Dr. G. Zickgras. X
Zum ersten Male ist von Universitäts-
seite ein Zusammenhang zwischen Krebs und
Ernährung festgestellt worden. Die dauern
de Zunahme der Krankheit gibt diesem Hin
weis unseres ärztlichen Mitarbeiters beson
deren Wert.
Als vor etwa zwei Jahren Ellis Barkers
Buch über den Krebs erschien, wurden seine
Folgerungen leider fast durchweg abgelehnt.
Barker, ein Nichtmediziner, hatte nämlich be
hauptet, der Krebs sei eine Zivilisationskrank
heit, d. h. er hänge mit den Lebensgewohnhei
ten im Essen und Trinken zusammen. Erst
kürzlich noch las man Mitteilungen aus medi
zinischen Kreisen, die seine Theorie ablehnten.
Dabei konnte sich Barker auf die besten und
umfassendsten Statistiken stützen. Daß man
dem Krebsproblem mit Studien an der Krebs
geschwulst nicht beikommen kann, ist allmäh
lich Allgemeingut der ärztlichen Wissenschaft
geworden. Das Wesen der Geschwulstbildung
des Krebses besteht in einer meist angeborenen
DisPositiou, in einem Gewebefehler. Erst bei
Störungen im Gewebegleichgewicht wird dieser
Gewebefehler zum Krebs. Dabei können ört
liche wie allgemeine Störungen die Bildung
des Krebses verursachen. Sowohl für die an
geborene Disposition als auch für die allge
meinen Störungen macht Barker unsere Er
nährung verantwortlich.
Es ist im höchsten Grade bemerkenswert,
daß die sorgfältige Arbeit von Pfleiderer
ans der Tübinger Frauenklinik zu denselben
Schlußfolgerungen kommt. Der Gelehrte hat
die Fälle der vorgekommenen Krcbsfälle sorg
fältig untersucht und dabei jede Fehlerquelle
ausgeschaltet. Das Ergebnis war, daß in den
Jahren 1917 bis 1921, also in der ärmsten Zeit,
bei den schlechtesten Ernährungsbedingungen,
bei Zunahme aller sonstigen Krankheiten und
Todesfälle die Zahl der Krebsfälle um die
Hälfte zurückging,' und zwar geschah das nur
in der Allgemeinklasse des Krankenhauses.
Die wohlhabenderen, in der Ernährung und
Zufuhr von Genußmitteln besser gestellten
Patienten der 1. und 2. Verpflegungsklasse
hatten keinen Rückgang in der Krebshänfig-
kcit aufzuweisen. Die Folgerungen, die aus
dieser Statistik gezogen werden müssen, und
die der Verfasser auch zieht, sind diese: Ent
weder hat die Kriegskost Stosse enthalten, die
die Krebsbildung hemmten, oder es sind durch
die Absperrung Deutschlands vom Weltmarkt
schädliche Nahrungs- oder Genußmittelbestand-
Krebs, thu KilWisnskraMeil.
teile weggefallen. Für die zweite These spricht
vor allem die Tatsache, daß die Privatklientel
leine Krebsabnahme zeigte.
Damit rückt nach Ansicht des Forschers der
Krebs in die Gruppe der Mangelkrankheiten
oder in die der chronischen VcrgiftuugSerschei-
nungen. Zu diesen Krankheiten gehören ja
auch die Zuckerharnruhr, manche Schilddrüsen
erkrankungen und die Leberschrumpfung, die
ebenfalls während des Krieges viel weniger
beobachtet wurden als vorher und nachher.
Es wäre aufschlußreich gewesen, wenn der
Forscher bei seiner Statistik auch einen Unter
schied zwischen Stadt- und Landbewohnern ge
macht hätte. Er wäre dann der Wahrheit viel
näher gekommen. Hätte sich nämlich dabei
kein Unterschied feststellen lassen, so wäre eine
Mangelkrankheit auszuschließen, weil die
Landbevölkerung niemals Mangel wie der
Städter gelitten hat. Der Krebs und die
Krebsdisposition wären also auf eine chroni
sche Vergistungserscheinnng zurückzuführen.
Welches zivilisatorische Gift dafür in Frage
käme, bliebe endgültig festzustellen.
Damit käme aber die bisher nicht genug
gewürdigte Ansicht Winkelhagens zur Gelt-
tung. Winkelhagen hat ebenfalls aus den
Statistiken der ganzen Welt geschöpft und eine
ungemein aufschlußreiche Studie über den
Krebs verfaßt, in der er zu dem Schluß kommt,
daß Gennßgifte die Krebsdispotition verur
sachen. Vielleicht ist diese Arbeit aus der Tü
binger Klinik nun der Anstaß dazu, daß sich
unsere Forscher mehr der Statistik zuwenden
und sich hier Anregung für ihre Arbeit holen.
Denn schließlich verlangt die Zunahme des
Krebses baldige praktische Ergebnisse.
KrebssorschrmgsinMut
in Kopenhagen.
Eine amerikanische Schenkung.
Wie „Politiken" berichtet, hat das Rvckc-
feller-Jnstitut beschlossen, dem dänischen
Carlsberg-Fond 1 Million Kronen zum Be
triebe eines Krebsforschungsinstituts unter
Leitung des zur Zeit in Berlin weilenden
Krebsspezialisten Dr. Albert Fischer zu schen
ken. Der Bau und die Einrichtung dieses In
stituts erfolgen ans Kosten des Carlsberg-
Fonds. Man rechnet mit der Fertigstellung
des Instituts im Laufe von 1V 2 Jahren. Bis
dahin soll Dr. Fischer weiter in Berlin blei
ben.
VsLà Wdt
Auf den Gletschern und dem Inlandeis Grönlands.
Im Dezember v. I. ist bekanntlich die unter
Führung von Professor Wegener stehende deutsche
Grönlandexpedition wieder nach Deutschland zurück
gekehrt. lieber ihre Erfolge und Arbeiten Hot soe
ben ein Mitglied dieser Expedition, Regierungsrat
Dr. Georgi, von der Deutschen Seewarte, berichtet,
der sich während der dreijährigen Forschung in der
Hauptsache mit der Natur der periodisch zwischen
Island und Grönland nach Süden vorbrechenden
sogenannten Polarluftausbrüche beschäftigte, die
im weitesten Umfang Witterung und Klima des Ar-
lantik und Europas beeinflussen, und deren Vorher
sage das entscheidende Problem bei jedem regelmä
ßigen Luftverkehr über den Atlantik bildet. In die
ser Beziehung konnten sehr wertvolle und wichtige
Feststellungen gemacht werden. Die deutsche Grön
landeisexpedition hat sich aber darüber hinaus noch
mit der Feststellung eines gangbaren Aufstiegweges
zum Inlandeis, das in etwa 1000 Meter Höhe be
ginnt, befaßt. Sehr wesentlich war die Frage, ob
es in Dünisch-Rordgrönland einen Gletscher gibt,
den man als Weg zum Inlandeis benutzen kann.
Dieser Gletscher wurde tatsächlich gefunden. Aus
dem Inlandeis wurden dann die Aussehen erregen
den Messungen einer Eisdicke bis zu 1200 Meter ge
macht.
„Das Grabschiff der Königin Aase/'
Geheimrat Professor Dr. Goldschmidt von der
Berliner Universität sprach kürzlich im Festsaal der
Preußischen Akademie der Wissenschaften Uber das
Thema „Das Grabschiff der Königin Aase". An
Hand zahlreicher außerordentlich interessanter Licht
bilder gab der Vortragende eine fesselnde Darstel
lung der Ausgrabungsergebnisse, die im Jahre 1903
in Norwegen gezeitigt wurden. Es gelang einer An
zahl von Wissenschaftlern, in jahrelanger mühevol
ler Arbeit, das Schiff aus dem Boden zu heben, in
dem die nordische Königin Aase, die wir etwa um die
Zeit 800 bis 850 n. Chr. Geburt anzusetzen haben,
entsprechend der Sitte jener Zeit beigesetzt wurde.
Gefunden wurden in dem Schiff u. a. die Knochen
überreste der Dienerin, die nach dem Brauch jener
Tage der Königin in den Tod folgte; außerdem barg
das Schiff Skelette zahlreicher Tiere, darunter 15
Ochsen, Hunde usw., mehrere Schlitten und Wagen.
Das Schiff ist außerordentlich gut erhalten. Die
zum Teil überaus mühsame Arbeit des Zusammen
setzens der einzelnen Bestandteile der Schlitten er
gab ein ungemein anregendes Bild nordischer Orna
mentik und einen tiefen Einblick in kulturgeschicht
liche Zusammenhänge von der griechisch-ionischen
und skytischen mit der nordisch-germanischen Kunst.
Der Vortragende schloß seine Ausführungen ķ'i
einem Hinweis auf die außerordentlich interessante»
Perspektiven, die die archäologische und kunstge
schichtliche Wissenschaft aus der Betrachtung der Or
namentik für die Beurteilung des Lebens, des Eh»'
rakters und der Weltanschauung der Menschen jener
Tage eröffnet.
Der Adler von Waterloo.
Auf den großen europäischen Kunstmärkte»
herrscht gegenwärtig eine ziemlich gedrückte Stiw-
mung. Verspürt man die Nachbarschaft der große»
Politik, die ja zur Zeit auf solche und andere © e '
schäfte nicht gerade animierend wirkt? Derartig
Einflüsse mögen sich geltend machen; aber es liegt
für diese Depression doch noch ein besonderer Grund
vor. Die Amerikaner, die sonst in Scharen zu de»
großen Frühjahrsauktionen strömten, scheinen dies
mal fernbleiben zu wollen. Der große Neumorkft
Börsenkrach des vergangenen Jahres liegt ihn-.n noch
in allen Gliedern. Nur der Antiquitätenhandel h»t
sich in der letzten Woche wieder ein wenig belebt; vo»
der historischen Rumpelkammer Europas kom»>t
man drüben doch nicht so leichten Herzens lost
Wahrscheinlich werden sich diese Nachwirkungen aus
den europäischen Kunstmarkt noch geraume 3 C ;'
fühlbar machen. Nach der Meldung einer fran)»-
fischen Kunstzeitschrist wurde vor kurzem in Par's
eine Sammlung von Waffen und Erinnerung^
stücken aus der napoleanischen Zeit versteigert. Die
Preise überstiegen weit die Erwartungen. Fîb
einen Infanterieehrendegen wurden 30 000 Frcs>
bezahlt, für ein anderes wertvolles Stück, eine»
Ehrensäbel, sogar 51 000 Frcs. Den Rekord schlug
ein zerschossener Adler aus der Schlacht von W»-
terloo, der bis zu 155 100 Frcs. gesteigert wurde.
Tum Lächà mb LachĢ
Erfahrung.
„Ich dachte nicht, Vater, daß meine Stimnie
diesen großen Saal füllen würde."
„Ich dachte, sie würde ihn leeren."
Vorbestimmung.
. Eigentlich hätte ich mir das denken können, daß
sie mich kriegen werden und daß ich nun wieder
brummen muß! Der Uhrmacher hatte ja extra eine»
Zettel an die Uhr geklebt: „Garantie für ein Jahr!
Bescheidene Bitte.
„Sagen Sie mal, Frau Baumann, schicken Sb
mir doch nicht immer die Hemden voller Stecknadel»
zurück, schicken Sie lieber 'ne Nähnadel mit, damit
ich die Knappe wieder annähen kann!"
Ungewöhnlich.
Autohändler, am Telephon: „Ist dort die Po
lizei?" — „Ja, hier Kriminalpolizei!" — Autohaus
ler: „Ich habe hier einen schwer verdächtigen Man»
— der will einen Wagen gegen Kasse kaufen!"
Mir. retirains iieziiilät: Bilm liir starke Herrn
Filiale Büd@lsdorf
Wende Zitogserlescblerig oder Bar-BaSaîî ?
«M J*
Emil Frank
Ingeborg und Dagmar
Verlag Alfred Bechthold
4) (Nachdruck verboten.)
Genau nach acht Tagen erhielt ich einen Brief.
Von Ulla. Eine Sterbende hatte ihn mit letzter
Kraft geschrieben. Mutterliebe zwang sie, sich an
mich zu wenden, sonst wäre sie gewiß ohne Abschied
von mir aus den: Leben gegangen. Non den letzten
zwanzig Jahren berichtete sie kurz: Zuerst hatte sie
sich in Gothaborg kümmerlich ernährt. Das Heim
weh zehrte an ihr. Aber die Scham darüber, daß
sie freiwillig das Elternhaus verlassen, versperrte
ihr den Rückweg.
Dann lernte sie einen braven Mann kennen,
der sie liebte. Sic wollte eine Heimat haben, wollte
Pflichten erfüllen, um auf diese Weise die Vergan
genheit zu überwinden. Darum heiratete sie ihn.
Sven Hjelmar war Monteur, der viel im Auslande
arbeitete. In der ersten Zeit war sie ihm von Ar
beitsstätte zu Arbeitsstätte gefolgt, bis ihre Ehe mit
einem Kindlein gesegnet wurde. Da mietete sie m
Stockholm eine Wohnung. Schließlich war auch der
Mann des Wanderlebens müde geworden, und
nahm in Stockholm eine Stelle an. Cs wäre ihnen
nicht schlecht gegangen, sie hätten ihrem Kinde Dag
mar eine gute Erziehung geben können. Doch dann
traf sie plötzlich die Faust des Schicksals mit furcht
barer Wucht. Sven mußte auf einem russischen
Schiffe Reparaturen ausführen. Dabei holte er sich
den Keim zu einem schweren Fieber. Ulla pflegte
ihn, bis sie selbst vom Typhus ergriffen wurde.
Sven starb. Sie wußte, daß sie auch sterben müßte.
Dann stände Dagmar allein in der großen Stadt da.
Vor dem Hinscheiden wollte sie dem Mädchen sagen,
daß es noch einen Großvater habe, der das schuld
lose Kind nicht von seiner Schwelle weisen würde.
Das war der Brief meiner Tochter Ulla. Und
er war genau drei Tage vor jener seltsamen Er
scheinung geschrieben worden.
Ich weiß, Ulla ist tot. Wo aber ist ihr Kind?
Warum kommt es nicht zu mir? Wo soll ich die
kleine Dagmar suchen? Ich sehne mich so sehr nach
ihr, meiner einzigen Enkelin. Aber ich bin ein alter,
müder Mann, bin das Reisen nicht mehr gewöhnt
und habe Angst vor der großen Stadt mit ihren
vielen Menschen.
Da habe ich mir gedacht: Herr Bengt Sjöberg,
der doch io viel Böses tat, könnte auch einmal etwas
Gutes tun und für mich das Mädchen suchen, damit
es n!cht schutzlos in der großen, bösen Stadt leben
muß. Richt wahr, Herr Sjöberg, das ist doch nicht
viel, warum ich Sie bitte? Helfen Sie mir! Suchen
Sie das Kind! Richt eher finde ich Ruhe, bis Dag
mar Hjelmar bei mir geborgen ist. Die kurze Zeit,
Die ich noch zu leben habe, möchte ich mich an meiner
Enkelin freuen, möchte für sie sorgen, so gut ich es
vermag. Versäumen Sie die Gelegenheit nickst, end
lich einmal ein gutes Werk zu vollbringen! Viel
leicht löschen Sie dadurch manches aus, was Sie in
früherer Zeit fehlten!
Lars Larsson, Dahlgrenshemmet bei Särma."
Bengt Sjöberg hatte den langen Brief ohne
Unterbrechung gelesen. Ihm war es, als schliche das
Grauen aus allen Winkeln seines großen Arbeits
zimmers gegen ihn an, als lauere eine furchtbare
Gefahr sprungbereit auf ihn.
Seit zwanzig Jahren hatte er von Lars Larsson
nichts mehr gehört. Die jährliche Pacht wurde bei
einer Kasse in Särma eingezahlt. Und nun tauchte
dieser unheimliche Darlekarlier urplötzlich wieder
auf, maßte sich an, in sein Leben einzugreifen und
sprach in einer Weise zu ihm, als hätte er Anspruch
auf seine Hilfe.
Olaf Dahlgren besuchte ihn, obgleich er seit
zwanzig Jahren tot war!
Kaltes Erschauern rieselte durch den massigen
Körper des Fabrikanten. >Er.wollte an diese Dinge
unter keinen Umständen erinnert werden! Das
störte nur sein Wohlbefinden und nützte doch nichts.
Wieder rief er seine Willenskraft zu Hilfe und
schüttelte die lästigen Gedanken entschlossen von
sich ab.
Was war auf das Gefasel eines kindischen
Greises zu geben! Nichts. Der Pächter hatte sich
in seine Wahnideen verrannt und hielt mit echt
darlekarlischer Zähigkeit an ihnen fest. Vielleicht
würde es — je älter Larsson wurde — immer noch
schlimmer. Möglicherweise fühlte er das Bedürfnis,
über diese Dinge zu einem Menschen zu reden, dem
er voll und ganz vertraute! Frau Larsson war tot,
Ulla auch. Nun hatte er aus der weiten Welt nie
manden mehr als Dagmar, seine Enkelin, nach der
er sich mit aller Kraft zu sehnen schien! Was würde
geschehen, wenn er Dagmar sand? Ihr würde er
ohne weiteres die Liebe schenken, die einst seine
Tochter besessen hatte. Dagmar würde alle Tage
um den Alten sein, würde seine Reden anhören und
sich dabei ihre Gedanken machen. Und dann kam
wahrscheinlich der Tag, wo Lars Larsson ihr alles
erzählte, was ihn feit zwanzig Jahren bedrückte.
Ein Mädchen wurde auf diese Weise Mitwisserin
eines Geheimnisses, das Bengt Sjöberg in der Brust
des alten Pächters für iminer verschlossen wähnte!
Dagmar konnte plaudern, anderen Leuten erzählen,
was der Großvater ihr berichtet hatte. Und dann
kam der Stein ins Rollen, der ihn — Bengt Sjö
berg — mit zermalmender Wucht treffen, ihn von
seiner stolzen Höhe hinabschlendern würde.
Dagmar Hjelmar durfte nicht nach Dahlgrens
hemmet gehen! Mit allen Mitteln mußte sic von
ihren: Großvater ferngehalten werden! Wer sollte
sic denn in Stockholm finden, wenn sie stich wirklich
verbergen wollte? Bengt Sjöberg aber würde sic
ausfindig machen, würde sie in sein Haus nehmen
und sie dort so gut verwahren, daß sie niemals da
ran denken durfte, ihren Großvater aufzusuchen.
Entschlossen reckte Bengt Sjöberg sich auf. Der
Plan, wie er Dagmar Hjelmer möglichst fest in se>n
Haus fesseln wollte, stand scharf umrissen vor seinem
Geiste. Und er würde nicht zögern, ihn auszufüh
ren! Je eher er das Mädchen fand, umso sicherer'
konnte er sich fühlen.
Und doch blieb er unschlüssig sitzen. Scheute er
sich, gegen eine arme Waise die Hand zum vernich
tenden Schlage zu erheben?
Leises Pochen störte Bengt Sjöberg aus seinen
verworrenen Gedanken aus. Zornig rief er herein.
Starr hingen seine Blicke an Ingeborg, die mit
freundlichem Gruß in sein Zimmer schlüpfte. Liebe
voll schlang sie ihre Arme um den Körper des Va
ters und sprach lebhaft auf ihn ein: „Väterchen,
was quält dich? Hast du Sorgen? Man sieht es dir
doch an, daß dich etwas drückt! Kann ich dir nicht
trogen helfen? Ich möchte dir so gerne jede Last
abnehmen!"
Beugt Sjöberg strich einigemale Uber die
schweißnasse Stirn. Sein Kind! Wie wohl ihm
Ingeborgs zärtliche Liebe tat! War es nicht wie ein
Wunder, daß an seiner Seite eine so holde Blume
sich entfaltete? Mußte er nicht schon um dieses Kin
des willen alles tun, um die Gefahr abzuwenden,
die durch Larssons Brief drohend heraufbeschworen
worden war? Wenn einmal die Wahrheit an den
Tag käme! Larsson hatte sie in seinem Schreiben
kaum angedeutet! Aber wenn er deutlicher wurde!
Wenn er seiner Enkelin in dem Mitteilungsbedürf
nis des Alters alles vertraute! Dann stand er am
Pranger! Mit Fingern würden die Menschen auf
ihn zeigen! Er und die Seinen wären entehrt. In
geborg würde erkennen, daß der Pater ihrer inni
gen .Kindesliebe gar nicht würdig war. Verachtend
würde sie sich von ihm abwenden — vielleicht bei
Erik Dahlgren Schutz suchen! War denn eine solche
Möglichkeit auch nur auszudenken?
Diese Möglichkeit durfte eben nie Wirklichkeit
werden! Jetzt war Bengt Sjöberg erst recht ent
schlossen, seinen vorhin gefaßten Plan so rasch wie
möglick zur Ausführung zu bringen.
Lars Larsson war fürs erst« ungefährlich. Da
für kannte er den Alten viel zu genau. Niemals
würde er einem fremden Menschen sein Geheimnis
anvertrauen. Höchstens der Enkelin könnte er es
offenbaren. Darum muß es feine — Bengt Sjö-
Karla Gyllenborg, die Besitzerin der
„Zum Rautenkranz", saß in ihrem behagliche»
Wohnzimmer und beugte das Haupt über Geschäfts
bücher und allerhand Papiere, die ihr anscheinerb
keine erfreulichen Aufschlüsse gaben. Aevgerlich waft
sie den Bleistift auf den Tisch, verschränkte die Arnb
und verlor sich in düsteres Sinnen.
Ihre Wirtschaft büßte mehr und mehr an Zķ
krost ein, das ließ sich nicht länger verhehlen. Urb
sie war durchaus nicht blind! Die Mittel, die tze
bisher angewandt hatte, unr das Geschäft zu bele
ben, waren samt und sonders fehl geschlagen. Fstb
die schönsten und gefälligsten Kellnerinnen hatte P
gesorgt — umsonst. Freilich, wer verirrte sich am»
m eine so armselige Spelunke! Hätte sie Geld, körim»
sie das baufällige Haus erneuern lassen, dann würd»
auch dos Geschäft besser gehen. Aber sie hatte nst»
Schulden. So sehr sie sich auch den Kopf zerbra»)'
fand sie doch keinen Ausweg.
Ein Auto hielt vor ihrer Tür. Frau Kar'»
eilte neugierig ans Fenster. Freudig erregt schiff
sie die Hände zusammen: Herr Bengt Sjöberg.
er sich noch allen Seiten umschaute, ob nicht zufällt
ein Bekannter in der Nähe war. Dieser alte Sststst
der! Haha! Cr wollte anscheinend seinen Ruf nist'
aufs Spiel setzen. Wenn er nur gut zahlte!
konnte Geld wirklich gebrauchen.
Mit ihren: strahlendsten Lächeln eilte F»»
Gyllenborg dem seltenen Gast entgegen und fühft
ihn in das beste Zimmer des Hauses. Wie ein Bşş
belwind huschte sie um ihn herum, ihre Worte ^
ren wie ein Wasserfall, der auf ihn niederprasselt^
Bengt Sjöberg ließ sie ein Weilchen ungestört
den. Gleichmütig zog er seine Brieftasche hero»^
entnahm ihr ein Päckchen Banknoten, legte es
sich hin und spielte damit. Frau Karla Gyllenboft
hatte zunächst gar nicht darauf geachtet. Jetzt
bemerkte sie das Geld in Sjöbcrgs Hand. Wilde,^
be
gehrliche Blicke funkelten auf. Ob sie ihren
verstand. Richt aus Langeweile, um sich be' ihr b
vergnügen, war er diesmal hergekommen. EU»»
Wichtiges trieb ihn zu ihr. Er wollte ihr eine A»!
gäbe anvertrauen, bei der Geld zu verdienen
(Fortsetzung folgt.)
Rendsburg, Stern®
bergs — Sorge sein daß der Alte diese Enkelin nie
mals zu Gesicht bekommt.
Mühsam raffte der Industrielle sich auf. Zärt
lich strich er über Ingcborgs Haupt. Erstaunt merkte
sie, daß der Dater zitterte. Aber er lochte auf ihre
besorgte Frage. Freilich,, dieses Lachen klang I»
schauerlich, daß es mehr schreckte als beruhigte. Und
auch durch des Vaters Worte klang ein Unterton,
der Ingeborgs Angst nur noch vermehrte. Es w»»
etwas geschehen, was er ihr verheimlichte! Konnte
sie gegen eine Gefahr kämpfen, die sie nicht kannte?