Full text: Newspaper volume (1926, Bd. 2)

Ur. 78 
Drittes Blatt 
.chràg, 
2. April 
RarMàA. 
Schwerer Tag in Schwarz und Schweigen, 
Stumm sind Orgelwerk und Geigen. 
Violette Schleier hangen 
Ueber allem Sein voll Bangen. 
Trüb durch bunte Kirchenfenster 
Bricht der Tag, ein matterglänzter, 
Wetzt auf Kreuz und stilles Bluten 
Weiches Rot und gelbes Gluten. 
Von den hohen Kirchenwänden 
Rieselt Licht in matten Bränden 
Auf die Beter, die in Bänken 
Andachtsvoll die Wimper senken. 
Still verlöschen Tages Härten — 
Selig hebt nun in den Gärten 
Ein Drossel an zu singen 
Lieder, die ums Kreuz sich schlingen. 
Werner Rieger. 
4ÊMK Dsfis 
Von Erich K. Schmidt (Berlin). 
Früh beginnt sich der Himmel seltsam zu er 
hellen: es ist, als wüchsen, von Osten her, ganz 
sanfte Rosenfarben, die auf den Fittichen milde 
Wärme tragen. Wo blieben die rauhen^ Winde, 
die schmerzhaft an die Lider stießen? Wo die dicken 
Wolken, die über der Stadt wie Federsäcke platzten 
und Flocken abwärts warfen? Wir schwimmen im 
Frühling. Die Tage wetten sich mit grüngoldener 
Gnade füllen. * 
Ich wandere durch hohle, hallende Straßen; 
die Häuser liegen stumm verkettet: sie bleiben, grau 
und böse, hinter mir. Ein Bahndamm schwingt 
zur Linken hoch; zur Rechten liegen wüste Lauben 
kolonien. Darüber, kommahaft gekrümmt, ein 
lnüder Mond, der sanft verblaßt. Ueber den Zäu 
nen lärmen Spatzen, noch ehe die Sonne ihr Ee- 
fiefeer wärmt, sie hüpfen herab und wühlen im 
Kot: sanguinische Gesellen. 
Die hohen Fensterreihen ferner Häuser fun- 
ķêln jäh in gelbem Glanz: die Strahlen des stei 
genden Tagesgestirns entzünden totes Glas. Die 
Firste flimmern bunt. 
Der Frühling kommt, grüne Troddeln am 
Hut. Anhebt ein buntes Jubilieren, damit der 
Gram des Winters weiche. Auf daß die Seelen 
şich zu sanftem Rausch verklären. 
.. Ich marschiere schneller durch wachsendes Rot. 
„ e Spatzen kreischen wieder frech. Der Morgen 
gurtet sich tritt schrillen Tönen: aus dem Bahndamm 
îuilsi schlangenschwarz, polternd, ein Zug entlang. 
Rauch stößt geballt empor. Die Sonne wird, se 
kundenlang, von satanischen Rädern zerrollt . . . 
Man möchte sich, nach durchwachter Nacht, schla 
fend in den Morgen hineindehnen, aber da prallt 
jählings eine breite, gelbe Bahn, ins Zimmer: 
man fährt empor. Das Fenster stößt auf: Sei mir 
gegrüßt, märzmilder Tag, den die Sonne golden 
beschäumt! 
Durch die Straßen schwingt ein helles Schrei 
ten: ja, es gibt noch Augen, dis die Sonne mild 
entzündet; Nüstern, die im holden Atem erster 
Frühlingsluft selig erzittern. 
In den Laubenkolonien werden wacklige Zäune 
gestützt; skurrile Gebäude von Unrat befreit. Der 
Boden lockert sich, bereit, den neuen Samen zu eing 
ingen. , 
Eine Glocke wellt sonore Töne in dre wer 
kelnde Vormittagshast. Sie klingen, von Sonne 
getragen, so feierlich, als läuten sie einen Festtag 
ein. 
Im Stadtpark, seht an, wurden über Nacht die 
Zweige mit Knospen behängt:, reizende Smaragde, 
die körnerklein, wollüstig flimmern. Es gibt auch 
Bäume, daran schwermütig gelbe Raupen pendeln. 
und Sträucher, die von mattem Silber funkeln. 
Ja, die Zweige haben graue Pfötchen, die zatt den 
Frühlingsmorgen streicheln. 
In quietschenden Wagen liegen träge Säug 
linge, die Wangen rot und rund; ste krähen be 
glückt, und ihre winzigen Fäustchen zerstoßen zweck 
los die weich andrängenden Lüste. 
Der kleine Teich im Grunde des hügeligen 
Parks wird von schwachen Windstößen zärtlich ge 
kräuselt: Wie lange noch, und über seiner glitzern 
den Fläche torkeln witter blaue Libellen im 
Abendrot. Der Klang von Schlittschuhen versank 
stumm auf den Grund. 
Auf den Bänken ringsum, schwarz und zer 
schäbt, hocken Verliebte, die keine Bodenkühle furch 
ten: die Herzen schlagen in belebten Takten. Junge 
Mädchen träumen von Wäldern, darin Eitarren- 
töne klingen; und an melancholischen Ufern flü 
stert das Schilf. Der Friede des Sommers wird 
mit alten Melodien die Nächte entzünden. 
So glimmt der frühlingshelle Tag, von Son 
nengold und Blattgrün betupft, empor zum Zenit, 
sinkt mählich und nähert sich kühl wallendem 
Abenddunkel. Wo bleiben die Sterne, wo wan 
dert der Mond? 
Es stießen Wolken empor, die gierig die Wei 
ten umklammern, die Nacht wälzt sich schwarz her 
an und erstickt jegliches Gestirn. Regen schrillt 
nieder, von Hagel durchwirkt. Der mürzmilde 
Tag wird Trug und Legende . . . 
Es kommen noch Stunden, die sich in kühlen 
Schauern krümmen, ehe die Welt sich nraiensüß be 
kränzt. Es kommen noch Nächte, da der Frost die 
jungen Triebe überfällt, daß sie bleich und zage 
hängen. Es kommen noch' Stürme, die böse am 
Lichtgrün kindlicher Blätter zerren. Genießt, o 
genießt die Gnade des Augenblicks! Schlürft dank 
bar jede Dosis Frühling ins Herz. Wer weiß, 
was die Nächte verbergen? 
VZmtr Welt. 
Das ideale Heim in der Vogelwelt. 
Die Zeit fees Nesterbaues der Vögel naht 
heran und die gefiederten Bewohner der Luft 
entfalten einen erstaunlichen Eifer, Fleiß und Ge 
schicklichkeit in der Anlegung ihrer Heime. Viele 
von ihnen begnügen sich freilich damit, nur das 
notwendige Anfnahmebshältms für die Eier und 
die Jungen herzustellen. Aber es gibt auch so 
manche Vögel unserer Zonen, die als tüchtige Bau 
meister für ein« gewisse Behaglichkeit und Aus 
schmückung sorgen und sich zum Schutz ihrer Woh 
nungen besonders günstige Oertlichkeiten auswäh 
len. Von diesen Vögel kann man wohl sagen, 
daß sie die „idealen Heime" der Vogelwelt anle 
gen. Eine allgemeine Regel beim Nesterban ist 
es, daß die Einrichtungen umso sorgfältiger und 
gemütlicher getroffen wetten, je länger die jun 
gen Vögel im Neste bleiben. Ter Fasan, das 
Rebhuhn, der Kiebitz und viele andere Arten, die 
ihre Wohnungen auf dem Erdboden anlegen, ma 
chen überhaupt keine richtigen Nester, und solche 
Bauten sind ja auch nicht notwendig, weil das Nest 
leer wird, sobald die Jungen ausgekrochen, sind. 
Wenn aber die Nesthäkchen noch längere Zert im 
Voaelhüuschen verbleiben, dann müssen di-e^ El 
tern weiter ausschauende Vorkehrungen treffen. 
Unter den Vögeln, die vollständige kleine Häuser 
errichten, stehen die langschwänzige Meise, der 
Zaunkönig und die Grasmücke obenan. Alle diese 
sorgen für richtige Türen an der Seite; die Meise 
legt ihre winzige Eingangspforte höher oben an, 
zweifellos, um mehr Raum für ihre große Fa 
milie zu gewinnen und die Wohnung gemütlicher 
zu gestalten. Auch die Elster baut ein ganz ge 
schloffenes Nest und sieht darauf, daß sie mit ihrem 
langen Schwanz nicht an die Wandle anstößt. An 
dere Vögel wieder achten besonders aus die ge- 
Ipril imö 
Kulturgeschichtliche Plauderei 
von AlbertSchweitzer. 
Am 1. April wiederholt sich stets eine gern 
geübte und im Grunde harmlose Sitte, seinem 
lieben Nächsten einen Possen zu spielen, und zwar 
in der Form des „in-den-April-schickens". 
Woher diese Absicht eigentlich stammt, ist bis 
heute noch nicht wissenschaftlich geklärt worden, ob 
wohl zahlreiche Vermutungen ausgesprochen wor- 
**ii sind, von denen eine wenig glaubwürdige bis 
°uf die Arche Noah zurückgreift. Ein Engländer 
2* es. der im Jahre 1769 die älteste Wurzel dieser 
iÄ^lnarrhttt entdeckt zu haben glaubte. Noah 
şAļlķte, so lautet diese Erklärung, nach der großen 
^isttflut seine berühmte Taube zu frühzeitig aus, 
ais noch die Erde ringsum mit Wasser bedeckt war, 
und daher stammt der Brauch, am 1. April einem 
^Nichtgläubigen einen ■ unausführbaren Auftrag 
M erteilen. — Rosegger erzählt in seinen anmuti- 
Ķun Sittenbildern aus dem steirischen Volksleben: 
''.Wer sich über ein „In-den-April-schicken" beleidigt 
suhlt, dem sagt man, daß Christus, der Herr, selber 
ê den April geschickt worden wäre, von Anas zu 
^alphas, von Pontius zu Pilatus. (Die steirischen 
auern machen nämlich aus dem römischen Land- 
wleger Pontius Pilatus immer zwei Personen.) 
Z^uer wird der erste April bald als Geburtstag, 
u als Todestag Judas', des Verräters Christi, 
""gesehen. Dieser „Lügengeist" und „Windmacher" 
J r n die Predigtliteratur vom Mittelalter bis zu 
raham a Santa Clara als den Inbegriff aller 
^osheiten und Tücke hinstellt, konnte so recht als 
^utzpatron eines Tages gelten, an dem man die 
ņichm belog und hinters Licht führte." Aller 
es ist diese Beziehung auf Judas und Christus 
nur die christliche Verbrämung einer ursprünglich 
heidnischen Sitte. Eine ebenfalls willkürliche Er 
klärung ist die Lesart, wonach König Herodes der 
erste Aprilnarr gewesen sein soll, der kurz vor dem 
bethlchemittschen Kindermotte den neugeborenen 
Heiland suchen ließ, — sich hin- und herschicken las 
sen mußte und ihn schließlich doch nicht fand. 
Man hat versucht, den Brauch des „In-d-rn- 
April-schickens", überhaupt die Scherzfreiheiten des 
1. April aus den alten Narrenfesten herzuleiten. 
Hier sei besonders an die Q u i r i n a lia der 
Römer erinnert, die in diese Zeit fielen, und vor 
allem auch an den letzten Tag des indischen Huli- 
Festes, ber am 31. März das ganze Fest mit dem 
Privileg abschloß, alle Leute auf jede nur erdenk 
liche Weise zu foppen und zu Huli-Narren zu 
machen. 
Es sind auch andere Erklärungen dieser Sit 
ten aufgetaucht: man hat an den wetterwendischen, 
die Menschen so oft zum Narren haltenden Cha 
rakter des Aprilwetters erinnert, an seine Lau 
nenhaftigkeit, von der das Sprichwort sagt: „Der 
April macht, was er will." Anfang und Ende 
des Monats sollten auf diese Neckereien des Wet 
ters hinweisen, denn der Brauch wurde ja vielfach 
auch am letzten April, dem Walpurgistag, geübt. 
Der 1. April steht auch in England in hohem 
Ansehen. Dieser Tag, an dem man den „Geist 
in den April jagt", nennt man dort allgemein „all 
fools day" — aller Narren Tag —, und eine auf 
ihn gemünzte, weit verbreitete Redensart lautet: 
On the first day of April 
Hunt the gawk another mile 
Im Monat April, am ersten Tage, 
Den Gecken eine Meile weit jage. 
In Italien schickt man an diesem Tage einen 
Unkundigen und Harmlosen hin und her, ..man- 
darc Aprile" —, oder läßt seinen kst-s--. uichts- 
schützte Lage des Nestes, so z. B. die Hausschwalbe, 
die ihre Wohnung unter dm Dächern anbringt. 
Der Königsfischer und die Sandschwalbe bauen 
ihre Nester in Tunneln, die ste in einer Sandbank 
aushöhlen. Das Rotkehlchen benutzt eine Baum- 
wurzel oder überhängendes Gesträuch, wenn es 
nicht einen fortgeworfenen Blumentopf oder einen 
alten Schuh findet. Die Eulen und Spechte, die 
Holztauben und Spechtmeisen, die Weißschwänze 
und manche Meisenarten spüren Löcher zur Anlage 
ihrer Nester aus, aber nur Meister Specht geht so 
weit, sich das Loch selbst zu zimmern, in dem er 
sein „ideales Heim" anlegt. 
Ein Arbeiter als literarischer Preisträger. 
Sean O'Casey, ein Ire. der sich als Chauffee- 
und Dockarbeiter ernährt, hat sich durch die Stücke, 
die er in seinen freien Stunden geschrieben hat, 
in England einen Namen gemacht und ist jetzt für 
würdig befunden worden, mit dem Hawthornden- 
Literaturpreis ausgezeichnet zu werden. Der Preis, 
der seinem Inhaber 100 Pfund Sterling einbringt, 
wird jährlich für das beste schöngeistige Werk ver 
teilt, das von einem Autor unter vierzig Jahren 
geschrieben wurde. Lord Oxford stellte persönlich 
den preisgekrönten Arbeiter der Versammlung von 
Literaten vor, die sich in der Londoner Aeolian- 
Hall eingefunden hatte. O'Casey, der seinen ge 
wöhnlichen Arbeitsanzug trug und darüber eine 
wollene Jacke gezogen hatte, saß bei dem feier 
lichen Akt neben Lord Oxford, an dessen Seite 
auch Lady Gregory, die Gründerin des Abbey-The 
aters in Dublin und Lady Oxfott Platz genommen 
hatten. Lord Oxford führte in seiner Ansprache 
aus, in der zeitgenössischen englischen Literatur sei 
kein Feld so vernachlässigt, wie das der Bühnen 
literatur. Deshalb sei ein Werk, das ein hoff 
nungsvolles Talent verrate und neue Ausblicke 
eröffne, mit ganz besonderer Genugtuung zu be 
grüßen. Als ein solches Stück bezeichnete Lord 
Oxfott das für den Preis gewählte O'Caseyfche 
Stück „Juno and the Paycock", das er als das ein 
druckvollste Drama bezeichnete, das man in Eng 
land feit 20 Jahren gesehen habe. Das Stück ist 
auch bereits mit Erfolg im Dubliner Abbey-The 
ater ausgeführt worden. Der preisgekrönte Ar 
beiter, der begeistert begrüßt wurde, stattete seinen 
Dank für die Ehrung im gaelischen Dialekt seiner 
irischen Heimat ab. Er sehe in dem Preis mehr 
eine Ehrung der Schauspieler, die seinem Stück zum 
Erfolg verhoksen hätten, als seiner Person. Dem 
Berichterstatter eines Londoner Blattes erklärte 
er, daß er vorerst nicht weiter auf der Straße und 
auf den Docks arbeiten werden, um Zeit zu haben, 
sich weiter schriftstellerisch zu betätigen. „Ich muß 
offen gestehen", erklärte er, „daß meine Tagelöh 
nerarbeit nicht entfernt soviel Schweiß gekostet 
hat als die Ausarbeitung meiner beiden Bühnen 
stücke." 
Augengläser als Glücksbringer. 
Die Chinesen bezeugen Augengläsern gegen 
über eine abergläubische Verehrung, die sich auch 
darin zeigt, daß der Untergebene, wenn er einen 
Vorgesetzten unterwegs trifft, als höflicher Mann 
nicht' versäumt, bei der Begrüßung seine Augen 
gläser zu entfernen. Augengläser werden in China 
nicht nur getragen, um Sehstörungen zu korrigie 
ren, sondern gelten schlechthin als Glücksbringer, 
die auch Leute tragen, die überhaupt keine Gläser 
nötig haben. Das Gestell dieser Elücksbrillen ist 
aus dem Schildpanzer heiliger Tiere angefertigt, 
während die Gläser aus Elückssteinen hergestellt 
werden, die in heiligen Bergen gefunden werden 
und mit dem Sand geschlissen werden, der dem 
Wasser heiliger Flüsse entnommen ist. 
Die größten Platinlager der Welt. 
Der Regierungsgeologe der Südafrikanischen 
Union, Dr. Wagner, erklärt in Iohannnisburger 
Blättern, daß Südafrika die unvergleichlich größten 
ahnenden Nächten den vergeblichen Gang nach 
dem Hallelujaschlüssel (la hiave della alleluja) 
machen. In Frankreich nennt man diese April 
scherze „Aprilfische" (poisson d'Avril); das „In- 
den-April-schicken" nennt der Franzose .donner un 
poisson d'Avril a quelqu'un". In allen Geschäf 
ten, vom Blumenladen bis zur Delikatessenhand 
lung, finden sich Aprilfische aus Blumen, Schoko 
lade und Attrappen. — Der Däne und Schwede 
„läuft April", während der Belgier den scherzhaf 
ten französischen Ausdruck „poisson d'Avril" an 
erkennt. 
Ueber den geschichtlichen Ursprung der abson 
derlichen französischen Sitte ist man bis heute im 
Unklaren. Franz Wugk erzählt in einem Pariser 
Briefe, daß ein lothringischer Fürst zur Zeit Lud 
wigs XIII. in Nancy von französischen Soldaten 
bewacht wurde. Am 1. April stürzte er in die 
Meurthe und entfloh. Daraufhin sollen die Loth 
ringer den Franzosen entgegengerufen haben: 
„Ein schöner Fisch, den man den Franzosen ge 
geben hat". Ob diese Geschichte wahr oder erfun 
den ist, entbehrt jeden geschichtlichen Hintergrundes, 
Tatsache ist, daß die „poisson d'Avril" schon im 
Mittelalter bekannt waren und in manchen Ge 
genden des alten Königtums Navarra und in den 
südlichen Provinzen, in der Bretagne sehr beliebt 
waren. 
Bei uns in Deutschland ist die Sitte der Scherz- 
freiheiten nicht nur in der Stadt, sondern auch bei 
der ländlichen Bevölkerung üblich. Besonders 
sind die unmöglichsten Aufträge beliebt, an denen 
sich schon das altdeutsche Schelmenmärchen erfreute. 
Wohl keine Bevölkerung ist an drastischen Namen 
so reich wie die deutsche. Da schickt man die Leute 
in die Apotheke um Mückenfett, Enten- oder Gänse- 
milch, Krebsblut, Verstandessamen, rosagrüne 
Tinte, Stecknadelsamen und Kieselsteinöl zu holen. 
Liebeskranken Mädchen wird heilkräftiger Tee 
Platinlager der Welt besitzt. Während Rußland 
und Kolumbien jährlich 85 000 Unzen Platin ge 
winnen, wird Südafrika bald in der Lage sein, 
150 000 Unzen, also mehr als 4 200 Kg. dieses kost 
barsten Metalls, auszuführen. Bergwerke, dis 
imstande sind, 200 000 Unzen jährlich zu gewinnen, 
wetten mit Beginn des nächsten Jahres ihre. Ar 
beit aufnehmen. Die Vorräte an platinreichen 
Erzen sind nach den Angaben Dr. Wagners unbe 
grenzt. Die Platinlager sind bisher auf eine 
Strecke von mehr als 400 Kilometer untersucht, 
und der Ertrag der einzelnen Adern beläust sich 
von etwa 2 Gramm bis za fast 500 Gramm pro 
Tonne. Die Union wird daher, sagt Wagner, in 
der Lage sein, die Welt zu fragen: „Wieviel und 
zu welchem Preise wollt Ihr kaufen?" 
Im Beisein seines Vaters hingerichtet. 
Zu einem erschütternden Ereignis gestaltete 
sich dieser Tage eine Hinrichtung, die in dem^ Ge 
fängnis von Milledgeville im nordamerikanischen 
Staat Georgien stattfand. Ein junger Mann na 
mens Ted Coggershall, der unter der Anklage, ei 
nen Professor Wright ermordet zu haben, zum 
Tode verurteilt worden war, mußte aus dem elek 
trischen Stuhl Platz nehmen. An dieser Exekution, 
die übrigens schon von verschiedenen amerikanischen 
Staaten abgeschafft worden ist» nahmen außer den 
Eerichtspersonen auch — Bruder und Vater des 
Verurteilten teil. Bevor er auf dem Todesstuhl 
Platz nahm, schrie der junge Mensch verzweifelt: 
„Ich bin unschuldig!", und er fügte hinzu: „Lebe 
wohl, Vater, sei nicht traurig, wir werden uns nach 
dem Tode wiedersehen!" — „Gewiß, mein Junge", 
schluchzte der fassungslose Vater, „wir werden 
uns wiedersehen, und dann werden wir witter 
zusammen fischen und jagen gehen." Bei diesen 
Worten, die mit tränenerstickter Stimme gespro 
chen wurden, ergriff der Henker den Verurteilten 
und schnallte ihn auf den elektrischen Stuhl fest. 
Der Vater stöhnte: „Aber sehen Sie ihn doch an, 
meine Herren, ich schwöre Ihnen, er ist unschuldig." 
Aber es half nichts. Der junge Coggershall hatte 
sich inzwischen gefaßt; er rauchte eine Zigarette 
und rief seinem Vater noch ermutigende Worte 
zu, bis der Henker den Todesstrom einschaltete und 
der junge Mensch nach Sekunden fürchterlicher 
Qual seinen Geist aufgab. 
Am 1. April wird niemand geboren. 
Als die Zeit der Geburt des späteren Herzogs 
von Meiningen war — man erwartete sie im 
März 1826 —, wurde Professor Siebold von Göt 
tingen befohlen, bei der Niederkunft der Herzogin 
anwesend zu sein. Er reiste mit seinem ersten 
Assistenten ab, aber sie kamen einige Tage zu früh 
und vertrieben sich die Langeweile so gut es ging. 
So hatten sie auch in der Nacht zum 1. April 
eine lustige Gesellschaft ins Hotel, in dem sie wohn 
ten, eingeladen und tüchtig pokuliert. Da kam, es 
war schon nach Mitternacht, ein Diener mit der 
Meldung, sie sollten sogleich zur Herzogin kommen. 
„Herr Kollege", sagte Professor Siebold zu 
einem Assistenten, „gehen Sie. Ich bin nicht im 
stande, jetzt ärztliche Hilfe zu leisten". 
„Herr Eeheimrat", antwortet der Assistent, 
„ich kann's noch viel weniger als Sie". 
Was war zu tun? 
Da dämmerte in seinem Weindunste eine Idee 
im Professor auf, und er sagte dem Diener: „Gehen 
Sie zu den Hoheiten und melden Sie, daß man 
ruhig noch weiter warten könne, denn am 1. April 
wird kein Mensch geboren." 
Und richtig wurde der junge Prinz erst am 
2. April geboren, wobei Professor Siebold hilfreich 
tätig war. Da nahm der Herzog den Professor 
beiseite und sagte lachend zu ihm: „Ist es also 
wirklich erwiesen, daß am 1. April keine Geburt 
stattfindet?" 
Eiebold antwortete ebenfalls lachend: „Ho 
heit baben's ia geşeben!" K. E. K. 
„Owidumm" und „Ibidumm" empfohlen. In 
Bayern läßt der Oberknecht den Stallknecht Duka 
tensamen und Puckelblau besorgen; er darf sich 
dann allerdings nicht wundern, wenn unerwartet 
ein Stock auf seinen Rücken niederfällt. Wer den 
Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. 
Mem Meer! *) 
Kommt dieses ferne Rauschen 
Vom Meer — vom weiten Meer? — 
All' meine Sinne lauschen 
Ist es der Wogen Heer? 
Und näher — näher dringet 
Die eigne Melodie, 
Die Herzens. Tor bezwinget 
Und einstürmt siegend — frei! — 
Da — Wunder übermächtig! 
O, meine Augen, seht 
Im Sonnensilber prächtig 
Des Meeres Majestät! 
Millionen Wellen blitzen 
Und wiegen sich im Wind — 
Gekrönt Nixen spritzen 
Nach mir und flieh'n geschwind. 
Und immer — immer wieder 
Schlägt Well' auf Well' zum Straird. 
Der Ewigkeiten Lieder 
Spielt grüner Wogen Hand. 
Und ohne Ende schäumet 
Und braust die Brandung her —- 
Bald jubelnd — bald verträumet 
Grüß' ich mein Meer — mein Meer! 
*) (Aus den „Ostseeliedern" 
von R e i n h o l d R e u s e l, Kiel).
	        
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