30
Jakob Ayrer.
mit dem Drama vornehmen mussten. Sie haben diese Scenen
schon deshalb fallen lassen müssen, weil sie nicht genug
Personen zur Verfügung hatten. Kyd zählt 30 Personen
auf, Ayrer nur fünfzehn. Ausserdem ist die straffere Fassung
nicht überall von Vorteil, sie ist zum Teil auf Kosten der
Motivierung ausgearbeitet worden. Dass auch die Fort-
lassung der Scenen zwischen dem Ghost of Andrea und Bevenge
für einen Vorteil zu halten sei, glaube ich nicht. Jeden
falls bringen diese Scenen in Kyd’s Drama ein ausserordent
liches Stimmungselement hinein (ähnlich wie in Sh.s Hamlet
der Geist des ermordeten Königs) und geben dem ganzen
bluttriefenden Gemälde einen ernsten ethischen Hintergrund.
Wie wenig wir der selbständigen Arbeit Ayrers Zu
trauen dürfen, zeigt noch deutlicher seine „Comedia Vom
Königin Cypern“. Hier sind wir auch auf sichererem Boden,
da wir nur mit einer Ausgabe zu rechnen haben. Den
Aufführungen auf dem Kontinent kann aber nur ein Bühnen
manuskript zu Grunde gelegen haben, da der erste Druck erst
vom Jahre 1608 datiert ist. Ayrer hat natürlich, wenn er
überhaupt eine schriftliche Aufzeichnung des Dramas vor
Augen hatte, wieder nur eine deutsche Prosabearbeitung
gesehen. Zur Erklärung der Ähnlichkeiten aber genügt die
Annahme, dass er ein paar Mal einer Aufführung des
Stückes beigewohnt hat. Dass die komische Zwischeuhand-
lung des englischen Dramas im Deutschen durch eine andere,
auch auf eine englische Quelle deutende, ersetzt ist, wurde
oben schon erwähnt. Wahrscheinlich haben die Schauspieler
schon selbst diesen Tausch vorgenommen, da die ursprüng
liche Zwischenhandlung mit ihrem spezifischen englischen
Lokalkolorit und ihrer realistischen Schilderung englischer
Advokaturverhältnisse für die deutschen Zuschauer von wenig
Interesse gewesen wäre. Ayrer hält sich nur im allgemeinen