. Es gelang mir,
einige Studenten zu hypnotistren und sie
allerlei Ding- thun zu lassen. Sic sehen,
ich war auf dem richtigen Wege."
Paul antwortete nichts.
„Dann machte ich eine weitere Entdeckung.
Ich überzeugte mich, daß die Taschen
spierkunst in Verbindung mit hypnotische
Kraft einen Mann in den Stand setzt, bei
nahe alles Denkbare zu vollbringen. Hier
aus erklärte sich, wie die Mädchen sagten
und sahen, was Ihnen gefiel, wie die Päckchen
von der Decke herunterkamen und weshalb
die Bilder die Gedanken der Mädchen dar
stellten."
„Fahren Sie fort."
„Ferner fand ich ausreichende Beweise
dafür, daß man durch den Hypnotismus
auf viele Leiden heilkräftig einwirken kann,
und daß Jemand, der diese Kraft genügend
entwickelt hat, einen Andern veranlassen
kann, alle möglichen Dinge zu thun, deren
er sich nachher nicht erinnert."
„Das ist Alles vollkommen wahr."
„Dann kommen Sie mit mir, Paul, und
ich werde Ihnen noch etwas Weiteres zeigen."
Er ging ihm voran, eine Treppe hinauf,
die nach dem Dache führte. Auf dem Dache
stand eine Art von kleinem Zelt. „Kommen
Sie hier herein."
Paul folgte ihm. Die Leinwand fiel über
dem Eingang zurück, und sie waren Beide
in völligem Dunkel.
„Dies Zelt", sagte Theodor, „ist eine
Camera obscura, und zwar so eingerichtet,
daß sie vollen Ausblick auf einen Ort ge
stattet, mit dem Sie besonders vertraut sind.
Sehen Sie!"
Der kleine Tisch, welcher im Zelt stand,
leuchtete plötzlich niit einem farbigen Bild
hell auf. Das Bild stellte Herrn Cyrus
Brünninghaus in seinem Studirzimmer dar.
Er saß auf seinem Schreibsessel vor seinen,
Tisch, Papiere und Briefe lagen vor ihm;
aber er beschäftigte sich nur damit, mit
seinem Pince-nez auf seine Knöchel zu klopfen.
„Erkennen Sie den Ausdruck in seinem
Gesicht?" flüsterte Theodor. ,,Jch habe
denselben wer weiß wie oft gesehen. Er
verkündet Zweifel und Enlmuthigung."
In diesem Augenblick erhob sich Herr
Brünninghaus von seinem Sessel und be
gann, im Zimmer umherzugehen.
„Er denkt daran, was der alte Bär von
Ihrer Fähigkeit sagte, sich dies und das
zusammenzureimen. Seine Seele ist voll
von dem Argwohn, daß Sie den Stand
der Ackien-Gesellschaft in Erfahrung brachten
und nicht etwa Seine Excellenz der hoch
würdige Isaak Jbn Menelek auf wunderbare
Weise in seine Vermögensverwaltung ein-
grisf. Dieser Argwohn verwandelt den
festen Felsen in einen Sumpf. Paul, es
war ein schlauer Streich; aber die Sache
läßt sich nicht mehr aufrecht erhalten nach
Herrn Bär's unschuldiger Bemerkung von
heute Morgen.. Wenn ich an Ihrer Stelle
wäre, würde ich schleunigst einpacken und
abreisen. Wenn Sie erst fort sind, wird
er sich schon erholen."
Paul ließ eine Art unarticulirten Stöhnens
hören.
„Ich habe mich da mit sehr interessanten
Beobachtungen beschäftigt, deren ArtSie leicht
errathen werden", fuhr Theodor fort. „Ich
habe gesehen, wie unserer theuerer alter Freund
dort Morgen auf Morgen in einen Zustand
der Bewußtlosigkeit versetzt wurde. Dann
habe ich gesehen, wie Sie ihm die Schlüssel
aus der Tasche nahmen, seinen Geldschrank
aufschlossen und durchsuchten, seine Briefe
öffneten und lasen und seine wichtigen
Papiere durchforschten. Ich habe gesehen,
wie Sie ihm Fragen stellten und Antworten
erhielten. Ich habe gesehen, wie Sie ihm
befahlen, Briefe nach Ihrem Dictat zu
schreiben. Mit Hilfe eines scharfe» Fern
glases war ich im Stande, diese Briefe zu
lesen. Auf diese Weise erlangte ich mancherlei
recht nützliche Informationen. Kurz und gut,
ich wußte die ganze Zeit über, was Sie
vorhatten. Freilich muß ich bekennen, daß
ich einige Sachen nicht völlig verstand, zum
Beispiel das Erscheinen der indischen Zeitung
desselben Tages . . ."
Paul stöhnte schwer auf und fiel über
den Tisch, gerade auf das Bild des Herrn
Cyrus Brünninghaus, der sich wieder hin
gesetzt hatte. Er war in Ohnmacht ge
fallen.
„Aber ich bitte Sie", sagte Theodor, als
er ihn wieder zu sich selbst und in die Ecke
seines Sophas gebracht hatte, „wie in aller
Welt konnte ich ahnen, daß Sie die Sache
so tragisch auffaffen würden?"
„Oh, Sie wußten . . . die ganze Zeit
. . Und Sibylla auch?"
„Ja, gewiß. Aber sonst Niemand."
„Und so oft ich sprach, lachten sie über
mich!"
Wir lachten nicht gerade über Sic.
Wir waren vielmehr voll Erwartung, was
nun weiter kommen würde."
„Ich werde dies Haus sofort verlassen!"
rief Paul, heftig aufspringend.
„Noch nicht. Setzen Sie sich wieder.
Nach solch' einem Ohnmachts-Anfall müssen
Sie sich erst etwas erholen. Sie dachten
doch nicht etwa, daß wir Beide Sie ernst
nahmen — Sic dachten doch nie so gering
von meinem Verstände?"
„Die Anderen glaubten an mich, und
ich hoffte ... ich dachte ... daß Sie
nach jenem Briefe es auch thun würden.