Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

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3tiv Unter Haltung 
■*29. Jahrgang Dir. 87 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Dienstag, den 14. April 1936 
Deutschlands einziger Papiermachermeister 
„Abgcgautscht" und „aus der Bütte geschöpft". Besuch beim Meister Wolfgang Bedenk. 
»Handgeschöpftes Bütten mit Privatwasserzeichen". — Der Welt seltsamste Meisterprü 
fung. — „Gautschknecht" und „Vüttgesell" schufen ein „Goldenes Buch". 
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) 
München, im April. 
Es gibt zwar Hunderte von Hanö- 
werkszweigen, in denen die Meister so 
selten sind, daß ihrer kaum ein Dutzend 
vorhanden ist. Einmalig aber dürfte es 
sein, daß es in einem Handwerk in ganz 
Deutschland nur einen einzigen Meister 
gibt. Dieser „eine unter 66 Millionen" 
ist der Papiermacher-Meister Wolfgang 
Bedenk aus der Türkenstraße 93 in 
München. 
In München auf dem Hinterhof. . . 
Dort, wo sich des Papiermacher - Meisters 
Bedenk Wohnung und Werkstätte befinden, ist 
bereits echtestes Schwabing. Auf einem Hinter 
hof, nur wenige hundert Schritt von der Woh 
nung entfernt, liegt die „Papiermühle" des 
einzigen deutschen Papiermachcr - Meisters. 
Winzig klein schaut das Häuschen aus — und 
doch reicht es vollkommen, um darin aus dem 
Halbstoff, der faßweise angeliefert wird, das 
edelste aller Papiere, das echte handgeschöpfte 
Bütten hervorzuzaubern. 
Ein Holländer steht da in einer Ecke. Die 
Masse wird hier öurcheinandergerührt, bis der 
Brei die richtige Dichte hat. Auch die gewünschte 
Farbe wird dem Büttenbrei hier schon zuge 
setzt: mancher Kunde wünscht ausgerechnet 
hellblaue Privatbriefbogen und grasgrün ge 
färbte Geschäftsbriefbogen, alle beide aus hand 
geschöpftem Bütten erzeugt. 
Der „Gautschknecht" am Werke. 
Ein mächtiger Kastentank enthält Büttbrei 
auf Vorrat. Von hier aus wird die Masse in 
die Schöpsbütte abgelassen, und nunmehr erst 
beginnt die eigentliche handwerkliche Arbeit 
des Papiermacher-Meisters. Der „Büttgesell" 
hantiert mit dem mit Draht bespannten Holz 
rahmen. Die Masse wird mit diesem Nahmen 
aus der „Bütte" geschöpft — — die Bedeutung 
des Begriffs „handgeschöpftes Bütten" wird 
dem Besucher sofort verständlich. 
Auf dem engmaschigen Drahtgeflecht legen 
sich die Fasern nebeneinander und verfilzen 
ineinander, das Wasser fließ: ab. — Jetzt hat 
der „Gautschknecht" das Wort: die Büttenbogen 
werden zwischen Filzplatten gequetscht, „abge 
gautscht", die restliche Feuchtigkeit entquillt dem 
Büttenbogen. 70 Bogen werden übereinander- 
gelegt, bevor der ganze Stapel unter die Presse 
wandert. 
Der „Wäscheboden" des Papiermacher 
meisters. 
Eine schmale Wendeltreppe steigen wir em 
por, stehen auf dem „Wäscheboden" des Mei 
sters Bedenk. Aehnlich wie die Hausfrau ihre 
Wäsche auf den Trockenboden hängt, so bringt 
der „Gautschknecht" das nunmehr fast trockene 
Büttenpapier auf den „Wäscheboden" der Pa 
piermühle. 
Die Bogen haben noch den ursprünglichen 
großen Umfang. Fast einen halben Meter breit 
und mehr als einen halben Meter lang ist 
jeder einzelne Büttenbogen — vier Briefbogen 
ergibt jeder nach dem Zertrennen. Drei bis 
vier Tage lang trocknet das Büttenpapier hier 
noch nach, die Luft streicht über Heizschlangen 
hinweg, — dann ist das Werden der Bütten 
bogen vollendet. 
Ein Wasserzeichen kann jeder haben. 
Jahrhunderte sind dahingegangen — das 
„handgeschöpfte Bütten" ist dasselbe geblieben 
wie ehedem. Nur die Kunden sind andere ge 
worden, die Verbraucher dieses edlen und doch 
nicht teuren echten Büttenpapiers. „Zehntau 
send Meisterbriefe für die Handwerkskammer 
München sind soeben abgeliefert worden", be 
richtet Meister Bedenk. Das „Goldene Buch" 
der Stadt München ist in seiner Werkstatt ent 
standen. 
Meister Bedenk weist auf eine Anzahl ver 
schiedenartiger Wasserzeichen in den Bütten 
bogen hin. Jeder kann sich heute sein „ihm 
allein gehörendes echtes Wasserzeichen" leisten, 
sofern er eine größere Anzahl Briefbogen be 
nötigt. Ganze Darstellungen kann man durch 
Wasserzeichen zum Ausdruck bringen, ganze 
Firmennamen „mit allem Drum und Dran". 
Fälschungen von Verträgen kann man auf diese 
Weise vorbeugen: verwendet ein Unternehmen 
nur Briefbogen mit eigenem Wasserzeichen, so 
kommt jedem einzelnen Brief ein Urkunden 
wert zu, denn in keinem Geschäft der Welt 
Allerlei «ms aller Welt 
Erfolgreiche Meteoreisen-Sammler 
in Chile. 
Eine kleine Expedition, die vor Monaten 
von der Havarö-Universitüt nach dem Norden 
Chiles ausgerüstet worden war und im Berg 
baugebiet des südamerikanischen Staates nach 
Meteoriten forschen sollte, ist dieser Tage nach 
erfolgreicher Suche unter Leitung des For 
schers Bandy nach Cambridge in Massachusetts 
zurückgekehrt. Drei Meteoreisen und ein größe 
res Bruchstück eines vierten waren die Aus 
beute der Expedition, der größte Stein mit 
einem Gewicht von mehr als einem halben 
Zentner. 
Kosakenuniformen im roten Nutzland. 
Wie schon berichtet, haben sich die Kosaken in 
Sowjetrußland neuerdings der roten Negie 
rung durch eine Loyalitütserklärung unterwor 
fen. Die Sowjetpresse berichtete in großer Auf 
machung darüber, vergaß aber mitzuteilen, 
daß es nur noch sehr wenige echte Kosaken in 
der Sowjetunion gibt. Die meisten sind ausge 
wandert oder verhungert. Die Stalinschen Ko 
saken sind daher zum überwiegenden Teil 
Leute, die sich erst nach den Bürgerkriegen in 
den alten Kosakengebieten am Don und in 
Kuban niedergelassen haben. Bis zu der großen 
Hungerkatastrophe von 1933 war die Zahl der 
echten Kosaken erheblich größer: bis dahin 
standen die Kosaken in scharfem Kampfe gegen 
das Sowjetregime, das ihnen ihre alten Pri 
vilegien genommen hatte. Bolschewistischer 
Terror und Hunger brachten die Opposition 
der Kosaken zum Schweigen. 
Leben ohne Speiseröhre. 
Bor einem Jahr kam in Marlborough 
(USA.) ein Kind zur Welt, das keine Speise 
röhre besaß. Seit seiner Geburt wird es stän 
dig von Aerzten überwacht, dies Kind kann 
nicht essen. Es wird dadurch ernährt, daß man 
ihm die Nahrung mittels einer Röhre in den 
Magen einführt. Zumeist bekommt es Spinat 
und Lebertran. Dabei befindet es sich wohl und 
munter. 
Sie kann nicht aufhören zu sprechen. 
In das Hospital von Shreveport (Louisiana) 
wurde iu der vorigen Woche ein sechzehnjähri 
ges Mädchen eingeliefert, das ununterbrochen 
reden muß. Dieser Sprechzwang stellte sich bei 
dem sonst so ruhigen Mädchen nach einer In 
fluenza ein. Die Aerzte sind über den großen 
Sprachschatz der Kranken erstaunt, aber bisher 
nicht in der Lage gewesen, dem krankhaften 
Redefluß Einhalt zu gebieten. 
Die Mitglieder des englischen Unterhauses 
müssen den Hut abnehmen wenn sie kommen 
und gehen, und wenn sie reden. Aber wenn 
sie sitzen, können sie ihn aufbehalten. 
gibt es dann „für Interessenten" gleiche Brief 
bogen zu kaufen. 
„Es war die merkwürdigste Meister 
prüfung." 
Meister Wolfgang Bedenk, Träger des Blut 
ordens und einstiges Mitglied des Bundes 
„Reichskriegsflagge", Flieger gewesen schon 
vor Beginn des Weltkrieges, kam durch einen 
Zufall dazu, seine Meisterprüfung zu machen 
und damit sein Leben auf eine neue Grund 
lage zu stellen. „Es war in den Jahren nach 
dem Kriege. Nirgends bekam man gutes hand 
geschöpftes Bütten, für die Graphiker und 
Zeichner war die Zeit nicht günstig. Eines 
Tages begann ich damit, mir kurz entschlossen 
mein Zeichenpapier selbst zu machen. Das neue 
handwerkliche Schaffen gefiel mir, und ich be 
schloß, dabei zu bleiben." 
Eines Tages meldete sich Wolfgang Bedenk 
bei der Handwerkskammer mit dem Wunsch, 
die Meisterprüfung abzulegen. Zunächst kamen 
die Handwerksmeister etwas in Verlegenheit: 
Papiermacher-Meister? — Ja, die gab es doch 
gar nicht mehr. Woher die Meister nehmen, 
die den neuen Meister prüfen konnten? — 
Schließlich half sich die Handwerkskammer da 
durch, daß sie eine Reihe von Meistern ver 
wandter Berufszweige zusammenrief: Buch 
binder und Graphiker, Maschinenpapier-Hand 
werksmeister und Künstler saßen in jenem 
Gremium, das den einzigen Papiermacher- 
Meister Deutschlands prüfte und bestätigte ... 
„Ja," so erinnert sich Wolfgang Bedenk, 
„es war sicher die merkwürdigste Meisterprü 
fung, die die Handwerkskammer seit langen 
Jahren abgenommen hat." 
HermannDembeck. 
Heitere ESe 
Wichtiger Grund. 
„Otto machte mir in der Konditorei eine Lie 
beserklärung, die ich zurückwies. Darauf stürzte 
er beleidigt davon. Ich habe ihn aber zurück 
geholt!" 
„So schnell änderte sich deine Gesinnung?" 
„Nein, er hatte noch nicht bezahlt!" 
* 
Ein kleiner Unterschied. 
Bei Senfgruber ist Besuch. Man sitzt gemüt 
lich plaudernd zusammen. Zigaretten werden 
herumgereicht. 
„Rauchst du auch schon?"'fragt einer der 
Gäste den 12jährigen Senfgruber junior. 
„Hm," meint der, „wenn ich eine kriege, 
rauche ich eine." 
Da schaut der alte Senfgruber seinen Spröß 
ling an und sagt: „Wenn du eine rauchst, 
kriegst du eine." 
Ein Sang NSA Stette mul Stele 
Roman von Leontine v. Winterfeld-Platen 
Nachdruck verboten. 
Die Alte wiegte den Kopf. 
„Ich weiß, was du nicht weißt, Sigrun. Und 
das tut weh. Ich habe es niemand gesagt bis 
heute. Aber jetzt, in dieser stillen Abendstunde 
drängt es mich, dir alles zu sagen. Denn 
wenn er nun von mir geht in die See, mag 
auch ein anderer noch um sein Geheimnis wis 
sen. Doch gibt mir dein Wort zuvor, daß du 
es niemand künden wirst!" 
Sigrun war blaß geworden. 
„Du erschreckst mich, Mutter Inge. O, sage 
wir rasch, was mit Helge ist. Ich gebe dir mein 
Wort, daß ich schweigen werde." 
Bis dicht herab zu Sigrins Ohr neigte die 
Alte ihren Mund. 
„Helge ist nicht mein Kind." 
Sigrun starrte sie an. 
„Wer ist er denn, Mutter Inge?" 
Da sah die Alte mit großen leeren Augen 
in die Herdglut und erzählte: 
„Eine Sturmnacht war's im Winter, da ging 
ein fremdes Schiff hier zugrunde, dicht am 
Ufer. Du weißt, es ist unser uralt Fischerrecht. 
Strandgut zu fischen. So standen wir im 
Sturm am Wasser, nach Beute gierend. Da 
trieben die Wellen ein Bündel heran, den 
Knaben, den wir Helge nannten und behielten 
als unser eignes Kind, da sonst von dem Schiff 
Niemand am Leben geblieben." 
Atemlos hatte Sigrun gelauscht. Jetzt 
tvandte sie den feinen Kopf herüber zu der 
alten Frau. 
„Und weißt du nicht, woher er kam, wohin er 
gehörte?" 
Die Alte nickte. 
„Es ist uns dann später Kunde geworden 
non Fischern und von Reisigen, daß er ein 
Königskind war, das als Geisel ans Biörn 
Ģlutauges Burg gesollt. Aber, bei allen Göt 
tern, was schwätze ich hier? Und wenn du 
alles weißt, ist Helge unser Kind nicht mehr!" 
Und sie fuhr sich stöhnend durch die grauen 
Haare. 
A Zeige ist Zart und herrisch. Er will schon I 
lange fort von uns, als fühlte er, daß er nicht 
unseres Blutes ist. Er kann es nicht verleug 
nen, das Königsblut, das in seinen Adern 
fließt. Aber sobald er die Wahrheit weiß, sind 
wir nichts mehr für ihn — haben wir kein 
Kind mehr!" 
Und sie grub den Kopf wieder in beide Hände 
und schluchzte. 
„Er war solch schönes Kind, so lieb und 
freundlich. Und wir, die wir nie ein Kind ge 
habt, opferten Freia täglich Dank für ihre 
Gabe. O, solch kostbar Strandgut war uns 
nimmer sonst zu eigen geworden!" 
Jetzt hob die Alte das tränenüberströmte 
Gesicht, über das in zuckendem Widerspiel 
die Herdflamme ihr unruhiges Licht goß. 
„Nun habe ich dir so viel erzählt, Sigrun, 
nun sollst du auch alles wissen. Aber komm 
dicht zu mir heran, ganz, ganz dicht, daß die 
Feldsteine mich nicht hören, noch der heulende 
Wind. Denn sie haben feine, feine Ohren und 
tragen weiter, was Menschen nimmer kund 
werden soll. Und doch soll Helge es noch nicht 
wissen — noch nicht. Weil ich so bange davor 
bin, er könnte mir verloren gehen." 
Und sie zog den blonden Kopf des Mädchens 
zu sich herüber und raunte leise in ihr Ohr. 
Es waren nur ein paar Worte, aber Sigrun 
ward blaß bis in die Lippen. Dann richtete sich 
die Alte auf. Mit heiserer Stimme, die fast 
klang wie das Krächzen eines Raben, rief sie: 
„Nun hüte das Geheimnis wohl, du Königs 
kind. Dieweil dich sonst der Fluch der Götter 
trifft. Denn du gabst dein Wort, zu schwei 
gen." 
Und sie kniete sich nieder vor den Herd und 
warf neues Holz auf die Glut. 
Gedankenverloren sah Sigrun ihr zu. Dann 
zog sie den blauen Mantel fester um die Schul 
tern und ging langsam, gebeugten Hauptes, 
ans der Tür. 
Draußen hatte sich der Wind gelegt, die 
Wolkenwand war zerrissen. Still und hehr 
schauten die Sterne nieder vom dunklen Fir 
mament. Leise atmete das Meer, wie ein 
schwarzsilbernes Schuppentier^ dessen Brust 
sich unaufhörlich hebt und senkt. Hoch in den 
Lüften schrien die wilden Gänse, die nach Nor 
den flogen und den Lenz kündeten. Durch die 
Nacht ging es wie fernes Frühlingsahnen. 
Mit gesenktem Haupt und langsamem 
Schritt ging das Mädchen zur Burg zurück. 
Sie sah nicht die große Schönheit ringsum — 
es war, als sei ihre Seele mit fremder Last be 
schwert. Sie hatte den Kopf mit den blonden 
Flechten gebeugt, die schmalen weißen Hände 
hielten den blauen Mantel über der Brust 
zusammen. 
So stieg sie die steinernen Stufen empor znm 
jahrhundertealten Felsensitz der Seekönige. 
Die Wachen ließen sie grüßend durchs Tor, 
denn sie kannten und liebten sie alle. 
Drinnen hörte sie lautes Rufen und Becher 
klingen vom Zechgelage in der Halle. Sie 
mochte nicht hineingehen und stieg den Wendel 
stein hinauf in ihr stilles Gemach. 
Durch das offene Bogenfenster schien blast 
der Mond und um die Grundmauern der 
Burg spülten unermüdlich die Nordseewellen. 
Sie sangen und rauschten, daß es das einsame 
Kind da oben wie Sehnsucht überkam. Sehn- 
sucht und Heimweh nach fernen, unbekannten 
Dingen. Denn nach der Heimat konnte es kaum 
sein, weil sie so wenig mehr wußte davon. 
An grauer nebliger Meeresküste war sie hier 
still aufgewachsen unter Männern, die rauh 
und doch gut mit ihr waren, ihr aber niemals 
Vater und Mutter ersetzen konnten. Sie teilte 
ihr hartes Schicksal mit vielen jungen Geiseln, 
wie sie nach der Sitte der damaligen Zeit stets 
ausgetauscht wurden unter den Kriegführen 
den. Sie hatte sich allmählich gewöhnt an ihr 
Los, denn sie kannte es eben nicht anders. 
Aber sie hatte auch frohe, junge Gefährten ge 
habt, die ihr die Jugendzeit erhellten. Das 
waren Olaf und Helge gewesen, nur wenige 
Jahre älter als sie. Und die drei hatten alles 
miteinander geteilt — Freud und Leid, Sturm 
und Sonnenschein. 
Sigrun wußte, daß das nun anders werden 
würde. Daß die beiden nun in das Alter ge 
kommen waren, wo Biörn Glutauge sie mit 
nahm auf seinen wilden Seefahrten. Und sie 
war traurig, daß sie ein Mägdlein war und 
daheim bleiben mußte. Es würde dann noch 
stiller und einsamer hier werden für sie. 
Wolken gingen über den Mond und Sigrun 
fröstelte. Den Wendelstein herab rief sie nach 
einer ihrer Frauen, die eilig die Stufen em 
porkam. 
„O, Sigrun, wo warst du nur die lange Zeit? 
Wir haben dich überall gesucht und Prinz Olaf 
hat auch schon nach dir gefragt." 
Und die Eilfertige schloß das schmale Bogen 
fenster mit schweren Holzladen und entzündete«, 
eine Kienfackel im Eisenring der Wand. Kahl 
und schmucklos war das Gemach, herb und hart 
wie Nordlandsart. 
„Ich war nur bei Mutter Inge unten", 
sagte Sigrun und setzte sich ans Spinnrad, das 
vor dem massigen Kamin stand. 
„Willst du das Feuer noch ein wenig ent 
fachen, Eike? Es ist kalt hier." 
„Ach, Sigrun, komm nach unten in die Halle, 
da ist's lustig. Die Mannen vom Drachenschisf 
sind alle da und erzählen von ihren Taten." 
Sigrun schüttelte den blonden Kopf und ließ 
den Faden schnurren. 
„Sie sind so laut und wüst dabei und der 
Met kreist ohne Aufhören von Stuhl zu Stuhl. 
Wenn sie so zechen, dann wissen sie nimmer, 
was sie reden. Ist Olaf dabei." 
„Zuerst. Jetzt ging er mit Gewaffen allein 
ins Gefild. Ich glaub', auf eine Bärenfährte 
im Schnee. Die Nacht ist hell und es riecht nach 
Frühling in den Lüften." 
Sigrun atmete tief. 
„Ach, Frühling! Weißt du noch, Eike, wie 
es gelb und purpurn blühte im vorigen Jahre 
auf allen kahlen Felsen und Gängen? Als wir 
Reigen tanzten im Sonnenschein und die Was 
ser blau waren wie Prinz Olafs Augensterne? 
Ach, der Winter ist so lang und so kalt hier. 
Ich habe Heimweh nach Blüten und Vogel 
fang." 
Eike mühte sich am Kamin, die Glut wieder 
zu entfachen. 
„Ist es in Jrenland schöner, Sigrun?" 
Das Königskind wiegte den blonden Kopf. 
„Ich weiß es nicht, Eike, aber ich glaube es 
wohl. Ich war damals noch zu jung, um ein 
klares Erinnern zu haben. Aber viel grünes 
Gras sah ich vor mir und tausend bunte Blu 
men. Ach, die dufteten so süß, und ich durfte 
sie alle, alle pflücken. Aber richte mein Lager, 
Eike, ich bin müde und will schlafen gehen." 
^Fortsetzung folgt.).
	        
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