Mit zwei Zentner« dnrch den Weltkrieg
(4. Fortsetzung.^
Eines schönen Tages erging an die Kriegs
freiwilligen der Kolonne eine Rundfrage, wer
R>n ihnen die französische Sprache beherrsche.
Da die Kanoniere durchweg Akademiker wa
ren, hatten sie fast alle eine Ahnung von der
Sprache, mit dem geläufigen Sprechen haperte
rs aber meistens doch. Nach langem Hin und
Her wurden drei Dolmetscher ausgewählt, die
auf der Mairie den Patzverkehr der Einwoh
ner regeln mußten. Ich gehört auch zu diesen
ņei, und wir mußten den Bürgern von
Gonbecourt, die mit ihren Handwagen Ge
müse nach Lille fahren wollten, die Laissez-pas
ser ausstellen. Die Vorschriften waren sehr
şircng. Man mußte sich seine Leute genau an
sehen, um nicht einem Ueberläufer oder Spion
einen Paß abzugeben.
Unser Kolonnenhäuptling stellte manchmal
^echt sonderbare Forderungen an seine Leute
und besonders an uns Akademiker. Es war
à zu Ohren gekommen, daß der gutmütige
Drtspfarrer auf der Kanzel furchtbar über die
Deutschen losziehe. Er beauftragte deshalb
nreinen Kameraden, der den klangvollen Vor
namen Guido führte, sich, als flämischer Bauer
Erinnerungen eines Optimisten.
Von Karl Borromäus Gröber.
Copyright 1838 by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.
verkleidet, am kommenden Sonntag in die
Kirche zu begeben und die Predigt des Herrn
Pfarrers Wort für Wort nachzuschreiben.
Mein Freund, der dies sicher gut geschau-
spielert hätte, sagte sich aber, daß jedes Kind
ihn, den Monsieur Guido, erkennen würde,
da er als einziger von uns ausgezeichnet fran
zösisch sprach und zudem allgemein beliebt war.
Weil Befehl aber Befehl ist, mußte er einge
halten werden, nur dachten wir ihn ein wenig
abzuändern. Wie zwei gelehrige Schüler Sher-
lok Holmes' besichtigten wir die Kirche und ent
deckten, daß sich in der Nähe der Kanzel ein
großer Schrank befand, in dem das Jahr über
der samtene Himmel für Fronleichnam aufbe
wahrt wurde. In größter Heimlichkeit öffne
ten wir mit einem Dietrich den Schrank, stell
ten einen Stuhl hinein, bohrten ein paar
Luftlöcher und brachten eine elektrische
Taschenlampe so an, daß das Licht nicht nach
außen dringen konnte. Am nächsten Sonntag
schlichen wir in aller Frühe in die Kirche.
Monsieur Guido hatte sich auch mit Proviant
und etwas Lektüre wohl versehen, damit ihm
die Zeit nicht zu lang werde. Der Schrank
wurde abgeschlossen und der Inhalt seinem
Schicksal überlassen. Um fünf Uhr hatte man
den Armen eingesperrt, um neun Uhr begann
die Predigt. Der Herr Pfarrer schimpfte aber
nicht über die Deutschen, er beschimpfte nur
seine weiblichen Pfarrkinder, die sich mit den
Deutschen eingelassen hatten. Und das war
wirklich sein gutes Recht. Der Mann im
Schrank hatte die ganze Predigt nachgeschrie
ben, und als er endlich um 12 Uhr aus seinem
Gefängnis befreit werden konnte, überbrachte
er sie dem Rittmeister. Man hätte nun glau
ben sollen, daß dieser damit zufrieden gewesen
wäre, aber dem war nicht so, der jüdische Herr
aus Sachsen hatte sich in den Kopf gesetzt, daß
Guido nur als Bauer verkleidet diese schöne
Aufgabe hätte lösen können. Drei Tage wurde
der Sünder dafür eingesponnen.
Da ich mich nicht so eilig als Kriegsfreiwilli
ger gemeldet hatte, um den Weltkrieg in Flan
dern als Kolonnenkanonier zu vertrauern,
meldete ich mich wieder zu meinem Heimat
regiment zurück, um von hier aus in ein
richtig schießendes Feldregiment zu kommen.
Mein Wunsch wurde gewährt, und bald fuhr
ich wieder gen München, und die erste Etappe
in meinem Heldenleben, Flandern, lag hinter
mir.
Serbien.
Im Mai 1913 kam ich also von der Schweren
Kolonne wieder nach München zurück. Beim
1. Regiment wurde ich nicht gerade sehr liebe
voll aufgenommen, und als das benachbarte
7. Regiment zehn Mann anforderte, wurde
das Kolonnenschwein mit Wonne dorthin ab
geschoben. Gleich am ersten Tage ernannte
man mich zum Unteroffizier vom Dienst, und
ich hatte in der weitläufigen Kaserne und in
den Stallungen fünfzehn kopernekisch ange
brachte Kontrolluhren aufzuziehen. Drei da
von fand ich nur, und auch diese waren je
zwei bis drei Stunden nach der vorschrifts
mäßigen Zeit aufgezogen. Drei Tage Mittel
arrest waren der Lohn. Ich saß sie — nicht
gerade bei Wasser und Brot — geduldig ab
und meldete mich dann zur Beschwerde. Der
Herr Major schien wohl das Unrechte seines
Tuns einzusehen, schickte mich aber mit Hohn
und Spott, weil er solche Simpel nicht brau
chen könne, wieder ins 1. Regiment zurück.
Da mein soldatischer Tatendrang noch nicht
gestillt war, meldete ich mich zu einem neu
aufgestellten Truppenteil, zur Gebirgsartille
rie. Diese Waffengattung suchte damals wohl
trainierte und in jeder Art von Hochtouristik
erfahrene Leute. Da ich mich als Pennäler
einmal auf den Rigi, ferner einmal auf die
Zugspitze — via Reintal — gewagt hatte, hielt
ich mich zum Gebirgsdienst für besonders ge
eignet. In Moosach wurde ich untersucht. Der
Herr Stabsarzt nahm mich an, obwohl einer
der Leutnants meinen „Wampen" zu stark
fand. Er wurde aber von dem Herrn Stabs
arzt dahin belehrt, daß selbiger wohl bei inten
sivem Dienst bald schwände. So wurde ich Ge-
birgsartillerist.
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