Bismarck
1. April 1815 — 80. Juli 1898.
Bismarck setzte sich gegen alle Widerstände
durch. Er wartete auf den richtigen Augenblick:
und wenn der Augenblick nicht kam, dann
führte er ihn herbei. Er brauchte Anlässe: und
wenn die Anlässe sich nicht einstellten, dann
zauderte er nicht, auch sie herbeizuführen. Er
zwang die Verhältnisse in seine Dienste,- und
zwang sie so, daß sein Werk am Ende nicht zum
wenigsten das seiner Gegner war, denen alles,
was sie unternahmen, zu seiner Absicht geriet.
Die Gründung des Reiches war in ihren Be
dingungen vorbereitet, in Spannungen, die
sich entluden, in Hoffnungen, die sich erfüllten.
Bismarck verwirklichte, womit die Entwürfe
der Doktrinäre sich abplagten und woran die
Träume der Romantiker zerschäumten.
Moeller van den Bruck.
Zu Bismarcks Geburtstag am 1. April.
Warum zog Bülow das
Şchņnpstnch?
Von Waltraud Ritzel.
Die Geschichte habe ich von meinem Groß
vater. Der hat sie selbst erlebt. — Wir gingen
über den großen Ohlsdorfer Friedhof zu Ham
burg und auf einmal standen wir vor dem
schlichten Grab Hans von Bölows, dessen Tod
für das deutsche Musikleben ein so schmerz
licher Verlust war. Da fiel meinem Groß
vater das Erlebnis wieder ein und er er
zählte es mir.
Man schrieb das Jahr 1890. Der Kaiser hatte
Bismarck entlassen und ganz Deutschland stand
bewegt unter diesem Eindruck.
Da kündeten die Zeitungen und Anschlag
säulen in Hamburg eines Tages ein großes
Konzert unter Bülows Leitung an. „Zu Ehren
Bismarcks!"
Am 1. April fand das Konzert statt. Es war
öer Geburtstag des eisernen Kanzlers.
Der große Saal des „Conventgartens" füllt
sich am Abend bis auf den letzten Platz. Auf
dem Podium steht Bismarcks Büste, lorbeer-
umkränzt. Das Programm verspricht die dritte
Symphonie von Beethoven, die Heroische. Auf
beigefügten Handzetteln sind die ersten Takte
der Eroika-Partitur wiedergegeben, darüber
der Beethovensche Vermerk: „Zur Verherr
lichung des Andenkens an einen großen
Mann." (Im Original: Per festeggiare il sou-
venire d'un grand Homo.) Diese Beethovensche
Widmung hatte Bülow aus eigenem Impuls
durch den Namen „Bismarck" ergänzt und dem
Tonstück dadurch eine zeitgemäße Bedeutung
gegeben.
Da, jäh verstummt alles und das Schwei
gen steht groß im Raum. Bülow — schlank
und schmalschultrig — betritt das Podium. Er
wendet sich der Bismarck-Büste zu, verneigt
sich tief vor ihr und dann — was ist denn das?
Das Parkett reckt erstaunt den Hals. Etwas
Absonderliches, noch nie Dagewesenes geschieht.
Bülow zieht sein Taschentuch und stäubt mit
einer lässigen Gebärde seine Lackschuhe ab . . .
Was bedeutet das? — Alles ist verdutzt.
Dian war bei dem eigenwilligen Künstler und
scharfen Satiriker ja an mancherlei Ueberra-
schung gewöhnt, aber diese da — ? — Dunkel
tauchten im Gedächtnis die Worte des Kaisers
auf — in allen Zeitungen konnte man sie lesen
— wem es in seinem Reich nicht passe, der
möge sich den Staub von den Pantoffeln schüt
teln .. . War es so gemeint?
Alles lacht. Und ein Beifall brandet auf, der
wie ein Aufschrei aus Hunderten von Herzen
Wieder eine Verbeugung zu der Bismarck
büste hin — dann greift Bülow zum Taktstock.
Frei und aufrecht steht er da, ohne Partitur.
Staunend stellt man dies — damals — Außer
gewöhnliche fest. Und nun blühen die ersten
Töne des Allegro und reißen die Hörer in
ihren Bann.
Zahle« non der ,,Q«ee« War«".
Wenn die „Queen Mary" ihre erste Ame
rikareise antritt, wird sie 20 000 Kilo Fleisch,
ebensoviel Fisch, dreißig Tonnen Kartoffeln,
1000 Kilo Käse, 20 000 Kilo Gemüse, 70 000
Eier, 2000 Kilo Tee und Kaffee, 6000 Kilo
Zucker, 4000 Stück Geflügel und die entspre
chende Menge an Getränken an Bord haben.
Das Leinenzeug des Schiffes hat rund
600 000 Mark gekostet. Es umfaßt 210 000 Hand
tücher, 92 000 Servietten, 21000 Tischtücher,
30 000 Bettücher usw.
800 Mann der Besatzung sind ausschließlich
für die Bedienung da, darunter 100 Köche, vier
zehn Fleischer, ein paar Dutzend Bäcker und
eine ganze Armee von Gehilfen und Stewards.
Jeder Arbeiter oder Handwerker hat einen be
sonderen Arbeitspaß, der in bestimmten Ab
ständen kontrolliert wird. Keiner darf einen
Raum betreten, für den er keinen Patz besitzt.
Das Elektrizitätswerk würde ausreichen, um
den Strombedarf einer Stadt von 150 000 Ein
wohnern zu decken. 600 Kabinen sind mit Tele
phonen versehen, mit denen man nicht nur die
Bergsrühling.
tPressephoto, K.)
einzelnen Abteilungen des Schiffes anrufen
kann, sondern auch London, Berlin, Paris,
Newyork usw.
Die Brennstoffrechnttng wird voraussichtlich
nur halb so groß sein, wie die der um die
Hälfte kleineren Mauretania, was die alte
Theorie von der Rentabilitätsgrenze der
Schiffsgrößen erschüttern könnte.
Um 14 000 Tonnen wiegt die „Queen Mary"
mehr als die spanische Armada. Columbus'
ganze Flotte hätte Platz im Speisesaal des
Schiffes.
Bunte Welt
Tausend Erben schimpfen auf einen
Menschenfreund.
Kurz nachdem Philipp Leroux gestorben war,
erregte sein Testament in Frankreich aller
größtes Aufsehen. Dieser merkwürdige Mann
hatte nämlich sein gesamtes Hab und Gut den
tausend ärmsten Einwohnern Frankreichs ver
macht.
Unverzüglich meldeten sich aus allen Teilen
Frankreichs rund 160 000 Personen, die von
sich behaupteten, sie seien garantiert die ärm
sten Menschen ganz Europas. Die Erbschafts-
behöröen hatten umfangreiche Untersuchungen
einzuleiten. Schließlich waren die tausend
Aermsten richtig herausgefunden. Doch jetzt er
gab sich der große Schock: Das ganze Vermögen
jenes Philipp Leroux bestand nämlich nur aus
5000 französischen Franken. Als es daher an die
Verteilung der Erbschaft ging, entfielen auf je
den Empfänger genau 6 Franken, von denen
noch die Erbschaftssteuer und sonstige Amtsge
bühren abgezogen werden sollten. Das Ende
vom Lied war, daß jene Erben noch Mann für
Mann 2 französische Franken herauszahlcn
sollten, um die Zustellungsgebühren usw. zu
decken. Selten ist über einen Toten so ge
schimpft worden wie über Philipp Leroux.
Zu dick für die Gcfäugnistür.
Die Gcfängnisverwaltung in Chicago geriet
in Schwierigkeiten, als man ihr Mr. William
Coleman einlieferte, der wegen Scheckfälschung
zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt war.
Herr Coleman wiegt nämlich 372 Pfund und
hat einen derartigen Umfang, daß es nicht
möglich war, ihn durch die enge Gefängnistür
in eine Zelle zu bringen. Man schaffte ihn in
folgedessen in ein Krankenhaus, wo er aber
an einem durch die Aufregung erlittenen Herz
schlag starb.
Bisamratte besiegt!
Die englische Regierung stellt fest, daß es ihr
gelungen ist, mit Hilfe der Schuljugend und
der Pfadfinder die Bisamratte auf englischem
Boden so restlos auszurotten, daß «vor einigen
Tagen die letzte Bisamratte in Südenglanö er
schlagen werden konnte.
Der Mann
mit de» drei Frauen
Von E. Haacke.
Er war ein prächtiger Bursch, der Flori, der
junge Gärtnergehilfe, das mußte ihm der Neid
lassen. Kein Wunder, wenn die Passauer Ma
deln ihm verliebte Augen machten. Aber lei
der — und das war Floris wunder Punkt —
war der Flori furchtbar schüchtern auf dem
Tanzboden, und es war gar nicht selten, daß
er zu stottern anfing, wenn ein junges Mädel
ihn freundlich anredete. Alle Welt weissagte,
daß der Flori entweder als Junggeselle sterben
oder einen wahren Drachen zur Frau bekäme,
die ihn sein Lebtag unter ihrem Pantoffel be
hielte, nachdem sie ihn — nicht etwa er sie, Gott
behüte! — zum Standesamt geführt!
Der Flori schüttelte zu diesen Reden den
Kopf und meinte, er habe überhaupt keine
Frau nötig, solange seine gute Mutter und die
alte Großmutter und endlich die Taut', die
schon etwas altjüngferliche Res', ihn umsorg
ten. Weil aber die vier so gut zusammen leb
ten und gleichzeitig in gutmütigem Spott über
Floris Schüchternheit hatte ein Witzbold den
Spitznamen „Der Mann mit den drei Frauen"
aufgebracht, den der Gärtnerflori sich lachend
gefallen ließ, und den er auch behielt, nachdem
die Großmutter das Zeitliche gesegnet und sich
für die Res' ein Witwer mit vier Kindern als
glücklicher Ehemann gefunden hatte.
Einige Jahre lang schien es, als ob alle die
recht behalten sollten, die den Flori als ver
knöcherten Junggesellen sein Leben beschließen
sahen. Als aber der Flori bei seiner Fahrt
hinauf zur Lichtenau im Bayrischen Wald die
Hannerl kennen lernte, Tochter einer Holz
arbeiterwitwe, da war es um ihn geschehen.
Seine Schüchternheit verflog wie Spreu im
Wind, wenn die Hannerl ihn mit ihren lachen
den Augen ansah, und schon beim dritten Zu
sammensein fand er das entscheidende Wort.
, Die Hannerl aber meinte verschämt: „Brauchst
nöt lang z'warten mit der Hochzeit, mei Flori!
Mei' Aussteuer hab' i g'spart, und schaffen
kann i für zwoa! Soll di nöt reuen, daß du ein
arms Madel nimmst!"
So war alles im schönsten Gleise, der be
glückte Flori sandte umgehend seine Papiere,
und das Aufgebot wurde bestellt. Alles ging
gut, bis die Lies', die Herzensfreundin der
Hannerl, eines schönen Tages nach Passau fah
ren mußte und dabei ein „Packerl" für den
Flori mitnahm. Die Hannerl hatte ihr die
schönsten Rauchwürste für ihren Bräutigam
mitgegeben, aber sie war nicht wenig betroffen,
als die Lies' am späten Abend mit dem Paket
unter dem Arm zurückkam und mit einem Ge
sicht, als käme sie geradewegs von einer Be
erdigung.
„Jesmaria und alle Heiligen", sagte sie ver
stört, „is was passiert?"
Die Lies sah ingrimmig vor sich hin.
„Passiert is scho' was!" erwiderte sie unheil
verkündend.
„Ja, um Christi willen, so red' schon!"
drängte die Hannerl. „Is mein Flori verun
glückt?"
Die Lies nickte schwer. „Ja, er is verun
glückt", sagte sie mit Grabesstimme. „Aber
anders als du denkst! Er is verunglückt, wie
die meisten Mannsbilder, die Malefizlumpen,
die elendigen!"
Und sie erzählte der todblassen Freundin,
wie sie erfahren habe, daß man den Flori den
„Mann mit den drei Frauen" nenne. Auch
in der Gärtnerei habe der Lehrling ihr das
bestätigt und dabei aus vollem Halse gelacht.
„Und deshalb hab' i dein Packerl mit die
Rauchwürst garnöt abgeben", schloß sie endlich
ihren Bericht. „I kann nöt zugeben, daß aso
ein hinterhältiger Duckmauser noch a Packerl
von dir kriagen soll ..."
Der Flori aber glaubte zwei Tage später,
der Himmel falle ein, als er einen Brief von
der Hannerl erhielt^ aus dem ihm der Verio-1
bungsring herausfiel. Der Brief aber bestand
nur aus vier Worten: „Aus is, Du Verfüh
rer!"
„ Schon am Nachmittag fuhr der so unerwartet
Entlobte mit dem einzigen Zug, der von Passau
in das abgelegene Walddorf führte, zur Han-
uerl. Im Abteil saßen Bekannte seiner Braut,
Bauern aus ihrem Heimatdorf, die ihre Er
zeugnisse auf den Markt gebracht hatten und
nun zurückfuhren. Auch der Pfarrer, der dem
Kloster Mariahilf einen Besuch gemacht hatte,
war unter ihnen. Der eintretende Flori erhielt
als Antwort auf seinen Gruß neugierige Blicke
oder verschlossene Mienen. Nur der Bauer vom
Einööshof musterte ihn mit unverhohlenem
Wohlwollen und flüsterte ihm verstohlen zu:
„A Schneid Host!" Und mit einem Blick auf
seine ihm gegenübersitzende Ehehälfte: „I hob'
an oaner gnua!"
Endlich faßte sich der Flori ein Herz und
trat auf den Pfarrer zu. „Hochwürden, wenn'
S'Zcit für mi hätten . . ."
Der Geistliche sah ihn prüfend an: „Denke an
den sündigen Zöllner, der bereute!" sagte er
nicht unfreundlich. „Aber nicht hier in der Ei
senbahn ist der Ort, mir dein sündiges Herz zu
öffnen. Komme morgen zur Beicht'!" Und er
vertiefte sich wieder in sein Brevier.
Als der Zug hielt, rannte der Flori wie ein
Wahnsinniger aus dem Bahnhof. Schweißbe
deckt kam er bei der Hannerl an. Die saß bei
ihrer Mutter in der Küche, und an den ver
weinten Augen der beiden Frauen konnte der
Flori unschwer erkennen, daß etwas Schlim
mes vorgefallen sein mußte.
„Den Ring hast mir wiedergeben", brachte
er nur heraus, und" ....... weil i mir zu
guat bin für oan Mann mit drei Frauen", fiel
die Hannerl schluchzend ein.
Der Flori stand wie einer, vor dem der Blitz
eingeschlagen hat. Aber dann fing er an wie ein
Verrückter zu jodeln und zu schuhplatteln, faß
te die Hannerl mit der einen und die Mutter
mit der anderen Hand und wirbelte mit ihnen 1
in der Küche herum. „Und jetzt sollts hören,
wie i zu meine drei Frauen kommen bin", stieß
er endlich hervor und erzählte den beiden, wie
er zu seinem Spitznamen gekommen war. So
löste sich alles in Freude auf, und die Hannerl
ließ sich ein Busserl nach dem andern geben,
bis ihr Blick auf die Mutter fiel, die still wie
der ihrer Arbeit nachging.
„Zu gern hätt i ö' Mutter mitgenommen,
wenn wir jetzt heiratn", sagte sie leise zu dem
Flori. „Aber i woas nöt, ob's recht is . . ."
Der Flori nickte strahlend: „Mei Muatterl
freut sie ja scho auf Euch zwoa", erwiderte er
lachend. „Und i erst recht, denn jetz' kann i doch
bleiben, wos i immer gewesen bin: der Mann
mit den drei Frauen."
Severe Ecke
Zwei Meisterwerke.
Der sächsische Maler Br. stand dem Verneh
men nach unter dem Pantoffel. Einst saß er,
eine Zigarette rauchend, in seinem Atelier,
als seine Frau hereinkam, ihn empört ansah
und dann schrie:
„Das gibds nich, Ardur. Endwedr du sedzd
dich jeözd hin und schaffsd ä Meistrwerg, oder
du gommsö raus in die Giche und hilfsö mir
Gardoffn schälen!"
Aus der Schule.
Lehrer: „Fritz! Ich grüße Dir! Ist das
richtig?"
Fritz: „Nein, Herr Lehrer, Sie mir nicht, ich
muß Ihnen grüßen!"
Das richtige Erkennungszeichen.
Die Nichte lädt ihren Onkel vom Lande, den
sie noch nie gesehen hat, zum Besuch ein. Sie
schreibt: „Ich werde Dich von der Bahn ab
holen, lieber Onkel, und damit ich Dich erkenne,
trage bitte eine« Schinken unter dem Arm."
§uv Unter h altuny
129. Jahrgang ' Nr. 78
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
Mittwoch, den 1. April 193g