verdorrten Grasnarben und Büschen. Der
sonst so zähe Dornbusch hat den Kamps mit
der Trockenheit aufgegeben und ragt mit dür
ren Zweigen einsam in die Höhe, nur in
einigen wenigen Revieren, wo etwas Regen
gefallen war und etwas Wasser den Flußlaus
hinabließ ab und zu ein grünender Busch.
Wenn man auf einer Fahrt durchs Ge
lände kommt, schreckt selten ein Gras- oder
Klippenbock auf, verhofft aber bald, da auch
dem Wild die nötige Kraft fehlt. Ochsenwagen
oder Pferöekarren, die ja das Auto schon ver
drängt hat, sieht man gar nicht mehr, denn
es ist den Farmern unmöglich, die halbver
hungerten Tiere einzuspannen.
Der größte Teil der Farmer ist getreckt,
d. h. das noch erhaltene Vieh wird Hunderte
von Kilometern weit getrieben in glücklichere
Gegenden, wo noch altes Gras vorhanden ist
oder etwas Regen gefallen ist. Natürlich ver
reckt auf der Pad ein großer Teil, da Gewalt
märsche vollbracht werden müssen,' bis der
Treck Gras und Wasser erreicht.
Vielen alten Pionieren, die sich mit 30-
bis 36 jähriger Arbeit und vielen Entbeh
rungen einen gewissen Wohlstand, ja sogar
Reichtum erworben hatten, werden grau.
Vielen ist die Not so ans Herz gegangen,
daß sie mit den Nerven zusammenbrachen und
nicht mehr ein und aus wußten. So hat ein
Farmer, der vor einigen Monaten 1300
Stück Vieh noch sein eigen nannte, durch den
Verlust von 1200 Stück den Verstand verlo
ren und mußte in eine Nervenheilanstalt
übergeführt werden. Keiner hat ahnen kön
nen, daß es so schlecht werden könnte, denn
immer hat es doch bisher geregnet, keiner der
Einwohner kann sich auf ein solch schlechtes
Jahr besinnen, hilflos steht man da und sieht
seinen Reichtum, seinen ganzen Besitz, Stück
für Stück verrecken.
Doch was soll werden, wenn in den heute
noch grasreichen Gegenden, wo das gesamte
Vieh steht, das Gras aufgefressen ist und es
nicht gut regnen wird in diesem Jahre?
Zu diesem Unglück kommen noch Ent
lassungen auf den Diamant-Feldern bei Lü-
dcritzbucht. Einige Betriebe sind schon ganz
geschlossen. In den größeren Orten sitzt eine
Menge Arbeitsloser mit wenig oder gar kei
nem Kapital. Hierzu gesellt sich dann noch
eine ganze Anzahl Neuankömmlinge ans
Deutschland, die auf gut Glück nach hier ka
men und nun so ziemlich vor dem Nichts
stehen.
Natürlich hat alles dieses einen sehr
bösen Einfluß auf die Geschäfte, der größte
^.eil der Geschäfte hängt fast ganz von den
Farmern ab. Trotz der sehr schlechten Lage
kann kein Farmer oder Kaufmann einiger
maßen einen Preis für Wolle, Häute oder
Karakulfelle bekommen.,, Den Farmern ist es
unmöglich, die Schulden zu zahlen, und da
durch dem Kaufmann unmöglich, seine Wech
sel zu bezahlen. Alles lebt auf Hoffnung, hof
fentlich wird es in der nächsten Regenzeit
besser. Gott gebe, daß es keine Enttäuschung
wird.
Bunte Welt.
Antilopen als Zugtiere.
Ein interessanter Versuch wird einem
amtlichen Bericht aus Johannesburg zufolge
augenblicklich in unserem früheren Schuüge-
biet Süöwest-Afrika durchgeführt. Mau ist
der Ansicht, daß die sogenannte Elen-Anti
lope, wenn gezähmt, ein ausgezeichnetes
Zugtier abgibt, das kräftiger und wider
standsfähiger ist als der sonst übliche Zug
ochse. Daneben soll sie gegenüber allerlei
Krankheiten weniger anfällig und die Milch
der weiblichen Tiere fettreicher und nahrhaf
ter als Kuhmilch sein. Die bisher in Tiger-
guelle (Südwestafrika) eingefangenen neun
Tiere scheinen sich gut an die Gefangenschaft
zu gewöhnen und der Zähmung keine beson
deren Schwierigkeiten entgegenzusetzen. Wei
tere 60 bis 100 Stück werden noch dazu kom
men, aber erst ihre in der Gefangenschaft ge
borenen Nachkommen sind für den eigentli
chen Dienst als Zugtiere in Aussicht genom
men. Sollte der Versuch im großen günstig
ausfallen, so dürfte angesichts des Reich
tums Südafrikas an Elen-Antilopen in ab
sehbarer Zeit das Ende der Zugochsen gekom-
meu sein.
Wie ein Kellner ein großer Tenor wird.
In einer fröhlichen Versammlung in der Rue
des Messageries in Paris hörte ich letztes Jahr,
etwas nach Mitternacht, aus der Gruppe lustiger
Sänger eine prächtige lyrische. Tenorstimme heraus.
Sie gehörte einem 26jährigen beweglichen Herrn,
der eine ausgezeichnete Conference führte und alle
Welt unterhielt, ein großes schauspielerisches Talent
und einen beneidenswerten Durst entwickelte. In
Paris gewöhnt man sich an dergleichen bei Festlich
keiten auftauchende Improvisitationen. Trotzdeni
ward man gewahr, daß sich diesmal eine seltene
Vereinigung v. Gaben in die>em Spätgast vereinigt
hatte, und die Erkundigung ergab, daß man es mit
einem Kaffeehauskellner italienischen Ursprungs zu
tun hatte. „Jean ist ein Prachtkerl", meinte einer-
feiner Begleiter, „wenn wir was vorhaben, nehmen
wir ihn nach Feierabend mit. Er kennt alle Schla
ger und Dutzende von Polksliedern. Des andern
Tags versieht er seinen Dienst, als wäre er die
ganze Nacht in seinem Bett gewesen."
So lernte Jean Anzani viele Menschen in al-
levlü Gesellschaft kennen. Unter ihnen auch einen
Pariser Arzt, desşen Bruder einst ein berühmter
Tenor gewesen ist, Dr. Clement. Dieser Arzt führte
den Geldanken, den wohl viele vor ihm gehegt ha
ben, ohne ihn ausführen zu können, durch und
machte die Direktoren der Opera Comique auf das
noch in wilder Freiheit blühende Tallent aufmerk
sam. Eines Tages erhielt Jean zu seiner Verwun
derung «inen Brief, der ihn auf das Direktionsbüro
der zweitgrößten französischen Opernbühne einlud.
„Wollen Sie uns einmal Ihre Stimme hören las
sen", fragte man ihn da. Jean ließ sich nicht lange
bitten und sang seine Lieblingsarie, mit der er so
manchen Erfolg geerntet. Ein Phonograph war
ihm Lehrmeister gewesen. Kaum war der letzte Ton
verhallt, hub das Verhör an: „Wieviel brauchen
Sie monatlich zum Leben?" „2000 Franken," ant
wortete Jean. „Sehr gut! Sie werden noch heute
Ihre Stellung im Kaffeehaus kündigen und sich
morgen in unserer Opernschule melden. Sie er
halten dafür 2000 Franken."
Jean verschwand aus dem Kaffeehaus, und
seine Freunde hörten ihn nicht mehr. Das war im
Dezember 1929. Wie groß aber war ihr Erstau
nen, als sie auf dem Programmzettel der Opera
Comique des 22. Juni 1930 neben der Rolle des
Mario in der Tosca den Namen Jean Anzani lasen!
Nicht ohne einige Beklemmung setzten sie sich in die
Fauteuils. Auch die Direktion war nicht ohne Lam
penfieber. Nur Anzani blieb merkwürdig ruhig.
Aber der Versuch gelang, gelang sogar ausgezeichnet.
Schon im ersten Aufzug erntete dieser neue Mario
mit seiner klaren, warmen Naturstimme einen
Hervorruf um den andern. Im zweiten steigerte
sich der Beifall noch und im dritten Aufzug konnte
der Kapellmeister den „Bis"-Rufen nicht mehr
länger widerstehen. Anzani wiederholte und wurde
mit Blumen überschüttet. Und nun hofft man,
daß er nach solcher siebenmonatigen Schnellbleiche
hingehen und sich über seine großen Naturgaben
hiuausarbeîten werde zu einer vollkommenen Mei
sterschaft.
Die Polizei hilft den Dieben.
Vor einigen Wochen erregte ein seltsamer
Fall in St. Louis großes Aufsehen. Dort war eine
Diebesbande in die Villa eines auf Reisen befind
lichen Generaldirektors eingebrochen. Nachbarn
merkten, was los war, trauten sich aber nicht her
an und benachrichtigten dis Polizei. Diese ließ,
um den Generaldirektor vielleicht verständigen zu
können, sofort durch Rundfunk verbreiten, in sei
ner Villa wären Einbrecher am Werk. Er möge
unverzüglich zurückkehren. Run hatten aber auch
die Einbrecher den Rundfunk in der Villa ange
dreht, erfuhren auf diese Weise, daß sie entdeckt
seien, und flohen, ehe die Polizei an Ort und
Stelle erschien.
Ein fast ähnlicher Fall hat sich jetzt in New
York zugetragen,' dort befand sich ein Einbrecher
in einer Wohnung, hatte aber das Pech, sich selber
einzuschließen, da in dem Wohnzimmer des Haus-
hkf^n während dessen Abwesenheit von innen die
Türklinken abgenommen waren. Was tun? Der
Einbrecher ging ans Telefon, rief das Ueberfall-
kommando an, stellte sich den Polizisten als Haus
herr vor, wurde kurz verhört und dann in Ruhe
gelassen. Nachdem die Polizei, die ihm liebens
würdigerweise die Tür geöffnet hatte, wieder ver
schwunden war, konnte auch er gehen und alle
Wertgegenstände mitnehmen. " ' " ~ : 1
Die deutsche Literatur im Ausland.
Welcher Beliebtheit sich die deutsche Lite
ratur im Auslanöe erfreut, geht aus öen Fest
stellungen des Buchhändler-Börsenblattes her
vor, nach denen die Zahl der Werke, die aus
dem Deutschen in fremde Sprachen übersetzt
werden, neuerdings beträchtlich ansteigt. Wäh
rend noch 1927 1648 deutsche Bücher in fremde
Sprachen übersetzt wurden, betrug diese Zahl
im darauffolgenden Jahre schon 1996. Dabei
gilt das Hauptinteresse des Auslandes der
belletristischen Literatur. Diese umfaßt allein
729 Ueüersetzungen. Die russischen Ueberset-
zungen dominieren dabei mit 89. Tschechische
Uebersetzungen wurden 84 gezählt, slowakische
59, englische 43 und amerikanische 49. Den 1996
Uebersetzungen aus dem Deutschen stehen 1347
Uebersetzungen ins Deutsche gegenüber, wobei
die englischen Uebersetzungen an erster Stelle
stehen. Ueberraschenö ist das Verhältnis zivi-
schen den Uebersetzungen in deutscher und fran
zösischer Sprache. Während 68 deutsche Werke
ins Französische übertragen wurden, wurden
288 französische Bücher ins Deutsche übertra
gen.
Zum Lächeln und Lachen
Die fliegende Boje.
Kapitän Stolzenberg gehört zu den jungen
Kapitänen. Dafür ist sein Schiff um so älter.
Auch nicht sehr groß. Damit also will er in
einem ihm wenig bekannten Hafen einlaufen. Zu
diesem Zwecke muß eine Boje angesteuert wer
den. Der Kapitän Stolzenberg entdeckt diese Boje
natürlich zuerst und befiehlt, auf diese Boje zu
zuhalten. Der wachhabende Offizier sieht durch
sein Glas und sagt: „Verzeihung, Herr Kapitän:
das ist keine Boje, sondern eine Möwe."
Der Kapitän wird zum Eiszacken: „Herr!
Ich fahre seit zwanzig Jahren zur See. Und ich
sage Ihnen, es i st eine Boje."
Der wachhabende Offizier ist gut erzogen. Er
sieht noch einmal durch sein Glas, lächelt und sagt:
„Jawohl, Herr Kapitän: es i st eine Boje — und
jetzt fliegt sie fort."
*
«Hier, guter Mann, sind zwei Pfennige!"
„Sie sind wohl die Gattin vom Reichsspar..
kommissar?"
Büchertisch.
Hans von Hülsen: „Der Schatz iin Acker." Eigen-
brödler-Verlag Berlin. In Leinen geb. Unverkenn
bare Aehnl'ichkeiten bestehen zwischen dieser Schilde
rung des Auf- und Abstiegs eines märkischen Handels
hauses und jenem „Abstieg eines Lübecker Handels
hauses", dem Thomas Mann in der deutschen Litera
tur einen eindeutigen Platz gab. Nur was hier aus
müder Resignation zu Grunde geht, bricht dort zu
sammen, weil vitaler Drang nach vorn die Grenzen
eigener Kraft unterschätzt. Die geschliffene Form al
lerdings, die der Vertreter eines alten Geschlechts sei
ner Schilderung gabt, wurde nicht erreicht. Manches
ist bei Hans von Hülsen von einer überraschend
guten stilistischen Gestaltung.
Der Sohn des Roten Korsaren. Abenteuerroman
von Emilio Salgari. Ganzleinen geb. 3,90 Jl Phönix-
Verlag Carl Siwinna. Berlin SW. 11. Der Autor,
ein ehemaliger Kapitän, der große Weltreisen ge
macht hat, ist ein vorzüglicher Schilderer von Meeres
stürmen, Kampfszenen zu Wasser u. zu Lande und
fremdartigen Landschaften. Mit glänzender Phanta
sie und trefflicher Kombinationsgabe ausgestattet, läßt
er seine Helden von Abenteuer zu Abenteuer gelangen.
Die Atlantikmädels.
Boman pon G. Meerstedt.
24) (Nachdruck verboten.)
„Sagen Sie das nicht, Fräulein Hannelore.
Mein Hal lugt auch schon nach dem aus, was der
Deutschs Gemütlichkeit und ein Heim nennt.
Schade eigentlich, daß der Junge nicht mit hier ist.
Was meinst du, Vesthorn —?"
Herr Vesthorn amüsiert sich königlich. So
etwas stanid nun an der Spitze einer der größten
Werften Amerikas und ließ sich einwickeln, nur,
weil er nach langen Jahren wieder einmal an
einem deutschen Familientisch sitzen durfte. „Ich
weiß ja nicht, wie Hal darüber denkt —"
„Na.^ich denke, das hättest du doch merken
können, Vesthorn — Sie aber möchten meinen
Jungen doch sicher einmal kennenlernen, nicht
wahr, Fräulein Hannelore?"
„Er schmust, Hannelore! Denk an deine heim
liche Verlobung!"
„Das tue ich schon immerzu, Onkel Vesthorn!"
„Wer't glöwt, min leewer Vesthorn! Bange
maken gilt nich! Ick bün'n Hamborger Jung!"
Die beiden alten Herren waren ins Plattdeutsche
gekommen, wie das leicht geschieht, wenn sich der
Hamburger in vorgerückter Stunde behaglich
fühlt. Man schiebt damit seine Stühle gleichsam
näher zueinander.
„Sie müssen aber meinen Hal doch kennen
lernen, Fräulein Hannelore," beharrt Herr Smith.
„Mir kommt plötzlich -vor, als hätte er noch gar
nicht so recht etwas von dem Hamburger Besuch
seiner Eltern gehabt. Ließe sich denn nicht so ein
gemütliches Beisammensein arrangieren, alter
Sohn? Sei dock) nicht so dicksällig!"
.Frag meine Schwestern! Vielleicht können
wir hier morgen Reste essen. Tilde, Otti, was
meint ihr? Würde es euch zu viel oder nicht?"
„Wir freuen uns immer, / wenn Besuch
kommt!"
Auf dem Nachhausewegs meinte Heinrich
Schmidt zu seinem Freund Vesthorn: „Sag mal,
alter Junge, ist das Mädel wirklich verlobt? Die
wäre so etwas für meinen Hal —“
„Verlobt —? Das ist noch nicht so recht her
aus. Möglicherweise wird's noch gar nichts. Die
Hannelore ist nämlich ein ausnehmend netter
Aerl, aber — sie hat nichts. Und mit nichts in
der Tasche hält es heutzutage immer schwer, un
terzuschlüpfen —
„Als ob nun ein Mädel durchaus immer et
was Klingendes haben müßte! Zählt denn das
Mädel selbst schließlich gar nichts?"
„Du sprichst, als du 'ne Mutter mit 'ner
Tochter wärst, Smith. Und wo kämt denn dann
die zweite Werft her?"
„Ra, ich denke, an einer kann der Junge auch
genug haben —!"
»Dir schien aber, wenn ich nicht irre, deine
eine Werft nicht genug zu sein. Uebrigens, ich
bin der Onkel der Hannelore. Wenn du willst,
kannst du bei mir um das Mädel anhalten. Aber
dann hinterher kein Auskneifen — du und dein
Jungs, ihr habt schon mal den Drückeberger bei
meiner Ellen gespielt — zwei Pleiten in einer
Woche wäre ein bißchen reichlich —".
„Vesthorn, ich halte an, wie die Hannelore
geht und steht, für den Hal und für meine deut
sche Stube in der Fifth Avenue. Und wenn der
Junge kein Idiot ist, dann sagen wir zweistimmig
ja. Was meinst du, Vesthorn, ob wir den Kahn
flott kriegen —?“
»Ra, wenn ihr einen tüchtigen Lotsen an
Bord habt —! Und der scheine ich ja zu sein —"
»Ja, aber Vesthorn, das Mädel ist ja auch
noch da, das gefragt werden muß —“
»Ach, weißt du, Smith, das gibt sich. Schon
allein bei solch einem netten Schwiegervater —!"
Herr Vesthorn lächelte gutmütig ironisch, mit
einem kleinen Schuß von Seligkeit, den Heinrich
Smith auch weghatte. „Aber was meinst du,
Schmidt, wie sich Mrs. Smith, Fürstin Aida, dazu
stellen wird —?
»Die ist sehr verschnupft über deine über-
amerikanisierte''Ellen, und war es offenbar schon,
bevor deine Damen jetzt im April ihre Badereise
antraten. Außerdem soll sich ja Hal verloben
und nicht meine Frau —“
»Ja, wenn du so denkst, dann kommt auch
alles in dis Reihe. Du stehst zwar heute abend
ein bißchen unter Spiritus, Heini Schmidt, aber
ich denke, so viel kann 'n Hamborger Jung wohl
vertragen, um Irrtümern vorzubeugen. Viel
leicht, wenn alles gut geht, haben wir dann mor
gen abend schon alles klar an Deck —. Aber deine
Aida laß dazwischen heraus, bis wir erst in See
gestochen sind. Du bist in Deutschland, Heini
Schmidt, und einen Käpt'n kann der Kahn nur
haben —“
Heini Schmidt winkte beruhigend, als glätte
er schon jetzt die Wogen, während ihn der Page
durch die Drehtür ins Hotel beförderte.
Herr Vesthorn aber lachte, daß ein Sicher
heitspolizist ernstlich überlegte, ob das nicht zu
einer Anzeige wegen ruhestörenden Lärms reichte.
Und am nächsten Morgen lachten noch zwei
andere. Hannelore, Abteilung Herrenartikel, hin
ter ihrem Ladentisch, als ihr Herr Vesthorn per
sönlich eine zweite Einladung für die erweiterte
Tafelrunde brachte, und Hal während eines Tele
phongesprächs mit Herrn Vesthorn. „Ra, wie
stehe ich da, Hal?! -Und nun laß Heini Schmidt
die Freude, daß er selbst die Frau für dich aus
gesucht hak. Grabe nicht an seiner Autorität her
um. Keinem Mann ist es angenehm, wenn er
ein dummes Gesicht machen muß, und er sieht noch
obendrein, daß so und so viele auf diesen Moment
gewartet haben —“
Am nächsten Abend duftete es noch stärker
nach Veilchen in dem kleinen Garten an der Ep-
pendorfer Landstraße. Das machte, es war ein
lauer, sonniger Tag gewesen. Von oben warf
der Mond einen breiten Lichtkegel herunter. Und
aus der Umrahmung von Efeu lugten vier hell-
erleuchtete Fenster. Unten in der Küche hörte
man die rundliche Therese mit dem Geschirr klap
pern. Von irgendwoher schickte ein Spatz ein ver
schlafenes Piep. Er hatte sich offenbar in der
Zeit geirrt.
Heinrich Schmidt blieb stehen.
^ „Armer, ausgehungerter Kerl." sagte Herr
Vesthorn leise zu Hal, „die Heimat hat ihn ge
packt, das muß sich erst austoben, ehe er wieder
Werftbesitzer Henry Smith sein kann. Und Sie,
Hal, haben Glück gehabt — in Amerika hätten Sie
lange warten können. — Nun aber vorwärts, die
Damen warten.
Herr Vesthorn hatte wirklich recht, in Amerika
wäre so etwas nicht möglich gewesen. Auch in
Deutschland unter anderen Umständen schwerlich.
Arm und reich unter einen Hut zu bringen, ist nie
mals ganz einfach gewesen.
„Das ist nun mein Junge, Fräulein Han
nelore," sagte Heinrich Schmidt. „Ein bißchen
groß geraten, aber sonst nicht schlechter als der
Vater —“
„Oh," sagte Hannelore, „so ähnlich habe ich
ihn mir vorgestellt —“
„Also nicht enttäuscht? Dann kannst dn dich
freuen, Hal. Und heute sollst du die Butter-
seite haben, Hal, ich trete dir meinen Platz neben
Fräulein Hannelore ab. Oder, Vesthorn, solltest
du zugunsten von uns notleidendsten Amerikanern
verzichten wollen? Das würde ich sehr anstän
dig finden!"
„Der Lotse kann also von Bord gehen, Heini
Schmidt? Na, dann man los, dann laßt uns mal
unser Ludwig-Richter-Bild aufbauen: Der Vater,
die Tanten, der Onkel, die Hängelampe, die Aale,
das Brautpaar, — das leider fehlt —"
Heini Schmidt dachte ein bißchen verärgert,
der gute Vesthorn ist wirklich kindisch, kann einem
den ganzen Kram mit seiner verfrühten Anspie
lung verderben. Der paßt zum Brautwerber wie
der Esel zum Lautespielen.
Aber Hal lachte sein gutes, sonores Lachen.
Und Hannelore hatte rote Backen und war nicht
ganz so gesprächig wie am Tage vorher. Man
war aber auch erst beim Tee.
Als dann jedoch erst die Bowle kam — „Kin
der, ist es hier wundervoll altmodisch," sagte Heim
Schmidt und nahm mit Befriedigung wahr, daß
Hai und Hannelore offenbar nur noch wenig mit
der übrigen Tafelrunde rechneten.
„Und so etwas baut nun Schiffe neuester
Konstruktion und will bahnbrechend sein im ge
samten Schiffsbau hüben und drüben!"
„Aber jetzt habe ich meine Filzpantoffeln an.
Was meinst du, Hal, Fräulein Hannelore weiß,
was Filzpantoffeln sind, und verachtet sie nicht!"
Um den Tisch herum ging ein leises, gütiges
Lächeln. Es sprang bei den alten Damen auf
und pflanzte sich fort bis zu Hannelore. Es sagte
etwa ^so: Ueber jeden Menschen kommt einmal
eine Situation, ob in Freuds oder Schmerz, wo
er für Augenblicke wieder zum Kinde wird. Dann
sollen die anderen denken, daß sie in einer Kirche
seien —.
_ „Ich denke, ihr beiden könntet mal ein bißchen
abseits gehen," sagte Herr Vesthorn, „sonst liest
euch Heini Schmidt noch von der Nase ab, daß
wir ihn hier zum Narren gehalten haben."
Als aber die Pfirsiche der Bowle schon auf
Grund geraten waren und die beiden alten Her
ren den Weinkeller zum Nachfüllen absuchten,
meinte Heini Schmidt zu Herrn Vesthorn: „Ich
glaube, alter Junge, daß ich das Ganze fein ge
dreht habe. Jetzt muß ich nur die Augen offen
halten, daß mir der Bengel nichts verbuttert,
Was meinst du, ob ich dem Mädelchen mal auf
Zahn fühle —?“
(Fortsetzung folgt.J
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