Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 1)

Sind Hîimorrhoiden 
heilbar? 
Ja und nein? Wenn ein Hämorrhoiden- 
kranker dieses wirklich ernste Leiden vernachläs- 
kigt, wird es ihm immer größere Qual bereiten. 
Die anfangs unbedeutenden Knoten am Darm 
wachsen, sie wandern in den Darm hinein und 
Platzen schließlich auf. Dann besteht die Gefahr, 
daß Blutgerinnsel in die Blutbahnen kommen 
Und dort üu sehr gefährlichen Verstopfungen füh 
ren. Es kommt hinzu, daß die Schmerzen, das 
Brennen und das Jucken der erkrankten Teile im 
mer unerträglicher werden und den Kranken kör 
perlich und seelisch zugrunde richten. Schließlich 
bleibt dem verzweifelten Patienten nur noch 
übrig, sich auf dem Wege der Operation unsichere 
Heilung zu verschaffen. 
Muß das sein? In den meisten Fällen: Nein! 
Denn Hämorhoiden, rechtzeitig als solche erkannt 
und sachgemäß behandelt, können mit großer Aus 
sicht auf Erfolg auch ohne Operation beseitigt 
werden. Neben peinlicher Sauberkeit m u ß e i n e 
geeignete Salbe zur Anwendung 
kommen.diedieKnotenzurSchrump- 
fung bringt, die Schmerzen lindert, 
die Entzündungen beseitigt. Die be 
währte H u m i d o n - Salbe verbindet alle diese 
Eigenschaften in hervorragendem Maße. Schon 
nach ganz kurzer Anwendung läßt das Jucken und 
Brennen nach. Damit ist schon viel gewonnen: 
denn fällt der Juckreiz fort, so verringert sich auch 
die Gefahr weitergetragener Infektionen. Nun 
erst kann der Heilungsprozeß beginnen. 
Die Humidon-Salbe wird seit Jahren auch in ver 
zweifelten Fällen gebraucht, und unzählige Kranke 
bezeugen, daß sie fast Wunderdiensto geleistet hat. 
Aber die Humidon-Kur ist keine Wunderkur, 
sondern das Resultat einer wissenschaftlich wohl 
durchdachten Arbeit. In dieser Salbest nd 
alle Stoffe vereint, die diese 
tückische Krankheit erfolgreichzu be - 
k a m pfen geeignet sind. Die Humidon- 
Eesellschaft will überzeugen und nicht überreden. 
Sie erhalten durch die Versandapotheke umsonst 
eine ausreichende Probe Humidon nebst ärztlicher 
Aufklärungsschrift über Hämorrhoidenleiden. Die 
sen kostenlosen Versuch ist jeder seiner Gesundheit 
schuldig. . lieberzeugen Sie sich am besten selbst 
und schreiben Sie sofort, ehe Sie es vergehen, nach 
Probe und Broschüre an die Humidon-Eesellschaft, 
Berlin W 8, Block 129. 
Die Wirtschattspariei beredet im 
Reichstag eine Ueberraschimg. 
Neprrblikschzchgesetz mit 265 gegen 
156 Stimmen angensmmen. 
AlieÄssetzW tzerBkiMdW 
Die gestrige Reichstagssttzung trug insofern 
^nen ganz besonderen Charakter, als es eine Cit 
ing ohne Reden war. Nur Abstimmungen standen 
«Uf der Tagesordnung, nämlich die zurückgestellte 
Şchluhabstimmung über das Neichsministergefetz u. 
als Abschluß der dritten Lesung vorzunehmen 
den Abstimmungen über das Republic chutzgesetz. 
^ei dieiem Gesetz lagen von den Deutschuationalen 
Kommunisten Anträge auf Aussetzung der Ber 
andung vor, denen prompt ein sozialdemokrati 
scher Antrag auf Dringlichkeitserklürung folgte. Der 
Hergang, den man >chon bei der Derabichiedung der 
ckounggeietze erlebte, hat sich also nach kurzer Zeit 
wiederholt. Es scheint zu einer neuen parlamenta- 
^chen Uebung werden zu sollen, daß die in der 
Minderheit gebliebene Opposition als letztes Mittel 
Ausietzungsantrag benutzt, der schon angenom 
men ist. wenn ein Drittel der anwesenden Abgeord 
neten sich dafür erklärt. Der mit dem Dringlich- 
^tsbeichluß geführte Gegenzug der Mehrheit be- 
wrkt dann, daß zwar eine längere Verzögerung 
"er Inkraftsetzung des Gesetzes verhindert werden 
aber nur für den Fall, daß sich der Reichsrat 
Dringlichkeitserklärung anschließt und daß dann 
"er Reichspräsident von sich aus die Verkündung so 
gleich vornimmt. Letzten Endes würde also die-e 
dahin führen, daß der Reichstag einen Teil 
leiner Machtvollkommenheit an die übrigen Fak 
iren der Gesetzgebung abgeben muß, wenn die Op 
position gegen eine Vorlage mindestens ein Drittel 
"cr Abgeordneten hinter sich hat. 
Beim Republikschutzgesetz war das in der geft- 
"gen^ Sitzung nicht der Fall. Do die Wirtschafts- 
Partei zwar gegen das Republikschutzgesetz, aber nicht 
mr die Aussetzung der Verkündung stimmte, war 
gas erforderliche Drittel nicht erreicht, und über den 
Eknrglichkeitsantrag brauchte erst gar nicht abge- 
plMm.t zu werden. 
Das Republikschutzgesetz selbst wurde nach Ab 
lehnung aller Aenderungsanträge in der Schluß- 
abstimmung mit 268 gegen 180 Stimmen unter 
Pfui-Rufen der Kommunisten angenommen. 
Dafür stimmen nur die Regierungsparteien. 
, Die einzelnen Paragraphen wurden meist in 
Einfacher Abstimmung erledigt. 
. 8 6, der besagt, daß mit Gefängnis nicht unter 
Monaten eventuell noch mit Geldbuße bestraft 
^rd, wer einen Reichs- oder Länderminister, einen 
^>chs- oder Staatspräsidenten verächtlich macht, 
ganso, wer zu Gewalttätigkeiten gegen einen poli- 
>Ichen Gegner wegen dessen politischer Betätigung 
Aufreizt, wurde in namentlicher Abstimmung mit 
gegen 151 Stimmen angenommen. In der Op- 
pasition befanden sich Deutschnotionale. Christlich 
st, onale, Kommunisten, Wirtschastspartei lind Ra- 
avnalsozialisten. 
Z 10. der die Bestimmungen über die Auflösung 
politischen Vereinen enthält, wurde mit 266 ge- 
148 Stimmen angenommen. 
Dis Neberrmschrmg 
pachte di« Abstimmung über die deutschuationalen 
kommunistischen Anträge auf Aussetzung der 
Erkundung des Gesetzes. Das für Annahme sol- 
Anträge erforderliche Drittel der Abgeordneten 
die Opposition bei früheren Abstimmungen 
^fbrìngen können, da die Wirtschaftspartei mit der 
fîîchts. und Linksopposition gestimmt hatte. Dies 
el aber erschien die Wirtschaftspartei zur Abstim 
mung nicht im Saale. Der Aussetzungsantrag 
M'kd mit 288 gegen 120 Stimmen abgelehnt. Da- 
war das Gesetz zum Schutze der Republik end- 
Ņìltig angenommen. 
Das Neichsministergefetz wurde in der noment- 
?4en Schlußabstimmung mit 340 gegen 70 Stim 
mn bei 5 Stimmenthaltungen angenommen. Ls 
î^damit die für verfaffungsändernde Gesetze not- 
M^ckdig« qualifizierte Mehrheit erreicht worden. Das 
in diesem Falle nötig, denn namentlich in den 
Stimmungen über die aus dem Beamtenstand her- 
?wgegangenen Minister kann man eine Aenderung 
J? 1 den Beamten in der Verfassung gewährten 
V erblicken. 
^ Ein Vorschlag des Präsidenten, sofort den von 
tri Regierungsparteien eingebrachten 
Antrag auf öffentlichen Anschlag der Kund 
gebung des Neichspräsidenteu 
ilh 
W' Boungplan zu beraten, scheiterte an dem Ein- 
ch von nationalsozialistischen und deutschnatio- 
w 
ļļļ^n Abgeordneten. Der Antrag steht nun an er- 
ļ? Stelle auf der Tagesordnung der Mittwoch- 
die um u Uhr beginnt. Am Mittwoch kom 
men auch die Zoll- und Steuervorlagen der Regie 
rung zur ersten Beratung. 
- " » 
Preußischer LauötUD. 
Die Verlängerung der Grund- und Hauszinssteuer. 
— Befristete Freistellung der Landwirtschaft von 
der Grundsteuer? — Die Auflösung der 
Fideikommisse. 
Der preußische Landtag überwies die Novelle zur 
Geschäftsordnung in die Ausschußüeratung, die in 
Konsequenz des kommunistischen Auftretens im Haupt- 
ausschuß auch dem Ausschutzvorsitzenden das Recht ge 
ben will, widersetzliche Abgeordnete aus dem Saale zu 
weisen. Gleichfalls debattelos wurde in der Schluß- 
abstimmung das Zentrumsinitiativgesetz angenommen, 
das die Altersgrenze für Hochschullehrer vom 65. auf 
das 68. Lebensjahr hinaussetzt und das am 31. März 
1930 in Kraft treten soll. 
In gemeinsamer Debatte erledigte das Haus dann 
die zweite Lesung der Verlängerung der Grund- und 
Hauszinssteuer bis 31. März 1931. Die Abstimmungen 
hierüber erfolgen am Mittwoch. Im Ausschuß sind 
alle Aenderungsanträge zu diesen beiden Regierungs 
vorlagen abgelehnt worden. 
Abg. Schulze-Stapen (DR.) forderte Freistellung 
der Landwirtschaft auf ein Jahr von der Steuerpflicht. 
— Abg. Jakoby-Rafsauf (Z.) wies darauf hin. daß 
gerade die Landwirtschaft nach Annahme des Aoung- 
plans durch Wegfall der Rentenbanklasten eine Steuer 
erleichterung von 6—9 Proz. der Steuerhöhe erhalte. 
— Dr. von Eqnern (BVP.) verlangte zahlreiche Er 
leichterungen für Neubauten bei der Hauszinssteuer 
und gleichfalls „vorläufige Freistellung" der Landwirt 
schaft von der Grundsteuer. — Abg. Falk (DDP.) be 
dauerte auch im Interesse eines Grenzfonds, Steuer 
ausfallsanträgen nicht zustimmen zu können. Die 
Abgg. Oberdörster (KPD.) und Mentz (WP.) lehnten 
die Realsteuern ab. Der Wirtschaftsparteiler verlangte 
endliche Durchführung des Artikels 164, der den Schutz 
des Mittelstandes ausspricht. 
Im Landtag begann dann noch die zweite Bera 
tung der Novelle zur Verordnung über die Auslösung 
der Fideikommisse. Nach einem Antrag der Regie 
rungsparteien dürfte endgültiger Termin für die Auf 
lösung des gebundenen Besitzes in Preußen der 1. Juli 
1938 werden. 
Am Mittwoch findet die Abstimmung über das 
kommunistische Mißtrauensvotum gegen Minister Hirt- 
siefer statt. 
Der auffällige Rückzug Moskaus 
in der Agrarfrage. 
Neue Anordnungen: Besteuerung der KoAekLiv wirtschaften, Steuer 
begünstigung der freien Bauerurvirtschalten. 
Wir haben schon vor einigen Tagen über den 
auffälligen Schritt Moskaus in der Agrarfrage 
berichtet, ein auffälliger Rückzug, der nur zu ver 
stehen ist, wenn die Machthaber eingesehen haben, 
daß sie bei weiterer Vortreibung der Kollektivwirt 
schaft Rußland an das Hungertuch und das System 
zum Zusammenbruch bringen. Das bolschewistische 
Dogma ist damit am russischen Bauern gescheitert. 
Wie stark das Steuer von Moskau herumgeworfen 
wird und wie bedenklich die Lage demnach gewor 
den sein muß, geht aus der folgenden Meldung 
hervor, die geradezu eine Begünstigung der Eigen 
wirtschaft auf steuerlichem und volkswirtschaft 
lichem Gebiet vorsieht. Die jetzigen Vorgänge in 
Rußland mögen zugleich eine ernste Warnung in 
Westeuropa sein, den Bauern und die Landwirt 
schaft fürsorglicher als bisher zu behandeln und sie 
nicht durch falsche Maßnahmen in eine Lage zu 
bringen, die Staat und Gesellschaft gleicherweise 
in Gefahr bringen könnte. Auch in dieser Bezie 
hung sind die Vorgänge in Rußland von wesent 
licher Bedeutung. Die Meldung selbst bringt fol 
gende auffällige Maßnahmen der Moskauer Macht 
haber zur Kennlnis: 
Moskau, den 17. März 1930. 
Nachdem die Flucht in die Kollektivwirtschaf 
ten durch die Beschlüsse des Polibüros abgestopft 
wurde, sind nunmehr nach Moskauer Meldungen 
neue Verordnungen erlassen worden, die den 
Wunsch erkennen lassen, den bestehenden Kollektiv 
wirtschaften zunächst eine satzungsmäßige Grund 
lage zu geben. 
Zu gleicher Zeit wird eine Verordnung des 
Rates der Volkskommissare bekanntgegeben, die die 
bisherige Steuerfreiheit der Kollektivwirtschaften 
aufhebt und erklärt, daß jeder Kollektivbetrieb 
entsprechend seinem Rechenschaftsbericht besteuert 
werden wird. Steuerfreiheit bezw. Herabsetzung 
der Steuern ist für solche Betriebe vorgesehen, die 
hauptsächlich für die Ausfuhr arbeiten. Eine Aen 
derung gegenüber den bisherigen Steuermethoden 
bedeutet weiterhin die Feststellung der Verord 
nung, daß die Eigenwirtschaften der Klein- und 
Mittelbauern unter bestimmten Voraussetzungen 
völlig steuerfrei seien, und daß alle Maßnahmen 
ergriffen werden müssen, um diese Steuerfreiheit 
zur Sicherstellung der bäuerlichen Eigenwirtschaf 
ten für die Zukunft zu gewährleisten. 
Wie aus Moskau gemeldet wird, hat der Rai 
der Volkskommissare am Sonntag unter Vorsitz 
Rykows einen Beschluß gefaßt, der die Beziehun 
gen zwischen den kollektiven Bauernwirtschaften 
und ihren Mitgliedern im einzelnen regelt. Nach 
diesem Beschluß soll jede einzelne Bauernkollektio- 
wrrtschaft von einem Ausschuß geleitet werden, 
der von den Kollektivbauern gewählt sein muß. 
Der Beschluß sieht weiter vor, daß Ernennungen 
von Kommunisten zu offiziellen Leitern der kol 
lektiven Bauernwirtschaften ungesetzlich seien, und 
daß etwa bereits ernannte Kommunisten sofort 
von ihren Posten entfernt werden müssen. Wenn 
ein Mitglied der kollektiven Vauernwirtfchaft aus 
dem Kollektiv ausscheiden will, dürfen ihm durch 
die Behörden keinerlei Schwierigkeiten gemacht 
werden. Dieser Teil des Beschlusses scheint sich 
aber nur auf den Fall zu beziehen, daß Mitglie 
der der Kollektivwirtschaften nach den Städten 
als Industriearbeiter übersiedeln wollen. 
ļhrkagos Schrnugglerkönig aus örrn Gefängnis 
einlassen. 
kürz. Ter König der 
1. Mäl 
t, oer berüchtigte Banden- 
Philadelphia. 18. 
Chikagoer Unterwelt, 
führer Al Capone, „das Narbengesicht", 
ist gestern um 16 Uhr unter allergrößten Vor 
sichtsmaßnahmen und in äußerster Heimlich 
keit aus dem Gefängnis entlassen worden. 
Während eine große Menschenmenge, unter 
ihnen eine große Zahl Zeitnngsrcporter. am 
Tore des Gefängnisses, in dem Al Capone 
seine erste und bisher einzige Gefängnis 
strafe wegen verbotenen Waffentragens ver 
büßte, wartete, ließen die Gefängnisbehörden 
den Verbrecherkönig bei Tagesanbruch heim 
lich in ein 50 Kilometer entferntes Gefäng 
nis bringen. Bon hier aus wurde er um 
16 Uhr entlassen. Die Tatsache seiner Ent 
lassung gab man jedoch erst um 20 Uhr be 
kannt. 
Al Capone ist das Haupt einer über ganz 
Amerika verbreiteten Alkoholschmuggler- 
baude. Im Kampfe 'rni die Prohibi 
tionsgesetze und in der Bekämpfung miß 
liebiger Koukui »z schreckt diese Bande 
auch vor den schärfsten Gewalttaten nicht 
zurück. 
Fast täglich fordert der unterirdische Vanden- 
krieg in Chikago Todesopfer» trotzdem hat 
man Al Capone nie etwas nachweisen kön 
nen. Seine Verhaftung vor zehn Monaten 
war eigentlich mehr ein freiwilliges Sichstel- 
len Al Capones, der das kleine Delikt des 
unbefugten Waffcntragens eingestand und sich 
dadurch für einige Zeit von seinen Verfol 
gern aus den gegnerischen Banden in dem 
Gefängnis in beste Sicherheit brachte. Die 
Heimlichkeit seiner Freilassung ist wohl auch 
darauf zurückzuführen, daß Al Capone kaum 
vor einem Attentat von Mitgliedern einer 
anderen Bande sicher gewesen wäre. Wo sich 
Al Capone gegenwärtig aufhält, ist unbe 
kannt. Man vermutet, daß er sich nach sei 
ner alten Wirkungsstätte nach Chikago zu 
rückbegeben hat. 
Al Capone, der sich ein Millionenvermö 
gen erworben hatte, kann sich, will er sich 
nicht der Rache seiner eigenen Anhänger 
aussetzen, nicht mehr ans dem Verbrecher- 
leben zurückziehen. 
Bezeichnend dafür ist seine Antwort, die er 
kürzlich auf die Frage gab. ob er nach Ab 
büßung der Strafe nicht seine Verbrecher- 
tätigkeit aufgeben wollte. Sie lautete: Ich 
wünschte, ich könnte es. 
Chikago, 18. März. Im unterirdischen 
Krieg der Schmugglerbanden in Chikago ist 
schon wieder ein Todesopfer zu verzeichnen. 
Ein als Alkoholschmuggler bekannter Mann 
namens P. Bicas wurde heute nacht mit fünf 
Schüssen im Kopf tot aufgefunden. Tie 
Leiche war von unbekannten Tätern aus 
einem Auto geworfen worden, mit dem sie 
in rasender Schnelligkeit flüchteten und ent 
kamen. Anscheinend zur Begrüßung des aus 
dem Gefängnis entlassenen Bandenführers 
Al Capone haben die Verbrecher in den letz 
ten Tagen eine erhöhte Aktivität entfaltet. 
Der heute Ermordete ist das dritte Todes 
opfer dieses erbitterten Kampfes innerhalb 
von drei Tagen. 
* . * 
Schottland will drahtlose Autonomie. 
„Drahtlose Autonomie für Schottland": in 
dieser Forderung gipfelte ein Vortrag in Aber 
deen, der sich der teöbaften Zustimmung der An 
wesenden erfreute. „Die Einführung des Rund 
funks", führte der Redner aus, „war zweifellos 
ein Segen für das Land. Darüber aber darf die 
ernste Gefahr nicht ütersehen werden, von der das 
nationale Leben uns die völkische Eigenart der 
Schotten bedroht sind. Das Englisch, das den 
Bewohnern unserer Bergdörfer und Landstädtchen 
aus der Luft übermittelt wird, ist das der eng 
lischen gebildeten Klasse, das mit feinem Oxford 
akzent unsere einfachen Landleute fremd anmuten 
muß. Unwillkürlich drängt sich dabK der Ge 
danke auf, was sich die bescheidenen Leute aus 
den schottischen Dörfern wohl dabei denken mögen. 
Sie müssen zu dem Schluß kommen, daß ihre eigene 
Sprache aus dem Gedächtnis ausgelöscht ist, und 
daß die schottische Muttersprache im Leben der 
Gebildeten keinen Platz mehr finoet. Es ist hohe 
Zeit, daß diese Angelegenheit einmal auch unter 
dem patriotischen Gesichtswinkel und vom Stand 
punkt höherer, nationaler Forderungen betrachtet 
wird. Was uns nottut, ist eine sprachliche Auto 
nomie für unser Nundfunkwesen, das der ßhotti- 
schen Eigenart mehr zu ihrem Recht rerhilft, als 
es bisher der Fall ist." 
Poitiers und Chatellerauld unter Wasser. 
TU. Paris, 18. März. sEig. Funkmelög.) 
Aus Poitiers wird gemeldet, daß nach den an 
haltenden Regenfällen der letzten Tage der 
Wasserstand des Chain derart gestiegen ist, 
daß am Montag die nutere» Stadtteile von 
Poitiers unter Wasser gesetzt wurden. In 
der Umgebung von Poitiers ist der Verkehr 
auf zahlreichen Chausseen und Landstraßen 
unterbrochen. In şiatellcranld stehen nach 
dem Ansteigen der Vienne ebenfalls die tie 
fer gelegenen Stadtteile unter Wasser. 
RWptzMch. 
O'Connell, James F.: »Elf Jahre in Australien und aus 
der Insel Ponape". Erlebnisse eines irischen Matrosen in 
den Jahren 1822—1833. Aus dem Englischen überseht und 
herausgegeben von Professor Dr. Paul Hambruch. Mit einer 
Karte und 43 Abbildungen auf Tafeln. (Verlag Scherl, Der- 
lin). Ganzleinen 5 'SiM. Aus der Fülle der Werke über die 
Südsee ragt das Erlebnisbuch eines irischen Matrosen hervor. 
Dieser Matrose, ler Ansang des neunzehnten Jahrhunderts 
mit einem Sträflingsschiff nach Australien fuhr, wurde bei 
einer Reise im Jahre 1826 nach der Insel Ponape verschla 
gen. Er lebte dort unter den Eingeborenen bis zum Jahre 
1833, wo ihn ein vorüberfahrendes Schiff von der Insel er 
löste. Seine Aufzeichnungen über die Südsee-Insulaner stnd 
noch heute eine wichtige Fundgrube für die Verhältnisse auf 
Ponape. Besonders interessant ist das Buch für uns, da 
Ponape einst in deutschem Besitz wzr. Das Buch hat ein 
merkwürdiges Schicksal gehabt: es existiert lediglich noch das 
Handexemplar des Verfassers in der Kongreckbibliothek in 
Washington. England selbst dürfte ein nicht geringes Inter 
esse daran gehabt haben, alle erreichbaren Exemplare zu ver- 
Nichten, da der Verfasser in dem Teil seines Werkes über 
Australien recht offenherzig über die „Sträflinge", mit denen 
England damals dieses Land besiedelt«, spricht. Die vor 
zügliche Uebersetzung besorgte Prof. Hambruch, der die Süd- 
se« aus eigener Anschauung kennt. Das flüssig geschriebene, 
mit interessanten Abbildungen versehene Werk wird viel« 
Freunde finden. 
Versailles, 28. Juni 1919. Diese Aufschrift fand der Be 
richterstatter der »Kölnischen Illustrierten Zeitung", der in 
deren Auftrag die Provinz Grenzmark Posen-Westprcußen, 
das Danziger Staatsgebiet und das Weichfelgrenzland bereiste, 
auf einem Grenzstein in der Gegend von Schneidemühl. Das 
Datum ist der Tag, an dem der Wahnsinn des Polnischen 
Korridors festgelegt wurde. Besser noch als Zeitungsartikel 
zeigen die Aufnahmen die Not des deutschen Ercnzlandes, 
dessen Handel und Wandel aufs schwerste daniederliegen, und 
in dem Straßen und Eisenbahnlinien, Brücken und Besitz, 
tümer durch sinnlosen Machtspurch zerschnitten wurden. 
Die niederdeutsche Grundsrage. Alle guten und begei 
sterten Reden über die Pflege der plattdeutschen Sprache, 
alles noch so gründliche Wissen um die sichtbaren Ausdrucks- 
formen niederdutschen Wesens helfen uns nicht weiter, wenn 
darüber der Urgrund, der alles dies hervorgebracht hat und 
immer wieder hervorbringen muß: der niederdeutsche 
Mensch selbst, vergessen wird. Er muß Ausgang und Ziel 
aller Heimatbewegung sein. Das Problem des niederdeut 
schen Menschen ist in seinem Grunde ein ethisches Problem. 
Die Heimat soll nicht nur ein nur an Sonntagen oder an 
gemütlichen Feierstunden und festlichen Vereinsveranstaltun 
gen zu erstrebendes Jdealsein, sondern unser fester innerer 
Besitz, die sittliche Kraft unseres Lebens. Diese Fragen be- 
handelt Fritz Specht in einem aufrüttelnden Aufsatz im 
Märzheft der Zeitschrift »Nicdersachscn", verbunden mit 
„Tide" und „Schimmelreiter". (Eavl Schüneman, Verlag, 
Bremen). Preis des Heftes 66 Pfg.
	        
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