wie das Leid noch immer wie ein dunkler Vogel
über ihr schwebte.
„De Wächter röppt,
De Maanschien slöppt
Up ’ grüne Gras so blank!
De Wind so matt
Krüst kaum een Blatt,
Em slepert uk all lang!
Man bloat -mien Hart
Beel lüde ward,
As 't was den ganzen Dag;
Dat sleiht un sleiht,
As ob 't nich weit.
Wo 't finden mag sicn Flagg . .."
Auf einer Hochzeit lernte Alwine 1842 den
Bürgermei st er Wuthenow aus Güstrow
kennen; sie verliebten sich, und trotz Abratens sei
tens der Eltern und Freunde hielt'der Bürger
meister um ihre Hand an. Er hatte als Leidens
genosse von Fritz Reuter das Leid der Welt erfah
ren und hoffte, daß feine Liebe das arme schöne
Mädchen ganz retten würde. Und wirklich besserte
sich in der Ehe ihr Zustand. Als sie dem Gatten
sogar einen Sohn gebar, schien die Gefahr ge
bannt zu sein. Da kam das Jahr 1848. Der Pö
bel von Güstrow fetzte den Bürgermeister ab, be
drohte fein Leben und Eigentum. Alwine, die
ihre zweite Niederkunft erwartete, mußte durch
einen Doppelposten bewacht und beschützt werden.
Das alte Leiden kehrte plötzlich zurück und wurde
nun immer schlimmer. Als Wuthenow im näch
sten Jahr Assessor am Gericht in Greifswald
wurde, war ein eheliches Zusammenleben nicht
mehr möglich, und man brachte die Aermfte aufs
neue wieder in eine Heilanstalt. Zeitweilig ver
suchte man immer wieder, ob die Kranke nicht im
Hause leben könne.
Und jetzt, in dieser unheilvollen zerrissenen
Zeit, sang die Dichterin ihre schön st e n platt
deutschen Lieder.
Fritz Reuter, der damals das„llnterhaltungs-
blatt für beide Mecklenburg" herausgab, veröf
fentlichte die ersten Gedichte, die ihm als „Perlen
unter Kieseln" erschienen. 1857 gab er auch ein
Auswahlbändchen heraus: „En por Blomen ut
Annmariek Schulten ehren Goren von A. W.
Herausg. von Fritz Reuter." Die Kritik nahm
das Bändchen sehr freundlich auf, und nach meh
reren Auflagen folgte ein zweiter Band: „Nige
Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren von
A. W. und Hochdeutsche Gedichte von A. W."
Dieser Band fand aber nicht die Anerkennung des
ersten.
Alwine Wuthenow wußte, wie es um ihren
Zustand" stand. . Die Sehnsucht nach ihren drei
Kindern und. nach dem um sie bangenden Gatten
war oft allzu groß. Wie wartet sie auf einen
Brief
Hermàà
Früher wollt' ich zu den fernen Weiten
Meine hoffnungsjungen Schwingen breiten —
Nun, wo uns die Sorgen schwer bedrängen,
Zn der Heimatwelt, der kleinen, engen,
Bleibt mein Herz mit tausend Fasern hängen.
Weht auch scharfe Luft von Süd' und Norden,
Deutsches Leid, nrein Leid bist du geworden!
Mathilde D o n a t a von Veulwitz
Am ergreifendsten ist wohl ihr Schrei nach
Erlösung, ihr „Ick m ö t furt".
„Nu drag ick 't nich länger, nu ward 't mi tau dull,
Ick kann ’i nich verlopen, so giern ick uk wull
lln kann 't nich versteigen, so giern ick uk müggt.
Taun Wannern kein Paß nich, taun Fleigcn kein Flücht!
Ji Wolken, ji weit 't woll, wahen ick giern tög,
Ji Böget, ji weit 't woll. wohen ick gierm.slög.
Ji weit 't, wo deiht jagen dat mächtige Wurt,
Wo '1 brennt up den Harten: „Ick möt surf, ick möt
die Landesaufnahme aus den 70er Jahren des
18. Jahrhunderts, sowie die berühmte Karte des
Geographen Johann Meyer aus Husum, die in den
Jahren 1838/48 ausgenommen worden war.
Wo diese Karten versagen, da muß der Forscher
zuletzt zu den Orts- und Flurnamen seine Zuflucht
nehmen, und diese zeugen noch heute lebhaft von der
gewaltigen Ausdehnung der alten Wälder in
Nordschleswig. Als besonderes Beispiel für den ehe
maligen reichen Maldbestand führt F. Mager das
Dorf Aggerschau im Kreise Hadersleben an. Dieses
war noch am Ende des 18. Jahrhunderts nach fast
allen Richtungen hin von Heide umgeben, die überall
an die Stelle des Waldes getreten ist. Schon der
Name deutet auf den Ursprung des Dorfes. „Agger"
bedeutet natürlich „Acker" und „schau" ist identisch mit
dem jütischen „skov" und heißt Wald. Im Westen des
Dorfes taucht ferner der Flurname „Paulund" auf,
und „l-und" ist bekanntlich gleichbedeutend mit einem
kleinen Wald oder Hain. Eine Krattfläche in der
Nähe des Dorfes trägt „noch jetzt den Namen „Bester
Ryer" (westliche Rodungen), eine andere heißt noch
heute Eeestruplund. Im Norden des Dorfes trägt die
Gemeindeflur den Namen „Leerskov". Oestlich des
Dorfes liegt ein Moor, das den Namen „Steeus-
fkovbjergmoos" trügt, also in früherer Zeit von einem
Wald umfaßt gewesen sein muß. Das Dorf ist also
bei seiner Gründung von allen Seiten von Wald um
geben gewesen und hat sich erst dyrch Rodungen seinen
Ackerboden geschaffen. Auch das Heidedorf Rangstrup,
das östlich von Aggerschau liegt, kann nicht weniger
als 18 Flurnamen aufweifen, die auf einen früheren
reichen Waldbestand hindeuten.
Der Wald hat sich nach Westen bis an den Rand
der Geest erstreckt, denn gerade auf der Grenze zwischen
der schleswigschen Geest und der Marsch weisen viele
Ortsnamen auf frühere Waldungen hin. Wir finden
hier die Namen Bedstedt (Bed oder Wit gleich Wald),
Hvidding, Roagcr (gerodeter Acker), Reisby (Ries-
Reisig gleich Busch). Bei Tondern finden wir die
Rodungsortsnamen Roy, Twedt und Korntwedt
(Twedt gleich Rodung). Ja, selbst die Widau wird
zum Zeugen früherer Zeiten, wenn man bedenkt, daß
sie eigentlich, den Namen „Waldau" trägt.
Das Verschwinden der großen Wäl
der ist dadurch verursacht worden, daß Weide und
Ackerland benötigt wurden. An den Orten, wo keine
Kultivierung des Bodens stattgefunden hatte, trat
meistens die Heide am die Stelle des Waldes. Aber
auch sie bot den Bewohnern noch manchen Nutzen.
Bald wurde sie als Viehweide benutzt, bald bildete sie
den Tummelplatz der Bienenvölker, bald lieferte sie
Streu, Feuerung und Düngung. Immer mehr Wald-
bestände verschwanden. Der junge Nachwuchs fand
nicht den nötigen Schutz, und der häufige Sturmwind
-ountc fein Zerstörungswerk ungehindert vollziehen.
Auch die eigenartigen Besitzverhältnisse der damali
gen Zeit, das kommunistische Wirtschaftssystem in den
bäuerlichen Gemeinden, hat mit zum Verschwinden des
Waldes beigetragen. Keiner wollte hinter den an
dern zurückstehen und suchte möglichst viel aus dem
gemeinsamen Besitz herauszuholen. Erst mit dem Ende
des 18. Jahrhunderts konnte eine neue Eigentums-
Wirtschaft Platz greifen. Damit begann auch eine
großzügige Kultivierung der weiten Heide- und
Moorslächen, die ehemals non den dichten Wäldern
bedeckt gewesen waren.
zum 1. Ma>
cntliches
rdchen
. ig. Mädchen,
sind zu mel'
I ein bessere»
Mädchen
schneidern k.,
n.-Änschluß ü.
r. Fuhlendorf,
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Lesselburen.
wbon 317. ^
zum 1.
tes einfaches
Mädchen
erforderlich.
Otto Peters,
ftianskvog,
Wöhrden.
hmarschen.
z. 1. Mai ein
Mädchen
erlovderlich-
Gebalt.
sich. Welliķ
Husen.
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für Tat. evll-
ein nicht S' 1
zuverlässiges
irdchen.
izer wkrv $?
Ane rmMàķiche
pSaltöeirMe Dichteà.
Bon Axel Hansen.
Aristoteles redet in seiner „Poetik" vom poe-
eschen Wahnsinn; Genie und. Wahnsinn über
schneiden sich oft in ihren Grenzen; lärmende Iu-
8end in der deutschen Literatur gibt oft auch
Wahnsinn für Genie aus.' Die Niederdeutschen
teen aber eine Dichterin gehabt, die sich gerade
öu Zeiten geistiger Umnachtung zu poetischer Klar
est und Gestaltung durchrang: die schönsten Ge
richte Alwine Wuthenows sind in der Ir
renanstalt Sachfenberg bei Schwerin in Mecklen
burg entstanden. Sie ist nicht nur eine der interes
santesten, sondern auch eine der' bedeutendsten
plattdeutschen Dichterinnen überhaupt, und doch
haben sie Tagesgrößen der neuplattdeutschen Li
teratur teilweise verdrängt, besonders seitdem ihr
Freund und Förderer Marx Möller 1921 starb,
îr plante noch eine Neuausgabe ihrer Gedichte,
bie jetzt vergriffen sind.
+ Am 16. September 1820 wurde sie als Toch
er des Pastors Balthasar in Neuenkirchen bei
Greifswald geboren. Mit ihren drei Schwestern
mit einer Reihe Pensionäre verlebte das klu-
aufgeweckte Mädchen eine fröhliche Jugend.
Vater war 1824 Superintendent in Güstrow
^worden; aber schon drei Jahre darauf traf die
Familie ein harter Schlag: die Mutter starb.
Und etwa zu dieser Zeit zeigten sich bei dem
ibngen Mädchen die ersten Spuren einer geistigen
^krankuna. Alwine war nämlich lästigen Zwangs-
Erstellungen (paranoia rüdimentaria) unterwor-
Ä sie wünschte nebensächliche Handlungen — wie
Eröffnen, Hutaufhängen usw. — mehrfach wie-
h/cholt- Zuerst lachte man darüber und suchte ihr
, le vermeintlichen Grillen durch Verspottung aus
kleiden. Der Vater verheiratete sich inzwischen
leder,^ und die Eltern widmeten dem Kind jetzt
Lenügende Aufmerksamkeit, glaubten
-uetzlich auch, es fohle nur an der notwendigen
Zerstreuung und schickten Alwine auf drei Jahre
»U dem Ereifswalder Professor Hornschuh. Aber
°as Leiden besserte sich keineswegs, und schließlich
man Fas siebzehnjährige Mädchen in die
Heilanstalt Sachsenberg bringen. Man versuchte
Üiu Bor üK . en Dmgen sie abzulenken und beschäf-
e sie ķit allerlei praktischen Arbeiten, und
^ulich wich die dunkle Krankheit. Dankbar ge-
Gott sang Alwine nun manches hochdeutsche
auch heitere Gedichte entstanden; aber darun-
boch nichts Plattdeutsches.
^ Nach zwei Jahren entließ man die scheinbar
w"Ute; aber die Kranke fühlte in den Nächten,
Dünn infpunnt, bliew inspunnt een ewigen Dag
In 't nämliche Burken, up 't nämliche Flag,
lln de nämliche Weihdag'. de oll swarte Krcih.
Kämmt alldag un frets mi dat Hart so entwei.
Un Sturm gets na Sturmen den sülwigen Schritt
Un maakt mi nich apen un nimmt mi nich mit.
Ach, heww ick nich hofft denn, un heww ick nich luurt
Un liesing man süfzt: „Ick möt fürt, ick möt. fürt!"
Doch nu ward 't tau dull mi, nu fat' mi dat an,
Möt bögen oder brekcn, ick riet, wat ick kann!
Ut Ost un ut Westens ut Süd un ut Rurd>
Bläst 't luder un luder: „Ick möt fürt, ick möt fürt!"
Lern, Gott in den Heben, o, hür mi dit Mal!
Heft du denn kein Mitleed mit so vele Qual?
Du kannst ja doch aliens, maak apen mien Purt,
O Help doch na Huus mi! Ick möt fürt! Ick möt fürt!"
1874 öffnete sich der Kranken endlich die
Pforte des Irrenhauses, und für immer verließ
sie die Irrenanstalt. Vom medizinischen Stand
punkt aus war sie noch nicht geheilt. Als 1882
ihr Mann starb, wurde sie liebevoll von der jüng
sten Tochter betreut. Neue Gedichte entstanden,
und der Kreis ihrer Verehrer und Freunde wuchs
zusehends. Marx Möller, der damals als Student
in Greifswald weilte, gab 1896 ihre Gedichte neu.
heraus. Hochbetagt starb Annmariek Schulten
am 7. Januar 1908 in Greifswald,
sack, Hufner,
brarnp-Wefle»
t ver sofort
nermädchen.
lenmädchen
ten Zeugn.
>rg Lampe,
zur Kanal-
ründung,
isbüttclkoog.
''
; \ :
MröfchlsÄwrgÄ WM-
MchtWM uk aUm Int
Das Landschaftsbild Notdfchleswigs hat sich im
Laufe der Jahrhunderte sehr verändert. Der ehe
malige reiche Woldbestand ist bis auf einige kümmer
liche Reste fast ganz verschwunden, und statt dessen
bedecken — besonders .in der Mitte des Landes —
Heide und Moor einen großen Teil des Bodens. Die
Kunde, daß früher ein großer Wald, der Farris-
w a l d, von Apenrade bis nach Ripen reichte, hat sich
aber noch bis auf unsere Tage erhalten. Besonders
interessante Betrachtungen über die Entwickelung des
Landfchaftsbildes in Nordschleswig bat F. Mager
in dem soeben erschienenen öS. Band der Zeiischrift
der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte
angestellt. Er hat in den Sommern 1912, 1913 y,rd
1914 Bis zum Kriegsausbruch das Land bereist und
alle bodenkulturlichen Veränderungen kartographisch
festgelegt, soweit sie seit der letzten preußischen Lan
desaufnahme in den Jahren 1877/78 vor sich gegangen
waren, lleber etwaige Veränderungen aus der frühe
ren Zeit gaben andere Karten Aufschluß, besonders die
dänische Generalstabskarte aus den Jahren 1849/51,
- für foi. 0. ŗ
; ein einfache
Mädchen
bst. v. Land-'
nt. 20 Jabre''-
m.-Anschlnß
to, Landen«^
lamersdorļ,
5 S«gebevS'
ļP
)t znm 1 fn .
rüher ein ş
pTáW
SetJļJ’
tg UNd şş
Tbormähl^
>ofbesitzer,
klmshorn, „
merwirtsş
Sibirien".
„Magst mi noch lieben,
Hest mi noch leiw?
Ach, logg Dien Hart doch
Mi in den Breis.
Wenn ick dat seihn hew,
Sluut ick dat tan!
Keiner fall weiten,
Wat mi giwt Rauh."
Der Bär.
Von Wilhelm Rolle, Magdeburg.
Fre ^ er Ghefarzt der Irrenanstalt war ein
F^^üd von mir. Er meinte, daß ich auf alle
D; 3^ und Wünsche der Kranken bei meinem
Tfesf ® an S e eingehen solle. Widerspruch bei Cei-
^nken verschlimmere nur die Symtome.
Ms V einem Spätnachmittag machte ich mich
(5 at1 te Neise, das heißt nur auf die Reife zum
ist Eg" Anstalt. Um mit Irren zu verkehren,
Şenigs.ņîcht unbedingt notwendig, Arzt zu fein.
meiner unmaßgeblichen Meinung
s ’ n 5D?. * Şeele eines Gemütskranken kann nur
ì>Mkļ>^ņşH sprechen, der sich vollständig in die Ee-
ģ.àņse des Irren versetzen kann. Und am
^ vielleicht selbst in irgend einer Beziehung
\ ist. Schließlich gehören alle Menschen
Kategorie. Vielleicht find alle Menschen
Hh,rJ: r ìknd nur die Irren vernünftig. Das
'^stellen ist aber schwer.
Garten der Anstalt verdiente eigentlich
şptzen x àcn nicht. Wenn ich meine Meinung
!° mar es vin reiner Urwald, in dem
Ņûhe Wege erkennen ließen. Da
1r e!l ? e Lichtung. Mit Blumen und Ge-
îîy den Lichtungen gingen oder
e 'OÏtClt.
Ģşņdrug ϰute machten nicht im entferntesten den
0 . 0rt Geisteskranken. Bewegten sich ver-
lertifeits "d redeten mit einander wie Leute
Ciy h°Hen Mauern.
y der kam auf mich zu und sagte, „ich
nichANapoleon. Warum grüßen Sie
^ bezwanaì", '"oļkte über mein Gesicht. Doch
^ng, Maà^.ņnd entschuldigte mich", Verzei-
,, Der "h bin kurzsichtig."
îôung und daģ Ģe eine großmütige Handbe-
erlebte ^ auf'weinen devoten Gruß.
* 1 romantische N ņoh diverse, mehr oder weni-
— Begegnungen.
Um diese zu vermeiden, schritt ich in das
Dickicht des Gartens. Rur mühsam bahnte ich
mir einen Weg. Dornen ritzten meine Hände.
Und auch mein Anzug blieb ab und zu an einem
tückischen Ast hängen.
Plötzlich hörte ich über mir ein drohendes
Brummen. Erst leiser und dann zunehmend. Wie
von einem Raubtier. Ich suchte nach dem Ge
räusch, sah nach oben. Und entdeckte in den wir
ren Zweigen eines Baumes ein menschliches Ant
litz, das die weißen Zähne fletfcksie.
„Hüte dich", klang es herab, „ich bin der Var.
Ich will dich fressen."
Und dabei machte die Gestalt auf dem Baume
verdächtige Bewegungen, um sich auf mich zu stür
zen. Wie Blitze schossen in mir die Gedanken
durcheinander. Was war da zu machen? Daß
mich mein Freund auch nicht vor diesem Kranken
warnte!
„So, du bist ein Bär?" warf ich hinauf, „und
weißt du, was ich bin?. Ich bin ein starker Löwe."
Das Brummen über meinem Haupte ver
stummte. Und der Bär glitt herab, um mich zu
betrachten.
Ich verwünschte die verdammte Situation.
Meine Neugier war ganz allein daran schuld. Wie
konnte ich mich nur herauswinden. Hilfe rufen
mochte ich nicht. Das sah nach Feigheit aus. Am
Ende hätte man mich ausgelacht.
Und da stand auch schon ein riesiger Kerl ne
ben mir. Ein Mann mit einem struppigen Bart,
doch gutmütigen Augen.
„Also, du bist ein Löwe", fragte mich der
Kranke. Und betastete mich mit seinen prüfen
den Augen. Ich fühlte ordentlich seinen Blick.
Rasend schossen allerlei Pläne in meinem
Kopfe durcheinander. -Ta fiel mir ein, daß ich ja
ein guter Hypnotiseur war. Vielleicht ließ sich
in diesem Falle etwas damit ansangen.
„Na, freilich, bin ich ein Löwe", brachte ich
Mühsam, doch bestimmt heraus, „komm doch her
und fühle meine riesigen Knochen. Streichele
mein braunes Fell!"
Und der „Bür" näherte sich ängstlich meinem
Körper. Fühlte da und dort herum und schien
von meiner Eigenschaft als Löwe überzeugt.
„Daun habe ich auch ein starkes Gebiß", fuhr
ich fort", wen ich damit packe, der ist verloren."
Jetzt war es am Bären, furchtsam zu sein.
Seine Augen begannen unsicher zu flackern. Und
es schien, als ob der riesige Kerl flüchten wolle.
Doch ich hielt ihn, sanft zurück und sagte 'ver
traulich: „Du brauchst vor mir keine Angst zu
haben, denn du bist ja gar kein Bär."
„So— ", kam es aus dem großen Munde
des Riesen.
„Sieh einmal, Bären haben doch ein brau
nes Fell. Und du hast ja richtige Menschenhaut.
Hast Hände und Füße wie ein Mensch. Und
sprichst wie ein Mensch. Natürlich bist du ein
Mensch. Du kannst doch sprechen. Sage mir doch
einmal ein Gedicht her. Natürlich weißt du eins.
So zum Beispiel das Kinderlied „Weißt du, wie
viel Sternlein stehen."
Tatsächlich deklamierte der Mann das Ge
dicht.
„Na, siehst du, daß du ein Mensch bist. So
einer wie ich. Auch ich bin ein Mensch wie du.
Ganz vernünftig. Glaubst du mir?" ^
In dem Gesicht des Irren zuckte und wetterte
es. Als ob eine große Erleuchtung käme. Die
Augen verfchwammen zeitweise hinter den buschi
gen Brauen, leuchteten dann wieder hell cwf.
„Wie heißt du denn", fragte ich.
Wieder dachte der Irre nach. Dann lachte
er aus: „Ich bin ja der Lektor Heinrich Grin
set. Wie komme ich bloß hierher?"
Jetzt war wieder die Reihe des Ueberlegens
an mir. Denn daß jetzt in dem Hirn des Kran
ken eine grundlegende Wandlung vorgegangen
war, stand für mich außer Zweifel.
„Ach, kommen Sie nur", erwiderte ich, all
mählich das mehr persönliche „Sie" einlegend.
„wir wollen schnell einmal dort nach dem Hause
gehen und uns umziehen."
Denn unter keinen Umständen durfte der
Kranke merken, daß er sich in einer Irrenanstalt
befand. Vielleicht wäre bei dieser Erkenntnis das
ganze Gebäude der Erhellung wieder in sich zu
sammengefallen.
Endlich standen der Kranke und ich vor mei
nem Freunde, dem Irrenarzt. Mit einigen Wor
ten hatte ich den Arzt verständigt. Er zweifelte
sornsenstr^rd
> mbl. Ziw<
lern Sşş .
nk an rub/
: abzugeben ^
b. unt. V
s Tagälasv
Doch dann begann der Kranke selbst zu reden.
Von seiner Vergangenheit, von den Lieben da
heim und von Dingen, die er bisher vergessen
hatte.
Das überzeugte den Arzt.
Ohne lange Umstände brachten wir den
Kranken in ein in der Nähe gelegenes Hotel. Dort
blieb ich noch einige Tage mit ihm zusammen. Und
bald war nichts mehr von einem Irresein zu ent
decken.
, Die Verwandten kamen und holten den „Bä
ren" ab. Große Freude, herrschte über die uner
wartete Heilung.
Später sagte mir mein Freund, der Irren
arzt: „Du scheinst mit Verrückten besser umgehen'
zu können als wie mit normalen Menschen.
Warum bist du nicht Irrenarzt geworden?"
„Deine Logik stimmt nicht", lachte ich. „kein
Professor wird einen Menschen, der nicht mit nor
malen Menschen' umgehen kann, das Examen be
stehen lassen. Oder der Examinator müßte selbst
ein Irrer sein."
„Ich will nicht weiter folgern, sonst könnte
ich Dich am Ende beleidigen", meinte mein Freund.
„Was heißt beleidigen?" erwiderte ich, „wir
leben alle im Irrtum. Vielleicht bin ich verrückt
oder Du. Wer weiß es? Die Hauptsache, daß
der „Bär" gesund geworden ist."
Und damit schieden wix.^ v * iv '\
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