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6d)leswig-Bolfteinifd)e LanDsszsîlung
123. Jahrgang,
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die Stärkung des deutschen Gedankens. Vor
der „sritzischen" Gesinnung Goethes und setz
ner Zeitgenossen zum deutschen Nationalge-
fiihl war kein allzuweiter Weg mehr, nach--
dem die Verehrung des ganzen Volkes sich
dem einen preußischen Herrscher zugewandt
hatte. Preußens Anteil an der Stärkung
des deutschen Gedankens geht noch weiter;
und damit rühren wir gleichzeitig die dritte
der vorhin aufgezeigten Wurzeln des deut
schen Nationalgefühls. Preußen war die
Basis, von der aus Kants unerbittliche Pflich
tenlehre das Deutschtum mit strengem Ver
antwortungsgefühl durchsetzte. Von Kants
Geist erfüllt waren die Männer der preußi
schen Reformzeit, mit Kantischer Pslichterfül^
lung arbeitete das preußische Beamtentum,
ohne dessen Pflichttreue ein Deutsches Reich
unmöglich war.
Und nun dazu die Fülle der Gedanken
der deutschen Dichter und Denker des 18.
Jahrhunderts, die auch alle dem Deutschtum
ihr Erbe mit auf den Weg gaben. Gewiß,
Goethe spottete über „das heil'ge röm'sche
Reich", Lessing nannte Patriotismus eine
„heroische Schwachheit", Herder verzweifelte
an der Zukunft des Reiches, weil er den
nationalen Staat nicht sah, Wieland hielt die
Zersplitterung Deutschlands im 18. Jahrhun
dert für die beste deutsche Staatsform, weil
nur so die Höhe der deutschen Kultur erhalten
würde, weil nur so politische und geistige
Freiheit in Deutschland möglich sei; Schiller
gar prägte den abstrusen Satz: „Haben wir
erst eine nationale Bühne, dann haben wir
auch den nationalen Staat". Aber trotz aller
Träume von einem „goldenen Zeitalters der
Menschheit, trotz Klopstocks Ideal einer Ge
lehrtenrepublik, trotz aller gegenwartsfrem
den, weltumspannenden Humanitätsideen: ist
nicht Lessings „Minna von Barnhelm" die
deutlichste Verkörperung preußischen Geistes,
ist nicht Goethes Faust das größte Werk und
zugleich das Urbild deutschen Geistes? —
Humanitätsideal und deutsches Nationalge
fühl sind nicht Gegensätze, sondern zwei Kom
ponenten des Deutschtums. Wilhelm von
Humboldt ist der erste große Deutsche, der
beide in seinem hohen Bilduŗsşheal voll ver
bindet. — Der Wiederaufbau Preußens nach
1806 und seine Wirkung auf das andere
Deutschland führte in gerader Linie zum
Reiche Bismarcks; und von dieser ersten Lö
sung der deutschen Frage wird uns ein zwei
ter Weg führen zu dem grotzdeutschen Rar
tionalstaat der Zukunft.
darum nicht verwunderlich, daß gerade unter
diesen wenigen, deren Glaube, deren politi
sches Wunschbild sich am weitesten von der
Wirklichkeit entfernte, der stärkste und här
teste, an patriotischer Leidenschaft nur Arndt
und Treitschke vergleichbare Kämpfer für
deutsche Einheit und Größe, für die Er
weckung deutschen Gemeingeistes steht: Fried
rich Carl von Moser. Er ist heute kaum noch
bekannt; aber er verdiente es, wieder aus der
Vergessenheit hervorgeholt zn werden, nicht
nur, weil er einer der ersten am Werk ist bei
der Entstehung des modernen deutschen Na
tionalgefühls, sondern auch weil er als
Staatskanzler von Hessen-Darmstadt zuerst
versuchte, das Volk, das bis dahin noch ganz
unpolitisch mar, für den Staat zu gewinnen,
es an der Verwaltung zn beteiligen, weil er
versuchte, aus der Dreiheit: Volk, Staat,
Herrscher, eine Einheit zu machen, weil er
damit ein Wegbereiter ist für die Gedanken
der großen preußischen Reformzeit unter
Stein und Hardenberg, Humboldt und Scharn
horst. Der national-deutsche Gedanke und
das Verlangen nach politischer Freiheit sind
die treibenden Kräfte des 19. Jahrhunderts,
nachdem das 18. sie teils geweckt, teils aus
früheren Zeiten übernommen und weiterge
bildet hatte. Moser gehört als sehr wichtiges
Glied in diese Entwicklungslinie hinein. Als
praktischer Staatsmann ist er Absolutist
reinster Schule, typischer Vertreter des 18.
Jahrhunderts, als politischer Reformgeist
ist er Vorläufer Steins und der anderen
Männer, die Preußen nach Jena wieder auf
bauten.
Dieses selbe Preußen nun, das 7 Jahre
nach der Katastrophe von Jena sich schon wie
der zum Freiheitskrieg erheben und seine
frühere Machtstellung wenigstens zu einem
großen Teile zurückerobern konnte, dies
Preußen, das zwei Menschenalter vorher, in
den schlesischen Kriegen, sich siegre-ch behauptet
und die Achtung der ganzen Welt erworben
hatte, das Friedrich den Großen sein eigen
nannte, war ans einem kleinen Teilstaat zn
einer Großmacht geworden, der Macht, die
ihrer Zusammensetzung nach allein zur Ver
tretung des Deutschtums berufen schien.
Nicht so sehr als preußischer, sondern als
deutscher Nationalheld wurde Friedrich nach
Roßbach gefeiert. Er selbst freilich achtete
den deutschen Geist geringer als den französi
schen: aber dennoch sind seine Persönlichkeit
und sein Werk von höchster Bedeutung für
Zur Entstehung des Modernen
deutschen Nationalgefühls.
Von phil. Hans-Heinrich Kaufmann.
st Erst lange, nachdem Frankreich und Eng
land nationale Staaten geworden waren, er
wachte in Deutschland der Glaube an die
eigene politische Aufgabe. Man hat diese
traurige Tatsache zu erklären versucht - durch
die Behauptung, wir Deutschen seien ein von
Natur unpolitisches, nur zu kulturellen Lei
niederschlagende, trostlose Ergebnis einer
vielhundertjährigen Geschichte, die nach ihren
Vorbedingungen doch wieder und trotz aller
Ansätze zur nationalen Konsolidierung, wie
etwa bei Heinrich dem Löwen, in nichts ande
rem enden konnte als in dem Gewirre der
deutschen Souveränitäten des 18. Jahr
hunderts.
stungen berufenes Volk. Aber zeigt sich nicht
der Widersinn dieser These sofort dariii, daß
gerade germanische Fürsten es waren, die in
der Völkerwanderungszeit über all auf dem
Boden des alten Imperiums Romanunr neue
Staaten gründeten, daß diese Staaten, wie
etwa das Reich Theodorichs des Großen, der
deutlichste Ausdruck nicht nur hoher kul
tureller, sondern auch politischer Leistungs
fähigkeit sind? Und schließlich, waren es nicht
auch germanische Fürsten, die Merowinger
und Karolinger, die den Grund zum heutigen
Frankreich legten? Die Antwort auf die
Frage, weshalb wir Deutschen uns erst so
spät auf uns selbst besannen, ist anderswo
zu suchen. Sie liegt verschlossen in dem un
seligen Erbe des frühen Mittelalters: in der
Verknüpfung von deutschem Königtum und
römischem Kaisertum, in dem Widerspiel von
kaiserlicher und päpstlicher Gewalt, in dem
gemeinsamen Ziele der päpstlichen und lan-
desHcrrlich-partikularistischen Politik, die den
deutschen König nicht zn mächtig werden las
sen wollte. Dies alles ist eine Folge der das
frühe Mittelalter völlig beherrschenden christ
lichen Universaliöee, die den deutschen Kö
nig als römischen Kaiser mit dem Schutze des
Papsttums und der katholischen Kirche be
traute. Eine gewaltige Aufgabe, die zur Zeit
Karls des Großen noch erfüllbar war, deren
Vollendung aber von dem Augenblicke an un
möglich wurde, als sich das Nationalgeftihl
in Italien, in Frankreich, in England frei
machte von dem Glauben an die universale
Ausgabe der Doppelgewalt: deutscher Kaiser
Und römischer Papst. Und obendrein, diese
Doppelgewalt war ja schon bald wieder zer
fallen, Kaiser und Papst lagen in dauerndem
Kampfe miteinander. Wer war der Leid
tragende? — das Deutschtum! Die zwangs
läufig vorgezeichncte römische Politik der
deutschen Kaiser mußte den einzelnen Landes
herren zugute kommen, die um so offener an
der Vollendung ihrer partikularistischen Ziele
arbeiten konnten, je mehr der Kaiser mit Ita
lien beschäftigt war. Dazu nun noch die Fol
gen der traurigsten, unseligen Bestimmung
der alten Verfassung, der Kaiser-Wahl. Im
mer wieder mußte der Kaiser gerade die mäch
tigsten und ihm gefährlichsten Landesherren
schonend behandeln, weil ihm sonst die Ab
setzung drohte. Während der französische Kö-
Uig jedes verfallene Lehen rücksichtslos ein
bog und so seine Macht gewaltig stärkte, sah
sich der deutsche Kaiser genötigt, das Lehen
üeu auszugeben, um nur nicht den Wider
spruch der Kurfürsten wachzurufen. Das ist
die Tragik der deutschen Geschickte. Das Reich
Zersplitterte in seine Teile, und ein gesamt
deutsches Nationalgefühl blieb Illusion,
Rußte Illusion bleiben, solange der nationale
Etaat fehlte. Das starke erbliche französische
Königtum schuf den französischen National
staat und ist darum die Grundlage» aus der
das moderne französische Nationalgefühl er
wuchs. Das deutsche Wahl-Königtum wurde
erdrückt von der untragbaren Last der mittel-
^lterlich-christlich-universalen Aufgabe, deren
Auswirkung der Kampf zwischen Kaiser und
Papst und zwischen König und LandesfürsKist.
Frankreich wurde von seinen Königen zu-
sawmen-regiert, Deutschland wurde ausein-
Mder-rcgiert. — Die Macht, die die deutsche
Zukunft in sich trug, war uicht die Zentralge
walt. das Königtum, sondern die Ņartikular-
Rivalt. das Landesfürstentum. Deutschland
Rieb stehen auf einer Stufe staatlicher Ent-
Man sollte meinen, in einem solchen
Staatsgebilde, das, wie Bismarck einmal
sagt, eine „Krankheit von 6 Jahrhunderten"
durchmachen mußte, ehe es sich auf sich selbst
besann, dessen einziges Bindemittel nur noch
der gemeinsame Name war, in einem solchen
Staatsgebilde könnte sich kein allen seinen
Glieder gemeinsamer Wille mehr erhalten
haben, lind doch regen sich in der Zeit tiefster
staatlicher Erniedrigung Deutschlands, im 18.
Jahrhundert, die ersten Knospen des auf
keimenden modernen deutschen Nationalge-
fühls. Sie erwachsen aus drei Wurzeln. Tie
erste liegt in dem Boden Preußens, des deut
schen Einzelstaats, der durch die Klugheit und
Tatkraft seiner Herrscher als der stärkste aus
dem großen Ringen um das Erbe der alten
Kaisermacht hervorging. Die zweite emp
fängt ihre Kraft aus dein hohen Kultur- und
Staats-Ideal der großen Männer in der
Blütezeit deutschen Geisteslebens. Und die
dritte liegt verschlossen in den Herzen der
wenigen, die allem Unglück zum Trotz sich
noch immer den Glauben an die Zukunst des
alten Heiligen Römischen Reichs Deutscher
Nation bewahrt haben. Es ist die kleine Schar
derer, die für uns Heutige vielleicht am sicht
barsten den Zusammenhang wahren, der von
dem machtvollen Reich Ottos des Großen her
über Friedrich Barbarossa und schließlich
Fichte, die Männer der Freiheitskriege und
der Paulskirche einmündet in die Gedanken-
gänge unserer großdeutschen Bewegung.
Aber wieviel Mut und wieviel-Ueberzen-
gungstreue gehörte dazu, im 18. Jahrhundert,
als man gerne von einer preußischen, sächsi
schen, oldenburgischen „Nation" sprach, noch
an ein ganzes Deutschland zu glauben. Es ist
Die Aufgabe des Tages
Ekmt Augenblick
Dieser Tage wurden bekanntlich die zwei
Brüder Saß in Berlin wegen der merk
würdigen Geschichte bei Müllern in der Fle-
mingstratze zu je einem Monat Gefängnis
verurteilt, der aber durch die Untersuchung
schon abgebrummt ist.
Andrang zur Gerichtsverhandlung unge
fähr wie zu' einer großen Premiere. Sind
doch Franz und Erich zwei dufte und nament
lich seit dem Trcsoreinbruch in die Disconto-
Filiale am Wittenbergplatz von einem
romantischen Nimbus heimgesuchte Jungen.
Waren sic's damals? oder nicht? Große
Frage. Aber man wird nicht klug aus der
Geschichte.
Jedenfalls sind Franz und Erich Lebens
künstler, betrachten die Arbeit als Sport und
haben doch Passionen bis zum eigenen Essex-
Auto: lassen sich auch nicht lumpen in der
Honorierung ihres Anwalts, wie dieser ihnen
vor Gericht bescheinigte. Der Zaster ist also
nicht knapp.
Und Kavaliere sind sie dazu, die Brü
der Saß, wie der muntere Verteidiger im
Hinblick darauf bemerkte, daß sie mit Hand
schuhen in der Flcmingstraße „gearbeitet"
haben. Tie Kriminal hatte nämlich daraus
ans solide Einbruchsabsichten geschlossen.
Das mit den „Kavalieren" hat noch ge
fehlt, um die Burschen in den Augen eines
gewissen Publikums vollständig zu „Helden"
zu stempeln. *