Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Im Zauber schleswļa-WstàWrmttaubenHeļden 
Einer der reizendsten Zwergsträucher unserer 
schleswig-holsteinischen Sandheidegebietö ist die 
Bärentraube. Seitdem ich ihr vor Jahren 
àum ersten Male auf einer Heide unseres Mit 
telrückens begegnete, ist sie mir durch den reiz 
vollen Zauber, der sie umwebt, unter den 
Wildpflanzen unserer engeren Heimat eine der 
liebsten geworden und ich wandere im Laufe 
des Jahres oft zu ihr hinaus, um mich ihrer 
in ihrer Heidewelt zu erfahren. Dabei hatte ich 
Gelegenheit, sie zu belauschen,' ich lernte ein 
Stück ihres Lebens kennen, ihre Standort 
wünsche verstehen, erfuhr vielerlei über ihre 
Lebensgefährten aus der Tier- und Pflanzen 
welt und erlebte ihre wunderbaren Geschicke 
im Wechsel des Jahres. 
Sie ist eine Bewohnerin der stillen, herben, 
Nordischen Heide! Wer ihr Leben kennen ler 
nen will, muß zu ihr wandern, voll Andacht, 
denn sie ist kein Kind der Straße und des be 
wegten, geräuschvollen Lebens. Sie liebt Welt- 
abgeschiedenheit. Stille Heiden und arktische 
Tundren des Flachlandes, aber auch hohe Ge 
birge sind ihre Standorte. Sie ist eine jener 
herben Schönheiten, die man ganz kennen ler 
nen muß, um sie lieb zu gewinnen. Ihre Le 
bensgeschichte ist von immer neuen Wundern 
der heimatlichen Natur erfüllt. Zum Dank will 
ich ihre Schönheit denen vor Augen führen, die 
sie noch nicht kennen, oder kaum beachtet haben. 
Vielleicht werden auch sie nach ihr suchen, wie 
ich es tat, um sie zu hüten und zu pflegen und 
ihren bedrohten Bestand in den wenigen letz 
ten schleswig-holsteinischen Heiden vor dem 
Untergang zu sichern. Fühlt sie sich im Flach- 
lande unserer schleswig-holsteinischen Heiden 
offenbar wohl, so erklettert sie in den Alpen 
Standorte von 3000 Meter Höhe, die oberhalb 
der Baumgrenze liegen, wenn sie hier im Win 
ter nur Schutz durch Schnee gegen Wind und 
Kälte hat. Polarforscher fanden sie sogar noch 
im Westen Grönlands. 
In Schleswig-Holstein sind ihre her- 
vortretendsten Standortgebiete die sandig-kie 
sigen Diluvialböden des westlichen Schleswigs 
und hier wiederum Heiden mit gut wasserdurch 
lässigem, warmem Boden. Ich habe immer 
wieder beobachten können, daß die Bären 
traube sich besonders gern dem für unsere 
Heidegebiete so stimmungsvollen Wacholder 
hinzugesellt, und wo in der heimatlichen Na- 
am Moor bringen iveißstämmige Birken mit dunk 
len Wacholdern untermischt, die Lieblichkeit und 
Herbheit nordischer Moore zum Ausdruck. 
Lichtbild: W. Wolf, Bredstedt. 
turlandschaft noch Bestände dieses einzigen 
wildwachsenden Nadelholzes Schleswig-Hol 
steins vorhanden sind, werden wir fast stets 
die Bärentraube mit ihm in Gesellschaft finden. 
Sie meidet feuchte Standorte, ist daher ein 
Feind jeglicher Heide-Moore und in ihnen nicht 
anzutreffen. 
Bevor wir nun zu ihr wandern, um sic selbst 
in ihrem Standortgebiet aufzusuchen, ihre Le 
bensräume und ihre Umwelt kennen zu ler 
nen, soll nicht vergessen werden, auf ihre Be 
deutung als eine der wichtigsten alten Heil 
pflanzen des Nordens hinzuweisen. Ihre ge 
trockneten Blätter finden auch heute noch in 
der Medizin in durchaus ernst zu nehmender 
Weise Verwendung als Bärentrauben-Tee 
gegen Nieren-, Harn- und Blasenleiden, wobei 
die Heilwirkung insbesondere desinfizierend 
Stoffen der Gerbsäure zuzuschreiben ist. 
Vorfühlingsstimmung war hereingebrochen, 
als wir uns zu einem ersten Besuch im Büren 
traubengebiet im Osten des Kreises Husum 
zwischen Löwenstedt—Joldelund und Norstedt, 
östlich von Bredstedt aufmachten. Erle und Ha 
selstrauch blühen. Der Buchfink schmettert sei 
nen kraftvollen Schlag. Die Amsel dichtet noch 
leise. Aber im nahen Feldgehölz arbeitet unser 
Nordischer Kolkrabe bereits an seinem alten 
Horst, trägt Reiser hinzu und kreist in schönen 
Flugbildern im tiefblauen, nordisch gestimm 
ten Himmel, ruft seine kraftvollen Töne zur 
Blühende Bärentraube 
Erde hinab und kündet den baldigen Einzug 
des Frühlings. 
Vorfrühlingszauber 
liegt auch auf der Bärentraubcnheide! 
Zwar stimmen die ernsten Gestalten einzel 
ner Wacholder, die tiefbraune Farbe der Cal- 
Huna-Heide und das fahle Gelb der abgestor 
benen Gräser und Seggen noch nicht ganz zur 
strahlenden Sonne, aber wie wir Umschau hal 
ten, überraschen uns die vielen lenchtendgrü- 
nen Farbflächen, die sich hier ausbreiten und 
auf denen unsere Augen wohltuend ausruhen: 
es sind die oft mehr als quadratmetergroßen 
Rasen unserer Bärentraube, die auch im Win 
ter ihre dichte und schön grün gefärbte Belau 
bung behält. Wie alle immergrünen Pflanzen 
besitzt die Bärentraube die Fähigkeit, ihre 
Blätter bei strengstem Kahlfrost vor Winter 
verbrennung und im Sommer bei ausgespro 
chenster Dürre und sengender Sonnenbestrah 
lung vor Sonnenbrand zu schützen. 
Im Tierlcbcn ist's um diese Zeit noch still 
aus der Bärentraubenheide. Der Winter hält 
die Heide noch in seinem Bann. Anfang Mai 
laden wir uns erneut bei ihr zu Gast. Wäh 
rend das nahe Eichenkratt noch sein braunes 
Winterkleid trägt und deshalb noch keinen sehr 
frühlingshaften Eindruck erweckt, trägt die 
Wacholderheide bereits ihr Hochzeitskleid. Der 
Wacholder blüht und seine männlichen Büsche 
geben bei jedem Windstoß leichte Wolken Blü- 
tenstaub von sich. Die kleineren Büsche der 
Kriechweide leuchten weithin mit ihren gelben 
Kätzchen. Vom nahen Moor herauf zieht der 
Duft des jetzt blühenden aromatischen Gagels. 
Und unsere Bärentraube? Sie trägt ihr schön 
stes Gewand! Noch glänzender und tiefer grün 
sind ihre laugen Ranken, an deren Enden sich 
überall zarte, weiße Trauben zeigen: 
Die Bärentraube steht in Blüte. 
Zwar ist es kein lautes Prahlen der Farben 
weithin, kein protziges Blühen, etwa, wie das 
unserer Bauernrosen, Sonnenblumen und 
Zinnien in unseren Gärten. Bärentrauben- 
blühen ist eigener Art: unauffällig und von 
reizvollem Zauber. An allen Enden der Triebe 
entdecken wir beim Niederknien die kleinen 
Ballonblütcheu, ähnlich denen der jetzt im 
Moor in Blüte stehenden rosafarbigen Ros 
marinheide. Ein süßer, kaum wahrnehmbarer 
Duft, an Maiglöckchen erinnernd, liegt über 
dem Gebiet. Es ist das Lockmittel, welches den 
vielen kleinen Blütenkelchen unserer Bären 
traube entströmt, um Jnsektenflug anzulocken. 
Da die Sonne das Erd- und Pflanzenreich gut 
durchwärmt, sind mittags viele der leicht be 
schwingten Flieger der Tierwelt unterwegs, 
um den süßduftenden Blütenkelchen einen 
Lichtbild: C. Behrendsen, Bredstedt. 
Besuch abzustatten. An diesem Polster sind ge 
rade einige Hummeln an der Arbeit, Nektar 
zu saugen, an jenem Bienen, Fliegen und 
Wespen. Selbst ein Zitronenfalter, der zuvor 
munter eine blühende Kriechweide umspielt, 
wagt einen Trunk bei der Bärentraube. Und 
die Umwelt? Auch sie stimmt ein in die große 
Frühlingssymphonie. Der ganze Raum ist 
stimmungsvolle Harmonie. Die vielen feinen 
Stimmen unserer Tiermusikanten wie Vögel, 
Bienen, Hummeln, Wespen, Fliegen und 
Frösche, klingen zusammen in einem einzigen 
Rhythmus der Töne, dem Hochzeitsgesang zur 
Bärentraubenblüte. Nur kurze Zeit trägt sie 
ihr Brautkleid. Sie hat Eile zu reifen und 
nur wenige Tage bereitet sie uns das Vergnü 
gen, sie in der Blütezeit belauschen zu können. 
Bereits am Ende der ersten Maiwoche sind die 
kleinen Vlütenballons überall abgestreift, und 
an den Enden der Triebe zeigen sich an Stelle 
der Blüten Ansätze kleiner grüner Beeren: 
Die Bärentraube fruchtet! 
Während der Fruchtperiode spielt sich auf der 
Bärentraubenheide die ganze Glanzzeit tie 
rischen und pflanzlichen Lebens ab. Kreuzotter 
und Blindschleiche häuten sich auf ihrem straf 
fen Polsterlagerrasen und lassen ihre Haut als 
spinnwebdünnes Hemd darauf zurück. Die 
schwarz und gelb gestreifte Töpferwespe klebt 
an die langen Ranken ihre wohlgeformten 
Waben in Gestalt von schön profilierten Töpf 
chen aus grauem Mörtel, trägt gelähmte 
Weichtiere in diese Behälter als Futter für die 
bald heranwachsenden Nymphen. In einem 
verlassenen Bau des Wildkaninchens, unter 
einem weitausladenden, dichten Bürentrauben 
polster hat sich der Steinschmätzer einquartiert 
und sein Nest gebaut. Er brütet darin seine 
fünf mattbläulichen Eier. Unter dem dichten 
Wacholdergebüsch halten Steinkauz und 
Sumpfohreule ihren Tagesschlaf. Gern wäh 
len Fuchs und Dachs Bärentraubenheiden als 
Plätze zur Anlage ihrer Kinderstube, und es 
gewährt einen reizvollen Anblick, die Jung 
füchse in ihren roten Kitteln auf den Polstern 
der Bärentraube spielen zu sehen. 
Vom nahen Moor, das sich im Juni weithin 
mit den weißen Flöckchen des Wollgrases 
schmückt und in dem hellstämmige Birken 
gruppen, mit dunklen Wacholdern untermischt, 
die ganze Lieblichkeit und Herbheit nordischer 
Moore zum Ausdruck bringen, tönt immer 
wieder das monotone Liebeslied des Wiesen 
piepers, der Rohrammer und des seltenen 
Bruchwasserläufers. Dazwischen ruft der 
Kuckuck, meckert die Bekassine, flötet der Brach 
vogel und klagt der Kiebitz. Abends setzen 
Sumpfohreule, Nachtschwalbe, Moor-Frosch u. 
Kreuzkröte das Konzert fort. Als Störenfried, 
Gruppe« vo« Wacholder im Eichenkratt von Neher. 
Lichtbild: Mährt, Elsdorf. 
zum Schrecken der Tierwelt dieses kleinen 
Reiches, erscheint hin und wieder der Kolkrabe. 
Er führt bereits 4 große Junge, denen er heute 
ein Juughäschen, morgen vielleicht ein Feld 
huhn oder eine Wiesenpieperbrut als Beute 
zutrügt. Sie fürchten ihn alle, die gefiederten 
Freunde iveit und breit, kennen sein scharfes 
Auge, seinen mutigen Angriffsgeist und seinen 
erbarmungslosen Schnabel, der von dem, was 
ihm einmal verfallen ist, nichts ivicder her 
ausgibt. So erlebt die scheinbar im tiefsten 
Frieden ruhende Bärentraubenheide auch man 
cherlei Vorkommnisse dramatischer Art,' denn 
der Kampf in der Tierwelt ist hart und un 
barmherzig und daS Recht des Stärkeren siegt. 
Wie in der Tierwelt, so ist auch der Kampf in 
der Pflanzenwelt in unserem kleinen Reich 
nicht minder groß. Auch die Bärentraube kann 
ein Lied davon singen! Wehe ihr, wenn die 
üppig wachsende Calluna-Heide die Oberhand 
über sie gewinnt und ihr dichtes Geäst von 
Zweigen über sie ausbreitet. Sie wird sich 
zwar tapfer und zäh gegen jegliche Uutcrdrük- 
kung wehren, aber infolge ihres kriechenden 
Wuchses muß sie im Lailfe der Jahre den 
Kampf aufgeben und die Heide trägt den Sieg 
davon. 
Mitte Juni etwa steht die Bärentrauben 
heide erneut im Schmuck eines besonderen 
Fcstgewandcs. Aus den vielen dicken Blatt- 
rosetten der in Menge um sie herum wach 
senden Arnica, die den schönen deutschen Na 
men „Bergwvhlverleih" trügt, schossen in we 
nigen Tagen und Nächten überall die aufrech 
ten Rlüteusticle, au deren Enden die edel ge 
formten Blüten sitzen, schönen goldenen Ster 
nen vergleichbar. Biel schöne andere Blüten- 
pslanzen gesellen sich hinzu. Zwischen dem Hei 
dekraut finden wir des öfteren Trupps schö 
ner, stark duftender Orchideen, als Breitkölb 
chen, und vereinzelt auch die große Seltenheit 
der schleswig-holsteinischen Sandheiden, die 
Weiße Nackt-Drüse. Während dieser Zeit ist 
auch einer unserer kleinsten Farne, die bei uns 
überall ziemlich seltene Mondraute, auf der 
Höhe ihrer Entwicklung, und bei sehr sorgfäl 
tiger Beobachtung gelingt es uns, kleine 
Trupps davon zu entdecken. Im nahen Eichen 
kratt hat die Sonneuwärme inzwischen die 
Eicheubüsche mit frischem Grün belaubt und 
endlich den Eindruck winterlicher Erstarrung 
Großer Säulen-Wacholder im Eichenkratt 
von sicher. 
Lichtbild: Mahlt, Elsdorf. 
beseitigt. Im Kratt finden wir einige Stand 
orte des majestätischen seltenen Königfarus, 
häufiger ailch Gruppen des Adlerfarns. An be 
merkenswerten Blüteupflanzeu finden wir 
hier — um nur einige zu neunen — Maiglöck 
chen, Buschwindröschen, kantiges Salvmon- 
siegel, Graslilie, Schattenblume, den Schivcdi- 
schen Hartriegel, mehrere Ginstcrarten, Fär 
berscharte und Krähenbeerq, Ganz vereinzelt 
entdeckt das geschulte Auge'auch wohl einmal 
den Standort des in Schleswig-Holstein sehr 
seltenen Feld-Enzians. Nicht gerade selten 
dringt auch die Bärentraube an lichteren Stel 
len ins Kratt hinein, aber wohler fühlt sie sich, 
wie mau aus ihrem Aussehen schließen muß, 
auf den Sandhügeln der offenen Heide in 
freier, ungehemmter Entwicklung. 
Hier in der offenen Heide haben bei voller 
Bestrahlung durch die Sonne des Hochsommers 
ihre Früchte gut heranreifen können und von 
Anfang Juli ab finden wir die Enden der 
Triebe überall mit zahlreichen scharlachroten 
Beeren geschmückt, die lange Zeit au den 
Sträuchern haften bleiben. Zwar sind die meh 
ligen Beeren, in deren Innerem 5—7 kleine 
Steinkerne enthalten sind, für menschlichen Ge 
nuß ungeeignet. Aber trotzdem finden sie Ab 
nehmer, besonders aus unserer Vogelwelt. 
Durch sie wird die Verbreitung der Samen sehr 
wirksam gefördert. Auch sind, soviel ich beob 
achten konnte, Kleinsäuger, nämlich Mäuse,
	        
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