Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

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Dev S onàysfreunà 
129. Jahrgang / Nr. 97 
Beilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt) 
Sonnabend, den 25. April 1936 
Als Gedanken Zrrm Sonntag 
Vorbemerkung der Schriftleitnng. In unserem 
Nachbarlande Dänemark hat seit etwa an 
derthalb Jahren eine christliche Erneue- 
rungsbewegung in allen Ständen in Stadt 
und Land weitreichenden Einfluß gewon 
nen: Oxford. Bei den engen Beziehun 
gen, die zwischen uns, der deutschen Grenz 
provinz gegenüber dem europäischen Nor 
den, und Dänemark bestehen, ist man bei 
uns stärker wie anderswo in Deutschland 
auf die Bewegung aufmerksam geworden. 
Eine große Ostertagung der Oxford-Bewe 
gung in Dänemark, die in der d ä n i s ch c n 
Presse einen sehr breiten Rah- 
meninderBerichterstattungge- 
funden hat, gibt uns Veranlassung, in 
dem nachfolgenden Artikel Darlegungen 
über Wesen und Ziele der Oxford-Bewe 
gung zu vermitteln. Wir glauben, daß sie 
bei unseren Lesern besonderes Interesse 
finden werden, umsomehr als sie in den 
großen weltanschaulichen Zeitauseinander 
setzungen um die europäische Wiedergeburt 
eure bemerkenswerte Bedeutung gewinnen 
könnte. Das rechtfertigt auch den breiten 
Rahmen, in dem die Oxfordbewegung nach 
Theorie und Praxis darzustellen ver 
sucht wird. 
* 
Was ist Oxford? Eine alte, berühmte 
Universitätsstadt in England. Sie hat aber mit 
öer Oxford-Bewegung nur insofern zu 
tun, als von Oxford die Bewegung aus klei 
nen Anfängen ihren Ausgang nahm. 
Was ist Oxford? Oxford ist ein geistiger Be 
griff geworden für eine christliche Er 
neuerungsbewegung in der Welt. 
Oxford sieht in dem erschreckenden Tiefstände 
christlicher Moral und Hingabe an Gott in 
Europa die letzte tiefste Ursache für den ständig 
zunehmenden Zerfall des sozialen, wirtschaft 
lichen und politischen Lebens innerhalb der 
Mehrzahl der europäischen Nationen. Der Füh 
rer der Oxford-Bewegung, Dr. Frank Buch- 
^ a n n, formulierte diesen Zustand eindeutig 
und präzise dahin, „baß Europa nur zu 
wählen habe zwischen Chaos oder 
E h r i st u 8", Eine tiefe Sehnsucht nach wah 
rem Frieden und ein Suchen der Menschen er 
füllt allgemein die europäische Welt, die mehr 
oder weniger instinktiv diese Entscheidungen 
ahnt oder herannahen fühlt. 
. Oxford bekennt sich zu dem Grundsatz, daß 
lm Christentum in seiner Urtradition eine 
vollkommene Grundlage für die Erneuerung 
des Menschen durch Gott selbst in der Gol'- 
g a t h a - u n d O st e r t a t gelegt sei. Mit der 
Pfingstgabe sei anch die Voraussetzung 
von Gottes Seite geschaffen worden, ein Leben 
m der Erfüllung christlicher Forderungen füh 
ren zu können. Es bedürfe also nur einer 
Rückkehr in ein erneuertes Verhältnis zu 
Gott, um aus dem gegenwärtigen Zerfall zu 
einer echten Wiedergeburt der Gesamt- 
Oxford in Dänemark 
Verhältnisse aus der Erneuerung des 
Einzel christen zu kommen. 
Aus dieser Einstellung heraus wendet Ox 
ford sich zunächst an den einzelnen Menschen, 
um ihn in ein erneuertes Verhältnis zu Gott 
zurückzuführen. Die Folgerungen für die Ge 
meinschaft eines Volkes ergeben sich von selbst, 
wenn diese Erneuerung immer weitere Kreise 
erfaßt. Da jede echte Erneuerung im 
christlichen Sinne ein erneuertes Ver 
hältnis zu Gott voraussetzt, beginnt 
das Oxford-Erlebnis nach der bisherigen 
Praxis mit einer Hinwendung zu Gott. Wenn 
dieses wirklich echt bis in das Zentrum des 
Menschen, den Geist, durchgedrungen ist, fol 
gert es einen klaren Gewissens 
blick in das eigene Herz und deckt 
die dunklen Schatten v o n S ü n d e u n d 
Versagen rückhaltlos auf. Mit der 
Erkenntnis des eigenenJchs beginnt 
also das echte Oxford-Erlebnis. Wer schließt 
den Abgrund, der sich durch Sünde und Ver 
sagen in dem persönlichen Verhältnis zu Gott 
und seinem Nächsten in der vielfachen Ver 
letzung der Liebe nach beiden Seiten hin auf 
getan hat? Die Frage ist von Gott beantwor 
tet: Christus. Damit dringt Oxford also zu 
Christus und Seinem Golgatha-Opfer in der 
Einzelseele vor. Gnade und Liebe über 
brücken den Abgrund. Erkenntnis und 
Bekenntnis sind nach Oxford Stufen zu ihrem 
Empfang. 
Die einfachen Mittel zu diesem Ziele sind 
das tägliche Gebet und eine anschließende 
S ch w e i g e in i n u t e. Echtes Gebet ist Oxford 
zufolge Sprechen des Menschengeistes zu Gott. 
Schweigen ist Stille, in der Gott zu dem Ge 
wissen des Menschen zu reden Gelegenheit hat 
und nimmt. Ueber Gebet und Schweigen 
kommt Oxford zu der zweiten Stufe, dem 
Sündenbekenntnis auf der einen, dem Zeug 
nis auf der anderen Seite. Jedes Bekenntnis 
— Menschen gegenüber abgegeben — ist und 
bleibt Beichtgeheimnis unter solchen, die 
ein so tiefes und innerliches Vertrauensver 
hältnis zueinander finden, daß sie dieses „Fuß 
waschen im geistigen Sinne" an sich vollziehen 
wollen. Das Zeugnis bleibt dagegen in der 
Oxfordanwendung eine durchaus freiwillige 
Handlung und sollte vor der Oeffentlichkeit nur 
vorgenommen werden, wenn in den sog. Mee 
tings der eine oder andere den Eindruck ge 
winnt, daß die Mitteilung eigener Lebenser 
fahrungen anderendienenkönne. Sün- 
denbekenntnis und Zeugnis von Erfahrungen 
sind also zwei deutlich voneinander 
verschiedeneDinge. Wenn im Anfangs 
stadium der Bewegung in dem einen oder an 
deren Falle gelegentliche Entgleisungen vorge 
kommen sind, so nur dadurch, daß bei minder- 
disziplinierten Personen Bekenntnis und 
Zeugnis miteinander verwechselt worden sind. 
Ueber das Bekenntnis und sein Niederlegen 
vor Gott in Christus, d. h. über Karfreitag, 
dringt das Oxford-Erlebnis dann zur nächsten 
Stufe, nämlich der P f i n g st g a b e durch, in 
dem der Heilige Geist das Kraftzentrum 
wird, aus dem heraus die tägliche Erfüllung 
der wahren Forderungen christlichen Lebens, 
die Oxford sich zu eigen gemacht hat, nämlich 
absolute Wahrheit, Selbstlosigkeit, Reinheit 
und Liebe im Leben allein möglich wird. Von 
dem Einzelmenschen geht der Weg dann in die 
Gemeinschaft. 
Damit wird das nächste Ziel der christlichen 
Erneuerungsbewegung von Oxford herausge 
stellt, nämlich von der Erneuerung des einzel 
nen Menschen zu einer Erneuerung 
d e r K i r ch e d u r ch z u d r i n g e n, der Kirche, 
welche die Ausnahmestellung ist und in der 
Parallele Volk und Staat der Organismus, 
in dem allein ein geregeltes und ge 
ordnetes ch r i st l i ch e s Gemein 
schaftsleben auf die Dauer sich durchsetzen 
und rein erhalten kann. Oxford lehnt dement 
sprechend jede Art von sektiererischer 
Gemeinschaftsbildung ab. Damit sind 
die Grundziele der christlichen Erneuerungs 
bewegung Oxford gekennzeichnet. 
Die Oxford-Ostertagung in Ollerup 
auf Fünen 
In Dänemark hat Oxford in der kurzen 
Spanne eines Jahres weitreichende Erfolge in 
Stadt und Land zu verzeichnen. Die Oxford- 
Bewegung in Dänemark hat alle Stände und 
Kreise des Volkes ergriffen. Von dem Groß 
reeder in Kopenhagen über den Beamten, den 
Geschäftsmann, den Angestellten, den Bauer 
und den Arbeiter sind alle beteiligt. Auch die 
kirchlichen Amtsträger sind schon weitreichend 
ergriffen und zwar unter Führung des Pri 
mas der dänischen Kirche, Bischof Fugl- 
sang-Damgaard, eine im ganzen Nor 
den hochgeachtete Persönlichkeit. Der Führer 
der Oxford-Bewegung hat nun nach seiner 
Aussage in Gottes Führung Dänemark er 
wählt, um hier ein Musterbeispiel Oxfords 
aus der Theorie in die Praxis des öffentlichen 
Lebens überzuführen. Zu diesem Zweck hat in 
den Ostertagen das große, in diesem Blatte 
schon erwähnte Ollerup-Meeting stattgefunden. 
Der kleine dänische Landort Ollerup mit etwa 
1500 Einwohnern, zwischen Svendborg und 
Faaborg gelegen, war in den Ostertagen zu 
einem großen Wallfahrtsort aus Dänemark 
und vielen Ländern der ganzen Welt gewor 
den. 20 Nationen waren vertreten. Die riesige 
Turnhalle der berühmten Gymnastikschule von 
Niels Bugk sah zu der großen Osterversamm- 
lung 15 000 Menschen. Ihr waren an den Ta 
gen vorher gleich große Versammlungen vor 
ausgegangen, so daß im Ganzen etwa 50 000 
Menschen gekommen waren, um zu hören, zu 
wägen und zu wagen. 
Der Gründonnerstag einte viele Tausende 
von Menschen in den Kirchen von Ollerup, 
Svendborg, Faaborg und an anderen Orten 
der Umgebung zur Feier des Heiligen Abend 
mahls. Die Kirche von Ollerup war dicht ge 
drängt voll und weit umher standen Gäste auf 
dem die Kirche umgebenden Friedhof. Vier 
dänische Pastoren mußten das Abendmahl aus 
teilen. Der englische Hochkirchlcr stand neben 
dem Schweizer Reformierten uud dem däni 
schen, schwedischen, deutschen und anderen Lu 
theraner. 
Das große Ostererlebnis in der Gym 
nastikhalle war das Ostcrbekenntnis. 
Kopf an Kopf standen die Menschen in der 
Halle. 20 Nationen legten in ihrer Mutter 
sprache durch einen Vertreter das Osterbe 
kenntnis ab: „Der Herr ist wahrhaftig auf 
erstanden!" Jede Nation antwortete in ihrer 
Muttersprache: „Ja, der Herr ist wahrhaftig 
auferstanden!" Hiermit wurde betont, daß der 
nationaleCyarakter durch die Gemein 
samkeit christlicher Erneuerung unter den Völ 
kern weder verwässert noch verneint werden 
soll. Neben Dänemark waren sehr stark Eng 
land, Holland, Norwegen, Schweden, Finnland 
und Schweiz vertreten, mit kleineren und grö 
ßeren Abordnungen Griechenland, Deutschland, 
Lettland, Estland und Indien. Auch unter den 
ausländischen Güsten waren alle Stände ver 
treten. Unter den Engländern befanden sich 
hohe aktive Offiziere der Flotte sowohl als auch 
Kaufleute, Studenten und Arbeiter. Unter den 
Politikern waren alle Farben bis zu ehemali 
gen Kommunisten vertreten, die in der Oxford- 
Wanölung den Weg von der bolsche 
wistischen^ Demagogie und Gottes- 
leugnungzueinerwahrenErneue- 
rung in Christus gefunden hatten. 
* 
Oxford im täglichen Lebsn 
Die vorstehenden theoretischen Erörterungen 
sollen nun durch mehrere Beispiele aus der 
Praxis des persönlichen und des öffentlichen 
Lebens ergänzt werden: 
Eine Schwedin hatte es für richtig gehalten, 
nach dem Umbruch in Deutschland ihren in 
ihrer Heimat recht bedeutsamen Einfluß durch 
Verbreitung von Greuelnachrichten über das 
neue Deutschland unter Beweis zu stellen, wie 
sie hauptsächlich in der großstädtischen Presse 
des Landes lügenhaftcrweise ausgesprengt 
worden waren. Außerdem hatte sic sich in aus 
giebiger Weise an Verleumdungen über die 
Person unseres Führers Adolf Hitler öffent 
lich beteiligt. Vor kurzem erlebte sie nun auf 
einem größeren Meeting Oxford. Mit schnei 
dender Schärfe wurde ihr Gewissen wach und 
Gott zeigte ihr, wo bei ihr die ersten Voraus 
setzungen, die Erneuerung ihres Lebens unter 
Beweis zu stellen, zu beginnen habe. Sie wird 
dementsprechend an den Führer Deutschlands 
ein Entschuldigungsschreiben richten und in 
ihrer Heimat dafür sorgen, daß diese ihre 
Wandlung bekannt und damit die Folgen der 
Verbreitung von Greuelnachrichten und Ver 
leumdungen nach Möglichkeit ausgeglichen 
wird. 
* 
Ein bekanntes Mitglied der dänischen Volks 
vertretung bekannte sich in der großen öffent- 
Was zwischen ihrem Liebes 
glück stand 
Eine Novelle von Elisabeth Fries. 
lafp.) Die berühmte Schauspielerin übertraf 
olle Erwartungen. Das war nicht Spiel mehr, 
das erschütterte Publikum sah ein tragisches 
Geschehen sich vor seinen Augen abspielen. 
M)ilo Wartenberg hörte seine beherrschte Frau 
schluchzen, fassungslos,' als der Vorhang zum 
letzten Male fiel, das Licht wieder aufflammte, 
şoh er ihr verstörtes Gesicht. Sie machte keine 
Miene, aufzustehen und wußte sich offenbar 
ņoch nicht wieder zurechtzufinden. Die Nach 
barn drängten und wollten an ihnen vorbei, 
Zwischendurch freilich, bis sich der Vorhang 
hob, klatschten sie und jubelten der großen 
Künstlerin zu, die sich erschöpft verneigte, 
-l-ann blickte Frau Wartenberg jedesmal mit 
gespannter Aufmerksamkeit nach ihr hin, wäh 
lend immer noch Tränen ihre Wangen netzten. 
Gutmütig klopfte ihr Mann ihr die Schulter. 
,,Es war wunderbar", flüsterte er, „aber nun 
komm." Sorglich legte er ihr den Zobelkragen 
um die Schultern. Sie stand mühsam auf, als 
hatte sie eine Schwäche in den Knien zu über 
winden. Mehr als ein neugieriger Blick hef 
tete sich an die schöne stolze Frau, deren Ge 
l'll noch immer leichenblaß war, um von ihr 
Lu dem hochgewachsenen Manne hinüberzu- 
gleiten. Man verstand es, daß sie so ergriffen 
^?ar. Im tiefsten Innern war man es auch! 
7^te die Künstlerin das entsetzliche Geschick 
er Tochter aus guter Familie, die die Kraft 
Ulcht besitzt, ihren Trieben zu widerstehen 
und die daran zugrunde geht, gestaltete, hatte 
ouch die Gleichgültigen und Satten aufrütteln 
Nüssen. 
Das junge Ehepaar sprach kein Wort, nicht 
in der Garderobe und auch nicht nachher im 
Auto, das sie in sausender Fahrt nach Hause 
führte. Erst als Jlma dem Hausmädchen 
sagte, sie könne zu Bett gehen, sie brauche sie 
nicht mehr, hob Thilo befremdet den Kops. 
Er stand schon in der Tür zum Speisezimmer. 
Aber seine Frau streifte, ohne aufzusehen, ihre 
Handschuhe ab und sagte: „Ich gehe gleich nach 
oben, bitte, laß dich nicht stören." 
„Du hast noch nichts gegessen —" 
„Ich esse nichts, danke. Gute Nacht." Sie 
blieb vor ihm stehen und hielt ihm die Stirn 
zum Kuß hin. Flüchtig berührten seine Lip 
pen die kühle Haut, dann blickte er ihr nach, 
wie sie langsam Schritt vor Schritt die Treppe 
hinaufstieg, als sei sie alt und müde und jeder 
Schritt eine Qual. Und war doch kaum dreißig, 
eine blühende, gepflegte Frau. Wie schön sie 
war! Das goldbraune Crepe-de-Chine-Kleid 
floß weich und anmutig an ihr herab, die Edel 
steine blitzten, aber die Augen blickten wie er 
loschen. Mit einem Seufzer wandte sich Thilo 
Wartenberg in das dunkelgetäfelte Eßzimmer, 
wo der Tisch für sie beide gedeckt stand. Er blieb 
neben seinem Platz stehen und starrte in den 
durch seidene Schleier gedämpften Lichtkreis 
der Lampe wie geistesabwesend. Ein furcht 
barer Verdacht war in ihm aufgeblitzt, den er 
niederzuringen bemüht war in derselben Se 
kunde. Was — hatte — Jlma? 
Der Mann ließ sich müde auf den Stuhl sin 
ken, er legte den Kopf an die hohe Lehne und 
versuchte nachzudenken. Er kannte seine Frau,' 
es war unmöglich, sich vorzumachen, das 
Stück — dieses entsetzliche Stück —, dem die 
große Kunst der begnadeten Schauspielerin 
blutwarmes Leben gab — hätte Jlma in einem 
solchen Maße ergreifen können, wenn da nicht 
in ihr ein Punkt getroffen war, der den 
Schlüssel liefern müßte zu all dem, was ihm 
in den Jahren ihrer Ehe unverständlich an 
ihr geblieben war, was letzten Endes das Glück 
dieser Ehe gemordet hatte. 
Der Atem des Mannes ging schwer, auf 
seiner Stirn perlten feine Tropfen. Er schloß 
die Augen und wußte plötzlich, daß es nun kein 
Augenschließen mehr gab, daß ihm die Klar 
heit werden würde, die er sich oft gewünscht 
hatte, weil er glaubte, in dieser Atmosphäre 
der Unklarheit nicht leben zu können. Und 
hatte doch immer geschwiegen und wünschte 
fast, auch heute noch schweigen zu können. Sei 
ner weichen Natur waren Kämpfe ein Greuel. 
Eine Uhr schlug Mitternacht. Thilo fuhr zu 
sammen. So spät war es schon? Morgen 
hatte er einen anstrengenden Tag, er mußte 
eilen, zu Bett zu kommen. Hastig aß er ein 
paar Bissen und trank dazu ein Glas Rot 
wein. Ein paarmal hob er lauschend den 
Kopf, das war doch Jlmas Schritt, den er oben 
hörte? Demnach hatte sie keine Ruhe gefun 
den. Was hatte sie? Schwer und beklommen 
legte sich die Frage auf seine Brust. 
Seine Gedanken kehrten in die Vergangen 
heit zurück, als müsse er hier ansetzen, um 
endlich zur Ruhe zu gelangen. Es war alles 
so schnell gegangen nach jenem Maskenball, 
auf dem sie sich kennengelernt hatten, daß die 
Bilder noch heute wie ein Traum an seiner 
Seele vorüberzogen. Gleich am nächsten Tage 
der Besuch in der Villa an der Sonnenberger 
Straße, deren Luxus den Reichtum des Kom 
merzienrats Renisch verraten Hütte, auch wenn 
nicht jeder, bei dem Thilo vorsichtig Erkundi 
gungen einzuholen versucht hatte, den Namen 
mit einer Art Ehrfurcht ausgesprochen hätte. 
Man lächelte diskret, natürlich, man verstand 
— da war die schöne Tochter, die reiche Erbin 
— nur Thilos Bankier, Dr. Conradi, an den 
er empfohlen war, sah prüfend durch seine 
scharfen Brillengläser und meinte warnend: 
„Der Vater — über allen Zweifel erhaben. Die 
Tochter" — er zögerte — „ist ein verwöhntes 
Mädchen, das seinem zukünftigen Manne noch 
einmal zu schaffen machen wird. Ich würde 
meinem Sohn nie erlauben, eine einzige Toch 
ter zu heiraten." 
Das war am Tage vor der Verlobung gewe 
sen, der sehr bald die Heirat folgte. Man hatte 
ihn in Jlmas Verwandtenkreis als den Prin 
zen im Märchen gefeiert, der noch gar nicht 
wisse, ein wie großes Los er gezogen. Nur 
Jlmas Mutter hatte ihn seltsamerweise bei 
dieser feierlichen Gelegenheit mit einem Blick 
angesehen, als wolle sie ihm etwas sagen, wozu 
ihr der Mut fehle. Er erinnerte sich dieses Ge 
fühls ganz deutlich, denn es war auch später 
noch oft über ihn gekommen. In ihrer Sterbe 
stunde hatte sich der Ausdruck in den Augen 
der Mutter zu banger Qual verdichtet, sie 
rang nach Worten, aber sie brachte nur noch 
ein: „Sei gut zu Jlma" zustande. Sie hatte 
keine große Rolle im Hause gespielt, die beschei 
dene Frau, die gegen den herrischen Mann 
und die glänzende Tochter nicht aufkam. Nur 
einmal hatte er sie heftig werden sehen, das 
war, als Jlma nach mehrjähriger kinderloser 
Ehe mit dem Plan herausrückte, ein Kind an 
nehmen zu wollen. Da hatte ihre Mutter ab 
geraten, so sehr sie konnte. Aber als er nach 
dem Grunde ihrer Erregung fragte, war sie 
tief errötet, ohne zunächst ein Wort zu sagen. 
„Es ist so schwer, Kinder zu erziehen, auch
	        
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