Das erlösende ZVorr.
Roman von Emma Haushofer-Merk.
^ Nachdruck verboten.
»Entschuldigt mich Kinder! Ich bin zu ange-
Ķusfen und bleibe aus meinem Zimmer. Aber geh'
ņur, Laura! Ich möchte allein sein", seufzte Frau
^wine und schloß, sich auf dem Ruhebette aus
leckend, die Augen.
Auch Laura war so versonnen und geistesab
wesend, daß die Geschwister neugierig fragten:
„Was ist denn los? Was hattest du denn für
e ’ ne lange Konferenz mit der Mama?"
à. «Hat dir vielleicht der Minister, der dir bei
Şnterfelds so die Cour machte, einen Heiratsan-
, l(l 9 geschickt?" flüsterte Hilde, die immer an Lie-
^geschichten dachte ,ihr lachend zu.
. »Was fällt dir ein?" wehrte Laura sie unge-
Uldig ab. Es war ein solcher Umsturz in ihren
Zedanken, ihr Herz zitterte so vor Erregung, daß
l Mühe hatte, eine leidliche Fassung zu bewah
ren.
Die schlaflose Nacht schien ihr so lang, und es
war ihr eine Erlösung, als endlich der Morgen
laute und sie aufstehen und sich zu der Reife in
°re Stadt rüsten durfte.
.. Und in der klaren Wintersonne, da wich auch
re Unruhe von ihr. Sie hatte nur das befreiende
Gefühl, als lösten sich die eisernen Reifen, die ihr
g Brust eingeengt hatten, als begönne mit dem
g-Wg ein neues Leben, in dem sie sich mit kraft-
allem eigenen Willen zurechtfinden mußte.
Fräulein Dumant war schon beauftragt, sie
auf die kleine Fahrt zu begleiten. Die Mutter be
stand darauf. Laura zuckte nur die Achseln. Der
Zwang sollte also weitergehen und alles bleiben
wie bisher! Man täuschte sich, wenn man glaubte,
daß sie sich darein fügen würde. Nun sollte man
sie kennen lernen, als die WiderşPrnstige, die um
ihre Freiheit kämpfte! Sie achtete gar nicht auf
die Unterhaltung, die die ihr aufgedrungene Ge
sellschafterin aufrecht zu erhalten suchte, gab nur
flüchtige, zerstreute Antworten und eilte dann in
München mit so raschen Schritten vorwärts, daß
die kleine Französin Mühe hatte, ihr zu folgen.
Im Justizpalast mußten sie dann eine Weile
im Korridor warten, bis sie in das Zimmer des
Verlassenschaftsrichters gerufen wurden. Leute in
Trauer kamen vorüber, Rechtsanwälte warfen
einen neugierigen Blick auf die junge Dame, die
mit heißen Wangen und lebhaften Augen auf und
abging. Es machte Laura Freude,, daß ihre Be
gleiterin mit solcher Verwunderung den Namen
Eeltenhausen hörte, der ihr galt, und daß sie nicht
mit in das Amtslokal eingelassen wurde, sondern
allein auf der Bank sitzen bleiben mußte, auf der
sie sich niedergelassen hatte.
Ein freundlicher Amtsrichter bot Laura einen
Stuhl an.
„Sie heißen Laura Eeltenhausen?" fragte er.
„Ja," erwiderte sie zögernd. Es klang ihr so
wunderlich, daß sie unwillkürlich errötete.
„Sie sind geboren am 25. Fsbruar 1885, hat
ten also gestern Ihren emundzwanzigsten Geburts
tag. Herr Justizrat Engelbert hat bei dem Ge
richt ein Testament vorgelegt, das Ihnen nach der
Bestimmung der Erblasier an dem Tage Ihrer
Mündigkeit vorgelesen werden soll. Da gestern
das Gericht Sonntagsruhe hatte, sind Sie nun am
26. beschieden worden."
Er öffnete einen Akt und las:
„Hamburg, im Mai 1890. Wir, Hugo und
Irene Eeltenhausen, bestimmen in letztwilliger
Verfügung, daß unser Vermögen unserer Enkelin
Laura zufallen soll. Bis zu ihrer Großjährigkeit
i ftes bei der Deutschen Bank zu hinterlegen und
die Verwaltung dem Gericht zu übertragen."
Laura hörte mit einem leisen Schwindelgefühl
die Zahlen, die weiteren Testamentsbedingungen,
die Schenkungen und Stiftungen. Es klang ihr
alles so traumhaft, so märchenhaft, so unglaub
lich. ^ Klar und bestimmt faßte sie nur die Worte:
»Unser Sohn Stefan wurde aus das Pflichtteil ge
setzt, und die auf ihn treffende Summe ist ihm nach
dem Ableben des Vaters sofort auszubezahlen."
Also die eigenen Eltern haben ihren Sohn
enterbt.
Der Amtsrichter legte ihr eine Feder vor und
bat sie, einen Akt zu unterschreiben und zu bestä
tigen, daß ihr das Testament ordnungsgemäß vor
gelesen worden war. Der Erbschein, der sie zur
Uebernahme des Vermögens berechtigte, sollte ihr
baldigst ausgehändigt werden.
Ter Amtsrichter merkte wohl, daß die junge
Dame vollständig verwirrt von der Eröffnung war.
»Man kann nur Glück wünschen zu der, wie es
scheint, unerwarteten Erbschaft", sagte er lachend.
..Die Erblasser sind beide wenige Jahre nach der
Niederlegung ihres letzten Willens gestorben, und
da die Zinsen zu dem Vermögen geschlagen wur
den, hat es sich seitdem noch vergrößert."
Laura taumelte fast, als sie dann aus dem
Amtslokal trat.
Fräulein Dumant vermochte ihre Neugier
nicht zu verbergen. Aber so gern das junge Mäd
chen dieses wunderbare Erlebnis irgend einer lie
ben Seele mitgeteilt hätte, vor ihr konnte sie hart
näckig schweigen. _ Die Französin fühlte sich ge
kränkt, daß sie auf ihre Fragen keine Antwort be
kam, und sie fuhren in stummer Feindseligkeit nach
Bruckdorf zurück. Aber hier nahm sich Laura nicht
Zeit, Hut und Mantel abzulegen, sprang in Hast
die Treppe hinauf und erschreckte die Mutter mit
dem Jubelruf:
»Denk dir, Mama! Ich habe Großartiges er
lebt! Meine Großeltern Eeltenhausen, an die ich
mich gar nicht erinnere, diese lieben, guten Men
schen, haben sich meiner erbarmt und mich zur
Erbin eingesetzt!"
„Ach Gott!" seufzte Frau Elwine. „Davon
ahnte Hochheim nichts! Also deshalb! Wie kannst
du sagen: erbarmt, als hättest du Not gelitten!"
„Nicht leibliche — seelische Not, Mama! Geld
bedeutet Freiheit Dein Gatte hat doch behauptet:
Ich bliebe in seiner Abhängigkeit, auch wenn ich
mündig bin, und meine Großjährigkeit änderte
nichts an meiner Stellung in seinem Haufe. Aber
nein, nein! Jetzt bin ich frei! Jetzt kann ich mein
Leben einrichten nach meiner Fasson, und das will,
das werd ich auch!"
(Fortsetzung folgt.)
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»Die Arbeit des Bauernvereins".
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