Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 1)

Dr. G. Zickgras. X 
Zum ersten Male ist von Universitäts- 
seite ein Zusammenhang zwischen Krebs und 
Ernährung festgestellt worden. Die dauern 
de Zunahme der Krankheit gibt diesem Hin 
weis unseres ärztlichen Mitarbeiters beson 
deren Wert. 
Als vor etwa zwei Jahren Ellis Barkers 
Buch über den Krebs erschien, wurden seine 
Folgerungen leider fast durchweg abgelehnt. 
Barker, ein Nichtmediziner, hatte nämlich be 
hauptet, der Krebs sei eine Zivilisationskrank 
heit, d. h. er hänge mit den Lebensgewohnhei 
ten im Essen und Trinken zusammen. Erst 
kürzlich noch las man Mitteilungen aus medi 
zinischen Kreisen, die seine Theorie ablehnten. 
Dabei konnte sich Barker auf die besten und 
umfassendsten Statistiken stützen. Daß man 
dem Krebsproblem mit Studien an der Krebs 
geschwulst nicht beikommen kann, ist allmäh 
lich Allgemeingut der ärztlichen Wissenschaft 
geworden. Das Wesen der Geschwulstbildung 
des Krebses besteht in einer meist angeborenen 
DisPositiou, in einem Gewebefehler. Erst bei 
Störungen im Gewebegleichgewicht wird dieser 
Gewebefehler zum Krebs. Dabei können ört 
liche wie allgemeine Störungen die Bildung 
des Krebses verursachen. Sowohl für die an 
geborene Disposition als auch für die allge 
meinen Störungen macht Barker unsere Er 
nährung verantwortlich. 
Es ist im höchsten Grade bemerkenswert, 
daß die sorgfältige Arbeit von Pfleiderer 
ans der Tübinger Frauenklinik zu denselben 
Schlußfolgerungen kommt. Der Gelehrte hat 
die Fälle der vorgekommenen Krcbsfälle sorg 
fältig untersucht und dabei jede Fehlerquelle 
ausgeschaltet. Das Ergebnis war, daß in den 
Jahren 1917 bis 1921, also in der ärmsten Zeit, 
bei den schlechtesten Ernährungsbedingungen, 
bei Zunahme aller sonstigen Krankheiten und 
Todesfälle die Zahl der Krebsfälle um die 
Hälfte zurückging,' und zwar geschah das nur 
in der Allgemeinklasse des Krankenhauses. 
Die wohlhabenderen, in der Ernährung und 
Zufuhr von Genußmitteln besser gestellten 
Patienten der 1. und 2. Verpflegungsklasse 
hatten keinen Rückgang in der Krebshänfig- 
kcit aufzuweisen. Die Folgerungen, die aus 
dieser Statistik gezogen werden müssen, und 
die der Verfasser auch zieht, sind diese: Ent 
weder hat die Kriegskost Stosse enthalten, die 
die Krebsbildung hemmten, oder es sind durch 
die Absperrung Deutschlands vom Weltmarkt 
schädliche Nahrungs- oder Genußmittelbestand- 
Krebs, thu KilWisnskraMeil. 
teile weggefallen. Für die zweite These spricht 
vor allem die Tatsache, daß die Privatklientel 
leine Krebsabnahme zeigte. 
Damit rückt nach Ansicht des Forschers der 
Krebs in die Gruppe der Mangelkrankheiten 
oder in die der chronischen VcrgiftuugSerschei- 
nungen. Zu diesen Krankheiten gehören ja 
auch die Zuckerharnruhr, manche Schilddrüsen 
erkrankungen und die Leberschrumpfung, die 
ebenfalls während des Krieges viel weniger 
beobachtet wurden als vorher und nachher. 
Es wäre aufschlußreich gewesen, wenn der 
Forscher bei seiner Statistik auch einen Unter 
schied zwischen Stadt- und Landbewohnern ge 
macht hätte. Er wäre dann der Wahrheit viel 
näher gekommen. Hätte sich nämlich dabei 
kein Unterschied feststellen lassen, so wäre eine 
Mangelkrankheit auszuschließen, weil die 
Landbevölkerung niemals Mangel wie der 
Städter gelitten hat. Der Krebs und die 
Krebsdisposition wären also auf eine chroni 
sche Vergistungserscheinnng zurückzuführen. 
Welches zivilisatorische Gift dafür in Frage 
käme, bliebe endgültig festzustellen. 
Damit käme aber die bisher nicht genug 
gewürdigte Ansicht Winkelhagens zur Gelt- 
tung. Winkelhagen hat ebenfalls aus den 
Statistiken der ganzen Welt geschöpft und eine 
ungemein aufschlußreiche Studie über den 
Krebs verfaßt, in der er zu dem Schluß kommt, 
daß Gennßgifte die Krebsdispotition verur 
sachen. Vielleicht ist diese Arbeit aus der Tü 
binger Klinik nun der Anstaß dazu, daß sich 
unsere Forscher mehr der Statistik zuwenden 
und sich hier Anregung für ihre Arbeit holen. 
Denn schließlich verlangt die Zunahme des 
Krebses baldige praktische Ergebnisse. 
KrebssorschrmgsinMut 
in Kopenhagen. 
Eine amerikanische Schenkung. 
Wie „Politiken" berichtet, hat das Rvckc- 
feller-Jnstitut beschlossen, dem dänischen 
Carlsberg-Fond 1 Million Kronen zum Be 
triebe eines Krebsforschungsinstituts unter 
Leitung des zur Zeit in Berlin weilenden 
Krebsspezialisten Dr. Albert Fischer zu schen 
ken. Der Bau und die Einrichtung dieses In 
stituts erfolgen ans Kosten des Carlsberg- 
Fonds. Man rechnet mit der Fertigstellung 
des Instituts im Laufe von 1V 2 Jahren. Bis 
dahin soll Dr. Fischer weiter in Berlin blei 
ben. 
VsLà Wdt 
Auf den Gletschern und dem Inlandeis Grönlands. 
Im Dezember v. I. ist bekanntlich die unter 
Führung von Professor Wegener stehende deutsche 
Grönlandexpedition wieder nach Deutschland zurück 
gekehrt. lieber ihre Erfolge und Arbeiten Hot soe 
ben ein Mitglied dieser Expedition, Regierungsrat 
Dr. Georgi, von der Deutschen Seewarte, berichtet, 
der sich während der dreijährigen Forschung in der 
Hauptsache mit der Natur der periodisch zwischen 
Island und Grönland nach Süden vorbrechenden 
sogenannten Polarluftausbrüche beschäftigte, die 
im weitesten Umfang Witterung und Klima des Ar- 
lantik und Europas beeinflussen, und deren Vorher 
sage das entscheidende Problem bei jedem regelmä 
ßigen Luftverkehr über den Atlantik bildet. In die 
ser Beziehung konnten sehr wertvolle und wichtige 
Feststellungen gemacht werden. Die deutsche Grön 
landeisexpedition hat sich aber darüber hinaus noch 
mit der Feststellung eines gangbaren Aufstiegweges 
zum Inlandeis, das in etwa 1000 Meter Höhe be 
ginnt, befaßt. Sehr wesentlich war die Frage, ob 
es in Dünisch-Rordgrönland einen Gletscher gibt, 
den man als Weg zum Inlandeis benutzen kann. 
Dieser Gletscher wurde tatsächlich gefunden. Aus 
dem Inlandeis wurden dann die Aussehen erregen 
den Messungen einer Eisdicke bis zu 1200 Meter ge 
macht. 
„Das Grabschiff der Königin Aase/' 
Geheimrat Professor Dr. Goldschmidt von der 
Berliner Universität sprach kürzlich im Festsaal der 
Preußischen Akademie der Wissenschaften Uber das 
Thema „Das Grabschiff der Königin Aase". An 
Hand zahlreicher außerordentlich interessanter Licht 
bilder gab der Vortragende eine fesselnde Darstel 
lung der Ausgrabungsergebnisse, die im Jahre 1903 
in Norwegen gezeitigt wurden. Es gelang einer An 
zahl von Wissenschaftlern, in jahrelanger mühevol 
ler Arbeit, das Schiff aus dem Boden zu heben, in 
dem die nordische Königin Aase, die wir etwa um die 
Zeit 800 bis 850 n. Chr. Geburt anzusetzen haben, 
entsprechend der Sitte jener Zeit beigesetzt wurde. 
Gefunden wurden in dem Schiff u. a. die Knochen 
überreste der Dienerin, die nach dem Brauch jener 
Tage der Königin in den Tod folgte; außerdem barg 
das Schiff Skelette zahlreicher Tiere, darunter 15 
Ochsen, Hunde usw., mehrere Schlitten und Wagen. 
Das Schiff ist außerordentlich gut erhalten. Die 
zum Teil überaus mühsame Arbeit des Zusammen 
setzens der einzelnen Bestandteile der Schlitten er 
gab ein ungemein anregendes Bild nordischer Orna 
mentik und einen tiefen Einblick in kulturgeschicht 
liche Zusammenhänge von der griechisch-ionischen 
und skytischen mit der nordisch-germanischen Kunst. 
Der Vortragende schloß seine Ausführungen ķ'i 
einem Hinweis auf die außerordentlich interessante» 
Perspektiven, die die archäologische und kunstge 
schichtliche Wissenschaft aus der Betrachtung der Or 
namentik für die Beurteilung des Lebens, des Eh»' 
rakters und der Weltanschauung der Menschen jener 
Tage eröffnet. 
Der Adler von Waterloo. 
Auf den großen europäischen Kunstmärkte» 
herrscht gegenwärtig eine ziemlich gedrückte Stiw- 
mung. Verspürt man die Nachbarschaft der große» 
Politik, die ja zur Zeit auf solche und andere © e ' 
schäfte nicht gerade animierend wirkt? Derartig 
Einflüsse mögen sich geltend machen; aber es liegt 
für diese Depression doch noch ein besonderer Grund 
vor. Die Amerikaner, die sonst in Scharen zu de» 
großen Frühjahrsauktionen strömten, scheinen dies 
mal fernbleiben zu wollen. Der große Neumorkft 
Börsenkrach des vergangenen Jahres liegt ihn-.n noch 
in allen Gliedern. Nur der Antiquitätenhandel h»t 
sich in der letzten Woche wieder ein wenig belebt; vo» 
der historischen Rumpelkammer Europas kom»>t 
man drüben doch nicht so leichten Herzens lost 
Wahrscheinlich werden sich diese Nachwirkungen aus 
den europäischen Kunstmarkt noch geraume 3 C ;' 
fühlbar machen. Nach der Meldung einer fran)»- 
fischen Kunstzeitschrist wurde vor kurzem in Par's 
eine Sammlung von Waffen und Erinnerung^ 
stücken aus der napoleanischen Zeit versteigert. Die 
Preise überstiegen weit die Erwartungen. Fîb 
einen Infanterieehrendegen wurden 30 000 Frcs> 
bezahlt, für ein anderes wertvolles Stück, eine» 
Ehrensäbel, sogar 51 000 Frcs. Den Rekord schlug 
ein zerschossener Adler aus der Schlacht von W»- 
terloo, der bis zu 155 100 Frcs. gesteigert wurde. 
Tum Lächà mb LachĢ 
Erfahrung. 
„Ich dachte nicht, Vater, daß meine Stimnie 
diesen großen Saal füllen würde." 
„Ich dachte, sie würde ihn leeren." 
Vorbestimmung. 
. Eigentlich hätte ich mir das denken können, daß 
sie mich kriegen werden und daß ich nun wieder 
brummen muß! Der Uhrmacher hatte ja extra eine» 
Zettel an die Uhr geklebt: „Garantie für ein Jahr! 
Bescheidene Bitte. 
„Sagen Sie mal, Frau Baumann, schicken Sb 
mir doch nicht immer die Hemden voller Stecknadel» 
zurück, schicken Sie lieber 'ne Nähnadel mit, damit 
ich die Knappe wieder annähen kann!" 
Ungewöhnlich. 
Autohändler, am Telephon: „Ist dort die Po 
lizei?" — „Ja, hier Kriminalpolizei!" — Autohaus 
ler: „Ich habe hier einen schwer verdächtigen Man» 
— der will einen Wagen gegen Kasse kaufen!" 
Mir. retirains iieziiilät: Bilm liir starke Herrn 
Filiale Büd@lsdorf 
Wende Zitogserlescblerig oder Bar-BaSaîî ? 
«M J* 
Emil Frank 
Ingeborg und Dagmar 
Verlag Alfred Bechthold 
4) (Nachdruck verboten.) 
Genau nach acht Tagen erhielt ich einen Brief. 
Von Ulla. Eine Sterbende hatte ihn mit letzter 
Kraft geschrieben. Mutterliebe zwang sie, sich an 
mich zu wenden, sonst wäre sie gewiß ohne Abschied 
von mir aus den: Leben gegangen. Non den letzten 
zwanzig Jahren berichtete sie kurz: Zuerst hatte sie 
sich in Gothaborg kümmerlich ernährt. Das Heim 
weh zehrte an ihr. Aber die Scham darüber, daß 
sie freiwillig das Elternhaus verlassen, versperrte 
ihr den Rückweg. 
Dann lernte sie einen braven Mann kennen, 
der sie liebte. Sic wollte eine Heimat haben, wollte 
Pflichten erfüllen, um auf diese Weise die Vergan 
genheit zu überwinden. Darum heiratete sie ihn. 
Sven Hjelmar war Monteur, der viel im Auslande 
arbeitete. In der ersten Zeit war sie ihm von Ar 
beitsstätte zu Arbeitsstätte gefolgt, bis ihre Ehe mit 
einem Kindlein gesegnet wurde. Da mietete sie m 
Stockholm eine Wohnung. Schließlich war auch der 
Mann des Wanderlebens müde geworden, und 
nahm in Stockholm eine Stelle an. Cs wäre ihnen 
nicht schlecht gegangen, sie hätten ihrem Kinde Dag 
mar eine gute Erziehung geben können. Doch dann 
traf sie plötzlich die Faust des Schicksals mit furcht 
barer Wucht. Sven mußte auf einem russischen 
Schiffe Reparaturen ausführen. Dabei holte er sich 
den Keim zu einem schweren Fieber. Ulla pflegte 
ihn, bis sie selbst vom Typhus ergriffen wurde. 
Sven starb. Sie wußte, daß sie auch sterben müßte. 
Dann stände Dagmar allein in der großen Stadt da. 
Vor dem Hinscheiden wollte sie dem Mädchen sagen, 
daß es noch einen Großvater habe, der das schuld 
lose Kind nicht von seiner Schwelle weisen würde. 
Das war der Brief meiner Tochter Ulla. Und 
er war genau drei Tage vor jener seltsamen Er 
scheinung geschrieben worden. 
Ich weiß, Ulla ist tot. Wo aber ist ihr Kind? 
Warum kommt es nicht zu mir? Wo soll ich die 
kleine Dagmar suchen? Ich sehne mich so sehr nach 
ihr, meiner einzigen Enkelin. Aber ich bin ein alter, 
müder Mann, bin das Reisen nicht mehr gewöhnt 
und habe Angst vor der großen Stadt mit ihren 
vielen Menschen. 
Da habe ich mir gedacht: Herr Bengt Sjöberg, 
der doch io viel Böses tat, könnte auch einmal etwas 
Gutes tun und für mich das Mädchen suchen, damit 
es n!cht schutzlos in der großen, bösen Stadt leben 
muß. Richt wahr, Herr Sjöberg, das ist doch nicht 
viel, warum ich Sie bitte? Helfen Sie mir! Suchen 
Sie das Kind! Richt eher finde ich Ruhe, bis Dag 
mar Hjelmar bei mir geborgen ist. Die kurze Zeit, 
Die ich noch zu leben habe, möchte ich mich an meiner 
Enkelin freuen, möchte für sie sorgen, so gut ich es 
vermag. Versäumen Sie die Gelegenheit nickst, end 
lich einmal ein gutes Werk zu vollbringen! Viel 
leicht löschen Sie dadurch manches aus, was Sie in 
früherer Zeit fehlten! 
Lars Larsson, Dahlgrenshemmet bei Särma." 
Bengt Sjöberg hatte den langen Brief ohne 
Unterbrechung gelesen. Ihm war es, als schliche das 
Grauen aus allen Winkeln seines großen Arbeits 
zimmers gegen ihn an, als lauere eine furchtbare 
Gefahr sprungbereit auf ihn. 
Seit zwanzig Jahren hatte er von Lars Larsson 
nichts mehr gehört. Die jährliche Pacht wurde bei 
einer Kasse in Särma eingezahlt. Und nun tauchte 
dieser unheimliche Darlekarlier urplötzlich wieder 
auf, maßte sich an, in sein Leben einzugreifen und 
sprach in einer Weise zu ihm, als hätte er Anspruch 
auf seine Hilfe. 
Olaf Dahlgren besuchte ihn, obgleich er seit 
zwanzig Jahren tot war! 
Kaltes Erschauern rieselte durch den massigen 
Körper des Fabrikanten. >Er.wollte an diese Dinge 
unter keinen Umständen erinnert werden! Das 
störte nur sein Wohlbefinden und nützte doch nichts. 
Wieder rief er seine Willenskraft zu Hilfe und 
schüttelte die lästigen Gedanken entschlossen von 
sich ab. 
Was war auf das Gefasel eines kindischen 
Greises zu geben! Nichts. Der Pächter hatte sich 
in seine Wahnideen verrannt und hielt mit echt 
darlekarlischer Zähigkeit an ihnen fest. Vielleicht 
würde es — je älter Larsson wurde — immer noch 
schlimmer. Möglicherweise fühlte er das Bedürfnis, 
über diese Dinge zu einem Menschen zu reden, dem 
er voll und ganz vertraute! Frau Larsson war tot, 
Ulla auch. Nun hatte er aus der weiten Welt nie 
manden mehr als Dagmar, seine Enkelin, nach der 
er sich mit aller Kraft zu sehnen schien! Was würde 
geschehen, wenn er Dagmar sand? Ihr würde er 
ohne weiteres die Liebe schenken, die einst seine 
Tochter besessen hatte. Dagmar würde alle Tage 
um den Alten sein, würde seine Reden anhören und 
sich dabei ihre Gedanken machen. Und dann kam 
wahrscheinlich der Tag, wo Lars Larsson ihr alles 
erzählte, was ihn feit zwanzig Jahren bedrückte. 
Ein Mädchen wurde auf diese Weise Mitwisserin 
eines Geheimnisses, das Bengt Sjöberg in der Brust 
des alten Pächters für iminer verschlossen wähnte! 
Dagmar konnte plaudern, anderen Leuten erzählen, 
was der Großvater ihr berichtet hatte. Und dann 
kam der Stein ins Rollen, der ihn — Bengt Sjö 
berg — mit zermalmender Wucht treffen, ihn von 
seiner stolzen Höhe hinabschlendern würde. 
Dagmar Hjelmar durfte nicht nach Dahlgrens 
hemmet gehen! Mit allen Mitteln mußte sic von 
ihren: Großvater ferngehalten werden! Wer sollte 
sic denn in Stockholm finden, wenn sie stich wirklich 
verbergen wollte? Bengt Sjöberg aber würde sic 
ausfindig machen, würde sie in sein Haus nehmen 
und sie dort so gut verwahren, daß sie niemals da 
ran denken durfte, ihren Großvater aufzusuchen. 
Entschlossen reckte Bengt Sjöberg sich auf. Der 
Plan, wie er Dagmar Hjelmer möglichst fest in se>n 
Haus fesseln wollte, stand scharf umrissen vor seinem 
Geiste. Und er würde nicht zögern, ihn auszufüh 
ren! Je eher er das Mädchen fand, umso sicherer' 
konnte er sich fühlen. 
Und doch blieb er unschlüssig sitzen. Scheute er 
sich, gegen eine arme Waise die Hand zum vernich 
tenden Schlage zu erheben? 
Leises Pochen störte Bengt Sjöberg aus seinen 
verworrenen Gedanken aus. Zornig rief er herein. 
Starr hingen seine Blicke an Ingeborg, die mit 
freundlichem Gruß in sein Zimmer schlüpfte. Liebe 
voll schlang sie ihre Arme um den Körper des Va 
ters und sprach lebhaft auf ihn ein: „Väterchen, 
was quält dich? Hast du Sorgen? Man sieht es dir 
doch an, daß dich etwas drückt! Kann ich dir nicht 
trogen helfen? Ich möchte dir so gerne jede Last 
abnehmen!" 
Beugt Sjöberg strich einigemale Uber die 
schweißnasse Stirn. Sein Kind! Wie wohl ihm 
Ingeborgs zärtliche Liebe tat! War es nicht wie ein 
Wunder, daß an seiner Seite eine so holde Blume 
sich entfaltete? Mußte er nicht schon um dieses Kin 
des willen alles tun, um die Gefahr abzuwenden, 
die durch Larssons Brief drohend heraufbeschworen 
worden war? Wenn einmal die Wahrheit an den 
Tag käme! Larsson hatte sie in seinem Schreiben 
kaum angedeutet! Aber wenn er deutlicher wurde! 
Wenn er seiner Enkelin in dem Mitteilungsbedürf 
nis des Alters alles vertraute! Dann stand er am 
Pranger! Mit Fingern würden die Menschen auf 
ihn zeigen! Er und die Seinen wären entehrt. In 
geborg würde erkennen, daß der Pater ihrer inni 
gen .Kindesliebe gar nicht würdig war. Verachtend 
würde sie sich von ihm abwenden — vielleicht bei 
Erik Dahlgren Schutz suchen! War denn eine solche 
Möglichkeit auch nur auszudenken? 
Diese Möglichkeit durfte eben nie Wirklichkeit 
werden! Jetzt war Bengt Sjöberg erst recht ent 
schlossen, seinen vorhin gefaßten Plan so rasch wie 
möglick zur Ausführung zu bringen. 
Lars Larsson war fürs erst« ungefährlich. Da 
für kannte er den Alten viel zu genau. Niemals 
würde er einem fremden Menschen sein Geheimnis 
anvertrauen. Höchstens der Enkelin könnte er es 
offenbaren. Darum muß es feine — Bengt Sjö- 
Karla Gyllenborg, die Besitzerin der 
„Zum Rautenkranz", saß in ihrem behagliche» 
Wohnzimmer und beugte das Haupt über Geschäfts 
bücher und allerhand Papiere, die ihr anscheinerb 
keine erfreulichen Aufschlüsse gaben. Aevgerlich waft 
sie den Bleistift auf den Tisch, verschränkte die Arnb 
und verlor sich in düsteres Sinnen. 
Ihre Wirtschaft büßte mehr und mehr an Zķ 
krost ein, das ließ sich nicht länger verhehlen. Urb 
sie war durchaus nicht blind! Die Mittel, die tze 
bisher angewandt hatte, unr das Geschäft zu bele 
ben, waren samt und sonders fehl geschlagen. Fstb 
die schönsten und gefälligsten Kellnerinnen hatte P 
gesorgt — umsonst. Freilich, wer verirrte sich am» 
m eine so armselige Spelunke! Hätte sie Geld, körim» 
sie das baufällige Haus erneuern lassen, dann würd» 
auch dos Geschäft besser gehen. Aber sie hatte nst» 
Schulden. So sehr sie sich auch den Kopf zerbra»)' 
fand sie doch keinen Ausweg. 
Ein Auto hielt vor ihrer Tür. Frau Kar'» 
eilte neugierig ans Fenster. Freudig erregt schiff 
sie die Hände zusammen: Herr Bengt Sjöberg. 
er sich noch allen Seiten umschaute, ob nicht zufällt 
ein Bekannter in der Nähe war. Dieser alte Sststst 
der! Haha! Cr wollte anscheinend seinen Ruf nist' 
aufs Spiel setzen. Wenn er nur gut zahlte! 
konnte Geld wirklich gebrauchen. 
Mit ihren: strahlendsten Lächeln eilte F»» 
Gyllenborg dem seltenen Gast entgegen und fühft 
ihn in das beste Zimmer des Hauses. Wie ein Bşş 
belwind huschte sie um ihn herum, ihre Worte ^ 
ren wie ein Wasserfall, der auf ihn niederprasselt^ 
Bengt Sjöberg ließ sie ein Weilchen ungestört 
den. Gleichmütig zog er seine Brieftasche hero»^ 
entnahm ihr ein Päckchen Banknoten, legte es 
sich hin und spielte damit. Frau Karla Gyllenboft 
hatte zunächst gar nicht darauf geachtet. Jetzt 
bemerkte sie das Geld in Sjöbcrgs Hand. Wilde,^ 
be 
gehrliche Blicke funkelten auf. Ob sie ihren 
verstand. Richt aus Langeweile, um sich be' ihr b 
vergnügen, war er diesmal hergekommen. EU»» 
Wichtiges trieb ihn zu ihr. Er wollte ihr eine A»! 
gäbe anvertrauen, bei der Geld zu verdienen 
(Fortsetzung folgt.) 
Rendsburg, Stern® 
bergs — Sorge sein daß der Alte diese Enkelin nie 
mals zu Gesicht bekommt. 
Mühsam raffte der Industrielle sich auf. Zärt 
lich strich er über Ingcborgs Haupt. Erstaunt merkte 
sie, daß der Dater zitterte. Aber er lochte auf ihre 
besorgte Frage. Freilich,, dieses Lachen klang I» 
schauerlich, daß es mehr schreckte als beruhigte. Und 
auch durch des Vaters Worte klang ein Unterton, 
der Ingeborgs Angst nur noch vermehrte. Es w»» 
etwas geschehen, was er ihr verheimlichte! Konnte 
sie gegen eine Gefahr kämpfen, die sie nicht kannte?
	        
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