Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

129. Jahrgang. 
Schleswîg-HolstàrîstHL 
129. Jahrgang. 
Renàsdurger DrgeblutL 
Vezugspreks: Ausgabe A Reichsmark 1.75 monatlich; Ausgabe B einschl. Illustrierte Wochenbeilage 
Reichsmark 2.00. zuzügl. Bestellgeld. Einzelnummer 10 Rpfg.. auswärts 15 Rpfg., Sonnabends 15 Rpfg. 
Schrļftleitnng und Geschäftsstelle: Rendsburg. Haus der Landeszeitung. Fernsprecher Nr. 2551. 
Drahtanschrift: »Landeszeitung*. Postscheck: Hamburg 16278. Danken: Reichsbank: Westholsteinische 
Bank; Soar- und Leib-Kaffe: Schleswig-Holsteinische Dank: Landkreditbank; sämtlich in Rendsburg 
Anzeigenpreise: Im Anzeigenteil Grundpreis für die 46 mm breite Milllmeterzeile 14 
Im Texttell Grundpreis für die 77 mm breite Millimeterzeile 34 H2. Ermäßigte Grundpreise. 
Aufschläge sowie Nachlässe laut Preisliste Nr. 7. Nachlaßstaffel A. Geschäftsbedingungen nach Maß 
gabe der Bestimmungen des Werberat». Keine Ersatzansprüche bei Nichterscheinen der Zeitung wegen 
höherer Gewalt. Für unverlangt eingehende Beiträge übernimmt die Schriftleikung keine Gewähr. 
Nr. 85 
Donnerstag, den 23. April 
1336 
Außenpolitische Wochenübersicht 
Das Genfer Fiasko 
Vier Wochen freie Hand für Italien - Europa wieder im Vordergrund 
Frankreich vor der Wahl 
Am die Dardanellen 
Die Abessinienpolitik des Völkerbundes ist 
zusammengebrochen. Damit hat auch das 
System der kollektiven Sicherheit einen schwe 
ren Schlag erhalten, und die Erklärung des 
britischen Ministerpräsidenten Baldwin, 
daß trotzdem die kollektive Sicherheit der ein 
zige Bürge für die Aufrechterhaltung des 
Friedens bleibe, ändert nichts daran, daß das 
System in einem entscheidenden Fall versagt 
hat. Großbritannien hat in Genf seinen 
Wunsch nach einer Verschärfung der Sanktio 
nen zurückgestellt. Frankreich ist mit seinen 
Absichten öurchgedrungcn. Italien hat zunächst 
einmal freie Hand in Abessinien, denn erst die 
nächste ordentliche Ratssitzung im Mai wird 
sich wieder mit der Abessinienfrage befassen. 
Die britische Oeffentlichkeit hat mit großem 
Bedauern von dem Scheitern der Genfer Ver 
handlungen Kenntnis genommen. Schließlich 
ivar es ja Großbritannien gewesen, das mit 
seinem ganzen Prestige für die Sanktionen 
gegen Italien eingetreten war und das jetzt 
zugeben muß, daß die Sauktronspoliiik geschei 
tert ist und daß jede Sanktionspolitik scheitern 
müsse, wenn sie aus die letzten Mittel, Blocka 
de und Gewalt, zu verzichten gezwungen sei. 
An Angriffen auf die Regierung und nament 
lich den Außenminister Eden hat es nicht ge 
fehlt, und es bedurfte erst einer Erklärung 
des britischen Ministerpräsidenten, um der 
Oeffentlichkeit klar zu machen, daß die Außen 
politik Edens die Politik der gesamten briti 
schen Regierung sei. 
* 
Frankreich versucht, nach dem Zusammen 
bruch der Genfer Verhandlungen, wieder die 
europäischen Fragen in den Vordergrund zu 
schieben. Der Franzose Paul-Boncour 
hatte dies schon während der Genfer Bespre 
chungen getan, und zwar, nach den Andeutun 
gen in der Rede des britischen Ministerpräsi 
denten zu schließen, nicht ohne Erfolg. Recht 
eigenartig berührt jedoch Baldwins Be 
merkung, „niemand könne in diesem Augen 
blick mehr tun, um den dunklen Schatten der 
Furcht von Europa zu nehmen als Hitler,' 
er habe die Macht dazu, und Gott möge ihm 
den Willen dazu geben". Das hört sich bei 
nahe so an, als ob man in England über den 
abessinischcn Fragen den deutschen Vorschlag 
völlig vergessen habe, der nicht nur nach deut 
scher Ansicht wie kein anderer in der Nach 
kriegszeit gemachter Vorschlag geeignet ist, 
»den dunklen Schatten der Furcht" von 
Europa zu nehmen. Die britische Regierung 
hat nun in der vergangenen Woche endlich 
beschlossen, ihre angekündigte Liste von Gegen 
fragen an Deutschland abzusenden. Hoffentlich 
wird durch diese Gegenfragen einigermaßen 
klar, wie sich England wirklich zu dem deut 
schen Vorschlag stellt. 
Frankreich hat, wie in der vergangenen 
Woche bekannt wurde und wie es von vorn 
herein das Ziel der französischen Politik war, 
den deutschen Vorschlag zusammen mit dem 
französischen Gegenvorschlag auf die Tages 
ordnung der nächsten Genfer Ratssitzung setzen 
lassen. Mit großem Optimismus kann man 
diesen Verhandlungen nicht entgegensehen, 
denn gerade die letzten Genfer Verhandlungen 
haben ja wieder einmal auf das deutlichste ge 
geigt, daß der Genfer Apparat in seiner jetzi 
gen Form zu entscheidenden Lösungen nicht 
fähig ist. 
^ * 
In der Frage der Befestigung der Darda 
nellen hieß es in der vergangenen Woche, daß 
die Türkei bereits in das entmilitarisierte 
Gebiet einmarschiert sei. Dieses Gerücht wurde 
dementiert. Es scheint auch, daß die Türkei 
einen solchen Schritt nicht nötig hat, denn in 
den diplomatischen Verhandlungen zeigt sich 
anscheinend kein ernsthafter Widerstand gegen 
Wünsche der Türkei. Auch England, das 
Zunächst mit seinen Dominions über die Frage 
beraten will, ist offenbar grundsätzlich zur Zu 
stimmung bereit. Das ist umso erstaunlicher, 
als Lord C u r z o n, der damalige britische 
Außenminister in der Konferenz von Lau 
sanne mit allen nur denkbaren diplomatischen 
Mitteln die Wiederbefestigung der Dardanel 
len verhindert hat. Daß die Sowjetunion nach 
wie vor die Türkei unterstützt, erklärt sich dar 
aus, daß die Sowjetunion ja selbst nur Vor 
teile von der Meerengenbefestigung hat. Schon 
auf der erwähnten Konferenz von Lausanne 
waren die Sowjets für die Befestigung ein 
getreten. 
* 
Der Wahlkamps in Frankreich ist in sein 
letztes Stadium eingetreten. Am 6. Mai wird 
die neue Kammer gewählt sein. Eine Rekord- 
zahl von Kandidaten — 5000 — hat sich ge 
meldet,' dem Franzosen wird also die Kam 
merwahl nicht leicht gemacht. Es ist bezeich 
nend, daß schon in den Wahlplakaten der mitt 
leren und rechten Parteien zum Ausdruck 
kommt, eine wie große Rolle in der Wahl 
kampagne der Sowjetpakt gespielt hat. Aber 
selbst wenn die Linksparteien, die sogenannte 
Volksfront, in der Kammer nicht die Mehrheit 
oder eine regierungsfähige Stärke erhalten, 
ist ja an dem Pakt als solchem nichts mehr zu 
ändern. Auch was Italien anbelangt, ist mit 
einer Aenderung der französischen Haltung 
nach der Wahl nicht zu rechnen, wie es über 
haupt wohl allzu optimistisch wäre, an eine 
Neuorientierung der französischen Außenpoli 
tik zu glauben. 
" * * 
4000 McktNimWelegramme. 
Unsere Berliner Redaktion schreibt: 
Nach dem Geburtstag des Führers ist die 
Politik des Tages wieder in ihre Rechte ge 
treten. 
Entgegen allen Meldungen, die im Ausland 
verbreitet werden, kann versichert werden, 
daß Deutschland keine neue Aktion zur För 
derung des deutschen Friedensprogramms un 
ternehmen wird, bevor die englischen Rück 
fragen in Berlin eingetroffen sind. 
Zum Geburtstag des Führers ist noch nach 
träglich zu melden, daß die Gesamtzahl der 
Glückwunschtelegramme 4000 überschreitet, die 
der schriftlichen Glückwünsche aus dem Jn- 
und Auslande weit über die doppelte Zahl 
hinausgeht. 
Seltsame Vorgänge in Sowjeļ-NŞaà 
Rigaer und Warschauer Zeitungen bringen 
seit Tagen Meldungen aus dem Sowjetpara- 
üies, in denen von seltsamen Vorgängen die 
Rede ist. Die Rigaische Rundschau meldet aus 
Moskau und Kronstadt die Fortdauer der 
Verhaftungen in den dortigen Ortssowjets. In 
Kronstadt sei die Mehrzahl der Sowjetmitglie 
der in Haft. Gleiches werde aus Leningrad 
und Charkow gemeldet. 
Der Kurier Warszwaska erführt, daß der 
Mangel an Lebensmitteln sich in allen russi 
schen Städten seit Mitte April wieder fühlbar 
mache. Russische Emissäre seien nach London 
und Rotterdam unterwegs, um die Versor 
gung mit Auslanösgetreiöe bis zur neuen 
Ernte sicher zu stellen. In Minsk waren, dem 
Warschauer Blatt zufolge, am Sonnabend, 
Sonntag und Montag die staatlichen Lebens- 
mittel-Verteilungsstellen geschlossen. 
Kommunistenorganisation in Obcrösterreich 
ausgehoben. 
DNB. Wien, 22. April. Im obcrösterreichi- 
schen Salzkammergut wurde eine große Kom- 
munistenorganisatiou ausgehoben. Zentralsitz 
dieser Organisation war die Ortschaft Hoisen- 
rat bei Ischl. Zweigstellen bestanden in den 
Salzkammergutorten Ebensee, Ischl, Retten 
bach, Goiseru, Laakirchen und Gmunden. In 
allen diesen Ortschaften wurden Verhaftungen 
vorgenommen und zahlreiches Material be 
schlagnahmt. In Hoisenrat war auch ein Schu 
lungskursus der Kommunistischen Partei ein 
gerichtet, den ein Wiener Kommunist leitete. 
Verständnis für das deutsche Sicherhettsbedürfnis 
DNB. London, 22. April. In einer in der 
Zeitung „News Chronicle" erscheinenden Ar 
tikelserie befaßt sich der bekannte englische 
Publizist Professor Conwell-Evans mit 
verschiedenen Fragen, die die Stellung 
Deutschlands in Europa betreffen. Er weist 
zunächst darauf hin, daß Deutschland infolge 
seiner geographischen Lage sowohl im Osten 
als auch im Westen eine leichte Angriffsfläche 
für einen Einmarsch biete. 
Conwell-Evans kommt dann auf den fran 
zösischen Ruhreinmarsch von 1823 zu sprechen, 
der Deutschland eine fast schlimmere Nieder 
lage als Versailles bereitet habe,' denn die dar 
auf folgende Inflation habe den deutschen 
Mittelstand zugrunde gerichtet und aus 
Deutschland eine Nation von Proletariern ge 
macht. Er erinnert hierauf an die Besetzung 
Memels durch die Litauer und an die Versuche 
der Franzosen, im Westen eine Abtrennung 
des Nheinlandes herbeizuführen. Dies seien 
nur einige der schweren Prüfungen, die 
Ein Aufsatz Conwell-Evans 
Deutschland seit dem Waffenstillstand durch 
gemacht habe. 
Dentschlands Geschichte bestehe aus gleich 
zeitigen Einmärschen oder angedrohten Ein 
märschen von Osten und Westen her, und 
manchmal auch von Norden. 
Das Hauptelement der seelischen Einstellung 
Deutschlands sei die Möglichkeit eines Krieges 
auf zwei Seiten, die durch die Entwicklung der 
Ereignisse bis zum heutigen Tage genährt 
worden sei. Nach deutscher Ansicht gebe der 
französisch-sowjetrussische Pakt dieser Entwick 
lung einen neuen und unwiderstehlichen An 
trieb. Das Rußland von heute sei ungeheuer 
viel leistungsfähiger als das zaristische. Es 
sei von einer explosiven Kraft getrieben und 
besitze machtvolle Werkzeuge in den kommuni 
stischen Zentren, die in jedem Staat auf dem 
Festland vorhanden seien. Die Tschechen seien 
mit Rußland durch eine Militärkonvention 
verbunden. Dadurch könnten die russischen 
Bombenflugzeuge in eine Stellung gebracht 
Der neue Marschallstab 
Der Marschallstab des am Geburtstage des Führers zum Gene 
ralfeldmarschall ernannten Reichskriegsministers v. Blomberg. 
Der obere Ring trügt die Inschrift „Der Führer dem ersten Gene 
ralfeldmarschall des Dritten Reiches". 
(Weltbild, K.) 
werden, die nur eine halbe Stunde von Ber 
lin entfernt sei. Frankreich und seine militä 
rischen Verbündeten könnten zusammen (nach 
britischen Schätzungen) Frontarmeen von t'A 
Millionen Mann und 3108 Frontslugzeugen 
aufstellen. Diese Koalition werde durch Sow 
jetrußland um weitere 1,3 Millionen Front 
truppen und 3000 Flugzeuge verstärkt. Die 
Koalition könne also (ohne England) insge 
samt 2,8 Millionen Fronttruppcn und 6400 
Flugzeuge gegenüber Deutschlands 550 000 
Truppen und 1500 Frontflugzeugen ins Feld 
führen. 
Conwell-Evans kommt gleichfalls auf die 
Unterdrückung der deutschen Minderheiten 
nach dem Kriege zu sprechen und fährt dann 
fort: ein weiteres Element der deutschen Ein 
stellung sei das starke Gefühl der Unbilligkeit, 
das von dem Bruch der Wilsonschen Frie 
denspunkte und dem Strafcharakter des Ver 
sailler Vertrages herrühre. Die entmilitari 
sierte Rheinlandzone sei bei den Deutschen 
nicht nur deswegen unbeliebt gewesen, weil sie 
den Deutschen die volle Oberhoheit über ihr 
Land vorenthielt,' die Unbeliebtheit habe etwas 
enthalten, was viel tiefer gewesen sei. Nach 
deutscher Ansicht sei die Zone nämlich geschaf 
fen worden, weil Deutschland als Angreifer im 
letzten Kriege betrachtet wurde und deshalb 
daran verhindert werden müsse, seine üble Tat 
zu wiederholen. Jedermann, der in Deutsch 
land gelebt habe, wisse aber, welche katastro 
phalen Folgen die Kriegsschuldlüge für die 
deutsche Seele gehabt habe. 
Es sei die Auflehnung gegen diese unfaire 
Beschuldigung, die das gesamte deutsche Volk 
veranlasse, jeden Befreiungsakt seines Füh 
rers mit einer Begeisterung zu begrüßen, die 
einen beinahe religiösen Charakter habe. Nach 
deutscher Auffassung habe es zwei verschiedene 
moralische Maßstäbe für Deutschland und die 
Alliierten gegeben. 
Der Ausschluß Deutschlands von lebenswich 
tigen Konferenzen, die seine Interessen be 
rührten, sei lebhaft empfunden worden und 
werde noch lebhafter empfunden. Die neuesten 
Fälle seien die Zusammenkunft der Mächte 
ans der Abrüstungskonferenz in Paris im 
Juni 1933 und die Stresa-Konferenz, schließlich 
der Ausschluß Deutschlands von den kollekti 
ven Erwägungen der Locarno-Mächte im 
gegenwärtigen Augenblick, obwohl Italien^ 
— 
^
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.