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^>ar in der Lage, über Theaterverhältnisse der
größeren Städte des ganzen Reiches Aus-
kiinste zu geben. Hiernach ist die Position des
àrdmark-Landestheaters als durchaus gün-
aig bezeichnet worden. Ueber den in der
kommenden Spielzeit durchzuführenden Spiel-
blan konnte der Intendant naturgemäß Be
stimmtes nicht verlauten lassen. Jedenfalls
oarf vorausgesagt werden, daß der künstle
rische Beirat der Besucherorganisation, wie
auch die Mitglieder und besonders der neue
Intendant selber mit vollem Optimirnus der
kommenden Winterspielzeit entgegensehen.
Um ö-m ĢrLèchtÄláķsW.
Flensburg, 20. Mai. Freigesprochen. Die
Busdorfer Kuppeleisache aus dem Sommer
1928 beschäftigt noch immer die Gerichte. Wegen
gewohnheits- und ermerbsmäßiger Beihilfe
6Ur Kuppelei war vom Schöffengericht der
Kraftwagenführer E. L. aus Schleswig zu 4
Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ihm
wurde zur Last gelegt, männliche und weibliche
Ģäste nach der N'schen Wohnung gefahren zu
staben, obwohl er wußte, was dort vor sich
àg. Die gegen dieses Urteil durch den Ver
teidiger Rechtsanwalt Fey eingelegte Beru
fung des L. hatte Erfolg. Die Große Straf
kammer hob heute das Urteil auf und sprach
sten Angeklagten aus Mangel an Beweisen
frei.
wk. Kiel, 20. Mai. Zur Warnung für unvor-
stchtigc Mädchen und Frauen kann eine Berhand-
kung dienen, die si>ch vor dem Kieler Amtsgericht
abspielte. Eine junge Hausangestellte hatte, um
me van ihr zu verwendende Bohnermasse flüssig
und besser verwendbar zu machen, die Blechdose
auf den Gaskocher gestellt. Ehe sie sich versah, war
die Masse schon übergekocht und hatte sich über den
Herd auf den Fußboden ergossen. Dieser brannte
an, und auch in der Nähe liegende Stoffe gerieten
'u Brand. Infolge der entstandenen starken Hitze
Ratzten sogar die Fensterscheiben. Die unvorsich-
kige Hausangestellte zog sich bei der Löschung des
Feuers erhebliche Brandwunden zu, weshalb sie
Uîcht damit einverstanden war, daß sie auch noch
RM Strafe an die Gcrichtskaffe zahlen sollte.
M ihren Einspruch machte der Einzelrichter ihr
aber klar, daß sie eine viel geringere Strafe' &ei
der begangenen großen Unvorsichtigkeit wohl nicht
erwarten könne, und daß sie bei Durchführung der
Verhandlung auch noch die Kosten zu tragen habe.
sie einen Monatslohn von 40 RM bezieht.
>chlug der Richter ihr vor, den Einspruch zurück
zunehmen und die Buhe mit 5 RM monatlich zu
sîkgen. Damit war sie einverstanden und die
^ache somit erledigt.
Paul Enderling
In MAn, Mr üigf
Copyright 1929 by Karl Köhler u. Co.,
Berlin-Zehlendorf, Machnowcr Str. 24.
12) (Nachdruck verboten.)
Was für ein sonderbares „9Ì" er spricht, dachte
Dollingen. Aber als er zum Spielen ansetzte, hatte
€r ihn schon vergessen. Er vergaß auch Krille und
«lies übrige, während er den Niggertanz begleitete.
Nur eins blieb übrig: die Scham über die Mi
nute, wo er gezögert hatte . . . diese eine Minute,
von der ihn der Gedanke an Jutta gerettet hatte ...
Dunkel fühlte er, daß solch eine Minute genü
gen konnte, um ein Leben mit Bitterkeit zu füllen.
10.
Aus dem Vorzimmer klangen Vordecks Worte,
stìe er dem Fräulein diktierte.
„Er strömt Rede", witzelte Herr Schädler. „Er
betäubt alle mit Phrasen, er schlägt sie den armen
Hörern wie nasse Waschlappen um die Ohren. Der
Man soll ihn beißen."
Dollingen schwieg. Er arbeitete mechanisch: es
f^ar immer noch das beste Nüttel, dein quälenden
Roch,denken zu entrinnen . . .
Von draußen her drarrgen einige abgerissene
Sätze in -den stillen Avbeitsraum. „. . . Wenn Haus
und Mensch aber eine Einheit ist, so ist logt scher weise
"or Typenbau, der von dieser Seite propagiert wird,
°în fundamentaler Irrtum . .
Die Rede wurde unterbrochen. Man hörte das
Deffnen der Türe und den neuen Klang einer frem
den Männerstimme.
Dollingen erhob sich in jäh erwachender Unruhe.
Sr ging ons Fenster und blickte auf die Straße.
Drunten vor dem Haus stand ein geschlossenes Auto.
Ern großer Mann mit einem buschigen Schnurrbart
plauderte mit dem Chauffeur, und beide Männer
iahen ab und zu interessiert nach der Haustüre und
lu den Fenstern empor.
Das olles war nichts Ungewöhnliches, aber es
Erfüllte ihn dennoch mit einer unerklärlichen, nie ge
kannten Bangigkeit.
Die Uhr schlug gerade elf, als Vordeck eintrat.
Ein Herr in zugeknöpftem Mantel stand neben ihm.
„Herr Schädler, kommen Sie einen Augenblick
heraus," sagte der Architekt. „Dieser Herr hat etwas
wit Herrn Dollingen zu sprechen. Es ist eine private,
vertrauliche Angelegenheit."
„Mit nur?" fragte Dollingen erblassend.
Vorbeck antwortete nicht/ Dollingen sah, wie
-i'err Schädler aufstand und, rhu mit einem sonder-
b
Qrcn Blick streifend, hinausging. Er sah Fräulein
Esinwem, mit großen Augen berüberstarrend, ganz
\
ugier und Spannung. Nun ssil die Türe zu.
. Der fremde Herr kam bedächtig näher, blickte
H kurz im Zimmer um, als ob er dort etwas suche,
^v>d setzte sich ihm gegenüber. „Sie gestatten doch?"
Dollingen üumm nickte, fuhr er höflich fort:
wk. Kiel, 21. Mai. Em Freispruch. We
gen Jagdvergehens hatte das Amtsgericht in
Hohenwestedt den 67jährigen Steinsetzer Hans
L. in Beringstedt zu 30 ÛJI Geldbuße verur
teilt, und zwar war er überführt erachtet, in
der Haalerau den Fischottern mit Fallen
nachgestellt zu haben. Er bestritt dies und
legte Berufung bei der Kieler Strafkammer
ein. Es ist bekannt, daß L. sich für Fischottern
interessiert, und er hat früher für einen der
Jagdpächter Fallen ausgestellt und beaufsich
tigt. Nun wollte ein junger Mann ihn eines
Tages an der Haalerau beobachtet haben, wie
er am User entlang ging und an zwei Stellen
stehen blieb. An diesen beiden Stellen fand
der junge Mann dann eine große und eine
kleine Falle zum Fischotterfang. Er nahm die
Fallen und lieferte sie dem Jagdverein ein.
An der einen Stelle hatte anscheinend auch
ein Tier gewühlt. Der Verdacht gegen L.
wurde dadurch bekräftigt, daß er eines Tages
den durch den Ort kommenden Händler L. aus
Heide gefragt hatte, was jetzt 'ne Fischotter
koste. Der Händler fragte, ob L. eine Otter
habe, worauf dieser entgegnete, er wisse einen.
Auf die weitere Frage, ob er ihn holen könne,
soll L. geantwortet haben, er wolle mal sehen.
Der Angeklagte blieb in der Verhandlung
vor der Strafkammer dabei, daß er sich nicht
mehr mit dem Fallenstellen beschäftigt' und
auch schon von seinen Fallen verkauft habe.
Die Unterredung mit dem Herder Händler
stellte er als harmlos hin. Der Staatsanwalt
beantragte, die Berufung des Angeklagten
als unbegründet zu verwerfen. Das Gericht
gab ihr aber statt und sprach den Angeklagten
frei. Es verkannte nicht, daß starker Tatver
dacht vorliege, daß es aber doch Bedenken ge
tragen habe, den Angeklagten für überführt
zu erachten. Deshalb sei er freizusprechen.
wk. Kiel, 21. Mar. Ein Nachspiel zn dem
vielerörterten Jakubowski-Prozeh, d. vor kur
zem zum zweiten Male das Schwurgericht in
Neustrelitz tagelang in Anspruch nahm, be
schäftigt gegenwärtig das Kieler Landgericht,
und zwar handelt es sich um die Eheschei
dungsklage des Arbeiters Kühler gegen seine
Frau, die in dem Jakubowski-Prozeß wegen
Mittäterschaft am Morde zu 6 Jahren Zucht
haus verurteilt wurde. Es handelt sich be-
kanntlich um die Ermordung eines kleinen
unehelichen Kindes, eines Sohnes der Frau
Kühler, das von Jakubowski beseitigt sein
soll. I. wurde auch schuldig gesprochen und
zum Tode verurteilt. Frau Kühler und ihre
Söhne hatten sede Beteiligung an dem Morde
bestritten, doch wurden auch sie später abgeur
teilt. Der Ehemann K., ihr zweiter Mann,
hat nun seit längerem bereits die Scheidungs
klage eingereicht, die aber immer wieder zu
rückgestellt werden mußte, weil das Urteil
gegen Frau K. noch nicht rechtskräftig war.
Das Kieler Landgericht wird nun voraussicht
lich auch noch erst die Akten des Neustrelitzer
Prozesses heranziehen müssen, ehe es zu ei
nem Urteil kommen kann. — Um Leben und
Tod ging es am 30. Juli v. Js. bei einer
Flucht, die der 21jährige berufslose Holländer
Matthias M. nach einem in Meimersdorf ver
übten Diebstahl unternahm. M. hatte ■ aus
der Wohnung eines Bäckermeisters in Mei
mersdorf eine Brieftasche mit 224 RM. gestoh
len und ergriff, von dem zufällig des Weges
kommenden Gärtner L. verfolgt, die Flucht.
Auf der Eisenbahnüberführung bei Poppen-
brügge holte L. den Flüchtling ein und packte
ihn. M. wehrte sich, doch konnte L. ihn am
Rock festhalten. Nun kletterte M. über das
Geländer der Brücke, wobei er wohl gar nicht
bemerkt hatte, daß diese sich in etwa 18 Meter
Höhe über dem Erdboden befand. Da L. die
Kräfte versagten, rief er M. zu, er solle zu
rückklettern, da er ihn nicht mehr halten kön
ne und er dann abstürzen würde. M. blieb
aber hängen und schließlich mußte L. rhu los
lassen. M. stürzte in die Tiefe und fiel in ei
nen Wassergraben, wo er liegen blieb. L.
kletterte hinunter und zog Äst, der schon ganz
blau angelaufen war, heraus. Nach heftigem
Schütteln gab M. das eingeschluckte Wasser
wieder von sich, kam aber nicht wieder ganz
zur Besinnung, doch schrie er laut vor Schmer
zen. Er hatte nämlich das linke Bein über
dem.rechten Fuß gebrochen. Er befindet sich
noch in der Klinik. Das Fußgelenk bleibt
steif und das beschädigte Bein ist erheblich
kürzer geworden, so daß er zeitlebens ein
Krüppel bleibt. Er hatte sich nun am Mitt
woch wegen des Gelddiebstahls sowie wegen
eines versuchten Diebstahls zu Toweddern an
der Preetzer Chaussee vor dem Schöffengericht
zu verantworten, Das Gericht ließ ihn mit
Rücksicht ans die schwere Strafe, die ihn schon
getroffen hat, milde davonkommen, indem es
nur auf 3 Monate Gefängnis erkannte. Dann
wurde M. wieder im Sanitätsauto der Kkinis
zugeführt.
FâàZà-IàWM.
Das Ehepaar Peter Chr. Petersen und
Frau Anna Margarethe, geb. Matthiesen auf
Pellworm konnte am Dienstag das Fest der
Diamantenen Hochzeit begehen. Die beiden
Alten, die sich allgemeiner Wertschätzung er
freuen, durften sich im Kreise ihrer großen
Nachkommenschaft zahlreicher Aufmerksam
keiten und Ehrungen erfreuen. U. a. über
reichte ihnen Pastor Steffen die Ehrenge
schenke vom Staat und Kreis und das vom
Bischof der Landeskirche gestiftete Kruzifix,
sowie die Schäfersche Bilderbibel, während
Gemeindevorsteher Petersen ihnen ein Geld
geschenk der Gemeinde überbrachte. Den gan
zen Tag gingen die Gratulanten aus allen
Gegenden der Insel im Jubelhanse auf dem
Schütting ein und aus.
Goldene Hochzeit feierten der frühere Tischler
meister Georg Lauenburg und Frau in Büsum.
Beide Jubilare sind geborene Büsumer und noch
sehr rüstig. Rentner Georg Claussen und Frau
feiern in diesen Tagen ebenfalls das Fest der gol
denen Hochzeit, (hd.).
Das Fest der diamantenen Hochzeit feiern
am morgigen Tage die Eheleute Ehler Sinn
und Frau in Neumnnster, Haart 71, wohnhaft.
Der Jubilar ist Veteran von 1870/71. Er
steht im 88., seine Frau im 80. Lebensjahre, (x.)
Goldene Hochzeit feierten am 21. Mai Kon
rektor a. D. Johann Miller und Frau in Marne.
Der am 21. November 1857 im Kirchspiel Cddelak
geborene Jubilar ist noch äußerst rüstig und ver
sieht noch das Amt eines Kassierers und Vertrau
ensmannes der Krankenunterstlltz'ungskasse des
Marner Lehrervereins in mustergültiger Weife.
Außerdem ist der Jubilar Ehrenvorsitzender der
Marner Liedertafel von 1842. Seine etwas jün
gere Gemahlin erfreut sich noch ebenfalls bester
Gesundheit. Lange Jahre wirkte Miller an der
einklassigen Schule in Ramhusen und von 1891
bis 1923 an der Knabenbürgerschule in Marne.
Dem Jubilar wurden zahlreiche Ehrungen be
reitet. Lehrerverein und Liedertafel veranstalte
ten am Montag zu seiner Ehrung einen Kommers,
(cz.) — Auf ein« 50jährige Chegemeinschaft blick
ten die Eheleute Wilhelm Benksohn und Frau am
Kirchhof in Meldorf zurück. Der Jubilar wohnte
45 Jahre in Thalingburen und verbringt seinen
Lebensabend in Meldorf. (cz.)
WSLfSKLķêSK.
Otto Eggers, Lehrer in Hamburg, bestand
dort seine 2. Prüfung mit „sehr gut". Er ist
der Sohn des früheren Meiereiverwalters H.
Eggers in Lütjenwestedt, jetzt wohnhaft in
Heide.
„Entschuldigen Sie die Störung. Ich möchte Sie
um «ine wichtig« Auskunft bitten."
„Worüber?" Er fühlte die Kehle wie 'zuge
schnürt.
„Ich komme im Auftrag der Motoren-A.-G.
Seit heute morgen ist Herr Krille nicht im Geschäft.
Sie kennen doch diesen Herrn?"
Einen Augenblick dachte Dollingen daran, Krille
zu verleugnen. Aber dos hatte keinen Sinn. Er
war sicher schon oft mit ihm gesehen worden. „Ich
kenne ihn flüchtig."
Der andere lächelte. „Flüchtig — das ist das
richtige Wort. Ein guter Witz wie alle unfreiwilli
gen Witze. „Flüchtig" kennen wir ihn nämlich auch."
„Ich denke doch, daß er bei seiner Firma be
kannter sein müßte. Er ist doch schon zwei Jahre
dort, soviel ich weiß."
Der Fremde legte die behandschuhte Hand auf
den Knopf seines Stockes. „Stimmt. Aber jetzt
ist er eben — flüchtig."
Dollingen sprang auf. „Das kann nicht sein."
Eine Weile mar es ganz still, so still, daß man
das Rufen eines Zeitungsmannes auf der Straße
hörte. Was rief er doch? Dollingen zermürbte
sein Hirn, um die Worte zu fassen.' Er fühlte sich
merkwürdig erleichtert, als er „Extrablatt — die
Ozeanflieger" verstand.
Der Stock drüben schlug kurz auf das Linoleum.
„Wollen Sie sich nicht lieber setzen, Herr Dollingen?
Es plaudert sich dabei viel bester. Und dann — Sie
chhen reichlich angegriffen aus. Sind Sie leidend?"
Dollingen sank auf seinen Stuhl zurück. „Un
sinn", entgegnete er unwirsch. „Ich bin gesund wie
ein Hecht im Wasser."
„Wohl ein bißchen lange gebummelt, wie?",
klang es freundlich herüber.
„Dazu habe ich kein Geld. Ich habe gearbeitet."
„In der Estella-Bar. richtig. Es ist wohl sehr
anstrengend?"
„Im Gegenteil", erwiderte Dollingen scharf.
Es ist unterhaltend."
„Also Sie haben keine Ahnung, wo Herr Krille
jetzt steckt?"
„Vielleicht ist er krank?"
„Sie irren. Krille ist io gesund wie Sic und ich.
llnd in seiner Bude ist er seit gestern mittag auch
nicht mehr gewobn. Er ist mit seinem Motorrad
weggefahren. Sie ahnen nicht, wohin?"
Sein lauernder Blick verwirrte Dollingen so,
daß er nach Worten suchen mußte. „Ich habe keine
Ahnung. Wie sollte ich auch?"
„Das ist recht schade, Herr Dollingen. Sie hät
ten uns durch einen Hinweis oder eine Vermutung
viel Arbeit erspart. Nun, in Eberswalde ist er
gesehen worden. . Es scheint, daß er Kurs auf Stet
tin nimmt. Aber in Hafenstädten ist es keineswegs
sicherer."
Was wollte Krille in Eberswalde, in Stettin?
Ein dichter Reif begann sich langsam um Dollingens
Stirn zu legen.
„Sie waren doch gestern mit ihm zusammen'?"
„Ich iah ihn nur flüchtig —" Er verbesserte
sich: „Nur für einen Augenblick." Er wollte doch
diesem Menschen nicht Gelegenheit zur Wieder
holung seines albernen Witzes geben.
„Und er übergab Ihnen da etwas, nicht wahr?"
Dollingen nickte. Er war keines Wortes mächtig.
„Wollen Sie nicht einen Schluck Wasser nehmen,
Herr Dollingen? Da steht ja welches. Bemühen
Sie sich nicht. Ich bediene Sie." Er stand wirklich
auf, holte die Karaffe und dos Glas und schenkte
ein.
Als er es Dollingen hinhielt, dachte dieser:
wenn ich es ihm jetzt ins Gesicht gieße, habe ich Zelt
zur Flucht. Aber er nahm das Glas doch und leerte
es in einem Zug. Er fühlte sich frischer und elasti
scher.
Der aridere blieb neben dem Stuhl stehen. „Nun
ist uns wieder wohler, wie?", fragte er mit gut
mütigem Lachen. „Also er gab Ihnen bei dieser
Gelegeuheit eine Mappe, nicht wahr?"
„Eine dunkle Ledermappe, ja."
„Sie kannten natürlich den Inhalt?"
Dollingen antwortete mit einem Kopfschütteln.
Der Fremde ging wieder um den Tisch herum
und setzte sich. „Sie haben diese Mappe dem Ge
schäftsführer abgegeben — das wahr sehr klug ge
handelt."
Die Erleichterung, die diese Wendung ihm
brachte, war so groß, daß er gar nicht darüber nach
dachte, wie dieser Mensch zn all diesen Einzelheiten
gekommen war. Eine Last st:I von ihm ab.
„Schade nur", setzte der andere hinzu, „daß in
der Mappe die Hauptsache fehlt. Ja, denken Sie
sich: sie fehlt."
„Was fehlt?"
„Das Dokument."
„Dokument", wiederholte Dollingen gering
schätzig. „Was für ein übertriebener Ausdruck für
einen geschäftlichen Voranschlag!"
Er fühlte die Aufmerksamkeit seines Gegen
über erwachen und er war sich bewußt, unvorsichtig
gewesen zu sein. Aber es war zu spät. Das Wort
war nicht mehr zurückzuziehen.
Uebrigens schien der andere es gar nicht be
merkt zu haben. Er begann mit seiner matten,
schleppenden Stimme, die in einem so seltsamen Ge
gensatz zu den scharf umvissenen Zügen stand: „Es
ist deshalb so bedauerlich, weil es ein sehr wichtiges
Dokument war."
„Wirklich?" Dollingen versuchte,, Hohn in
seine Stimme zu legen, aber er empfand selbst, daß
es nur schlecht glückte. „So schrecklich wichtig wird
es ja an: Ende nicht gewesen sein?"
„Darüber sind die Ansichten eben verschieden.
Und nicht nur die von uns beiden, Herr Dollingen."
„Eine geschäftliche Sache, du lieber Gott. Die
Konkurrenz im Wirtschaftsleben ist doch im allge
meinen nicht von so schüchternen Skurpenl geplagt.
Auch die Motoren-A.-G. nicht —"
„Es handelt sich gar nicht um die Motovea-
A.-G., unterbrach ihn der andere. Er beugte sich
über den Tisch und prüfte ihn scharf. „Hat dieser
Krille wirklich von solchen Dingen gesprochen?"
Dollingen hielt den Blick aus. „Er sprach von
einem Voranschlag für irgendeinen Wettbewerb, ja.
Wochenlang hat er mich damit gelangweilt. Als ob
ich von solchen Dingen eine Spur verstünde." Seine
Hand schlug schwer auf den Tisch. „Aber ich habe
die Sache nicht gemacht. Das kann ich beschwören."
Der Herr im zugeknöpften Mantel sah ihn noch
immer an. „Wissen Sie. was in der Mappe war?"
„Ich sagte es doch schon", erwiderte Dollingen
ungeduldig.
„Entweder sind Sie wirklich ahnungslos oder
Sie sind —" Er vollendete den Satz nicht und
fuhr nach einer kurzen Pause sort „Die Mappe
enthielt ein politisches, richtiger gesagt, ein militä
risches Dokument von größter Wichtigkeit."
Dollingen zuckte zusammen wie unter einem
elektrischen Schlag. Er spürte Schweiß auf seiner
Stirne ausperlen, aber er hatte nicht die Kraft, ihn
abzuwischen. „Unmöglich", stammelte er.
„Es handelt sich um nichts weniger, als um
den Verrat militärifd>er Geheimnisse on eine fremde
Macht. Sie wissen doch, wie man so was nennt?"
„Hochverrat?"
„So ähnlich, ja. Ich sehe jedenfalls, daß Sie
sich nun der Bedeutung unserer Angelegenheit be
wußt sind."
Dollingen fühlte den Boden unter sich wanken.
Dunkle Kreise, die sich nicht verscheuchen ließen, wir
belten um ihn herum, schlangen sich ineinander und
wandelten sich zu schwarzen Punkten, die vor seinen
schmerzenden Augen tanzten. Langsam begriff er:
Krille hatte ihn betrogen und zun: Mitteilnehmer
an einer Schurkerei gewinnen wollen. Entsetzt
starrte er den Fremden an.
. „Erzählen Sie, bitte, genau den Vorgang die
ser Nacht. Lassen Sie nichts aus. Alles kann von
Wichtigkeit sein — für Sie. Also Herr Krille kam
um welche Stunde?"
Dollingen dachte einen Augenblick nach. „Es
wird um zwei Uhr gewesen sein."
„Stimmt. Um eben diese Zeit wurde er an der
Ecke der Iägerstraße festgestellt. Und was tat er
dann?"
„Er sprach zuerst davon, daß ich schlecht aus
sähe und baß ich verreisen sollte —"
„Reisen?? Und ein Ziel gab er nicht an?"
„Nein, er sprach auch davon, daß er mich bei
der Motoren-A.-G. unterbringen könne. Ich fuhr
ja bei dem letzten Rennen in einem Wagen der
Firma mit ihm — aber das ist wohl nicht wichtig?"
„Alles ist wichtig. Sie sagten, daß Sie schon
gestern schlecht ausgesehen hätten?"
„Ich hatte mir etwas zuviel zugemutet und
dann hatte ich eine schlimme Nachricht bekommen."
„Darf man fragen, was das für eine Nachricht
war?"
„Nein." Dollingen ballte beide Fäuste. Nicht
auf der Folter werden sie das aus mir heraus
holen . ..
„Hm. Fahren Sie. bitte, fort. Herr Krille
gab Ihnen dann die Mappe zur Aufbewahrung,
nicht wahr?"
„Ja. Und ich gab sie ab. Das ist alles." Er
fühlte sich wieder ganz ruhig.
(Fortjetzung folgt.)