Nr. 188
Zur Unterhaltung
53eîIoge der Schleswlg-HolsLelnischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Müktivoch, den 13. August
ķDMeK dsn ĶêsMLrhrserr
rZach ĶgiLS.
Eins Reisserinnerung von Anna F i n k-Dresden.
Es geht auf den Herbst. Die größte Hitze hat
etwas nachgelassen. Wir beschließen, nach Kairo
zu übersiedeln, denn wir wollen doch auch die Win
tersaison in Kairo kennen lernen. Wir haben
jetzt. Anfang September, der stärkste Sommer-
betrieb hat in Alexandrien schon wieder nachgelas
sen. Und wenn wir nach Kairo kommen, werden
wir gerade den Anfang der Wintersaison mit er
leben.
Es geht also ans Packen. Beinahe wird es
uns schwer, Abschied von Alexandrien zu nehmen:
wir haben hier schöne Zeiten verlebt! Mit un
serem Hausgenossen, einem jungen Schweizer, oer
gleich uns bei unserer alten Wirtin ein Zimmer
inne hat, haben wir uns auch sehr angefreundet.
Er ist bei einer großen Firma in Alexandrien an
gestellt und hat uns allerlei Interessantes aus dem
dortigen Geschäftsleben erzählt.
Auf der Landkarte sieht die Entfernung von
Kairo nach Alexandrien so unbedeutend aus, als
seien die beiden Orte höchstens eine Stunde Bahn
fahrt von einander entfernt. Und doch muß man
mit dem Expreß etwa vier bis fünf Stunden
fahren.
Mittags geht unser Zug. Wir sind sehr pünkt
lich gekommen, um noch einen guten Platz im
Zuge zu erwischen. Ein wahrer Segen übrigens,
daß wir so zeitig kamen, denn wir bekommen ge
rade noch einen Fensterplatz.
Die Wagen, — die Bahn ist ja von den Eng
ländern angelegt worden — sind breiter gebaut,
wie unsere in Deutschland. Und dann sind sie
auch nicht in einzelne Abteile getrennt, sondern
Quersitze zu beiden Seiten gehen durch den gan
zen Wagen durch. Dazwischen führt ein breiter
Gang in der Mitte. In allen Wagenklassen ist
das so.
Während wir uns an unserem Fenster gemüt
lich einrichten, füllt sich der Waggon mit Reisen
den: Ausländern, aber vor allem mit Aegyptern.
Sie scheinen dies moderne Verkehrsmittel, die
Eisenbahn, gern zu benützen. Alle Sitze sind schon
besetzt. Aber dauernd kommen neue Passagiere
noch dazu. Was tuts? Teppiche und Decken wer
den auf der Erde ausgebreitet, und man läßt sich
darauf nieder. Der Aegypter sitzt ja sowieso am
liebsten mit unterschlagenen Beinen auf der Erde.
An die europäischen Stühle hat er sich immer noch
nicht recht gewöhnen können. Wir haben es so oft
beobachtet, wie Araber, wenn sie einige Zeit auf
einem Stuhle gesessen haben, es nicht lassen konn
ten, auch die Deine hinaufzuziehen, so daß sie dann
wie die Affen auf dem Stuhls hockten! Die Macht
der Gewohnheit ist eben doch sehr stark.
Alles ist jetzt rappelvoll. Zur Türe kann
schon längst niemand mehr hinaus oder hinein. Da
kommt, dicht vor Abgang des Zuges, noch ein ara
bischer Familienvater mit seiner ganzen Familie
angerückt. Alle wollen sie noch mit! Da nimmt
er kurz entschlossen seine Frau um den Leib und
hebt sie zum breiten Coupeefenster hinein (um für
genügende Ventilation zu sorgen, sind alle Fenster
herabgelassen). Die übrigen Frauen folgen auf
demseben Wege nach. Dann kommen die unzähli
gen Kinder hinterher und zum Schlüsse ein paar
Körbe und mehrere Teppichbündel. Endlich
schwingt sich der brave Familienvater selbst durch
das Fenster. Man rückt zusammen und da fin
det sich für die Ankömmlinge auch noch ein Plätz
chen auf dem Fußboden. Run ists aber wirklich
der reine Rudeltopf geworden. Ein Bahnbeamter
hat während des ganzen Vorganges in der Wagen-
türe gestanden und sich über das Schauspiel ge
freut. Man stelle sich so etwas bei uns in Deutsch
land vor!
Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Die
Männer befinden sich bald in philosophischen Ge
sprächen, die Frauen schwatzen miteinander, und
die Kinder wälzen sich schreiend und lachend auf
der Erde. In dem einen Korbe grunzt es: ein
paar Schweinchen scheinen darin zu sein. Und
richtig, bei einer Kurve, die der Zug macht, fällt
der Korb um, und quieckend kollern ein paar nied-
liech Ferkelchen heraus. Das gibt einen Spaß!
Unter Gelächter fängt man sie wieder ein. Plötz
lich zupft mich etwas am Strumpfe: erschrocken
fahre ich in die Höhe. Einer Gans war es zu
langweilig geworden, sie hatte einen kleinen Spa
ziergang angetreten, ohne daß jemand etwas da
von gemerkt hatte, und mochte wohl gehofft haben,
irgend etwas Eßbares zu finden. Wieder ist das
Vergnügen groß! Die Araber sind tatsächlich
große Kinder: sie sind glücklich, wenn es einen An
laß zum Lachen gibt. Ihr ganzes, prachtvolles
Gebiß kann man dabei bewundern. Die Gans
wird ebenfalls wieder eingefangen: es fällt we
sentlich schwerer, denn sie ist viel schlauer als die
Ferkelchen, und entwischt dauernd sehr geschickt
unter die Bänke. Zum Schlüße wird sie wieder
in ihren Behälter gesteckt.
Der Zug saust mit beträchtlicher Geschwindig
keit durch die Gegend. Wir können von unserem
Fenster aus wundervoll dis vorübereilende Land
schaft betrachten. Sehr fruchtbar sieht das Land
aus, durch das wir fahren. Riesige Felder dehnen
sich von unseren Augen aus: man baut hier Baum
wolle an, viel Reis und Mais. Zweimal im
Jahrs findet die Reisernte statt. Dis große
Fruchtbarkeit verdankt Aegypten dem Nil, der
im zweiten Frühjahr über seine Ufer tritt und
dann kilometerweit das Land bedeckt. Noch ehe
sich das Wasser wieder verlaufen hat, fahren die
Eingeborenen, dis Fellachen, mit flachen Booten
darüber und säen den Reis in den Schlamm. Uns
ist erzählt worden, daß Weizen und alles übrige
Getreide hier nur sehr kümmerlich gedeiht, weil
die Hitze zu groß ist. Der Weizen z. B. wird nicht
höher als zwanzig Zentimeter, und seine Körner
sind oft taub.
Da fahren wir an einem Fellachendorf vor
bei! Es besteht aus runden, ganz primitiven
Lehmhütten, in denen die Fellachen, die ja in
erster Linie das Land bebauen, leben.
Einmal sehen wir eine Araberin auf einem
Esel reiten: ein Mann geht nebenher und treibt
das Tier an. Der weite Mantel der Frau fällt
malerisch herab, an der Brust hält sie ein kleines
Kind.
„Maria auf der Flucht nach Aegyten!" müßen
wir unwillkürlich denken. Genau, wie es die
alten Meister darstellten!
Der Zug hält nur an ein paar kleineren Ort
schaften. Es ist Spätnachmittag, als wir in
Kairo ankommen.
„Masro-el.Cahira" heißt Kairo in arabischer
Sprache. Das bedeutet so viel wie „die siegreiche".
Doch ein herrlicher Name für eine Stadt! Sie
macht auch einen guten Eindruck auf den, der sie
noch nicht kennengelernt hat. Ein riesiger Kom
plex umfängt uns, als wir angekommen und aus
dem Bahnhof herausgetreten sind. Wir lassen
unser Gepäck erst einmal auf dem Bahnhof und
gehen in die Stadt hinein. —
BML§ Wä
Eine abgebrochene Audienz.
In der soeben erschienenen Biographie des
englischen Bischofs CH. wird eine Audienz geschil
dert, die der Ministerpräsident Baldwin dem Bri
tischen Komitee des Weltbundes zur Herstellung
internationaler Freundschaft zwischen den Kirchen
einst gewährt hatte. So lang der Titel dieser
Vereinigung, so lang war auch dis Rede, mit der
der Bischof die Deputation einführte. Während
er sprach, benahm sich Mr. Baldwin, wie nicht
anders zu erwarten, sehr „gentlemanlike". Er
gähnte niemals, ohne sich die Hand vor den Mund
zu halten. Als ein zweites Mitglied sich anschickte,
eine weitere Rede vom Stapel zu lassen, ergriff
Mr. Baldwin selbst das Wort. Er sagte nicht,
daß er interessiert, ergriffen oder irgendwie von
dem bewegt wäre, was er soeben gehört. Er sagte
nur, daß es sehr freundlich von der Vereinigung
gewesen wäre, zü ihm zu kommen. Wenn sie Eile
hätten, den benachbarten königlichen Palast zu
sehen, würden sis ihn schneller durch die Tür zur
Linken erreichen, als durch die rechte, zu der sie
hereingekommen waren. Auf welchen freund
lichen Fingerzeig dis Deputation schleunigst ver
schwand.
Belohnte Ehrlichkeit.
Es kommt nur zu häufig vor, daß ehrliche
Finder nicht den Dank finden, den sie verdient
haben. Ein Fall, der sich jetzt in Amsterdam er
eignet hat, beweist jedoch das gerade Gegenteil.
Eine reiche Amsterdamer Dame hatte ein wert
volles Perlenkollier verloren, daß von einem
armen Vorstadthändler gefunden wurde. Der ehr
liche Finder meldete sich sofort. Die Dam-, die
wohl nicht mehr damit rechnete, ihren Schmuck
wiederzusehen, war darüber so erfreut, daß sie dem
Händler außer dem Finderlohn von 278 Gulden
anheimstellte, noch einen Wunsch zu äußern. Der
Glückliche ließ sich das nicht zweimal sagen und
wünschte sich ein Pferd und einen Wagen für sei
nen Gemüsehandel. Die Besitzerin des Perlen
kolliers erfüllte auch freudig seinen Wunsch.
Einweihung des ersten dänischen
Herrenhofmuseums.
Am letzten Sonntag würbe bas erste däni
sche Herrenhofmuseum eingeweiht. Es handelt
sich um den alten Burgherrensitz Gammel-
Estrup aus dem Mittelalter, dessen schöne alte
Architektur bereits häufig auf dänischen Tou
ristenplakaten im Auslande benutzt worden
ist. Das Gut liegt im nördlichen Jütland in
der Umgebung von Ranöers und ist mit allen
Wirtschaftsgebäuden und seiner alten Schloß
kapelle in seinen ursprünglichen Zustand ver
setzt worden. Die Einrichtung stammt aus dem
dänischen Nationalmuseum in Frieörichsborg,
dem hinfort auch das neue Museum unterstellt
sein wird. Dänemark ist durch dieses Museum
um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden.
Mm Lächeln und Lachen.
Kindliche Logik.
„Mutti, spiel roch ein bißchen mit mir."
„Ich kann nicht."
„Warum kannst du nicht?"
„Ich habe keine Zeit."
„Warum hast du keine Zeit?"
„Weil ich arbeiten muß."
„Warum mußt du arbeiten?"
„Ilm Geld zu verdienen."
„Weshalb mußt du Geld verdienen?"
„Damit du etwas zu essen hast!"
„Aber ich habe doch gar keinen Hunger,
Mutti!"
Sehnsucht.
Motorradfahrer (der gegen einen Baum ge
saust und arg geschunden ist): Nach Ostindien
müßte man fahren, wo es die Gummibäume gibt!
Auf der Jagd nach einem Gatten.
„Also in Ostende waren Sie mit Ihrer
Tochter? Hat Ihre Tochter eine Bekanntschaft
gemacht?"
„Nein, wir haben nichts ergattert."
Boshaft.
„Ich sollte mich mit Herrn Lehmann verlo
ben, glauben Sie, daß er mich glücklich macht?"
— „Ganz gewiß, er ist doch Weinhändler: der
weiß ältere Jahrgänge sehr wohl zu schätzen!"
Ich fische öie àrhett.
Bon Har v e y I. Howard.
Der amerikanische Arzt I. Howard hatte das
Pech, einer chinesischen Räuberbande in die Hände zu
fallen, und wurde 10 Wochen lang auf allen Raub-
zügen mitgeschleppt. 10 000 § sollte er für seine
Freiheit zahlen — andernfalls wolle man ihn er
schießen. In seinem bei F. A. Brockhaus, Leipzig,
erschienenen Buch „Zehn Wochen bei chinesischen
Banditen" erzählt er die Geschichte seines wech
selvollen Schicksals und seiner gefahrvollen, nicht
selten gräßlichen Abenteuer als Räuberdoktor bis
zu seiner Befreiung durch eine kleine Armee von
4000 Mann unter dem Kommando eines ganzen
Generalstabs. Howards Buch gewährt tiefe Einblicke
in das chinesische Bandenwesen, in die erschütternde
Tragödie des ausgesaugten chinesischen Bauerntums
und des zerrisienen, aus tausend Wunden blutenden
Landes überhaupt. Wir drucken mit Genehmigung
des Verlags nachstehend aus dem als 50. Band der
Sammlung „Reisen und Abenteuer" erschienenen
Buch eine Stelle ab.
Es wurde dunkel, und ein kalter Regen be
gann zu fallen. Wir waren wirklich froh, so
dauerhafte Hütten gebaut zu haben. Ich hatte
im Laufe des Tages trocknes Gras gesammelt und
damit den Boden unter unserm Moskitozelt be
deckt: außerdem hatte ich den Eiersack mit Blät
tern gefüllt, um ihn als Kopkiffen zu benutzen.
Bor den Hütten brannten mehrere große Feuer,
und Liu, der Koch, und feine Gehilfen brachten
dis Hirse, die sie zum Abendbrot gekocht hatten.
Endlich glaubten wir, wieder einmal mit ein paar
Stunden richtiger Nachtruhe rechnen zu können.
Wir lachten und scherzien, daß der Wald wider
hallte, und reichten vergniigt unsere Schüsseln den
Tuftŗageàn.
Gerade in diesem Augenblick stürzte „Eroß-
nafe", der Fischbavttaiar, herein und schrie:
„Flieht!"
Moskitozelto wurden von den Stangen ge-
risien, Decken und Mäntel vom Boden aufgerafft.
Die chinesischen Gefangenen packien wahllos, was
ihnen gerade zunächst lag, und liefen — dichtauf
gefolgt von ihren Wächtern — davon. Ich konnte
gerade noch meinen Schafpelz ergreifen, ehe ich
kopfüber einen Abhang hinabgestoßen wurde.
Mehrere Säcke mit Hirse und die halbe Habe der
B'»nde wurden im Stich gelaffen.
Während »Drognaje" einen Teil seiner Hab-
seligkeiten in eine Decke warf, hatte er uns schnell
berichtet, daß nur in ein paar hundert Meter Ent
fernung sich Soldaten rechts und links von uns
und hinter uns befänden: wie es vor uns stand,
wußte man nicht. Wir waren noch keine 200
Meter gelaufen, als die vordersten Räuber mit
der Schreckensmeldung zurückgerast kamen, daß sie
auch vorn auf Soldaten gestoßen waren. Wir
waren also umzingelt. Es gab nur eine Möglich
keit, wie Shuang Chan erklärte: umdrehen und im
Bsrgfluß stromauf watend einfach durch die an
rückenden Soldaten hindurchzudringen. Es gab
verschiedene Umstände, die das verzweifelte Wag
nis gelingen lassen konnten: erstens war es stock
dunkel: zweitens würden das Rauschen des starken
Regens und das Brausen der Gebirgsbäche, die
von den Hängen herabstürzten, die Geräusche über
tönen, die unsere Flucht verursachte.
Ohne ein Wort zu verlieren, watete die ganze
Gesellschaft in den brausenden Fluß: das Wasser
ging uns dabei beinahe bis an die Hüften. Mit
größter Schwierigkeit kämpften wir uns stolpernd
gegen die Wassermassen bergauf. Das Flußbett
war mit großen, glatten Steinen gefüllt, die wir
nicht sehen, sondern nur fühlen konnten, wodurch
einer nach dem andern wiederholt hinstürzte. Rach
zweistündigem Marsch machten wir vor Erschöpfung
halt und warfen uns am Ufer nieder. Wir raste
ten nur ein paar Minuten und setzten dann die
fürchterliche Wanderung zwei weitere Stunden
lang fort. Kurz nach Mitternacht beschlossen die
Führer, nicht mehr weiter zu gehen; völlig er
schöpft sank alles am nassen Ufer nieder. Mehr
als ein Hung-Hutze schwur heulend, daß er für
immer dem Räuberleben entsagen wolle, wenn er
heil aus diesem Unternehmen herauskäme. Ich
schloß mich dem an.
Es schien, als ob der Tag überhaupt nie an
brechen wolle. Schließlich kam er aber doch und
mit ihm die Sonne. Das Feueranmachen dauerte
lange, denn unsere Streichhölzer waren naß, und
es war keine weiße Birkenrinde — „Feuerrinde",
wie sie dis Räuber nennen — in der Nähe. Nach
dem wir jeder eine Schüssel Hirse gegessen hatten,
führte uns „Eroßnase" südwärts einen Berghang
hinauf.
Im Laufe des Vormittags trafen wir einen
Holzfäller, den die Räuber zwangen, umzukehren
und als Führer zu dienen. Er sagte, daß die Sol
daten nur 30 Kilometer entfernt seien und auf
un« zu marschierten. Die Räuber befahlen ihm,
wenn ihm sein Leben lieb sei, uns aus der Gefahr
zu bringen. Er führte uns auf gewundenem Pfad
einen Berg hinauf zu einer festen Hütte, wo wir
seinen Vater und seinen Bruder vorfanden. Sie
waren alle drei Opiumbauern. Dis Führer der
Räuber hatten eins Besprechung mit iljr. und
die Bauern sicherten ihnen alle Unterstützung zu.
Sie zeigten uns weiter oben im Gebirge eine
schwer zu findende Schlucht, wo gutes Wasser in
Menge vorhanden war. Der eine blieb bei uns,
die beiden andern kehrten zur Hütte zurück und
versprachen, daß sie etwa vorüberkommende Sol
daten auf eine falsche Fährte bringen würden.
Wir bauten in der Schlucht Hütten und rich
teten uns möglichst bequem ein. Wenn wir über
haupt Hoffnungen gehegt hatten, lange hierzu
bleiben, so wurden sie gar bald zerstört, denn am
Morgen des zweiten Tages wurde ich durch das
Gebrüll Shuang Chans geweckt. Er rief Liu, den
Koch. Wie gewöhnlich war dieser hart arbeitende
Gefangene zu dem etwa 100 Meter entfernten
Bach gegangen, um eine Schüssel Hirse zu waschen.
Jetzt war eine halbe Stunde vergangen, und er
war noch nicht zurück. Die wachthabenden Räuber
gingen zum Bach, um Nachforschungen anzustellen.
Sie fanden dort die Schüssel am Boden, aber Liu
war verschwunden. Der Morgen war wie ge
schaffen zur Flucht, denn es herrschte dicker Nebel.
Als auf Shuang Chans Rufe keine Antwort
ertönte, machten sich eilends ein Dutzend Räuber
auf, den verschwundenen Koch zu suchen. Späher
hatten am Abend vorher die Anwesenheit von
Truppen in nur 25 Kilometer Entfernung gemel
det. Liu hatte die Erörterungen über diese Mel
dung mit angehört. Zweifellos hatte er dis Ab
sicht, auf dem kürzesten Wege die Soldaten aufzu
suchen und unsere Stellung zu verraten. Vielleicht
konnte er im Nebel die Truppen verfehlen — je
doch konnten die Räuber es sich in ihrer Lage nicht
leisten, auf solche Möglichkeiten zu bauen. Es blieb
also nichts übrig, als wieder zu wandern.
Der Führer brachte uns auf einem Weg, der
rings um den Berg herumführte, durch eine bei
nahe unpassierbare Wildnis von Unterholz und
gefallenen Bäumen zu einem engen Talkessel, der
etwa 5 Kilometer weiter oben im Gebirge lag.
Wir fanden dort eine Hütte, die einem andern
Mohnfarmer gehörte, der seine Ernte schon einge
bracht hatte und fortgezogen war. Die Räuber er
griffen Besitz von dem Platz, und wir lagerten.
Die chinesischen Gefangenen wurden unter strenger
Bewachung in die Hütte gesperrt. Von den 13 chi
nesischen Gefangenen, die das Fort verlassen hatten,
waren nur noch sechs übrig. Vier von ihnen, dar
unter die drei Knaben, waren freigelaffen worden,
zwei andere entlaufen, und einen hatte man er
mordet. Die Räuber waren fest entschlossen, kei
nen mehr entwischen zu lassen, und schwuren, frü
her oder später Liu in seine Heimat zu folgen und
ihn zu töten. Er war sechs Monate bei ihnen ge
wesen und hatte ihnen treu gedient. Unter großen
Opfern hatte seine Familie bereits 4500 Dollar
als Lösegeld an die Mittelspersonen bezahlt, die
wegen seiner Freilassung unterhandelten. Die
Räuber hatten jedoch mitteilen lassen, daß sie ihn
nur gegen weitere 500 Dollar losgeben würden.
Da dieser Restbetrag nicht angeliefert wurde, schien
es Liu ratsam, sich aus dem Staube zu machen.
Dieser Entschluß war zweifellos durch den. Um
stand gefördert worden, daß die Räuber täglich
wildere Drohungen gegen die chinesischen Gefange
nen ausstießen. Die Ermordung Ehus bewies, daß
solche Drohungen ernst zu nehmen waren.
Jih Pen Tzu und ich schlugen unser leichtes
Zelt an einer ziemlich ungeschützten Stelle im
Freien auf. Wir suchten nach Gras, fanden aber
nur wenig. Wir wurden täglich bessere Freunde.
Für mich war das sehr gut, dem, obne seiu Zell
würde das Leben für mich nahezu unerträglich ge
wesen sein. Die Moskitos traten wie >dft Bienen
schwärme nicht nur bei Nacht, sondern auch bei
Tage auf. Er hätte allen Grund gehabt, mich aus
seinem Zelt zu weisen. Um gemeinsam drin schla
fen zu können, mußten wir dicht aneinanderge
drängt auf der Seite liegen, etwa wie zwei Löfftl
im Kasten. Drehte sich der eine, mußte sich der
andere mit drehen. Der Boden war so har! und
kalt und meine Kleidung so dünn und un zu rei
che nd, daß ich sehr unruhig schlief und mich ur»
zähliar Male des Nachts auf die andere SeKe
legte. Allmählich ging das gemeinsam» Drehen"
ganz von selbst vor sich, wobei Jih Ben Tzu. der
in der ersten Zeit jedesmal laut geflucht haft«,
nur noch stöhnte.