129. Jahrgang
129. Jahrgang,
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Renösburger TagebluL
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Nr. 88
Sonnabend. den 11. April
1836
^agen in Deutschland
. NSK. Wenn in diesen . ^
leder eine kleine Reise zum eigenen
Kch antritt, eine Fahrt zu einem stillen, feier
täglichen Ruheplätzchen, dann begleiten ihn
ovrthin nicht die neuesten Vermutungen und
Wandelhallengesprache Genfer Politiker — sein
politisches Gepäck, das er mitnimmt, um es in
Ruhigen und beschaulichen Stunden zu sichten,
tzt nicht umfangreich, aber gewichtig. Denn es
tst nun einmal so, daß wir Deutsche ein p o -
titisches Volk geworden sind. Je me
rger fur uns das Wort Politik mit dem frü
heren Begriff der kleinen innenpolitischen
Streitsucht verbunden ist, je mehr das Ver
ständnis für die entscheidenden Fragen
der nationalen Entwicklung in uns lebendig
geworden ist — um so mehr fühlen wir uns
den Ereignissen verbunden. Wir
leben heute mehr als jemals mitten in un
serer Zeit.
Darunter verstehen wir freilich etwas an
deres als die Empfänger parlamentarischer
Segnungen. Mögen die Familienväter unserer
Nachbarn in den österlichen Feierstunden mit
der Frage, welche Partei, welche Kandidaten sie
wühlen sollen oder mit Debatten über Ver
handlungen von Parlamentsausschüssen und
deren Unterausschüssen sich beschäftigen — wir
haben auf der Bilanz, die wir in solchen Muße
stunden gerne ziehen — denn das deutsche Volk
ì>t nun mal auch ein Volk von Grüblern —
Üdllz andere Posten zu vermerken.
Innenpolitisch wird eine stolze Tät
liche zu beachten sein: die Wahl vom 29. März
war hei aller unermeßlichen außenpolitischen
Wirkung auch ein Ereignis von großer i n -
üerer Bedeutung für Deutschland. Wir wis
sen heute, daß wir im ganzen Reich nur noch
Männer und Frauen haben, die nftt ihrem
guten Willen, mit ihrem Glauben und mit
ihrer Hoffnung zum Führer und zu ihrer Be
wegung stehen. Die NSDAP, kann in diesem
geschichtlichen Ereignis einen Markstein in
threr Arbeit am deutschen Menschen sehen: ihr
Kampf gegen Borniertheit und Böswilligkeit
tst zu einem erfolgreichen Ende geführt wor
den. Die deutsche Anständigkeit hat überdie
Neste vergangener Verhetzung ge -
liegt. Diesen erwachten inneren Willen des
ganzen Volkes lebendig zu erhalten, aus ihm
die nationalsozialistische Tatkraft und dauern
de Entschlossenheit aller werden zu lassen —■
das ist das weitere Feld innerpolitischer Ar
beit, das jetzt vor uns liegt. Bald wird die
Zeit, in der wir immer wieder uns beklagen
wußten über das Unverständnis und das man
gelnde Bekenntnis einzelner, ebenso vergessen
lein, wie heute der Parteihader von einst uns
üur noch eine schemenhafte böse Erinnerung ist.
Um so eindringlicher aber sprechen die
außenpolitischen Entwicklungen eine ak
tuelle Sprache und beherrschen unser Denken.
Das um so mehr, als wir in unserem Lande
lelbst erlebt haben, wie gut es ist, wenn der
Kamps aller gegen alle durch ein friedliches
Zusammenwirken abgelöst wird. Und die Ge
setze der inneren Befriedung Deutschlands aus
das Zusammenleben der Völker zu übertragen
Und damit ein neues Zeitalter des Friedens
und der Arbeit der freien Nationen zu be
gründen — das ist, so wissen wir, der innere
Sinn des großen Planes, den AöolfHitler
ben europäischen Völkern gegeben hat.
Nichts konnte die Größe und Bedeutung der
Gedanken des Führers plastischer werden las
sen als der Inhalt dieses „Gegenplan s",
ber von der französischen Regierung den euro
päischen Staaten in das Oster-Weekend mitge
geben wurde. Die „kollektive Sicherheit", die
wan in Paris wieder vom verstaubten Regal
heruntergeholt hat, war das Ideal der euro
päischen Politik seit 15 Jahren. Diese These ist
dadurch nicht überzeugender geworden. Es
wäre reichlich Zeit gewesen, ihre Richtigkeit
bestätigt zu erhalten. Das Gegenteil ist ge
schehen. Sie hat sich als ein ganz leeres Schlag-
wort erwiesen, freilich als ein Schlagwort, das
sich bequem für Festreden und unverbindliche
politische Denkschriften verwenden läßt.
Feiertägliche Bilanz
ie „kollektive Sicherheit" ist das tote Gleis, I Befriedung, wie sie Adolf Hitler als die große
auf das man in Paris jeden unbequemen poli
tischen Vorstoß in Europa abzuschieben ge
wohnt ist. Es hat die Aufgabe, denVölkern
ein Wölkenkuckucksheim v o r z u m a -
len, und sie damit darüber zu beruhigen, daß
praktisch nichts geschieht. Ein inhaltloses
Schlagwort aber wird durch Wiederholung
nicht überzeugend. Und so hat es den Anschein,
als ob die Enttäuschung über das französische
Feuilleton den Boden bereite für die endgül
tige Erkenntnis, daß die Taube auf dem Dach
ein iveniger erstrebenswertes Ziel ist als eine
grundsätzliche und praktische europäische
Gegenwartsaufgabe aufgezeichnet hat.
Nichts regt besser zum Nachdenken an, als
einige Tage der Ruhe und Entspannung, und
nichts kann der europäischen Situation gün
stiger sein als ein ruhiges und überlegtes
Nachdenken der führenden Politiker dieses ge
plagten Erdteils. Und so ist es unser Wunsch,
daß die feiertägliche Bilanz dieses Ostern 1938
für Europa ebenso von günstigen Auswirkun
gen sei wie sie für uns eine Bilanz vol
ler st o l z e r Zuversicht und von t i e -
f e in Glauben an die Mission und
die Tatkraft unseres Führers ist.
Deutschlands Botschafter in London t
DNB. London, 10. April. Der deutsche Bot
schafter in London, Leopold von Hoesch, ist am
Karfreitag vormittags 10 Uhr plötzlich an
einem Herzschlag verschieden.
Der Führer und Reichskanzler hat den
Schwestern des verstorbenen deutschen Bot
schafters in London, Dr. von Hoesch, telegra
phisch sein aufrichtiges Beileid übermittelt.
Tiefes Bedauern in London.
Die Nachricht von dem plötzlichen und völlig
unerwarteten Tode des Botschafters von Hoesch
hat in London tiefstes Bedauern ausgelöst. -
König Eduard, der sich zurzeit auf Schloß
Windsor befindet, war einer der ersten, die von
dem Hinscheiden des deutschen Botschafters
unterrichtet wurden. Er drückte sogleich sein
tiefstes Bedauern aus und übermittelte, >vie
„Preß Association" meldet, persönlich dem deut
schen Botschaftsrat, Fürst Bismarck, auf tele
phonischem Wege sein Beileid.
Infolge der Karfreitagsruhe erschienen keine
Zeitungen,' jedoch veröffentlichen die englischen
Nachrichtenagenturen lange Nachrufe. Das
halbamtliche Nachrichtenbüro Reuter meldet,
daß die vielen Freunde, die Botschafter von
Hoesch in London besessen habe, durch die To
desnachricht tief erschüttert seien. Die Nach
richtenagentur „Preß Association" schreibt:
Botschafter von Hoesch gehörte zu der langen
Reihe hervorragender deutscher Diplomaten,
die ihr Land am Hofe von St. James vertreten
haben.
Der Präsident des englischen Staatsrats,
Ramsay Mac-Donald, erklärte u. a., Botschaf
ter von Hoesch sei einer der hervorragendsten
Vertreter der alten Diplomatenschule gewesen.
Das diplomatische Korps in London erleide
durch seinen Tod einen großen Verlust.
Lordkanzler Lord Hailsham äußerte sich u. a.,
daß man den deutschen Botschafter sehr ver
missen werde. Er habe das englische Volk gut
gekannt und verstanden.
Der frühere englische Außenminister Sir Sa
muel Hoare gab seiner tiefen Betrübnis Aus
druck und sagte: Ich bedauere es, daß wir in
London einen Freund verloren haben, und daß
Deutschland einen so fähigen Vertreter ver
loren hat!
Der frühere Luftminister Lord Londonderry
erklärte: Sein Tod ist mehr als ein persön
licher Verlust für seine Freunde: er ist ein
Verlust für die Oefsentlichkeit. Sowohl Deutsch
land wie England sind schmerzlich betroffen.
Botschafter von Hoesch hat viel dazu beigetra
gen, eine bessere Grundlage der Verständigung
zwischen den beiden Nationen zu schaffen.
Auch Ministerpräsident Baldwin und die
übrigen englischen Minister, die sich bereits für
die Osterfeiertage auf das Land begeben haben,
wurden von dem Hinscheiden des deutschen
Botschafters unterrichtet.
Auf der deutschen Botschaft wurde die deut
sche Flagge auf Halbmast gesetzt.
Im Alter von 64 Jahren ist am Vormittag
des 10. April der deutsche Botschafter in Lon-
Polizeiverordnung für Europa
Halten wir uns heute, tvo es um grundsätz
liche Entscheidungen geht, nicht mit den Einzel
heiten so absichtlich hinterwäldlerischer Dvku-
mente aus, wie sie das französische Memoran
dum und der französische Gegenplan darstellen.
Wir können uns das um so mehr ersparen, als
wir hier bereits zu den Grundzügen der fran
zösischen Dokumente eingehend Stellung ge
nommen haben und überdies ja sowohl der
deutsche wie der französische Plan in Genf aus
führlich diskutiert werden soll. Dabei wird das
Für und Wider zu dieser und jener Einzelheit
noch zu behandeln sein. Zunächst geht es um
die Skizzierung der Grundhaltung, aus der
heraus Frankreich ein geeignetes Gegenstück
zu dem großen Friedensplan Adolf Hitlers ge
schaffen zu haben glaubt.
Ob cs wohl den Verfassern dieser beiden Do-
kumente zu denken gibt, daß unmittelbar nach
Bekanntwerden des französischen Planes sich
in aller Welt eine derartig starke Kritik bis iu
die eigenen Reihen hinein trotz stärkster propa
gandistischer Vorarbeit erhob, während gegen
über dem deutschen Friedensplan genau wie
am 7. März und am 21. Mai vorigen Jahres
die Stimmen der Anerkennung für die positive
Leistung weit überwogen? Aber vermutlich
verlangt man schon damit zuviel von den Ver
fassern des Memorandums und des Gegen
planes, deren Wortlaut ein so beschämendes
Armutszeugnis für die politische Konzeptions
gabe der Flandin, Sarraut, Paul-Boncour und
geistigen Anhanges ist. Halten wir uns an
praktischere Dinge!
Unter den vielen ausländischen Stimmen
der Kritik scheint uns die Londoner „Times"
den eigentlichen Kern des französischen Planes
am besten zu treffen, wenn sie darauf hinweist,
daß Europa sich unmöglich „in so starkem Maße
in seiner Souveränität beschränken" lassen
werde! Damit weist das Blatt ans den ent
scheidenden Grundsatz des französischen Impe
rialismus überhaupt. Es ist jene Sorte von
Imperialismus, die jederzeit zu politischen
Täuschungsmanövern gegenüber den Völkern
auf jeden Fall bereit ist, etwa wenn der fran
zösische Plan in seinem ersten Teil in absicht
lich irreführender Art wieder von der „Aner
kennung der Gleichberechtigung" spricht und
wenige Sätze weiter schon verlangt, daß andere
Staaten — natürlich niemals Frankreich selbst!
— „freiwillig und im Allgemeininteresse" auf
ihre Souveränität teilweise verzichten sollen!
Selbst die unpolitischsten Völker in Europa
sind heute nicht mehr dumm genug, um nicht
zu wissen, daß Frankreich spätestens seit der
Fünfmächteformel vom Dezember 1932 jeden
Anspruch auf Glaubwürdigkeit einer theoreti
schen Gleichberechtigungsphrase verloren hat
und daß das europäische „Allgemeininteresse"
nun schon seit 17 Jahren nichts anderes ist als
Frankreichs von Mißtrauen und Ueberheblich-
keit genährte maßlose Herrschsucht über Europa.
Hat es angesichts dieser Dokumente, die von
überalterten Politikern geschrieben wurden,
noch einen Sinn, auch nur daran zu erinnern,
daß wir beispielsweise schon bei dem großen
Bluff des Briandschen „Europaplanes" vom 1.
Mai 1930 diese Redensarten wie „unbedingte
Souveränität" oder „völlige politische Unab
hängigkeit" oder „Gleichheit ihrer Rechte" als
nie eingelöste Wechsel an der europäischen
Börse haben herumreichen sehen? Was ist heute
noch von einer Methode zu halten, die jedem
halbwegs positiven Satz ein halbes Dutzend
Verneinungen folgen läßt!
Wäre der geistige und der politisch-kon
struktive Abstand zwischen dem französi
schen Gegenplan und dem Friedensplan
Adolf Hitlers mit seiner praktischen Durch
dachtheit nicht gar zu groß, man könnte es
beleidigend nennen, daß man der hand
festen Konstruktion für Europas Befrie
dung nichts anderes entgegenzusetzen weiß
als einen Plan zur völkerrechtliche» Sta
bilisierung des politischen Mißtrauens
aller gegen alle in Europa. Denn was ent
hält der französische Plan überhaupt Posi
tives außer immer neuen Drohungen mit
Strafen, Sanktionen und dergl.!
Nichts bezeichnender für die geradezu krank
hafte Sucht der französischen Drohmanier, als
daß Flandin, kaum itt Genf angekommen, schon
den englischen Außenminister damit unter
Druck zu setzen versucht, daß er Gerüchte über
die Absicht militärischer Aktionen Frankreichs
gegen deutsches Gebiet aussprengen läßt! Dabei
hat derselbe Flandin erst vor wenigen Tagen
von demselben Eden von der Rednertribüne
des Unterhauses aus die denkbar deutlichste
Warnung vor allen undurchführbaren Utopien
zu hören bekommen.
Gewiß, wir billigen den zurzeit noch maß
geblichen französischen Ministern insofern mil
dernde Umstände zu, als ihre jetzige Politik
vor allem diktiert wird aus übersteigerten
Rücksichten ans die kommenden französischen
Wahlen. Aber man braucht deswegen kein
diplomatisches Dokument in die Oefsentlichkeit
hinauszulassen, das selbst in Frankreich be
freundeten Ländern als „Wahlplakat" bezeich
net wird und von dem man in sehr französen
freundlichen Kreisen Amerikas erklärt, es
gleiche dem System der alten Kriegsbünönisse
wie ein Ei dem andern. Darin aber liegt der
zweite Kernpunkt nicht nur des französischen
Gegenplanes, sondern der französischen Euro
papolitik überhaupt: die Aufteilung des euro
päischen Raumes durch ein engmaschiges Netz
von mehr oder weniger militärpolitisch unter
bauten Bündnissen derart, daß Deutschland
darin eingefangen wird wie im Stacheldraht
gitter eines der berüchtigten französischen
Kriegsgefangenenlager.
„Unter dem Vorwand, den Frieden erhal
ten zu wollen, führt die Anhäufung von
Verträgen gegenseitiger Hilfeleistung zu
einer Verallgemeinerung des Krieges, in
den die einzelnen Staaten durch das Spiel
der gegenseitigen Garantieverpflichtungen
nacheinander hineingezogen werden".
Mit anderen Worten: Europa hat zu mar
schieren, wenn Frankreich das für nötig hält.
In diesem Sinne bedeutet Gleichberechtigung,
unter der Aufsicht Frankreichs und unter dessen
stetem Einmischungsrecht leben zu dürfen. In
diesem Sinne hat schon die verlogene Phrase
vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker" nie
etwas anderes als den französischen Anspruch
auf das generelle Vormundschaftsrecht in Eu
ropa bedeutet.
In keinem anderen Staat der Welt, nicht
einmal im bolschewistischen Rußland, gibt es
bezeichnenderweise eine derart enge Zusam
menarbeit zwischen Außenministerium und —
Generalstab wie in Frankreich. In keinem an
deren Staat der Welt gibt es so enge Bin
dungen zwischen Generalstab und Rüstungs
industrie einerseits sowie Rüstungsindustrie
und politischer Presse andererseits. Das ist
Frankreichs Privatangelegenheit, Europa
braucht kein Polizeipräsidium.