Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 2)

Zweites Blatt 
Donnerstag 
22. Mi * 
Volk ist erst Volk geworden als es Kirche wurde. 
Die Nation ist geworden durch ihre Kirche, die Kunst 
nicht denkbar ohne Kirche. Dennoch hatten sich vor 
1914 Kirche und Volk auseinander gelebt. Aber der 
Dienst der Inneren Mission ist nicht wegzuleugnen 
und die heutige Wohlfahrtspflege nicht denkbar ohne 
Innere Mission. Im letzten Jahrzehnt ist die Kirche 
mit hineingezogen in die Erschütterungen der Nach 
kriegszeit. Das zeigt, wie sehr Kirche und Nation 
miteinander verwachsen sind., Was ist die Kirche 
heute von morgen gesehen? Es zeigt sich ein Ruf 
nach der Kirche. Ein neues Sehnen wird wach; 
auch in der Kirche selbst ist neues Werden. Die Ju 
gend sammelt sich in ihr. Die Kirche wird eine Sache 
frischer Jugend. Man kann auch vorsichtig davon 
sprechen, daß Laien auf vielen Gebieten die Füh 
rung übernehmen, eine neue Bewegung entsteht 
unter den Theologen. Aber noch ist alles in Gärung 
und Fluß. Da fragen wir „Kirche, was ist dein 
ewiger Sinn?" und die Antwort lautet: „Der leben 
dige Gott, der den Menschen geschaffen hat, der ihn 
auch nicht los läßt, obgleich er sich an die Welt ver 
loren. Das Wort von der Liebe klingt über die 
Erde." — Wie ein Bekenntnis zu diesen Worten 
klang der gemeinsame Gesang: „König Jesu, streite/ 
siege". Nach einem kurzen Schlußwort von Propst 
Eornils-Itzehoe klang der Abend mit dem Konzert- 
chor „Singet dem Herrn ein neues Lied" aus. 
Die Generalversammlung des Landesvereintz 
für Innere Mission 
bildete den Abschluß der dreitägigen Veran 
staltung des Jahresfestes. Bischof v. Mord 
horst eröffnete die Versammlung. Hinsichtlich 
des äußeren Aufbaus ist zu bemerken, daß 
neue Satzungen in Vorbereitung sind und die 
Hauptverwaltung des Vereins im Berichts 
jahr nach Kiel verlegt worden ist. Dadurch 
sind die Verwaltungsräume in Neumünster 
für ein Alters- und Siechenheim freigcwor- 
den, daß den bedürftigen Alten dienen will 
und bereits mit 25 Alten belegt ist. Es steht 
zu hoffen, daß es bald völlig belegt sein wird. 
Der Einbau der Verwaltung des Landesver 
eins in das Gebäude des Landeskirchenamtes 
ist kein Einbau in die Kirchenverwaltung. Die 
freie Liebestätigkeit muß frei bleiben. In der 
Personalunion ist eine zweckmäßige Form des 
Zusammenarbeitens gefunden. Die Arbeit 
der Inneren Mission wird heute im Kampf 
der Weltanschauungsmächte scharf unter die 
Lupe genommen. Der Ricklinger Prozeß hat 
Angelegenheiten, die Jahre zurückliegen, in 
die Gegenwart gerückt. 
Es darf als das Ergebnis zahlreicher Be 
sichtigungen festgestellt werden, daß heute in 
Rickling sehr sorgfältig gearbeitet wird. Die 
Innere Mission will nichts vertuschen und 
entschuldigen, daß liegt ihr fern, aber es ist 
ihr Gewissenspflicht, für die Angestellten, die 
in sehr schwerer Arbeit stehen und sich oft in 
Lebensgefahr begeben müssen, dafür zu sor 
gen, daß ihnen ihr Recht zuteil wird. Da von 
Seiten der Verurteilten Berufung gegen das 
Urteil eingeleitet ist, wird das Ergebnis des 
noch schwebenden Verfahrens abzuwarten 
sein. 
Tagung des LauLssoereins für 
Innere Mission. 
Itzehoe. 20. Mai 1930. 
Am 2. Tage sprach über die Bedeutung des 
Seelischen in der Fürsorge nach einer geschlossenen 
Versammlung der Propsteivertreter des Landesver 
eins für Innere Mission, der Berliner Nervenarzt 
Dr. med. Künkel. In den Mittelpunkt seines volks 
tümlichen Referates stellte er die Bedeutung der 
Eharakterkunde für den m der Fürsorgearbeit täti 
gen Menschen. Diese Eharakterkunde sei deshalb 
so bedeutsam, weil sie den Charakter des Hilfsbe 
dürftigen erkennen läßt, die eigenen Fehler und 
Schwächen aufzeigt und dazu dient, den Heilungs 
prozeß zu dirigieren. Aufgabe des Fürsorgers ist 
es, den asiozialen Hilfsbedürftigen in seinen 
Schwankungen zwischen Minderwertigkeitsgefühl 
und Selbstbewußtsein auf die rein sachliche Einstel 
lung zum Leben zu bringen. Die zahlreichen An 
wesenden lauschten diesen Ausführungen mit größ 
tem Interesse. 
Der Nachmittag blieb einer Reihe von Sonder 
tagungen vorbehalten. In der Versammlung des 
Ev. Preffeverbandes sprach Dr. Hahn-Kiel über die 
Tagespresse und unseren Dienst an ihr. Er gab ein 
Bild von der Struktur der Presse Schleswig-Hol 
steins, zeigte die Veränderungen, denen diese Struk 
tur in unserer Zeit unterliegen kann und bezeichnete 
als die wesentliche Aufgabe evangelischen Dienstes 
an der Tagespresse das Hineinbringen ewiger Werte 
in die Feit. Hauptschriftleiter Dr. Koop-Jtzehoe er 
gänzte diese Ausführungen sehr wirkungsvoll vom 
Standpunkt des praktischen Journalisten aus und 
brachte wertvolle Fingerzeige für die Mitarbeit an 
der Tagespresse. — Pastor Schütt-Bordelnm sprach 
über seine Erfahrungen als Mitarbeiter an Tages 
zeitungen und brachte eine Reihe von beachtlichen 
Vorschlägen für die zukünftige Arbeit. 
Die Arbeitsgemeinschaft für Volksmission be 
sprach unter Leitung von Universitätsprofessor U. 
Rendtorff-Kiel eine Reihe von wichtigen, in dieses 
Arbeitsgebiet fallenden Fragen und zeigte, daß der 
Ruf noch einem hauptamtlichen Volksmisfionspastor 
in unserer Kirche dringend laut wird. — Weiter 
tagten der Nordslbische Herbergsverband und die 
Dertreterversammlung des Kirchlichen Verbandes 
des Blauen Kreuzes, in dem Pastor Seyferth-Berlin 
einen tiefgründigen Dortrag über „Alkohol und 
öffentliche Meinung" hielt. 
Die in zahlreiche Sonderveranstaltungen zer 
splitterte Innere Missionsgemeinde sammelte sich 
mit Anhängern der Jtzehoer Kirchengemeinde in der 
St. Laurentiikirche zum Festgottesdienst. Bischof 
Völkel, der lange Jahre in Itzehoe als Propst ge 
wirkt hat, sprach in zu Herzen gehender Predigt von 
der großen Not, daß der Mensch am Menschen zu 
Grunde gehe, aber, daß auch der Bruder am Bruder 
genesen müsse. Diese Tat helfender und dienender 
Liebe sei nur möglich auf dem festen Grund, der ge 
legt ist in Jesus Christus. 
Der Tag schloß mit einer großen öffentlichen 
Versammlung. Kaum konnte der geräumige Saal 
die Menge der Teilnehmer fassen. Zwei Choräle 
aus der „Matthäuspassion", gesungen vom Jtzehoer 
Konzertchor unter Leitung des akad. Musiklchrers 
Spreckelsen, gaben der Veranstaltung einen weihe 
vollen Auftakt. Bischof D. Mordhorst-Kiel ermahnte 
die Hörer zur Treue zu ihrer Kirche. Kirche ist die 
Gemeinschaft derer, die mit Gottes Wort sich nähren 
und wehren und um Christus üch sammeln. Gegen 
Weltanschauungsmächte und Freidenkertum hilft 
nur eine starke evangelische Kirche und als diese 
Kirche müssen wir uns fühlen. Dafür will die In 
nere Mission die Augen öffnen, durch ihre Tat — 
und Wortmission. 
Gemeinsamer Gesang leitete über zu den über 
aus eindrucksvollen und packenden Ausführungen 
von Universitätsprofessor v. Rendtorff-Kiel über 
„Die Kirche heute". Wie ist die Kirche heute von 
gestern gesehen? Sie ist geworden. Das deutsche 
Rendsburg, den 22. Alai 1930. 
Der Besprechung, die anfangs von Lehrer Rolfs 
geleitet wurde, präsidierte zum Schluß der neue 
Vorsitzende der Ortsgruppe Bürgermeister Dr. de 
Haan. 
* Arbeitsgericht vom 21. Mai. Eine Hausan 
gestellte in Rickert klagt gegen einen hiesigen Kapell 
meister auf Zahlung von 14,69 si( Lohn wegen 
gründ- und fristloser Entlassung. Da der Beklagte 
nicht erschienen war, erging ein Bersäumnisurteil 
auf Zahlung. — Eine Ehefrau klagt gegen einen 
hiesigen Einwohner auf Zahlung von 10 R-R Rein 
machelohn. Da der Beklagte nicht erschienen war, 
ergmg ein Versäumnisurteil auf Zahlung des Be 
trages. — Ein Maurer in Westerrönfeld klagt für 
feine minderjährige Tochter Katarina gegen einen 
Landmann in Westerrönfeld. Der Beklagte hat beim 
Abgang die sozialen Beiträge abgezogen, während 
freie Kassen abgemacht sein soll. Es kam ein Ver 
gleich dahin zustande, daß der Beklagte an die Klä 
gerin noch 20 R°R zahlt. — Ein Schornsteinfeger 
klagt gegen den Bezirksschornsteinfegermeister :n 
Rendsburg auf Zahlung von Lohn für ihm zuste 
hende 9 Tage Urlaub u. auf 20 R-R für Herdfegen. 
Es wurde ein Vergleich dahin abgeschlossen, daß der 
Kläger im ganzen noch 87 R-K erhält. — Ein land 
wirtschaftlicher Arbeiter klagt durch seinen Vater 
gegen einen Landmann in Elsdorf auf Zahlung von 
noch 15,60 R-.1l Lohn und 3 Ztr. Kartoffeln. D'e 
Parteien schlossen einen Vergleich dahin, daß der 
Beklagte dem Vater des Klägers in den nächsten 
Tagen noch 4 Ztr. Kartoffeln liefert. — Ein Chauf 
feur klagt gegen einen Hotelbesitzer in Hohenwestedt 
auf Zahlung von 76 Rdl Lohn wegen gründ- und 
ftistlofer Entlassung. Die Klage wurde abgewiesen. 
— Das Kreisjugendamt Schleswig klagt für das 
minderjährige Kind Möller gegen einen Landmann 
in Thienbüttel auf Zahlung von 100 R-R Er be 
schäftigt den Erzeuger des Kindes, der Lohn ist bei 
ihm gepfändet, aber nicht abgeführt. Da der Be 
klagte zum heutigen Termin nicht erschienen war, 
erging ein Bersäumnisurteil auf Zahlung an die 
Klägerin. — Ein Schlosser in Rendsburg klagt ge 
gen die Earlshütte auf Weiterbesch-äftigung auf 
Grund des Härteparagraphen des Betriebsrätege- 
fetzes. Die Klage wurde abgewiesen. — Ein Flech 
ter in Wandsbek klagt gegen einen hief. Bauunter 
nehmer auf Zahlung von 136,32 R-R Lohn. Da der 
Vertreter des Beklagten zum Termin zu spät er 
schien, erging ein Bersäumnisurteil auf Zahlung 
an den Kläger. — Vier Sachen wurden vertagt. 
* FahrraddieSstahl. Einem hiesigen Land- 
mann, der sein Fahrrad im Gehölz bei Hörsten 
unter eine Tanne gelegt hatte, wurde dieses am 
Mittwochnachmittag kurz nach 3 Uhr gestohlen. 
Das Rad, Marke „Meteor", hat schwarzen Rah 
men, gelben Lederbezug, rote Eummigriffe. Am 
Rade befand sich eine schwarz lackierte Luftpumpe. 
* • * 
bd. Büdelsdorf, 21. Mai. Der Vorstand der 
gewerblichen Fortbildungsschule beschäftigte sich in 
seiner letzten Sitzung mit dem Stundenplan für das 
neue Schuljahr. Der Unterricht findet statt: Mon 
tags, Mittwochs, Donnerstags und Freitags von 2 
bis 8 Uhr. Von 6—8 Uhr ist der Unterricht im Fach 
zeichnen und in Fachkunde angesetzt, weil Lehrer zu 
einer ftüheren Zeit nicht zu erhalten sind. Der 
Unterricht in Fachkunde ist in diesem Jahre neu 
eingeführt. Leibesübungen finden am Mittwoch 
nachmittag von 2—4 Uhr und Son.nabendmittag 
von 2—4 Uhr statt. Zur Teilnahme hieran sind je 
doch nur die Berufsschüler verpflichtet, die nicht an 
den regelmäßigen Uebungen eines Turnvereins teil 
nehmen und hierüber Nachweise führen können. 
Der Stundenplan wurde noch eingehender. Aus 
sprache der Gemeindevertretung zur Genehmigung 
vorgeschlagen. 
Vüöe^ösrf mntraBsrrösbMg 
In der Klagesache der Gemeinde Büdels 
dorf gegen die Stadt Rendsburg wegen der 
Strom- und Gastarife fand gestern nachmit 
tag um 4 Uhr im Rathaussaal ein Sühne 
termin durch die 6. Zivilkammer des Land 
gerichts Kiel statt. Das Gericht versuchte, 
auf gütlichem Wege eine Zwischenlösung zu 
schaffen, die bis zum Abschluß der laufenden 
Prozesse Gültigkeit haben sollte. Die Be 
mühungen waren jedoch erfolglos. Der 
nächste Verhandlungstermin findet am 
26. Juni in Kiel statt. 
Vereins-Anzeiger 
Ehem. Fußartilleristen 
Am Sonnabend, den 24.5.1930, abends 8*6 Ufir 
General-Versammlung 
mit Damen (696 
Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand 
verpflichten uns, sein* sorgfältig - unter Ausnutzung 
aller technischen Neueningen - zu fabrizieren. Es wäre 
Vergeudung, durch unsachgemäße Verarbeitung ‘die 
vorzüglichen echten Orient-Tabake nicht rein 
und voll entwickelt zur Geltung zu bringen. 
BflfWlMSe
	        
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