Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

*29. Jahrgang ' Nr. 92 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Vorn „Vater der Punkte" 
Der Maria-Theresienthaler im Orient. — Die abessinische Staatsmiinze druckt nur Papier 
geld. — Was wird nun aus dem Silberstück? 
Mit Erstaunen vernahm die Oeffentlichkeit 
vor kurzem, daß die österreichische Staatsmünze 
öas Recht zur Prägung von Maria-Theresien 
thalern — bekanntlich das amtliche Zahlungs- 
nrittel Abessiniens — an Italien verpachtet 
habe. Es ist bisher nicht bekannt geworden, 
was Abessinien dazu sagt. Aber rein juristisch 
behauptet die österreichische Münze im Recht 
àu sein: tatsächlich besteht kein Monopol zur 
Herstellung von Maria-Theresienthalern. 
Es ist schon eine eigenartige Sache mit die- 
şem Zahlungsmittel. Kein Mensch in Abessi- 
uien kann die lateinische Schrift auf dem gro 
ßen Geldstück lesen, niemand weiß vermutlich 
auch, was die darauf abgebildete Kaiserin einst 
in der Welt wirklich vorgestellt hat. Aber seit 
180 Jahren genießt der Maria-Theresienthaler 
tnr nahen Orient ein unerschütterliches Ver 
trauen, um das so manches andere Zahlungs 
mittel in dieser Welt beneidet werden könnte. 
Das hat er der Ehrlichkeit der österreichischen 
Staatsmünze in dieser fernen Zeit zu danken, 
die an dem einmal festgesetzten Silbergehalt 
şrsthielt. Man muß, um das zu verstehen, sich 
in Erinnerung rufen, daß damals die Münz- 
Nerschlechterung fast in allen Ländern gang und 
gäbe war. Fast jeder Fürst, der sich in Schwie 
rigkeiten befand, versuchte sich zunächst einmal 
burch Münzverschlechterung zu helfen. Darun 
ter litten aber gerade die Handelsbeziehungen 
öum Orient, denn die Orientalen sind miß 
trauische Leute, die überall Unrat wittern. Als 
daher Oesterreich vor 180 Jahren von Venedig 
aus den Levante- und Orienthandel in die 
Hand nahm, vertrat es den sehr richtigen 
Grundsatz, daß die Münze, mit der man die 
Eüaren bezahlte, unbedingt stabil und korrekt 
sein müsse. 
Der Maria-Theresienthaler findet sich übri 
gens durchaus nicht nur in Abessinien als 
Zahlungsmittel, man trifft ihn auch in Alba 
nien sehr häufig an, man findet ihn in Arabien, 
im Sudan und in manchen Teilen Afrikas. 
Es ist weiterhin ein Irrtum, wenn man 
glaubt, es gäbe keine abessinische Staatsmünze. 
Sie besitzt in Addis Abeba sogar ein eigenes 
Gebäude und gibt Banknoten die Menge aus. 
Aber — auf den Banknoten steht in aethiopi- 
scher Schrift, daß diese Noten voll gedeckt sind 
Mit Maria-Theresienthalern. Der abessinische 
Provinzler, der eine solche Note in die Hand 
bekommt, begibt sich meist sofort in die Staats- 
Münze und läßt sich für das Stück Papier den 
Kirschenbwte 
Eine Geschichte von altem Haß und junger 
Liebe. 
Von Maria W e h n e r t. 
Die Zeit der Kirschenblüte ist für Menschen, 
me guten Willens und frohen Herzens sind, 
Mit Tagen jauchzender Freude ausgefüllt. Die 
Sonne umkost die weißen Knöspchen solange, 
ms sie sich öffnen,' dann kommt der Wind und 
trägt die winzigen Blättchen wie Schneeflöck- 
Ģen hierhin und dorthin. 
So ist es überall, wo Kirschen in den Gärten 
gehen. So wäre es auch zwischen Theos Vater 
^üd meinem Vater nie zu einem Streit ge 
kommen, hätte sich der Kirschbaum, der auf der 
Grenze zwischen ihren Gürten stand, nicht 
Eigenmächtig so in die Hecke geschoben, daß es 
gibst einem Salomon schwer gefallen wäre, 
Min zu entscheiden, wem der Baum, wem die 
Ziüten, wem die dunkelroten, vollsaftigen 
Kriichte gehörten. 
.Niemand konnte urkundlich beweisen oder 
Eidlich versichern, daß e r den Baum gepflanzt 
habe. Als der Baum noch klein war, mochte er 
iMne Wurzeln im Garten von Theos Vater 
gehabt haben. Wir waren damals nicht größer 
ats der Baum selbst und ahnten nicht, daß die- 
gr Kirschbaum uns einst wie die ersten Men 
gen zur Erkenntnis des Guten und des Bösen 
^nter den Menschen führen sollte . . . 
Also ich war neunzehn geworden, und Theo 
^ar ein Gesell in der Werkstatt des Schreiner- 
misters Braun. Er war ein ranker Bursch, 
Mr seine Altersgenossen, wenn er Sonntags in 
ş^r Kirche zwischen den anderen jungen Leu 
ten stand, einen Kopf noch überragte. Und 
Mgen war der Junge in seinem Anzug, in sei- 
Frisur, kurz in allem, wonach ein junges 
Mädchen schaut, wenn es, wie man sagt, ein 
^uge auf einen jungen Mann geworfen hat. 
Ich hatte längst erfahren, daß Theo vor der 
Meisterprüfung stand und daß sein Vater ihn 
°ann nach Süddeutschland schicken wolle. Der 
Magner war ein gründlicher Mann und setzte 
Mitten Stolz darein, etwas aus seinen Buben 
I** machen. Mehr sollten sie werden als ein 
^bggenschmied, hörte man ihn oft sagen, wobei 
^natürlich nichts auf einen ehrsamen Wagen- 
»chmied kommen ließ. Die drei Mädels die ihm 
Gegenwert in Silbertalern auszahlen, denn 
mit Papiergeld darf er sich zu Hause nicht 
blicken lassen. 
Der Maria-Theresienthaler heißt in Abessi 
nien „Abunokte", d. h. der „Vater der Punkte". 
So ohne weiteres nimmt nämlich auch der 
Abessinier einen Theresienthaler nicht für echt 
an. Er betrachtet vielmehr genau das Bild der 
Kaiserin und zählt die Punkte in der Schulter- 
agraffe. Sind sie deutlich zu erkennen und ge 
nau ausgerichtet, dann ist er befriedigt, glaubt 
er Unregelmäßigkeiten zu erkennen, dann wird 
er das Gewehr von der Schulter nehmen oder 
es sich von seinem „Gewehrträger" reichen las 
sen und das bedeutet dann ein sehr ernstes 
Palaver mit demjenigen, der die falschen The 
resienthaler an den Mann bringen wollte. 
Es fragt sich, ob die Tatsache, daß jetzt Ita 
lien die Prägestöcke für den Theresienthaler 
besitzt, irgendwelchen Wandel in der Beliebt 
heit dieses Geldstückes in Abessinien hervor 
rufen wird. Man wird vielleicht in Addis 
Abeba erkennen, daß es seine Nachteile haben 
kann, wenn das offizielle Zahlungsmittel im 
Auslande hergestellt wird. Aber Abessinien ist 
bekanntlich ein großes Land und es dauert 
lange, bis sich gewisse Neuigkeiten herumge 
sprochen haben. Für absehbare Zeit wird man 
daher auch den Maria-Theresienthaler nicht 
entthronen können, wobei man immer noch ab 
warten muß, welchen Gebrauch Italien von 
seinen neuerworbenen Prägerechten machen 
wird. Hermann Schlüter. 
Bunte Wett 
3000 Jahre alte Organismen werden 
lebendig. 
Professor Kapterew von der Moskauer Aka 
demie für Wissenschaften hat im äußersten 
Norden Sibiriens Erde aus einer Tiefe von 
2,75 bis 4,25 Meter entnommen, die in jener 
Gegend niemals auftaut, also seit Jahrtausen 
den in gefrorenem Zustande dort lag. Diese 
Erde brachte er in destilliertem keimfreiem 
Wasser langsam zum Auftauen. Dabei stellte 
sich heraus, daß die in der Erde enthaltenen 
Keime, sowohl pflanzliche als auch tierische 
Mikro-Organismen, zu neuem Leben erwach 
ten. Prof. Kapterew, der diese Versuche schon 
1934 begann, konnte von den Organismen bis 
zu 10 Generationen züchten. Jetzt will er auch 
Der diesjährige Maibanm für die Reichshanptstadt. 
Der Maibanm für den diesjährigen 1. Mai, der im Berliner Lustgarten Auf 
stellung finden wird, ist im Warndt, jenem bekannten Waldgebiet des Saarlandes, 
gefällt worden .Er wird auf unserem Bilde unter der fröhlichen Anteilnahme der 
Bevölkerung durch das Dörfchen Ludweiler bei Saarbrücken transportiert. 
(Scherl Bilderdienst, K.) 
Montag, den 20. April 1936 
die Frage untersuchen, ob nicht nur die Orga 
nismen aus dem Tertiär, sondern auch aus 
dem Quartiär zu neuem Leben zu erwecken 
sind. Das Alter der wiederbelebten Organis 
men schützt der Gelehrte auf mindestens 1000 
bis 3000 Jahre. 
95 Dienstjahre. 
In Austin in Texas starb in diesen Tagen 
der älteste Negersklave namens Nathan. Er ist 
weit über 100 Jahre alt. Genaue Angaben über 
fein Geburtsjahr fehlen. Fest steht jedoch, daß 
er 95 Jahre lang in den Diensten einer Fa 
milie gestanden hat. Er hat noch den Sezes 
sionskrieg mitgemacht und ist nach dessen Be 
endigung zu seinem Herrn, einem Bankier, zu 
rückgekehrt. 
Pastorengeschichten. 
Eine alte Landsmännin Theodor Storms, 
die verwitwete Banrat Karoline P l a m b ö ck, 
hat den Dichter in ihren Jugendtagen gut ge 
kannt. Als sie sich — sie zählte achtzehn — ver 
lobte, brachte er ihr mit seiner Frau ans sei 
nem Garten einen wunderbunten Strauß: in 
der Mitte Rosenknospen, umsäumt von Rese 
den, um die sich wieder zwei Kränze von 
blauem Liebeshain und roten Donauröschen 
legten, und drohte ihr scherzhaft mit dem Fin 
ger: „Das Küken will schon heiraten!" Sie hat 
gehört, wie er mit unvergeßlicher Betonung 
sein unsterbliches Gedicht „Der Nebel steigt" 
sprach, aber sie erzählt in den Erinnerungen, 
die wir im Aprilheft von „Velhagen u. Kla- 
sings Monatsheften" finden, auch allerlei 
Schnurren aus ihrer schleswigschen Heimat. 
So folgendes Geschichtchen: Der alte Hansen 
ging zum Pastor und sagte ihm, seine Frau 
wäre gestorben. Der Pastor tröstete ihn wohl 
zwei Stunden lang und verabredete mit ihm 
die Beerdigung. Am Grabe sprach er nur von 
dem guten alten Hansen, der nun das Zeitliche 
mit dem Ewigen vertauscht hätte. Der stand 
verstört dabei, und als er nach dem Vater 
unser dem Pastor die Hand reichte, sagte er: 
„Herre Paster, se hebbt mi jo doch nich begra 
ben, sonsterns min ole Fru." Der Pastor aber 
erwiderte: „Ja, bester Mann, was begraben 
ist, ist begraben." — Ein altes Ehepaar steht 
kurz vor der goldenen Hochzeit. Mit ernster 
Miene erscheint der Mann vor dem Pastor und 
sagt: „Je, Herre Paster, dat is nu mal so, wie 
möd' uns nu scheden laten." „Was", sagt der 
Geistliche, „das ist doch wohl nicht Ihr Ernst? 
Nächstens feiert Ihr goldene Hochzeit!" Da 
seufzt der alte Mann und sagt: „Ach, Herre 
Paster, Se glövt ja nie, wat man sik in foftig 
Jahren leed ward." 
seine kränkliche Frau noch geschenkt, schienen 
für den Wagner überhaupt nicht da zu sein. 
Wenigstens sprach er nicht von ihnen, duldete 
aber, daß sie sich fein machten und just wie drei 
Prinzessinnen die Dorfstraße hinauf und her 
unter spazierten, sooft sie ein neues Kleid er 
halten hatten. 
Wie sehr ich nun auch mit der Greta und der 
Maria befreundet und vertraut war — es ge 
lang mir nicht recht, näher an Theo heranzu 
kommen. 'Wir Kinder sprachen nie von dem 
unseligen Kirschbaum, wieviel wir uns auch 
sonst anvertrauten. Auf beiden Seiten war 
wohl mit dem Kirschbaum auch der Glaube an 
das Eigentumsrecht gewachsen und hüben wie 
drüben dachte niemand daran, diesen Glauben 
in Zweifel zu ziehen. 
Wie nun unsere gegenseitige Zuneigung nicht 
mehr zu leugnen war, und Theo — im Vorge 
fühl der kommenden Freiheit — schon die 
Ferne winken sah, geschah eines Tages etwas 
Furchtbares. 
Der Kirschbaum stand in voller Blüte,- er 
war wie ein einziger Strauß schneeweißer 
Blumen und wirklich eine Zierde beider Gär 
ten. Ob uns nun unsere jungen Herzen gleich 
zeitig und mit der gleichen unwiderstehlichen 
Kraft zu diesem Bäumchen hinzogen, weil es 
so verwaist dastand, oder ob die Lücke in der 
Ligusterhecke rechts und links neben dem glat 
ten, glänzenden Stämmchen die Versuchung 
förderte, uns gegenseitig zu sehen — wir stan 
den gegen Abend unter dem Kirschbaum und 
plauderten miteinander. Theos Vater war zum 
Skat und der meinige hatte seine Bücher in 
Ordnung zu bringen. Was wir einander er 
zählten, weiß ich heute nicht mehr. Unser Ge 
spräch muß sich aber von selbst dem Kirschbaum 
und seinen Blüten zugewandt haben. Ich äu 
ßerte den Wunsch, einige der blühenden Zwei 
ge mit ins Haus zu nehmen und in eine Vase 
zu stellen. Ohne sich lange zu besinnen, griff 
der große Theo mit seinem langen Arm in das 
Geäst, brach einige Zweige ab und gab sie mir. 
Ich glaube, ich schaute mich verstohlen und er 
rötend um, denn im gleichen Augenblick be 
merkte ich, wie Theos Vater, noch den Hut auf 
dem Kopfe, durch die Hintertür aus dem Hause 
trat und mit zornfunkelnden Augen auf uns 
und den unschuldigen Kirschbaum zukam. Ohne 
ein Wort zu sagen verabreichte er seinem Soh 
ne, der an Wuchs viel größer war als er selbst, 
in meiner Gegenwart von rechts und links eine 
schallende Ohrfeige. Ich glaubte, in den Boden 
zu versinken, warf die Zweige über die Hecke 
in des Nachbars Garten und flüchtete ins 
Haus. Ob mein Theo seinem Vater etwas er 
widert hat, weiß ich heute ebenfalls nicht mehr. 
Jedenfalls konnte ich vom Fenster meines 
Zimmers aus beobachten, wie Vater und Sohn 
mit hochgeröteten Köpfen ins Haus gingen. 
Ich weinte so bitterlich, wie man eben im 
ersten Liebeskummer zu weinen imstande ist. 
Ich schloß mich ein und begann, über mein 
Unglück nachzudenken. Ich war an seiner 
Schande schuld. Nicht nur ich, mein eigener 
Vater und meine Mutter, die natürlich zu un 
serm Vater hielt, und wir alle, die wir den 
Kirschbaum für uns beanspruchten. Ich fing 
an, diesen Baum zu hassen, und verwünschte 
ihn mit der Glut, mit der ein junges Herz zu 
lieben und zu hassen imstande ist. Niemals 
würde Theo diese schändlichen Ohrfeigen ver 
gessen, niemals würde er sich getrauen, mir 
wieder einen Blick zu schenken. 
Das Abendessen, zu dem wir uns versam 
melten, wurde schweigend eingenommen. Mei 
ne jüngere Schwester hatte den Sachverhalt in 
Erfahrung gebracht und alles den Eltern er 
zählt. Vater hielt an sich, um nicht loszufah 
ren in wildem Zorn,' die Mutter schüttelte den 
Kopf und seufzte. In der folgenden Nacht wein 
te ich manche Träne in mein Kissen. Am an 
dern Morgen stand ich früh auf, willens, Theo 
auf seinem Wege zur Werkstätte zu treffen und 
ihn um irgendetwas zu bitten. Um was, wußte 
ich selbst nicht. Um Verzeihung? — Aber ich 
hatte ihm doch nichts getan. Um Geduld und 
Ausdauer? — Aber hatte ich selbst Geduld? 
Um Widerstand gegen seinen Vater? — Wie 
durfte ich das! Hatte sein Vater nicht genau so 
viel Recht an dem Baum wie mein Vater? 
Ich brauchte nicht zu bitten: Denn Theo kam 
nicht. Ich fürchtete, er könne mir aus dem We 
ge gegangen sein, und schlich an der Werkstütte 
seines Meisters vorbei. Von Theo war nichts 
zu sehen. Schweren Herzens ging ich nach 
Hause und vertraute mich in meinem Leid der 
Mutter an. Mütter wissen immer Rat, wenn 
Kinder verzweifeln, und meine Mutter brauch 
te keine zwei Stunden, um durch Vermitt 
lung einer anderen Nachbarin in Erfahrung 
zu bringen, daß Theo schon am frühen Mor 
gen das elterliche Haus verlassen hatte. Nach 
gründlicher Aussprache waren Vater und Sohn 
darin überein gekommen, daß es besser sei, 
wenn Theo sofort die längst beabsichtigte Reise 
antrat. Ein Jahr sollte er fortbleiben, sich die 
Welt ansehen, bei anderen Meistern arbeiten, 
sich den Wind um die Nase pfeifen lassen. 
Theo war also gegangen, ohne sich nach mir 
umzusehen, ohne einen Gruß für mich zurück 
zulassen! Vielleicht war mir so recht geschehen. 
Hatte ich mir schon zuviel von ihm verspro 
chen? Mir nicht zuviel Hoffnung gemacht? Die 
Fragen fraßen in meinem Herzen und machten 
mich tagelang elend. 
Am dritten Tage nach seiner Abreise — ich 
hatte mich mit meinem Kummer schon etwas 
abgefunden — brachte mir die Post einen 
Brief. Von ihm — für mich persönlich! Ich 
stürzte damit in mein Schlafzimmer und riß 
ihn auf mit zitternden Händen. „Meine liebe 
Maria", schrieb er. Und dann folgten einige 
Sätze, in denen er mir mitteilte, daß er sich 
in Bayern befinde und glücklich sei, endlich 
über sich bestimmen zu können. Die beiden Ohr 
feigen hätten ihm den Weg gewiesen, und ge 
wiß wolle er sie nicht vergebens hingenommen 
haben. 
Das war nun nicht sehr ermutigend. Aber 
der Schlußsatz belehrte mich, daß Theo gewillt 
war, auszuhalten: „wenn die Kirschen wieder 
blühen, werde ich wieder da sein", schrieb er, 
„dann bin ich Meister und dann wollen wir 
unsere beiden Väter versöhnen." 
Ich hätte den Burschen umarmen und drük- 
ken können ob dieser stolzen Zuversicht. Ich 
setzte mich hin und schrieb ihm meinen ersten 
Liebesbrief. Dann folgten noch viele hin und 
J Und Theo hielt Wort. 
Als die Kirschen wieder blühten, war er 
wieder da. Sein Vater wagte nicht, dem jun 
gen Meister einen Wunsch abzuschlagen, so 
stolz war er auf seinen Sohn. Auch mein Va 
ter gab sich gefangen, als Theo kam, um um 
meine Hand anzuhalten. Auf unserm Ver 
lobungstisch prangte ein prachtvoller Strauß 
schneeweißer Kirschblüten, und die köstlichen 
Früchte, so wurde ausgemacht, wanderten von 
da ab in den Keller eines jungen glücklichen 
Paares.
	        
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