Untersuchungen über Asymmetrie von Laubblättern höherer Pflanzen etc. 29
umso grösser, je stärker geneigt die Sprossachse zum Horizont
steht. In Bezug auf die Sprossachse selbst ist die Schiefblättrigkeit
umso stärker ausgeprägt, je genauer die Blattinsertionen sich den
Seitenlinien des Zweiges einfügen, um so geringer aber, je mehr sie
sich der oberen bezw. unteren Sprosskante nähern. Die in der
durch den .Erdradius gelegten Medianebene des Zweiges inserirten
Blätter sind stets symmetrisch. Zwischen beiden Extremen finden
sich nun je nach der Lage alle möglichen Uebergänge 1 ).
Indessen macht sich auch an den wenig asymmetrischen bezw.
ganz symmetrischen Blättern der Einfluss der Lage, im weitesten
Sinne, auf die Blattgestalt bemerkbar, den wir dahin kennzeichnen
können, dass bei sämmtlichen Blättern die nach aussen gekehrten
Abschnitte relativ am stärksten gefördert werden. Während dies
bei den Flankenblättern, wie wir sahen, in der Asymmetrie zum
Ausdruck kommt, bewirkt es bei den Blättern der Oberseite eine
Förderung der hinteren, bei den Blättern der Sprossunterseite eine
solche der vorderen Blattabschnitte. Dementsprechend nähern
sich die ersteren mehr einer concentrisclien, gedrungenen, die
letzteren einer stark excentrischen, gestreckten Form.
An den soeben besprochenen Blättern macht sich aber noch
die als Anisophyllie bekannte Erscheinung eines Grössen- und
Gestaltunterschiedes der Blätter eines Paares bemerkbar, wie ja
überhaupt Minimum der Blattasymmetrie und Maximum der Aniso
phyllie (bezw. umgekehrt) Zusammentreffen. Wie sich aber die oben
beschriebenen Erscheinungen gleichzeitig den bekannten Kennzeichen
der Anisophyllie unterordnen, zeigen sie uns, dass die Gestaltsände
rungen, welche die Anisophyllie zum Ausdruck bringen, nicht alle Theile
des Blattes in gleicher, jedoch in gesetzmässiger Weise beeinflussen.
Im Vorstehenden wurde auf die Asymmetrieverhältnisse der
Rosskastanienblätter deshalb besonders genau eingegangen, weil in
Folge der radialen Anordnung der einzelnen Blattabschnitte sich
diese besonders übersichtlich gestalten. Neben Aesculus lässt sich
1) Es mag noch daran erinnert werden, dass die gekreuzt stehenden Blattiiaarc
geneigter Zweige die verschiedenste Orientiruug zum Horizont einnehmen können. Die
durch je ein Blattpaar gelegten Medianebenen des Sprosses liegen bald im Erdradius bezw.
senkrecht zu eben dieser Ebene, bald stehen sie beide in Diagonalstellung, bezw. schräg
zum Horizont. In ersterem Falle sind nur die Blätter je eines Paares, im letzteren sämmt-
liche Blätter asymmetrisch; entsprechend verhält es sich auch mit der Anisophyllie. Wir
können dementsprechend berechnen, dass mindestens die Hälfte aller Blätter der Ross
kastanie asymmetrisch sein muss, was sich mit der gewöhnlichen Anschauung von der
Symmetrie ihrer Blätter nicht vereinen lässt.