Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Ostern einst und jetzt 
Das Frühttngsfest unserer Vorfahren — und was davon blieb 
Das Leben des einzelnen gehorcht den glei 
chen Gesetzen des Werdens und Vergehens wie 
das der Gemeinschaft. Dieser Rhythmus des 
Lebens findet sichtbaren Ausdruck auch im 
Brauchtum eines Volkes. Wenn auch Alter 
und Herkunft der einzelnen Bräuche verschie 
den, wenn ihre Auswirkung und ihre Kraft 
hier stärker, dort schwächer sind: allen liegt der 
Rhythmus des Lebens zugrunde. Der Sinn 
eines Brauches ist nicht immer sofort deutlich 
zu erkennen. Die Zivilisation hat den ur 
sprünglichen Gehalt verwischt,' vieles wird ein 
fach Gewohnheit, die nicht viel nach tieferer 
Bedeutung fragt. 
Reizvoll ist es, die Bräuche zu der Zeit, da 
der erste Frühjahrsmond sich rundet, Störche 
und Schwalben zurückkehren, die Bäume und 
Sträucher sich in junges, frisches Grün kleiden, 
wieder lebendig werden zu lassen. Auch in der 
Gegenwart gibt es noch manchen alten Oster 
brauch. So auf dem Lande: das Osterfest wird 
dort mit mancherlei Volksbelustigungen, mit 
Eierschieben, Osterfeuern usw. gefeiert. Dieses 
Brauchtum mischt sich aus vorgeschichtlicher un§ 
geschichtlicher Erinnerung,' viele Reste eines 
alten germanischen Festes, das zu Beginn des 
Frühlings gefeiert wurde, sind noch erhalten. 
Als die Germanen zum christlichen Glauben 
bekehrt wurden, behielten sie manchen dieser 
Bräuche unverfälscht bei oder gaben heidni 
schem Inhalt christliche Form. So lebt heute 
vieles unbewußt als Erinnerung an das alte 
germanische Frühlingsfest fort. Allen Oster 
bräuchen liegt gleiches Erleben zugrunde,.die 
Freude über die Besiegung der Dämonen des 
Winters, Freude darüber, daß Gott Donar den 
Triumph über die dunklen Mächte des Win 
ters davongetragen hatte. Als das Christentum 
die Lehre der Auferstehung brachte, behielt man 
die alte Auffassung, kleidete sie aber in das 
andere Symbol ein, die Ueberwindung des 
Todes durch den Gekreuzigten,' dort die dunkle 
Nacht des Winters, hier die des Todes, dort 
der Sieg des Lichtes, hier der Sieg der Auf 
erstehung. Heute werden Feuer angezündet am 
Ostertag zur Feier der Auferstehung, die zu 
gleich den Sieg des Lichtes darstellt. Besonders 
auf den Bergen in den Gegenden, in denen die 
sächsischen Stämme wohnten, flammen die 
Freudenfeuer auf. 
Wenn mit dem Gründonnerstag der Ernst 
der Karwoche beginnt, verstummen in allen 
katholischen Gegenden seit Karls des Großen 
Zeiten die Glocken. Die Glocken rufen nicht 
mehr zur Kirche oder läuten den Tag ein und 
aus, sondern die Ratschen, hölzerne Klapper 
instrumente, treten in Tätigkeit. Diesen Lärm- 
instrumenten liegt wohl der uralte Brauch zu 
grunde, mit ihnen die finsteren Geister des 
Winters zu bannem Heute noch gehen im 
Fränkischen die Klapperbuben durch das Dorf 
und vertreten die Glocken. In den oft verbote 
nen „Rumpelmetten", bei denen in der Kirche 
gelärmt, gehämmert und geklopft wird, wird 
der Aufruhr der Natur beim Tode des Erlösers 
sinnfällig gemacht. 
Am Karsamstag kehren die Glocken zurück, 
und nun hebt das Osterwunder an. Der Er 
löser ist erstanden. Wie die Germanen nun 
wirklich das Fest des erwachenden Frühlings 
gefeiert haben, wissen wir nicht. Jedenfalls 
aber sind viele Osterbräuche rein heidnischen 
Ursprungs. Ueber die Herkunft des Wortes 
„Ostern" hat man viel gestritten. Heute ist man 
wohl überwiegend der Ansicht, daß Ostern 
nichts mit einer Göttin Ostara zu tun hat. Der 
englische Kirchenlehrer Beda Venerabilis, der 
um die Wende des 7. und 8. Jahrhunderts 
lebte, weiß von einem Fest der angelsächsischen 
Frühlingsgöttin Eostrae zu berichten. Mit 
vielen Bräuchen war dieses Fest verbunden. 
Man hat nun zunächst angenommen, daß die 
indogermanische Göttin der Morgenröte Ausos 
(-Aurora, die römische Göttin der Morgenröte) 
von den Westgermanen als Frühlingsgöttin 
übernommen worden ist. Die germanische 
Ostergöttin aber, die der alte englische Kirchen 
vater erwähnt, ist sonst nirgends erwähnt wor 
den. Man hat sprachlich Ostern von Osten 
(ostan) abgeleitet, Einhart, der Biograph Karls 
des Großen, spricht vom ostarmanot, vom 
Ostermonat, denn das Fest hat dem ganzen 
Monat den Namen gegeben. 
Unsere Vorfahren haben zu Ostern wohl zu 
nächst und allein die Sonne verehrt, die Ge 
bräuche, die sich an diese Sonnenverehrung an 
knüpfen, lassen sich in der ganzen geschichtlichen 
Zeit verfolgen. So ging der Glauben, daß am 
Ostermorgen die Sonne bei ihrem Erwachen 
drei Freudensprünge tut. Heute werden noch 
am Ostertag vor Sonnenaufgang in Nord 
deutschland die Schläfer mit Rutenschlägen aus 
den Federn getrieben, man schießt der Sonne 
zu Ehren Salut. Ebenso ist heute noch der 
Glaube an die heilende und verschönende Kraft 
des Osterwassers lebendig. So wird aus West 
falen berichtet, daß man dort am Ostermorgen 
vor Aufgang der Sonne einen Eimer Wasser 
aufstellt. Auch wandert man heute noch in der 
Osternacht schweigend an die Quellen, um dar 
aus das Osterwasser, das Schönheit verleiht, 
zu schöpfen. „Bespricht" man das Wasser: „Die 
ses Wasser schöpf' ich, Christi Blut anbet' ich, 
dieses Wasser und Christi Blut sind für allen 
Schaden gut". Gerade in diesen Versen zeigt 
sich deutlich, wie Heidnisches und Christliches 
sich verwoben haben. Ost hat das gesamte Dorf 
eine Osterwallfahrt zur Quelle gemacht. Auch 
das Vieh wird mit Osterwasser begossen oder 
in der Osternacht ins Wasser getrieben. Ein 
Bad am Ostermorgen im fließenden Wasser 
vertreibt die feindlichen, dunklen Mächte des 
Winters und verleiht die sommerliche Kraft 
und Reinheit, die die Ostersonne dem Wasser 
gegeben hat. 
Dieselben Motive liegen dem Osterfeuer 
zugrunde. Diese Feuer loderten von den Höhen 
des Landes zum Himmel, als Dank für das 
neue aufsteigende Licht. Im 18. und 19. Jahr 
hundert flammten überall, wo deutsch gespro 
chen wurde, diese Feuer auf. Oft wurde auch 
eine Strohpuppe darauf verbrannt, das war 
die Winterhexe. Asche und Ueberreste der Oster 
feuer wurden über^die Aecker verstreut, denn 
ihnen wohnte die Kraft inne, die Saat vor 
allem Unwetter zu bewahren. Auch heute noch 
werden Osterfeuer abgebrannt, und genau wie 
vor undenklichen Zeiten umtanzt die Jugend 
die Flammen. 
Durch nichts aber wird das neue, erwachende 
Leben deutlicher als durch das Ei, das so zum 
eigentlichen Ostersmbol wurde. Wie das junge 
Küken kraftvoll die Dunkelheit der Schale 
durchbricht, so erstand der Erlöser aus der 
Nacht des Grabes, die Sonne aus dem Dunkel 
des Winters. Auch hier wieder ist christlicher 
Glaube mit vorchristlichem Naturkult zu einem 
einheitlichen Symbol verschmolzen. Man weiß 
nicht genau, seit wann Eier als Ostergaben 
üblich sind. Gemalte und verzierte Eier fand 
man zum Beispiel in griechischen wie in ger 
manischen Gräbern, ebenso kennt man bei den 
persischen Frühlingsgebräuchen Eiergeschenke. 
Wenn es heute allgemein heißt, der Osterhase 
bringe die Eier, so haben manche Gegenden 
andere Tiere dazu auserkoren, die Eier zu 
bringen, z. B. den Storch, den Kuckuck, den 
Ostervogel usw. In der Eifel sagt man, daß die 
aus Nom zurückgekehrten Glocken die Eier 
Mitbringen. Mancherlei Spiele und Belusti 
gungen sind von jeher mit den Ostereiern ge 
trieben worden. So ist z. B. heute noch in zahl 
reichen kleinen Orten West- und Süddeutsch 
lands das „Eierspecken" üblich. Zwei Eier wer 
den mit den Spitzen aneinander geschlagen, 
wessen Ei zerbricht, der hat verloren und muß 
dem Gegner sein Ei abtreten. Mancher von 
uns wird sich dieses Spiels noch erinnern, ohne 
zu wissen, daß es sehr alten Ursprungs ist. 
Gewiß wird im Laufe der Jahrhunderte 
mancher der alten Osterbräuche untergegangen 
und in Vergessenheit geraten sein. Ebenso ge 
wiß aber wird anderes weiter fortbestehen und 
für alle wieder einen erkennbaren Sinn erhal 
ten. Die deutsche Volkskunde, die neuerdings 
stärker in den Vordergrund tritt, bringt durch 
Umfragen in allen Gauen Deutschlands und 
genaues Studium der einzelnen Branche mtķ 
Sitten vieles wieder ans Tageslicht, was bis 
her in stillen Dörfern und einsamen Tälern 
abgeschlossen lebte. Schöne, oft jahrtausendalte 
Gebräuche, die das Leben und die Feste beglei 
ten, werden wieder lebendig und gepflegt wer 
den. 1928 begann man, einen Atlas für die 
deutsche Volkskunde zusammenzustellen. Nach 
manchen Unterbrechungen ist die Arbeit wie 
der aufgenommen worden. Wenn dieser Atlas 
vollendet ist, werden seine Karten, die auf 
Grund eingehender Umfragen hergestellt wer 
den, ein genaues Bild davon vermitteln, auf 
welche Art und Weise in den einzelnen deut 
schen Gauen Ostern, das Fest des Frühlings, 
begangen wird. 
Oster». 
Ostern, da springen überall 
Lebenswasser von Berg und Tal, 
Ostern, da singen die Vögel so hell, 
Ostern, da sind die Veilchen zur Stell', 
Ostern, da wolltest du, Mensch, allein 
Nichtsingen und springen und fröhlich sein? 
Gustav Falke. 
Ein Sang non Treue und Liehe 
Roman von Leontine 
Nachdruck verboten. 
Eine alte, gebückte Frau, das Gesicht voller 
Runzeln, die Hände hart und voll Schwielen, 
tritt vor die buntbemalte Hüttentür. Sie hält 
die Rechte schützend über die Augen,' denn die 
Morgensonne blendet auf dem flimmernden 
Wasser. Dann formt sie die Hand zur Muschel 
und legt sie an den Mund: 
„Helge! Helge!" 
Von den Klippen kommt finster grollend 
eine Stimme wie fernes Unwetter. 
„Was soll's, Mutter? Warum hast du mich 
gerufen?" 
„Die Fische stehen auf dem Tisch und der Va 
ter wartet. Willst du nicht essen, Helge?" 
„Ich mag nicht, Mutter." 
Sie war langsam zu ihm herübergetreten an 
den Strand und legte ihm die Hand auf die 
Schulter. 
„Warum nicht, Kind? Du bist doch nicht 
krank?" 
Er sah nicht auf vom Flicken seiner Netze, 
daran seine braunen Hände schufen ohne 
Rast. 
„Ich habe keinen Hunger, Mutter." 
Die alte Frau sah bekümmert über das 
Wasser. 
„Willst du in See? So warte auf den Vater, 
er kommt gleich." 
Da sprang er auf. Und seine harten, rauhen 
Hände zerrissen mit einem Ruck, was er in 
stundenlanger Arbeit mühsam geflickt. Sein 
Atem keuchte, er preßte die Fäuste auf die 
Brust. 
„Ja, ich will in See, Mutter! Hier erstick' 
ich!" 
Sie war erschrocken zurückgefahren, rhre 
alten Hände zitterten. 
„Du mußt krank sein, Helge. Die Luft ist 
schön hier und stark und rein. Von der See 
her kommt ein frischer Salzwinö, der die Segel 
bläht, weit dahinten." 
Sie wies mit dem Finger in die Ferne und 
strich sich das graue Haar aus der Stirn. 
Wild sprangen seine Augen dahin, wo die 
Segel wehten. 
„Die können fort!" 
Er murmelte es halblaut durch die Zähne, 
aber sie hatte es doch gehört. 
„Möchtest du denn auch fort?" 
Fast ein wenig scheu kam es von ihren Lip 
pen und sie sah ihn fragend an. 
>♦ Winterfeld-Pîaten 
Da packte er ihre Hände, daß sie zusammen 
fuhr, und ritz sie dicht an sich. 
„Ja, Mutter, weit, weit fort! Daß ich ein 
Mächtiger werde und Großer, der heimkommt 
mit Beute beladen. Daß ich mehr werde als 
ein armer, erbärmlicher Fifcher, der es nicht 
wagen darf, seine Augen aufzuschlagen zu 
denen, die eine Krone tragen." 
In ihr Gesicht kam ein starrer Schreck, und 
sie suchte angstvoll nach Worten, fand aber nur 
das eine: „Helge!" 
Da packte er sie bei den Schultern und schrie 
wild: 
„Ja, Mutter! Warum hast du mich geboren? 
Zu so einem elenden Dasein? Zu einem Le 
ben, das kein Leben ist? Warum haben die es 
so viel besser da oben in ihrer felsenumschirm- 
ten Burg?" 
Und er ballte die Fäuste gegen den steiner 
nen Wachtturm und die trutzigen Mauern 
hoch über den Klippen. 
Da griff sie in heißer Angst nach ihm. 
„Still, Kind, still, bist du rasend? Soll Biörn 
Glutauges Zorn dich zerschmettern, wenn er 
deine frevlen Worte hört? Denn wir sind ihm 
hörig und leibeigen, solange ich denken kann. 
Schon deines Vaters Ahnen sind Knechte ge 
wesen den Seekönigen da oben. Willst du es 
anders haben? Warum hast du solchen Grimm 
gegen die Drachenfahrer? Sind sie nicht im 
mer freundlich zu dir? Vor allem Prinz Olaf 
und Sigrun?" 
Laut und bitter lachte Helge auf. 
„Ja, wie man freundlich ist zu seinen Hun 
den, denen man auch wohl manchmal einen 
Brocken zuwirft. Bis es einem dann einfällt, 
sie wieder mit dem Fuß zu stoßen. O, elendes 
Leben, was schlepp' ich dich noch herum?" 
Und er stieß sich mit den geballten Fäusten 
gegen die Stirn, daß es dröhnte. 
Es hatte keiner darüber Acht gehabt^ auf den 
blinden Greis, der mit dem Stabe tastend am 
Strande entlang kam. 
Es war derselbe, den des Seekönigs Knechte 
mit Hunden vom Hof gejagt und den Olaf ge 
schützt/ 
Jetzt stand er still und steil am rauschenden 
Wasser und hob lauschend den Kopf, nur we 
nige Schritte von den beiden. 
„Bei Odins Sonne, wer redet da so hart wie 
giftiger Geifer der Midgardschlange. Wie darf 
einer sagen, daß das Leben elend sei, wenn er 
zwei gesunde Fäuste hat und zwei Augen, die 
die Sonne sehen und das Meer und die Mö 
wen? Sonnenschein nennt man den jungen 
Olaf, Nachtsturm sollt' man dich rufen." 
Helge lachte auf, hart und bitter. 
„Tu' es doch, Alter, mir ist's einerlei. Meinst 
du, wenn ich eines Seekönigs Sohn wäre, ich 
könnte nicht auch so sein wie der da oben? 
Und Sonnenschein heißen? Meinst du, der ist 
der Größere, weil er mit einer Krone geboren? 
Wenn er ein Höriger wäre — was gilt's — er 
wäre wohl gleich mir ein finsterer Nacht 
sturm." 
Der Blinde hob die Hände, daß sie ihn beide 
ansehen mußten, denn es war eine große Ruhe 
in seinem Gesicht. Und wenn er sprach, so 
klang es, als wenn der Wind durch die tiefsten 
Saiten einer Harfe streift, weich und beruhi 
gend. Er setzte sich schwer auf einen der Fels 
steine und faltete die Hände im Schoß. 
„Ich bin alt und habe viel gesehen, Helge. 
Groß ist nicht der, der eine Krone trägt, ein 
Höriger kann größer sein. Groß ist nur der, 
der seine eigene Seele zwingt. Niemand weiß, 
was die Nornen ihm spinnen. Aber still und 
stolz den Weg gehen, den die Götter uns ge 
wiesen — das ist groß. Der Neid aber, Helge, 
stammt von Hel." 
Wieder lachte Helge rauh auf. Dann zuckte 
er die Achseln und ging raschen Schrittes zur 
Hütte zurück. 
Es war am Abend desselben Tages. Die 
Sonne war im Westen hinter hoher Wolken 
wand gesunken. Von der See her pfiff ein kal 
ter Wind und über die Felsen schlich leise die 
Dämmerung. 
Im groben Steinherd der Fischerhütte 
glimmte ein schwaches Feuer. Ein schwarzer 
Kater rieb sich schnurrend das Fell an den 
Knien der alten Frau, die zusammengekauert 
am glimmenden Herdfeuer saß. Sie hatte den 
grauen Kopf in den Armen vergraben und es 
war fast, als wenn ein Schüttern durch ihren 
Körper ging. Oder ein heimliches Schluchzen, 
das sie zurückhalten wollte. Nur der Wind kni 
sterte draußen mit dem morschen Rohrdach, 
und der Kater schnurrte ohne Unterbrechen. 
Sonst war eine große Stille in dem kleinen 
dämmerigen Raum, den das spärliche Herd 
feuer nur schwach erhellte. Vis ein leises 
Klopfen herüberkam von der bunten Holztür. 
Die Alte hob lauschend den Kopf, bis das 
Klopfen sich wiederholte und die Tür sich lang 
sam öffnete. Wie eine lichte Erscheinung trat 
Sigrun leise über die Schwelle. 
,Mst du hier, Mutter Inge? Dein Herd 
feuer ist fast erloschen, so daß ich dich kaum 
mehr erkennen kann." 
Die Alte fuhr hoch und rieb sich die Augen. 
„Ich warte auf Knut und Helge, die mit dem 
Einbaum auf See sind. Daß du noch zu mir 
kommst, Sigrun, deucht mir ein liebliches Fest. 
Was haben denn deine Frauen und der See 
könig dazu gesagt?" 
Sigrun lachte. 
„Ei, die Frauen sitzen in der Halle und spin 
nen bei Fackellicht und erzählen sich düstere 
Geschichten von Nornen und Götterneid. Da 
bin ich ihnen entwichen, weil ich Helge eine 
freudige Mär zu künden hatte. Aber deine Au 
gen sind rot, Mutter Inge, und deine Lippen 
zittern. Hast du geweint?" 
Die alte Frau kniete am Herdloch und fachte 
die Glut zu neuen Flammen an. Als das 
Feuer loderte und es heller wurde im Raum, 
kauerte sie sich wieder nieder auf ihren Sche 
mel und legte die Hände um die Knie. 
„Ich gräme mich, Sigrun." 
Das Königskind, dem die langen blonden 
Zöpfe schwer herabhingen über den blauen 
Mantel, kauerte sich nieder neben die alte 
Frau und streichelte ihre Wange. 
„Sag' mir, warum du dich grämst, Mutter 
Inge. Vielleicht daß ich dir helfen kann." 
Die Alte schüttelte traurig den Kopf. 
„Es kann uns niemand helfen, Sigrun. Du 
nicht und auch nicht die Götter. Es ist um 
Helge, daß ich weinte." 
Sigrun sah ernst und nachdenklich aus. 
„Er ist so finster jetzt und so hart. Ich glau 
be oft, er möchte mit dem Drachenschiff nach 
Süden, wo die andern immer fahren zu Kampf 
und Streit. Olaf möchte es auch. Und grade 
wollte ich Helge die frohe Botschaft bringen, 
daß Biörn Glutauge ihn mitnehmen will, 
wenn er wieder fährt. Ich meine, das wird ihn 
freuen." 
Inge fuhr auf. 
„Hat der König das gesagt?" 
Sigrun nickte. 
„Ja, heute abend beim Metgelage in der 
Halle sprach er so. Er brauche Mannen zuR 
Kampf. Und Helge sei nun alt genug, und 
Olaf auch." 
Da schlug die Alte die Hände vor das Ge 
sicht. 
„So wird er mir nie wiederkommen!" 
Sigrun krauste die feine weiße Stirn. 
„Warum so ferchtsam, Mutter Inge? Ist 
Biörn Glutauge nicht auch immer wieder zu 
rückgekehrt von seinen wilden Fahrten? Ist 
Mannenkampf nicht schön und stolz und eines 
Nordmanns Leben?" 
I (Fortsetzung folgt.)
	        
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