Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

^29. Jahrgang ' Nr. 89 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Donnerstag, den 16. April 1936 
Astronomische Irrtümer in der Literatur 
Vor mehr als fünfzig Jahren behauptete der 
berühmte englische Astronom Sir George Airy 
einmal, daß unter fünftausend Menschen kaum 
einer zu finden sei, der wisse, daß die Sterne 
auf- und untergehen. Kürzlich hat nun der Di 
rektor des Alleghany - Observatoriums in 
iPittsbourgh, Jordan, vor gebildeten Hörern 
jene Behauptung wiederholt und gleichfalls 
eine klägliche Unkenntnis über den besagten 
Gegenstand angetroffen. Die Bewohner der 
Großstädte, bemerkte er, nehmen, umgeben von 
künstlichem Licht, die Vorgänge am Himmel 
kaum wahr. Sie wissen, daß die Sonne ihren 
täglichen Lauf über den Himmel beschreibt, 
aber schon die Kenntnis vom Mond, seiner 
Bewegung und seinen Phasen sei recht ver 
schwommen. Lediglich, wenn sie aufs Land hin 
auskämen, weg vom künstlichen Licht der 
Städte, erhielten sie eine klare Vorstellung 
vom gestirnten Himmel, vom Stand der Ster 
ne, ihrem Lauf über das Himmelsrund, die 
Färb- und Helligkeitsunterschiede. Diese Un 
kenntnis über die Himmelskörper und ihre 
Bewegungen habe übrigens zu manchem be 
lustigenden Irrtum in der alten und neuen 
Schönen Literatur geführt. 
Als klassisches Beispiel bezeichnet der ame 
rikanische Astronom eine Stelle aus Coleridge' 
„Der alte Seemann". Dort läßt der englische 
Dichter, der vor etwas über hundert Jahren 
gestorben ist, seinen Helden von der aufsteigen- 
ben Mondsichel singen, zwischen deren Enden 
ein heller Stern aufleuchtet. Es ist natürlich 
unmöglich, daß ein Stern jemals innerhalb 
des zunehmenden Mondes auftaucht. Schon 
weil die Sterne alle sehr viel weiter von uns 
entfernt sind als unser nächtlicher Trabant 
und folglich niemals vor seiner verdunkelten 
Seite erscheinen können. Der gleiche Irrtum 
ist Jordan in einem unlängst erschienenen 
amerikanischen Roman begegnet, wo der Au 
tor — vielleicht beeinflußt durch Coleridge — 
von der Mondsichel spricht, in deren Mitte ein 
Stern stehe. Der Verfasserin übrigens ent 
zückender Novellen, Fräulein Stratton Porter, 
verdenkt es der Astronom, daß sie mit dem 
Mond geradezu spiele. Sie lasse ihn scheinen, 
wann und wo es ihr immer behage, und ihn 
seltsame Dinge treiben. Irgendwo stehe der 
Halbmond der Dichterin ganz richtig über den 
Baumwipfeln am westlichen Horizont,' in vor 
gerückter Nachtstunde habe sich das Gestirn 
dann leider hoch über den Wald erhoben und 
sein Silberlicht über das Land ausgeschüttet, 
was schon deshalb ein Unding sei, da der Mond 
niemals im Westen aufgehe! 
Bisweilen kann man um die Zeit des Voll 
monds hören, daß es „taghell" sei. Wie sehr 
dieser Vergleich hinkt, geht daraus hervor, daß 
das Licht des Vollmonds nur ungefähr den 
sechshnnderttausendsten Teil der Stärke von 
vollem Sonnenlicht hat. Ein einfacher photo 
graphischer Versuch zeigt diesen Unterschied. 
Will man nämlich bet Vollmondlicht ein Nega 
tiv erzielen, daß die Stärke einer Sonnenlicht 
aufnahme bei einhnndertstcl Sekunde Belich 
tung hat, so hat man zwei Stunden lang, d. h. 
720 000 mal so lang zu belichten. Aus diesem 
Grund ist es auch eine Uebertreibung, dem 
Mondlicht irgendeinen schätzbaren und meß 
baren Einfluß auf das Pflanzenwachstum ein 
zuräumen. 
Sind Sterne bei Tageslicht sichtbar? Es ist 
eine verbreitete Meinung, daß man vom Bo 
den eines tiefen Schachtes oder eines Schorn 
steins, was ja praktisch dasselbe bedeutet, am 
Tag einen Ausschnitt vom dunkeln Himmel 
sehen könne, einen Ausschnitt, auf dem Sterne I 
flimmern. Jordan hält es für denkbar, daß ein 
sehr heller Stern gesehen werden kann, aber 
keinesfalls andere. Wenn also ein Schriftstel 
ler — wie das geschehen ist — seinen Helden 
in eine tiefe Höhle hat fallen und dessen ein 
zige Hoffnung einen Stern hat sein lassen, der 
helleuchtend all die Tage unmittelbar über der 
Höhlenöffnung stand, so muß das ein sehr be 
quemes Gestirn gewesen sein. Der Autor aber 
ist einer der 4999 Menschen, die nicht wissen, 
daß die Sterne über den Himmel ziehen. „Man 
lese irgendein schöngeistiges Buch", so schließt 
der amerikanische Astronom seine hübsche Zu 
sammenstellung, „Prosa oder Lyrik — fast in 
jedem hat man die Möglichkeit, einen astrono 
mischen Irrtum zu entdecken". Eine auffallende 
Ausnahme macht der Verfasser des Enoch 
Arden, der englische Hofdichter Alfred Tenny 
son, von dem erzählt wird, daß ihm niemals 
ein solcher Fehler unterlaufen sei. — Sein Ge 
heimnis? Möchte man wissen. Ganz einfach: 
bevor er irgend eine „astronomische" Behaup 
tung aufstellte, zog er jedesmal den königlich 
englischen Hofastronomen zu Rat!- 
Karl I. vo« Braunschweig als PastetendäSer 
Der tolle Roman seiner heimlichen Doppelehe. 
Bor 50 Jahren wurde vom Oberlandes 
gericht Braunschweig ein Erbschaftsprozeß ent 
schieden, der das Leben des Herzogs Karl I. of 
fenbarte, der 16 Jahre lang, teils als regieren 
der Fürst, teils als Koch und Pastetenbäcker 
des Bamberger Domherren von Roth gelebt 
hatte, um seine Doppelehe zu verheimlichen. 
Mit dem Tode des Herzogs Wilhelm am 
18. 10. 1884 war das neuere Haus Braun 
schweig erloschen. Die Erbansprüche der Cum- 
berländer wurden nicht anerkannt, und am 
21. 10. 1885 wählte der Landtag den Prinzen 
Albrecht von Preußen zum Regenten. 
Unter den vielen Streitigkeiten, die beim 
Tode des Herzogs Karl einsetzten, erregte be 
sonders der Erbanspruch der Münchener Fa 
milie Bevern das größte Aufsehen. Sie gaben 
sich als als einzige gesetzliche Erben aus. 
Es war der im Armenhaus lebende Pfründ- 
ner und frühere Sattlermeister Georg Bevern 
und dessen in München lebende Kinder Vor 
reiter Max und Schauspielerin Maria Bevern. 
Eine tolle Geschichte wurde von den Richtern 
ermittelt und behandelt: 
Herzog Karl l., geboren 1713, hatte 1739 die 
jüngere Schwester Friedrich des Großen nach 
protestantischer Satzung geheiratet. 
Am 19.11.1763, als er schon 13 Kinder hatte, 
heiratete er heimlich in Bamberg die dortige 
Müllerstochter Anna Maria Scherl. Er gab 
sich dabei als Pastetenbäcker Georg Karl Be 
vern aus, der angeblich bei dem Domherrn 
von Roth in Dienst stand. Die Ehe wurde durch 
den Dompfarrer König nach katholischer 
Satzung geschlossen. 
So lebte der Herzog 15 Jahre lang, von 
1753 bis 1768, in einer Doppelehe, die er in sei 
nem Lande sonst mit Pranger und Zuchthaus 
bestrafte. 
Kenntnis davon hatten der Domherr, die 
Schwester des Herzogs, Königin Elisabeth Chri 
stine in Stettin, sowie sein ältester Sohn. 
Im Winter regierte er drei bis vier Mo 
nate in Braunschweig, um mit dem erwachen 
den Frühling regelmäßig durch all die Jahre 
hindurch seine Tätigkeit als „Koch, Diener und 
Pastetenbäcker" in Bamberg wieder aufzuneh 
men. Mit der Bamberger Frau hatte er vier 
Söhne, von denen drei starben. 
1768 kam er plötzlich nicht wieder nach Bam 
berg zurück. Er ließ auch nichts mehr hören. 
Er beantwortete weder Briefe, noch war er 
Bitten und Drohungen zugänglich. Dabei hatte 
er das aus 80 000 Gulden bestehende Privat 
vermögen der Anna Maria Scherl bis auf den 
letzten Heller verbraucht. 
Von seinem am 6. 10. 1758 in Bamberg ge 
borenen Sohn, der 1843 in Würzburg als Hof 
konditor starb, stammten die Klüger aus 
München. 
Der herzogliche Pastetenbäcker muß ebenso 
geizig wie weitherzig gewesen sein. Denn er 
hatte in den Jahren 1761 bis 1756 von Frank 
reich 2 A Millionen Livres „Subsidiengelöer" 
und von 1756 bis 1762 von England eine halbe 
Million Pfund erhalten. 
Er starb 1780. Sein ihm nachfolgender Sohn 
Karl Wilhelm Ferdinand kümmerte sich gleich 
falls nicht um die „Seitenlinie". 
Im Laufe des Prozesses, der 1885 einsetzte, 
wurde der alte Sünder als „arm und tiefvcr- 
schuldet" bezeichnet. Die Abstammung der 
Erben galt als erwiesen, indessen wurde ver 
kündet, daß sie weder das testamentarische, 
noch das Fideikommiß- und Allodialvermögen 
beanspruchen könnten. Wohl aber habe sie das 
Regreßrecht gegen alle Erben seit 1780. 
Nach verschiedenen anderen Versuchen wur 
den die herzoglichen Nachkommen im Jahre 
1886 dann vom Oberlandesgericht Braun 
schweig endgültig abgewiesen. 
Ernst Heilemann ş 
Der bekannte Berliner Maler und Zeichner 
Ernst Heilemann ist in Kitchener in Kanada 
im 66. Lebensjahre plötzlich gestorben. Der 
Künstler war, wie schon des öfteren, vor eini 
gen Monaten nach Amerika gefahren, um 
Bildnisaufträge auszuführen. Er war bekannt 
durch seine Zeichnungen in bekannten deut 
schen Witzblättern, wie in den „Lustigen Blät 
tern" und im „Simplizissimus". 
(Atlantic, K.) 
Heimas Kunstverständnis 
Von Hans-Eberhard von Besser. 
(Nachdruck verboten.) 
Kurt Lersner, der junge Maler, schaute mit 
seinen warmen, tiefen Künstleraugen hinein 
in den jungen Frühlingstag. Strahlende 
Sonne umhellte das Land, die Fluren liefen 
jubelnd hinaus in die zartblaue Weite, fern 
dunkelte der Wald. 
Lersner hatte seine Staffelei aufgestellt, griff 
Zu Pinsel und Palette, er hatte begonnen, die 
frühlingsbunte Landschaft farbenfroh und 
leuchtend auf die Leinwand zu bannen. Er 
blickte hinunter in das Land und dann wieder 
Ms das angefangene Bild. Eins nur störte: 
dort unten im Tal lag die Papierfabrik, der 
kiesige Kasten, er verdarb die herrliche, sanft 
dahinschwingeude Landschaft. Auch wenn man 
ihn nicht sehen wollte, auch wenn man die 
Fabrik unbeachtet ließ, immer wieder schob sich 
der mächtige Bau in das Blickfeld. Mitten hin 
ein in die Harmonie der beglückenden Natur 
hatte dieser Papierfabrikant sein Werk ge- 
daut. Die Wasserkraft der Bergbäche war aus 
genützt worden, die hier talnieder brausten, 
dennoch, die Harmonie der Landschaft war 
empfindlich gestört. 
Kurt Lersner schaute in das Land hinaus, in 
den Tag, und er lächelte. Was man nicht sehen 
sollte, sah man nicht, basta! Und er sah hin 
ter ins Tal, bis hin zu dem in morgenroten 
Flammen leuchtenden Wald, und begann seine 
Arbeit. Dann und wann schaute er die ge 
fundene Straße hinauf, an der er sich unter 
mühenden Sträuchern sein Atelier errichtet, 
funn sanken Pinsel und Palette, und leichte 
Spannung trat in seine Züge. 
Dieser Konrad Wiesner, dieser Papierfabri 
kant, der auf diesem herrlichen Fleckchen Erde 
llroß und breit seine Fabrik gebaut, er hatte 
^ìue allerliebste, reizende Tochter, das mußte 
fan ihm lassen. Wirklich — ein bildhübsches 
feines Ding. Lersner sah wieder die Straße 
hinauf. Jeden Morgen fegte Helma Wiesner 
Mer mit ihrem Motorrad vorüber, hinunter in 
me kleine Stadt. Immer stoppte sie kurz, 
lächelte und besah seine Arbeit, und allmählich 
faxen sie auch ins Gespräch gekommen und — 
fr junge Maler sah verträumt in die blaue 
Kerne. Ein reizendes Mädchen war diese 
Helma, frisch, ungezwungen und schlank wie 
eine Tanne. 
Das metallische Klingen eines heransausen 
den Motorrades ließ den Maler aufhorchen, 
feine Röte stieg in sein Gesicht, sein Herz 
klopfte. Und als er Helmas blonden, flattern 
den Pagenkopf auftauchen sah, überfiel ihn jäh 
die Erkenntnis: er liebte Helma Wiesner. 
Da war sie schon heran. Fröhlich klang ihr: 
„Guten Morgen!" Sie trat an die Staffelei 
und musterte das Bild. Kurt Lersner hatte 
sich leicht verneigt, scheinbar gelassen, arbeitete 
er an dem Bilde. >■ 
„Ein schöner Tag heute, Fräulein Wiesner, 
nicht wahr?" 
„Wundervoll, Frühling, Frühling!" 
Der Klang der Mädchenstimme tönte wie 
eine überhelle Glocke. Lersner drehte sich um, 
seine Augen senkten sich in die Helmas, sie 
lächelten. 
„Gefüllt Ihnen das Bild? Die Wolken im 
Hintergründe könnten noch ein wenig leichter, 
duftiger sein, nicht wahr? Was meinen Sie?" 
Helmar Wiesner trat näher, sah in die Ferne 
und wieder auf das Bild, dann ruhten ihre 
Augen sekundenlang schelmisch auf dem Maler, 
warmer Glanz trat in ihre blauen Augen. 
„Sehr hübsch, Herr Lersner, wirklich sehr 
hübsch, aber —" 
„Aber, Fräulein Wiesner, seien Sie ruhig 
offen, Kritik aus solchem Munde verletzt 
nicht." 
„Ich würde im Hintergründe die Fabrik 
meines Vaters auftauchen lassen, so richtig 
übergroß und mächtig, so langsam in die Wol 
ken vergehend, davor die Landschaft, das wäre 
wirklich großartig." 
Lersner hatte Pinsel und Palette sinken las 
sen, entsetzt starrte er Helma an, keines Wor 
tes mächtig. Das junge Mädchen sah harm 
los drein. 
„Wie, das ist doch nicht Ihr Ernst, Fräulein 
Wiesner, ich bitte Sie, diese Fabrik, dieser 
Kasten, das ganze Bild wäre ja verschandelt, 
sehen Sie denn das nicht, Himmel, das ist doch, 
das ist doch nicht möglich." 
Helma lächelte arglos. 
„Ueberlegen Sie es sich doch mal, ich würde 
das Bild gern kaufen, vielleicht komponieren 
Sie die Fabrik noch hinein, wirklich, es wäre 
ganz famos, doch nun muß ich weiter." 
Kurt Lersner sah der jungen Dame ent 
geistert nach, der frohe Tag schien allen Glanz 
verloren zu haben. Helma konnte nicht das 
mindeste künstlerische Gefühl, nicht das ge 
ringste Kunstverständnis haben, die Fabrik, 
dieser infame Kasten, die Fabrik sollte er in 
diese zarte Landschaft setzen, die Papierfabrik 
ihres Vaters! Lersner konnte nicht mehr 
weiter arbeiten, er warf sein Malergerät zur 
Erde und zündete sich eine Zigarette an. Trübe 
starrte er vor sich nieder. Sie war so lieb 
reizend, so bezaubernd, doch nie und nimmer 
die Gefährtin, die er sich ersehnte, sie hatte kei 
nen Sinn für die Kunst, kein Empfinden, das 
hätte er nicht gedacht. Er mußte sich diese Liebe, 
die heimlich seit Tagen in seinem Herzen 
lebte, aus dem Sinn schlagen, ohnedies wäre 
er ja auch dem reichen Papierfabrikanten als 
Schwiegersohn, er, der arme Maler, nicht will 
kommen. Ja, er war arm, und Helma wollte 
das Bild kaufen, kaufen wollte sie es — Lers 
ner fielen seine verschiedenen Verbindlichkei 
ten ein, teuer war das Leben, teuer waren die 
Farben, gering die Aufträge. Gedanken krei 
sten ihm durchs Hirn. 
Wie lange er abwesend vor sich hingestarrt, 
wußte er nicht, er schrak erst auf, als Helma 
auf ihrem Motorrad vorüberflitzte, sie winkte, 
lachte. Lauge schaute er ihr nach, dann griff 
c^r seufzend zu Pinsel und Palette. Er liebte 
dieses feine, blonde Mädchen, und wenn er ihr 
eine Freude machen konnte, auch wenn sie das 
Bild nicht kaufen würde, hätte er es tun müs 
sen. Ja, er mußte die Fabrik malen, mußte es, 
weil Helma es gern wollte. Hellma, die er 
liebte, liebte mit heißem Herzen und allen 
Sinnen. Und er ging mit verbissenem Eifer 
an die Arbeit, er dachte an Helma und hielt 
alles Widerstrebende in sich nieder. Und Helma 
kam an jedem Morgen und lobte und war 
glücklich. Und da war es der Maler auch. 
* 
„Ich bringe heute abend einen Gast mit", 
sagte Helma in ihrer unbekümmerten Weise 
eines Mittags, „einen jungen Maler, der hier 
eine Landschaft gemalt hat, ihr habt doch nichts 
dagegen?" 
Sie wartete gar nicht die Antwort der El 
tern ab, die sich schnell angeblickt hatten, ein 
Liedchen trällernd ging sie in den Garten, um 
Blumen zu schneiden. Konrad Wiesner sah 
seine Frau vielsagend an. „Da — da, was habe 
N gejagt, da haben wir die Geschichte, ich dachte 
mir ja schon, daß Helmas tägliche Fahrten 
zur Stadt einen besonderen Grund hatten. Na, 
der Kunstjünger soll man nicht denken, daß ich 
einen Maler als Schwiegersohn brauchen 
kann,' für meine Fabrik, die mir über alles 
geht, brauche ich einen ganz anderen Typ, das 
wird auch Helma einsehen — kleine Schwärme 
rei vermutlich, weiter nichts." 
Konrad Wiesner zündete sich eine Zigarre 
au und nickte seiner nachdenklich dreinschauen 
den Frau zu, die Sache war für ihn erledigt. 
Am Abend erschien Kurt Lersner, ein kleiner 
Junge trug das Bild, er konnte es kaum 
sehen, schließlich aber freute er sich doch über 
Helmas strahlende Augen. Es sollte eine 
(Überraschung für den Vater sein. Heimlich 
packten sie es zusammen aus und stellten es in 
den Salon. 
Da erschien Konrad Wiesner. Helma stellte 
den Maler vor und führte den Vater vor das 
Bild. Dieser stand sekundenlang verblüfft, sein 
Gesicht hellte sich jäh auf, schmunzelnd betrach 
tete er das Gemälde von allen Seiten. „Nicht 
übel, da ist ja die Fabrik darauf, die Fabrik, 
hm, ja, meine Fabrik, Sie müssen nämlich 
wissen, die Fabrik, — die bin ich, und ich bin 
die Fabrik, ja, das Bild ist wundervoll, ganz 
wundervoll, alle Achtung, aber am besten macht 
sich doch die Fabrik, ganz großartig, tatsächlich, 
das freut.mich sehr." 
Helma fiel dem Vater stürmisch um den 
Hals, lustig zwinkerte sie dabei Kurt Lersner 
zu. Und der Maler verstand jäh, heiß strömte 
ihm das Blut zum Herzen, Helmas Augen 
sprachen eine deutliche Sprache. Sie fühlte 
seine Liebe und liebte ihn wieder, und die 
schlaue Evastochter hatte den Vater überlistet 
und dem Künstler Kurt Lersner den Weg in 
das Haus des Großindustriellen gebahnt. 
„Helma!" 
Der Maler ergriff die schlanken, feinen 
Mädchenhände, als sie nach dem fröhlich 
heiteren Abendessen in den Garten gingen. 
„Na endlich," lachte Helma Wiesner, „und 
keine Angst, soviel Kunstverständnis habe ich 
schon, um zu begreifen, daß dir dieses Bild mit 
der Fabrik nicht leicht geworden ist, Kurt! 
Doch ich denke, es hat sich gelohnt, wie?" 
Lersner küßte den kleinen roten Mund des 
Mädchens, der Blütenwind umkoste die beiden. 
Sterne flimmerten, es war eine Nacht des 
Frühlings. 
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