Full text: Newspaper volume (1930, Bd. 3)

Umschau irr öre WelL. 
Äbfirrezunglütk in öen VZrgen. 
3 junge Kölner in den Osttiroler Berge» 
umgekommen. 
TU. Jnnsbrnck, 12. Aug. In den Ost 
tiroler Bergen ereignete sich ein schweres 
Bergunglück, das drei jungen Leuten aus 
Köln am Rhein das Leben kostete. 20 Kölner 
Studenten und Gymnasiasten, die in Prägra 
ten zum Sommeraufenthalt weilen, unter 
nahmen einen Ausflug in die Bergmatten 
oberhalb Prägratens und teilten sich dabei in 
verschiedene Gruppen. Einige von ihnen stie 
gen aus die Felsköpfe am Hang der Kreuz 
spitze, um dort nach Edelweiß zn suchen, trotz 
dem der Führer der Gruppe dies verboten 
hatte. Drei junge Leute, der 16jährige Karl 
König aus Oberhausen bei Köln und die 
15jährigen Karl Heinz Holland und Heinz 
Fromm aus Köln, bestiegen, trotzdem sie 
überaus mangelhaft ausgerüstet waren, einen 
mit Neuschnee bedeckten Felskopf. Was sich 
aus dem Felskopf zugetragen hat, ist nicht be 
kannt. Man sah nur, wie auf einmal einer 
von den dreien über die Felsen hinunter 
stürzte und in eine Schlucht fiel. Kurz nach 
her stürzten die anderen beiden nach. Alle 
drei wurden in der Schlucht mit zerschmetter 
ten Schädeln tot aufgefunden. Die Leichen 
wurden zu Tal gebracht und werden nach 
Köln überführt werden. Wahrscheinlich sind 
die Verunglückten in dem Neuschnee auf dem 
Felsen ausgeglitten und konnten dann keinen 
Halt mehr finden. 
AufsiM im Posener GmchlZgesMglüs. 
Posen, 12. August. Im Posener Gerichts- 
gefängnis, das gegenwärtig besonders stark mit Ge 
fangenen belegt ist, brach gestern eine GefSngnis- 
revolte aus. Die Gefangenen behaupten, daß das 
Essen unzureichend sei und daß sie nicht gar ge 
kochte Kartoffeln erhalten hatten. Der Block 1, der 
etwa 600 Gefangene beherbergt, war der Ausgangs 
punkt der Revolte. Die Häftlinge schrien und zer 
schlugen die Fensterscheiben, rissen 'die Fensterrah 
men heraus und zerstörten die Zelleneinrichtungen. 
Die Schreie -der Gefangenen waren weit zu hören, 
und in Posen machte sich eine leb'hafte Unruhe be 
merkbar, lda Gerüchte umgingen, daß eine Anzahl 
Schwerverbrecher ausgebrochon feien. Die Polizei 
umstellte das Gefängnis und sperrte die Zu- 
gongsstraße ab, -da der Verdacht bestand, daß die 
Kommunisten durch die Kundgebung zum Angriff 
auf die Polizeibeamten und das Gefängnis veran 
laßt werden sollten. Die Gefangenen beruhigten sich 
auch nicht, als man bereits 100 Häftlinge in andere 
Räume geschafft 'hatte. In -den späten Abendstunden 
wurde die Feuerwehr alarmiert, die dann die Ge 
fangenen in den Zellen unter Wasser setzte. Erst 
spät gegen Mitternacht gelang es, den Aufstand zu 
unterdrücken. 
Eisenbahn Mittenwald—Innsbruck durch Erdrutsch 
verschüttet. 
TU. Innsbruck, 12. August. Am Dienstag 
nachmittag ging über einen Teil von Nordtirol eine 
Reihe schwerer Gewitter hinweg. Dabei wurde kurz 
nach 17 Uhr die Bahn Mittenwalde—Innsbruck bei 
See selb von einem großen Erdrutsch verschüttet. 
Aus einer Länge von 130 Metern Kegen die Schutt- 
massen etwa 3 Meter hoch. Die Gleise wurden 
durchgerissen. Der Führer des Schnellzuges Mün 
chen—Innsbruck bemerkte rechtzeitig den Erdrutsch, 
so daß ein Unglück vermieden wurde. 
Reichswehr-feldwebel auf der Jagd tödlich 
verunglückt. 
TU. Schwerin, 12. Aug. Im Schlage- 
öorfer Jagdrevier bei Schönberg ereignete sich 
ein schwerer Jagdunfall. Mehrere Jäger, 
darunter auch ein Feldwebel aus Ratzcbvrg, 
waren mit einem Förster zur Jagd gegangen. 
Der Reichswehrangehörige hatte das Gewehr 
eines Jägers mitgenommen, ohne zu wissen, 
daß die Waffe ungesichert war. Plötzlich ging 
ein Schuß los und der Feldwebel sank, tödlich 
durch den Kopf getroffen, zu Boden. 
3 Todesopfer einer Pilzvergiftung. 
TU. Leipzig, 12. August. In dem Leipzig be 
nachbarten Lützen sind zwei Familien, insgesamt 
10 Personen, an Pilzvergiftung erkrankt. 3 Kin 
der sind bereits gestorben. Die Familien hatten von 
selbstgefuchten Pilzen gegessen. 
30 Bleivergiftungen kn Leipzig. 
TU. Leipzig, 12. August. Durch das Lcitungs 
waffer der Stadt Leipzig sind, wie amtlich bekannt 
gegeben wird, in der letzten Zeit 3V Personen an 
Bleivergiftungen erkrankt, davon acht schwer. Das 
Wasser, das die Stadt Leipzig liefert, enthält seit 
einiger Zeit offenbar etwas zn viel Kohlensäure, 
durch die 'das Blei aus den Leitungsröhren in grö 
ßeren Mengen als der Gesundheit zuträglich, ab 
sorbiert wird. Das Gesundheitsamt hat Hinweise 
gegeben, wie eine Bleivergiftu-iHg zu vermeiden ist. 
Die Stadt wird Entsäuerungsa'Nlagc'N anlegen. 
Feuer auf Marconis Jacht. 
Civitavecchia, 11. August. Ein Feuer hat die 
rodi-o-tàphonifchen Anlagen auf Marconis Jacht 
„Electra" zum Teil zerstört. Bei den Löschverfuchen 
erlitt der erste Offizier schwere Brandwunden. Alar- 
coni teilte der United Preß telephonisch mit, daß 
das Feuer keinen großen Schaden angerichtet hab« 
und das Schiff innerhalb eines Monats wieder 
seinen normalen Dienst versehen werde. 
Taifun über der japanischen Insel Klushiu. 
TU. London, 12. August. Die japanische Insel 
Kiushiu ist nach den Meldungen aus Tokio von 
einem schweren Taifun heimgesucht worden. Die 
Verbindungen mit Kiushiu sind völlig unterbun 
den. Man nimmt an, daß die Stadt Nagasaki durch 
den Taifun besonders schwer gelitten hat. 
Der explodierte Ameisenhaufen. 
Einem sonderbaren Unglückssall ist in Duis 
burg ein Bauunternehmer zum Opfer gefallen. In 
seinem Garten hatte sich ein Ameisenvolk angesie 
delt, das alles überschwemmte. Der Gartenbesitzer 
Der deutsche Osten erhMt einen neuen Mesenbahnhof. 
Das Empfangsgebäude des deutschen Grenz- und Zollbahnhofs Neu-Ventschen, 
der am 14. August dem Verkehr übergeben wird. Die Gleisanlagen des neuen Bahn 
hofs sind eine der größten des gesamten deutschen Schienenstranges. 
entschloß fich, den Bau auf àmak z« vernichten. 
Er goß einen Liter.Benzin hinein und warf ein 
brennendes Streichholz dazu. Bevor er sich in 
Sicherheit bringen konnte, erfolgte eine furchtbare 
Explosion. Der Ameifenhausen flog wie eine Mine 
in die Lust und überschüttete den Erschrockenen. Mit 
schweren Brandwunden im Gesicht und an den 
Händen mußte 'der Bedauernswerte in das Kranken 
haus gebracht werden. Die Verletzungen waren 
um so gefährlicher, als die von den Tieren abge 
sonderte Ameisensäure in den Wunden besondere 
Entzündungen hervorrief. Nach Ansicht der Aerzte 
dürste der Bauunternehmer das Augenlicht ver 
lieren. 
Wiedererlangung des amerikanischen Bürgerrechts. 
Nach einem kürzlich inkvaftgetretenen amerika 
nischen Gesetz können Frauen, die ihr amerikanisches 
Bürgerrecht verloren haben: 
1. weil sie einen Ausländer heirateten, 
2. weil sie einen Ausländer heirateten und in 
einem fremden Lande ansässig waren, oder 
3. weil der amerikanische Ehemann sein Bürger 
recht verloren Hatz 
thr Bürgerrecht in bm Vereinigten Staaten ohne 
Schmierigkeit wieder zurückerhalten. Es bedarf 
hierzu nur 'der Erfüllung einiger Formalitätem 
Diese Möglichkeit ist von Bedeutung, -da Frauen, 
welche das Bürgerrecht wiedererlangt haben, bei 
der Visavrtei'lung bevorzugt werden und eben o ihr 
nicht-amerikanischer Ehlemann. Kinder unter 21 
Jahren einer solchen Amerikanerin fallen mcht unter 
die Quote. Eltern und Kinder können somit ihr 
Visum innerhalb ganz kurzer Zeit erh!alten. 
Die Hamburg-Am-evika-Linie und der Nord 
deutsche Lloyd sowie die Vertretungen beider Ge 
sellschaften in den einzelnen Orten sind genau üb,r 
die Ausführungsbestl'mmungen dieses Gesetzes un 
terrichtet und gern bereit, kostenlos Auskunft zu 
erteilen. 
In der Villa des Generaldirektors Earl Fried 
rich von Siemens in Charlottenburg ist eingebrochen 
worden. Juwelen von großem Wert muàn ge 
raubt. 
Bei àem nächtlichen Großfsuer auf dem Rit 
tergut Gutenfürst bei Chemnitz sind zwei Kinder 
der Kutscherfwmilie verbrannt. 
In Blasdorf bei Liebau ist ein 64 Jahre alter 
Eisenbahner beim Versuch, ein Kind zu retten, mit 
demselben verbrannt. 
Während eines Sturmes sind auf dem Dnjepr 
6 Frauen und 3 Kinder mit einem Boot gekentert 
und ertrunken. 
Bei einer Auseinandersetzung zweier Schuk» 
lehrer in einem Unterrichtszimmer in Grünau bei 
Chemnitz hat der eine feinen Kollegen evschoffen 
und darauf Selbstmord verübt. 
Der aus dem Burenkriege und aus -dem Wekî- 
kviege bekannte englische General Sir Horace 
Smith-Dorrien wurde bei einem Autounfiall sehr 
schwer verletztz 
Das Schicksal 
des Grafen Rhoden. 
Roman von Otfrid von Haustein. 
Lopyrcght by Literatur - Verlag Gloria, Berlin > Steglitz. 
16) (Nachdruck verboten). 
„Schön ist es hier, warm und schön! Ich möchte 
am liebsten gleich hier bleiben." 
Der General drängte zur Eile. Sie brauchten 
nicht zum Schloß zurück, -denn ein Wagen stand vor 
dem Tor der alten Burg. Sie ftvute sich darüber 
und doch lächelte sie ein wenig bitter. Der Groß 
vater legte lernen Wert darauf, die Enkelin noch 
einmal zu sehen. 
Es gab einen guten Fahrweg, der, ohne das 
neue Haus zu berühren, zur Bahnstation führte. 
„Wäre es nicht -doch besser gewesen, wenn Ihr 
Großvater Ihnen einen Teil seines Schlosses einge 
räumt hätte?-" fragte der General unterwegs. 
„Ich hätte unter allen Umständen abgelehnt, 
denn ich hätte mich in seiner Nähe nicht wahlgefühlt. 
Wenn ich nur erst wüßte, wie ich es ermöglichen 
kann, daß wir überhaupt hier wohnen, ich muß Hoch 
Geld verdienen." 
Der General sann still vor sich hin, dann sagte 
er: 
„Vielleicht kann ich Ihnen dienlich sein." 
„Herr General..." 
„Nein, nein, noch möchte ich nichts davon sa 
gen und keine Hoffnungen wecken. Ich muß erst 
wissen, ob es geht. Nicht wahr, für die ersten Wo 
chen ist ja gesorgt? So haben Sie ein wenig Ge 
duld und lassen Sie mich zunächst mein Glück ver 
suchen." 
Am Abend traf sie zu später Stunde wieder in 
Wind ollen ein. 
„Solange hast du mich allein gelassen!" sagte 
ihre Mutter. 
„Ich mußte. Cs ist höchste Zeit für dich. daß 
wir hier fortkommen. Der viele Staub, den der 
Bau mit sich bringt, könnte deinen Augen schaden 
und dann..." 
„Wollen wir in ein Bad? Jetzt ist Herbst. Ich 
dachte, wir gehen lieber nach dem Süden." 
„Das geht nicht, Mutter. Wir müssen in der 
Nähe bleiben, damit wir wegen deiner klugen jeder 
zeit den Geheimrat erreichen können. Aber ich habe 
eine Freude für dich, wie ich denke. Großvater lädt 
uns ein. in sein Schloß zu kommen." 
„Dein Großvater Rhoden?" 
Ungläubig schüttelte sie den Kopk, 
„Er selbst. Ich komme soeben von ihm. Er 
hatte mir den General Wittekopf geschickt mit der 
Einladung und ich traf ihn in der Stadt." 
„So lädt er dich ein und mich nicht." 
„Nein Mutter, uns beide. Er bittet uns, vor 
läufig in dem alten Schlosse Wohnung zu nehmen." 
„In der Ruine?" 
„Nein, Mutter, es ist keine Ruine, es ist eine 
herrliche Wohnung tme ich sie mir wünsche. Nun, 
du wirst ja selbst urteilen." 
„Und mich lädt er ein?" 
„Gewiß, Mama, würde ich es dir sonst sagen." 
„Dann will er dich dort haben, nm -dir das 
Majorat zu übergeben?" 
„Davon hat er nicht gesprochen." 
„Sicher, so kann es einzig und allein sein. Das 
ist allerdings eine gute Nachricht. Wir ziehen ein 
in unsere alte Heimat, und du wirst den Platz ein 
nehmen, der dir gebührt." 
Margaretes Blick fiel auf einen Brief, der un- 
eröffnet auf dem Schreibtisch lag. Er war von 
Soltheims aus Luzern. Das freiherrliche Ehepaar 
teilte ihnen mit, daß es in den nächsten Tagen nach 
Windollen kommen wolle, um wichtige Zukunsts 
fragen mit der Baronin zu besprechen. Wallburg 
würden sie mitbringen. Das Kind hätte von dem 
Unglück und auch von der Erkrankung der Mutter 
gehört und lasse ihnen keine Ruhe. 
„Das geht nicht, Mutter, wir tonnen hier keine 
Gäste empfangen. Es ist ja kaum ein Zimmer in 
Ordnung. Und ich möchte auch nicht, daß Wallburg 
hierher kommt, es sieht zu furchtbar aus, und das 
Kind behält dann den Eindruck für sein ganzes 
Leben. Es ist besser, sie sieht Windollen nicht wieder 
und behält eine angenehme Erinnerung an ihre 
Heimat." 
„Du sprichst ja gerade, als ob wir für immer 
gingen. — Ja, so, du trittst ja dein Majorat an." 
O, diese ewigen, fortwährenden Lügen! 
„Ich mache bix einen anderen Vorschlag. Solt 
heims kommen ja nicht unsertwegen allein, sondern 
werden noch mehr vorhaben. Ich telegraphiere 
ihnen, daß wir uns in Königsberg treffen wollen. 
Dort müssen wir doch Aufenthalt nehmen, um den 
Geheimrat zu besuchen; Wallburg kann dann gleich 
mit uns kommen." 
Ihre Schwester hatte sie ganz vergessen und sie 
erschrak. Was sollte Wallburg in der alten Burg, 
und wie würde sie das Geheimnis der Mutter gegen 
über wahren! Aber in der Pension konnte sie doch 
auch nicht bleiben! Dafür war kein Geld mehr 
rorhaķr. 
Die Baronin freute sich auf Soltheims und Hr 
Kind. 
Fünf Tage später saßen sie alle im Zentval- 
hotel in Königsberg. Auch Iustizrat Mergener war 
mi'tgekommem Er war ganz glücklich über den Er 
folg, den des Generals Vorschlag gehabt. Aber 
nun hatte Hn Margarete gebeten, ihr zu helfen, für 
den Fall, daß die Mutter wirklich darauf besànd, 
Soltheims mitzunehmen. 
Die alte Baronin war in bester Laune. Sie 
hatte wieder àen leisen Lichtschimmer vor den 
Augen, und wenn der Geheimrat Margarete auch 
enttäuschen und ihr sagen mußte, daß eine Gene 
sung nach wie vor ausgeschlossen erschien, so war es 
doch leicht, die Kranke selbst -damit zn trösten; m 
ihrem Ueberfchwang sah sie sich schon gesund. Dann 
waren auch Soltheims mit Wallburg gekommen. 
Margarete war überrascht, das allerliebste Persön 
chen war Hr kleines Schwesterchen. Wirklich, sie 
hatte sich in dem Jahre außerordentlich entwickelt 
und war bildhübsch geworden. Doch fiel der ernsten 
Schwester gleich auf, daß sie eine entschieden ober 
flächliche Natur war, selbst die Erblindung der 
Mutter schien sie nicht allzusehr zu ergreifen; sie 
tröstete sich schnell damit, -daß die Mutter ja selbst 
an ihre baldige Heilung glaubte, und für Marga 
retes Unglück hatte sie überhaupt nicht viel Worte. 
Dafür plauderte sie von der schönen Schweiz, und 
allem, was sie anging. Sie war gewiß weder herz 
los noch etwa schlecht, nur unüberlegt und voll 
Lebenslust. Es wurde ordentlich hell um sie, wenn 
sie so fröhlich plapperte. 
Dann aber schickten Soltheims sie unter einem 
Vorwand fort und kamen mit ihren eigentlichen 
Plänen. Sie waren kinderlos und sehr reich, und 
hatten ihr ganzes Herz an die kleine Wallburg ge 
hängt. Nun wußten sie auch von allem, was sich 
in Windollen zugetragen, und von dem gänzlichen 
Verlust des Vermögens, wenn sie das auch der 
alten Baronin gegenüber verschwiegen. Iustizrat 
Mergener hatte sie wohlvorbereitet. Kurz, sie moch 
ten den Vorschlag, Wallburg zu adoptieren und zur 
Erbin ihres Vermögens einzusetzen. 
Zuerst war die Baronin bei dem Gedanken 
entsetzt. Sie sollte ihr Kind hergeben, ihre fröh 
liche, süße, blonde Wallburg? Aber Soltheims re 
deten ihr zu, doch wenigstens in Ruhe darüber nach 
zudenken und ließen sie mit Margarete und dem 
Iustizrat allein. 
„Ich begreife dich nicht, Margarete, wie du 
nur einen Augenblick, daran denken kannst! Vergißt 
du denn ganz, daß es sick um deine Schwester 
handeşş * *■ 
Margarete war es wie eilte Erlösung, daß 
wenigstens eine aus der Familie àem sorgenfreien 
Leben entgegengehen sollte. 
„Wallburg bleibt -deshalb doch rnáie Schwester. 
Wir tragen ja jetzt auch nicht denselben Namen, 
und bedenke doch -das große Vermögen der Solt 
heims!" 
Da glitt wieder das verstehende, listige Lächeln 
Wer das Gesicht der alien Baronin, wie immer, 
wenn sie ihre Tochter zu beKeifen glaubte. 
„Also wieder die Kluge, Berechnende! Aber 
recht -hast dnl Wir kehren ja ohnehin zu Rhodens 
zurück. Das Vermögen der Soltheims und Gehr 
manns und noch -das Rhoden'sche Majorat! Wirk 
lich, Margarete, int bist ein Finanzgenie und ver 
stehst es, euch das Bett zu bereiten. Aber ich weiß 
doch nicht... mein Kind mir entfremden..." 
Der Iustizrat redete auch zu und wußte sie zu 
überzeugen. Margarete blutete trotz allem das 
Herz. Sie tat es wirklich nicht gern, aber es blieb 
ja gar keine andere Wahl, als zuzustimmen. 
Nach zwei Tagen reisten Soltheims mit Wall 
burg wieder ab. Ei« tränenreicher Abschied zwi 
schen Mutter und Kind, und doch waren beide sich 
der Tragweite nicht klar. Marg!arete weinte nicht, 
aber sie empfand die Trennung am tiefsten. Ihr 
war, als fei wieder etwas aus ihrem Leben für 
immer geschieden. 
Nun waren Mutter und Tochter an -der Bahn- 
stati-on. 
„Ist die gräfliche Equipage da, um uns abzu 
holen? Trägt der Kutscher gräfKche Livree?" 
„Natürlich." 
All das war der alten Frau wichtig, und zu- 
frie-den lehnte sie -im Fond -des abgenutzten Wagens., 
in -dem Glauben, in einer eleganten Gala-Equipage- 
zu sitzen. 
Margarete rührte das Glück der Mutter. Sie 
gönnte ihr die glückliche Täuschung. Nein, nie durfte 
sie die Wahrheit erfahren! Lieber alles erdulden,! 
aber der armen Mutter ihren Traum erhalten. 
Am Eingang stand ein einfaches, aber sauberes 
Mädchen. Zofio, -die Enkelin Miskuleits, und hieß 
sie willkommen. 
Sie traten ein. WirkK-ch war aller Moder-- 
geru'ch verschwunden, -die Fenster geputzt, die Gar« 
d-inen gewaschen und ein starker Duft von Rosen,! 
die in großen Vasen im Zimmer standen, erfüllte 
die Luft. 
„Schade, daß du die Rosen nicht sehen ikannstll 
Es herrliche Rosen!" 
hat sicher der Großvater geschickt!" 
(Fortsetzung ft-tM
	        
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