Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

meinem Bedauern habe ich dann nichts mehr 
von ihm gehört. Erst nach vielen Jahren be 
gegnete mir wieder sein Name in den Zeitun 
gen. Es mar damals zu lesen, daß er sich in 
München mit Politik abgäbe." 
„Ich sah ihn wieder im Jahre 1926. Damals 
ging ich zu seiner Wohnung und er war sehr 
erfreut, vom alten Linz zu hören. Er lud mich 
ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich habe dies 
auch einige Male getan, und er war immer 
sehr freundlich zu mir, immer der alte Schul 
kamerad." 
Ich wurde auch noch mit einem anderen Ka 
meraden von der Linzer Realschule bekannt, 
der im allgemeinen dasselbe über Adolf Hitler 
zu erzählen wußte. Eine interessante Einzel 
heit fügte er aber hinzu. 
„Für kurze Zeit wohnte Hitler damals bei 
einer alten Bürgersfrau. Diese erzählte mir, 
wie der Junge immer Kerzen gekauft habe 
und sie sich nicht vorstellen konnte, wozu er bei 
Nacht immer Licht brauche. Bei einer Gelegen 
heit überraschte sie ihn und fand ihn über 
Karten gebeugt, sehr geschäftig darauf mit 
Farbstiften herumzeichnend. Sie fragte ihn, 
was um alles in der Welt er da mache. Hitler 
blickte aber nur auf und sagte: „Karten stu 
dieren." 
Dieser Schulkamerad zeigte mir als einen 
besonderen Schatz ein Aquarell, das er selbst 
als Junge einmal begonnen und das Hitler 
für ihn fertig gemalt hatte. Man sah daraus 
eine malerische kleine Mühle in den Bergen 
und es war leicht festzustellen, wo der eine 
Künstler aufgehört und der andere begonnen 
hatte. „Hitler war unser bester Zeichner", sagte 
er. „Er wandte bei seiner Malerei Farbtöne 
an, die uns anderen niemals gelangen, und 
stellte die Gegenstände so lebenswahr dar, daß 
wir alle erstaunt waren." 
Ich besuchte Leonding in Begleitung dieser 
beiden Jugendfreunde Adolf Hitlers. Wir 
gingen dieselbe Straße, die er vier Jahre lang 
täglich hin und her zurückgelegt hatte, einen 
grünen Rucksack mit seinen Büchern und Blei-' 
stiften auf dem Rücken. Der Weg windet sich 
größtenteils Hügelketten hinauf, denn Linz 
' liegt unten an der Donau. Dann kamen wir 
durch Felder und Wiesen, in denen hie und 
da niedrige dicke Türme standen, Ueberbleibsel 
der napoleonischen Zeit, in der von hier aus 
die Donau bewacht wurde, zur Rechten die 
Kürnburg, wo das Nibelungenlied entstanden 
sein soll. 
Etwa eine Stunde gingen wir, bis wir an 
die verstreuten Häuser von Leonding kamen. 
Es ist ein echtes kleines Hochlanddorf, wie es 
nur in Bayern und Oesterreich denkbar ist. In 
der Mitte liegt die Dorfkirche und ein paar 
Schritte weiter auf der anderen Seite der 
Straße der verwachsene Friedhof. Hier besuch 
ten wir das Grab von Hitlers Eltern. 
In der unmittelbaren Nachbarschaft fanden 
wir auch das Bauernhaus, in welchem die 
Familie Hitler einst lebte. Es hat seitdem oft 
die Besitzer gewechselt, weshalb uns der ge 
genwärtige Bewohner nichts über die frühe 
ren Eigentümer sagen konnte. Dennoch aber 
trafen wir in Leonding einen dritten Schul 
kameraden des jungen Adolf. „Manchmal gin 
gen wir miteinander auf die Apfelbäume", er 
zählte er, „wie es die Kinder hier herum zu 
tun pflegen. Ich erinnere mich, daß Hitler 
niemals zu essen begann, bevor jeder andere 
auch einen Apfel hatte. Sonst teilte er den 
eigenen mit den Kameraden." 
„Manchmal saß er auf der Kirchhofmauer 
und betrachtete unverwandt die Sterne. Nie 
mand kümmerte sich um ihn, der in den nächt 
lichen Himmel Oesterreichs hinaufblickte." 
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■ — ■——————• ■■ —•—-—— 
stöhlen von der Seite* an. ,)Kam Ihnen diese 
Unterbrechung sehr ungelegen?" fragte er. 
„Sie meinen wohl, weil ich im Anfang nicht 
sehr begeistert von der Idee war, Sie mitneh 
men zu sollen?" 
„Sie hatten immerhin etwas Furcht. Oder 
wenigstens Mißtrauen! Fahren Sie nicht öfter 
des Nachts?" 
„Doch, aber ich habe nachts noch nie einen 
Fremden von der Landstraße mitgenommen" 
lächelte sie. „Wenn Sie nicht Arzt gewesen wä 
ren!" 
„Tierarzt!" lächelte er nun auch. „Aber viel 
leicht wären Sie allein weitergefahren, wenn 
Sie gewußt hätten, daß ich nicht zu einer kran 
ken Bauersfrau, sondern nur zu einer kranken 
Kuh wollte?" Leise Ironie war in seiner 
Frage. 
„Vielleicht!" antwortete sie etwas schroff, 
denn sein Ton verstimmte sie. 
Er spürte es, und es tat ihm leid, sie ge 
kränkt z» haben. „Verzeihen Sie", bat er. „Ich 
meinte nur, Sie hätten den Zweck Ihrer Wei 
terreise vielleicht für wichtiger ansehen kön 
nen." 
„Für das, was ich vorhabe, habe ich acht Tage 
Zeit. Ich will mich ein wenig erholen." 
„Sie kommen aus Berlin?" — „Ja, von den 
Brettern, die die Welt bedeuten. Ich habe eine 
Rolle zum hundertsten Male gespielt und bin 
jetzt geflohen. Ich besitze hier in der Nähe ein 
Landhaus." 
„Ich war ewig nicht im Theater!" seufzte er. 
— „Ich war ewig nicht hier draußen!" seufzte 
sie. — Dann lachten sie beide. „So ist es nun 
im Leben!" philosophierte er. Sie hatten nun 
das Gasthaus erreicht. Er stieg zögernd aus. 
Er wäre gern mit ihr weiter so durch die Nacht 
gefahren und hätte mit ihr von Dingen ge- 
Allerlei aus aller Welt 
Ultraviolett gegen Verbrecher. 
Der Vorstand des wissenschaftlichen Labora 
toriums der Kriminalpolizei von Cardiff, Dr. 
W. R. Harrison, führte kürzlich einen 
„Episcope" genannten Apparat vor, der auf 
dem Gebiet der Entdeckung von Finger 
abdrücken etwas Neues darstellen soll. Soweit 
einer kurzen Ankündigung in den „Times" zu 
entnehmen ist, arbeitet das Episcope Harrisons 
mit ultravioletten Strahlen und läßt noch 
dort Ergebnisse erzielen, wo mit den seitheri 
gen Mitteln nicht die Spur eines Finger 
abdrucks wahrgenommen werden konnte. 
Um die Handschriften der Königin Christine. 
Vor geraumer Zeit ordnete der französische 
Unterrichtsminister an, daß die Handschriften 
der schwedischen Königin Christine, die sich in 
der Bibliothek der Universität Montpellier 
befinden, „aus Gründen des internationalen 
Anstandes" an Schweden ausgeliefert würden. 
Kürzlich weigerte sich nun aber die Universi 
tät, die wertvollen Handschriften herauszu 
geben, zumal Schweden überhaupt nicht um 
Rückgabe gebeten hätte. Der Minister ist da 
durch in eine peinliche Lage geraten und hat 
der Universität eine Entschädigung von 100 000 
Frcs. angeboten, was die Universität wie 
derum abgelehnt hat . 
Tatsächlich ist der Wert der Handschriften 
erheblich größer,' er wird sicher gegen eine 
Millionen Mark betragen. Die Handschriften 
umfassen 22 Bünde und enthalten mehrere 
Briefe Ludwigs xiv. an die Königin, ferner 
eine Abschrift des von der Königin verfaßten 
„Lebens Alexanders des Großen", eine Ab 
schrift der „Sentenzen" Christines mit eigen 
händigen Anmerkungen und Verbesserungen 
der Königin, zahlreiche Briefe von allen mög 
lichen Kardinälen, Fürsten, Staatsmännern 
usw. des siebzehnten Jahrhunderts. 
Ein seltsamer Liebesbcweis. 
Von dem Maler van Gogh weiß man, daß 
er sich in einem Anfall krankhafter Erregtheit 
ein Ohr abschnitt und es in einer Schachtel 
seinem Freund Gaugoin zum Zeichen seiner 
Verachtung übersandte. Das geschah freilich 
zu einer Zeit, als der Maler in einer Nerven 
heilanstalt interniert war. Unbeschränkter per 
sönlicher Freiheit aber erfreute sich jener 
Engländer, von dem die Londoner Blätter 
ausführlich berichten, und der seiner Liebsten 
folgenden Brief schrieb: „Ich weiß, Du liebst 
mich nicht, deshalb schicke ich Dir anbei als 
erstes Zeichen meiner Zuneigung von heute 
an bis zp dem Tag, an dem Du das Letzte er 
halten haben wirst: dann wird Dir wohl' die 
Aufrichtigkeit meiner Liebe zum Bewußtsein 
gekommen sein!" Ein Friedhofswärter in 
Brighton fand kürzlich an der Kirchhofsmauer 
eine Schachtel mit diesem Brief und einem ab 
geschnittenen Daumen. Die Polizei ist der An 
sicht, daß die Schachtel von der Adressatin aus 
Ekel über diese widerwärtige Liebeserklärung 
weggeworfen wurde. Man fahndet jetzt nach 
der Adressatin, um auf diese Weise den Brief 
schreiber daran zu hindern, daß er sich alle 
zehn Finger abschneidet. 
Weiße Tiger. 
In der Gegend von Changpur in Indien 
wurden acht weiße Tiger von Eingeborenen 
gesichtet, die die Tiere als Abgesandte des Bö 
sen ansahen und nicht wagen auf sie zu 
schießen. Ansgesandte Regierungstruppen 
werden auf die Tiger Jagd machen, um die 
von den Bestien bedrohten Tierherden zu 
schützen. 
Schlangen im Postpaket. 
Innerhalb weniger Tage haben sieben an 
gesehene Persönlichkeiten in Buenos Aires 
Postpakete erhalten, die Giftschlangen enthiel 
ten. Die Polizei vermutet hinter den Sendun 
gen politische Racheakte, konnte aber bisher 
noch keine Spur von den geheimnisvollen 
Absendern entdecken. 
Vögelchen und menschliche Moral. 
Daß der Kuckuck seine Eier meist in fremde 
Nester legt und sie von fremden Vögeln mit 
ausbrüten läßt, ist sprichwörtlich, auch der 
„Rabenvater" ist im Sprachgebrauch heimisch. 
Trotzdem sind die Voraussetzungen, die zu die 
ser Kennzeichnung einzelner Vögel geführt 
haben, falsch, denn man kann menschliche Mo 
ralbegriffe nicht auf die Tierwelt ausdehnen, 
ohne dabei ungerecht zu sein. In einem Vor 
trag vor der Ornithologischen Gesellschaft in 
Berlin wandte sich Professor Heinroth vom 
Berliner Aquarium dieser Tage gegen der 
artige Vermenschlichungen, die man überall im 
Tierleben, vor allem aber in der Beurteilung 
der Vogelwelt beobachten kann. Denn die Ehö 
spielt dort eine wesentlich andere Rolle als im 
menschlichen Leben- sie dient in erster Linie 
der Arterhaltung und Fortpflanzung,' Ehe« 
währen deshalb auch nur bei den Vogelarten 
längere Zeit, deren Jungtiere beide Eltern zur 
Aufzucht, zur Futterbeschaffung und zum Flie 
genlernen brauchen. Man kann für die Vogel 
welt keine allgemein gültigen Ehegesetze auf 
stellen,' bei jeder Gattung ist es anders, wie 
sich die Pärchen kennenlernen, wie sie zusam 
menleben, und ivie lange sie zusammenbleiben. 
Und während die Arten, bei denen Männchen 
und Weibchen gleichbefiedert sind, meist als 
„ehig" angesprochen werden können, vereini 
gen sich die anderen nur zur Fortpflanzung. 
So gibt es in Indien einen Vogel, der zwei 
bis drei Nester im Jahr baut und sich für jedes 
Nest ein neues Weibchen sucht,' auch bei den 
Schwalben werden den Sommer über mehrere 
„Kurzehen" geschlossen. Sogar Störche kehren 
oftmals mit neuen Weibchen im Frühjahr aus 
den fernen Ländern zurück,' erst kommt der 
Storch in Deutschland an, zwei Wochen später 
folgt die Störchin. Bei den Fischreihern wird 
auf Leben und Tod mit dem Nebenbuhler um 
die Gattin gekämpft, während z. B. der Flie 
genschnäpper ausgesprochene „Ortsehcn" 
schließt, also Bindungen, die beim Aufbruch 
nach Süden wieder gelöst werden. 
Schach in Rendsburg 
Geleitet von C. Hinz, Rendsburg. 
Schachnachrichten: Rendsburger Schachklub von 1895. 
Spicllokal: Haus des Arbeitervereins von 1848, Kanzlei 
straße. 
Spieltage: Dienstagabends 20.15 Uhr. Sonntagmorgens 
tab 9 Uhr freier Schachverkehr), Schachfreunde sind an 
beiden Spieltagen willkommen. 
An den letzten beiden Spielabenden wurden viele Tur- 
nierpartien erledigt. In der 2. Gruppe waren die Spieler 
besonders eisrig. 
Jii der Osterwoche kamen in der 1. Gruppe 2 Partien 
zum Anstrag. Joergcs gewann seine Partie gegen Groth. 
Joerges erzwang durch eine fein durchgeführte Kombi 
nation die Hergäbe der Dame. In der Partie Rath—Hinz 
gab Schwarz durch ein Versehen im Mittelspiel eine leich 
te Figur, dies kostete ihn die Partie. 
In der 2. Gruppe konnten Callesscn über Brommann 
und Gabriel über Bagge je einen Sieg erzwingen. 
Am letzten Dienstag wurde in der 1. Gruppe nur eine 
Partie gespielt. Nölle verlor im Endspiel gegen Groth. 
In der 2. Gruppe war das Ergebnis folgendes: Callesscn 
gewann gegen Gabriel, Bagge verlor gegen Müller, Kock 
gewann gegen Schrum und Müller gewann gegen Brom 
mann. 
Der spielstarke Verein Neumünster hat unseren Klub 
zu einem Freundschaftswettkampf im Mai nach Neumün 
ster eingeladen. Wir werden die Einladung annehmen. 
Wenn jeder sein bestes Können hergibt, ist es nicht aus 
geschlossen, daß wir dort gut abschneiden. 
Am kommenden Dienstag wird Prof. Riedel seinen 
letzten Vortragsabend für Anfänger halten. Die Kursus- 
teilnehmer haben in dieser kurzen Zeit gute Fortschritte 
gemacht, und siird bereits soweit gebracht, daß sie an 
schließend den Vorträgen für Fortgeschrittene werden 
folgen können. 
Gebr. Tiedemann waren so liebenswürdig, mir wieder 
einige Problemarbeiten zur Verfügung zu stellen. Nach 
stehend bringe ich unsern Lösern eine Aufgabe, welche 
das Konstruktionsthema behandelt. 
(Siehe nebenstehendes Diagramm.) 
Lösung des Zweizügers Nr. 4 von Gebr. Tiedemann. 
1. d7—d8S. t 
Das „Chiccotthema" behandelt bas Gesetz der Verwand 
lung eines Bauern auf der Achten in eine zum Thema 
passende Figur. 
Richtig gelöst von Bagge-Nendsburg- Nölle, Rath-Bü- 
delsdorf. 
Die Lösung der Partieanfgabe Nr. 3, erschienen a« 
28. März, sieht folgendermaßen ans: 1. , Te3—HZ, 
hierauf kann Weiß aufgeben. 
1. Variante: 1. —, Te3—HZ, 2. g2Xhg, gfB—e4+, 
3. Dfl—g2. Lc4Xg2, 4. KH1Xg2, DH4—f2-i-, 5. Kg2—hl, 
®f2-f3#. 
2. Variante: 1. ,Te3—HZ, 2. Dfl—gl, Ld4Xg1, 
8. KhlXgl, THZXH2, 4. Kgl—fl, Lfö—HZ, 5. Se2—g3, 
DH4XSgZ, 6. Kfl—e2, TH2Xg24-, 7. Ke2—dl, DgZ—s3, 
8. Lc4—c2, Df2Xe24-, 9. Kdl-rl, De2—c2G. 
8. Variante: 1. —, TeZ—HZ, 2. Df—gl, Ld4Xgl, 
3. KhlXgl, THZXH2, 4. Se2—gZ, DH4Xg3, 5. Lc4—sl, 
Lf5—HZ oder c4, 6. Tal-ei, TH2Xg2l-, 7. Lf1Xg2, 
DgZXg2G. 
Nichtige Lösungen hierzu sandten ein: Joerges-Rends» 
bürg, Gebr. Tiedemann-Rendsburg. 
Zuschriften und Lösungen sind einzusenden an den 
Rendsburger Schachklub, Haus des Arbeitervereins, 
Kanzleistraße. Lösungsfrist 14 Tage. Lösungsbekannt 
gabe in 3 Wochen. 
(Nr. 19.) 
Problem Nr. 8 
von Gebr. Tiedemann, Rendsburg. 
sprachen, die bei ihm lange hatten schweigen 
müssen. 
„Vielleicht trinken Sie hier ein Glas Tee mit 
mir?" fragte er, aber sie dankte. 
„Nun ist mir die Weiterfahrt allerdings wich 
tiger!" lächelte sie. „Aber den Tee können Sie 
mal bei mir im Landhäuschen trinken, wenn 
Ihr Wagen wieder intakt ist. Ich habe da auch 
einen Hund, einen Pudel, vielleicht braucht er 
mal einen Arzt." 
Sie reichte ihm die Hand, während sie lachte. 
Er blieb noch neben dem Wagen stehen. „Die 
Adresse!" dachte er. Aber sie fuhr ab, ohne sie 
ihm gegeben zu haben. Vielleicht hatte sie es 
vergessen, oder die Einladung war Scherz ge 
wesen. Er stand da und glaubte noch ihren 
Duft zu spüren. Ein fremder, verwirrender 
Duft. Ihm fiel plötzlich seine Frau ein. Er 
mußte lächeln. Seine Frau duftete höchstens 
nach frischer Wäsche, nicht nach fremden Par 
füms. Wie er sich nun umwandte und in das 
Gasthaus ging, um zu telephonieren, spürte er 
Sehnsucht nach diesem Duft frischer Wäsche, und 
als er die Stimme seiner Frau am Telephon 
hörte, war es ihm, als könne er diesen Duft 
einatmen. 
„Ich hatte ein kleines Abenteuer!" sagte er 
etwas heiser. 
Anekdoten-Auslese 
Zuverlässiger Kurier. 
Oliver Cromwell hatte das Verbot, England 
zu verlassen, gegeben, um jede Verbindung 
Karl Stuarts und seiner Anhänger zu verhin 
dern. Nur wenn Cromwell selbst die Erlaubnis 
gab, durfte eine Ausnahme gestattet werden. 
Eines Tages erschien der Graf von Ormond 
vor ihm und bat um die Erlaubnis. Der Lord 
protektor gewährte sie ihm auch, aber der Graf 
mußte sein Ehrenwort geben, daß er Karl 
Stuart nicht sehen und sich auch sofort nach sei 
ner Rückkehr bei Cromwell melden würde. 
Ormond kam von der Reise zurück und be 
gab sich sofort zum Lordprotektor. Dieser trat 
schnell auf ihn zu, nahm ihm den Hilt aus der 
Hand, trennte das Futter auf und nahm so 
gleich Papiere heraus, sür deren Ueberbringen 
er dem Grafen ironisch dankte. Der Graf er 
bleichte, faßte sich aber wieder. Cromwell war 
aber sehr ernst geworden und sagte: „Ihr habt 
Euer Ehrenwort gebrochen, Graf." 
Ormond entgegnete fest: „Das hab ich nicht 
getan, ich habe den jungen König nicht gesehen." 
„Wohl richtig," erwiderte mit Schärfe Crom 
well, „die Lichter wurden ausgelöscht, wenn ihr 
zusammenkamt." 
„Woher wißt Ihr das?" 
„Das Auge meiner Polizei ist scharf. Hütet 
Euch, mich ein zweites Mal zu täuschen. Den 
ersten Versuch will ich unbestraft lassen, weil 
Ihr Euch als ein so zuverlässiger Bote be- 
wührt habt für Nachrichten, von dessen Ueber- 
bringung Ihr selbst keine Ahnung gehabt habt." 
Ucbers Ohr gehauen. 
Graf Michael Karoly, der, während des 
Weltkrieges von Frankreich zurückkehrend, sein 
Budapester Palais wieder bezogen hatte, be 
gegnete auf der Treppe einem seiner alten 
Diener, der zu Beginn des Krieges eingerückt 
war und wegen einer Verletzung auf dem süd 
lichen Kriegsschauplatz einige Wochen Urlaub 
erhalten hatte. 
„Nun, mein Sohn," redete ihn der Graf an, 
„ich habe gehört, daß du dich heldenhaft benom 
men hast. Ich will dich beschenken. Was wün 
schest du dir?" 
„Also, Euer Hochwohlgeboren, so viele Kro 
nen, wie von einem Ohr zum andern Platz 
haben!" 
„Wird dir das nicht zu wenig sein?" 
„Ich begnüge mich schon damit." 
Graf Karoly willigte in die Sache ein und 
wollte gerade die Entfernung zwischen den bei 
den Ohren seines Dieners abmessen, als es sich 
herausstellte, daß dieser nur ein Ohr hatte. 
„Wo ist denn dein zweites Ohr?" 
„Das, Euer Hochwohlgeboren, das habe ich in 
der Schlacht gelassen!" 
* 
Eine schlagfertige Frau. 
Die Marquise von Coislin bat einstens den 
gewaltigen Polizeiminister Fouche um eine 
Audienz. Fouchè, welcher sich vorgenommen 
hatte, ihre Bitte, welcher Art sie auch sei, abzu 
schlagen, empfing sic stehend, mit dem rechten 
Arm an den Kamin gelehnt und bot ihr nicht 
einmal einen Sitz an. 
„Bürger-Minister," sagte die Marquise, „ich 
komme, um zu fragen, welches Verbrechen 
meine Schwester, Madame ü'Avary, begangen 
hat, daß sie verbannt werden soll?" 
„Sie ist eine Feindin der Regierung und hat 
die Kühnheit, derselben Trotz zu bieten!" er 
widerte der Polizeiminister. 
„Meine Schwester kühn?" hob die Marquise 
wieder an, „meine Schwester dem ersten Kon 
sul Trotz bieten? ... O wie wenig kennen Sie 
sie da! Sie ist so schüchtern, daß sie nicht einmal 
den Mut haben würde, zu sprechen: „Bürger- 
Minister, haben Sie doch die Güte, mir einen 
Stuhl anzubieten!" 
Diese Worte brachten den Minister so aus 
der Fassung, daß er alle Lust zu Feindseligkeit 
und Härte verlor. Die Marquise erhielt eine» 
Stuhl und ihre Schwester die Erlaubnis, 
der nach Paris zurückzukehren.
	        
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