Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 1)

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123. Jahrgang 
123. Jahrgang. 
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SieiislW, den 4. Jebrnnr 
Ģrohdeutķche oder Iileindcutschs Lösung? 
Der ArÄeitsplM des 
" Reichstages. 
Beratung des neuen Haushalts erst im März. 
Der Aeltcstenrat des Reichstages hielt am 
Montagnachmittag eine Sitzung ab, in der. be 
schlossen wurde, den Reichstag erst für Dienstag 
nächster Woche 12 Uhr mittags einzuberufen Die 
Fraktionen werden sich am Montag ■ mit den 
Was ist Sozialismus 2 
Vorbemerkung der Schriftlcitung: Die Frage 
„Was ist Sozialismus" tritt im Zusammenhang mit 
den Zeitströmungen, insonderheit dem Nationalsozia 
lismus, immer stärker in den Vordergrund der tages 
politischen Auseinandersetzungen.. Deshalb erscheint 
es angebracht, nachstehend einn Auszug aus einem 
Artikel über die Frage zu bringen, wie er vor eini 
ger Zeit in der national-sozialistischen Poesie erschie 
nen ist und diese sehr akute Frage behandelt. In 
dem Artikel heißt es u. a.: 
Ueber tausend unerfüllte Hoffnungen de§ 
deutschen Proletariats erhebt sich immer von 
neuem wieder die Frage: Was ist Sozialismus, 
welcher Weg führt denn nun wirklich dahin? Die 
z. Zt. landläufige Anschauung, daß Sozialismus 
eine Angelegenheit der Lohntüte sei, daß die Zif 
fern,näßige Steigerung der Lohnbetrüge einzig 
Ziel und Streben des deutschen Arbeiters sei, ist 
leider vielfach durch die Taktik der Gewerkschaften 
auch in die Kreise des Proletariats hineinge 
drungen. 
Sozialismus ist aber auch nicht — um all diese 
lächerlichen Widersprüche wegzuräumen — öde 
Gleichmacherei von Gehalt und Lohn und Besitz 
und Verantwortung, von Rechten und Pflichten 
und Sozialismus hat nichts gemein mit der lang 
weilenden Theorie internationalen Klafsenkampfcs. 
Im Gegenteil ist durch,alle diese schematischen Auf 
fassungen, die im Dogma des Marxismus veran 
kert wurden, das Proletariat um den Sozialismus 
betrogen worden. 
Fragen der Erhaltung der Technischen Hochschule, 
des Oberlandesgerichts usw. zu erörtern und wer 
den auch erörtert. Die Besorgnis der Redner, daß 
mit steigender Finanznot Braunschweigs das Ent 
gegenkommen Preußens immer kleiner werden 
würde, ist berechtigt. Der Anschluß Waldecks ist 
für Preußen eine durchaus'„unwirtschaftliche" An 
gelegenheit gewesen. Finanzminister Höpker- 
Aschoff hat bereits öffentlich erklärt: Einmal und 
nie wieder! Aus allgemeinen politischen Erwä 
gungen heraus könnte Preußen einem Land wie 
Waldeck entgegenkommen. Die Finanzlage 
Preußens ist inzwischen nicht besser geworden, und 
die Rücksicht auf die eigenen Steuerzahler n,uß 
bei der heutigen Notlage der Wirtschaft über poli 
tischen Wünschen stehen. Die preußische Regie 
rung hat es daher unterlassen, initiativ den An 
schluß anderer Länder an Preußen zu fördern. Sie 
hat andererseits Verhandlungen nicht abgelehnt, 
wenn ste darum gebeten wurde„ Ob die „Länder 
konferenz" jemals zu einem sich praktisch auswir 
kenden Ergebnis kommen wird, wird immer zwei 
felhafter. Die kleinen Länder werden das jeden 
falls kaum mit Ruhe abwarten können. 
lchweigs mit Preußen, in denen die Provinz 
Hannover vermittelt. Man denkt an einen 
verwaltungspolitisch ergänzten Regicrungsbe- 
àirk Braunschweig innerhalb Hannovers. Die 
Einanzirot der kleinen Länder führt, worauf 
wir schon einige Mals hinwiesen, zu einer et 
was merkwürdige Reichsreform. Ein größe 
res Preußen, wie es nun im Werden zu sein 
icheint, berührt das Problem der Reichsreform 
tief. Braunschwsigs Minister Dr. Jasper 
spricht in dieser Richtung von der großdeut- 
Ichen und der kleindeutschen (preußischen) Lö 
sung, und. auch, er verfolgt, die Entwicklung 
nicht ohne Bedenken.. Den Braunschweiger 
rz-all beleuchten ausführlicher dis folgenden 
Reichstag bis Donnerstag dauern. Die Gesetze 
werden dann dem Auswärtigen und dem Haus 
halts-Ausschuß zur weiteren Beratung, überwie 
sen. Während dieser Ausschußberatungen wird 
das Reichstagsplenum sich mit einigen Wohnungs 
gesetzen, mit der neuen Haushaltsordnung und 
mit dem Nachtragshaushalt für 1929 beschäftigen. 
Die erste Lesung des Haushalts für 1930 wird 
kaum vor dem zweiten Drittel des März stattfin 
den. Der Reichstag will im übrigen bis Ostern 
tagen und nur für die Fastnachswoche vom 2. bis 
9. März eine Pause in den Plenartagungen ein 
treten lassen. 
MêÄeàkgMMtz und Mußen. 
Die Anregung zu den Anschlnßverhand- 
lungcn zwischen Mecklcnünrg-Strelitz und 
Preußen geht von der sozialdemokratischen 
Fraktion des Strelitzschen Landtages ans. Die 
am 0. Februar beginnende Session des Land 
tages in Neustrelitz wird sich mit der Ange 
legenheit besassen, da eine Anfrage der deutsch- 
nationalen Fraktion über den Stand der Ver 
handlungen mit Preußen vorliegt. 
Augenblicklich herrscht in Mecklenburg 
sehr starke Geldknappheit, obwohl die Lage des 
Landes an sich nicht ungünstig ist, weil es 
über sehr großen Grund- und Forstbesitz ver 
fügt. 
Tll. Stockholm, 4. Februar. (Eig. Trahtber.) 
Mit einer Reihe von Vorträgen begann am Mon- 
tag die „Nordische Woche" in Stockholm, die dem 
Ausbau der kulturellen Beziehungen zwischen den 
Nordländer» dienen soll. Am Dienstag treffen 
das norwegische Kronprinzenpaar sowie, der nor 
wegische Ministerpräsident Mowinskel in Stockholm 
ein. Außer Vorträgen aus verschiedenen Gebie 
ten der Literatur, Wissenschaft und Wirtschaft fin 
det im Dramatischen Theater eine Festaufführung 
statt, zu der ein Ensemble des norwegischen Na 
tionaltheaters aus Oslo nach Stockholm herüber 
kommt. Die Stadt Stockholm gibt zu Ehren der 
Gäste ein großes Bankett im Rathaus. Alle Zei- 
Sparsamkeits-Wächtcr bei den Oberpräsidien? 
Wie wir von unterrichteter Seite erfah 
ren, schweben zur Zeit bei den zuständigen 
Reichsstellen und in Kreisen der preußischen 
Negierung im Zusammenhang mit den drin 
gend notwendigen Ersparnismaßnahmen für 
den Etat 1930 Erwägungen, die auf eine „teil 
weise Verwirklichung von Plänen der Reichs 
reform" hinauslaufen. Es handelt sich um den 
Gedanken, die Oberpräsidenten der preußische« 
Provinzen zu Reichskommissaren für die ge 
samte Neichsverwaltung der betreffenden Pro 
vinzen zu machen, wobei Post, Eisenbahn und 
Heer ausgenommen werden sollen, die als 
„begutachtende Sparkommissare" neben dem 
Oberpräsidenten fungieren. Reichs- und 
Staatsverwaltung bleiben getrennt, aber man' 
hofft, vor allem auf dem Gebiete der Reichs- 
arbeits-, Bersicherungs- und Bersorgnngsver- 
waltnng, durch die Uevcrwachnng von einer 
Stelle aus bei Vermeidung von Ueberschnci- 
dnngcn von entsprechenden Landes- und Kont- 
munalbehöröen im Laufe der Zeit zu wesent 
lichen Ersparnissen zu kommen. Gleichzeitig 
denkt man daran, die örtlichen Kassenvcrwal- 
tnngcu zu vereinigen und sie banktechnisch zn- 
sammenzufassen. 
Im Lause der Zeit? Es dürfte keine Zeit 
mehr zu verlieren sein! 
und der „nordischen Zusammenarbeit' 
Reue Steuern statt Steuersenkung 
Aus Berlin wird uns geschrieben: Während das 
vergangene Jahr noch im Zeichen großzügiger 
Steuer>entungspläne stand, hört man jetzt lediglich 
Nachrichten, die von Steuererhöhungen wissen wol 
len. Man plant nach wie vor eine Erhöhung der 
Biersteuer und denkt weiterhin daran, die Umsatz 
steuer um %% zu erhöhen, was der Reichskasse un 
gefähr 300 Millionen einbringen würde. Neben der 
Bicrsteuererhöhung ist aber auch die Wiedereinfüh 
rung der Weinsteuer beabsichtigt, wobei ein gewisses 
Paritätsgefühl hinsichtlich alkoholischer Belastungen 
den Ausschlag geben dürste. Es handelt sich bei all 
Hauer mit unerbittlicher Energie auf diese Sanie 
rung hinsteuert, hat er wenigstens in diesem Zusam 
menhange eine Beruhigung durchzusetzen vermocht. 
Amsalzsteuererhöhung auf 1 Prozent? 
T.-U. Berlin, 3. Febr. Die Umsatzsteuer, die 
bisher % % beträgt, soll Pressemeldungen zufolge 
auf 1 % erhöht werden. Wie hierzu auf Anfrage 
vom Reichsfinanzministerium mitgeteilt wird, ist es 
richtig, daß die Frage der Umsaßsteuererhöhung bei 
dem Bereich, den Reichshaushalt auszugleichen, be 
handelt worden ist. Die Frage befinde sich jedoch 
vorläufig noch durchaus im Stande der Erwägun 
gen. Ob der Reichsfinanzminister eine derartige 
Erhöhung vorschlagen wird, ist somit vorläufig noch 
durchaus ungewiß. Im übrigen wird betont, daß 
die Frage des Ausgleichs im Reichshaushalt noch 
keineswegs abgeschlossen sei. Da sich jedoch auf der 
Ausgabcnseite kaum beträchtliche Ersparnisse her 
einbringen ließen, sei es durchaus wahrscheinlich, 
daß Steuererhöhungen zur Herbeiführung eines 
Ausgleichs im Rcikshaushalt notwendig werden 
würden. In welchem Unifange dies der Fall sei, lei 
jedoch noch durchaus ungewiß und hänge u. a. von 
den Ausgaben der Reichsanstalt für Arbeitslosen- 
vermittlung und Arbeitslosenversicherung ab. Die 
buchmäßigen Mindereinnahmen im Reichshaushalt 
werden bekanntlich auf 500 Millionen geschätzt. 
Die Mißwirtschaft der Berliner Zentralstellen 
ist nur durch neue Opfer der Provinz, der Wirt 
schaft, des Mittelstandes weiterzuführen, folglich 
müssen die 'Steuern und Abgaben erhöht werden. 
Man sieht, die Berliner Logik ist einfach und klar. 
Aber ebenso klar ist auch dos Ziel, zu dem diese. Lo 
gik führt. Die Stadt Berlin ist diesen Weg gegan 
gen unter privateigentumsfeindlicher Führung, sie 
ist jetzt am Ende, am Ende ihres Geldes und auch 
ihres Lateins. Das Reich will denselben Weg gehen, 
die Meilensteine an diesem Weg werden die Grab 
steine für einen enteigneten Mittelstand, für ein un- 
Sortsetzurrg stehe nächste Seite. 
Sozialismus als aufkeimende Hoffnung 
vozmtismus als aufkeimende Hoffnung einer 
neuen Schicht ist nichts anderes als Kraft/Bewe 
gung, Vorwärtsstreben, Aufwärtssliegen eben die 
ser Schicht, die durch die unglückselige sozialistische 
Luge, in die sie hineingepreßt wurde, unwillkürlich 
den Weg zurückfand zu den Naturkräften des Da 
eins, Verständnis gewann für Macht und Gewalt 
und durch diese zurückfindet in die Gesetze des na 
türlichen Lebens. Der Sozialismus als Bewegung 
ist nichts als ein Versprechen, Sozialismus als 
Ziel ist die Erhebung jenes neuen und doch ur 
alten natürlichen Wertbegriffes, der in der sozia 
listischen Bewegung erwacht ist zum Gesetz. Dieser 
Wertbegriff beruht in einer neuen Einschätzung 
des Menschen, einer Einordnung der Kraft und 
der Gewalt in das allgemeine Weltbild, auf der 
Unterordnung des Intellektes unter den Willen, 
auf eine Höhcrwcrtung des Gemütes über das 
Geld. Der neue Wertbegriff beruht im Wesen auf 
einer Umwertung aller vom Liberalismus geschaf 
fenen Anschauungen und Werte. An die Stelle 
der demokratischen Gleichheit tritt ioziale Gerech 
tigkeit, an die Stelle der pazifistischen Ohnmacht 
die Sehnsucht nach einem gerechten Frieden, an 
die Stelle des Verzichts des müden intellektuellen 
Menschen die Forderung der gesunden, vom Le 
benswillen erfüllten Kreatur. So ist der Sozia-
	        
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