Ostern einst und jetzt
Das Frühttngsfest unserer Vorfahren — und was davon blieb
Das Leben des einzelnen gehorcht den glei
chen Gesetzen des Werdens und Vergehens wie
das der Gemeinschaft. Dieser Rhythmus des
Lebens findet sichtbaren Ausdruck auch im
Brauchtum eines Volkes. Wenn auch Alter
und Herkunft der einzelnen Bräuche verschie
den, wenn ihre Auswirkung und ihre Kraft
hier stärker, dort schwächer sind: allen liegt der
Rhythmus des Lebens zugrunde. Der Sinn
eines Brauches ist nicht immer sofort deutlich
zu erkennen. Die Zivilisation hat den ur
sprünglichen Gehalt verwischt,' vieles wird ein
fach Gewohnheit, die nicht viel nach tieferer
Bedeutung fragt.
Reizvoll ist es, die Bräuche zu der Zeit, da
der erste Frühjahrsmond sich rundet, Störche
und Schwalben zurückkehren, die Bäume und
Sträucher sich in junges, frisches Grün kleiden,
wieder lebendig werden zu lassen. Auch in der
Gegenwart gibt es noch manchen alten Oster
brauch. So auf dem Lande: das Osterfest wird
dort mit mancherlei Volksbelustigungen, mit
Eierschieben, Osterfeuern usw. gefeiert. Dieses
Brauchtum mischt sich aus vorgeschichtlicher un§
geschichtlicher Erinnerung,' viele Reste eines
alten germanischen Festes, das zu Beginn des
Frühlings gefeiert wurde, sind noch erhalten.
Als die Germanen zum christlichen Glauben
bekehrt wurden, behielten sie manchen dieser
Bräuche unverfälscht bei oder gaben heidni
schem Inhalt christliche Form. So lebt heute
vieles unbewußt als Erinnerung an das alte
germanische Frühlingsfest fort. Allen Oster
bräuchen liegt gleiches Erleben zugrunde,.die
Freude über die Besiegung der Dämonen des
Winters, Freude darüber, daß Gott Donar den
Triumph über die dunklen Mächte des Win
ters davongetragen hatte. Als das Christentum
die Lehre der Auferstehung brachte, behielt man
die alte Auffassung, kleidete sie aber in das
andere Symbol ein, die Ueberwindung des
Todes durch den Gekreuzigten,' dort die dunkle
Nacht des Winters, hier die des Todes, dort
der Sieg des Lichtes, hier der Sieg der Auf
erstehung. Heute werden Feuer angezündet am
Ostertag zur Feier der Auferstehung, die zu
gleich den Sieg des Lichtes darstellt. Besonders
auf den Bergen in den Gegenden, in denen die
sächsischen Stämme wohnten, flammen die
Freudenfeuer auf.
Wenn mit dem Gründonnerstag der Ernst
der Karwoche beginnt, verstummen in allen
katholischen Gegenden seit Karls des Großen
Zeiten die Glocken. Die Glocken rufen nicht
mehr zur Kirche oder läuten den Tag ein und
aus, sondern die Ratschen, hölzerne Klapper
instrumente, treten in Tätigkeit. Diesen Lärm-
instrumenten liegt wohl der uralte Brauch zu
grunde, mit ihnen die finsteren Geister des
Winters zu bannem Heute noch gehen im
Fränkischen die Klapperbuben durch das Dorf
und vertreten die Glocken. In den oft verbote
nen „Rumpelmetten", bei denen in der Kirche
gelärmt, gehämmert und geklopft wird, wird
der Aufruhr der Natur beim Tode des Erlösers
sinnfällig gemacht.
Am Karsamstag kehren die Glocken zurück,
und nun hebt das Osterwunder an. Der Er
löser ist erstanden. Wie die Germanen nun
wirklich das Fest des erwachenden Frühlings
gefeiert haben, wissen wir nicht. Jedenfalls
aber sind viele Osterbräuche rein heidnischen
Ursprungs. Ueber die Herkunft des Wortes
„Ostern" hat man viel gestritten. Heute ist man
wohl überwiegend der Ansicht, daß Ostern
nichts mit einer Göttin Ostara zu tun hat. Der
englische Kirchenlehrer Beda Venerabilis, der
um die Wende des 7. und 8. Jahrhunderts
lebte, weiß von einem Fest der angelsächsischen
Frühlingsgöttin Eostrae zu berichten. Mit
vielen Bräuchen war dieses Fest verbunden.
Man hat nun zunächst angenommen, daß die
indogermanische Göttin der Morgenröte Ausos
(-Aurora, die römische Göttin der Morgenröte)
von den Westgermanen als Frühlingsgöttin
übernommen worden ist. Die germanische
Ostergöttin aber, die der alte englische Kirchen
vater erwähnt, ist sonst nirgends erwähnt wor
den. Man hat sprachlich Ostern von Osten
(ostan) abgeleitet, Einhart, der Biograph Karls
des Großen, spricht vom ostarmanot, vom
Ostermonat, denn das Fest hat dem ganzen
Monat den Namen gegeben.
Unsere Vorfahren haben zu Ostern wohl zu
nächst und allein die Sonne verehrt, die Ge
bräuche, die sich an diese Sonnenverehrung an
knüpfen, lassen sich in der ganzen geschichtlichen
Zeit verfolgen. So ging der Glauben, daß am
Ostermorgen die Sonne bei ihrem Erwachen
drei Freudensprünge tut. Heute werden noch
am Ostertag vor Sonnenaufgang in Nord
deutschland die Schläfer mit Rutenschlägen aus
den Federn getrieben, man schießt der Sonne
zu Ehren Salut. Ebenso ist heute noch der
Glaube an die heilende und verschönende Kraft
des Osterwassers lebendig. So wird aus West
falen berichtet, daß man dort am Ostermorgen
vor Aufgang der Sonne einen Eimer Wasser
aufstellt. Auch wandert man heute noch in der
Osternacht schweigend an die Quellen, um dar
aus das Osterwasser, das Schönheit verleiht,
zu schöpfen. „Bespricht" man das Wasser: „Die
ses Wasser schöpf' ich, Christi Blut anbet' ich,
dieses Wasser und Christi Blut sind für allen
Schaden gut". Gerade in diesen Versen zeigt
sich deutlich, wie Heidnisches und Christliches
sich verwoben haben. Ost hat das gesamte Dorf
eine Osterwallfahrt zur Quelle gemacht. Auch
das Vieh wird mit Osterwasser begossen oder
in der Osternacht ins Wasser getrieben. Ein
Bad am Ostermorgen im fließenden Wasser
vertreibt die feindlichen, dunklen Mächte des
Winters und verleiht die sommerliche Kraft
und Reinheit, die die Ostersonne dem Wasser
gegeben hat.
Dieselben Motive liegen dem Osterfeuer
zugrunde. Diese Feuer loderten von den Höhen
des Landes zum Himmel, als Dank für das
neue aufsteigende Licht. Im 18. und 19. Jahr
hundert flammten überall, wo deutsch gespro
chen wurde, diese Feuer auf. Oft wurde auch
eine Strohpuppe darauf verbrannt, das war
die Winterhexe. Asche und Ueberreste der Oster
feuer wurden über^die Aecker verstreut, denn
ihnen wohnte die Kraft inne, die Saat vor
allem Unwetter zu bewahren. Auch heute noch
werden Osterfeuer abgebrannt, und genau wie
vor undenklichen Zeiten umtanzt die Jugend
die Flammen.
Durch nichts aber wird das neue, erwachende
Leben deutlicher als durch das Ei, das so zum
eigentlichen Ostersmbol wurde. Wie das junge
Küken kraftvoll die Dunkelheit der Schale
durchbricht, so erstand der Erlöser aus der
Nacht des Grabes, die Sonne aus dem Dunkel
des Winters. Auch hier wieder ist christlicher
Glaube mit vorchristlichem Naturkult zu einem
einheitlichen Symbol verschmolzen. Man weiß
nicht genau, seit wann Eier als Ostergaben
üblich sind. Gemalte und verzierte Eier fand
man zum Beispiel in griechischen wie in ger
manischen Gräbern, ebenso kennt man bei den
persischen Frühlingsgebräuchen Eiergeschenke.
Wenn es heute allgemein heißt, der Osterhase
bringe die Eier, so haben manche Gegenden
andere Tiere dazu auserkoren, die Eier zu
bringen, z. B. den Storch, den Kuckuck, den
Ostervogel usw. In der Eifel sagt man, daß die
aus Nom zurückgekehrten Glocken die Eier
Mitbringen. Mancherlei Spiele und Belusti
gungen sind von jeher mit den Ostereiern ge
trieben worden. So ist z. B. heute noch in zahl
reichen kleinen Orten West- und Süddeutsch
lands das „Eierspecken" üblich. Zwei Eier wer
den mit den Spitzen aneinander geschlagen,
wessen Ei zerbricht, der hat verloren und muß
dem Gegner sein Ei abtreten. Mancher von
uns wird sich dieses Spiels noch erinnern, ohne
zu wissen, daß es sehr alten Ursprungs ist.
Gewiß wird im Laufe der Jahrhunderte
mancher der alten Osterbräuche untergegangen
und in Vergessenheit geraten sein. Ebenso ge
wiß aber wird anderes weiter fortbestehen und
für alle wieder einen erkennbaren Sinn erhal
ten. Die deutsche Volkskunde, die neuerdings
stärker in den Vordergrund tritt, bringt durch
Umfragen in allen Gauen Deutschlands und
genaues Studium der einzelnen Branche mtķ
Sitten vieles wieder ans Tageslicht, was bis
her in stillen Dörfern und einsamen Tälern
abgeschlossen lebte. Schöne, oft jahrtausendalte
Gebräuche, die das Leben und die Feste beglei
ten, werden wieder lebendig und gepflegt wer
den. 1928 begann man, einen Atlas für die
deutsche Volkskunde zusammenzustellen. Nach
manchen Unterbrechungen ist die Arbeit wie
der aufgenommen worden. Wenn dieser Atlas
vollendet ist, werden seine Karten, die auf
Grund eingehender Umfragen hergestellt wer
den, ein genaues Bild davon vermitteln, auf
welche Art und Weise in den einzelnen deut
schen Gauen Ostern, das Fest des Frühlings,
begangen wird.
Oster».
Ostern, da springen überall
Lebenswasser von Berg und Tal,
Ostern, da singen die Vögel so hell,
Ostern, da sind die Veilchen zur Stell',
Ostern, da wolltest du, Mensch, allein
Nichtsingen und springen und fröhlich sein?
Gustav Falke.
Ein Sang non Treue und Liehe
Roman von Leontine
Nachdruck verboten.
Eine alte, gebückte Frau, das Gesicht voller
Runzeln, die Hände hart und voll Schwielen,
tritt vor die buntbemalte Hüttentür. Sie hält
die Rechte schützend über die Augen,' denn die
Morgensonne blendet auf dem flimmernden
Wasser. Dann formt sie die Hand zur Muschel
und legt sie an den Mund:
„Helge! Helge!"
Von den Klippen kommt finster grollend
eine Stimme wie fernes Unwetter.
„Was soll's, Mutter? Warum hast du mich
gerufen?"
„Die Fische stehen auf dem Tisch und der Va
ter wartet. Willst du nicht essen, Helge?"
„Ich mag nicht, Mutter."
Sie war langsam zu ihm herübergetreten an
den Strand und legte ihm die Hand auf die
Schulter.
„Warum nicht, Kind? Du bist doch nicht
krank?"
Er sah nicht auf vom Flicken seiner Netze,
daran seine braunen Hände schufen ohne
Rast.
„Ich habe keinen Hunger, Mutter."
Die alte Frau sah bekümmert über das
Wasser.
„Willst du in See? So warte auf den Vater,
er kommt gleich."
Da sprang er auf. Und seine harten, rauhen
Hände zerrissen mit einem Ruck, was er in
stundenlanger Arbeit mühsam geflickt. Sein
Atem keuchte, er preßte die Fäuste auf die
Brust.
„Ja, ich will in See, Mutter! Hier erstick'
ich!"
Sie war erschrocken zurückgefahren, rhre
alten Hände zitterten.
„Du mußt krank sein, Helge. Die Luft ist
schön hier und stark und rein. Von der See
her kommt ein frischer Salzwinö, der die Segel
bläht, weit dahinten."
Sie wies mit dem Finger in die Ferne und
strich sich das graue Haar aus der Stirn.
Wild sprangen seine Augen dahin, wo die
Segel wehten.
„Die können fort!"
Er murmelte es halblaut durch die Zähne,
aber sie hatte es doch gehört.
„Möchtest du denn auch fort?"
Fast ein wenig scheu kam es von ihren Lip
pen und sie sah ihn fragend an.
>♦ Winterfeld-Pîaten
Da packte er ihre Hände, daß sie zusammen
fuhr, und ritz sie dicht an sich.
„Ja, Mutter, weit, weit fort! Daß ich ein
Mächtiger werde und Großer, der heimkommt
mit Beute beladen. Daß ich mehr werde als
ein armer, erbärmlicher Fifcher, der es nicht
wagen darf, seine Augen aufzuschlagen zu
denen, die eine Krone tragen."
In ihr Gesicht kam ein starrer Schreck, und
sie suchte angstvoll nach Worten, fand aber nur
das eine: „Helge!"
Da packte er sie bei den Schultern und schrie
wild:
„Ja, Mutter! Warum hast du mich geboren?
Zu so einem elenden Dasein? Zu einem Le
ben, das kein Leben ist? Warum haben die es
so viel besser da oben in ihrer felsenumschirm-
ten Burg?"
Und er ballte die Fäuste gegen den steiner
nen Wachtturm und die trutzigen Mauern
hoch über den Klippen.
Da griff sie in heißer Angst nach ihm.
„Still, Kind, still, bist du rasend? Soll Biörn
Glutauges Zorn dich zerschmettern, wenn er
deine frevlen Worte hört? Denn wir sind ihm
hörig und leibeigen, solange ich denken kann.
Schon deines Vaters Ahnen sind Knechte ge
wesen den Seekönigen da oben. Willst du es
anders haben? Warum hast du solchen Grimm
gegen die Drachenfahrer? Sind sie nicht im
mer freundlich zu dir? Vor allem Prinz Olaf
und Sigrun?"
Laut und bitter lachte Helge auf.
„Ja, wie man freundlich ist zu seinen Hun
den, denen man auch wohl manchmal einen
Brocken zuwirft. Bis es einem dann einfällt,
sie wieder mit dem Fuß zu stoßen. O, elendes
Leben, was schlepp' ich dich noch herum?"
Und er stieß sich mit den geballten Fäusten
gegen die Stirn, daß es dröhnte.
Es hatte keiner darüber Acht gehabt^ auf den
blinden Greis, der mit dem Stabe tastend am
Strande entlang kam.
Es war derselbe, den des Seekönigs Knechte
mit Hunden vom Hof gejagt und den Olaf ge
schützt/
Jetzt stand er still und steil am rauschenden
Wasser und hob lauschend den Kopf, nur we
nige Schritte von den beiden.
„Bei Odins Sonne, wer redet da so hart wie
giftiger Geifer der Midgardschlange. Wie darf
einer sagen, daß das Leben elend sei, wenn er
zwei gesunde Fäuste hat und zwei Augen, die
die Sonne sehen und das Meer und die Mö
wen? Sonnenschein nennt man den jungen
Olaf, Nachtsturm sollt' man dich rufen."
Helge lachte auf, hart und bitter.
„Tu' es doch, Alter, mir ist's einerlei. Meinst
du, wenn ich eines Seekönigs Sohn wäre, ich
könnte nicht auch so sein wie der da oben?
Und Sonnenschein heißen? Meinst du, der ist
der Größere, weil er mit einer Krone geboren?
Wenn er ein Höriger wäre — was gilt's — er
wäre wohl gleich mir ein finsterer Nacht
sturm."
Der Blinde hob die Hände, daß sie ihn beide
ansehen mußten, denn es war eine große Ruhe
in seinem Gesicht. Und wenn er sprach, so
klang es, als wenn der Wind durch die tiefsten
Saiten einer Harfe streift, weich und beruhi
gend. Er setzte sich schwer auf einen der Fels
steine und faltete die Hände im Schoß.
„Ich bin alt und habe viel gesehen, Helge.
Groß ist nicht der, der eine Krone trägt, ein
Höriger kann größer sein. Groß ist nur der,
der seine eigene Seele zwingt. Niemand weiß,
was die Nornen ihm spinnen. Aber still und
stolz den Weg gehen, den die Götter uns ge
wiesen — das ist groß. Der Neid aber, Helge,
stammt von Hel."
Wieder lachte Helge rauh auf. Dann zuckte
er die Achseln und ging raschen Schrittes zur
Hütte zurück.
Es war am Abend desselben Tages. Die
Sonne war im Westen hinter hoher Wolken
wand gesunken. Von der See her pfiff ein kal
ter Wind und über die Felsen schlich leise die
Dämmerung.
Im groben Steinherd der Fischerhütte
glimmte ein schwaches Feuer. Ein schwarzer
Kater rieb sich schnurrend das Fell an den
Knien der alten Frau, die zusammengekauert
am glimmenden Herdfeuer saß. Sie hatte den
grauen Kopf in den Armen vergraben und es
war fast, als wenn ein Schüttern durch ihren
Körper ging. Oder ein heimliches Schluchzen,
das sie zurückhalten wollte. Nur der Wind kni
sterte draußen mit dem morschen Rohrdach,
und der Kater schnurrte ohne Unterbrechen.
Sonst war eine große Stille in dem kleinen
dämmerigen Raum, den das spärliche Herd
feuer nur schwach erhellte. Vis ein leises
Klopfen herüberkam von der bunten Holztür.
Die Alte hob lauschend den Kopf, bis das
Klopfen sich wiederholte und die Tür sich lang
sam öffnete. Wie eine lichte Erscheinung trat
Sigrun leise über die Schwelle.
,Mst du hier, Mutter Inge? Dein Herd
feuer ist fast erloschen, so daß ich dich kaum
mehr erkennen kann."
Die Alte fuhr hoch und rieb sich die Augen.
„Ich warte auf Knut und Helge, die mit dem
Einbaum auf See sind. Daß du noch zu mir
kommst, Sigrun, deucht mir ein liebliches Fest.
Was haben denn deine Frauen und der See
könig dazu gesagt?"
Sigrun lachte.
„Ei, die Frauen sitzen in der Halle und spin
nen bei Fackellicht und erzählen sich düstere
Geschichten von Nornen und Götterneid. Da
bin ich ihnen entwichen, weil ich Helge eine
freudige Mär zu künden hatte. Aber deine Au
gen sind rot, Mutter Inge, und deine Lippen
zittern. Hast du geweint?"
Die alte Frau kniete am Herdloch und fachte
die Glut zu neuen Flammen an. Als das
Feuer loderte und es heller wurde im Raum,
kauerte sie sich wieder nieder auf ihren Sche
mel und legte die Hände um die Knie.
„Ich gräme mich, Sigrun."
Das Königskind, dem die langen blonden
Zöpfe schwer herabhingen über den blauen
Mantel, kauerte sich nieder neben die alte
Frau und streichelte ihre Wange.
„Sag' mir, warum du dich grämst, Mutter
Inge. Vielleicht daß ich dir helfen kann."
Die Alte schüttelte traurig den Kopf.
„Es kann uns niemand helfen, Sigrun. Du
nicht und auch nicht die Götter. Es ist um
Helge, daß ich weinte."
Sigrun sah ernst und nachdenklich aus.
„Er ist so finster jetzt und so hart. Ich glau
be oft, er möchte mit dem Drachenschiff nach
Süden, wo die andern immer fahren zu Kampf
und Streit. Olaf möchte es auch. Und grade
wollte ich Helge die frohe Botschaft bringen,
daß Biörn Glutauge ihn mitnehmen will,
wenn er wieder fährt. Ich meine, das wird ihn
freuen."
Inge fuhr auf.
„Hat der König das gesagt?"
Sigrun nickte.
„Ja, heute abend beim Metgelage in der
Halle sprach er so. Er brauche Mannen zuR
Kampf. Und Helge sei nun alt genug, und
Olaf auch."
Da schlug die Alte die Hände vor das Ge
sicht.
„So wird er mir nie wiederkommen!"
Sigrun krauste die feine weiße Stirn.
„Warum so ferchtsam, Mutter Inge? Ist
Biörn Glutauge nicht auch immer wieder zu
rückgekehrt von seinen wilden Fahrten? Ist
Mannenkampf nicht schön und stolz und eines
Nordmanns Leben?"
I (Fortsetzung folgt.)