Full text: Newspaper volume (1928, Bd. 4)

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ftr. 295 
Zur Unterhaltung 
Dienstag, den 4. Dezember 
Beilage der Schleswig.Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
VsrwerhZmchl. 
Von Franz C i n g i a. 
Es ruht im Wind ein Glockenklang 
Von einer wundersamen Zeit. 
Ein leiser, heimlicher Gesang 
Umfängt dich schon mit Seligkeit. 
Im Walde lauscht nun jeder Baum, 
Ob nicht ein harfenschönes Spiel 
Durchströmt den weiten Himmelsraum, 
Und jedem Hoffen wird zum Ziel. 
Bald wird die Feierstunde sein, 
Die uns aus Dunkelheiten hebt. 
Wo Gottes Stimme, sanft und rein, 
Die Menschenseele tief belebt. 
KmgLMst im Mm Tķm 
Draußen tobte Novembersturm .... 
Mit großer Wucht peitschte er Regenschwaden 
"ņd Hagelschauer gegen das dicke Gemäuer des al- 
M Stadtturmes. Unablässig suchte er die Butzen- 
şcheib 
>en aus ihren Bleifassungen zu drücken. 
Solches Wetter war den Jungen, die sich im al- 
în Stadtturm ihr Wandervogelnest hergerichtet 
Satten, gerade recht. Schulter an Schulter, den 
Ms in beiden Händen, lügen sie der Länge nach 
M ihren „Bärenfellen" vor dem verrußten Kamin; 
" ihrer Mitte: Uwe, der Führer. 
. Uwe hatte ihnen eine Geschichte gelesen, wie sie 
oUngs sieben; und wie hatte er gelesen! — Alle 
Irrten sie in die zuckende und knisternde Glut 
EZ offenen Feuers. Alle schwiegen . . . 
Keiner wollte den Bann der packenden Er 
zählung brechen, die das grausige Geschick und den 
Hilf 1 "--- ■ c V -.. r Js. ” Li. V 
kennst doch so viele feine Bücher, Uwe, willst du 
uns nicht einige nennen, damit wir unseren Eltern 
Vorschläge machen können?" 
. „Das werde ich gern tun, also hört zu. Jungs!" 
„Am liebsten hört ihr ja doch von verwegenen 
Abenteuern, wie sie Entdecker, Forscher und Welt- 
wanderer auf ihren Fahrten erlebten. Sven He 
tz i n, der Tibetforscher, hat da feine Sachen ge 
schrieben. „Zu Land nach Indien, Bon Peking nach 
Moskau" usw. Nansen versteht trefflich, in sei 
nem Buche „Nacht und Eis" Gefahren und Aus 
gang feiner Expedition in die Region des ewigen 
Eises zu schildern. Das neueste Buch ist von Ka 
pitän Kirche iß: Meine Weltumsegelung mit dem 
Fischkutter Hamburg; wir sprachen doch noch das 
letzte Mal über ihn. Die packendsten Abenteuer 
schreibt Jack London. Kein Buch habe ich so 
verschlungen wie den „Seewolf" oder „König Alko 
hol". Seine „Abenteuer des Schienenstranges" sind 
wirklich etwas besonderes. Was einem Jungen bei 
seinen ersten Seefahrten erblühte, hören wir lust'g 
von Rudolf K î n a u im „Thees Bott, bat 
Waterküken" geschildert. Und dann müßt ihr un 
bedingt einmal die Zeltgeschichten von Luserke 
lesen, die Abenteuer zweier Indianer-Jungen. Da 
fällt mir auch' C o o p e rs berühmter „Lederstrumpf" 
ein, aber den werdet ihr natürlich alle schon be 
sitzen. Erinnert ihr euch noch, wie wir aus den 
„Höhlenkindern" von Sonnleitner lasen? 
Ganz feine Bücher weiß ich für Hans, unseren gro- 
»tcrgang einer Nordpolexpedition erschütternd 
childerte. Alle glaubten sich selbst in die entsetz- 
t( f € Not der Polarjäger versetzt, von aller Welt ab 
schnitten, von unabsehbaren Eiswüsten umgeben, 
und Hunger preisgegeben. 
„Mensch, Wolf, leg Holz nach; das Feuer geht 
ja aus!" 
Die Jungs schreckten auf . . ., wirklich! Der 
^ņze Raum war fast vollständig dunkel. Vom 
Inster her wehte es eisig über die Rücken . . . . 
^ņheiwlichi 
. Nber auch als neues Feuer wieder prasselnd 
furch die Esse schlug, wollte den Jungen die Ge- 
ş^lchte noch nicht aus den Köpfen . . . 
„Wer hat das Buch eigentlich geschrieben, Uwe," 
U^gte Hans, „ich möchte es mir zu Weihnachten 
wünschen?" 
„Die weiße Hölle" schrieb ein alter norwegi 
scher Eismeer-Kapitän, Lars Hansen. Aber du hast 
EEcht, Hans, es ist ein feines Weihnachtsgeschenk." 
„Dieses Jahr werde ich mir nur Bücher wün 
schen; aber ich muß dann auch die richtigen bekom 
mn," rief Gerd. „Im letzten Jahre waren es lau 
ter Bücher, die mich gar nicht interessierten. Du 
ßen Tierfreund. B r e h m s „Forscherbuch" 
UNd 
Tiergeschichten" werden dir sicher gefallen. Sons’ 
„Mümmelmann" und „Goldhals" kennst du ja 
schon. Bengt Berg schreibt vorzüglich über 
Vögel und bringt hervorragende Bilder dazu: 
„Mein Freund, der Regenpfeifer", „Mit den Zug 
vögeln nach Afrika", sein neuestes Buch: „Tookern", 
das Buch der wilden Schwäne. Aus S v e n d 
Fleurons Fuchsgeschichten, „Die rote Koppel" 
und seinen anderen Tiergeschichten, aus Kybers 
lustigen „Tiergeschichten" habe ich euch ebenfalls 
schon vorgelesen. Auch B o n se l s „Biene Maja" 
könnt ihr euch ruhig anschaffen, trotzdem ihr das 
Buch schon kennt. Ich kann mich jedesmal wieder 
freuen, so oft ich das Buch lese. 
Aber was soll ich euch da viel erzählen! Geht 
doch einmal mit euren Eltern in die BUcherausstel- 
lung, die vom 4.—6. Dezember im Saale der „Har 
monie" stattfindet, ihr könnt dann ihnen selbst zei 
gen, was ihr euch zum Weihnachtsfest wünscht. 
Oha! Ueber unser Klönen ist es schon sehr spät 
geworden. Geht deshalb schleunigst nach Hause 
und denkt an die Ausstellung in der „Harmonie" 
Rudi Fälscher. 
Welt. 
Eerichtspflege. Ein Fall von Blutrache. Daß es 
dergleichen noch gibt, wissen wir eigentlich bloß 
aus Abenteuerromanen, und wir glaubten, solche 
Vorgänge seien auf die niedrigsten Volksklassen in 
Albanien, Sardinien, Korsika und vielleicht noch 
die eine oder anders sonstige Mittelmeergegend 
beschränkt. Daß sie in der Sphäre der Regieren 
den, Könige, Gesandten usw. gleichfalls vorkommen 
und vor dem Gebiet westlicher Rechtspflege nicht 
zurückschrecken, zeigt, wie tief solche Bräuche in der 
Volksseele einzelner Länder noch eingewurzelt sind. 
Blitzartig erhellt sich ein Fortbestehen des Mittel 
alters in einzelnen Enklaven der Zivilisation und 
fordert zum Nachdenken über die Rechtsbegrisfe 
heraus, die wir doch für so selbstverständlich, ge 
festigt und allgemein hielten. Denn wenn auch 
eine Art halbasiatischer Politik bei der Prager 
Bluttat — der ersten, wie der zweiten — mitge 
spielt haben mag, so ist doch der dramatische Vor 
gang selbst undenkbar ohne das Vorhandensein 
ganz anders gearteter, auf dem uralten jns ta- 
lions beruhender Rechtsauffassungen: man kann 
und will cs nicht der strafenden Gerechtigkeit über 
lassen, die in dem Algiviad Bebis ja vielleicht auch 
zu einem Todesurteil oder mindestens zu einer 
langjährigen Zuchthausstrafe geführt hätte, son 
dern man will aus eigenem Recht mit eigener 
Hand die Bestrafung des Mörders oder des Ver 
räters vollziehen. Dabei fragt die Blutrache nicht 
danach, ob der Täter, wie es hier den Anschein 
hatte, unter dem Zwang Anderer, vielleicht irgend 
welcher unabweisbarer politischer Mächte gehan 
delt hat, sondern mit primitiver, alttestamentari 
scher Vergeltung trifft sie den Täter allein und 
übt so Rache für die Tat. 
Die Zivilisation ist solche, in den traditionel 
len Empfindungen eines Volkes wurzelnder Auf 
fassung gegenüber machtlos. Unter den korsischen 
Bauern, Fischern und Jägern kommen ähnliche 
Fälle auch heute noch immer wieder vor, trotzdem 
die französische Gesetzgebung und Kultur längst 
ihre Umwelt durchdrungen hat. Der Bandit in 
der Macchia, der wegen einer solchen Blutrache 
flüchten mußte und in Selbstverteidigung oft 
Totschlag an Totschlag reiht, ist der Sympathie 
seiner Mitbürger gewiß. Die Schüsse im Prager 
Gerichtssaal zeigen aber, daß Recht und Gerechtig 
keit keineswegs absolute Begriffe sind, und daß 
die Polkspsyche oft genug andere Wege geht als 
Gesetzgebung und Kultur. Das ist die Lehre von 
Prag, und sie läßt vielleicht Nutzanwendungen auf 
manchen fernliegenden Gebieten zu. 
vollzieht sich dort folgendermaßen: Wenn ein 
Gigolo sich einem Tisch nähert und eine der sitzen 
den Damen zum Tanz auffordert, so tut er dies 
das erste Mal „auf eigene Gefahr", d. h. wenn er 
sie das zweite Mal wieder engagiert und sie dagn 
ablehnt, kann er keine Bezahlung verlangen. 
Tanzt die Dame aber öfters mit ihm, dann darf 
er erwarten, daß sie ihm mindestens eine 100- 
Francs-Rote am Ende der Tanzveranstaltung 
überreicht. Häufig sind aber diese Belohnungen 
größer und betragen manchmal 1000 Francs und 
mehr. Ein eingeführter Eintänzer, der über eine 
gute Kundschaft verfügt, verdient den Tag etwa 
160 Mark, während ein Anfänger sich mit 60 Mark 
begnügen muß. Sehr beliebte Gigolos haben aber 
noch ganz andere Einnahmen. So verdient z. V. 
ein sehr bekannter Gigolo in Monte Carlo, ein 
früherer Kellner, in der Saison zwischen Dezember 
und März 200 000 Francs, also 32 000 Mark. Er 
arbeitet aber im Sommer und im Frühherbst auch 
noch in den vornehmen Modebädern von Deau 
ville und Biarritz, so daß er im Jahr die Summe 
von 100 000 Mark einnimmt. Das ist gewiß ein 
hübscher Gewinn, den nur selten jemand mit sei 
nen Beinen erringt. 
Was Eintänzer verdienen. 
Der Beruf des „Gigolo" der Herren oder der 
Blutrache. 
Der Mord im Prager Schwurgericht ist offen 
bar eine Schkipetaren-Rache im Herzen Mittel 
europas mitten in einem Vorgang der westlichen 
Damen, die gegen Bezahlung tanzlustige Besucher 
eines Lokals auffordern, hat sich allmählich über 
all eingebürgert. Während bei uns die „Eintän 
zer" von den Wirten engagiert werden, betreiben 
sie in andern Ländern dieses Geschäft auf eigene 
Faust und haben besonders an der Riviera, wo 
sich ein großes internationales Vergnügungspubli- 
kum einfindet, stattliche Verdienste. Ihre „Arbeit" 
Vereitelter Erbschastsschwmdel. 
Ein Erbschaftsprozeß, bei dem es sich um ekns». 
Betrag von 3,5 Millionen Dollars handelte, ist 
von dem Erbschaftsgericht in Detroit in dem nord 
amerikanischen Staate Michigan zu Ilngunsten 
eines fünfjährigen Knaben entschieden worden. 
Die Schwiegertochter des Millionärs Joseph 
Boyer, des Besitzers einer Rechenmaschinenfabrik, 
behauptete nach dem raschen Tode ihres Mannes 
einen Sohn und Erben geboren zu haben, den sie 
Joseph nannte. Der Schwiegervater glaubte die 
ser Versicherung und vermachte dem vermeintlichen 
Enkel einen Betrag von 3,5 Millionen Dollars, 
die zunächst stiftungsgemäß verwaltet und ihm 
dann bei seiner Großjährigkeit zufallen sollten. 
In der letzten Zeit aber tauchten Zweifel an der 
Echtheit des Enkels auf und Joseph Bayer strengte 
einen Prozeß an, um die Stiftung rückgängig zu 
machen. Die Gerichtsverhandlung ergab, daß die 
Schwiegertochter das Kind von einem Zimmer 
mädchen in Kanada als ihr eigenes übernommen 
und adoptiert hatte. Sie hatte dem Schwieger 
vater dann eine gefälschte Urkunde vorgezeigt und 
damit ihren Zweck erreicht. Das Gericht erklärte 
die Stiftung antragsgemäß für ungültig. 
Begeisterte Aufnahme eines deutschen Pianisten 
in Paris. 
Wilhelm Backhaus veranstaltete einen Beet 
hoven-Sonatenabend mit einem Erfolg, wie ihn 
ein deutscher Pianist wohl selten hier erzielte. Das 
Publikum bereitete dem Künstler am Schluß mi 
nutenlange stürmische Ovationen. Er spielte fünf 
Sonaten und mußte sich noch zu drei Zugaben ver 
stehen. Mit besonderem Beifall wurden die Mond 
schein-Sonate und die Aurora-Sonate aufgenom 
men. 
Der Ņeàechsàķà. 
Skizze 
von B ö r r i e s, F r h n. v. Münchhausen. 
Es war einmal ein junger Dichter, der schrieb 
?ņ einer Novelle, an die er seine ganze Kraft 
letzte. Tag und Nacht sann er darüber nach, wie 
ihr wohl immer noch mehr Glanz und Feuer 
M Gedanken, immer noch mehr Süßigkeit und 
Mefe der Stimmung, immer nach mehr ungeheu 
erlichste Wirklichkeit geben könnte. Und es schien 
chm, als ob die Erzählung täglich besser und voll 
kommener würde. 
Nur war da ein Vorgang, dessen Darstellung 
chm trotz aller Mühe nicht gelingen wollte. Er 
Mtte sich nämlich als Helden einen Arbeiter ge 
achtet, der in schlechte Eejellschaft gerät und von 
Mer ganz unmerklich zum Verbrecher gemacht 
Aird. Ter Anfang sollte in einem sogenannten 
Zouillonkeller im' Norden Berlins spielen, aber 
^îcht in einem der biederen Lokale, in denen die 
Troschkenschofföre mittags ihr gutes und reichliches 
^ahl zu sich nehmen, sondern in einem Verbre- 
cherkeller. 
Nun traf es sich gut, daß der Dichter gleich- 
^îtig Student in Berlin war und er einen guten 
freund bei der Presse hatte, der ihm ein solches 
ģonģ übles Lokal nennen konnte. „Aber vergiß 
^ìcht deinen Studentenausweis mit dir zu neh- 
I^n", hatte fein Freund geraten, „denn die Ee- 
Mr, einmal ausgshoben und auf die Polizei- 
foache mitgenomnien zu werden, ist gerade dort 
Mt täglich nahe." 
, Co steckte der Dichter also seine Karte mit 
Mn feierlichen „Stud. jur. et cam." in die Tasche 
ging weit hinaus in die Chausseestraße, wo 
: tts trübselige Gasthaus lag. Ganz wohl war 
AM freilich bei feinem Ausflug in diese Wirk- 
Mkeit nicht, — aus vielen Gründen nicht. Räm- 
M gerade morgen sollte er sein Referendac-Ex- 
^Men ablegen. Und wenn er auch ziemlich flei- 
wg gewesen war in den Jahren (vor allem in 
?En Monaten!), vorher, so kann doch in einer 
Elchen Prüfung gar zu leicht einmal ein Gebiet 
M Sprache kommen, auf dem man weniger be- 
1 tat a#«., ja. à dt« alten Herren aui der anderen 
Seite des grünen Tisches gern möchten. Aber da 
er unmittelbar nach der Prüfung heim reifen und 
Berlin für immer verlassen mußte, so kam für 
den Besuch in der Chausseestraße eben gar kein 
anderer Tag in Betracht als dieser letzte Abend. 
So zog der Student also seinen schlechtesten 
Sportangug an, mit dem er im vorigen Jahre 
wochenlang in Kühtai im Oetztal Schi gelaufen 
war, ließ Kragen und Schlips in seiner Kammer 
liegen und schlenderte hinaus auf das Feld seiner 
„eigentlichen" Tätigkeit. Tenn er dachte gar 
nicht daran, die Rechtswissenschaft dafür anzu 
sehen und war. wie alle jungen Dichter der Mei 
nung, daß seine Schriftstellerei viel wichtiger 
wäre als alle Herrlichkeit eines Amtsrichterda- 
seins. — 
In dem Verbrecherkeller traf es sich insofern 
günstig, als alle Insassen in einer gewissen Auf 
regung waren und es infolgedessen garnicht aus 
fiel, daß er sich an einen der bierklebrigen Holz- 
tische mitten unter anderem kragenlosen und un 
rasierten Volk niederließ Aber ungünstig war, 
daß er gar nicht dazu kam, feine sorgfältig aus 
gearbeiteten Fragen zu stellen. Denn alles hörte 
einem Manne zu, der offenbar zur weit verbrei 
teten Familie Lumpenpack gehörte, und der ^er 
zählte, wie sein heutiger Prozeß verlaufen wäre. 
Er war wegen eines ganz merkwürdigen Fal 
les vor Gericht gekommen. Als er nämlich eines 
Tages mit seinem Freunde am Landwehrkanal 
entlang ging, sahen seine schärfen Augen auf der 
anderen Seite des Wassers ein offenbar verlo 
renes Paket liegen. Da hatte der Begleiter, dem 
er das Paket gezeigt hatte, seinen Hund, einen 
vorzüglichen Apportierhund, hinübergeschickt, das 
Tier schwamm auch wirklich durchs Wasser und 
packte auf den Zuruf seines Herrn eben das Pa 
ket mit den Zähnen, als auf jener Seite des Ka 
nals ein anderer Mann ebenfalls mit einem 
Hund gegangen kam. Die beiden Köter bisten 
sich kurz und heftig um das Paket, aber schließ 
lich blieb der letztgekommene Hund Sieger und 
trug den-Fund zu seinem Herrn. Das Paket ent 
hielt einen dicken Packen Wertpapiere, und die 
drei Männer stritten nun darum, wem der hohe 
Finderlohn gebührte. 
Jeder der Drei hatte einen Anwalt genom- 
' men. und der Prozeß war es, von dem der Mann 
in dem Derbrecherkeller mit all seiner natürlichen 
Klugheit und all seiner im jahrelangen Verkehr 
mit den Gerichten erworbenen Erfahrung er 
zählte. 
Er glaubte bestimmt, das beste Anrecht zu 
haben, da er ja den Fund zuerst bemerkt hatte. 
Aber der Anwalt seines Begleiters wendete ein, 
daß sein Mandat als erster den Willen zum Auf 
heben geäußert und das Paket auch als erster 
berührt habe, nämlich durch das Gebiß seines 
Hundes. Voller Wut schalten beide auf den drit 
ten, der nun lächelnd sagte: „Ich bin der glückliche 
Besitzer gewesen, habe das BLndelchen an mich 
genommen und richtig abgeliefert, auch den Fin 
derlohn bekommen und für meine große Familie 
verbraucht. Ihr aber hättet es wohl sicher für 
euch behalten — mindestens beweist mir, daß ihr 
mehr Recht habt als ich." 
Die drei Anwälte und die Richter hatten 
alle ihren großen Tag, denn dieser Fall war so 
gut wie unentscheidbar. Jeder brachte vor, was 
er nur in seiner Rüstkammer an juristischer Weis 
heit befaß, und alle die klugen Männer stritten 
den ganzen Morgen über den Fall. Unglaublich 
viel hörte der Student über Fund und Fund 
diebstahl, — aber seine Novelle kam leider zu 
kurz dabei. 
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, einige 
Schutzleute sprangen in den tabakdurchwölkten 
Raum, zogen die Pistolen und riefen laut, aber 
nicht unfreundlich: „Jeder bezahlt sein Vier, und 
alles koinmt mit zur Wache!" Auf der Kellertreppe 
sah mail andere, und draußen hielt schon der be 
rüchtigte grüne Wagen für die Häftlinge. 
Dem Studenten schoß eine heiße Angst in die 
Backen, zitternd bezahlte er und mit schlotternden 
Knien ging er im Gedränge der anderen die 
Treppe hinauf. Der Wagen fuhr zur Wache, 
dort wurden alle auf die Schulbänke eines öden 
Zimmers gefetzt, vor dem wie ein Lehrer der Po 
lizeihauptmann an seinem Tische saß und sie ein 
zeln herantreten ließ. 
Wie merkwürdig! Gleich einer der ersten 
war auch ein Student. Legt« frennütig seinen 
Ausweis vor und durft« gehen. „Soso . . sagte 
der untersuchende Beamte, sah ihn kurz und chars 
an, aber es kam ja wohl vor, daß junge Leute 
aus guten Häusern in Abenteurerlust solche Lo 
kale aufsuchten. Unserm Dichter erschien es als 
ein schlechtes Zeugnis seiner Menschenkenntnis, 
daß er den Kommilitonen nicht erkannt hatte. 
Ja, und nun kam er daran . . . griff in die 
Tasche. . . hastig in die zweite, dritte, fünfte 
Tasche! Sein Ausweis war fort, im Gedränge 
des Aufbruchs von jenem Schuft gestohlen! — Das 
Herz stockte ihm, es war weit nach Mitternacht, 
in wenigen Stunden sollte sein Examen beginnen. . 
Wenn er sich nicht ausweisen konnte, mußte er 
unweigerlich einige Tage hier in Gewahrsam 
bleiben. 
Fast weinend erzählte er dem Polizeibeam 
ten, was ihm geschehen war, bat, bettelte, flehte 
ihn gehen zu lassen. Erzählte von seiner Novelle, 
erzählte überstürzt von der Prüfung, die pünkt 
lich um 9 Uhr beginnen würde ... 
Der Beamte sah ihn king« ruhig an. „Zei 
gen Sie mal Ihre Hände her!" Flüchtig strich 
er über die glatten und schwielenlosen Innen 
flächen: „Sie können geheii." 
Der junge Dichter flog die Straße entlang 
wie gehetzt. Ueberselig, aber noch bebend vor 
Schreck. 
Ja, und nun das Seltsame: Am nächsten 
Morgen erzählte sein prüfender Professor ganz 
genau die Geschichte von dem verlorenen Paket, 
den drei Findern und den beiden Hunden, so wie 
sie einer der berühmtesten Rechtslehrer in seinen 
„Zivilrechtsfällen" dargestellt hat, und fragte 
unseren Studenten, was er dazu meine. Der 
Professor war ganz bestürzt über die Fülle von 
Kenntnissen, die ihm entgegensprudelie, — nein, 
dieser junge Mann hatte offenbar überaus flei 
ßig gearbeitet, wenn er über den wunderlichen 
Fall ohne zu stocken eine solche Unmenge von 
spitzfindigsten juristischen Weisheiten förmlich 
aufzusagen wußte! 
Der junge Dichter bestand sein Referendar- 
Examen mit einer glatten Eins. 
Seine Novelle erhielt den ersten Preis bei 
einem großen Ausschreiben und wurde die erste 
Sprosse zu einer langen und glücklichen Lauf 
bahn als Schriftsteller. 
So hatt« er in dem Derbrecherkeller doppel 
tes Glück gefunden, obgleich er seinen Ausweis 
verloren und beinahe seinen Prüfungstag ver 
fehlt hatte, — Glück! 
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