Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Leben zu führen, wie sie es nur aus Märchen 
büchern kannte. War denn dieses aus Balken 
und Brettern gefügte, mit Schindeln bedeckte 
Haus nicht ein Knusperhäuschen. . . ? 
Noch in solcherlei schönen Träumen befan 
gen, schlug am anderen Tage das kleine Stadt- 
mädel die Augen auf, als die Sonne schon hoch 
am Himmel stand. Neben dem Bett aber lachte 
Bergrun, die Försterstochter, daß die Zähne 
nur so blitzten. Und auf einem kleinen Tisch 
stand ein Frühstück bereitet, wie es Gretel bis 
her nicht einmal vom Hörensagen kannte. 
Der neue Tag brachte weitere Ueberraschun- 
gen. Das zahme Reh, das sich von Gretel Fut 
ter reichen ließ, ohne scheu davonzulaufen, fand 
unser Stadtmädel eigentlich ganz in der Ord 
nung. Es gehörte einfach zum Knusperhäusel. 
Aber der alte Hase Klaus, dessen braungraues 
Fell schon recht schütter geworden war, ver 
setzte die Kleine in ein anfangs unerklärliches 
Verzücken. Er hoppelte aus dem Wald herbei, 
ließ sich wenige Schritte vor der atemlos 
schauenden Gretel auf den Hinterläufen nieder 
und betrachtete mit hoch gespitzten Löffeln den 
neuen Forsthausbewohner. Nachdem er wenig 
später wieder in Busch und Tann verschwun 
den war, stürzte Gretel hochroten Gesichts in 
die Küche: 
„Ich hab' den Osterhasen geseh'n!" 
Davon war das Menschlein in der Folge 
nicht abzubringen. Gretel erzählte, daß sie den 
Osterhasen nur von Abbildungen her kannte 
und daß er noch niemals zu ihr gekommen sei. 
Worauf sich die Förstersleute heimlich bedeut 
sam anschauten und Gretel wieder vor das 
Haus schickten. Bergrun hatte in den nächsten 
Stunden allerlei Arbeit. Sie kroch im Hühner- 
stall umher, während die Försterin nach einem 
Körbchen Ausschau hielt. Der Fuhrknecht aber, 
zugleich Waldwärter, kratzte, nachdem er den 
Blicken Grctels entschwunden war, heimlich 
trockenes Moos von den Zweigen der Fichten. 
Unbewußt spürte Gretel die österliche Stim 
mung, die überall in der Luft lag. Die Sonne 
schien warm und hell, die Wässerlein hüpften 
und murmelten über blanke Kiesel, das Gras 
begann in zartem Grün zu sprossen, die Wei 
denkätzchen waren längst prall aufgesprungen, 
und hin und wieder ließ sich auch der Osterhase 
blicken. 
Am Morgen des folgenden Tages, als Gretel 
die Diele betrat, kannte ihr Entzücken keine 
Grenzen. Inmitten des Raumes hockte Klaus, 
der alte Hasenvater, und kaute emsig an einem 
Kohlstrunk. Als Gretel nach einigem aufgereg 
ten Suchen das ansehnliche Nest mit den Oster 
eiern gefunden und einen Jubelruf ausge 
stoßen hatte, spitzte er die Löffel und schaute 
nur beiläufig auf das Glückskind, als wolle er 
sich überzeugen, daß nun alles in Ordnung 
war. Er ließ es sich ruhig gefallen, wie das 
Mädchen seinen struppigen Pelz streichelte und 
ihm tausend Kosenamen in das Ohr flüsterte 
. . . und der dicken Förstersfrau hüpften vor 
Rührung die Tränen wie blitzblanke Kügel 
chen über die prallen Wangen. . . 
Die Menschen vom Walde empfingen so jene 
Botschaft, die den Menschen verkündet, daß 
Freudespenden in den Herzen der Gebenden 
reinstes Glück erblühen läßt . . . 
Borwitzchen 
und seine Schwestern 
Osterblumen, die ersten Frühlingsboten. 
Der letzte Schnee ist kaum verschwunden, und 
noch fegen kalte Märzwinde über Wiesen und 
Felder, als sich bereits die ersten Boten des 
Frühlings melden, die zarten Kinder Floras, 
die man, weil sie zur Osterzeit blühen, nicht 
nur im Volksmund, sondern auch bei den Bo 
tanikern Osterblumen nennt. Sie machen ihrem 
Namen alle Ehre,' bringen sie es doch fertig 
manchmal sogar den starken kalendarischen 
Schwankungen des Ostertermins zu trotzen. 
So hat man jedenfalls beobachtet, daß beispiels 
weise die Osterglocke oder Küchenschelle an ei- 
Der Weg nach Mathildental 
Von Elisabeth Fries. 
Die Sonne schien in die Kammer, blutrot 
spiegelte sie sich in der weißgestrichenen Tür. 
so daß ihr Widerschein das Auge des Schläfers 
traf. Die breiten Augenlider mit den langen 
Wimpern zuckten ein paarmal, dann schlug er 
die dunklen Augen auf. Einen Augenblick 
mußte er sich besinnen, wo er war, dann sprang 
er aus dem schmalen eisernen Bett und lief 
zum Fenster. Ein tiefer Atemzug hob seine 
breite Brust: Das war sie, die schöne Heimat, 
deren Bild er nicht hatte loswerden können, 
und die ihn auch schließlich wieder herbeigezo 
gen hatte, obwohl er so ganz anders wieder 
gekommen war, als er gedacht hatte. 
Da unten floß der Rhein, der frische Mor 
genwind trieb seine Wellen eilig vor sich hin, 
als sollten sie Versäumtes nachholen. Der 
leuchtende Sonnenball tanzte zitternd darauf, 
daß es aussah wie ein ungeheurer feuriger 
Schuppenpanzer. Die Ufer zu beiden Seiten 
— alles wie einst, nur für ihn, Joseph Schmitz, 
so ganz anders .... 
Heiß stieg es dem Manne in die Augen. Er 
hatte sich mit dem Vater nicht vertragen kön 
nen, noch nie im Leben, obwohl der Sohn dun 
kel spürte, daß dieser es gut meinte, Strenge 
oft nur aus dem übergroßen Pflichtgefühl des 
alten Mannes üerauswuchs. Der hatte die Fa 
brik noch in sehr kleinem Umfange von seinem 
ner bestimmten Stelle durch viele Jahre pünkt 
lich zu Ostern zu blühen begann, mochte nun 
das Fest auf einen frühen oder späten Termin 
fallen. Erscheinen die Osterblumen zeitig im 
Jahr, so müssen sie ihr Vertrauen in das Wet 
ter oft schwer büßen,' die Frühlingssonne kann 
recht trügerisch sein, und wenn der Winter 
plötzlich zurückkehrt, sind die vom Menschen so 
dankbar und freudig begrüßten Lenzkinder im 
Handumdrehen unter Schnee und Eis begraben 
oder im kalten Nachtfrost erbarmungslos er 
froren. Weshalb ja auch eine dieser Osterblu 
men, das Leberblümchen, da und dort auch 
„Ostertröpfchen" genannt, in Westfalen „Vor- 
witzchen" heißt, das zeitig im Jahr seine klei 
nen blauen, manchmal auch roten Blüten öff 
net und den Boden des winterkahlen Waldes 
mit einem Teppich überzieht. 
Die eigentlich Osterblume ist das Buschwind 
röschen (Anemone nemorosa). Weil der große 
antike Naturforscher Plinius glaubte, daß die 
Pflanze nur bei windigem Wetter ihre zarten 
Blütensterne öffne, nannte sie der im 17. Jahr 
hundert lebende Botaniker Theodor von Berg 
zabern „Windröschen". Scheffel hat sie besun 
gen: „Da und dort nur aus dem Grunde hob 
das junge Köpflein schüchtern Anemon und 
Schlüsselblume. Wie der alte Patriarch einst 
in der Sündflut Wassernöten ausgesandt die 
weiße Taube, so von Winters Eis umlastet 
schickt die Erde ungeduldig fragend aus die 
ersten Blumen, fragend, ob nicht der Bedrän 
ger in den letzten Zügen liege". Liegt der Be 
dränger, der Winter, wirklich in den letzten 
Zügen, dann bilden die weißen, rosa ange 
hauchten Blütensterne der Osterblume an son 
nigen Stellen förmlich weiße Flecken auf dem 
graugrünen Grunde. Gelbe Osterblume heißt 
zum Unterschied das mit dem Buschwindrös 
chen vergesellschaftete gelbe Windröschen (Ane 
mone ranunculoides). Das bereits erwähnte 
Leberblümchen, ein Verwandter des Busch 
windröschens, wächst in lichten Wäldern und 
vorzugsweise an feuchten Stellen. Das „Vor- 
witzchen" muß sich zeitig rühren,' denn hat erst 
einmal der Wald sein grünes Kleid angelegt, 
ringt das Licht der Sonnenstrahlen nicht mehr 
durch die dichten Kronen, dann findet das Le 
berblümchen keine Existenzbedingungen mehr 
vor. Die Blüte ist vielfarbig,' der Stempel ist 
grün, die Staubbeutel weiß,' sie tragen außer 
dem ein rosarotes Mittelband, und auch die 
einzelnen Blüten sind verschieden von einan 
der. Junge sind tiefblau, die älteren spielen 
ins Weißliche. Während der Blütezeit ver 
größert sich die Blüte übrigens ganz auffällig, 
beinahe bis auf das Doppelte der anfänglichen 
Größe. 
Als dritte Osterblume endlich die Osterglocke 
oder Küchenschelle, eine nahe Verwandte des 
Windröschens und des Leberblümchens, zu 
nennen, die nach der Ueberlieferung Ostern 
einläutet. Sie ist nicht besonders häufig, und 
sie gedeiht auf sandigem oder kalkigem Boden. 
Ihre Blüte ähnelt der Tulpe,' ihre tieföunkel- 
violette Farbe wird etwas beeinträchtigt durch 
ein feines Pelzwerk seidiger Härchen. Die 
Küchenschelle wurde früher, obwohl gifthaltig, 
als Heilmittel benutzt, während man mit ihrem 
grünen Saft zuweilen auch die Ostereier färb 
te. Zu den Osterblumen wird man das Maß 
liebchen oder Gänseblümchen zu rechnen haben, 
mit dem unsere Vorfahren den Osterpokal um 
wanden, wenn sie das Frühlingsfest feierten. 
An feuchten Waldstellen trifft man auch in der 
Gesellschaft der genannten Osterblumen das 
Himmelsschlüsselchen, dessen spitz zulaufende 
Krone einem innen hohlen Schlüssel gleicht, 
zieht man die gelbe Blumenkrone heraus, so 
bleibt die Kelchröhre wie ein kleines Schloß 
mit Schlüsselloch zurück. Diese eigenartige 
Form hat manche sinnige Legende um die 
kleine Blume entstehen lassen,' Sankt Peter 
hat einst vor Schreck sein Schlüsselbund aus 
dem Himmel fallen lassen, und an der Stelle, 
wo die Schlüssel, die ein Engel wieder in 
Sicherheit brachte, die Erde berührten, sind 
dann als wundersames Abbild die Schlüssel 
blumen entstanden. Es versteht sich, daß die 
Blume den Wunderglauben des Volkes stark 
beschäftigte, und daß man ihr alle möglichen 
Kräfte zuschrieb. 
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Das Osterei, mag es nun das Huhn oder der 
Hase legen, gehört zum Osterfest wie der Christ 
baum zum Weihnachten. Allerdings brauche« 
Ostereier nicht immer wirklich Eier zu sein, 
man kann auch viele andere Dinge schenken. 
Ostern ist ein Fest der Freude, das nicht nur 
die Herzen, sondern auch die Beutel öffnet und 
den Alltag vergessen läßt. So erging es eines 
Tages auch dem Kurfürstin August I. von Sach 
sen, der als sehr sparsamer Lanöesvater be 
kannt war. Nie gab er unnötig einen Heller 
au. Aber einmal hat auch ihm die Osterfreude 
ans Herz gegriffen und ihn den Beutel weiter 
öffnen lassen, als es seine Gewohnheit war. 
Er machte seiner Gemahlin, Anna von Däne 
mark, ein kunstvolles Brunnenwerk zum Oster 
geschenk . .. 
In vicljähriger, mühevoller Arbeit hatte der 
Kurfürst den Brunnenschacht der Feste König 
stein in den Fels sprengen lassen, und immer 
wieder dachte er darüber nach, wie man das 
Wasser an die Oberfläche befördern könne, in 
einem Maße, daß auch eine starke Besatzung 
ausreichend versorgt werden könne. Der Uhr 
macher Konrad König aus Altenburg hatte 
dem Kurfürsten bereits Zeichnungen vorgelegt, 
wie er das Wasser aus dem Brunnenschacht 
Heraufpumpen wolle — damals ein technisches 
Wunder. Der Kurfürst konnte sich jedoch in 
folge der hohen Herstellungskosten nicht zur 
Annahme entschließen. 
Um die Osterzeit des Jahres 1676 kam der 
Uhrmacher nochmals an den Dresdner Hof und 
führte in Gegenwart der Kurfürstin das fer 
tige Modell vor. „Sehr hübsch," sagte der Re 
gent, „aber 2000 Goldgulden sind mir dafür zu 
teuer. Kann Er das nicht billiger machen?" 
Der Uhrmacher verneinte und meinte, daß die 
Kosten eher noch teurer würden. Da mischte sich 
die Fürstin ein, die sich das Modell genau be 
sehen hatte. Die ganze in der Natur 160 Meter 
hohe Pumpstrecke war in 11 Abteilungen ge 
gliedert, und an jedem Abschnitt stand eine 
Pumpe, die von zwei Mann bedient werden 
mußte, um das Wasser eine Etappe höher zu 
schaffen. „Eure Kurfürstliche Gnaden," sagte 
sie, „es ist ein Wunderwerk, daß dieser Alten 
burger Euch da errichten will, und so Ihr be 
denket, daß Ostern ist und Ihr mir ein Ge 
schenk machen wollet, so bitte ich Euch herzlichst 
um diesen Bau. Denn er wird Euer Land stark 
machen und gefestigt gegen den Einfall der 
Feinde." 
Der Kurfürst, der das gern hörte, bewilligte 
diese hohe Summe, und König ging ans Werk. 
Neun volle Jahre wurde nun an dieser Pump 
anlage gebaut, aber kein Tropfen Wasser ließ 
sich durch die Röhren an die Oberfläche des 
Königssteins befördern. Die gelehrtesten Män 
ner jener Zeit zerbrachen sich ebenso wie der 
Kurfürst selbst die Köpfe über das wissenschaft 
liche Rätsel! Beim Modell funktionierte die 
Erfindung, aber in der genau nachgebauten 
Originalausführung versagte sie. Der Kurfürst 
verdächtigte deu Uhrmacher als Schwindler 
und Betrüger, und es hätte nicht viel gefehlt, 
um dem Erfinder den Prozeß zu machen. Am 
meisten ärgerte sich der Kurfürst über die un 
nötige Verschwendung, — wenn es auch zum 
Osterfest geschehen war . . . 
Erst viel später, als der Kurfürst längst tot 
war, entdeckte man das Gesetz des atmosphäri 
schen Druckes, wonach das Wasser in einer 
Säugpumpe nur zehn Meter hoch steigt, die 
Pumpabschnitte auf dem Königstein waren je 
14 Meter lang. Das Modell selbst funktionierte 
nur, weil es sich hier um Leitungen von weni 
gen Zentimetern handelte. Immerhin wurde 
dieses merkwürdige Osterei der Anstoß für 
viele wissenschaftliche Versuche, die schließlich 
zur Entdeckung des atmosphärischen Druckes 
führten. Albert Schweitzer. 
Vater geerbt und in mühevoller Arbeit hoch 
gebracht. Der alte Grundsatz reichgewordener 
Leute: Der Großvater erwirbt's, der Vater 
erhült's, und der Sohn bringt es durch — 
schien dem alten Schmitz ein Dogma, an dem 
es nichts zu rütteln gab. Freilich — Joseph 
hatte ihm oft genug Anlaß zu solchen Befürch 
tungen gegeben, aber hätten die Eltern es nicht 
anders anfangen, ihn anders anfassen müssen? 
Darüber grübelte der Mann, der sehnsüch 
tig die Richtung suchte, wo in einem der Sei 
tentäler des Rheins Mathildental lag, nach 
dem das Heimweh ihn nie wieder loslassen 
würde. Er hatte es empfunden in der langen, 
schweren Zeit, die er in der Fremde verbracht 
hatte. Er möchte doch wohl einmal hinein 
gucken, ein einziges Mal unerkannt vorbei 
gehen an dem Tor zur Fabrik, aber würden 
die älteren unter den Arbeitern ihn trotz sei 
nes Vollbartes nicht alle wiedererkennen? 
Ueber dem Gedanken, wie er Mathildental 
wiedersehen könnte, brütete Joseph Schmitz 
noch manches Mal, ohne doch eine Lösung zu 
finden. Er mußte schon froh sein, wenn unter 
seinen jetzigen Arbeitsgenossen beim Brücken 
bau keine aus der nahen Umgebung der vä 
terlichen Fabrik waren. Joseph Schmitz als 
Arbeiter, unter einen Techniker gestellt, dem 
er hundertmal überlegen war — wie ein Lauf 
feuer würde das Gerücht seinen Weg machen 
und auch den Vater erreichen, so einsam er ge 
wiß jetzt lebte. Nicht auszudenken, was er da 
bei empfinden würde! 
Die Heimat zog und riß an seinem Herzen, 
er hätte nicht kommen sollen — so nicht! Ja. 
wenn er es zu etwas gebracht hätte und vor 
den Vater hätte hintreten können: „Sieh, das 
hab ich erreicht,- du siehst, was ich vorhatte, 
war gut", dann hätte er wohl nicht so lange 
gewartet, aber nun? 
Zuerst, da war es ihm glänzend gegangen, 
er hatte mit der Summe, die ihm sein Vater 
hatte auszahlen lassen, spekuliert, wie in je 
ner Zeit alle spekulierten, sein Vater, Hein 
rich Schmitz, ausgenommen. Da war er Auto 
gefahren und hatte Theater besucht, Sportplätze 
und Rennbahnen, hatte Reisen gemacht, bis 
auf einmal die Umschichtung der Verhältnisse 
all dem ein Ende bereitete. Eine Weile war es 
ihm noch gelungen, sich über Wasser zu halten, 
aber als Monat auf Monat ins Land ging, 
ohne daß er Arbeit finden konnte, da fühlte er 
in Hunger und Not, in Zorn auf sich selbst und 
in blutiger Scham seinen Trotz gegen den 
Vater schwinden. Da hatte er die Zähne fest 
aufeinander gebissen und hatte die Arbeit an 
der zertrümmerten Rheinbrücke angenommen 
als Arbeiter — nicht als Ingenieur, denn als 
solcher hätte er sich, soweit der Schornstein 
rauchte, am Rhein von Koblenz abwärts bis 
an die holländische Grenze nur melden können, 
wenn er gewillt war, der Frage standzuhal 
ten: Doch nicht der Sohn von Heinrich Schmitz, 
Mathildental? 
Wie gerne hätte er gewußt, was aus Ma 
ri echen Melsbach geworden war. Mehr als 
einmal war er in Versuchung, in dem Städt 
chen, das er von einer bestimmten Stelle am 
Rhein aus liegen sehen konnte, nach ihr zu 
fragen. Doch es war eigentümlich, dieser 
Wunsch lief nur nebenher, er schien von unter 
geordneter Bedeutung gegenüber dem, was ihn 
ganz erfüllte: dem Heimweh nach Mathilden 
tal. Und doch hatte er nie aufgehört, das Mäd 
chen zu lieben! Aber er zweifelte kaum, sie 
würde längst geheiratet haben, so hübsch wie 
sie war. Ob sie ihn vergessen hatte? Ein stechen 
der Schmerz in-seinem Herzen schien eine Art 
von Antwort zu sein. 
Gestern hatte ihm der Ingenieur gesagt, 
daß die Arbeit aufhören müsse, sobald Frost 
käme. Das konnte noch eine gute Weile hin 
sein, man wußte es nicht. Der Vorgesetzte, der 
dem fleißigen Schmitz wohlwollte, gab ihm 
einen Wink: In S. war es vielleicht möglich, 
anzukommen, dort sollte eine der großen ehe 
maligen Munitionsfabriken umgebaut werden. 
Joseph Schmitz machte eine unwillkürlich ab 
wehrende Bewegung — das war zu nahe bei 
Mathildental. Der Ingenieur sah ihn verwun 
dert an, um ihn dann schärfer ins Auge zu 
fassen. Kopfschüttelnd blickte er ihm nach. Er 
stand eine Weile in Gedanken verloren — das 
war ja Unsinn, was er da dachte! Eine zufäl 
lige Achnlichkeit mußte ihn täuschen, freilich, 
der Name . . . und dann diese starke Nase mit 
der eigentümlichen Falte darüber« die dunkle«
	        
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