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der Schleswig-Holsteinischen Landeszeļtung (NendsburgerTageblatt)
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GftergSanbe.
Wie das Kreuz von Golgatha der größte Weg
weiser der Menschheit wurde, so ist die Auf
erstehung unseres Heilandes die unvergängliche
Grundlage des Christentums geworden.
Es gibt kein Geschehen auf dieser Welt, das so
überwältigend und nachhaltig wirkt, wie der dem
Opfertod folgende Sieg unseres Herrn. Dieser
Sieg, der im Zeichen beispielloser Liebe und reini
gender Kraft steht, der den die zagenden Herzen
befreienden Jubelruf „Der Herr ist wahrhaftig
Auferstanden!" auslöste, gab uns Christen die ent
leibende Stärkung unseres Glaubens: die Ge
wißheit! Eine Gewißheit, die allen bösen Mäch
en arotzt, welche den Christusgeist totschlagen
wellen mit der Keule des Materialismus, die ihn
toterklären wollen mit der Keule des Rationa
lismus oder die ihn totschweigen möchten mit dem
Stummsein der Gleichgültigkeit. Ihre Macht
verblaßt im Schatten des Kreuzes von Golgatha
und im Glanze der Auferstehungssonne: denn ge
rade damals offenbarte sich die zeitliche Ohnmacht
des Bösen und der Sieg ewiger Wahrheit am deut
lichsten: Auf immer hinweggetilgt werden von der
Erde sollte Jesus — aber er lebt schon am dritten
Tage wieder und in höherer Kraft als vorher!
Zerstreut werden sollte die kleine Schar seiner An
hänger — dach sie sammeln sich um den Auferstan
denen mit einer Liebe, von der sie weder Hohes
uoch Tiefes, weder Gegenwärtiges noch Zurünfti-
8as zu scheiden vermag. Mit einem Schlage zer
trümmert werden sollte das Werk des Himmels,
Kegen bas sich die Finsternis der Erde verschworen
atto — doch die Auferstehung Jesu wurde die un-
krschütterliche Crundlage eines Baues, der Iahr-
taustnde überdauert und den selbst die beharr-
"chsten Gegner nicht zu beseitigen vermögen.
Was wäre die Welt ohne Diesen Sieg gott-
^chen Geistes? Was wäre der Einzelne ohne diese
^°wißhE7 Erst im Lichte der Aus
säe h ^ „ g unseres Heilandes v e r -
s^ìnden die Dunkelheiten des irdi-
Uns Lebens! Ganz deutlich nämlich erken-
Wir in diesem Lichte das planmäßige Wirken
sw+t S ~ ìu feiner unerwarteten Entwicklung, die
jpttraoftgjeft menschlichen Stückwerks und blindwü-
tenoer Laster, sowie den Zusammenhang desir-
dskichenLebensnlitdemIenseits. Schon
, ^Tatsache, daß an einem Wendepunkt der Welt
geschichte das Grab nicht das Letzte gewesen ist, be
sagt genug. Noch bedeutsamer aber ist der Oster
glaube. daß aus einer begrabenen Hoffnung eine
lebendige Gewißheit entstand.
Unsere Ueberzeugung von dieser Gewißheit
wird weiter gefestigt, wenn wir erwägen, daß sie
unseren Geist zu den erhabensten Betrachtungen
erweckt, daß sie uns das herrlichste Ziel gibt, Laß
Iή uns beruhigt bei den Rätseln des menschlichen
Guseins und daß sie uns selbst im Sterben erquickt,
^chon die Natur erregt in uns Ahnungen eines
neuen Lebens durch immerwährende Bilder; wir
Köpfen die Hoffnung der Unsterblichkeit aus dem
^rnü'nftigen Nachdenken über das Wesen unserer
Seele; die vortrefflichsten Menschen aller Zeiten
^ben sich als untrüglich angenommen, und die
Auşerstehuņg Jesu setzt sie außer allen Zweifel.
Mit diesem Osterglauben laßt uns den
Glauben an die Zukunft verbinden!
Màs Şftsààche.
Schmackostern.
Ostersonntagmorgen! Es ist noch gar früh
am Tage, aber schon zieht ein luftiger Trupp mit
Lachen und Schreien durchs Dorf. Es find Kin
der, doch auch schon herangewachsene Burschen, und
sie alle tragen zusammengeflochtene Weideruten,
die mit buntem Papier umwickelt, mit lustigen
Bändern verziert sind; eins oder das andere trägt
sogar einen richtigen Klopfer, wie man ihn zu
kaufen bekommt. Aus und ab tobt die fröhliche
Schar durch die Gassen, und jeder, der ihnen be
gegnet, wird mit den Ruten geschlagen, meist auf
Hände und Füße. Aber er ist über solche Züchti
gung nicht ungehalten, sondern macht gute Miene
zum bösen Spiel und gibt den Kindern sogar noch
ein „Lösegeld". Auch in die Häuser dringen die
Kleinen mit ihrer bunten Osterwaffe, prügeln die
Langschläfer aus den Betten, und besonders hat
man's auf die Mädchen abgesehen, die nicht schlecht
kreischen und lachen. Die Unruhstifter werden
bewirtet oder erhalten Geschenke, neben Kuchen
hauptsächlich Eier, weshalb man die Sitte wohl
auch hie und da das „Eierpeitschen" nennt. Im
östlichen Deutschland aber heißt der Brauch fast
überall „Schmackostern" oder auch „Schmeckostern",
und die Kinder singen allerlei Sprüche, wenn sie
die Erwachsenen mit den Ruten schlagen, wie z. B.
im Ermtand: „Schmackosta, Erön Ofta! Sötz Eia,
Fiew Schilling, Stöcke (Stück) Speck, Dann gah eck
weg." Oder anderwärts: „Schmackoster, bunt
Oster, Dree Eier, Stück Speck, Stück Floade, Etas
Bramwin, Denn goh eck glik weg". Der Name
kommt von dem niederdeutschen smacken — schlagen,
Schmicke — Gerte, und hängt mit dem slawischen
„Smiga" (Rute) und smagac — peitschen zusam
men. Das „Schmackostern" gehört zu den aller-
ältesten Osterbräuchen, die uns überliefert sind;
es wird schon im 12. Jahrhundert erwähnt; in
Schlesien wird das „smiggost" bereits im 15. Jahr
hundert durch die Diözesan-Statuten des Bischofs
Andreas verboten, zusammen mit dem „Dingus",
dem mit dem Schmackostern noch heute vielfach eng
verbundenen Bespritzen mit Wasser. Das Schla
gen mit der Rute findet übrigens nicht nur am
Ostersontag, sondern auch am Ostermontag und
Osterdienstag, vielfach auch am Palmsonntag und
überhaupt zur Osterzeit statt. Man hat den
Brauch christlich dahin ausgedeutet, daß die
Schläge, die bisweilen auch am Karfreitag verteilt
werden, an die Qualen und Martern des Herrn
erinnern sollen. Tatsächlich aber liegt dem Brauch
eine andere heidnische Vorstellung zugrunde.
das Glück." In Ostpreußen werden die Schmack
ostern, mit denen die Kinder die Erwachsenen ge
schlagen einander und rufen dabei: „Da hast du
nommen; man bewahrt die segenspendenden
Zweige auf und treibt damit das Vieh zum ersten
mal auf die Weide.
Wie man im Baumkult die fruchtbare Kraft,
die im Saft des Baumes im Frühjahr emporsteigt
und das Blühen und Sprießen hervorbringt, dem
Menschen zum Segen zuzuwenden sucht, so soll auch
die Berührung mit den jungen Sprossen des
Zweiges dem Menschen Gesundheit und Glück ver
leihen, Krankheit und Unrast von ihm abwehren.
Daher kommt es, daß man den Schlag als eine
Wohltat aufnimmt und dafür den anderen be
lohnt; deshalb werden auch mit dem Schlag be
stimmte Wünsche verbunden. So sagt man z. B.
in Rußland dabei; „Krankheit in den Wald, Ge
sundheit in die Gebeine". Und in Deutschland:
„Frisches Grün, langes Leben!" In der Nähe von
Prag ziehen die jungen Leute zu Ostern mit
Musik und grünen Zweigen in den Händen umher,
schlagen einander und rufend aber: „Da hast du
Osterfeuer — Osterräder.
Ein ausdrucksvoller Brauch aus der Oster
zeit ist das Aufschichten und Abbrennen der Oster
feuer, die aus Freude über das Wiedererwachen
der Natur angezündet wurden. In dem westfäli
schen Städtchen Lügde hat sich noch eine besondere
Art des Osterfeuers — das feurige Rad — erhal
ten. Hier werden mächtige, mit leicht entzündba
ren Stoffen umwundene Räder in Flammen ge
setzt und den im Westen der Stadt gelegenen Oster-
berg hinuntergevollt. Am Karfreitag schrprüen
drei Männer von Haus zu Haus und entbieten ei
nen fröhlichen Gruß von den „Osterbrüdern".
Man gibt ihnen Stroh. Werg und ähnliche Stoffe;
manche stellen einen Wagen für die Feier zur Ver
fügung. So ist alles im Wetteifern begriffen,
um die alte Sitte möglichst schön zu gestalten. Rei
sig liefert die Stadt. Am ersten Ostermorgen wer
den die schweren eisernen Räder — zumeist fünf
bis sechs — auf einem vierspännigen Ackerwagen,
dem ein zweiter, mit Stroh beladener Wagen folgt,
auf den Osterberg geschafft. Ist der Zug aus der
Anhöhe angelangt, so werden leichte Stangen durch
die Mitte der Radspeichen geschoben. Dann wer
den die Speichen mit Stroh umwickelt und mit
leicht brennbaren Flüssigkeiten übergössen. Am
Fuße des Berges wird ein großer Reisighaufen
aufgetürmt, dort versammeln sich bei Anbruch der
Dunkelheit di^ Schaulustigen. Die Stadtkapelle
spielt einen Choral, vom Berge ertönt ein Sig
nalschuß: der Reisighaufen wird angezündet. Und
bald rollt das erste feurige Rad in mächtigen
Sprüngen, eine mit brennenden Strohhäufchen be
deckte Bahn zurücklassend, den Berghang hinunter.
In kurzen Abständen werden alle Röder abgelas
sen. Dann aber beginnt das Schwerste, die Be
antwortung der Frage, ob die Räder gut hinunter-
gekommen sind. Sind die Räder von ihrer Bahn
nicht abgewichen, so steht ein gutes Jahr bevor.
Der Erntesegen wird nicht ausstehen, und alles
nimmt eine frohe Wendung.
Der Osterhase und das Osterei.
Der Osterhase und das Osterei spielen im
Osterglauben die größte Rolle. Die Kinder wün
schen natürlich, der Hase möge sie recht reichlich mit
Ostereiern bedenken; daher gehen sie wohl am
Sonnabend von Haus zu Haus und singen den
Vers:
Has', Has, sitz im Nest,
Morgen kommt das Osterfest!
Und leg heuer uns viel Eier!
Sind dann die Eier gefunden, so beginnt wohl
das „Eiergupfen" oder das Tipfen und Stützen der
Eier, wie es auch genannt wird. Die Kinder schla
gen hartgekochte Eier mit den Spitzen aufeinander;
wessen Ei entzweigeht, hat das seine dem Gegner
auszuliefern. Auch das Eierrollen ist beliebt. Die
Eier werden von einem schrägen Brett herabge-
rollt, wessen Ei dabei am weitesten rollt, ist Sie
ger und gewinnt die Eier aller Mitspieler. Be
liebt ist ferner der Eierwettlauf; wer ihn gewinnt,
wird als „Eierkönig" bekränzt.
Die Osterbretzel
hat sich in einigen Gegenden bis auf den heutigen
Tag erhalten. Sie drückt besonders die Beziehun
gen zwischen dem jungen Volk aus. Der Bursch gibt
Mädchen eine Schnur mit Bretzeln, je mehr
Bretzeln, um so größer die Liebe, oder hängt das
Backwerk abends vor ihr Kammerfenster. Zweifelt
der junge Mann an der Treue seines Schatzes, so
bringt er das dadurch zum Ausdruck, daß er eine
abgebissene Bretzel aufhängt. Mädchen, die man
eines unsittlichen Lebenswandels verdächtigt, er
halten ein mit Stroh umflochtenes Gebäck.
Das Ost-rwasser,
das am Ostermorgen aus fließendem Gewässer ge-'
schöpft wird, gilt als heilwirkend. Wer sich damit
wäscht, bleibt das ganze Jahr gesund. Das Wasser
wird auch über Scheunen und Ställe gespritzt, weil
es das Vieh vor Krankheit und Ungeziefer schützen
soll. Wer vorsichtig ist, füllt das Osterwasser auf
Flaschen und hält sich so einen Vorrat im Hause,
um damit segensvoll zu wirken, wenn Unheil nahen
sollte.
àsîhe mb às Osterfest.
Kein anderes Fest ist durch die deutsche Dich
tung so verherrlicht worden wie Ostern. Wir b:-
sitzen die wundervollste Darstellung des Karfreitags
in der größten Dichtung unseres Mittelalters, in
Wolfram von Eschenbachs „Parzifal", und eine
dichterische Gestaltung des Ostevwunders in Ger
thes „Faust". In seinem gedankenreichen Werk
über den „Faust", das soeben bei der Union Deut
sche Verlagsgesellschaft in Stuttgart erschienen ist,
weist Julius Bab auf den Zusammenhang der fau
stischen Osterbotschaft mit den Anfängen des deut
schen Dramas hin. „Wunderbar — einer der er
greifendsten Zufälle der Kunstgeschichte oder auch
mehr als ein Zufall!" schreibt er, „hier biegt sich
auf einem höchsten Punkte ihrer Entfaltung die Ge
schichte des deutschen Dramas zu ihrem ersten An
fang zurück. Denn mit der Ostermesse hat, fast
ein Jahrtausend, ehe diese Szene geschrieben wur
de, Kunst, dramatischer Form sich nähernd, auf
deutschem Boden begonnen. Das „Quem queritis?"
(Wen sucht ihr?), das der Priester vom Altar in
der Rolle des verkündenden Engels am Ostermor-
gen den Frauen zuruft, die den Leib des Aufer
standenen zu suchen kommen, das ist die Keimzelle
der m itteralterlichen Mysterienspiele *), aus de
nen dramatische Kunst auf deutschem Boden zu
erst erwuchs. Eine Umsetzung dieser uralten kirch
lichen Respensorien in Eoethesche Dersmustk ist es,
die jetzt erklingt, die Faust vor einem zu frühen
Tode bewahrt und ihn dem Leben erhält, in dem
er den Weg zu seiner Erlösung finden soll."
Als Goethe am 2. Ostertag 1798 Erauns „Tod
Jesu" hörte und das Osterwunder durch die Macht
der Töne neu erlebte, da erfüllten ihn die alten
heiligen Lieder mit der Kraft, die Lücke auszu
füllen, die noch nach der Veröffentlichung des
„Fragmentes" von 1790 in dem Gebäude „Der
Tragödie 1. Teil" klaffte. Er selbst fühlte sich im
Banne der alten Hymnen, die ihm von Jugend
*) Unter den Mysterienspielen kam den Pas
sions- und Osterspielen eine besondere Rolle zu.
Der Aufführung des berühmten Redentiner Oster
spiels vor einigen Jahren in Rendsburg wird
man sich wohl noch entsinnen. Die Schriftltg.)
aSOTiüS
Auferstehung.
Osterskizze von Werner F r e y t a g.
Hell strahlte die Sonne vom wolkenlosen Him
mel auf Petersburg herab, als am Ostermorgen
e s Jahres 1914 Leutnant Fedor Michailowitsch,
J 5 Zaren frischgebackenster Offizier, aus dem Ka-
l rnentor ins Freie trat. Der Posten salutierte,
lösend und etwas geschmeichelt warf ihm Michai-
"sch den obligaten „Epaulettenrubel" zu. Seit
O ^nden Offizier im flottesten Earderegiment!
gr'eisķl ^êgann für ihn das eigentliche Leben, stand
ze>7 J 1 - 1 tt ° r ihm und lockte mit wundersamen Rei-
° n ’ Ulle eine schöne Frau.
£ mochte etwa gegen zehn Uhr morgens sein.
a t ^.ftUge Fedors streifte suchend den Fahrdamm
längs der immer noch beschneiten Esplanade.
wr£- mntt! Wo blieb Andreas, der Faulpelz, mit
m Schlitten? Doch warum sich von diesem Bur-
S chu Ostersonntag die gute Laune rauben las-
^ l î winkte kurz entschlossen einem der Tschwo-
^ mit ihren kleinen, flinken Schlitten in
ch ngsvollem Abstand vom Eingang der Kaserne
flitzte wie der Blitz herbei. Quer
°urch die Stadt! Los, Kutscher!"
den, ģŗisfen da die zwei Kosakenpferdchen vor
klaii ^Milten aus! Mit hü und hott und Schellen-
jj. 4 ** as Gefährt durch ein paar Straßen,
(tTt ÎOtîTîfsfftTtsfk Sïl?rtrf?rfiPîT
an sonntäglich geputzten Menschen.
als f.^^şien just am Anitschkow-Palais vorbei,
plötzlich ernst und feierlich die Glocken der Ka-
sanschen Kathedrale zu läuten begannen. Schon
fielen — nicht minder wuchtig — die erzenen
Stimmen von Peter-Paul, dèr Petrikirche und dem
Alexander-Newsky-Klofter ein; die kleineren folg
ten. Ein Meer von Klängen brauste über die
Dächer der Newastadt, als sei der jüngste Tag ge
kommen. Ein einziger Jubelruf durchhallte Stra
ßen und Plätze: „Christ ist auferstanden! Gelobt
sei Jesus Christ! Aus Häusern, Kirchen und Pa
lästen strömten Tausende und Abertausende her
vor. Sie lachten, scherzten, neckten sich wie Kin
der, umarmten sich auf offener Straße und küßten
sich wie Liebende. An diesem Tage kannte nach
langer Fastenzeit des Volkes Frohsinn keine Gren
zen.
In dem Gedränge bahnte sich der Schlitten
Fedors nur mühsam seinen Weg. Die Blicke des
jungen Offiziers hingen gebannt am buntbeweg
ten Treiben rings umher. Hier spielte ihm das
Leben eine große Ouvertüre. Doch was war das?
Schreckensschreie gellten vor ihm aus. Wie rasend
riß der Kutscher beide Gäule vor einem Hindernis
zurück. Sie standen, zitternd in den Flanken.
Vor ihren Hufen aber lag ein blühendjunges Mäd
chen auf dem Pflaster. War wohl gestürzt und
hatte die Besinnung rasch verloren.
Mit einem Satz war Fedor aus dem Schlitten
gesprungen und kniete vor der Ohnmächtigen. Da
schlug sie ihre Augen auf. Hellverwirrte Augen,
in die nur spärlich ein Schimmer des Verstehens
drang. Sie mochte etwa zwanzig Lenze zählen und
trug den Liebreiz frischer, unberührter Jugend in
ihrem fein gemeißelten Gesicht.
Rot vor Erregung, half er ihr beim Aufstehen
und sagte leichthin sich verneigend, ein wenig
schüchtern, aber herzlich: „Der Schlitten steht zu
Ihren Diensten, mein Fräulein. Wohin darf ich
Sie fahren? Ilebrigens: Michailowitsch, Leutnant
im schönsten Garderregiment." Sie mußte lächeln,
musterte ihn flüchtig und meinte schelmisch: „Ich
danke Ihnen, Herr Leutnant, und nehme Ihr An
erbieten an. O, es war schrecklich! Ich wollte
schnell die Straße überqueren, wurde abgedrängt
und fiel zu Boden. Um Haaresbreite wäre ich
von Ihrem Schlitten überfahren worden. Und nun
dieses Glück! Bitte fahren Sie mich zur Volschaja
Storona. Ich heiße Sonja und bin die einzige
Tochter des Generals Meloff."
Bald lag die llnfallstätte weit hinter ihnen.
An einer Straßenbiegung nahm sich Fedor Michai
lowitsch das Recht der Stunde, faßte sich ein Herz
und küßte die sanft Widerstrebende still und innig
auf ihre mädchenherben Lippen. Und „Mütterchen
Rußland" erlaubte ihm diesen Kuß; denn „Christ
war auferstanden!"
Während immer noch die Osterglocken, schon
leiser hallend, durch die Hauptstadt klangen und
endlose Prozessionen gläubiger Christen an ihnen
vorüberwallten, fuhr der junge Leutnant Michai
lowitsch stolz erhobenen Hauptes an der Seite des
licbl'chsten Mädchens von ganz Petersburg, wie er
glaubte, einem neuen, unbekannten Leben voller
Liebe, Glanz und Seligkeiten entgegen.
Bereits nach ein paar Monaten ungetrübten
Glücks zerstoben alle Träunie eines lebensdurstigen
Offiziers wie Spreu im Winde. Als Sonja Me
loff seine Frau geworden, brach blutigrot kt
Weltkrieg aus.
Das Leben, diese rätselhafte Spinx, blieb Fe
dor Michailowitsch für sehr lange Zeit so
ziemlich alles schuldig. Zwölf schonungslose Jahre
lagen hinter ihm. Sie hatten ihm restlos das ge
nommen, woran sein Herz gehangen. Sonja? Sie
ruhte längst mit ihrem Vater in sibirischer Erde.
Irgendwo. Es kannte niemand ihre Gräber.
Eltern und Verwandte befaß er nicht mehr. Er
selbst war von den Sowjets für immer aus der
Heimat vertrieben.
So zog er müde und verdrossen als Mitglied
einer Balalaika-Truppe durch fremde Länder.
Spielte oft zum Tanz und sang noch häufiger mit
seinen Brüdern jene schlichten, kleinen Volkslied
chen,, aus deren Melodien die Wolga schäumte und
unermeßliche Steppen ihre kargen Reize zeigten.
Heute hier und Morgen dort. Ein ewiges Wan
dlern ohne Zweck und Ziel.
Verpfuscht schien ihm das Dasein, bis eines
Tage unvermutet neue Lebenskraft den mutlosen
Gesellen beseelte. Welches Wunder war geschehen?
An einem Frühlingsmorgen zog die Musikanten
truppe geschlossen durch eine unbekannte Stadt im
Süden Deutschlands. Und wieder läuteten die
Osterglocken, gemessenen Schrittes zog eine Prozes
sion vorüber. Da überwältigte Michailowitsch die
Erinnerung an ferne Tage.
Er stürzte vor und riß ein kleines, baß er
stauntes Mägdelin in seine Arme. Hob's hoch zu
sich empor, küßte andachtsvoll des Kindleins zarte
Wangen und stammelte laut und freudig: „Christ
ist auferstanden. Gelobt sei Jesus Christ." ■— Die
Erde hatte Fedor Michailowitsch wieder!