Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

Das Nachwuchsproblem int Bühuenberuf 
Von Intendant Fritz Holl, Beauftragter für die Betreuung des künstlerischen Nachwuchses im Bereich der Reichstheaterkammer. 
Im nationalsozialistischen Staat ist der 
Schauspieler Mittler deutschen Kulturguts, das 
Theater Instrument seines Kulturwillens, 
Spiegel des geistig-künstlerischen Kräftespiels 
oer Nation.. Es wird Kulturtheater, es ist auf 
vem Wege zum Nationaltheater. Das Theater 
Arbeitet nicht mit den Argumenten des Ver 
sammlungsredners, es verkündet keine The 
sen von der Kanzel, es doziert nicht vom Ka 
theder, es führt keine langatmigen Beweise 
mit Formeln und wissenschaftlichen Unter 
suchungen — das Theater wirkt durch die le 
bendige Anschauung, durch die magnetische 
Kraft, die von der Bühne auf die zuhörende 
Und zuschauende, also mitfühlende Gemeinde 
überfließt. 
Jene geheimnisvolle Kraft, die den Bühnen 
barsteller befähigt, seine Vorstellung von einer 
Figur so zu verdichten, so in die Schwingungen 
seiner eigenen Nerven einzupassen, mit seinem 
Blut zu durchtränken, mit der Energie seiner 
geistigen Potenz zu erleuchten und ungehemmt 
so aus sich aufsteigen zu lassen, daß „Vorstel- 
Inng" zur „Darstellung" wird, nennt man 
»barstellerisches Talent". 
Der lebendig wirkende Kraftstrom, der von 
ben suggestionsstarken Bühnenöarstellern aus 
geht, und seinen Gegenpol in Hirn und Herz 
ber Zuschauer findet, der magische Ring, der 
Bühne und Zuschauerraum umkreist und jene 
»elektrische" Spannung einer Theaterstimmung 
erzeugt, diese innere Wirkung von Mensch zu 
Mensch, die in gegenseitiger Befruchtung die 
Herzen einander öffnet, die Nerven in Gleich 
takt bringt und die Seelen ausschließt, verbürgt 
in alle Ewigkeit den Bestand des Theaters. 
Durch dieses Erlebnis ist die lebendige Dar 
stellung jeder mechanisierten Wiedergabe über 
legen (siehe den Ansturm auf Lichtspieltheater, 
wenn die persönliche Anwesenheit der Haupt 
barsteller plakatisiert ist: alle wollen über den 
Schemen der Leinwand den lebendigen Men 
schen spüren!). 
Wer kann zur Bühne gehen? 
Abgesehen von allen sozialen Schwierigkei 
ten muß immer wieder betont werden: nur 
überdurchschnittliche Begabungen können als 
«geeignet für den Bühnenberus" angesehen wer 
ben. Entweder hat man die Kraft der Umfor 
mungsmöglichkeit von Vorstellung in Darstel 
lung oder man hat sie nicht. Hierzu muß man 
in Wahrheit berufen sein, hier ist nichts zu 
erlernen. Die Reichstheaterkammer verlangt 
von dem Anwärter für den Bühnenberuf, daß 
biese Ansätze einer darstellerischen Begabung, 
bie auf mannigfaltige Art bei Eignungsprü- 
sungen geprüft werden, unbedingt vorhanden 
sind. Ferner müssen äußere Erscheinung und 
innere Veranlagung in harmonischem Verhält 
nis zueinander stehen, es muß eine gewisse 
stimmliche Substanz vorhanden sein. 
Was erlernt werden kann, ist die Technik, 
was erarbeitet werden kann, ist die Zurüstung 
und Abstimmung des Instruments. Gymnasti 
sche und tänzerische Uebungen zur Lockerung 
des Körpers, Atemtcchnik, Ausbau des Organs, 
Schulung der Stimme, Reinigung der Sprache 
von Dialektbeiklängen, Technik des Sprechens, 
Sprachbehandlung, Stimmhygiene, Gehörbil 
dung. Durch dauernde Uebung muß ein gewis 
ses Gedächtnistraining erreicht werden, wel 
ches dem Schauspieler und Sänger ermöglicht, 
auch große Aufgaben in verhältnismäßig kur 
zer Zeit zu memorieren. Wer diese Arbeit des 
Bühnendarstellers unterschätzt, irrt sich gewal 
tig. Die laienhafte Vorstellung von der Mit 
wirkung des Souffleurs, der „alles vorsagt", 
ist falsch. Nur der kann sich der ungehemmten 
Auswirkung seiner Vorstellungskraft über 
lassen, der „souverän über dem TTxte steht", 
die Worte müssen ihm zufliegen, wenn die Ge 
danken und seelischen Fühlfäden sich abspulen. 
Dies alles muß sich der junge Anwärter vor 
Augen halten. Wer glaubt, im Bühnenberus 
ein bequemes Dasein führen zu können, wer 
glaubt, der Schauspieler brauche nicht zu „ar 
beiten", der wird unter allem Schweren und 
Zermürbenden, das der Daseinskampf in die 
sem Berufe mitbringt, nur Enttäuschungen er 
leben. 
Um in dieser Beziehung aufklärend wirken 
zu können, hat die Reichstheaterkammer Be- 
ratungsstunden eingerichtet. Im Reiche kön 
nen alle diejenigen, die sich für den Bühnen 
beruf interessieren, bei allen Obmännern der 
Fachschaft Bühne an dem ihrem Wohnsitz nächst 
gelegenen Theater Auskunft erhalten,' auch die 
Arbeitsämter haben Listen über die Bera 
tungsstellen der Reichstheaterkammer. In sei 
nem eigenen Interesse, um ihn selbst und die 
Erziehungsberechtigten vor Zeitverlust und 
schweren Schädigungen zu bewahren, hat die 
Reichstheaterkammer Eignungsprüfungen ein 
gerichtet. Grundsätzlich muß auch an dieser 
Stelle darauf hingewiesen werden, daß mit 
einer Bühnenausbildung im Alter von 17 bis 
20 Jahren begonnen werden soll. (Ge 
wisse Ausnahmen ergeben sich für heroische 
Stimmen der Oper, Hochdramatische, Bässe, 
schwerer Heldentenor). Die Ausbildungsdauer 
für Schauspieler ist mit zwei Jahren, für junge 
Opernsänger mit mindestens drei Jahren be 
messen. Auch die Ausbildung bis zur Erlan 
gung der tänzerischen Reife für Bühnentänzer 
dauert drei Jahre. 
Vermittlung. 
Nach Abschluß der Ausbildung haben sich alle 
Bühnenschüler zur Aufnahme in die Fachschaft 
Bühne anzumelden. Die Aufnahme, die die 
Voraussetzung für jede künstlerische Tätigkeit 
an der Bühne ist, wird nicht mehr von einer 
Reifeprüfung abhängig gemacht, wohl aber 
müssen sich alle Schüler einem Leistungsnach 
weis unterziehen, bei dem der Grad ihrer Ver 
mittlungsfähigkeit festgestellt wird. 
Bei negativem Ausgang dieses Leistungs 
nachweises kann der Anfänger gleichwohl in 
die Fachschaft aufgenommen werden und seinen 
Beruf ausüben (sofern er durch persönliche Be 
mühungen eine Anstellung findet), eine Ver 
mittlung durch den Bühnennachweis findet 
jedoch nicht statt. Der Bühncnnachweis ist nach 
seiner Umorganisierung eine Wohlfahrtsein 
richtung der Reichstheaterkammer, die durch 
ihn den wirklich Begabten und in Wahrheit 
„Berufenen" die Wege ebnen will. Durch die 
Einrichtung des Bühnennachweises ist das 
Vermittlungswesen aus der Niederung des 
„Geschäfts" und des Menschenhandels in die 
Sphäre der künstlerischen und sozialen Für 
sorge erhoben. Ueber die Aussichten eines jun 
gen Künstlermenschen entscheidet nicht mehr die 
Willkür oder Privatmeinung eines einzelnen 
„Agenten", sondern ein mehrköpfiger Fachaus 
schuß, den der Präsident der Reichstheater 
kammer ernennt und dem für dieses verant 
wortungsvolle Amt besonders geeignete Per 
sönlichkeiten aus dem Kreise der Bühnenlei 
ter und Bühnenmitglieder angehören. Durch 
diesen Ausschuß werden die Novizen der Büh 
nenkunst außerdem auf Wunsch eingehend dar 
über beraten, was sie zur Fertigung, Förde 
rung und Vervollkommnung ihrer Ausbil 
dung zu tun haben bzw. welche besonderen 
Aussichten (Spezialgebiete usw.) sich ihnen 
bieten. 
Andere Bühnenberufe. 
Sehr oft sind junge Menschen, die es zur 
Bühne drängt, nicht im klaren darüber, wie 
mannigfach die Arten der Auswirkungsmög 
lichkeiten für künstlerisch veranlagte Menschen 
im Rahmen eines Theaterbetriebes sind. Man 
kann in vielen Fällen feststellen, daß die künst 
lerische Vorstellungsgabe eines jungen talen 
tierten Menschen derart ist, daß sich ihm das 
Gefüge eines Bühnenwerkes, der Umriß einer 
Bühnenfigur klar vor Augen stellt, ohne daß 
er ein spezifisch schauspielerisches Talent besitzt. 
In solchen Fällen ist es möglich, zu einer Aus 
bildung als Dramaturg und Regisseur, beim 
Vorhandensein einer zeichnerischen oder male 
rischen Begabung zum Beruf des Bühnen 
bildners zu raten. Alle diese Fragen sind jedoch 
immer wieder nur im Einzelfalle zu entschei 
den, wobei gerade hier zu beachten ist, daß 
amusische Menschen vom Theater fernzuhalten 
sind. 
Die Ausbildung des Nachwuchses der Büh- 
nendirigentcn, Kapellmeister, Chorleiter, Kor 
repetitoren ist im allgemeinen Sache der Mu 
sikhochschulen. Beratung finden solche Anwär 
ter bei den Leitern dieser Institute,' über die 
Ausbildungsbedingungen und über die soziale 
Seite dieser Berufsgruppen können sie durch 
die Beratungsstellen der Reichstheaterkammer 
alles Wissenswerte erfahren. 
Regisseure, Dramaturgen und Kapellmeister 
nehmen nach Erledigung ihrer Anfängerjahre 
im künstlerischen Betrieb eine Führerstellung 
ein. Bei der Annahme solcher Anwärter ist da 
her in erhöhtem Maße eine Vegabten-Auslese 
vonnöten. Die Ausbildung hat dafür zu sor 
gen, daß dem Theater ein künstlerischer Füh 
rernachwuchs erzogen werde, der nach seiner 
innersten Ueberzeugung und kraft seiner er 
worbenen Kenntnisse in der Lage ist, sein 
Führeramt im Sinne letzter nationaler und 
sozialer Verantwortung auszufüllen. 
Ueber die Unterbringung junger Menschen, 
die, ohne darstellerisches Talent zu besitzen, 
Lust und Liebe für den Bühnenberuf mitbrin 
gen, geben die Beratungsstellen jederzeit Aus 
kunft. In Frage kommen folgende Berufs- 
zweige: Souffleure, Inspizienten, Masken 
bildner, Friseure, Perückenmacher, Modell 
schreiner, Bühnenmaler, Elektriker, Requisi 
teure, Cacheure, Dekorateure usw. 
Die soziale Seite. 
Deutschland hat durch den Weltkrieg eine 
ganze Reihe hervorragender Theater, an denen 
die Unterbringungsmöglichkeiten für Hunder 
te von Angestellten aller Berufsgruppen ge 
geben war, verloren. Zu diesen Theatern ge 
hören die Bühnen von Straßburg, Metz, Mühl 
hausen, Colmar, Posen, Bromberg, Lodz und 
eine große Zahl von Bühnen in der Tschecho 
slowakei sowie in anderen früher zur öster 
reichischen Monarchie gehörenden Bezirken. 
Im Gegensatz zu dieser Verringerung der Ar 
beitsstätten ist die Zahl der am Theater Be 
rufstätigen von Jahr zu Jahr gewachsen, so 
daß heute ungefähr 8000 Schauspieler und 
Sänger ohne Engagement bleiben müssen, 
wenn man von kleiner Gelegenheitsbeschäfti 
gung absieht. Sie finden großenteils Unter 
kunft in anderen Berufen. Von den insgesamt 
12 000 in den in ganz Deutschland vorhande 
nen Stellen erwerbstätigen Bühnenmitglie 
dern beziehen 32 Prozent ein Jahresgehalt 
von 1200 MJt, weitere 34 Prozent bringen es 
zu einem Jahreseinkommen von 1200 bis 1800 
JLJl, es bleiben also 34 Prozent übrig, die ein 
normales Einkommen'haben. In diesem Pro 
zentsatz ist auch eine Schicht von Großverdie 
nern mit eingeschlossen, die es zu sogenannten 
„Spitzengagen" bringt. 
ausgiebig 
und zahnpflegend, 
nachhaltig erfrischend 
VetterberW 
Wctteraussichtcn für Freitag» den 17. April 1936, 
in Nordwestdeutschland: Schwachwinöig, wolkig 
bis bedeckt, strichweise Niederschläge, Temperatur 
der Jahreszeit entsprechend. 
Peramwortlicher Hauptschriftleiter unv Herausgeber: Fer 
dinand Möller. 
Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Herbert Puhlmann. 
Deramwortlich für Politik: Herbert Puhlmann; für den ört 
lichen und allgemeinen Teil: Adolf Eregori; für den wirt 
schaftlichen Teil: Dr. Cl. Bielfeldt: für den provin 
ziellen Teil: Karl Müller, alle in Rendsburg. 
Bildverantwortliche: Ressortleiter. 
'lierantwortlicher Anzeigenleiter: Karl Jacobsen, Rendsburg. 
Perlag und Druck: Heinrich Möller Söhne, Rendsburg. 
D--A. Schleswig.Holsteinifche Landeszeitung (Rendsburg» 
Tageblatt — Hohenwestedter Zeitung / Die Landpost 
Hanerau.Hademaischen — Eüderbraruper Tageblatt), 
D.-A. Hl. 36 13 868 Pl. Nr. 7 
■— 
Mit zwei Zeņtrrern durch den Weltkrieg 
Erinnerungen eines Optimisten. 
Von Karl Borromäus Gröber. 
Copyright 1838 by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. 
(5. Fortsetzung.)' 
Mein erstes Nachtquartier war in einem 
staatlichen Mustergut in Ncderling bei Mün 
chen, und ich bin dem Staate heute noch dank 
bar, daß er die Gelder für die idealen, wohl- 
Zementierten Schweineställe bewilligt hatte. 
8u dritt hausten wir in einer solchen Box. Die 
Borbereitung für den Gebirgsöienst begann. 
Es wurde ein scharfer Unterschied zwischen 
Proletariern, das heißt sogenannten Tierfüh- 
îern, und den Aristokraten, den Kanonieren, 
gemacht. Ich wurde Tierführer. Gleich am 
Zweiten Tage wurde mir der bis dato im 
Deutschen Reich einzig und allein zum Kriegs 
dienst eingezogene Esel in die Hand gedrückt. 
Im Zivil war er in Tegernsee beschäftigt ge 
wesen, wo er Fourage auf den Wallberg trug. 
>ich hatte die Psyche meines Feldkameraden 
^alü erfaßt. Nacht acht Tagen wackelte er schon 
Klm Dank mit den Ohren, wenn er eine gelbe 
Bube bekam, und nach vierzehn Tagen sagte 
br schön und energisch „ia", wenn man ihn 
kragte, ob er Hunger habe. Sonst war er, wie 
Ae Esel, faul und gefräßig. Der Dienst eines 
Dierführers war eigenartig. Er war wissen 
schaftlich betriebenes Spazierengehen. Was der 
Esel tragen mußte, das hingen andere, mili 
tärisch geschulte Kräfte an ihn. Der Ticrfüh- 
*er selbst hielt nur den Zügel und sagte 
«olala". Sonst wanderte er mit seinem Be- 
ßleiter, dem Esel, am Rand von Kiesgruben, 
mn Jsarhängen und ähnlichen gefährlichen 
Ģegenden entlang, weil in der nächsten Nähe 
Münchens steilere Gelegenheiten fehlten. Mit 
speise und Trank jedoch versorgte zum Glück 
ber kapitalistische Tierfiihrer — zu den Kapi 
talisten konnte ich mich damals noch rechnen — 
seinen Esel nicht. Hierzu mietete er sich einen 
ihm geeignet erscheinenden Sohn des Land- 
ìbanns. Dieser reinigte und striegelte auch die 
Bestie, und so ruhte das Auge des Wacht 
meisters mit Wohlgefallen auf dem Tiere. Um 
zu resümieren: der Dienst eines Tierführers 
in der Heimat war gleich dem Leben eines sat 
ten Bürgers, der mit seinem Azorl spazieren 
geht. 
Idyllen dauern nicht allzu lange. Noch war 
kein scharfer Schuß unseren Kanonen — die 
man nebenbei bis ins kleinste auseinander 
nehmen und nach längerer Uebung auch wie 
der zusammensetzen konnte — entfahren, da 
wurden wir auf die Bahn gesetzt und in fünf 
tägiger Reise gegen einen unbekannten, fast 
sagenhaften Feind entsandt. Durch Oesterreich 
und Ungarn ging's, und in Weißkirchen, bei 
den ungarischen Schwaben, war die Fahrt zu 
Ende. Drüben über der Donau, auf den 
Höhen von Rham, lag der böse Feind, der 
„Serbski". Kaum hundert Meter vom Strom 
entfernt ging die Batterie in Stellung. Ich 
habe es nicht mitgemacht, aber die anderen 
haben noch lange davon gesprochen, wie sie um 
unsere kleinen Geschütze herumstanden und 
warteten, bis der erste Schuß losginge. In der 
lieben Heimat hatten wir ja bis dahin nur mit 
Holzgranaten und ohne Pulver geschossen. 
Dann ging's weiter über die Donau. Es gibt 
ein Märchen, wo schließlich der Vater und der 
Sohn den Esel an der Stange heimtragen. Ich 
hätte in meiner Jugend nie geglaubt, daß diese 
alte Geschichte für mich, einmal Vorbild werden 
würde. Mein Sauluder von Esel legte sich, 
als es das große Wasser sah, mitsamt den 
Munitionskisten in den Dreck und war weder 
mit guten noch mit bösen Worten zum Auf 
stehen zu bewegen. Darum banden wir ihm 
die Haxen zusammen, steckten einen Prügel 
dazwischen und trugen ihn so — vier Mann 
hoch — auf die Zille. Ernsten Auges aber 
schaute Mackensen vom benachbarten Feld 
herrnhügel am Ufer des Stromes auf dieses 
einzigartige Schauspiel. Die Serben schossen 
von den Bergrücken bei Rham energisch, aber 
daneben treffend, nach unserer Lustfahrt. Ohne 
daß uns ein Haar gekrümmt worden wäre, 
kamen wir unter dem Gesang vaterländischer 
Lieder ans feindliche Ufer. Der Feind war 
schon restlos abgezogen. Das erste Zeltlager 
wurde aufgeschlagen. Plötzlich kriegerisches Ge 
wehrfeuer auf der Höhe rechts. Was war los? 
Es hieß, droben in Rham gäbe es Schweine! 
Auch in mir erwachte der Jäger. Ich wagte den 
Aufstieg! Die Mittagssonne brannte heiß auf 
den Kalkplatten, die treppenartig zur Höhe 
führten. Warum sollte ich die weiten Serpen 
tinen gehen? Ich kürzte ab und fing lustig an 
zu klettern. Da — die Hand wollte gerade nach 
einem vorstehenden Stein fassen — hörte ich 
fast in Augenhöhe ein scharfes „sssssss". Vor 
mir auf sonnendurchglühter Platte lagen zwei 
feiste Schlänglein, die statt einer Krone — wie 
man es nach dem Märchen erwarten sollte — 
ein Horn auf dem bösartigen Kopfe trugen. 
Der Abstieg fiel mir verhältnismäßig leicht, 
und beim Schweinebraten war ich aus die 
Mildtätigkeit der Kameraden angewiesen. 
Jetzt begann unser ruhmreicher Feldzug 
durch Serbien. Bon der Landschaft sahen wir 
wenig. Rechts und links neben der Straße wa 
ren mannshohe Maisfelder, die jede Aussicht 
versperrten. Die serbischen Wege zeigten sich in 
dem international bekannten Zustande! Der 
Name „Tierführer", den wir offiziell trugen, 
stimmte für Serbien nicht. Man führte seinen 
Esel nicht, sondern zog ihn am Zügel wie einen 
Karren durch den Dreck. Es war somit gerade 
umgekehrt, wie es sein sollte. Von der Zähigkeit 
des serbischen Drecks macht man sich keinen Be 
griff. Noch lange nach dem Kriege verfolgte 
mich in aufgeregten Träumen der sonderbar 
gurgelnde Ton, den es gab, wenn der Esel oder 
ich die Beine aus dem Morast zogen. Wie an 
strengend war es erst, schwere Wagen in diesem 
aufgeweichten Gelände vorwärts zu bringen! 
Es dauerte auch nicht allzu lange, und von der 
Batterie rückte nur mehr der Teil hinter dem 
Feinde drein, der beritten war oder ein Trag 
tier besaß. Die Feldküche, der Schmiedewagen, 
der Herr Zahlmeister und selbstredend auch die 
Feldpost befanden sich noch immer in der Nähe 
der Donau, als wir schon beinahe in Mazedo 
nien waren. Der Vormarsch der Gefechtsbatte 
rie ging in diesem angenehmen Gelände nicht 
lautlos vor sich. Einen Esel durch stilles Be 
sprechen vorwärts zu treiben, ist vergebliches 
Beginn. Ein fürchterliches Geschrei, ein Flu 
chen — wie es seit den Tagen vor Troja kaum 
mehr gehört wurde — verkündete schon von 
ferne unser Kommen. Dabei waren wir noch 
als ruhige Truppe bekannt. Dagegen gab es 
bei den Württembergern eine „Heiland-Jesus- 
Batterie", eine Bezeichnung, die aber weniger 
auf die Frömmigkeit der Leute, als auf ein 
übermäßiges und überlautes Anrufen dieser 
heiligen Namen zurückzuführen war. 
Da die Feldküche völlig fehlte, war die 
Mannschaft aufs Requirieren angewiesen. 
Serbien besaß, als wir einrückten, noch einen 
überaus reichen Bestand an Hühnern und 
Schweinen, der aber verhältnismäßig rasch we 
niger wurde. Die serbischen Schweine waren 
nicht groß, und man rechnete eines auf vier 
Mann. Was aber ein Mann an den spärlichen 
Rasttagen an Hühnern verzehren konnte, klingt 
direkt sagenhaft. Brot und Salz waren äußerst 
selten, dagegen gab es überall Wein, und auf 
den Kaminen der Häuser — in große bauchige 
Flaschen eingemauert — „Rhaki", den serbi 
schen Zwetschgenschnaps, der auch gerne heiß 
getrunken wurde. Die Kamine der Häuser bar 
gen überdies ein köstliches Rauchfleisch. 
Die Quartiere nahmen wir am Anfang des 
Krieges nur ungern in den Häusern. Die Ser 
ben hatten meist über ihrer Haustür einen 
schwarzen Fetzen angebracht und erklärten uns, 
daß so gekennzeichnete Häuser verseucht seien. 
Anfangs glaubten wir ihnen und mieden sol 
che Baulichkeiten. Wir schlugen darum jeden 
Abend unsere Zelt auf und legten uns, wenn 
die Esel versorgt waren, halbtot zur Ruhe. Der 
kapitalistische Unfug, der in der Heimat üblich 
gewesen war, den Esel von einem andern Sol 
daten besorgen zu lassen, hörte hier ganz auf. 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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