thumbs: Sämmtliche Märchen

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zeitsctag!“ Und dann nahm es zwei Blumen aus seinem Kranze und 
füßte sie; diese glänzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als 
sie die auf die Häupter der Alten legte, wurde jede Blume zu einer 
Holdkrone. Da faßen sie Beide, einem Könige und einer Königin gleich, 
unter dem duftenden Baume, der ganz und gar wie ein Fliederbaum 
aussah; und er erzählte seiner Frau die Geschichte von dem Flieder— 
mütterchen, wie sie ihm erzählt worden, als er noch ein kleiner 
Knabe war; und sie meinten Beide, daß die Geschichte gar Vieles ent— 
hielte, was ihrer eigenen glich; und das, was ähnlich war, gefiel ihnen 
am Besten. 
„Ja, so ist es!“ sagte das kleine Mädchen im Baume. „Einige 
nennen mich Fliedermütterchen, Andere Dryade, aber ich heiße Erinne— 
rung; ich bin es, die im Baume sitzt, welcher wächst und wächst; ich 
kann zurückdenken, ich kann erzählen! Laß sehen, ob Du Deine Blume 
noch hast.“ 
Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch, da lag die Flieder— 
olume, so frisch, als wäre sie erst kürzlich hineingelegt; und die Er— 
innerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem 
Kopfe saßen in der rothen Abendsonne; sie schlossen die Augen und — 
und —? Ja, da war das Märchen aus! 
Der kleine Knabe lag in seinem Bette, er wußte nicht, ob er ge— 
träumt, oder ob er es habe erzählen hören; die Theekanne stand auf 
dem Tische, aber es wuchs kein Fliederbaum daraus hervor; und der 
alte Mann, der es erzählt hatte, war im Begriff, zur Thüre hinauszu⸗ 
gehen, und das that er auch. J 
„Wie schön war das!“ sagte der kleine Knabe. „Mutter, ich bin 
in den warmen Ländern gewesen!“ 
„Ja, das glaube ich wohl!“ sagte die Mutter; „wenn man zwei 
Tassen warmen Fliederthee zu sich nimmt, dann kommt man wohl nach 
den warmen Ländern!“ — Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht 
erkälten sollte. „Du hast gut geschlafen, während ich mich mit ihm 
darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein Märchen sei!“ 
„Und wo ist das Fliedermütterchen?“ fragte der Knabe. 
heib „Das ist in der Theekanne,“ sagte die Mutter, „und da mag sie 
eiben.“
	        
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