Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 3)

verdorrten Grasnarben und Büschen. Der 
sonst so zähe Dornbusch hat den Kamps mit 
der Trockenheit aufgegeben und ragt mit dür 
ren Zweigen einsam in die Höhe, nur in 
einigen wenigen Revieren, wo etwas Regen 
gefallen war und etwas Wasser den Flußlaus 
hinabließ ab und zu ein grünender Busch. 
Wenn man auf einer Fahrt durchs Ge 
lände kommt, schreckt selten ein Gras- oder 
Klippenbock auf, verhofft aber bald, da auch 
dem Wild die nötige Kraft fehlt. Ochsenwagen 
oder Pferöekarren, die ja das Auto schon ver 
drängt hat, sieht man gar nicht mehr, denn 
es ist den Farmern unmöglich, die halbver 
hungerten Tiere einzuspannen. 
Der größte Teil der Farmer ist getreckt, 
d. h. das noch erhaltene Vieh wird Hunderte 
von Kilometern weit getrieben in glücklichere 
Gegenden, wo noch altes Gras vorhanden ist 
oder etwas Regen gefallen ist. Natürlich ver 
reckt auf der Pad ein großer Teil, da Gewalt 
märsche vollbracht werden müssen,' bis der 
Treck Gras und Wasser erreicht. 
Vielen alten Pionieren, die sich mit 30- 
bis 36 jähriger Arbeit und vielen Entbeh 
rungen einen gewissen Wohlstand, ja sogar 
Reichtum erworben hatten, werden grau. 
Vielen ist die Not so ans Herz gegangen, 
daß sie mit den Nerven zusammenbrachen und 
nicht mehr ein und aus wußten. So hat ein 
Farmer, der vor einigen Monaten 1300 
Stück Vieh noch sein eigen nannte, durch den 
Verlust von 1200 Stück den Verstand verlo 
ren und mußte in eine Nervenheilanstalt 
übergeführt werden. Keiner hat ahnen kön 
nen, daß es so schlecht werden könnte, denn 
immer hat es doch bisher geregnet, keiner der 
Einwohner kann sich auf ein solch schlechtes 
Jahr besinnen, hilflos steht man da und sieht 
seinen Reichtum, seinen ganzen Besitz, Stück 
für Stück verrecken. 
Doch was soll werden, wenn in den heute 
noch grasreichen Gegenden, wo das gesamte 
Vieh steht, das Gras aufgefressen ist und es 
nicht gut regnen wird in diesem Jahre? 
Zu diesem Unglück kommen noch Ent 
lassungen auf den Diamant-Feldern bei Lü- 
dcritzbucht. Einige Betriebe sind schon ganz 
geschlossen. In den größeren Orten sitzt eine 
Menge Arbeitsloser mit wenig oder gar kei 
nem Kapital. Hierzu gesellt sich dann noch 
eine ganze Anzahl Neuankömmlinge ans 
Deutschland, die auf gut Glück nach hier ka 
men und nun so ziemlich vor dem Nichts 
stehen. 
Natürlich hat alles dieses einen sehr 
bösen Einfluß auf die Geschäfte, der größte 
^.eil der Geschäfte hängt fast ganz von den 
Farmern ab. Trotz der sehr schlechten Lage 
kann kein Farmer oder Kaufmann einiger 
maßen einen Preis für Wolle, Häute oder 
Karakulfelle bekommen.,, Den Farmern ist es 
unmöglich, die Schulden zu zahlen, und da 
durch dem Kaufmann unmöglich, seine Wech 
sel zu bezahlen. Alles lebt auf Hoffnung, hof 
fentlich wird es in der nächsten Regenzeit 
besser. Gott gebe, daß es keine Enttäuschung 
wird. 
Bunte Welt. 
Antilopen als Zugtiere. 
Ein interessanter Versuch wird einem 
amtlichen Bericht aus Johannesburg zufolge 
augenblicklich in unserem früheren Schuüge- 
biet Süöwest-Afrika durchgeführt. Mau ist 
der Ansicht, daß die sogenannte Elen-Anti 
lope, wenn gezähmt, ein ausgezeichnetes 
Zugtier abgibt, das kräftiger und wider 
standsfähiger ist als der sonst übliche Zug 
ochse. Daneben soll sie gegenüber allerlei 
Krankheiten weniger anfällig und die Milch 
der weiblichen Tiere fettreicher und nahrhaf 
ter als Kuhmilch sein. Die bisher in Tiger- 
guelle (Südwestafrika) eingefangenen neun 
Tiere scheinen sich gut an die Gefangenschaft 
zu gewöhnen und der Zähmung keine beson 
deren Schwierigkeiten entgegenzusetzen. Wei 
tere 60 bis 100 Stück werden noch dazu kom 
men, aber erst ihre in der Gefangenschaft ge 
borenen Nachkommen sind für den eigentli 
chen Dienst als Zugtiere in Aussicht genom 
men. Sollte der Versuch im großen günstig 
ausfallen, so dürfte angesichts des Reich 
tums Südafrikas an Elen-Antilopen in ab 
sehbarer Zeit das Ende der Zugochsen gekom- 
meu sein. 
Wie ein Kellner ein großer Tenor wird. 
In einer fröhlichen Versammlung in der Rue 
des Messageries in Paris hörte ich letztes Jahr, 
etwas nach Mitternacht, aus der Gruppe lustiger 
Sänger eine prächtige lyrische. Tenorstimme heraus. 
Sie gehörte einem 26jährigen beweglichen Herrn, 
der eine ausgezeichnete Conference führte und alle 
Welt unterhielt, ein großes schauspielerisches Talent 
und einen beneidenswerten Durst entwickelte. In 
Paris gewöhnt man sich an dergleichen bei Festlich 
keiten auftauchende Improvisitationen. Trotzdeni 
ward man gewahr, daß sich diesmal eine seltene 
Vereinigung v. Gaben in die>em Spätgast vereinigt 
hatte, und die Erkundigung ergab, daß man es mit 
einem Kaffeehauskellner italienischen Ursprungs zu 
tun hatte. „Jean ist ein Prachtkerl", meinte einer- 
feiner Begleiter, „wenn wir was vorhaben, nehmen 
wir ihn nach Feierabend mit. Er kennt alle Schla 
ger und Dutzende von Polksliedern. Des andern 
Tags versieht er seinen Dienst, als wäre er die 
ganze Nacht in seinem Bett gewesen." 
So lernte Jean Anzani viele Menschen in al- 
levlü Gesellschaft kennen. Unter ihnen auch einen 
Pariser Arzt, desşen Bruder einst ein berühmter 
Tenor gewesen ist, Dr. Clement. Dieser Arzt führte 
den Geldanken, den wohl viele vor ihm gehegt ha 
ben, ohne ihn ausführen zu können, durch und 
machte die Direktoren der Opera Comique auf das 
noch in wilder Freiheit blühende Tallent aufmerk 
sam. Eines Tages erhielt Jean zu seiner Verwun 
derung «inen Brief, der ihn auf das Direktionsbüro 
der zweitgrößten französischen Opernbühne einlud. 
„Wollen Sie uns einmal Ihre Stimme hören las 
sen", fragte man ihn da. Jean ließ sich nicht lange 
bitten und sang seine Lieblingsarie, mit der er so 
manchen Erfolg geerntet. Ein Phonograph war 
ihm Lehrmeister gewesen. Kaum war der letzte Ton 
verhallt, hub das Verhör an: „Wieviel brauchen 
Sie monatlich zum Leben?" „2000 Franken," ant 
wortete Jean. „Sehr gut! Sie werden noch heute 
Ihre Stellung im Kaffeehaus kündigen und sich 
morgen in unserer Opernschule melden. Sie er 
halten dafür 2000 Franken." 
Jean verschwand aus dem Kaffeehaus, und 
seine Freunde hörten ihn nicht mehr. Das war im 
Dezember 1929. Wie groß aber war ihr Erstau 
nen, als sie auf dem Programmzettel der Opera 
Comique des 22. Juni 1930 neben der Rolle des 
Mario in der Tosca den Namen Jean Anzani lasen! 
Nicht ohne einige Beklemmung setzten sie sich in die 
Fauteuils. Auch die Direktion war nicht ohne Lam 
penfieber. Nur Anzani blieb merkwürdig ruhig. 
Aber der Versuch gelang, gelang sogar ausgezeichnet. 
Schon im ersten Aufzug erntete dieser neue Mario 
mit seiner klaren, warmen Naturstimme einen 
Hervorruf um den andern. Im zweiten steigerte 
sich der Beifall noch und im dritten Aufzug konnte 
der Kapellmeister den „Bis"-Rufen nicht mehr 
länger widerstehen. Anzani wiederholte und wurde 
mit Blumen überschüttet. Und nun hofft man, 
daß er nach solcher siebenmonatigen Schnellbleiche 
hingehen und sich über seine großen Naturgaben 
hiuausarbeîten werde zu einer vollkommenen Mei 
sterschaft. 
Die Polizei hilft den Dieben. 
Vor einigen Wochen erregte ein seltsamer 
Fall in St. Louis großes Aufsehen. Dort war eine 
Diebesbande in die Villa eines auf Reisen befind 
lichen Generaldirektors eingebrochen. Nachbarn 
merkten, was los war, trauten sich aber nicht her 
an und benachrichtigten dis Polizei. Diese ließ, 
um den Generaldirektor vielleicht verständigen zu 
können, sofort durch Rundfunk verbreiten, in sei 
ner Villa wären Einbrecher am Werk. Er möge 
unverzüglich zurückkehren. Run hatten aber auch 
die Einbrecher den Rundfunk in der Villa ange 
dreht, erfuhren auf diese Weise, daß sie entdeckt 
seien, und flohen, ehe die Polizei an Ort und 
Stelle erschien. 
Ein fast ähnlicher Fall hat sich jetzt in New 
York zugetragen,' dort befand sich ein Einbrecher 
in einer Wohnung, hatte aber das Pech, sich selber 
einzuschließen, da in dem Wohnzimmer des Haus- 
hkf^n während dessen Abwesenheit von innen die 
Türklinken abgenommen waren. Was tun? Der 
Einbrecher ging ans Telefon, rief das Ueberfall- 
kommando an, stellte sich den Polizisten als Haus 
herr vor, wurde kurz verhört und dann in Ruhe 
gelassen. Nachdem die Polizei, die ihm liebens 
würdigerweise die Tür geöffnet hatte, wieder ver 
schwunden war, konnte auch er gehen und alle 
Wertgegenstände mitnehmen. " ' " ~ : 1 
Die deutsche Literatur im Ausland. 
Welcher Beliebtheit sich die deutsche Lite 
ratur im Auslanöe erfreut, geht aus öen Fest 
stellungen des Buchhändler-Börsenblattes her 
vor, nach denen die Zahl der Werke, die aus 
dem Deutschen in fremde Sprachen übersetzt 
werden, neuerdings beträchtlich ansteigt. Wäh 
rend noch 1927 1648 deutsche Bücher in fremde 
Sprachen übersetzt wurden, betrug diese Zahl 
im darauffolgenden Jahre schon 1996. Dabei 
gilt das Hauptinteresse des Auslandes der 
belletristischen Literatur. Diese umfaßt allein 
729 Ueüersetzungen. Die russischen Ueberset- 
zungen dominieren dabei mit 89. Tschechische 
Uebersetzungen wurden 84 gezählt, slowakische 
59, englische 43 und amerikanische 49. Den 1996 
Uebersetzungen aus dem Deutschen stehen 1347 
Uebersetzungen ins Deutsche gegenüber, wobei 
die englischen Uebersetzungen an erster Stelle 
stehen. Ueberraschenö ist das Verhältnis zivi- 
schen den Uebersetzungen in deutscher und fran 
zösischer Sprache. Während 68 deutsche Werke 
ins Französische übertragen wurden, wurden 
288 französische Bücher ins Deutsche übertra 
gen. 
Zum Lächeln und Lachen 
Die fliegende Boje. 
Kapitän Stolzenberg gehört zu den jungen 
Kapitänen. Dafür ist sein Schiff um so älter. 
Auch nicht sehr groß. Damit also will er in 
einem ihm wenig bekannten Hafen einlaufen. Zu 
diesem Zwecke muß eine Boje angesteuert wer 
den. Der Kapitän Stolzenberg entdeckt diese Boje 
natürlich zuerst und befiehlt, auf diese Boje zu 
zuhalten. Der wachhabende Offizier sieht durch 
sein Glas und sagt: „Verzeihung, Herr Kapitän: 
das ist keine Boje, sondern eine Möwe." 
Der Kapitän wird zum Eiszacken: „Herr! 
Ich fahre seit zwanzig Jahren zur See. Und ich 
sage Ihnen, es i st eine Boje." 
Der wachhabende Offizier ist gut erzogen. Er 
sieht noch einmal durch sein Glas, lächelt und sagt: 
„Jawohl, Herr Kapitän: es i st eine Boje — und 
jetzt fliegt sie fort." 
* 
«Hier, guter Mann, sind zwei Pfennige!" 
„Sie sind wohl die Gattin vom Reichsspar.. 
kommissar?" 
Büchertisch. 
Hans von Hülsen: „Der Schatz iin Acker." Eigen- 
brödler-Verlag Berlin. In Leinen geb. Unverkenn 
bare Aehnl'ichkeiten bestehen zwischen dieser Schilde 
rung des Auf- und Abstiegs eines märkischen Handels 
hauses und jenem „Abstieg eines Lübecker Handels 
hauses", dem Thomas Mann in der deutschen Litera 
tur einen eindeutigen Platz gab. Nur was hier aus 
müder Resignation zu Grunde geht, bricht dort zu 
sammen, weil vitaler Drang nach vorn die Grenzen 
eigener Kraft unterschätzt. Die geschliffene Form al 
lerdings, die der Vertreter eines alten Geschlechts sei 
ner Schilderung gabt, wurde nicht erreicht. Manches 
ist bei Hans von Hülsen von einer überraschend 
guten stilistischen Gestaltung. 
Der Sohn des Roten Korsaren. Abenteuerroman 
von Emilio Salgari. Ganzleinen geb. 3,90 Jl Phönix- 
Verlag Carl Siwinna. Berlin SW. 11. Der Autor, 
ein ehemaliger Kapitän, der große Weltreisen ge 
macht hat, ist ein vorzüglicher Schilderer von Meeres 
stürmen, Kampfszenen zu Wasser u. zu Lande und 
fremdartigen Landschaften. Mit glänzender Phanta 
sie und trefflicher Kombinationsgabe ausgestattet, läßt 
er seine Helden von Abenteuer zu Abenteuer gelangen. 
Die Atlantikmädels. 
Boman pon G. Meerstedt. 
24) (Nachdruck verboten.) 
„Sagen Sie das nicht, Fräulein Hannelore. 
Mein Hal lugt auch schon nach dem aus, was der 
Deutschs Gemütlichkeit und ein Heim nennt. 
Schade eigentlich, daß der Junge nicht mit hier ist. 
Was meinst du, Vesthorn —?" 
Herr Vesthorn amüsiert sich königlich. So 
etwas stanid nun an der Spitze einer der größten 
Werften Amerikas und ließ sich einwickeln, nur, 
weil er nach langen Jahren wieder einmal an 
einem deutschen Familientisch sitzen durfte. „Ich 
weiß ja nicht, wie Hal darüber denkt —" 
„Na.^ich denke, das hättest du doch merken 
können, Vesthorn — Sie aber möchten meinen 
Jungen doch sicher einmal kennenlernen, nicht 
wahr, Fräulein Hannelore?" 
„Er schmust, Hannelore! Denk an deine heim 
liche Verlobung!" 
„Das tue ich schon immerzu, Onkel Vesthorn!" 
„Wer't glöwt, min leewer Vesthorn! Bange 
maken gilt nich! Ick bün'n Hamborger Jung!" 
Die beiden alten Herren waren ins Plattdeutsche 
gekommen, wie das leicht geschieht, wenn sich der 
Hamburger in vorgerückter Stunde behaglich 
fühlt. Man schiebt damit seine Stühle gleichsam 
näher zueinander. 
„Sie müssen aber meinen Hal doch kennen 
lernen, Fräulein Hannelore," beharrt Herr Smith. 
„Mir kommt plötzlich -vor, als hätte er noch gar 
nicht so recht etwas von dem Hamburger Besuch 
seiner Eltern gehabt. Ließe sich denn nicht so ein 
gemütliches Beisammensein arrangieren, alter 
Sohn? Sei dock) nicht so dicksällig!" 
.Frag meine Schwestern! Vielleicht können 
wir hier morgen Reste essen. Tilde, Otti, was 
meint ihr? Würde es euch zu viel oder nicht?" 
„Wir freuen uns immer, / wenn Besuch 
kommt!" 
Auf dem Nachhausewegs meinte Heinrich 
Schmidt zu seinem Freund Vesthorn: „Sag mal, 
alter Junge, ist das Mädel wirklich verlobt? Die 
wäre so etwas für meinen Hal —“ 
„Verlobt —? Das ist noch nicht so recht her 
aus. Möglicherweise wird's noch gar nichts. Die 
Hannelore ist nämlich ein ausnehmend netter 
Aerl, aber — sie hat nichts. Und mit nichts in 
der Tasche hält es heutzutage immer schwer, un 
terzuschlüpfen — 
„Als ob nun ein Mädel durchaus immer et 
was Klingendes haben müßte! Zählt denn das 
Mädel selbst schließlich gar nichts?" 
„Du sprichst, als du 'ne Mutter mit 'ner 
Tochter wärst, Smith. Und wo kämt denn dann 
die zweite Werft her?" 
„Ra, ich denke, an einer kann der Junge auch 
genug haben —!" 
»Dir schien aber, wenn ich nicht irre, deine 
eine Werft nicht genug zu sein. Uebrigens, ich 
bin der Onkel der Hannelore. Wenn du willst, 
kannst du bei mir um das Mädel anhalten. Aber 
dann hinterher kein Auskneifen — du und dein 
Jungs, ihr habt schon mal den Drückeberger bei 
meiner Ellen gespielt — zwei Pleiten in einer 
Woche wäre ein bißchen reichlich —". 
„Vesthorn, ich halte an, wie die Hannelore 
geht und steht, für den Hal und für meine deut 
sche Stube in der Fifth Avenue. Und wenn der 
Junge kein Idiot ist, dann sagen wir zweistimmig 
ja. Was meinst du, Vesthorn, ob wir den Kahn 
flott kriegen —?“ 
»Ra, wenn ihr einen tüchtigen Lotsen an 
Bord habt —! Und der scheine ich ja zu sein —" 
»Ja, aber Vesthorn, das Mädel ist ja auch 
noch da, das gefragt werden muß —“ 
»Ach, weißt du, Smith, das gibt sich. Schon 
allein bei solch einem netten Schwiegervater —!" 
Herr Vesthorn lächelte gutmütig ironisch, mit 
einem kleinen Schuß von Seligkeit, den Heinrich 
Smith auch weghatte. „Aber was meinst du, 
Schmidt, wie sich Mrs. Smith, Fürstin Aida, dazu 
stellen wird —? 
»Die ist sehr verschnupft über deine über- 
amerikanisierte''Ellen, und war es offenbar schon, 
bevor deine Damen jetzt im April ihre Badereise 
antraten. Außerdem soll sich ja Hal verloben 
und nicht meine Frau —“ 
»Ja, wenn du so denkst, dann kommt auch 
alles in dis Reihe. Du stehst zwar heute abend 
ein bißchen unter Spiritus, Heini Schmidt, aber 
ich denke, so viel kann 'n Hamborger Jung wohl 
vertragen, um Irrtümern vorzubeugen. Viel 
leicht, wenn alles gut geht, haben wir dann mor 
gen abend schon alles klar an Deck —. Aber deine 
Aida laß dazwischen heraus, bis wir erst in See 
gestochen sind. Du bist in Deutschland, Heini 
Schmidt, und einen Käpt'n kann der Kahn nur 
haben —“ 
Heini Schmidt winkte beruhigend, als glätte 
er schon jetzt die Wogen, während ihn der Page 
durch die Drehtür ins Hotel beförderte. 
Herr Vesthorn aber lachte, daß ein Sicher 
heitspolizist ernstlich überlegte, ob das nicht zu 
einer Anzeige wegen ruhestörenden Lärms reichte. 
Und am nächsten Morgen lachten noch zwei 
andere. Hannelore, Abteilung Herrenartikel, hin 
ter ihrem Ladentisch, als ihr Herr Vesthorn per 
sönlich eine zweite Einladung für die erweiterte 
Tafelrunde brachte, und Hal während eines Tele 
phongesprächs mit Herrn Vesthorn. „Ra, wie 
stehe ich da, Hal?! -Und nun laß Heini Schmidt 
die Freude, daß er selbst die Frau für dich aus 
gesucht hak. Grabe nicht an seiner Autorität her 
um. Keinem Mann ist es angenehm, wenn er 
ein dummes Gesicht machen muß, und er sieht noch 
obendrein, daß so und so viele auf diesen Moment 
gewartet haben —“ 
Am nächsten Abend duftete es noch stärker 
nach Veilchen in dem kleinen Garten an der Ep- 
pendorfer Landstraße. Das machte, es war ein 
lauer, sonniger Tag gewesen. Von oben warf 
der Mond einen breiten Lichtkegel herunter. Und 
aus der Umrahmung von Efeu lugten vier hell- 
erleuchtete Fenster. Unten in der Küche hörte 
man die rundliche Therese mit dem Geschirr klap 
pern. Von irgendwoher schickte ein Spatz ein ver 
schlafenes Piep. Er hatte sich offenbar in der 
Zeit geirrt. 
Heinrich Schmidt blieb stehen. 
^ „Armer, ausgehungerter Kerl." sagte Herr 
Vesthorn leise zu Hal, „die Heimat hat ihn ge 
packt, das muß sich erst austoben, ehe er wieder 
Werftbesitzer Henry Smith sein kann. Und Sie, 
Hal, haben Glück gehabt — in Amerika hätten Sie 
lange warten können. — Nun aber vorwärts, die 
Damen warten. 
Herr Vesthorn hatte wirklich recht, in Amerika 
wäre so etwas nicht möglich gewesen. Auch in 
Deutschland unter anderen Umständen schwerlich. 
Arm und reich unter einen Hut zu bringen, ist nie 
mals ganz einfach gewesen. 
„Das ist nun mein Junge, Fräulein Han 
nelore," sagte Heinrich Schmidt. „Ein bißchen 
groß geraten, aber sonst nicht schlechter als der 
Vater —“ 
„Oh," sagte Hannelore, „so ähnlich habe ich 
ihn mir vorgestellt —“ 
„Also nicht enttäuscht? Dann kannst dn dich 
freuen, Hal. Und heute sollst du die Butter- 
seite haben, Hal, ich trete dir meinen Platz neben 
Fräulein Hannelore ab. Oder, Vesthorn, solltest 
du zugunsten von uns notleidendsten Amerikanern 
verzichten wollen? Das würde ich sehr anstän 
dig finden!" 
„Der Lotse kann also von Bord gehen, Heini 
Schmidt? Na, dann man los, dann laßt uns mal 
unser Ludwig-Richter-Bild aufbauen: Der Vater, 
die Tanten, der Onkel, die Hängelampe, die Aale, 
das Brautpaar, — das leider fehlt —" 
Heini Schmidt dachte ein bißchen verärgert, 
der gute Vesthorn ist wirklich kindisch, kann einem 
den ganzen Kram mit seiner verfrühten Anspie 
lung verderben. Der paßt zum Brautwerber wie 
der Esel zum Lautespielen. 
Aber Hal lachte sein gutes, sonores Lachen. 
Und Hannelore hatte rote Backen und war nicht 
ganz so gesprächig wie am Tage vorher. Man 
war aber auch erst beim Tee. 
Als dann jedoch erst die Bowle kam — „Kin 
der, ist es hier wundervoll altmodisch," sagte Heim 
Schmidt und nahm mit Befriedigung wahr, daß 
Hai und Hannelore offenbar nur noch wenig mit 
der übrigen Tafelrunde rechneten. 
„Und so etwas baut nun Schiffe neuester 
Konstruktion und will bahnbrechend sein im ge 
samten Schiffsbau hüben und drüben!" 
„Aber jetzt habe ich meine Filzpantoffeln an. 
Was meinst du, Hal, Fräulein Hannelore weiß, 
was Filzpantoffeln sind, und verachtet sie nicht!" 
Um den Tisch herum ging ein leises, gütiges 
Lächeln. Es sprang bei den alten Damen auf 
und pflanzte sich fort bis zu Hannelore. Es sagte 
etwa ^so: Ueber jeden Menschen kommt einmal 
eine Situation, ob in Freuds oder Schmerz, wo 
er für Augenblicke wieder zum Kinde wird. Dann 
sollen die anderen denken, daß sie in einer Kirche 
seien —. 
_ „Ich denke, ihr beiden könntet mal ein bißchen 
abseits gehen," sagte Herr Vesthorn, „sonst liest 
euch Heini Schmidt noch von der Nase ab, daß 
wir ihn hier zum Narren gehalten haben." 
Als aber die Pfirsiche der Bowle schon auf 
Grund geraten waren und die beiden alten Her 
ren den Weinkeller zum Nachfüllen absuchten, 
meinte Heini Schmidt zu Herrn Vesthorn: „Ich 
glaube, alter Junge, daß ich das Ganze fein ge 
dreht habe. Jetzt muß ich nur die Augen offen 
halten, daß mir der Bengel nichts verbuttert, 
Was meinst du, ob ich dem Mädelchen mal auf 
Zahn fühle —?“ 
(Fortsetzung folgt.J
	        
No full text available for this image
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.