Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 2)

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^>ar in der Lage, über Theaterverhältnisse der 
größeren Städte des ganzen Reiches Aus- 
kiinste zu geben. Hiernach ist die Position des 
àrdmark-Landestheaters als durchaus gün- 
aig bezeichnet worden. Ueber den in der 
kommenden Spielzeit durchzuführenden Spiel- 
blan konnte der Intendant naturgemäß Be 
stimmtes nicht verlauten lassen. Jedenfalls 
oarf vorausgesagt werden, daß der künstle 
rische Beirat der Besucherorganisation, wie 
auch die Mitglieder und besonders der neue 
Intendant selber mit vollem Optimirnus der 
kommenden Winterspielzeit entgegensehen. 
Um ö-m ĢrLèchtÄláķsW. 
Flensburg, 20. Mai. Freigesprochen. Die 
Busdorfer Kuppeleisache aus dem Sommer 
1928 beschäftigt noch immer die Gerichte. Wegen 
gewohnheits- und ermerbsmäßiger Beihilfe 
6Ur Kuppelei war vom Schöffengericht der 
Kraftwagenführer E. L. aus Schleswig zu 4 
Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ihm 
wurde zur Last gelegt, männliche und weibliche 
Ģäste nach der N'schen Wohnung gefahren zu 
staben, obwohl er wußte, was dort vor sich 
àg. Die gegen dieses Urteil durch den Ver 
teidiger Rechtsanwalt Fey eingelegte Beru 
fung des L. hatte Erfolg. Die Große Straf 
kammer hob heute das Urteil auf und sprach 
sten Angeklagten aus Mangel an Beweisen 
frei. 
wk. Kiel, 20. Mai. Zur Warnung für unvor- 
stchtigc Mädchen und Frauen kann eine Berhand- 
kung dienen, die si>ch vor dem Kieler Amtsgericht 
abspielte. Eine junge Hausangestellte hatte, um 
me van ihr zu verwendende Bohnermasse flüssig 
und besser verwendbar zu machen, die Blechdose 
auf den Gaskocher gestellt. Ehe sie sich versah, war 
die Masse schon übergekocht und hatte sich über den 
Herd auf den Fußboden ergossen. Dieser brannte 
an, und auch in der Nähe liegende Stoffe gerieten 
'u Brand. Infolge der entstandenen starken Hitze 
Ratzten sogar die Fensterscheiben. Die unvorsich- 
kige Hausangestellte zog sich bei der Löschung des 
Feuers erhebliche Brandwunden zu, weshalb sie 
Uîcht damit einverstanden war, daß sie auch noch 
RM Strafe an die Gcrichtskaffe zahlen sollte. 
M ihren Einspruch machte der Einzelrichter ihr 
aber klar, daß sie eine viel geringere Strafe' &ei 
der begangenen großen Unvorsichtigkeit wohl nicht 
erwarten könne, und daß sie bei Durchführung der 
Verhandlung auch noch die Kosten zu tragen habe. 
sie einen Monatslohn von 40 RM bezieht. 
>chlug der Richter ihr vor, den Einspruch zurück 
zunehmen und die Buhe mit 5 RM monatlich zu 
sîkgen. Damit war sie einverstanden und die 
^ache somit erledigt. 
Paul Enderling 
In MAn, Mr üigf 
Copyright 1929 by Karl Köhler u. Co., 
Berlin-Zehlendorf, Machnowcr Str. 24. 
12) (Nachdruck verboten.) 
Was für ein sonderbares „9Ì" er spricht, dachte 
Dollingen. Aber als er zum Spielen ansetzte, hatte 
€r ihn schon vergessen. Er vergaß auch Krille und 
«lies übrige, während er den Niggertanz begleitete. 
Nur eins blieb übrig: die Scham über die Mi 
nute, wo er gezögert hatte . . . diese eine Minute, 
von der ihn der Gedanke an Jutta gerettet hatte ... 
Dunkel fühlte er, daß solch eine Minute genü 
gen konnte, um ein Leben mit Bitterkeit zu füllen. 
10. 
Aus dem Vorzimmer klangen Vordecks Worte, 
stìe er dem Fräulein diktierte. 
„Er strömt Rede", witzelte Herr Schädler. „Er 
betäubt alle mit Phrasen, er schlägt sie den armen 
Hörern wie nasse Waschlappen um die Ohren. Der 
Man soll ihn beißen." 
Dollingen schwieg. Er arbeitete mechanisch: es 
f^ar immer noch das beste Nüttel, dein quälenden 
Roch,denken zu entrinnen . . . 
Von draußen her drarrgen einige abgerissene 
Sätze in -den stillen Avbeitsraum. „. . . Wenn Haus 
und Mensch aber eine Einheit ist, so ist logt scher weise 
"or Typenbau, der von dieser Seite propagiert wird, 
°în fundamentaler Irrtum . . 
Die Rede wurde unterbrochen. Man hörte das 
Deffnen der Türe und den neuen Klang einer frem 
den Männerstimme. 
Dollingen erhob sich in jäh erwachender Unruhe. 
Sr ging ons Fenster und blickte auf die Straße. 
Drunten vor dem Haus stand ein geschlossenes Auto. 
Ern großer Mann mit einem buschigen Schnurrbart 
plauderte mit dem Chauffeur, und beide Männer 
iahen ab und zu interessiert nach der Haustüre und 
lu den Fenstern empor. 
Das olles war nichts Ungewöhnliches, aber es 
Erfüllte ihn dennoch mit einer unerklärlichen, nie ge 
kannten Bangigkeit. 
Die Uhr schlug gerade elf, als Vordeck eintrat. 
Ein Herr in zugeknöpftem Mantel stand neben ihm. 
„Herr Schädler, kommen Sie einen Augenblick 
heraus," sagte der Architekt. „Dieser Herr hat etwas 
wit Herrn Dollingen zu sprechen. Es ist eine private, 
vertrauliche Angelegenheit." 
„Mit nur?" fragte Dollingen erblassend. 
Vorbeck antwortete nicht/ Dollingen sah, wie 
-i'err Schädler aufstand und, rhu mit einem sonder- 
b 
Qrcn Blick streifend, hinausging. Er sah Fräulein 
Esinwem, mit großen Augen berüberstarrend, ganz 
\ 
ugier und Spannung. Nun ssil die Türe zu. 
. Der fremde Herr kam bedächtig näher, blickte 
H kurz im Zimmer um, als ob er dort etwas suche, 
^v>d setzte sich ihm gegenüber. „Sie gestatten doch?" 
Dollingen üumm nickte, fuhr er höflich fort: 
wk. Kiel, 21. Mai. Em Freispruch. We 
gen Jagdvergehens hatte das Amtsgericht in 
Hohenwestedt den 67jährigen Steinsetzer Hans 
L. in Beringstedt zu 30 ÛJI Geldbuße verur 
teilt, und zwar war er überführt erachtet, in 
der Haalerau den Fischottern mit Fallen 
nachgestellt zu haben. Er bestritt dies und 
legte Berufung bei der Kieler Strafkammer 
ein. Es ist bekannt, daß L. sich für Fischottern 
interessiert, und er hat früher für einen der 
Jagdpächter Fallen ausgestellt und beaufsich 
tigt. Nun wollte ein junger Mann ihn eines 
Tages an der Haalerau beobachtet haben, wie 
er am User entlang ging und an zwei Stellen 
stehen blieb. An diesen beiden Stellen fand 
der junge Mann dann eine große und eine 
kleine Falle zum Fischotterfang. Er nahm die 
Fallen und lieferte sie dem Jagdverein ein. 
An der einen Stelle hatte anscheinend auch 
ein Tier gewühlt. Der Verdacht gegen L. 
wurde dadurch bekräftigt, daß er eines Tages 
den durch den Ort kommenden Händler L. aus 
Heide gefragt hatte, was jetzt 'ne Fischotter 
koste. Der Händler fragte, ob L. eine Otter 
habe, worauf dieser entgegnete, er wisse einen. 
Auf die weitere Frage, ob er ihn holen könne, 
soll L. geantwortet haben, er wolle mal sehen. 
Der Angeklagte blieb in der Verhandlung 
vor der Strafkammer dabei, daß er sich nicht 
mehr mit dem Fallenstellen beschäftigt' und 
auch schon von seinen Fallen verkauft habe. 
Die Unterredung mit dem Herder Händler 
stellte er als harmlos hin. Der Staatsanwalt 
beantragte, die Berufung des Angeklagten 
als unbegründet zu verwerfen. Das Gericht 
gab ihr aber statt und sprach den Angeklagten 
frei. Es verkannte nicht, daß starker Tatver 
dacht vorliege, daß es aber doch Bedenken ge 
tragen habe, den Angeklagten für überführt 
zu erachten. Deshalb sei er freizusprechen. 
wk. Kiel, 21. Mar. Ein Nachspiel zn dem 
vielerörterten Jakubowski-Prozeh, d. vor kur 
zem zum zweiten Male das Schwurgericht in 
Neustrelitz tagelang in Anspruch nahm, be 
schäftigt gegenwärtig das Kieler Landgericht, 
und zwar handelt es sich um die Eheschei 
dungsklage des Arbeiters Kühler gegen seine 
Frau, die in dem Jakubowski-Prozeß wegen 
Mittäterschaft am Morde zu 6 Jahren Zucht 
haus verurteilt wurde. Es handelt sich be- 
kanntlich um die Ermordung eines kleinen 
unehelichen Kindes, eines Sohnes der Frau 
Kühler, das von Jakubowski beseitigt sein 
soll. I. wurde auch schuldig gesprochen und 
zum Tode verurteilt. Frau Kühler und ihre 
Söhne hatten sede Beteiligung an dem Morde 
bestritten, doch wurden auch sie später abgeur 
teilt. Der Ehemann K., ihr zweiter Mann, 
hat nun seit längerem bereits die Scheidungs 
klage eingereicht, die aber immer wieder zu 
rückgestellt werden mußte, weil das Urteil 
gegen Frau K. noch nicht rechtskräftig war. 
Das Kieler Landgericht wird nun voraussicht 
lich auch noch erst die Akten des Neustrelitzer 
Prozesses heranziehen müssen, ehe es zu ei 
nem Urteil kommen kann. — Um Leben und 
Tod ging es am 30. Juli v. Js. bei einer 
Flucht, die der 21jährige berufslose Holländer 
Matthias M. nach einem in Meimersdorf ver 
übten Diebstahl unternahm. M. hatte ■ aus 
der Wohnung eines Bäckermeisters in Mei 
mersdorf eine Brieftasche mit 224 RM. gestoh 
len und ergriff, von dem zufällig des Weges 
kommenden Gärtner L. verfolgt, die Flucht. 
Auf der Eisenbahnüberführung bei Poppen- 
brügge holte L. den Flüchtling ein und packte 
ihn. M. wehrte sich, doch konnte L. ihn am 
Rock festhalten. Nun kletterte M. über das 
Geländer der Brücke, wobei er wohl gar nicht 
bemerkt hatte, daß diese sich in etwa 18 Meter 
Höhe über dem Erdboden befand. Da L. die 
Kräfte versagten, rief er M. zu, er solle zu 
rückklettern, da er ihn nicht mehr halten kön 
ne und er dann abstürzen würde. M. blieb 
aber hängen und schließlich mußte L. rhu los 
lassen. M. stürzte in die Tiefe und fiel in ei 
nen Wassergraben, wo er liegen blieb. L. 
kletterte hinunter und zog Äst, der schon ganz 
blau angelaufen war, heraus. Nach heftigem 
Schütteln gab M. das eingeschluckte Wasser 
wieder von sich, kam aber nicht wieder ganz 
zur Besinnung, doch schrie er laut vor Schmer 
zen. Er hatte nämlich das linke Bein über 
dem.rechten Fuß gebrochen. Er befindet sich 
noch in der Klinik. Das Fußgelenk bleibt 
steif und das beschädigte Bein ist erheblich 
kürzer geworden, so daß er zeitlebens ein 
Krüppel bleibt. Er hatte sich nun am Mitt 
woch wegen des Gelddiebstahls sowie wegen 
eines versuchten Diebstahls zu Toweddern an 
der Preetzer Chaussee vor dem Schöffengericht 
zu verantworten, Das Gericht ließ ihn mit 
Rücksicht ans die schwere Strafe, die ihn schon 
getroffen hat, milde davonkommen, indem es 
nur auf 3 Monate Gefängnis erkannte. Dann 
wurde M. wieder im Sanitätsauto der Kkinis 
zugeführt. 
FâàZà-IàWM. 
Das Ehepaar Peter Chr. Petersen und 
Frau Anna Margarethe, geb. Matthiesen auf 
Pellworm konnte am Dienstag das Fest der 
Diamantenen Hochzeit begehen. Die beiden 
Alten, die sich allgemeiner Wertschätzung er 
freuen, durften sich im Kreise ihrer großen 
Nachkommenschaft zahlreicher Aufmerksam 
keiten und Ehrungen erfreuen. U. a. über 
reichte ihnen Pastor Steffen die Ehrenge 
schenke vom Staat und Kreis und das vom 
Bischof der Landeskirche gestiftete Kruzifix, 
sowie die Schäfersche Bilderbibel, während 
Gemeindevorsteher Petersen ihnen ein Geld 
geschenk der Gemeinde überbrachte. Den gan 
zen Tag gingen die Gratulanten aus allen 
Gegenden der Insel im Jubelhanse auf dem 
Schütting ein und aus. 
Goldene Hochzeit feierten der frühere Tischler 
meister Georg Lauenburg und Frau in Büsum. 
Beide Jubilare sind geborene Büsumer und noch 
sehr rüstig. Rentner Georg Claussen und Frau 
feiern in diesen Tagen ebenfalls das Fest der gol 
denen Hochzeit, (hd.). 
Das Fest der diamantenen Hochzeit feiern 
am morgigen Tage die Eheleute Ehler Sinn 
und Frau in Neumnnster, Haart 71, wohnhaft. 
Der Jubilar ist Veteran von 1870/71. Er 
steht im 88., seine Frau im 80. Lebensjahre, (x.) 
Goldene Hochzeit feierten am 21. Mai Kon 
rektor a. D. Johann Miller und Frau in Marne. 
Der am 21. November 1857 im Kirchspiel Cddelak 
geborene Jubilar ist noch äußerst rüstig und ver 
sieht noch das Amt eines Kassierers und Vertrau 
ensmannes der Krankenunterstlltz'ungskasse des 
Marner Lehrervereins in mustergültiger Weife. 
Außerdem ist der Jubilar Ehrenvorsitzender der 
Marner Liedertafel von 1842. Seine etwas jün 
gere Gemahlin erfreut sich noch ebenfalls bester 
Gesundheit. Lange Jahre wirkte Miller an der 
einklassigen Schule in Ramhusen und von 1891 
bis 1923 an der Knabenbürgerschule in Marne. 
Dem Jubilar wurden zahlreiche Ehrungen be 
reitet. Lehrerverein und Liedertafel veranstalte 
ten am Montag zu seiner Ehrung einen Kommers, 
(cz.) — Auf ein« 50jährige Chegemeinschaft blick 
ten die Eheleute Wilhelm Benksohn und Frau am 
Kirchhof in Meldorf zurück. Der Jubilar wohnte 
45 Jahre in Thalingburen und verbringt seinen 
Lebensabend in Meldorf. (cz.) 
WSLfSKLķêSK. 
Otto Eggers, Lehrer in Hamburg, bestand 
dort seine 2. Prüfung mit „sehr gut". Er ist 
der Sohn des früheren Meiereiverwalters H. 
Eggers in Lütjenwestedt, jetzt wohnhaft in 
Heide. 
„Entschuldigen Sie die Störung. Ich möchte Sie 
um «ine wichtig« Auskunft bitten." 
„Worüber?" Er fühlte die Kehle wie 'zuge 
schnürt. 
„Ich komme im Auftrag der Motoren-A.-G. 
Seit heute morgen ist Herr Krille nicht im Geschäft. 
Sie kennen doch diesen Herrn?" 
Einen Augenblick dachte Dollingen daran, Krille 
zu verleugnen. Aber dos hatte keinen Sinn. Er 
war sicher schon oft mit ihm gesehen worden. „Ich 
kenne ihn flüchtig." 
Der andere lächelte. „Flüchtig — das ist das 
richtige Wort. Ein guter Witz wie alle unfreiwilli 
gen Witze. „Flüchtig" kennen wir ihn nämlich auch." 
„Ich denke doch, daß er bei seiner Firma be 
kannter sein müßte. Er ist doch schon zwei Jahre 
dort, soviel ich weiß." 
Der Fremde legte die behandschuhte Hand auf 
den Knopf seines Stockes. „Stimmt. Aber jetzt 
ist er eben — flüchtig." 
Dollingen sprang auf. „Das kann nicht sein." 
Eine Weile mar es ganz still, so still, daß man 
das Rufen eines Zeitungsmannes auf der Straße 
hörte. Was rief er doch? Dollingen zermürbte 
sein Hirn, um die Worte zu fassen.' Er fühlte sich 
merkwürdig erleichtert, als er „Extrablatt — die 
Ozeanflieger" verstand. 
Der Stock drüben schlug kurz auf das Linoleum. 
„Wollen Sie sich nicht lieber setzen, Herr Dollingen? 
Es plaudert sich dabei viel bester. Und dann — Sie 
chhen reichlich angegriffen aus. Sind Sie leidend?" 
Dollingen sank auf seinen Stuhl zurück. „Un 
sinn", entgegnete er unwirsch. „Ich bin gesund wie 
ein Hecht im Wasser." 
„Wohl ein bißchen lange gebummelt, wie?", 
klang es freundlich herüber. 
„Dazu habe ich kein Geld. Ich habe gearbeitet." 
„In der Estella-Bar. richtig. Es ist wohl sehr 
anstrengend?" 
„Im Gegenteil", erwiderte Dollingen scharf. 
Es ist unterhaltend." 
„Also Sie haben keine Ahnung, wo Herr Krille 
jetzt steckt?" 
„Vielleicht ist er krank?" 
„Sie irren. Krille ist io gesund wie Sic und ich. 
llnd in seiner Bude ist er seit gestern mittag auch 
nicht mehr gewobn. Er ist mit seinem Motorrad 
weggefahren. Sie ahnen nicht, wohin?" 
Sein lauernder Blick verwirrte Dollingen so, 
daß er nach Worten suchen mußte. „Ich habe keine 
Ahnung. Wie sollte ich auch?" 
„Das ist recht schade, Herr Dollingen. Sie hät 
ten uns durch einen Hinweis oder eine Vermutung 
viel Arbeit erspart. Nun, in Eberswalde ist er 
gesehen worden. . Es scheint, daß er Kurs auf Stet 
tin nimmt. Aber in Hafenstädten ist es keineswegs 
sicherer." 
Was wollte Krille in Eberswalde, in Stettin? 
Ein dichter Reif begann sich langsam um Dollingens 
Stirn zu legen. 
„Sie waren doch gestern mit ihm zusammen'?" 
„Ich iah ihn nur flüchtig —" Er verbesserte 
sich: „Nur für einen Augenblick." Er wollte doch 
diesem Menschen nicht Gelegenheit zur Wieder 
holung seines albernen Witzes geben. 
„Und er übergab Ihnen da etwas, nicht wahr?" 
Dollingen nickte. Er war keines Wortes mächtig. 
„Wollen Sie nicht einen Schluck Wasser nehmen, 
Herr Dollingen? Da steht ja welches. Bemühen 
Sie sich nicht. Ich bediene Sie." Er stand wirklich 
auf, holte die Karaffe und dos Glas und schenkte 
ein. 
Als er es Dollingen hinhielt, dachte dieser: 
wenn ich es ihm jetzt ins Gesicht gieße, habe ich Zelt 
zur Flucht. Aber er nahm das Glas doch und leerte 
es in einem Zug. Er fühlte sich frischer und elasti 
scher. 
Der aridere blieb neben dem Stuhl stehen. „Nun 
ist uns wieder wohler, wie?", fragte er mit gut 
mütigem Lachen. „Also er gab Ihnen bei dieser 
Gelegeuheit eine Mappe, nicht wahr?" 
„Eine dunkle Ledermappe, ja." 
„Sie kannten natürlich den Inhalt?" 
Dollingen antwortete mit einem Kopfschütteln. 
Der Fremde ging wieder um den Tisch herum 
und setzte sich. „Sie haben diese Mappe dem Ge 
schäftsführer abgegeben — das wahr sehr klug ge 
handelt." 
Die Erleichterung, die diese Wendung ihm 
brachte, war so groß, daß er gar nicht darüber nach 
dachte, wie dieser Mensch zn all diesen Einzelheiten 
gekommen war. Eine Last st:I von ihm ab. 
„Schade nur", setzte der andere hinzu, „daß in 
der Mappe die Hauptsache fehlt. Ja, denken Sie 
sich: sie fehlt." 
„Was fehlt?" 
„Das Dokument." 
„Dokument", wiederholte Dollingen gering 
schätzig. „Was für ein übertriebener Ausdruck für 
einen geschäftlichen Voranschlag!" 
Er fühlte die Aufmerksamkeit seines Gegen 
über erwachen und er war sich bewußt, unvorsichtig 
gewesen zu sein. Aber es war zu spät. Das Wort 
war nicht mehr zurückzuziehen. 
Uebrigens schien der andere es gar nicht be 
merkt zu haben. Er begann mit seiner matten, 
schleppenden Stimme, die in einem so seltsamen Ge 
gensatz zu den scharf umvissenen Zügen stand: „Es 
ist deshalb so bedauerlich, weil es ein sehr wichtiges 
Dokument war." 
„Wirklich?" Dollingen versuchte,, Hohn in 
seine Stimme zu legen, aber er empfand selbst, daß 
es nur schlecht glückte. „So schrecklich wichtig wird 
es ja an: Ende nicht gewesen sein?" 
„Darüber sind die Ansichten eben verschieden. 
Und nicht nur die von uns beiden, Herr Dollingen." 
„Eine geschäftliche Sache, du lieber Gott. Die 
Konkurrenz im Wirtschaftsleben ist doch im allge 
meinen nicht von so schüchternen Skurpenl geplagt. 
Auch die Motoren-A.-G. nicht —" 
„Es handelt sich gar nicht um die Motovea- 
A.-G., unterbrach ihn der andere. Er beugte sich 
über den Tisch und prüfte ihn scharf. „Hat dieser 
Krille wirklich von solchen Dingen gesprochen?" 
Dollingen hielt den Blick aus. „Er sprach von 
einem Voranschlag für irgendeinen Wettbewerb, ja. 
Wochenlang hat er mich damit gelangweilt. Als ob 
ich von solchen Dingen eine Spur verstünde." Seine 
Hand schlug schwer auf den Tisch. „Aber ich habe 
die Sache nicht gemacht. Das kann ich beschwören." 
Der Herr im zugeknöpften Mantel sah ihn noch 
immer an. „Wissen Sie. was in der Mappe war?" 
„Ich sagte es doch schon", erwiderte Dollingen 
ungeduldig. 
„Entweder sind Sie wirklich ahnungslos oder 
Sie sind —" Er vollendete den Satz nicht und 
fuhr nach einer kurzen Pause sort „Die Mappe 
enthielt ein politisches, richtiger gesagt, ein militä 
risches Dokument von größter Wichtigkeit." 
Dollingen zuckte zusammen wie unter einem 
elektrischen Schlag. Er spürte Schweiß auf seiner 
Stirne ausperlen, aber er hatte nicht die Kraft, ihn 
abzuwischen. „Unmöglich", stammelte er. 
„Es handelt sich um nichts weniger, als um 
den Verrat militärifd>er Geheimnisse on eine fremde 
Macht. Sie wissen doch, wie man so was nennt?" 
„Hochverrat?" 
„So ähnlich, ja. Ich sehe jedenfalls, daß Sie 
sich nun der Bedeutung unserer Angelegenheit be 
wußt sind." 
Dollingen fühlte den Boden unter sich wanken. 
Dunkle Kreise, die sich nicht verscheuchen ließen, wir 
belten um ihn herum, schlangen sich ineinander und 
wandelten sich zu schwarzen Punkten, die vor seinen 
schmerzenden Augen tanzten. Langsam begriff er: 
Krille hatte ihn betrogen und zun: Mitteilnehmer 
an einer Schurkerei gewinnen wollen. Entsetzt 
starrte er den Fremden an. 
. „Erzählen Sie, bitte, genau den Vorgang die 
ser Nacht. Lassen Sie nichts aus. Alles kann von 
Wichtigkeit sein — für Sie. Also Herr Krille kam 
um welche Stunde?" 
Dollingen dachte einen Augenblick nach. „Es 
wird um zwei Uhr gewesen sein." 
„Stimmt. Um eben diese Zeit wurde er an der 
Ecke der Iägerstraße festgestellt. Und was tat er 
dann?" 
„Er sprach zuerst davon, daß ich schlecht aus 
sähe und baß ich verreisen sollte —" 
„Reisen?? Und ein Ziel gab er nicht an?" 
„Nein, er sprach auch davon, daß er mich bei 
der Motoren-A.-G. unterbringen könne. Ich fuhr 
ja bei dem letzten Rennen in einem Wagen der 
Firma mit ihm — aber das ist wohl nicht wichtig?" 
„Alles ist wichtig. Sie sagten, daß Sie schon 
gestern schlecht ausgesehen hätten?" 
„Ich hatte mir etwas zuviel zugemutet und 
dann hatte ich eine schlimme Nachricht bekommen." 
„Darf man fragen, was das für eine Nachricht 
war?" 
„Nein." Dollingen ballte beide Fäuste. Nicht 
auf der Folter werden sie das aus mir heraus 
holen . .. 
„Hm. Fahren Sie. bitte, fort. Herr Krille 
gab Ihnen dann die Mappe zur Aufbewahrung, 
nicht wahr?" 
„Ja. Und ich gab sie ab. Das ist alles." Er 
fühlte sich wieder ganz ruhig. 
(Fortjetzung folgt.)
	        
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