mnîmm àrch den
Erinnerungen eines Optimisten
Bon Karl Borromäu
Grober.
(7. Fortsetzung.
Mein neues Pferd, das mir jetzt zugewiesen
wurde, und das ich bis zum Kriegsende be
hielt, hieß wegen seiner komfortablen Eigen
schaften das „Sofa". Es war ein stämmiger
Brauner, der mich mit Leichtigkeit trug und
die mir persönlich nicht unangenehme Eigen
schaft besaß, weder im Schritt, noch im Trab
oder gar im Galopp aus der Ruhe zu kommen.
Ich konnte in jeder Gangart gemütlich auf
meinem Rosse sitzen. Was ihm an Tempera
ment mangelte, ersetzte es durch ausgesproche
nen Ortssinn und durch eine rührende An
hänglichkeit an seinen Herrn. Pferdekenntnis
fehlte mir vollständig, und es hat lange gedau
ert, bis ich meinen Braunen von seinen gleich
farbigen Brüdern wegkannte. Das „Sofa"
kam indessen schon nach kurzer Zeit herbeige
laufen, wenn ich nach ihm rief. Ich bin heute
noch stolz, daß das Tier trotz aller bösen Mär
sche nie lahmte und nie einen Druck hatte.
Manchmal waren wir dem Feinde näher, als
wir glaubten. Die Meldereiter wurden auch
als Quartiermacher benützt, und ich sollte in
Knezica, einem kleinen verlausten Dorf, Quar
tiere für die nachkommende Batterie belegen.
Das war bald geschehen, weil noch keine andere
Truppe vor uns hergezogen war und das Dorf
belegt hatte. Nicht weit von unserem Quar
tier lag an einem Hang das Städtchen Petrv-
vac, durch das eine Hauptstraße führte, die
einen weniger beschwerlichen Rückweg versprach
als die versumpften Zugänge nach Knezica.
Ich ritt daher auf die Stadt zu und war sehr
überrascht, als mir kurz vor dem Eingang in
das Städtchen fast die gesamte Bevölkerung mit
dem Bürgermeister an der Spitze entgegenkam.
Die Kinder schwangen in dem Zuge grüne
Zweige, und zwei junge Mädchen trugen mir
auf großen Schüsseln gebratene Hühner und
Spanferkel, Weine und Schnäpse entgegen. Ich
war recht erstaunt und verstand nicht ganz,
was die Leute wollten. Der Herr Bürgermei
ster aber übergab mir in wohlgesetzter deut
scher Rede die Stadt und bat um Schonung der
Bevölkerung. Es war wie im Mittelalter! So
weit es in meinen Kräften als Meldereiter
stand, verzichtete ich persönlich aus Plündern
und Schändung. Das entgegengebrachte leckere
Mahl aber ließ ich mir gut munden. Zum
Zeichen, daß die Speisen nicht vergiftet seien,
aß der Herr Bürgermeister selbst mit. Als ich
jedoch in das Städtchen hineinreiten wollte,
Copyright 1935 by Deutsche Dcrlagsanstalt Ttuttgyrt.
machte er mich darauf aufmerksam, daß die
Serben noch nicht restlos abgezogen seien und
daß es besser wäre, mit dem Einzug noch eine
halbe Stunde zu warten. Ich bewegte mich auf
diesen Rat hin ziemlich eilig wieder nach rück
wärts und mußte sogar an den deutschen Jä
gern vorbei, welche die Spitze unserer Armee
bildeten. Einmal zurückschallend, sah ich die
Serben eilends aus Petrovac verschwinden.
Die nächsten paar Tage gab es recht heiße
Kümpfe. Die Serben wehrten sich auf den bei
den Höhenkämmen, die das Mlavatal von dem
Moravatal trennten, wie Helden. Sogar ivir
Gebirgsartillerie kamen bei Gladna mit ihnen
ins Handgemenge, und es hat alle Anstrengung
gekostet, sie von unseren Geschützen zurückzu
treiben.
Für uns Meldereiter begann eine böse Zeit.
Man mußte aufpassen wie ein Wachtelhund,
daß uns die Serben bei den nächtlichen Ritten
nicht abfaßten. Im Gelände kannte man sich
ja in keiner Weise aus und war auf jedes,
wenn auch noch so bescheidene Merkzeichen an
gewiesen. Unser Abteilungsstab sollte in einem
Gehöft in der Nähe von Paracin rechts der
Straße hausen. Ein Kamerad hatte mir ver
raten, daß an der in Betracht kommenden
Kreuzungsstelle ein toter Serbe liege. Stuu-
denlang irrte ich in dem Gelände umher und
konnte das Stabsquartier nicht finden. Da
plötzlich scheute mein Pferd und wollte nicht
weiter. Ich habe mich selten in meinem Leben
so gefreut wie damals, als ich nirn beim Nach
suchen den toten serbischen Krieger fand. Die
Einstellung zu solch traurigen Dingen war
eben anders geworden, als man es in der Hei
mat gewohnt war.
Die serbischen Hütten, in denen man nachts
sein müdes Haupt niederlegte, waren nicht
gerade feuersicher, und bei Johannevac wäre
um ein Haar unser ganzer Batteriestäb ver
brannt. Es ist nicht schön, wenn man nachts
aufwacht und plötzlich in die brennende Decke
starrt. Man entfernt sich bei solchen Gelegen
heiten überraschend schnell von seinem Lager.
Trotzdem mußten wir nochmals in das bren
nende Haus zurück, weil man fast einige Ver
wundete vergessen hätte. Kaum waren sie ge
rettet, fiel das ganze Holzhaus in sich zusam
men und brannte restlos ab.
In der Nähe von Johannevac bei Ciccvac
Hütten mich die Serben fast gefangen. Aus
Versehen hatte ich einen Bach, der uns vom
Feinde trennte, überschritten. Als ich schon
beinahe in ein serbisches Biwak eingeritten
war, bemerkte ich erst, wo ich mich befand, und
kehrte bescheiden, aber rasch zum rechtmäßigen
Ufer zurück.
Manchmal wußte auch die Führung nicht,
wo der Serbe hingezogen war, und man hatte
so — auf Befehlsempfang wartend — Zeit, sich
beim fremden Stabe zu erholen. Es bildete sich
langsam ein nettes, kameradschaftliches Ver
hältnis zu den Ordonnanzen der Divisionäre
und Abteilungschefs heraus. Ich habe immer
viel Wert auf gute Verpflegung gelegt und
meine Kenntnisse der Kochkunst als Selbst
versorger und eigener Koch bedeutend vertieft.
Die Serben hatten eine eigene Art, ihr Brot
zu backen. In dicke Tonschüsseln mit nicht allzu
hohem Rande wurde der Teig eingefüllt, die
Schüssel mit einem kuppelförmigen Eisendeckel
überdeckt und auf heiße Asche gestellt. Das
Braten der Hühner am Spieß, das nicht sehr
leicht und äußerst zeitraubend war, suchte ich
durch ein bequemeres Verfahren zu ersetzen.
Die gerupften und gesalzenen Hühner kamen
statt des Brotteigs in die Tonschüssel. Darüber
wurde der Deckel mit den glühenden Kohlen
gestülpt. Das erstemal waren die Hühner, als
ich nach einer Dreiviertelstunde nahsah, restlos
verbrannt. So ging's also nicht! Als ich dann
das Huhn auf einem Kupferteller mit Fett in
die Tonschüssel stellte, hatte ich glänzende Er
folge zu verzeichnen. Wenn man dann noch
Gemüse, frische Paprikaschoten und Kartoffel-
scheiben mitdünstete, entstand ein Gericht, das
äußerst schmackhaft war. Dieses Verfahren
führte sich in der deutschen Armee rasch ein.
Helle Begeisterung und höchste Anerkennung
errang ich mir bei unserem Divisionsstabe, als
ich dort einmal den Koch vertrat und für die
Herren Offiziere ein so leckeres Mahl berei
tete, daß sie mich, den Gefreiten, sogar auf
forderten, an ihrem Tische mitzuspeisen.
Der Winter kam näher: wir zogen gegen
Kursumlija. Ein abscheuliches Glatteis und ein
dichtes Schneegestöber machten die Wege fast
unpassierbar. Die Strapazen wuchsen mit je
dem Tage, und das Gelände wurde immer
bergiger und wcgsamer. Langsam näherte sich
die Grenze von Altserbien, und die deutschen
Truppen gelangten in das vormals türkische
Gebiet auf das berühmte Amselfeld. Die ehe
malige türkische Grenze war leicht zu erken
nen. Halb verfallene Forts schützten oder be
drohten die Straße. Statt der Kirchen sah man
jetzt Moscheen, und ein höchst eigentümlich ko
stümierter Volksstamm — die Arnauten, die
uns lebhaft an Karl May erinnerten — war
hier zu Hause. Sie trugen Hosen von jener
Enge, die die sprichwörtliche Beißzange zum
Aus- und Anziehen erforderten. Das Hosen-
türl war vierfach und mit eigentümlichen
Klappen versehen, die Röcke waren kurz, fast
westenartig, von blauer Farbe, geziert mit
goldenen Stickereien. Auf dem Haupte trugen
sie eine kleine weiße Filzkalotte. In den bun
ten Gürteln steckten Pistolen, Dolche und ähn
liche dekorative Gegenstände. Diese Arnauten
waren Mohammedaner und somit die Erb
feinde der Serben. Sie hatten sich sofort ener
gisch auf unsere Seite gestellt und kämpften
als unsere Bundesgenossen, aber auf eigene
Faust, gegen die Serben. Sehr mutig erschie
nen sie uns gerade nicht. Menschlichkeit gegen
gefangene Feinde war ihnen ein völlig unbe
kannter Begriff. Es kam zum Beispiel einmal
vor, daß ein armer, verwundeter Serbe, den
gerade unser Arzt im Quartier am Fuß ver
binden wollte, von einem Arnauten aus näch
ster Nähe in den Kopf geschossen wurde. Ein
derartiges Treiben war ihnen schwer abzuge
wöhnen. Selbst unser Verkehr mit diesen Her
ren gestaltete sich nicht so einfach wie mit den
gutmütigen und harmlosen Serben. Bei diesen
war das Ouartiermachen wahrhaft einfach ge
wesen, bei den Arnauten stießen wir auf un
geahnte Schwierigkeiten. Der Harem mußte
bei unseren Herren Bundesgenossen unbedingt
respektiert werden. Und wenn schon einmal
die Damen ausquartiert ivurden, kamen wir
in Boudoirs, in denen die Wohlgerüche des
Orients — so weit von Arabien entfernt —
ganz andere Formen angenommen, als wir
erträumt hatten. Dazu verbitterten uns die
arnautischen Flöhe das Leben gewaltig. Ganz
besonders empfindlich aber waren diese Herren
Mohammedaner, wenn wir in einem ihrer
Höfe ein aus Serbien herübergerettetes
Schweinchen abzustechen gedachten und die Sau
sogar mit einem moslemitischen Beil vor den
Kopf schlugen. Dann war Feuer unter dem
Dach, und wir mußten uns vor diesen bös
artigen Kerlen mehr in acht nehmen, als vor
unseren Feinden, den Serben.
Babinmost aus dem berühmten Amselfelde,
wo 1389 die Serben von den Türken so gründ
lich besiegt worden ivaren, war unser west
lichstes Quartier in dem serbischen Feldzuge.
Nach Pristina, das wie eine richtige türkische
Stadt in den Bergen lag, war es nicht weit.
Ich mußte zum Befehlsempfang hinüberrei
ten. Es war schon dunkle Nacht und ein arges
Schneegestöber, als ich zurückritt. Nicht weit
von dem Grabmal des Sultans Murad, den
die Serben damals nach der Schlacht heim
tückisch ermordet hatten, ging's über einen
kleinen Flnß, den eine hohe Steinbogenbrücke
überspannte. Ich war verhüllt bis auf die
Nasenspitze und starrte im Halbschlaf, auf mein
friedlich dahintrabendes „Sofa" gekuschelt,
nach den Lichtern des nicht mehr allzu fernen
Babinmost. Plötzlich fuhr ich empor.
(Fortsetzung folgt.)
Ein Sang von Treue und Liebe
Roman von Leontine
Nachdruck verboten.
Es ist in früher Morgenstunde. Aus einem
Ruhebett, das mit kostbaren, schneeweißen
Fellen bedeckt ist, liegt Julia, die Fürstin von
Sizilien. Ihre Haut ist wie von lichtbraunem
Samt und ihre Lippen glühen wie reife Kir-
schen. Schwer fallen ihr die Wimpern über die
nachtschwarzen Augen und ihre Lider sind
meist halb geschlossen. Sie liegt in lässiger Hal
tung, im weiß und golddurchwirkten Gewände,
auf ihrem Ruhebett. Negersklaven fächeln ihr
mit Pfauenfedern Kühlung zu. Schwere, bunte
Teppiche hängen überall nieder an den kalten
Marmorwünden, Teppiche und Tigerfelle
decken den Boden. Eine schwüle, üppige Pracht,
wohin man sieht. In goldenem Reifen hängt
ein grüner Papagei von der Decke herab, Aeff-
chen balgen sich in einem großen Käsig. Das ist
alles zur Kurzweil der Fürstentochter, der
trotzdem die Langeweile auf dem müden Ge
sicht geschrieben steht.
Jetzt hebt Julia langsam den Kopf.
„Wo sind meine Frauen? Sie sollen mich
schmücken."
Lautlos teilen sich die Purpurvorhänge zwi
schen den Marmorsäulen. Sklavinnen treten
ein, Blumen und Schmuckkästchen in den
schmalen braunen Handen.
Die erste kniet nieder vor dem Ruhebett und
öffnet einen elfenbeinernen Kasten mit Ge
schmeide.
„Wünscht meine Fürstin Perlen aus Mor
genland?"
Julia wirft die Lippen verächtlich auf.
„Geh, du langweilst mich."
Die zweite Sklavin kniet nieder und kreuzt
die Arme über der Brust.
„Wünscht meine Fürstin Rosen von Schi
ras?"
Julia nickte.
„Stecke sie mir ins Haar, sie duften so süß."
Und sie greift nach dem Metallspiegel und
beschaut sich.
„Wie Blutstropfen in dunkler Nacht. Und
was bringst du?"
Die dritte Sklavin beugte ihre Knie.
„Granatäpfel aus Morgenland in duftenden
Schalen von Zedcrnholz des Libanons."
Julia gähnt.
„Ich bin satt, ich will sie nicht. Sing' mir ein
Lied."
Die vierte Sklavin greift zur Harfe und
singt mit leiser Stimme:
„Ueber das Meer her wandern die Winde,
v. Winterfeld-Platen
Ueber das Meer her wandert die Sehnsucht.
Die Granatäpfel schwellen im Knß der Sonne,
Meine Seele schwillt in zehrender Sehnsucht,
Wo bleibst du, Geliebter?"
Julia reckt sich und rümpft die Nase.
„Immer dasselbe Lied. Du langweilst mich,
Phöbe. Wann werde ich einmal ein anderes
hören?"
Und sic wendet sich jäh an die fünfte Sklavin.
„Und was bringst du?"
„Bernstein aus Ostrasalt."
Da griff die Fürstin nach dem faustgroßen
Stück.
„O, der ist schön! Wie Honig, der im Schreck
erstarrte. So güldnen Stein gibt's nicht bei
uns im Land. Wo kam der her?"
Die Sklavinnen sahen einander an und zuck
ten die Achseln. Nur eine meinte:
„Fischer verkauften ihn, die vom Norden
kamen."
Julia stützte sinnend den dunklen Kopf in
die Hand.
„Da soll eS anders sein wie hier. Blond die
Menschen und groß und stolz. Germanen nennt
man sie. Auch Nordmänner. Solch einen
möcht' ich wohl zum Spielen haben. Das müßte
lustig sein, zwischen all meinen schwarzen
Sklaven. Sind meine Schiffe noch nicht zu
rück? Oeffnet die Halle, ich möchte die Sonne
sehen!"
Einer der Sklaven zieht den Purpnrvorhang
im Hintergrund zurück.
Weit sieht man von hier oben über Marmor
terrassen und grüne Palmengärten auf das im
Sonnenglanz sich dehnende blaue Meer.
Langsam und lässig erhebt sich Julia.
„Der Tag ist schön. Man soll die Sänfte
bringen."
Indem kommt rasch von der anderen Seite
ein Sklave.
„Herrin, deine Segler kamen von Norden.
Sie bringen Beute viel und auch Gefangene."
Julia lacht und klatscht in die Hände.
„Ei, das wird lustig! Führt sie mir nur
herein!"
Sie geht auf die Terrasse im Hintergrund
und bleibt wartend stehen. Bon der anderen
Seite, durch den Palmengarten, kommt ein
langer Zug. Wieder hebt ein Knabe den Pur
purvorhang und meldet:
„Kaptano Samaliv und die Gefangenen!"
Der braune Führer beugt sich tief vor Jitlia,
daß seine Stirne fast den Marmor der Halle
berührst.
„Gegrüßt seist du, o Fürstin Julia! Frohe
Botschaft habe ich dir zu bringen. Neptun hat
unsere Fahrt gesegnet. Unermeßliche Beute
siel in unsere Hände. Auch ein Drachenschiff
airs Nordland."
Julia lächelt und reicht ihm mit königlicher
Gebärde die Hand zum Kuß.
„Ich grüße dich, Kaptano Samaliv! Deine
Botschaft dünkt mich süßer denn Feigensaft.
Wo sind die Gefangenen?"
Samaliv winkt mit der Hand. Da führt man
durch den Torbogerr sechs Gefangene, paar
weise in Ketten. Sie alle sehen finster und
schweigsam zu Boden, bis auf einen. Dessen
blaue Augen wandern voll Trutz und Neugier
durch den weiten Raum.
Julia schlägt beide Hände zusammen.
„Ach, sechs solche Sklaven! Wie gut, daß ich
aus langer Weile einst bei einem von den
ihrigen Nordlands Sprache lernte. Sie ist
schwer und hart und unsere Zunge bricht fast
entzwei beim Sprechen."
Wieder mustert sie mit sichtlichem Wohlge
fallen die Gefangenen.
„Wie groß sie sind, und stark! Wie Meer
katzen seid ihr dagegen."
Und sie wendet sich spöttisch an ihre dunklen
Sklaven. - •
„Löst ihre Fessel!"
Kaptano Samaliv hebt ängstlich die Hand.
„Herrin, dann werden sie wild!"
Julia stampft mit dem Fuß auf den Mar
mor.
„Hab' ich dich gefragt? Wie, wenn es nun
grad Wildheit wäre, die ich just brauchte?"
Mit leisen katzenarttgen Schritten tritt sie
zu dem ersten der blonden Riesen und sagt,
halb scheu, halb lauernd:
„Du bist der Schönste von allen. Mit dir will
ich spielen."
Aber sie führt erschrocken zurück, als der Ge
fangene jetzt dröhnend lacht.
„Ist das so Sitte hier bei euch? Bei uns da
heim spielen nur die Kinder."
Da staunt sie ihn an wie ein fremdes, wildes
Tier.
„Wie tief deine Sprache ist! Wie Rollen des
Meeres, wenn es zornig ist. Wie heißt du?"
Sie muß langsam und suchend sprechen, denn
sie ist der fremden Sprache noch nicht so mäch
tig.
Aber es ist Julias Stolz, daß sie viele Spra
chen kann, mehr als all die anderen Frauen
ihrer Zeit.
Und noch einmal fragt sie:
„Wie heißt du?"
Da reckt sich der Gefangene.
„Olaf Biörnsohn."
Julia schaudert.
„Olaf? Olaf? Das klingt wie Kälte und
¥SS
Nebel, so fremd. Ich heiße dich Olaf Silber
mund oder Nordlandsgreif. Wer sind die an
dern alle?"
Olaf wendet den Kopf.
„Helge Harthand, Jllfert Streitaxt, Harald
Seebär, Eigel Nordlicht, Iben Windsbraut."
In girrendes Lachen bricht die Fürstin aus.
„Ei, größeren Spaß hättest du mir nimmer
machen können, alter Samaliv. Diese Namen!
Hast du je solche Namen gehört? Das wird mir
Kurzweil geben, einige Tage. Nun führt sie
alle wieder fort in sicheren Gewahrsam, daß
mir keiner entschlüpft."
Die Sklaven wollen den Gefangenen die Ket
ten wieder anlegen. Als sic zu Olaf kommen,
lacht er.
„Meinst du schwarze Kröte, Euer Spinnweb
da hielte mich?"
Und ehe sie sich's versehen, hat er die Ketten
zerrissen.
Julia strahlt über das ganze Gesicht.
„Der Nordlandsbär! Hei, Olaf, bist du so?
Halt, Samalio, nicht binden! Er mag hier
bleiben."
„Fürstin"
„Schweig'! Die Langeweile soll er mir ver
treiben, von seinem Nordland mir erzählen.
Ihr andern konnt jetzt gehen. Ich will mit ihm
allein sein."
Der alte Samalio beißt sich auf die Unter
lippe. Dann flüstert er leise im Abgehen, dicht
an ihrem Ohr:
„Und wenn er dich erwürgt!"
Julia lächelt.
„Hinter den Purpurvorhängen stehen zwan
zig Mohren mit scharfgeschltffenen Schwertern.
Tag und Nacht ist Julia auf der Hut in diesem
bösen Land."
Da neigt sich Samalio tief zur Erde und ver
läßt die Halle. Die Sklaven führen die Gefan
genen wieder ab. Die Sklavinnen folgen ihnen
mit scheuen Blicken auf Olaf und ihre Herrin,
die allein zurückbleiben.
Julia tritt an de» Goldring, in dem ihr
Papagei schaukelt und tändelt mit ihm.
Unbeweglich bleibt Olaf in der Mitte der
Halle stehen, als warte er, was mit ihm ge-'
schehen soll. Sein Antlitz ist schmal und hart
geworden von der langen Seefahrt. Ueber dem
linken Auge klafft eine frische Wunde vom
letzten Kampf, diese Nacht. Sein linnenes
Hemd ist zerrissen, vorne über der Brust, und
in seinen Haaren klebt Blut. Aber seine Augen
sind hell und scharf wie Stahl, der eben aus
dem Feuer kommt.
(Fortsetzung (vlgl.)