129. Jahrgang.
Schleswîg-HolstàrîstHL
129. Jahrgang.
Renàsdurger DrgeblutL
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Nr. 85
Donnerstag, den 23. April
1336
Außenpolitische Wochenübersicht
Das Genfer Fiasko
Vier Wochen freie Hand für Italien - Europa wieder im Vordergrund
Frankreich vor der Wahl
Am die Dardanellen
Die Abessinienpolitik des Völkerbundes ist
zusammengebrochen. Damit hat auch das
System der kollektiven Sicherheit einen schwe
ren Schlag erhalten, und die Erklärung des
britischen Ministerpräsidenten Baldwin,
daß trotzdem die kollektive Sicherheit der ein
zige Bürge für die Aufrechterhaltung des
Friedens bleibe, ändert nichts daran, daß das
System in einem entscheidenden Fall versagt
hat. Großbritannien hat in Genf seinen
Wunsch nach einer Verschärfung der Sanktio
nen zurückgestellt. Frankreich ist mit seinen
Absichten öurchgedrungcn. Italien hat zunächst
einmal freie Hand in Abessinien, denn erst die
nächste ordentliche Ratssitzung im Mai wird
sich wieder mit der Abessinienfrage befassen.
Die britische Oeffentlichkeit hat mit großem
Bedauern von dem Scheitern der Genfer Ver
handlungen Kenntnis genommen. Schließlich
ivar es ja Großbritannien gewesen, das mit
seinem ganzen Prestige für die Sanktionen
gegen Italien eingetreten war und das jetzt
zugeben muß, daß die Sauktronspoliiik geschei
tert ist und daß jede Sanktionspolitik scheitern
müsse, wenn sie aus die letzten Mittel, Blocka
de und Gewalt, zu verzichten gezwungen sei.
An Angriffen auf die Regierung und nament
lich den Außenminister Eden hat es nicht ge
fehlt, und es bedurfte erst einer Erklärung
des britischen Ministerpräsidenten, um der
Oeffentlichkeit klar zu machen, daß die Außen
politik Edens die Politik der gesamten briti
schen Regierung sei.
*
Frankreich versucht, nach dem Zusammen
bruch der Genfer Verhandlungen, wieder die
europäischen Fragen in den Vordergrund zu
schieben. Der Franzose Paul-Boncour
hatte dies schon während der Genfer Bespre
chungen getan, und zwar, nach den Andeutun
gen in der Rede des britischen Ministerpräsi
denten zu schließen, nicht ohne Erfolg. Recht
eigenartig berührt jedoch Baldwins Be
merkung, „niemand könne in diesem Augen
blick mehr tun, um den dunklen Schatten der
Furcht von Europa zu nehmen als Hitler,'
er habe die Macht dazu, und Gott möge ihm
den Willen dazu geben". Das hört sich bei
nahe so an, als ob man in England über den
abessinischcn Fragen den deutschen Vorschlag
völlig vergessen habe, der nicht nur nach deut
scher Ansicht wie kein anderer in der Nach
kriegszeit gemachter Vorschlag geeignet ist,
»den dunklen Schatten der Furcht" von
Europa zu nehmen. Die britische Regierung
hat nun in der vergangenen Woche endlich
beschlossen, ihre angekündigte Liste von Gegen
fragen an Deutschland abzusenden. Hoffentlich
wird durch diese Gegenfragen einigermaßen
klar, wie sich England wirklich zu dem deut
schen Vorschlag stellt.
Frankreich hat, wie in der vergangenen
Woche bekannt wurde und wie es von vorn
herein das Ziel der französischen Politik war,
den deutschen Vorschlag zusammen mit dem
französischen Gegenvorschlag auf die Tages
ordnung der nächsten Genfer Ratssitzung setzen
lassen. Mit großem Optimismus kann man
diesen Verhandlungen nicht entgegensehen,
denn gerade die letzten Genfer Verhandlungen
haben ja wieder einmal auf das deutlichste ge
geigt, daß der Genfer Apparat in seiner jetzi
gen Form zu entscheidenden Lösungen nicht
fähig ist.
^ *
In der Frage der Befestigung der Darda
nellen hieß es in der vergangenen Woche, daß
die Türkei bereits in das entmilitarisierte
Gebiet einmarschiert sei. Dieses Gerücht wurde
dementiert. Es scheint auch, daß die Türkei
einen solchen Schritt nicht nötig hat, denn in
den diplomatischen Verhandlungen zeigt sich
anscheinend kein ernsthafter Widerstand gegen
Wünsche der Türkei. Auch England, das
Zunächst mit seinen Dominions über die Frage
beraten will, ist offenbar grundsätzlich zur Zu
stimmung bereit. Das ist umso erstaunlicher,
als Lord C u r z o n, der damalige britische
Außenminister in der Konferenz von Lau
sanne mit allen nur denkbaren diplomatischen
Mitteln die Wiederbefestigung der Dardanel
len verhindert hat. Daß die Sowjetunion nach
wie vor die Türkei unterstützt, erklärt sich dar
aus, daß die Sowjetunion ja selbst nur Vor
teile von der Meerengenbefestigung hat. Schon
auf der erwähnten Konferenz von Lausanne
waren die Sowjets für die Befestigung ein
getreten.
*
Der Wahlkamps in Frankreich ist in sein
letztes Stadium eingetreten. Am 6. Mai wird
die neue Kammer gewählt sein. Eine Rekord-
zahl von Kandidaten — 5000 — hat sich ge
meldet,' dem Franzosen wird also die Kam
merwahl nicht leicht gemacht. Es ist bezeich
nend, daß schon in den Wahlplakaten der mitt
leren und rechten Parteien zum Ausdruck
kommt, eine wie große Rolle in der Wahl
kampagne der Sowjetpakt gespielt hat. Aber
selbst wenn die Linksparteien, die sogenannte
Volksfront, in der Kammer nicht die Mehrheit
oder eine regierungsfähige Stärke erhalten,
ist ja an dem Pakt als solchem nichts mehr zu
ändern. Auch was Italien anbelangt, ist mit
einer Aenderung der französischen Haltung
nach der Wahl nicht zu rechnen, wie es über
haupt wohl allzu optimistisch wäre, an eine
Neuorientierung der französischen Außenpoli
tik zu glauben.
" * *
4000 McktNimWelegramme.
Unsere Berliner Redaktion schreibt:
Nach dem Geburtstag des Führers ist die
Politik des Tages wieder in ihre Rechte ge
treten.
Entgegen allen Meldungen, die im Ausland
verbreitet werden, kann versichert werden,
daß Deutschland keine neue Aktion zur För
derung des deutschen Friedensprogramms un
ternehmen wird, bevor die englischen Rück
fragen in Berlin eingetroffen sind.
Zum Geburtstag des Führers ist noch nach
träglich zu melden, daß die Gesamtzahl der
Glückwunschtelegramme 4000 überschreitet, die
der schriftlichen Glückwünsche aus dem Jn-
und Auslande weit über die doppelte Zahl
hinausgeht.
Seltsame Vorgänge in Sowjeļ-NŞaà
Rigaer und Warschauer Zeitungen bringen
seit Tagen Meldungen aus dem Sowjetpara-
üies, in denen von seltsamen Vorgängen die
Rede ist. Die Rigaische Rundschau meldet aus
Moskau und Kronstadt die Fortdauer der
Verhaftungen in den dortigen Ortssowjets. In
Kronstadt sei die Mehrzahl der Sowjetmitglie
der in Haft. Gleiches werde aus Leningrad
und Charkow gemeldet.
Der Kurier Warszwaska erführt, daß der
Mangel an Lebensmitteln sich in allen russi
schen Städten seit Mitte April wieder fühlbar
mache. Russische Emissäre seien nach London
und Rotterdam unterwegs, um die Versor
gung mit Auslanösgetreiöe bis zur neuen
Ernte sicher zu stellen. In Minsk waren, dem
Warschauer Blatt zufolge, am Sonnabend,
Sonntag und Montag die staatlichen Lebens-
mittel-Verteilungsstellen geschlossen.
Kommunistenorganisation in Obcrösterreich
ausgehoben.
DNB. Wien, 22. April. Im obcrösterreichi-
schen Salzkammergut wurde eine große Kom-
munistenorganisatiou ausgehoben. Zentralsitz
dieser Organisation war die Ortschaft Hoisen-
rat bei Ischl. Zweigstellen bestanden in den
Salzkammergutorten Ebensee, Ischl, Retten
bach, Goiseru, Laakirchen und Gmunden. In
allen diesen Ortschaften wurden Verhaftungen
vorgenommen und zahlreiches Material be
schlagnahmt. In Hoisenrat war auch ein Schu
lungskursus der Kommunistischen Partei ein
gerichtet, den ein Wiener Kommunist leitete.
Verständnis für das deutsche Sicherhettsbedürfnis
DNB. London, 22. April. In einer in der
Zeitung „News Chronicle" erscheinenden Ar
tikelserie befaßt sich der bekannte englische
Publizist Professor Conwell-Evans mit
verschiedenen Fragen, die die Stellung
Deutschlands in Europa betreffen. Er weist
zunächst darauf hin, daß Deutschland infolge
seiner geographischen Lage sowohl im Osten
als auch im Westen eine leichte Angriffsfläche
für einen Einmarsch biete.
Conwell-Evans kommt dann auf den fran
zösischen Ruhreinmarsch von 1823 zu sprechen,
der Deutschland eine fast schlimmere Nieder
lage als Versailles bereitet habe,' denn die dar
auf folgende Inflation habe den deutschen
Mittelstand zugrunde gerichtet und aus
Deutschland eine Nation von Proletariern ge
macht. Er erinnert hierauf an die Besetzung
Memels durch die Litauer und an die Versuche
der Franzosen, im Westen eine Abtrennung
des Nheinlandes herbeizuführen. Dies seien
nur einige der schweren Prüfungen, die
Ein Aufsatz Conwell-Evans
Deutschland seit dem Waffenstillstand durch
gemacht habe.
Dentschlands Geschichte bestehe aus gleich
zeitigen Einmärschen oder angedrohten Ein
märschen von Osten und Westen her, und
manchmal auch von Norden.
Das Hauptelement der seelischen Einstellung
Deutschlands sei die Möglichkeit eines Krieges
auf zwei Seiten, die durch die Entwicklung der
Ereignisse bis zum heutigen Tage genährt
worden sei. Nach deutscher Ansicht gebe der
französisch-sowjetrussische Pakt dieser Entwick
lung einen neuen und unwiderstehlichen An
trieb. Das Rußland von heute sei ungeheuer
viel leistungsfähiger als das zaristische. Es
sei von einer explosiven Kraft getrieben und
besitze machtvolle Werkzeuge in den kommuni
stischen Zentren, die in jedem Staat auf dem
Festland vorhanden seien. Die Tschechen seien
mit Rußland durch eine Militärkonvention
verbunden. Dadurch könnten die russischen
Bombenflugzeuge in eine Stellung gebracht
Der neue Marschallstab
Der Marschallstab des am Geburtstage des Führers zum Gene
ralfeldmarschall ernannten Reichskriegsministers v. Blomberg.
Der obere Ring trügt die Inschrift „Der Führer dem ersten Gene
ralfeldmarschall des Dritten Reiches".
(Weltbild, K.)
werden, die nur eine halbe Stunde von Ber
lin entfernt sei. Frankreich und seine militä
rischen Verbündeten könnten zusammen (nach
britischen Schätzungen) Frontarmeen von t'A
Millionen Mann und 3108 Frontslugzeugen
aufstellen. Diese Koalition werde durch Sow
jetrußland um weitere 1,3 Millionen Front
truppen und 3000 Flugzeuge verstärkt. Die
Koalition könne also (ohne England) insge
samt 2,8 Millionen Fronttruppcn und 6400
Flugzeuge gegenüber Deutschlands 550 000
Truppen und 1500 Frontflugzeugen ins Feld
führen.
Conwell-Evans kommt gleichfalls auf die
Unterdrückung der deutschen Minderheiten
nach dem Kriege zu sprechen und fährt dann
fort: ein weiteres Element der deutschen Ein
stellung sei das starke Gefühl der Unbilligkeit,
das von dem Bruch der Wilsonschen Frie
denspunkte und dem Strafcharakter des Ver
sailler Vertrages herrühre. Die entmilitari
sierte Rheinlandzone sei bei den Deutschen
nicht nur deswegen unbeliebt gewesen, weil sie
den Deutschen die volle Oberhoheit über ihr
Land vorenthielt,' die Unbeliebtheit habe etwas
enthalten, was viel tiefer gewesen sei. Nach
deutscher Ansicht sei die Zone nämlich geschaf
fen worden, weil Deutschland als Angreifer im
letzten Kriege betrachtet wurde und deshalb
daran verhindert werden müsse, seine üble Tat
zu wiederholen. Jedermann, der in Deutsch
land gelebt habe, wisse aber, welche katastro
phalen Folgen die Kriegsschuldlüge für die
deutsche Seele gehabt habe.
Es sei die Auflehnung gegen diese unfaire
Beschuldigung, die das gesamte deutsche Volk
veranlasse, jeden Befreiungsakt seines Füh
rers mit einer Begeisterung zu begrüßen, die
einen beinahe religiösen Charakter habe. Nach
deutscher Auffassung habe es zwei verschiedene
moralische Maßstäbe für Deutschland und die
Alliierten gegeben.
Der Ausschluß Deutschlands von lebenswich
tigen Konferenzen, die seine Interessen be
rührten, sei lebhaft empfunden worden und
werde noch lebhafter empfunden. Die neuesten
Fälle seien die Zusammenkunft der Mächte
ans der Abrüstungskonferenz in Paris im
Juni 1933 und die Stresa-Konferenz, schließlich
der Ausschluß Deutschlands von den kollekti
ven Erwägungen der Locarno-Mächte im
gegenwärtigen Augenblick, obwohl Italien^
—
^