Das Nachwuchsproblem int Bühuenberuf
Von Intendant Fritz Holl, Beauftragter für die Betreuung des künstlerischen Nachwuchses im Bereich der Reichstheaterkammer.
Im nationalsozialistischen Staat ist der
Schauspieler Mittler deutschen Kulturguts, das
Theater Instrument seines Kulturwillens,
Spiegel des geistig-künstlerischen Kräftespiels
oer Nation.. Es wird Kulturtheater, es ist auf
vem Wege zum Nationaltheater. Das Theater
Arbeitet nicht mit den Argumenten des Ver
sammlungsredners, es verkündet keine The
sen von der Kanzel, es doziert nicht vom Ka
theder, es führt keine langatmigen Beweise
mit Formeln und wissenschaftlichen Unter
suchungen — das Theater wirkt durch die le
bendige Anschauung, durch die magnetische
Kraft, die von der Bühne auf die zuhörende
Und zuschauende, also mitfühlende Gemeinde
überfließt.
Jene geheimnisvolle Kraft, die den Bühnen
barsteller befähigt, seine Vorstellung von einer
Figur so zu verdichten, so in die Schwingungen
seiner eigenen Nerven einzupassen, mit seinem
Blut zu durchtränken, mit der Energie seiner
geistigen Potenz zu erleuchten und ungehemmt
so aus sich aufsteigen zu lassen, daß „Vorstel-
Inng" zur „Darstellung" wird, nennt man
»barstellerisches Talent".
Der lebendig wirkende Kraftstrom, der von
ben suggestionsstarken Bühnenöarstellern aus
geht, und seinen Gegenpol in Hirn und Herz
ber Zuschauer findet, der magische Ring, der
Bühne und Zuschauerraum umkreist und jene
»elektrische" Spannung einer Theaterstimmung
erzeugt, diese innere Wirkung von Mensch zu
Mensch, die in gegenseitiger Befruchtung die
Herzen einander öffnet, die Nerven in Gleich
takt bringt und die Seelen ausschließt, verbürgt
in alle Ewigkeit den Bestand des Theaters.
Durch dieses Erlebnis ist die lebendige Dar
stellung jeder mechanisierten Wiedergabe über
legen (siehe den Ansturm auf Lichtspieltheater,
wenn die persönliche Anwesenheit der Haupt
barsteller plakatisiert ist: alle wollen über den
Schemen der Leinwand den lebendigen Men
schen spüren!).
Wer kann zur Bühne gehen?
Abgesehen von allen sozialen Schwierigkei
ten muß immer wieder betont werden: nur
überdurchschnittliche Begabungen können als
«geeignet für den Bühnenberus" angesehen wer
ben. Entweder hat man die Kraft der Umfor
mungsmöglichkeit von Vorstellung in Darstel
lung oder man hat sie nicht. Hierzu muß man
in Wahrheit berufen sein, hier ist nichts zu
erlernen. Die Reichstheaterkammer verlangt
von dem Anwärter für den Bühnenberuf, daß
biese Ansätze einer darstellerischen Begabung,
bie auf mannigfaltige Art bei Eignungsprü-
sungen geprüft werden, unbedingt vorhanden
sind. Ferner müssen äußere Erscheinung und
innere Veranlagung in harmonischem Verhält
nis zueinander stehen, es muß eine gewisse
stimmliche Substanz vorhanden sein.
Was erlernt werden kann, ist die Technik,
was erarbeitet werden kann, ist die Zurüstung
und Abstimmung des Instruments. Gymnasti
sche und tänzerische Uebungen zur Lockerung
des Körpers, Atemtcchnik, Ausbau des Organs,
Schulung der Stimme, Reinigung der Sprache
von Dialektbeiklängen, Technik des Sprechens,
Sprachbehandlung, Stimmhygiene, Gehörbil
dung. Durch dauernde Uebung muß ein gewis
ses Gedächtnistraining erreicht werden, wel
ches dem Schauspieler und Sänger ermöglicht,
auch große Aufgaben in verhältnismäßig kur
zer Zeit zu memorieren. Wer diese Arbeit des
Bühnendarstellers unterschätzt, irrt sich gewal
tig. Die laienhafte Vorstellung von der Mit
wirkung des Souffleurs, der „alles vorsagt",
ist falsch. Nur der kann sich der ungehemmten
Auswirkung seiner Vorstellungskraft über
lassen, der „souverän über dem TTxte steht",
die Worte müssen ihm zufliegen, wenn die Ge
danken und seelischen Fühlfäden sich abspulen.
Dies alles muß sich der junge Anwärter vor
Augen halten. Wer glaubt, im Bühnenberus
ein bequemes Dasein führen zu können, wer
glaubt, der Schauspieler brauche nicht zu „ar
beiten", der wird unter allem Schweren und
Zermürbenden, das der Daseinskampf in die
sem Berufe mitbringt, nur Enttäuschungen er
leben.
Um in dieser Beziehung aufklärend wirken
zu können, hat die Reichstheaterkammer Be-
ratungsstunden eingerichtet. Im Reiche kön
nen alle diejenigen, die sich für den Bühnen
beruf interessieren, bei allen Obmännern der
Fachschaft Bühne an dem ihrem Wohnsitz nächst
gelegenen Theater Auskunft erhalten,' auch die
Arbeitsämter haben Listen über die Bera
tungsstellen der Reichstheaterkammer. In sei
nem eigenen Interesse, um ihn selbst und die
Erziehungsberechtigten vor Zeitverlust und
schweren Schädigungen zu bewahren, hat die
Reichstheaterkammer Eignungsprüfungen ein
gerichtet. Grundsätzlich muß auch an dieser
Stelle darauf hingewiesen werden, daß mit
einer Bühnenausbildung im Alter von 17 bis
20 Jahren begonnen werden soll. (Ge
wisse Ausnahmen ergeben sich für heroische
Stimmen der Oper, Hochdramatische, Bässe,
schwerer Heldentenor). Die Ausbildungsdauer
für Schauspieler ist mit zwei Jahren, für junge
Opernsänger mit mindestens drei Jahren be
messen. Auch die Ausbildung bis zur Erlan
gung der tänzerischen Reife für Bühnentänzer
dauert drei Jahre.
Vermittlung.
Nach Abschluß der Ausbildung haben sich alle
Bühnenschüler zur Aufnahme in die Fachschaft
Bühne anzumelden. Die Aufnahme, die die
Voraussetzung für jede künstlerische Tätigkeit
an der Bühne ist, wird nicht mehr von einer
Reifeprüfung abhängig gemacht, wohl aber
müssen sich alle Schüler einem Leistungsnach
weis unterziehen, bei dem der Grad ihrer Ver
mittlungsfähigkeit festgestellt wird.
Bei negativem Ausgang dieses Leistungs
nachweises kann der Anfänger gleichwohl in
die Fachschaft aufgenommen werden und seinen
Beruf ausüben (sofern er durch persönliche Be
mühungen eine Anstellung findet), eine Ver
mittlung durch den Bühnennachweis findet
jedoch nicht statt. Der Bühncnnachweis ist nach
seiner Umorganisierung eine Wohlfahrtsein
richtung der Reichstheaterkammer, die durch
ihn den wirklich Begabten und in Wahrheit
„Berufenen" die Wege ebnen will. Durch die
Einrichtung des Bühnennachweises ist das
Vermittlungswesen aus der Niederung des
„Geschäfts" und des Menschenhandels in die
Sphäre der künstlerischen und sozialen Für
sorge erhoben. Ueber die Aussichten eines jun
gen Künstlermenschen entscheidet nicht mehr die
Willkür oder Privatmeinung eines einzelnen
„Agenten", sondern ein mehrköpfiger Fachaus
schuß, den der Präsident der Reichstheater
kammer ernennt und dem für dieses verant
wortungsvolle Amt besonders geeignete Per
sönlichkeiten aus dem Kreise der Bühnenlei
ter und Bühnenmitglieder angehören. Durch
diesen Ausschuß werden die Novizen der Büh
nenkunst außerdem auf Wunsch eingehend dar
über beraten, was sie zur Fertigung, Förde
rung und Vervollkommnung ihrer Ausbil
dung zu tun haben bzw. welche besonderen
Aussichten (Spezialgebiete usw.) sich ihnen
bieten.
Andere Bühnenberufe.
Sehr oft sind junge Menschen, die es zur
Bühne drängt, nicht im klaren darüber, wie
mannigfach die Arten der Auswirkungsmög
lichkeiten für künstlerisch veranlagte Menschen
im Rahmen eines Theaterbetriebes sind. Man
kann in vielen Fällen feststellen, daß die künst
lerische Vorstellungsgabe eines jungen talen
tierten Menschen derart ist, daß sich ihm das
Gefüge eines Bühnenwerkes, der Umriß einer
Bühnenfigur klar vor Augen stellt, ohne daß
er ein spezifisch schauspielerisches Talent besitzt.
In solchen Fällen ist es möglich, zu einer Aus
bildung als Dramaturg und Regisseur, beim
Vorhandensein einer zeichnerischen oder male
rischen Begabung zum Beruf des Bühnen
bildners zu raten. Alle diese Fragen sind jedoch
immer wieder nur im Einzelfalle zu entschei
den, wobei gerade hier zu beachten ist, daß
amusische Menschen vom Theater fernzuhalten
sind.
Die Ausbildung des Nachwuchses der Büh-
nendirigentcn, Kapellmeister, Chorleiter, Kor
repetitoren ist im allgemeinen Sache der Mu
sikhochschulen. Beratung finden solche Anwär
ter bei den Leitern dieser Institute,' über die
Ausbildungsbedingungen und über die soziale
Seite dieser Berufsgruppen können sie durch
die Beratungsstellen der Reichstheaterkammer
alles Wissenswerte erfahren.
Regisseure, Dramaturgen und Kapellmeister
nehmen nach Erledigung ihrer Anfängerjahre
im künstlerischen Betrieb eine Führerstellung
ein. Bei der Annahme solcher Anwärter ist da
her in erhöhtem Maße eine Vegabten-Auslese
vonnöten. Die Ausbildung hat dafür zu sor
gen, daß dem Theater ein künstlerischer Füh
rernachwuchs erzogen werde, der nach seiner
innersten Ueberzeugung und kraft seiner er
worbenen Kenntnisse in der Lage ist, sein
Führeramt im Sinne letzter nationaler und
sozialer Verantwortung auszufüllen.
Ueber die Unterbringung junger Menschen,
die, ohne darstellerisches Talent zu besitzen,
Lust und Liebe für den Bühnenberuf mitbrin
gen, geben die Beratungsstellen jederzeit Aus
kunft. In Frage kommen folgende Berufs-
zweige: Souffleure, Inspizienten, Masken
bildner, Friseure, Perückenmacher, Modell
schreiner, Bühnenmaler, Elektriker, Requisi
teure, Cacheure, Dekorateure usw.
Die soziale Seite.
Deutschland hat durch den Weltkrieg eine
ganze Reihe hervorragender Theater, an denen
die Unterbringungsmöglichkeiten für Hunder
te von Angestellten aller Berufsgruppen ge
geben war, verloren. Zu diesen Theatern ge
hören die Bühnen von Straßburg, Metz, Mühl
hausen, Colmar, Posen, Bromberg, Lodz und
eine große Zahl von Bühnen in der Tschecho
slowakei sowie in anderen früher zur öster
reichischen Monarchie gehörenden Bezirken.
Im Gegensatz zu dieser Verringerung der Ar
beitsstätten ist die Zahl der am Theater Be
rufstätigen von Jahr zu Jahr gewachsen, so
daß heute ungefähr 8000 Schauspieler und
Sänger ohne Engagement bleiben müssen,
wenn man von kleiner Gelegenheitsbeschäfti
gung absieht. Sie finden großenteils Unter
kunft in anderen Berufen. Von den insgesamt
12 000 in den in ganz Deutschland vorhande
nen Stellen erwerbstätigen Bühnenmitglie
dern beziehen 32 Prozent ein Jahresgehalt
von 1200 MJt, weitere 34 Prozent bringen es
zu einem Jahreseinkommen von 1200 bis 1800
JLJl, es bleiben also 34 Prozent übrig, die ein
normales Einkommen'haben. In diesem Pro
zentsatz ist auch eine Schicht von Großverdie
nern mit eingeschlossen, die es zu sogenannten
„Spitzengagen" bringt.
ausgiebig
und zahnpflegend,
nachhaltig erfrischend
VetterberW
Wctteraussichtcn für Freitag» den 17. April 1936,
in Nordwestdeutschland: Schwachwinöig, wolkig
bis bedeckt, strichweise Niederschläge, Temperatur
der Jahreszeit entsprechend.
Peramwortlicher Hauptschriftleiter unv Herausgeber: Fer
dinand Möller.
Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Herbert Puhlmann.
Deramwortlich für Politik: Herbert Puhlmann; für den ört
lichen und allgemeinen Teil: Adolf Eregori; für den wirt
schaftlichen Teil: Dr. Cl. Bielfeldt: für den provin
ziellen Teil: Karl Müller, alle in Rendsburg.
Bildverantwortliche: Ressortleiter.
'lierantwortlicher Anzeigenleiter: Karl Jacobsen, Rendsburg.
Perlag und Druck: Heinrich Möller Söhne, Rendsburg.
D--A. Schleswig.Holsteinifche Landeszeitung (Rendsburg»
Tageblatt — Hohenwestedter Zeitung / Die Landpost
Hanerau.Hademaischen — Eüderbraruper Tageblatt),
D.-A. Hl. 36 13 868 Pl. Nr. 7
■—
Mit zwei Zeņtrrern durch den Weltkrieg
Erinnerungen eines Optimisten.
Von Karl Borromäus Gröber.
Copyright 1838 by Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.
(5. Fortsetzung.)'
Mein erstes Nachtquartier war in einem
staatlichen Mustergut in Ncderling bei Mün
chen, und ich bin dem Staate heute noch dank
bar, daß er die Gelder für die idealen, wohl-
Zementierten Schweineställe bewilligt hatte.
8u dritt hausten wir in einer solchen Box. Die
Borbereitung für den Gebirgsöienst begann.
Es wurde ein scharfer Unterschied zwischen
Proletariern, das heißt sogenannten Tierfüh-
îern, und den Aristokraten, den Kanonieren,
gemacht. Ich wurde Tierführer. Gleich am
Zweiten Tage wurde mir der bis dato im
Deutschen Reich einzig und allein zum Kriegs
dienst eingezogene Esel in die Hand gedrückt.
Im Zivil war er in Tegernsee beschäftigt ge
wesen, wo er Fourage auf den Wallberg trug.
>ich hatte die Psyche meines Feldkameraden
^alü erfaßt. Nacht acht Tagen wackelte er schon
Klm Dank mit den Ohren, wenn er eine gelbe
Bube bekam, und nach vierzehn Tagen sagte
br schön und energisch „ia", wenn man ihn
kragte, ob er Hunger habe. Sonst war er, wie
Ae Esel, faul und gefräßig. Der Dienst eines
Dierführers war eigenartig. Er war wissen
schaftlich betriebenes Spazierengehen. Was der
Esel tragen mußte, das hingen andere, mili
tärisch geschulte Kräfte an ihn. Der Ticrfüh-
*er selbst hielt nur den Zügel und sagte
«olala". Sonst wanderte er mit seinem Be-
ßleiter, dem Esel, am Rand von Kiesgruben,
mn Jsarhängen und ähnlichen gefährlichen
Ģegenden entlang, weil in der nächsten Nähe
Münchens steilere Gelegenheiten fehlten. Mit
speise und Trank jedoch versorgte zum Glück
ber kapitalistische Tierfiihrer — zu den Kapi
talisten konnte ich mich damals noch rechnen —
seinen Esel nicht. Hierzu mietete er sich einen
ihm geeignet erscheinenden Sohn des Land-
ìbanns. Dieser reinigte und striegelte auch die
Bestie, und so ruhte das Auge des Wacht
meisters mit Wohlgefallen auf dem Tiere. Um
zu resümieren: der Dienst eines Tierführers
in der Heimat war gleich dem Leben eines sat
ten Bürgers, der mit seinem Azorl spazieren
geht.
Idyllen dauern nicht allzu lange. Noch war
kein scharfer Schuß unseren Kanonen — die
man nebenbei bis ins kleinste auseinander
nehmen und nach längerer Uebung auch wie
der zusammensetzen konnte — entfahren, da
wurden wir auf die Bahn gesetzt und in fünf
tägiger Reise gegen einen unbekannten, fast
sagenhaften Feind entsandt. Durch Oesterreich
und Ungarn ging's, und in Weißkirchen, bei
den ungarischen Schwaben, war die Fahrt zu
Ende. Drüben über der Donau, auf den
Höhen von Rham, lag der böse Feind, der
„Serbski". Kaum hundert Meter vom Strom
entfernt ging die Batterie in Stellung. Ich
habe es nicht mitgemacht, aber die anderen
haben noch lange davon gesprochen, wie sie um
unsere kleinen Geschütze herumstanden und
warteten, bis der erste Schuß losginge. In der
lieben Heimat hatten wir ja bis dahin nur mit
Holzgranaten und ohne Pulver geschossen.
Dann ging's weiter über die Donau. Es gibt
ein Märchen, wo schließlich der Vater und der
Sohn den Esel an der Stange heimtragen. Ich
hätte in meiner Jugend nie geglaubt, daß diese
alte Geschichte für mich, einmal Vorbild werden
würde. Mein Sauluder von Esel legte sich,
als es das große Wasser sah, mitsamt den
Munitionskisten in den Dreck und war weder
mit guten noch mit bösen Worten zum Auf
stehen zu bewegen. Darum banden wir ihm
die Haxen zusammen, steckten einen Prügel
dazwischen und trugen ihn so — vier Mann
hoch — auf die Zille. Ernsten Auges aber
schaute Mackensen vom benachbarten Feld
herrnhügel am Ufer des Stromes auf dieses
einzigartige Schauspiel. Die Serben schossen
von den Bergrücken bei Rham energisch, aber
daneben treffend, nach unserer Lustfahrt. Ohne
daß uns ein Haar gekrümmt worden wäre,
kamen wir unter dem Gesang vaterländischer
Lieder ans feindliche Ufer. Der Feind war
schon restlos abgezogen. Das erste Zeltlager
wurde aufgeschlagen. Plötzlich kriegerisches Ge
wehrfeuer auf der Höhe rechts. Was war los?
Es hieß, droben in Rham gäbe es Schweine!
Auch in mir erwachte der Jäger. Ich wagte den
Aufstieg! Die Mittagssonne brannte heiß auf
den Kalkplatten, die treppenartig zur Höhe
führten. Warum sollte ich die weiten Serpen
tinen gehen? Ich kürzte ab und fing lustig an
zu klettern. Da — die Hand wollte gerade nach
einem vorstehenden Stein fassen — hörte ich
fast in Augenhöhe ein scharfes „sssssss". Vor
mir auf sonnendurchglühter Platte lagen zwei
feiste Schlänglein, die statt einer Krone — wie
man es nach dem Märchen erwarten sollte —
ein Horn auf dem bösartigen Kopfe trugen.
Der Abstieg fiel mir verhältnismäßig leicht,
und beim Schweinebraten war ich aus die
Mildtätigkeit der Kameraden angewiesen.
Jetzt begann unser ruhmreicher Feldzug
durch Serbien. Bon der Landschaft sahen wir
wenig. Rechts und links neben der Straße wa
ren mannshohe Maisfelder, die jede Aussicht
versperrten. Die serbischen Wege zeigten sich in
dem international bekannten Zustande! Der
Name „Tierführer", den wir offiziell trugen,
stimmte für Serbien nicht. Man führte seinen
Esel nicht, sondern zog ihn am Zügel wie einen
Karren durch den Dreck. Es war somit gerade
umgekehrt, wie es sein sollte. Von der Zähigkeit
des serbischen Drecks macht man sich keinen Be
griff. Noch lange nach dem Kriege verfolgte
mich in aufgeregten Träumen der sonderbar
gurgelnde Ton, den es gab, wenn der Esel oder
ich die Beine aus dem Morast zogen. Wie an
strengend war es erst, schwere Wagen in diesem
aufgeweichten Gelände vorwärts zu bringen!
Es dauerte auch nicht allzu lange, und von der
Batterie rückte nur mehr der Teil hinter dem
Feinde drein, der beritten war oder ein Trag
tier besaß. Die Feldküche, der Schmiedewagen,
der Herr Zahlmeister und selbstredend auch die
Feldpost befanden sich noch immer in der Nähe
der Donau, als wir schon beinahe in Mazedo
nien waren. Der Vormarsch der Gefechtsbatte
rie ging in diesem angenehmen Gelände nicht
lautlos vor sich. Einen Esel durch stilles Be
sprechen vorwärts zu treiben, ist vergebliches
Beginn. Ein fürchterliches Geschrei, ein Flu
chen — wie es seit den Tagen vor Troja kaum
mehr gehört wurde — verkündete schon von
ferne unser Kommen. Dabei waren wir noch
als ruhige Truppe bekannt. Dagegen gab es
bei den Württembergern eine „Heiland-Jesus-
Batterie", eine Bezeichnung, die aber weniger
auf die Frömmigkeit der Leute, als auf ein
übermäßiges und überlautes Anrufen dieser
heiligen Namen zurückzuführen war.
Da die Feldküche völlig fehlte, war die
Mannschaft aufs Requirieren angewiesen.
Serbien besaß, als wir einrückten, noch einen
überaus reichen Bestand an Hühnern und
Schweinen, der aber verhältnismäßig rasch we
niger wurde. Die serbischen Schweine waren
nicht groß, und man rechnete eines auf vier
Mann. Was aber ein Mann an den spärlichen
Rasttagen an Hühnern verzehren konnte, klingt
direkt sagenhaft. Brot und Salz waren äußerst
selten, dagegen gab es überall Wein, und auf
den Kaminen der Häuser — in große bauchige
Flaschen eingemauert — „Rhaki", den serbi
schen Zwetschgenschnaps, der auch gerne heiß
getrunken wurde. Die Kamine der Häuser bar
gen überdies ein köstliches Rauchfleisch.
Die Quartiere nahmen wir am Anfang des
Krieges nur ungern in den Häusern. Die Ser
ben hatten meist über ihrer Haustür einen
schwarzen Fetzen angebracht und erklärten uns,
daß so gekennzeichnete Häuser verseucht seien.
Anfangs glaubten wir ihnen und mieden sol
che Baulichkeiten. Wir schlugen darum jeden
Abend unsere Zelt auf und legten uns, wenn
die Esel versorgt waren, halbtot zur Ruhe. Der
kapitalistische Unfug, der in der Heimat üblich
gewesen war, den Esel von einem andern Sol
daten besorgen zu lassen, hörte hier ganz auf.
(Fortsetzung folgt.)