Im Zauber schleswļa-WstàWrmttaubenHeļden
Einer der reizendsten Zwergsträucher unserer
schleswig-holsteinischen Sandheidegebietö ist die
Bärentraube. Seitdem ich ihr vor Jahren
àum ersten Male auf einer Heide unseres Mit
telrückens begegnete, ist sie mir durch den reiz
vollen Zauber, der sie umwebt, unter den
Wildpflanzen unserer engeren Heimat eine der
liebsten geworden und ich wandere im Laufe
des Jahres oft zu ihr hinaus, um mich ihrer
in ihrer Heidewelt zu erfahren. Dabei hatte ich
Gelegenheit, sie zu belauschen,' ich lernte ein
Stück ihres Lebens kennen, ihre Standort
wünsche verstehen, erfuhr vielerlei über ihre
Lebensgefährten aus der Tier- und Pflanzen
welt und erlebte ihre wunderbaren Geschicke
im Wechsel des Jahres.
Sie ist eine Bewohnerin der stillen, herben,
Nordischen Heide! Wer ihr Leben kennen ler
nen will, muß zu ihr wandern, voll Andacht,
denn sie ist kein Kind der Straße und des be
wegten, geräuschvollen Lebens. Sie liebt Welt-
abgeschiedenheit. Stille Heiden und arktische
Tundren des Flachlandes, aber auch hohe Ge
birge sind ihre Standorte. Sie ist eine jener
herben Schönheiten, die man ganz kennen ler
nen muß, um sie lieb zu gewinnen. Ihre Le
bensgeschichte ist von immer neuen Wundern
der heimatlichen Natur erfüllt. Zum Dank will
ich ihre Schönheit denen vor Augen führen, die
sie noch nicht kennen, oder kaum beachtet haben.
Vielleicht werden auch sie nach ihr suchen, wie
ich es tat, um sie zu hüten und zu pflegen und
ihren bedrohten Bestand in den wenigen letz
ten schleswig-holsteinischen Heiden vor dem
Untergang zu sichern. Fühlt sie sich im Flach-
lande unserer schleswig-holsteinischen Heiden
offenbar wohl, so erklettert sie in den Alpen
Standorte von 3000 Meter Höhe, die oberhalb
der Baumgrenze liegen, wenn sie hier im Win
ter nur Schutz durch Schnee gegen Wind und
Kälte hat. Polarforscher fanden sie sogar noch
im Westen Grönlands.
In Schleswig-Holstein sind ihre her-
vortretendsten Standortgebiete die sandig-kie
sigen Diluvialböden des westlichen Schleswigs
und hier wiederum Heiden mit gut wasserdurch
lässigem, warmem Boden. Ich habe immer
wieder beobachten können, daß die Bären
traube sich besonders gern dem für unsere
Heidegebiete so stimmungsvollen Wacholder
hinzugesellt, und wo in der heimatlichen Na-
am Moor bringen iveißstämmige Birken mit dunk
len Wacholdern untermischt, die Lieblichkeit und
Herbheit nordischer Moore zum Ausdruck.
Lichtbild: W. Wolf, Bredstedt.
turlandschaft noch Bestände dieses einzigen
wildwachsenden Nadelholzes Schleswig-Hol
steins vorhanden sind, werden wir fast stets
die Bärentraube mit ihm in Gesellschaft finden.
Sie meidet feuchte Standorte, ist daher ein
Feind jeglicher Heide-Moore und in ihnen nicht
anzutreffen.
Bevor wir nun zu ihr wandern, um sic selbst
in ihrem Standortgebiet aufzusuchen, ihre Le
bensräume und ihre Umwelt kennen zu ler
nen, soll nicht vergessen werden, auf ihre Be
deutung als eine der wichtigsten alten Heil
pflanzen des Nordens hinzuweisen. Ihre ge
trockneten Blätter finden auch heute noch in
der Medizin in durchaus ernst zu nehmender
Weise Verwendung als Bärentrauben-Tee
gegen Nieren-, Harn- und Blasenleiden, wobei
die Heilwirkung insbesondere desinfizierend
Stoffen der Gerbsäure zuzuschreiben ist.
Vorfühlingsstimmung war hereingebrochen,
als wir uns zu einem ersten Besuch im Büren
traubengebiet im Osten des Kreises Husum
zwischen Löwenstedt—Joldelund und Norstedt,
östlich von Bredstedt aufmachten. Erle und Ha
selstrauch blühen. Der Buchfink schmettert sei
nen kraftvollen Schlag. Die Amsel dichtet noch
leise. Aber im nahen Feldgehölz arbeitet unser
Nordischer Kolkrabe bereits an seinem alten
Horst, trägt Reiser hinzu und kreist in schönen
Flugbildern im tiefblauen, nordisch gestimm
ten Himmel, ruft seine kraftvollen Töne zur
Blühende Bärentraube
Erde hinab und kündet den baldigen Einzug
des Frühlings.
Vorfrühlingszauber
liegt auch auf der Bärentraubcnheide!
Zwar stimmen die ernsten Gestalten einzel
ner Wacholder, die tiefbraune Farbe der Cal-
Huna-Heide und das fahle Gelb der abgestor
benen Gräser und Seggen noch nicht ganz zur
strahlenden Sonne, aber wie wir Umschau hal
ten, überraschen uns die vielen lenchtendgrü-
nen Farbflächen, die sich hier ausbreiten und
auf denen unsere Augen wohltuend ausruhen:
es sind die oft mehr als quadratmetergroßen
Rasen unserer Bärentraube, die auch im Win
ter ihre dichte und schön grün gefärbte Belau
bung behält. Wie alle immergrünen Pflanzen
besitzt die Bärentraube die Fähigkeit, ihre
Blätter bei strengstem Kahlfrost vor Winter
verbrennung und im Sommer bei ausgespro
chenster Dürre und sengender Sonnenbestrah
lung vor Sonnenbrand zu schützen.
Im Tierlcbcn ist's um diese Zeit noch still
aus der Bärentraubenheide. Der Winter hält
die Heide noch in seinem Bann. Anfang Mai
laden wir uns erneut bei ihr zu Gast. Wäh
rend das nahe Eichenkratt noch sein braunes
Winterkleid trägt und deshalb noch keinen sehr
frühlingshaften Eindruck erweckt, trägt die
Wacholderheide bereits ihr Hochzeitskleid. Der
Wacholder blüht und seine männlichen Büsche
geben bei jedem Windstoß leichte Wolken Blü-
tenstaub von sich. Die kleineren Büsche der
Kriechweide leuchten weithin mit ihren gelben
Kätzchen. Vom nahen Moor herauf zieht der
Duft des jetzt blühenden aromatischen Gagels.
Und unsere Bärentraube? Sie trägt ihr schön
stes Gewand! Noch glänzender und tiefer grün
sind ihre laugen Ranken, an deren Enden sich
überall zarte, weiße Trauben zeigen:
Die Bärentraube steht in Blüte.
Zwar ist es kein lautes Prahlen der Farben
weithin, kein protziges Blühen, etwa, wie das
unserer Bauernrosen, Sonnenblumen und
Zinnien in unseren Gärten. Bärentrauben-
blühen ist eigener Art: unauffällig und von
reizvollem Zauber. An allen Enden der Triebe
entdecken wir beim Niederknien die kleinen
Ballonblütcheu, ähnlich denen der jetzt im
Moor in Blüte stehenden rosafarbigen Ros
marinheide. Ein süßer, kaum wahrnehmbarer
Duft, an Maiglöckchen erinnernd, liegt über
dem Gebiet. Es ist das Lockmittel, welches den
vielen kleinen Blütenkelchen unserer Bären
traube entströmt, um Jnsektenflug anzulocken.
Da die Sonne das Erd- und Pflanzenreich gut
durchwärmt, sind mittags viele der leicht be
schwingten Flieger der Tierwelt unterwegs,
um den süßduftenden Blütenkelchen einen
Lichtbild: C. Behrendsen, Bredstedt.
Besuch abzustatten. An diesem Polster sind ge
rade einige Hummeln an der Arbeit, Nektar
zu saugen, an jenem Bienen, Fliegen und
Wespen. Selbst ein Zitronenfalter, der zuvor
munter eine blühende Kriechweide umspielt,
wagt einen Trunk bei der Bärentraube. Und
die Umwelt? Auch sie stimmt ein in die große
Frühlingssymphonie. Der ganze Raum ist
stimmungsvolle Harmonie. Die vielen feinen
Stimmen unserer Tiermusikanten wie Vögel,
Bienen, Hummeln, Wespen, Fliegen und
Frösche, klingen zusammen in einem einzigen
Rhythmus der Töne, dem Hochzeitsgesang zur
Bärentraubenblüte. Nur kurze Zeit trägt sie
ihr Brautkleid. Sie hat Eile zu reifen und
nur wenige Tage bereitet sie uns das Vergnü
gen, sie in der Blütezeit belauschen zu können.
Bereits am Ende der ersten Maiwoche sind die
kleinen Vlütenballons überall abgestreift, und
an den Enden der Triebe zeigen sich an Stelle
der Blüten Ansätze kleiner grüner Beeren:
Die Bärentraube fruchtet!
Während der Fruchtperiode spielt sich auf der
Bärentraubenheide die ganze Glanzzeit tie
rischen und pflanzlichen Lebens ab. Kreuzotter
und Blindschleiche häuten sich auf ihrem straf
fen Polsterlagerrasen und lassen ihre Haut als
spinnwebdünnes Hemd darauf zurück. Die
schwarz und gelb gestreifte Töpferwespe klebt
an die langen Ranken ihre wohlgeformten
Waben in Gestalt von schön profilierten Töpf
chen aus grauem Mörtel, trägt gelähmte
Weichtiere in diese Behälter als Futter für die
bald heranwachsenden Nymphen. In einem
verlassenen Bau des Wildkaninchens, unter
einem weitausladenden, dichten Bürentrauben
polster hat sich der Steinschmätzer einquartiert
und sein Nest gebaut. Er brütet darin seine
fünf mattbläulichen Eier. Unter dem dichten
Wacholdergebüsch halten Steinkauz und
Sumpfohreule ihren Tagesschlaf. Gern wäh
len Fuchs und Dachs Bärentraubenheiden als
Plätze zur Anlage ihrer Kinderstube, und es
gewährt einen reizvollen Anblick, die Jung
füchse in ihren roten Kitteln auf den Polstern
der Bärentraube spielen zu sehen.
Vom nahen Moor, das sich im Juni weithin
mit den weißen Flöckchen des Wollgrases
schmückt und in dem hellstämmige Birken
gruppen, mit dunklen Wacholdern untermischt,
die ganze Lieblichkeit und Herbheit nordischer
Moore zum Ausdruck bringen, tönt immer
wieder das monotone Liebeslied des Wiesen
piepers, der Rohrammer und des seltenen
Bruchwasserläufers. Dazwischen ruft der
Kuckuck, meckert die Bekassine, flötet der Brach
vogel und klagt der Kiebitz. Abends setzen
Sumpfohreule, Nachtschwalbe, Moor-Frosch u.
Kreuzkröte das Konzert fort. Als Störenfried,
Gruppe« vo« Wacholder im Eichenkratt von Neher.
Lichtbild: Mährt, Elsdorf.
zum Schrecken der Tierwelt dieses kleinen
Reiches, erscheint hin und wieder der Kolkrabe.
Er führt bereits 4 große Junge, denen er heute
ein Juughäschen, morgen vielleicht ein Feld
huhn oder eine Wiesenpieperbrut als Beute
zutrügt. Sie fürchten ihn alle, die gefiederten
Freunde iveit und breit, kennen sein scharfes
Auge, seinen mutigen Angriffsgeist und seinen
erbarmungslosen Schnabel, der von dem, was
ihm einmal verfallen ist, nichts ivicder her
ausgibt. So erlebt die scheinbar im tiefsten
Frieden ruhende Bärentraubenheide auch man
cherlei Vorkommnisse dramatischer Art,' denn
der Kampf in der Tierwelt ist hart und un
barmherzig und daS Recht des Stärkeren siegt.
Wie in der Tierwelt, so ist auch der Kampf in
der Pflanzenwelt in unserem kleinen Reich
nicht minder groß. Auch die Bärentraube kann
ein Lied davon singen! Wehe ihr, wenn die
üppig wachsende Calluna-Heide die Oberhand
über sie gewinnt und ihr dichtes Geäst von
Zweigen über sie ausbreitet. Sie wird sich
zwar tapfer und zäh gegen jegliche Uutcrdrük-
kung wehren, aber infolge ihres kriechenden
Wuchses muß sie im Lailfe der Jahre den
Kampf aufgeben und die Heide trägt den Sieg
davon.
Mitte Juni etwa steht die Bärentrauben
heide erneut im Schmuck eines besonderen
Fcstgewandcs. Aus den vielen dicken Blatt-
rosetten der in Menge um sie herum wach
senden Arnica, die den schönen deutschen Na
men „Bergwvhlverleih" trügt, schossen in we
nigen Tagen und Nächten überall die aufrech
ten Rlüteusticle, au deren Enden die edel ge
formten Blüten sitzen, schönen goldenen Ster
nen vergleichbar. Biel schöne andere Blüten-
pslanzen gesellen sich hinzu. Zwischen dem Hei
dekraut finden wir des öfteren Trupps schö
ner, stark duftender Orchideen, als Breitkölb
chen, und vereinzelt auch die große Seltenheit
der schleswig-holsteinischen Sandheiden, die
Weiße Nackt-Drüse. Während dieser Zeit ist
auch einer unserer kleinsten Farne, die bei uns
überall ziemlich seltene Mondraute, auf der
Höhe ihrer Entwicklung, und bei sehr sorgfäl
tiger Beobachtung gelingt es uns, kleine
Trupps davon zu entdecken. Im nahen Eichen
kratt hat die Sonneuwärme inzwischen die
Eicheubüsche mit frischem Grün belaubt und
endlich den Eindruck winterlicher Erstarrung
Großer Säulen-Wacholder im Eichenkratt
von sicher.
Lichtbild: Mahlt, Elsdorf.
beseitigt. Im Kratt finden wir einige Stand
orte des majestätischen seltenen Königfarus,
häufiger ailch Gruppen des Adlerfarns. An be
merkenswerten Blüteupflanzeu finden wir
hier — um nur einige zu neunen — Maiglöck
chen, Buschwindröschen, kantiges Salvmon-
siegel, Graslilie, Schattenblume, den Schivcdi-
schen Hartriegel, mehrere Ginstcrarten, Fär
berscharte und Krähenbeerq, Ganz vereinzelt
entdeckt das geschulte Auge'auch wohl einmal
den Standort des in Schleswig-Holstein sehr
seltenen Feld-Enzians. Nicht gerade selten
dringt auch die Bärentraube an lichteren Stel
len ins Kratt hinein, aber wohler fühlt sie sich,
wie mau aus ihrem Aussehen schließen muß,
auf den Sandhügeln der offenen Heide in
freier, ungehemmter Entwicklung.
Hier in der offenen Heide haben bei voller
Bestrahlung durch die Sonne des Hochsommers
ihre Früchte gut heranreifen können und von
Anfang Juli ab finden wir die Enden der
Triebe überall mit zahlreichen scharlachroten
Beeren geschmückt, die lange Zeit au den
Sträuchern haften bleiben. Zwar sind die meh
ligen Beeren, in deren Innerem 5—7 kleine
Steinkerne enthalten sind, für menschlichen Ge
nuß ungeeignet. Aber trotzdem finden sie Ab
nehmer, besonders aus unserer Vogelwelt.
Durch sie wird die Verbreitung der Samen sehr
wirksam gefördert. Auch sind, soviel ich beob
achten konnte, Kleinsäuger, nämlich Mäuse,