129. Jahrgang. / Nr. 79. / Zweites Blatt.
Vckseswkg.Holstedrksrhe
Landeszeitung
Rendsburg«: Tageblatt
Donnerstag, den 2. April 1936.
Rendsburg, den 2. April 1936.
Jungens in dee großen Knrve
150 000 deutsche Jungens erwachten gestern
morgen alle mit dem gleichen Gedanken. Um
ihm zwischen Traumwandel und kalter Dusche
einige Reize abzugewinnen, streckten sie sich
noch einmal wohlig in den Federn, die sie nun
in Zukunft bedeutend fluchtartiger verlassen
werden. Allen diesen Jungens setzte die Mut
ter zum Abschiede ein mit Liebe bereitetes
Frühstück vor, und, begleitet von guten Wün
schen und Ermahnungen, machten sich dann die
150 000 auf den Weg. Ihr Ziel in Nord und
Süd, in Ost und West war der Arbeitsdienst,
der am gestrigen 1. April die Arbeitsmänner
unter seine Fahne rief.
Sonnenschein liegt über Rendsburg. Ge
büsch und Sträucher sind mit einem zarten
Schleier bedeckt, in den Vorgärten sprießt der
Krokus und bringt ein erstes Bunt ins dunkle
Grau. Am Waldesranö blühen stillverborgen
Veilchen und Buschwindröschen. Ein warmer,
fruchtbarer Wind weht von Westen und weckt
in den Menschen die Sehnsucht nach Sport
und Wandern, Sommer und Sonne, nach der
blauen See und dem kühlen Walöesdunkel.
Es ist ein Tag, wie geschaffen, einen neuen
Anfang zu machen und aus den dumpfen Fa
briken und Stuben an die Arbeitsstätte im
Licht der Sonne zu gehen.
Um 9 Uhr herrscht auf dem Hofe des Melde
amtes an der Materialhosstraße dichtes Ge
dränge. Es sind versammelt der Dienstpflich
tigenjahrgang 1915, einige Arbeitsüienstfrei-
willige und die Wehrmachtsfreiwilligen, die
zum Herbste in das Heer eintreten und vorher
nach Ş 8 des Wehrgesetzes ihrer Arbeitsdienst-
pflicht genügen wollen, zusammen rund 120
Mann aus Rendsburg und näherer Umge
bung. Handwerker und Kaufleute, die mit der
Beruhigung einer guten Abschlußprüfung
ihrer Lehrzeit hier stehen, Bauern und Arbei
ter, Abiturienten, die sich freuen, nach den an
strengenden Wochen des Examens einmal den
Intellekt auf einen möglichst bescheidenen
.Gang zu schalten und als Krone allen Stre-
'bens sich um einen künstlerischen Bettenbau
bemühen zu können. Jeder von ihnen hat in
seinem Berufe für sich und damit für die All
gemeinheit geschafft. Nun kommen die Jahre,
wo der Dienst am Volk an die erste Stelle
tritt. Geradlinig war der Fortgang von
Schul- und Lehrjahren. Jetzt gehen die Jun
gens in die große Kurve ihres Lebens, in der
sich der Charakter formt und an deren Ende
der Junge zum Mann geworden ist. Noch tra
gen sie nicht das Kleid der Kameradschaft, die
graue Uniform, aber schon jetzt steht alles ver
traulich durcheinander, denn man kennt sich ja
schließlich in Rendsburg. Jeder hat sein Köf-
ferchen oder seinen Pappkarton neben sich. Er
enthält Wasch-, Putz- und Flickzeug, vor allem
aber Proviant. Die Unterhaltung dreht sich
um die Lager, denen die einzelnen zugeteilt
sind. Im Meldeamtsbezirk Rendsburg, der
die Kreise Rendsburg, Steinburg, Norder
und Süderdithmarschen umfaßt, gibt es 6 La
ger: Bokelholm, Heide, Hohenwesteüt, Jnnien,
Marne und Rendsburg. Innerhalb des Be
zirkes findet ein Austausch statt. Die Rends-
burger kommen zusammen mit einigen Leu
ten aus Dortmund und Stuttgart in die Ab
teilungen 5/74 Marne und 6/74 Heide, die
Leute von der Westküste nach Rendsburg. Das
Heiöer Lager arbeitet an der Entwässerung
eines Moors, in Marne ist ein Teil mit der
Neulandgewinnung, der andere mit der Ab
tragung der durch den, Adolf-Hitler-Koog
überflüssig gewordenen Deiche und der Errich
tung von erhöhten Höfen um die Häuser des
Kooges beschäftigt.
Auch die zukünftigen Standorte werden in
den Gesprächen einer strengen Kritik unter
zogen. Mit Rendsburg wird zwar nichts gleich
gestellt, aber Heide erfährt dank seiner drei
Kinos und mancher netter Gaststätte eine
sehr anerkennende Wertung als „Klein-
Paris". Dagegen wird Rendsburg als „Stadt
ohne Jugend" bzeichnet, nachdem 120 seiner
besten Söhne ihm „Lebewohl" gesagt haben.
In der Tat wird man in den nächsten Wo
chen in den Betrieben, in der SA. und vor
allem in der HI. diesen Abgang schon merken.
Ein Optimist, der ein Sparprogramm von
täglich 5 Pfennigen entwickelt, um als reicher
Mann aus dem Westen heimzukehren, findet
allgemeine Ablehnung. So verstreicht unter
mancherlei Gesprächen die Zeit. Die Arbeits
männer, inzwischen schon recht alt geworden,
zitieren bereits „Die längste Zeit des Lebens,
wartet der Soldat vergebens." Erste Verhal
tungsbefehle werden gegeben. „Zur Stadt
darf keiner mehr gehen." „Eigenmächtigkeiten
auf der Fahrt sind verboten." „Alkoholgenuß
bei Aufenthalten ist untersagt." Jede Ankün
digung wird mit beifälligem Gemurmel be
dacht. Von gedrückter, abschiedsschmerzlicher
Stimmung ist nichts zu merken. Jedem leuch
tet die Freude auf das Kommende aus den
Augen. Die Namen werden aufgerufen, nie
mand fehlt. Die Herren des Wehrkreiskom
mandos im selben Hause schauen auf das Bild
herab. Sie wissen, hier unten blüht auch ihr
Weizen.
Dann formiert sich der Zug durch die Stra
ßen. Ein Lied klingt auf, die Vorübergehen
den erkennen diesen und jenen und winken
ihm zu. Mütter und Bräute scheinen vorher
verabschiedet zu sein, man sieht sie wenig. Ge
fühle bei dieser männlichen Wendung des Le
bens könnten auch nur hinderlich sein. Auf
dem Bahnhof steht ein zweiter Trupp, der von
Flensburg nach Christiansholm geht. Schnell
ist alles verstaut, der schwarze Zeiger springt
auf 10.45, die Schicksalsminute. Fauchend geht
die Lokomotive ins Geschirr und langsam, un
ter Gesang und donnerndem Heil, gleitet der
Zug aus dem Bahnhof. Sie fahren hinein in
ein Leben, das trotz aller Zucht und strenger
Ordnung ein freies sein wird, weil es keinen
Kampf um das tägliche Brot kennt, und die
vielfältigen Abhängigkeiten des Lebens durch
ein klares Verhältnis von Befehl und Gehor
sam ersetzt. Im gleichen Schritt und Tritt
des Tages werden sie zu Kameraden werden.
Die Worte Volk und Vaterland sollen sich in
der Arbeit am Boden der Heimat mit leben
digem Inhalt füllen. Und wenn sie nach einem
halben Jahre gewandelt und gekräftigt zu
rückkehren, werden sie als ein hartes Ge
schlecht ihren Aufgaben als Waffenträger der
Nation gerecht werden können. O
Rendsburger Eheschließungen «nd Geburten
Aus der Entwicklung der Eheschließungen
und Geburten läßt sich der Zukunftsglaube
und Lebenswille eines Volkes ablesen. Wenn
man die Heiratskurve Deutschlands in den
letzten drei Jahren, wenn man seine Gebur
tenzahlen heute mit denen vor der Macht
ergreifung vergleicht, so kann man feststellen,
wie vertrauensvoll das deutsche Volk in die
Zukunft blickt.
In 2 Jahren nationalsozialistischer Staats
führung sagten 402 Rendsburger Paare
„Ja" im Vertrauen auf Deutschlands Zu
kunft. Mit der Rückkehr des Vertrauens in die
Staatsführung, in die politische und wirtschaft
liche Entwickelung, mit der erfolgreichen Be
kämpfung der Arbeitslosigkeit und der Zu
nahme der Beschäftigungsmöglichkeiten ist der
Mut zur Eheschließung und Familieugrün-
dung im deutschen Volk außerordentlich gestie
gen. In der Stadt Rendsburg betrug die
Zahl der Eheschließungen 1932: 174,
1933: 197,
1934: 205.
402 Paare wagten also in den ersten 2 Jah
ren seit der Machtergreifung in Rendsburg
den verantwortungsvollen Schritt zum Stan
desamt. Sie sagten „Ja" im Vertrauen auf
Deutschlands Führer und in der Hoffnung auf
Deutschlands Zukunft. Gewiß haben in zahl
reichen Fällen die Ehestandsdarlehen die Fa
miliengründung ermöglicht oder gefördert.
Aber von entscheidender Bedeutung wird zwei
fellos die Hoffnung auf eine Besserung der
wirtschaftlichen Verhältnisse gewesen sein.
Von maßgeblicher Stelle wurde vor einiger
Zeit festgestellt, daß die Zunahme der Ehe
schließungen im neuen Reich in der deutschen
und der internationalen Bevölkerungsstatistik
ohne Beispiel ist. Das Ansteigen der Heirats
kurve ist eine Vertrauenskundgebung für
Deutschlands Führung und Deutschlands Zu
kunft, wie sie eindrucksvoller kaum gedacht
werden kann.
In 2 Jahren nationalsozialistischer Staats
führung erblickten 724 kleine Rendsbur
ger das Licht der Welt. In der Stadt Rends
burg betrug die
Zahl der Geburten 1932: 324,
1933: 318,
1934: 448,
1935: 474.
Wir wollen nicht behaupten, daß die bevöl
kerungspolitischen Ziele der nationalsozialisti
schen Staatsführung bereits erreicht sind. Aber
die Entwickelung der Geburten seit der Macht
ergreifung zeigt doch den starken Lebens
willen und die unerschütterliche Lebenskraft
des deutschen Volkes. Mit dem Mut zur Ehe
schließung und Familiengründung ist der
Wille zum Kinde gestiegen. Auch dies ist ein
eindrucksvoller Beweis des Glaubens an eine
deutsche Zukunft und damit an die jetzige Füh
rung. G. W.
Verschönerlmgsverem
Die Jahreshauptversammlung des Berschö-
nerungsvereins fand am Dienstagabend in
der „Eiderhalle" statt. Der Schriftführer Pro
fessor K o o p m a n n berichtete über die im
vergangenen Jahre geleistete Arbeit. Sie be
stand vor allem darin, die vorhandenen An
lagen der Stadt im guten Zustand zu erhalten.
Der Rasen vor der Stadthalle wurde neu gesät.
Die neu geschaffenen Straßen wurden mit
Bäumen bepflanzt. In den Vorgärten der
Siedlungen in der Schleife wurde eine
Ligusterhecke angelegt. Im Gerhardshain und
in sonstigen Anlagen wurden Nistkästen ange
bracht. Die Stadt stellte neben einem Geld
zuschuß auch wieder Pflichtarbeiter für die
Instandsetzung der Anlagen zur Verfügung.
Ohne diese Hilfe wäre es dem Verschönerungs
verein unmöglich gewesen, alle Arbeiten durch
zuführen. Die Arbeit wird auch in diesem
Jahre in gleicher Weise fortgesetzt. Ferner sol
len das Rondell auf dem Adolfplatz und die
beiden großen mittleren Flächen im Kinder
garten neu mit Gras besät werden.
Konsul Entz sen. erstattete in Vertretung
des Kassenführers den Kassenbericht. Die Kasse
schließt mit einem Ueberschuß ab. Zur Fort
setzung seiner gemeinnützigen Arbeit erhält
der Verein auch tn diesem Jahre wieder eine
Beihilfe von der Stadt. Dem Kassenführer
wurde Entlastung erteilt.
Die im vergangenen Jahr beschlossene Schaf
fung einer neuen Grünanlage an der Neuen
Kieler Landstraße gegenüber der Mittelschule
wird nicht ausgeführt, da, wie Stadtbaurat
K u e h n mitteilte, dort Häuser gebaut wer
den sollen. — In den Vorstand wurden neu
bzw. wiedergewählt Fabrikdirektor Paul
Eggers als Vorsitzender und Kaufmann Georg
Gronau, Rechnuugsrat Ohrt und Verlags
direktor Behschnitt als Beisitzer. Professor
Koopmann berichtete danu noch über die
Schwäne. Die vier jungen Schwäne sind von
den alten getrennt und vom Gerhardsteich
nach dem Jungfernstiegücckcn gebracht worden.
Dort ist der eine der beiden alten Schwäne
eingegangen. Als Ersatz wurde von Hagenbeck
ein vierjähriger Schwan gekauft.
Dem Verschönerungsverein gebührt Dank
dafür, daß er in vorzüglicher Weise sich der
Pflege unserer Anlagen und Grünplätze an
nimmt und so zur Verschönerung des Stadt
bildes in besonderem Maße beiträgt.
Von der NS.-Kulturgemeinde
Die letzte Opernaufführung dieser Spielzeit
bringt uns am Sonnabend mit Mozarts un
sterblichem „Don Juan" ein Werk, das in
Rendsburg wohl zum ersten Male auf der
Bühne erscheint. Es stellt die allerhöchsten
Anforderungen sowohl an das Orchester wie
an die Sänger, die hier, mehr als sonst in
Opern gefordert wird, auch Schauspieler sein
müssen. Hans-Heinz Hamer als Don
und Aaga
Juan
Joesten als Donna Anna, die Jn-
Fackelzug des Sieges.
Rendsburgs SA. am Abend des 30. März.
(Lichtbild Landeszeitung.)
Haber der beiden Hauptrollen, erfüllen diese
Anforderungen sowohl gesanglich wie dar
stellerisch in glänzender Weise. Aaga Joesten
vom Opernhaus in Köln a. Rh. hat die Donna
Anna dort in der Erstaufführung der Oper
nach der Textneudichtung von Anheißer gesun
gen. Wenn die NS.-Kulturgemeinde nachein
ander den „Don Juan" Mozarts und — am
16. April — Goethes „Faust" darbietet, den
von Liebesleidenschaft und den von Erkcnnt-
nisdurst verzehrten Menschen, so ist das eine
Verbindung, die in einem Gegeneinander dar
zustellen der Dramatiker Grabbe in seinem
Schauspiel „Don Juan und Faust" versucht
hat. An dem Stoff des Don Juan, der aus
der Weltliteratur nicht mehr wegzudenken ist,
haben sich Dichter und Musiker aller europäi
schen Völker versucht. Sie alle sind fast ver
gessen vor Mozarts unvergleichlichem Meister
werk „Don Juan oder Der steinerne Gast", bas
— in wenigen Monaten geschrieben — bei der
Uraufführung in Prag, die in Kürze 150 Jahre
zurückliegt, schon das Publikum begeisterte
und heute noch alle Welt entzückt. Die groß
artige Ouvertüre entstand in der letzten Stacht
vor der Uraufführung. In einem köstlichen
Werk deutscher Dichtung, das in letzter Zeit
häufig im Rundfunk dargeboten wurde, in
„Mozart auf der Reise nach Prag" zur Ur
aufführung seiner neuesten und bedeutendsten
Schöpfung bringt Mörike uns den Musiker
Mozart auch menschlich nahe. Es ist in Wahr
heit ein Geschenk an das Rendsburger
Theaterpublikum, wenn ihm die Gelegenheit
geboten wird, einer im vollen Sinn des Wor
tes festlichen Aufführung von Mozarts „Don
Juan" beizuwohnen.
Ergebnis der Verkehrskontrollc.
Bei einer von der Polizei unter Mitwir
kung des NSKK. am Dienstag auch in Rends
burg durchgeführten Verkehrskontrolle wur
den Mängel festgestellt bei 9 Personenkraft
wagen, 2 Lastkraftwagen, 2 Zugmaschinen mit
Anhängern, von denen eine sichergestellt
wurde, einem Dreiradauto und einer Hand
karre. Außerdem wurden 19 Radfahrer an
gehalten und gebührenpflichtig verwarnt.
* Die große Sehenswürdigkeit in der
Schleuse, von der gestern die Rede mar und die
lebhaft ans Ungeheuer vom Loch Neß erin
nerte, zuletzt auf unserm Jahrmarkt zu sehen,
hätte wahr sein können, wenn nicht zufällig
der 1. April gewesen wäre. Schon der ein
gangs erwähnte und angeblich in einem sehr
binnenländischen holsteinischen Kirchdorf be
heimatete Dampfer mit dem arabischen Namen
hätte stutzig machen können, dazu einiges an
dere mehr, wenn nicht das im Wasser der
Schleuse photographierte Fabeltier vorhanden
gewesen wäre. Doch was von Natur aus nicht
im Bilde ist, läßt sich geschickt hineinbringen.
Scherz muß sein! Drum wird uns nicht gram
sein, wer sich vielleicht hat anführen lassen.
Wir haben uns diesmal mit einem einzigen
Aprilscherz begnügt. Die freundlichen Leser,
die uns erfindungseifrig unter die Arme
greifen zu sollen glaubten, seien bedankt.
* Treuer Mieter. Der Lehrer Detlef Hansen
wohnte am 1. April 25 Jahre im Hause Hin-
denburgstraße 7.
Ist das Einkommen auch klein,
zur Lebensversicherung reicht es doch. Mit kleinen monatlichen Einzahlungen kann man schon ein
ansehnliches Kapital versichern und damit Vorsorge treffen für sein Alter oder für die Aussteuer
und Ausbildung der Kinder, besonders aber für die Hinterbliebenen bei einem vorzeitigen Tode.
Schon nach der ersten kleinen Einzahlung ist die volle Summe versichert. Eine Lebensversiche
rung ist ein starker Rückhalt im Daseinskampf, sie macht sorgenfrei und schaffensfroh.
Äemeinfchaft zur Pflege des Lebeusverstcherungs-GedankenS,