meinem Bedauern habe ich dann nichts mehr
von ihm gehört. Erst nach vielen Jahren be
gegnete mir wieder sein Name in den Zeitun
gen. Es mar damals zu lesen, daß er sich in
München mit Politik abgäbe."
„Ich sah ihn wieder im Jahre 1926. Damals
ging ich zu seiner Wohnung und er war sehr
erfreut, vom alten Linz zu hören. Er lud mich
ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich habe dies
auch einige Male getan, und er war immer
sehr freundlich zu mir, immer der alte Schul
kamerad."
Ich wurde auch noch mit einem anderen Ka
meraden von der Linzer Realschule bekannt,
der im allgemeinen dasselbe über Adolf Hitler
zu erzählen wußte. Eine interessante Einzel
heit fügte er aber hinzu.
„Für kurze Zeit wohnte Hitler damals bei
einer alten Bürgersfrau. Diese erzählte mir,
wie der Junge immer Kerzen gekauft habe
und sie sich nicht vorstellen konnte, wozu er bei
Nacht immer Licht brauche. Bei einer Gelegen
heit überraschte sie ihn und fand ihn über
Karten gebeugt, sehr geschäftig darauf mit
Farbstiften herumzeichnend. Sie fragte ihn,
was um alles in der Welt er da mache. Hitler
blickte aber nur auf und sagte: „Karten stu
dieren."
Dieser Schulkamerad zeigte mir als einen
besonderen Schatz ein Aquarell, das er selbst
als Junge einmal begonnen und das Hitler
für ihn fertig gemalt hatte. Man sah daraus
eine malerische kleine Mühle in den Bergen
und es war leicht festzustellen, wo der eine
Künstler aufgehört und der andere begonnen
hatte. „Hitler war unser bester Zeichner", sagte
er. „Er wandte bei seiner Malerei Farbtöne
an, die uns anderen niemals gelangen, und
stellte die Gegenstände so lebenswahr dar, daß
wir alle erstaunt waren."
Ich besuchte Leonding in Begleitung dieser
beiden Jugendfreunde Adolf Hitlers. Wir
gingen dieselbe Straße, die er vier Jahre lang
täglich hin und her zurückgelegt hatte, einen
grünen Rucksack mit seinen Büchern und Blei-'
stiften auf dem Rücken. Der Weg windet sich
größtenteils Hügelketten hinauf, denn Linz
' liegt unten an der Donau. Dann kamen wir
durch Felder und Wiesen, in denen hie und
da niedrige dicke Türme standen, Ueberbleibsel
der napoleonischen Zeit, in der von hier aus
die Donau bewacht wurde, zur Rechten die
Kürnburg, wo das Nibelungenlied entstanden
sein soll.
Etwa eine Stunde gingen wir, bis wir an
die verstreuten Häuser von Leonding kamen.
Es ist ein echtes kleines Hochlanddorf, wie es
nur in Bayern und Oesterreich denkbar ist. In
der Mitte liegt die Dorfkirche und ein paar
Schritte weiter auf der anderen Seite der
Straße der verwachsene Friedhof. Hier besuch
ten wir das Grab von Hitlers Eltern.
In der unmittelbaren Nachbarschaft fanden
wir auch das Bauernhaus, in welchem die
Familie Hitler einst lebte. Es hat seitdem oft
die Besitzer gewechselt, weshalb uns der ge
genwärtige Bewohner nichts über die frühe
ren Eigentümer sagen konnte. Dennoch aber
trafen wir in Leonding einen dritten Schul
kameraden des jungen Adolf. „Manchmal gin
gen wir miteinander auf die Apfelbäume", er
zählte er, „wie es die Kinder hier herum zu
tun pflegen. Ich erinnere mich, daß Hitler
niemals zu essen begann, bevor jeder andere
auch einen Apfel hatte. Sonst teilte er den
eigenen mit den Kameraden."
„Manchmal saß er auf der Kirchhofmauer
und betrachtete unverwandt die Sterne. Nie
mand kümmerte sich um ihn, der in den nächt
lichen Himmel Oesterreichs hinaufblickte."
nsBaMBMBnasaaiaMBBMWMwm
■ — ■——————• ■■ —•—-——
stöhlen von der Seite* an. ,)Kam Ihnen diese
Unterbrechung sehr ungelegen?" fragte er.
„Sie meinen wohl, weil ich im Anfang nicht
sehr begeistert von der Idee war, Sie mitneh
men zu sollen?"
„Sie hatten immerhin etwas Furcht. Oder
wenigstens Mißtrauen! Fahren Sie nicht öfter
des Nachts?"
„Doch, aber ich habe nachts noch nie einen
Fremden von der Landstraße mitgenommen"
lächelte sie. „Wenn Sie nicht Arzt gewesen wä
ren!"
„Tierarzt!" lächelte er nun auch. „Aber viel
leicht wären Sie allein weitergefahren, wenn
Sie gewußt hätten, daß ich nicht zu einer kran
ken Bauersfrau, sondern nur zu einer kranken
Kuh wollte?" Leise Ironie war in seiner
Frage.
„Vielleicht!" antwortete sie etwas schroff,
denn sein Ton verstimmte sie.
Er spürte es, und es tat ihm leid, sie ge
kränkt z» haben. „Verzeihen Sie", bat er. „Ich
meinte nur, Sie hätten den Zweck Ihrer Wei
terreise vielleicht für wichtiger ansehen kön
nen."
„Für das, was ich vorhabe, habe ich acht Tage
Zeit. Ich will mich ein wenig erholen."
„Sie kommen aus Berlin?" — „Ja, von den
Brettern, die die Welt bedeuten. Ich habe eine
Rolle zum hundertsten Male gespielt und bin
jetzt geflohen. Ich besitze hier in der Nähe ein
Landhaus."
„Ich war ewig nicht im Theater!" seufzte er.
— „Ich war ewig nicht hier draußen!" seufzte
sie. — Dann lachten sie beide. „So ist es nun
im Leben!" philosophierte er. Sie hatten nun
das Gasthaus erreicht. Er stieg zögernd aus.
Er wäre gern mit ihr weiter so durch die Nacht
gefahren und hätte mit ihr von Dingen ge-
Allerlei aus aller Welt
Ultraviolett gegen Verbrecher.
Der Vorstand des wissenschaftlichen Labora
toriums der Kriminalpolizei von Cardiff, Dr.
W. R. Harrison, führte kürzlich einen
„Episcope" genannten Apparat vor, der auf
dem Gebiet der Entdeckung von Finger
abdrücken etwas Neues darstellen soll. Soweit
einer kurzen Ankündigung in den „Times" zu
entnehmen ist, arbeitet das Episcope Harrisons
mit ultravioletten Strahlen und läßt noch
dort Ergebnisse erzielen, wo mit den seitheri
gen Mitteln nicht die Spur eines Finger
abdrucks wahrgenommen werden konnte.
Um die Handschriften der Königin Christine.
Vor geraumer Zeit ordnete der französische
Unterrichtsminister an, daß die Handschriften
der schwedischen Königin Christine, die sich in
der Bibliothek der Universität Montpellier
befinden, „aus Gründen des internationalen
Anstandes" an Schweden ausgeliefert würden.
Kürzlich weigerte sich nun aber die Universi
tät, die wertvollen Handschriften herauszu
geben, zumal Schweden überhaupt nicht um
Rückgabe gebeten hätte. Der Minister ist da
durch in eine peinliche Lage geraten und hat
der Universität eine Entschädigung von 100 000
Frcs. angeboten, was die Universität wie
derum abgelehnt hat .
Tatsächlich ist der Wert der Handschriften
erheblich größer,' er wird sicher gegen eine
Millionen Mark betragen. Die Handschriften
umfassen 22 Bünde und enthalten mehrere
Briefe Ludwigs xiv. an die Königin, ferner
eine Abschrift des von der Königin verfaßten
„Lebens Alexanders des Großen", eine Ab
schrift der „Sentenzen" Christines mit eigen
händigen Anmerkungen und Verbesserungen
der Königin, zahlreiche Briefe von allen mög
lichen Kardinälen, Fürsten, Staatsmännern
usw. des siebzehnten Jahrhunderts.
Ein seltsamer Liebesbcweis.
Von dem Maler van Gogh weiß man, daß
er sich in einem Anfall krankhafter Erregtheit
ein Ohr abschnitt und es in einer Schachtel
seinem Freund Gaugoin zum Zeichen seiner
Verachtung übersandte. Das geschah freilich
zu einer Zeit, als der Maler in einer Nerven
heilanstalt interniert war. Unbeschränkter per
sönlicher Freiheit aber erfreute sich jener
Engländer, von dem die Londoner Blätter
ausführlich berichten, und der seiner Liebsten
folgenden Brief schrieb: „Ich weiß, Du liebst
mich nicht, deshalb schicke ich Dir anbei als
erstes Zeichen meiner Zuneigung von heute
an bis zp dem Tag, an dem Du das Letzte er
halten haben wirst: dann wird Dir wohl' die
Aufrichtigkeit meiner Liebe zum Bewußtsein
gekommen sein!" Ein Friedhofswärter in
Brighton fand kürzlich an der Kirchhofsmauer
eine Schachtel mit diesem Brief und einem ab
geschnittenen Daumen. Die Polizei ist der An
sicht, daß die Schachtel von der Adressatin aus
Ekel über diese widerwärtige Liebeserklärung
weggeworfen wurde. Man fahndet jetzt nach
der Adressatin, um auf diese Weise den Brief
schreiber daran zu hindern, daß er sich alle
zehn Finger abschneidet.
Weiße Tiger.
In der Gegend von Changpur in Indien
wurden acht weiße Tiger von Eingeborenen
gesichtet, die die Tiere als Abgesandte des Bö
sen ansahen und nicht wagen auf sie zu
schießen. Ansgesandte Regierungstruppen
werden auf die Tiger Jagd machen, um die
von den Bestien bedrohten Tierherden zu
schützen.
Schlangen im Postpaket.
Innerhalb weniger Tage haben sieben an
gesehene Persönlichkeiten in Buenos Aires
Postpakete erhalten, die Giftschlangen enthiel
ten. Die Polizei vermutet hinter den Sendun
gen politische Racheakte, konnte aber bisher
noch keine Spur von den geheimnisvollen
Absendern entdecken.
Vögelchen und menschliche Moral.
Daß der Kuckuck seine Eier meist in fremde
Nester legt und sie von fremden Vögeln mit
ausbrüten läßt, ist sprichwörtlich, auch der
„Rabenvater" ist im Sprachgebrauch heimisch.
Trotzdem sind die Voraussetzungen, die zu die
ser Kennzeichnung einzelner Vögel geführt
haben, falsch, denn man kann menschliche Mo
ralbegriffe nicht auf die Tierwelt ausdehnen,
ohne dabei ungerecht zu sein. In einem Vor
trag vor der Ornithologischen Gesellschaft in
Berlin wandte sich Professor Heinroth vom
Berliner Aquarium dieser Tage gegen der
artige Vermenschlichungen, die man überall im
Tierleben, vor allem aber in der Beurteilung
der Vogelwelt beobachten kann. Denn die Ehö
spielt dort eine wesentlich andere Rolle als im
menschlichen Leben- sie dient in erster Linie
der Arterhaltung und Fortpflanzung,' Ehe«
währen deshalb auch nur bei den Vogelarten
längere Zeit, deren Jungtiere beide Eltern zur
Aufzucht, zur Futterbeschaffung und zum Flie
genlernen brauchen. Man kann für die Vogel
welt keine allgemein gültigen Ehegesetze auf
stellen,' bei jeder Gattung ist es anders, wie
sich die Pärchen kennenlernen, wie sie zusam
menleben, und ivie lange sie zusammenbleiben.
Und während die Arten, bei denen Männchen
und Weibchen gleichbefiedert sind, meist als
„ehig" angesprochen werden können, vereini
gen sich die anderen nur zur Fortpflanzung.
So gibt es in Indien einen Vogel, der zwei
bis drei Nester im Jahr baut und sich für jedes
Nest ein neues Weibchen sucht,' auch bei den
Schwalben werden den Sommer über mehrere
„Kurzehen" geschlossen. Sogar Störche kehren
oftmals mit neuen Weibchen im Frühjahr aus
den fernen Ländern zurück,' erst kommt der
Storch in Deutschland an, zwei Wochen später
folgt die Störchin. Bei den Fischreihern wird
auf Leben und Tod mit dem Nebenbuhler um
die Gattin gekämpft, während z. B. der Flie
genschnäpper ausgesprochene „Ortsehcn"
schließt, also Bindungen, die beim Aufbruch
nach Süden wieder gelöst werden.
Schach in Rendsburg
Geleitet von C. Hinz, Rendsburg.
Schachnachrichten: Rendsburger Schachklub von 1895.
Spicllokal: Haus des Arbeitervereins von 1848, Kanzlei
straße.
Spieltage: Dienstagabends 20.15 Uhr. Sonntagmorgens
tab 9 Uhr freier Schachverkehr), Schachfreunde sind an
beiden Spieltagen willkommen.
An den letzten beiden Spielabenden wurden viele Tur-
nierpartien erledigt. In der 2. Gruppe waren die Spieler
besonders eisrig.
Jii der Osterwoche kamen in der 1. Gruppe 2 Partien
zum Anstrag. Joergcs gewann seine Partie gegen Groth.
Joerges erzwang durch eine fein durchgeführte Kombi
nation die Hergäbe der Dame. In der Partie Rath—Hinz
gab Schwarz durch ein Versehen im Mittelspiel eine leich
te Figur, dies kostete ihn die Partie.
In der 2. Gruppe konnten Callesscn über Brommann
und Gabriel über Bagge je einen Sieg erzwingen.
Am letzten Dienstag wurde in der 1. Gruppe nur eine
Partie gespielt. Nölle verlor im Endspiel gegen Groth.
In der 2. Gruppe war das Ergebnis folgendes: Callesscn
gewann gegen Gabriel, Bagge verlor gegen Müller, Kock
gewann gegen Schrum und Müller gewann gegen Brom
mann.
Der spielstarke Verein Neumünster hat unseren Klub
zu einem Freundschaftswettkampf im Mai nach Neumün
ster eingeladen. Wir werden die Einladung annehmen.
Wenn jeder sein bestes Können hergibt, ist es nicht aus
geschlossen, daß wir dort gut abschneiden.
Am kommenden Dienstag wird Prof. Riedel seinen
letzten Vortragsabend für Anfänger halten. Die Kursus-
teilnehmer haben in dieser kurzen Zeit gute Fortschritte
gemacht, und siird bereits soweit gebracht, daß sie an
schließend den Vorträgen für Fortgeschrittene werden
folgen können.
Gebr. Tiedemann waren so liebenswürdig, mir wieder
einige Problemarbeiten zur Verfügung zu stellen. Nach
stehend bringe ich unsern Lösern eine Aufgabe, welche
das Konstruktionsthema behandelt.
(Siehe nebenstehendes Diagramm.)
Lösung des Zweizügers Nr. 4 von Gebr. Tiedemann.
1. d7—d8S. t
Das „Chiccotthema" behandelt bas Gesetz der Verwand
lung eines Bauern auf der Achten in eine zum Thema
passende Figur.
Richtig gelöst von Bagge-Nendsburg- Nölle, Rath-Bü-
delsdorf.
Die Lösung der Partieanfgabe Nr. 3, erschienen a«
28. März, sieht folgendermaßen ans: 1. , Te3—HZ,
hierauf kann Weiß aufgeben.
1. Variante: 1. —, Te3—HZ, 2. g2Xhg, gfB—e4+,
3. Dfl—g2. Lc4Xg2, 4. KH1Xg2, DH4—f2-i-, 5. Kg2—hl,
®f2-f3#.
2. Variante: 1. ,Te3—HZ, 2. Dfl—gl, Ld4Xg1,
8. KhlXgl, THZXH2, 4. Kgl—fl, Lfö—HZ, 5. Se2—g3,
DH4XSgZ, 6. Kfl—e2, TH2Xg24-, 7. Ke2—dl, DgZ—s3,
8. Lc4—c2, Df2Xe24-, 9. Kdl-rl, De2—c2G.
8. Variante: 1. —, TeZ—HZ, 2. Df—gl, Ld4Xgl,
3. KhlXgl, THZXH2, 4. Se2—gZ, DH4Xg3, 5. Lc4—sl,
Lf5—HZ oder c4, 6. Tal-ei, TH2Xg2l-, 7. Lf1Xg2,
DgZXg2G.
Nichtige Lösungen hierzu sandten ein: Joerges-Rends»
bürg, Gebr. Tiedemann-Rendsburg.
Zuschriften und Lösungen sind einzusenden an den
Rendsburger Schachklub, Haus des Arbeitervereins,
Kanzleistraße. Lösungsfrist 14 Tage. Lösungsbekannt
gabe in 3 Wochen.
(Nr. 19.)
Problem Nr. 8
von Gebr. Tiedemann, Rendsburg.
sprachen, die bei ihm lange hatten schweigen
müssen.
„Vielleicht trinken Sie hier ein Glas Tee mit
mir?" fragte er, aber sie dankte.
„Nun ist mir die Weiterfahrt allerdings wich
tiger!" lächelte sie. „Aber den Tee können Sie
mal bei mir im Landhäuschen trinken, wenn
Ihr Wagen wieder intakt ist. Ich habe da auch
einen Hund, einen Pudel, vielleicht braucht er
mal einen Arzt."
Sie reichte ihm die Hand, während sie lachte.
Er blieb noch neben dem Wagen stehen. „Die
Adresse!" dachte er. Aber sie fuhr ab, ohne sie
ihm gegeben zu haben. Vielleicht hatte sie es
vergessen, oder die Einladung war Scherz ge
wesen. Er stand da und glaubte noch ihren
Duft zu spüren. Ein fremder, verwirrender
Duft. Ihm fiel plötzlich seine Frau ein. Er
mußte lächeln. Seine Frau duftete höchstens
nach frischer Wäsche, nicht nach fremden Par
füms. Wie er sich nun umwandte und in das
Gasthaus ging, um zu telephonieren, spürte er
Sehnsucht nach diesem Duft frischer Wäsche, und
als er die Stimme seiner Frau am Telephon
hörte, war es ihm, als könne er diesen Duft
einatmen.
„Ich hatte ein kleines Abenteuer!" sagte er
etwas heiser.
Anekdoten-Auslese
Zuverlässiger Kurier.
Oliver Cromwell hatte das Verbot, England
zu verlassen, gegeben, um jede Verbindung
Karl Stuarts und seiner Anhänger zu verhin
dern. Nur wenn Cromwell selbst die Erlaubnis
gab, durfte eine Ausnahme gestattet werden.
Eines Tages erschien der Graf von Ormond
vor ihm und bat um die Erlaubnis. Der Lord
protektor gewährte sie ihm auch, aber der Graf
mußte sein Ehrenwort geben, daß er Karl
Stuart nicht sehen und sich auch sofort nach sei
ner Rückkehr bei Cromwell melden würde.
Ormond kam von der Reise zurück und be
gab sich sofort zum Lordprotektor. Dieser trat
schnell auf ihn zu, nahm ihm den Hilt aus der
Hand, trennte das Futter auf und nahm so
gleich Papiere heraus, sür deren Ueberbringen
er dem Grafen ironisch dankte. Der Graf er
bleichte, faßte sich aber wieder. Cromwell war
aber sehr ernst geworden und sagte: „Ihr habt
Euer Ehrenwort gebrochen, Graf."
Ormond entgegnete fest: „Das hab ich nicht
getan, ich habe den jungen König nicht gesehen."
„Wohl richtig," erwiderte mit Schärfe Crom
well, „die Lichter wurden ausgelöscht, wenn ihr
zusammenkamt."
„Woher wißt Ihr das?"
„Das Auge meiner Polizei ist scharf. Hütet
Euch, mich ein zweites Mal zu täuschen. Den
ersten Versuch will ich unbestraft lassen, weil
Ihr Euch als ein so zuverlässiger Bote be-
wührt habt für Nachrichten, von dessen Ueber-
bringung Ihr selbst keine Ahnung gehabt habt."
Ucbers Ohr gehauen.
Graf Michael Karoly, der, während des
Weltkrieges von Frankreich zurückkehrend, sein
Budapester Palais wieder bezogen hatte, be
gegnete auf der Treppe einem seiner alten
Diener, der zu Beginn des Krieges eingerückt
war und wegen einer Verletzung auf dem süd
lichen Kriegsschauplatz einige Wochen Urlaub
erhalten hatte.
„Nun, mein Sohn," redete ihn der Graf an,
„ich habe gehört, daß du dich heldenhaft benom
men hast. Ich will dich beschenken. Was wün
schest du dir?"
„Also, Euer Hochwohlgeboren, so viele Kro
nen, wie von einem Ohr zum andern Platz
haben!"
„Wird dir das nicht zu wenig sein?"
„Ich begnüge mich schon damit."
Graf Karoly willigte in die Sache ein und
wollte gerade die Entfernung zwischen den bei
den Ohren seines Dieners abmessen, als es sich
herausstellte, daß dieser nur ein Ohr hatte.
„Wo ist denn dein zweites Ohr?"
„Das, Euer Hochwohlgeboren, das habe ich in
der Schlacht gelassen!"
*
Eine schlagfertige Frau.
Die Marquise von Coislin bat einstens den
gewaltigen Polizeiminister Fouche um eine
Audienz. Fouchè, welcher sich vorgenommen
hatte, ihre Bitte, welcher Art sie auch sei, abzu
schlagen, empfing sic stehend, mit dem rechten
Arm an den Kamin gelehnt und bot ihr nicht
einmal einen Sitz an.
„Bürger-Minister," sagte die Marquise, „ich
komme, um zu fragen, welches Verbrechen
meine Schwester, Madame ü'Avary, begangen
hat, daß sie verbannt werden soll?"
„Sie ist eine Feindin der Regierung und hat
die Kühnheit, derselben Trotz zu bieten!" er
widerte der Polizeiminister.
„Meine Schwester kühn?" hob die Marquise
wieder an, „meine Schwester dem ersten Kon
sul Trotz bieten? ... O wie wenig kennen Sie
sie da! Sie ist so schüchtern, daß sie nicht einmal
den Mut haben würde, zu sprechen: „Bürger-
Minister, haben Sie doch die Güte, mir einen
Stuhl anzubieten!"
Diese Worte brachten den Minister so aus
der Fassung, daß er alle Lust zu Feindseligkeit
und Härte verlor. Die Marquise erhielt eine»
Stuhl und ihre Schwester die Erlaubnis,
der nach Paris zurückzukehren.