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Nr. 87
DienZļgg, den 14. April
I 1936
Skandale des Regimes
Die Phönix-Affäre zieht weitere Kreise — Das Volk mutz die Rechnung begleichen
NSK. Der christliche Ständestaat hat mit der
Phönix-Affäre, die in nichts dem Stavisky
Skandal nachsteht, einen Schlaff erlitten, wel
cher die geringe Vertrauensbasis, die die Ne
gierung überhaupt im Volke besaß, noch weiter
zusammenschmelzen läßt. Wie wenig erhebend
die Stimmung selbst in Kreisen des Regimes
ist, hat jene Rede deS Bundeskanzlers
Schuschnigg bewiesen, der die Einführung
der Bundesdienstpflicht in Oesterreich mit län
geren Ausführungen und Entschuldigungen in
der Phönix-Affäre einleitete.
Der Korruptionsfall in Wien betrisst nicht
nur einen kleinen wirtschaftlichen Sektor, son
dern ist zweifellos
ein politischer Skandal größten Ausmaßes,
der in den 330 000 Versicherte« mehr als
jeden fünften Bewohner Oesterreichs, ja,
fast nahezu jede zweite oder dritte Fa
milie des Bundesstaates trifft.
Bedenkt man, daß 267 000 der Policen auf Ver
sicherungssummen unter 1000 Schilling lauten,
so weiß man, daß die breite Masse der kleinen
Sparer Oesterreichs durch den Skandal auf das
Empfindlichste in Mitleidenschaft gezogen wor
den ist.
Der Skandal ist nicht abgeschlossen. Die Ver
haftung der drei jüdischen Kompaß-Direktoren
und der Zusammenbruch dieser großen Wiener
änk zeigt, daß das gesamte jüdische Geschästs-
teben des neuen Oesterreich von der Affäre
betroffen worden ist. Dieselbe Geschäftswelt
bricht jetzt unter dem Vorwurf der Korruption
zusammen, die seit Jahren durch internatio
nale Transaktionen das Regime in Oesterreich
şinanziell gestützt hat. Das Schweigeverbot, das
nunmehr der österreichischen Presse auferlegt
worden ist, läßt vermuten, daß die Fehlbeträge
die ersten Berechnungen weit in den Schatten
stellen. Welche Rückwirkungen daraus ent
stehen, weiß man heute noch nicht.
Die Verantwortung trifft in vollem Um-
mnge die Regierung, denn es war der Sek
tionschef für Privatversicherungen im Bundes
kanzleramt Heinrich Ochsner, dem auch die
stufsicht über den Phönix-Konzern unterstand.
Die Flucht desselben aus dem Leben befreit
seine Auftraggeber nicht von ihrer Verantwor
tung. Es berührt die Öffentlichkeit gewiß auch
peinlich, wenn die Regierungsorgane in Wien
heute in Antisemitismus machen und dem jü
dischen Generaldirektor Berliner, der vor
kurzem angeblich auf Grund einer Mittelohr
entzündung starb, die Hauptschuld zuschieben.
War es doch ein Jnde, dem man Wohl und
Wehe von mehr als dreimal Hunderttau
send österreichischen Staatsbürgern in die
Hand gab, und dem an seinem Grabe noch
ein Regierungsvcrtreter die letzte Ehre
erwies.
Aber nicht nur der jüdische Generaldirektor,
dessen Todesanzeige eine ganze Seite der kle
rikalen „Reichspost" füllte, und der verant
wortliche Sektionschef sind durch den Skandal
belastet, hinzu kommen prominente Persönlich
keiten des Regimes. Der Heeresminister V a u-
o i n hat als Vizepräsident der Gesellschaft
wit Jahr und Tag die grenzenlose Mißwirt
schaft beobachten können, der er nicht Einhalt
llebot, während er sich laufend namhafte Ent
schädigungen zukommen ließ. Am fatalsten
Dürfte jedoch die Tatsache sein, daß auch der
Vizekanzler Starhembcrg und seine Gattin
wit Geldern der Phönix versorgt wurden.
Der Oesterreichische Staat wird „autoritär"
llsführt. Die prominentesten Vertreter des Re-
llunes wurden durch den Konzern versorgt
^der gespeist. Einer verantwortungsbewußten
^taatsführung wäre es jedoch nicht entgangen,
daß diese großzügigen Geldgeschenke auch zur
Finanzierung von Emigranten gegen das
Deutsche Reich und ähnlicher schönen Dinge
verwandt wurden, die selbst der Bundeskom-
wissar Adam als „Schmiergelder und ähn-
"che Manipulationen" brandmarken mußte.
Man bedenke, daß nur etwa 40 v. H. der ein
getretenen Verluste auf Fehlspekulationen be
ruhen, während die übrigen Gelder aus die ge
nannte Weise verschwendet wurden. Ende 1934
betrug die Gesamtzahl der Versicherungssum
me der Phönix 3 Milliarden Schilling, wovon
1 Milliarde auf Oesterreich entfielen sowie 679
Millionen der Prämienreserve. Neben der
Ausgabe von Schmiergeldern und der un
glaublichen Verschwendung wurde die Gesell
schaft durch Uebernahme ausländischer Ver-
sicherungsbestünde, durch spekulative Effekten-
käufe sowie durch die sogenannten „Einmal-
Prämiengeschäfte", d. h. durch jenen spekula
tiven Anreiz auf kapitalkräftige Kundschaft,
ihren Effektenbesitz unter verlockenden Bedin
gungen der Gesellschaft zu übergeben, in
Schwierigkeiten gebracht.
Ein außerordentlicher Ministerrat in Wien
hat nun die vollständige Liquidierung der Ver
sicherungsgesellschaft beschlossen. Die österrei
chische Kreditbank für Industrie und Handel
wird sämtliche Rechte und Pflichten der Phö
nix übernehmen. Der Skandal hätte wenig
stens zu einem Teil vermieden werden kön
nen, hätte man ein amtlich kontrollierbares
Register der Prämiendeckung eingerichtet und
somit die Möglichkeiten unterbunden, die Gel
der anderweitig in Anspruch zu nehmen. Eine
solche staatliche Sicherung ist in anderen Län
dern bereits seit langem eingeführt.
Der christliche Ständestaat hat erst die
furchtbaren Phönix-Erfahrungen machen
müssen, um sich nun endlich zu einer sol
che» Kontrolle zu entschließen.
Der Ministerrat hat ferner beschlossen, daß die
registrierten Werte ausschließlich zur Befrie
digung der Ansprüche aus den im Inland zu
erfüllenden Lebensversicherungs-Verträgen zu
dienen haben. Die „Oesterreichische Versiche
rungs-Gesellschaft AG." ist als Auffanggcsell-
schaft für das Jnlandsgeschäft der Phönix ins
Leben gerufen worden. Neben der Oesterreichi
schen Kreditanstalt und der Städtischen Ver
sicherungsgesellschaft wird auch ein italienisches
Unternehmen, die Assicurationi Genrali in
Triest, Teilhaber des neuen Unternehmens
sein. Den Volksgenossen in Oesterreich aber ist
das Recht auf Rückkauf aller bei österreichischen
Lebensversicherungsgesellschaften abgeschlosse
nen Policen und Vorauszahlungen genom
men.
Das Regime selbst ist nicht in der Lage, die
Gelder aufzubringen, welche durch seine
Schuld vergeudet wurden. Das deutsche Volk
in Oesterreich wird die Rechnung begleichen
müssen. Die Lasten der eingeleiteten Reformen
entfallen, wie schon kürzlich der Bundeskom
missar Adam im Rundfunk ankündigte, auf die
Versicherungsanstalten, auf die Beamten und
Angestellten des Versicherungswesens und auf
die Versicherungsnehmer direkt. Der nen zu
schaffende Prämienreservefonds soll dadurch
ausgebracht werden, daß die bestehende staat
liche Versicherungssteuer künftig anstatt in der
Höhe von 4 v. H. mit 6 v. H. eingehoben wer
den soll. Bon den Leistungen der Anstalten an
die berechtigten Personen werden 11- v. H. in
der Hagel-, Bich-, Feuer- und Transportver
sicherung, in den übrigen Versicherungen 3
v. H. einbehalten werden. Von den Policen
darlehen der Versicherungsanstalten entfallen
6 v. H. und von den Zinsen für Policendar
lehen entfallen VA v. H. auf die staatliche Um
lage. Schließlich hofft man, 10 v. H. der bishe
rigen Regiekosten einzusparen und. hat ferner
sämtliche Verträge der jetzigen Angestellten
aller Versicherungsgesellschaften gekündigt, um
neue Arbeitsbedingungen aufzustellen.
Durch den Skandal werden also neben
330 000 Oesterrcichern, welche Versicherungen
eingegangen sind, auch noch 3600 Beamte und
über 10 000 Vertreter betroffen werden. In
Kreisen der österreichischen Angestelltenschaft
hat diese Abwälzung der Lasten aus diejeni
gen, die nur ihre Pflicht erfüllten, schwerste
Erbitterung hervorgerufen, waren es doch
nicht die Angestellten und Arbeiter der Phö
nix, sondern die Direktoren, welche die Riesen-
gehälter bezogen. Das normale Monatsgehalt
eines Angestellten der Phönix-Gesellschaft be
trug im ersten Dienstjahr die geringe Summe
von nur 144 Schilling und erhöhte sich erst im
fünften Dienstjahr auf 169 Schilling. Das sind
Summen, die nahezu unter das Existcnzmini-
mum fallen.
Der Aufbau des neuen Oesterreich sollte sich
nach christlichen Grundsätzen vollziehen. Unter
dieser Parole hatte man um Vertrauen gewor
ben. Was sich hinter diesen Grundsätzen ver
birgt, hat nun die Affäre enthüll!
Günter Kaufmann.
Jüdische Sportverbändc als kommunistische
Nester in Pole«.
NSK. Die „Freie Presse", Lodz, bringt fol
gende interessante Meldung:
„Vertreter der Politischen und der Geheim
polizei führten eine Untersuchung in zwei
jüdischen Sportverbänden in der Warschauer
Vorstadt Praga durch. Um 20 Uhr betrat die
Polizei das Lokal des Arbeitersportklubs
„Zar"" und das Lokal des Sport- und Turn-
verbandes „Potega". Das Ergebnis einer vier
stündigen Revision war die Festnahme von 35
Personen. Beide Lokale wurden versiegelt.
Unter den Verhafteten befinden sich Kommu
nisten, die dem Untersuchungsamt längst be
kannt sind. Es wurden kommunistische Hetz
schriften staatsfeindlichen Inhalts vorgefun
den."
Der Fall Afrika vor der Entscheidung
Der telegraphische Hilfeschrei des Negus an
Eden hat die Erwartung bestätigt, daß der ost
afrikanische Krieg wahrscheinlich noch vor Be
ginn der großen Regenzeit entschieden sein
wird. Wenn der Fall Dessies, des früheren
abessinischen Hauptquartiers, nicht schon in
zwischen eingetreten ist, dann steht er unmittel
bar bevor. Der Negus stellt keine nennens
werte militärische Macht mehr dar, seitdem
seine früheren Truppen so weit demoralisiert
sind, daß er sogar für seine Person fürchten
muß. Während Italien an die übrigen Lo
carnomächte eine Anfrage richtet, deren Wort
laut seine Uninteressiertheit für den Locarno
fall während der Fortdauer der Sanktionen in
kaum verhüllter Form aufzeigt, legt es erneut
seine Kriegsziele dar: Annexion der eroberten
Gebiete, Entwaffnung Abessiniens und dessen
Unterstellung unter ein italienisches Protek
torat. Die Formal „eroberte Gebiete" bezieht
sich dabei nicht etwa auf den gegenwärtigen
Stand, sondern auf das spätere Ergebnis der
noch in Gang befindlichen nördlichen und süd
lichen Offensiven.
Eine Aenderung in dem italienischen Sie
geslauf kaun nur durch ein direktes Eingreifen
Englands erfolgen, das die Besitzergreifung
des Gebietes um den Tanasee selbst bei Zu
sicherung der Beachtung aller britischen In
teressen auf jeden Fall als eine Drohung für
jeden künftigen Konflikt ansieht und außerdem
die libysch-ostafrikanische Zange für seine nord-
afrikanischen Interessen fürchtet. Nach italieni
schen Mitteilungen haben die militärischen
Maßnahmen Englands im Mittelmeerbeckcn
„gigantische Formen angenommen"; Talma
auf Mallorca werde fieberhaft nach Art der
französischen Maginotlinie befestigt und in
Aegypten sei die Eisenbahn im Westen binnen
77 Tagen um fast 90 Kilometer bis an die
libysche Grenze vorgetrieben worden.
*
Die abessînische Negierung hat sich beim Völ-
Behandlung des italienisch-abessinischen Streit
falls beschwert.
Kurzfunk um Genf.
Der italienisch-abessinische Konflikt steht wie
der völlig im Vordergrund der englischen
Pressebetrachtungen. Der Daily Telegraph er
klärt, daß unter den gegenwärtigen Umständen
kein isoliertes Vorgehen Englands gegen Ita
lien in Frage komme.
Der Außenpolitiker des Pariser „Journal"
bezeichnet die Unterredung zwischen dem ita
lienischen Botschafter und dem französischen
Ministerpräsidenten als ein bedeutsames diplo
matisches Ereignis. Es sei nur natürlich, daß
Italien vor den Verhandlungen in Genf auch
seinerseits seine Haltung festlegen wolle, zu
mal in Genf ein neuer Abschnitt eingeleitet
werde.
Wie schon andere französische Blätter, so ver
wahrt sich auch der Matin in einem Leitartikel
gegen die Verhängung weiterer Sanktionen
gegen Italien.
Nach einer Reutermeldung aus Genf schenkt
man in dortigen französischen Kreisen den
Meldungen des Daily Telegraph keinen Glau
ben, wonach England die Anwendung militäri
scher Sühnemaßnahmen gegen Italien in Be
tracht ziehe.
Wieder italienische Flugzeuge über
Addis Abeba.
DNB. Addis Abeba, 13. April. Die abessini-
sche Hauptstadt wurde am Ostermontag erneut
von italienischen Flugzeugen überflogen. Ge
gen 9.30 Uhr erschienen drei Staffeln mit ins
gesamt neun Flugzeugen, umkreisten die Stadt
und flogen in südlicher Richtung ab. Um 10.30
Uhr wurde ein Kaproni-Bombenflugzeug über
Addis Abeba gesichtet.
Am Ostersonntag belegten drei italienische
Bombenflugzeuge die Stadt Worra Jln, die
auf der Straße von Dessie nach Addis Abeba
liegt, mit zahlreichen Bomben. Der Luftan
kerbund über die ständige Verschiebung der \ griff auf die Stadt, die nach abessinischen An- j Sanktionsfront.
gaben unbefestigt ist, forderte drei Todesopfer
und fünf Verwundete.
*
Rom. Die italienischen Truppen besetzten am
Ostersonntag die Halbinsel Gorgora im Tana-
See.
_ Die Mitteilung int amtlichen italienischen
Heeresbericht, daß die Truppen das Ufer des
Tanasees erreicht haben, wird von den eng
lischen Morgenblättern allgemein in größter
Aufmachung wiedergegeben. Gleichzeitig wird
im Bericht hervorgehoben, daß eine weitere
italienische Truppenabteilung des abessinischen
Zollposten in Gallabat besetzt hat. Die engli-
schetr Blätter melden hierzu, daß nur die auf
der abessinischen Grenzseite befindliche Hälfte
der Stadt in italienischen Händen sei, wäh
rend die im Sudan liegende andere Stadthälfte
von britischen Truppen besetzt sei. Die briti
schen und italienischen Truppen seien nur durch
ein ausgetrocknetes Flußbett voneinander ge
trennt.
*
Die englische Presse berichtet übereinstim
mend, daß Außenminister Eden nach London
gekommen sei, um neue Anweisungen für Genf
zu erhalten, wohin er am Donnerstag zurück
kehren wird. Am Dienstag wird eine Kabi
nettsaussprache stattfinden. — Die Sonntags
zeitungen glauben, daß die Einstellung der
Franzosen zur europäischen Lage England vor
große Schwierigkeiten stelle. Garvin warnt im
„Observer" vor der Absicht, die weiteren Ver
handlungen mit Deutschland über den Völker
bund in die Wege zu leiten. Der Verfasser
wendet sich weiter leidenschaftlich gegen den
Gedanken, Zwangsmaßnahmen gegen Italien
zu ergreifen.
*
$ie römische Presse erklärt am Ostermontag
stbereinstimmend, daß die ganze Entwicklung in
Abessinien wie in Europa nach Klärung drän
ge. „Giornale d'Jtalia" spricht vom Zerfall der
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