sues
lochen Verjummlung zu Oxford und der da
durch bei ihr herbeigeführten völlig veränder
ten Stellung gegenüber denr Parteiniesen mit
allen damit verbundenen Tatsachen, die einer
wirklich christlichen Gesinnung auf das schroff
ste widersprächen, weil hier nicht Wahrheit und
Selbstlosigkeit, sondern gerade das Gegenteil
eine ausschlaggebende Rolle spielen. Sie würde
daraus alle Folgerungen ziehen.
Sie teilte zugleich mit, daß vor nicht langer
Zeit der dänische Finanzminister in einer
Sitzung der Finanzkommission Mitteilungen
darüber gemacht habe, daß die Steuerbehörden
in Dänemark seit einigen Monaten die er
staunliche Tatsache festzustellen hätten, daß
dauernd anonyme Briefe mit kleineren und
größeren Nachzahlungen einliefen, die in frei
williger Nachzahlung frühere Steuerhinter
ziehungen ausgleichen wollten, deren Nachprü
fung von Staats wegen an sich garnicht mehr
zur Frage gestanden hätten. Der Finanzmini
ster brachte sein Erstaunen über eine solche Er
scheinung zum Ausdruck, worauf ihm gleich
zeitig von den verschiedensten Seiten aus dem
Kreise der Kommissionsmitglieder zugerufen
wurde: „Das ist Oxford!"
*
Ein Beispiel aus der Praxis des wirtschaft
lichen Lebens. Ein Fabrikbesitzer auf Seeland
mit einer großen Gefolgschaft hatte sich die Ox
ford-Grundsätze zu eigen gemacht. In wenigen
Monaten waren viele der Angestellten und
Arbeiter, die, angeregt durch die neue Haltung
ihres Chefs, sich mit Oxford beschäftigten, zu
einer gleichen inneren Grundeinstellung ge
kommen. In dem wirtschaftlichen Leben seiner
Fabrik wertete daraufhin der Fabrikbesitzer die
Oxford-Grundsätze dadurch aus, daß er nach
dem Beispiel der diesbezüglichen
national so ziali st ischen Arbeits
gesetzgebung, ohne durch dänische Gesetze
irgendwie dazu verpflichtet zu sein, einen
Vertrauensrat bildete, in dem wichtige
Angelegenheiten des Gesamtbetriebes bespro
chen wurden. Dieser Fall ist deshalb lehrreich,
weil er zeigt, einen wie guten Nahmen die na
tionalsozialistische Arbeitsgesetzgebung für den
Aufbau eines Betriebsgemeinschaft darstellt,
wenn eine neue Gesinnung der Einzelperson,
wie sie Oxford voraussetzt, die praktischen Fol
gen für die Gemeinschaftsarbeit in seinem Be
triebe ziehen will.
*
Nun »och ein Beispiel aus der Kirche: Ein
hoher und sehr angesehener Geistlicher der dä
nischen Kirche wurde von dem Oxford-Erleb
nis ergriffen. Er teilte nach reiflicher Prüfung
bald darauf seiner Gemeinde mit, daß er bis
her wohl manche schöne Predigt gehalten habe,
aber er habe mehr sich wie seiner Gemeinde ge
predigt. Er habe sich selbst gesonnt in der
Schönheit des Aufbaus und der Disposition
seiner Predigten, aber er habe nicht so sehr da
nach gestrebt, ein wahrer Zeuge Gottes zu sein
und aus dieser Zeugenschaft heraus seiner Ge
meinde gegenüber wirksam zu werden. Er
werde das jetzt tun. Es ist zweifellos, daß dann
die Wirkung der Predigt eine weit andere sein
wird, denn sie beruht dann nicht mehr auf
menschlicher Weisheit, sondern wird befruchtet
durch den Glauben, der in der Liebe tätig ist
und wird so in den Herzen der Hörer Samen
legen, der unter Gottes Güte bei dem einen
eher, bei dem anderen später aufgehen wird.
*
Eine bekannte und angesehene Persönlich
keit aus Nordfchleswig war von seiner Frau
seit Jahren geschieden. Seine beiden Kinder
lebten bei der Frau. Vor etwa einem Jahre
erlebte er Oxford. Ihm wurde sofort klar
und deutlich in seinem Gewissen bezeugt, daß
er durch gröbste Vernachlässigung
aller seiner Pflichten seiner Frau und seiner
Familie gegenüber an der Zerrüttung der Ehe
allein schuldig geworden sei. Ihm
wurde in seinem Gewissen bezeugt, daß für ihn
jede Erneuerung seines bisherigen Lebens in
den christlichen Grundsätzen mit der Bereini
gung dieses Bruches zu beginnen habe. Er
wurde aufgrund des Rates eines Oxford-
Freundes sich darüber schlüssig, auch auf die
Gefahr hin, völlig mißverstanden zu werden,
an seine frühere Frau zu schreiben und aus
diesem Schuldbewußtsein um Verzeihung zu
bitten. Die frühere Frau antwortete unmittel
bar, die Ehegemeinschaft wurde wieder herge
stellt, und er lebt seitdem in glücklichster Ge
meinschaft mit seiner Familie wieder vereint.
*
Eine sehr bekannte Schweizer Persönlichkeit
aus der Zeitungswelt war in seiner Eigen
schaft als Journalist zu einer größeren Oxford-
Tagung zur Berichterstattung entsandt wor
den. Er selbst ging dorthin mit der bekannten
spitzen Feder, um nun mit dem scharfen Blick
der Kritik in diese merkwürdigen Dinge hin
einzuleuchten. Er kam zurück als überzeugter
Oxford. Etwa 14 Tage nach seiner Rückkehr
wollte er in seiner Heimat eine Oxford-Ver
sammlung besuchen und sagte zufällig zu sei
ner Sekretärin, er käme heute abend nicht wie
der, weil er zu einer Oxford-Versammlung
wäre. Er sei jetzt auch Oxford. Darauf ant
wortete die Sekretärin: „Das habe ich ge
wußt." Sehr erstaunt war die Gegenfrage:
„Das haben Sie gewußt? Das habe ich ja nur
allein bisher gewußt." Darauf antwortete die
Sekretärin, er habe seit 14 Tagen nicht mehr
wie früher so häufig in ärgerlicher
Stimmung die Türen heftig zuge
schlagen, auch habe er nicht mehr wie sonst
seine herrische Laune an seiner ihm unterstell
ten Angestelltenschaft ansgelassen. Er war be
kannt durch seine herrische Ungeduld und durch
Rücksichtslosigkeit in der Beurteilung der Feh
ler anderer. Das war also für ihn das erste
Oxford-Ergebnis.
*
Nun noch ein Beispiel, wie man es nach dem
Oxford-Erlebnis machen soll und wie nicht.
Ein junger, in der Fremde lebender Mann
pflegte jedes Jahr zu Weihnachten einige Ur
laubstage in seiner fernen Familie zu ver
leben. Ausgang des Jahres 1934 war er Ox
ford geworden. Weihnachten 1934 glaubte er
dann in seinem Elternhause durch lehrhafte
Predigt seine Familie überzeugen zu sollen.
Er traf dabei auf Widerstand seiner nächsten
Angehörigen, die ihm so etwa entgegenhielten,
er möge seine Weisheit für sich behalten, sie
hätten ein durchaus ehrenhaftes Christentum
geführt und hielten sich für rechtschaffen in
allen wichtigen Dingen, sie wären gute Chri
sten. Von neuer „Heiligkeit" wollten sie nichts
wissen. Sv ging nun denn der junge Mann
wie ein betrübter Lohgerber, dem seine Felle
weggeschwommen waren, an seine Arbeitsstätte
zurück. Er gab einem Oxford-Freunde seiner
bitteren Enttäuschung Ausdruck, insbesondere
auch darüber, daß diese Absage doch ein recht
merkwürdiges Ergebnis seiner Fürbitte für
die Seinen sei. Der Freund antwortete ihm, er
habe es ganz falsch gemacht. Die lehrhafte Pre
digt könnte er in diesen Zusammenhängen zu
Hause lassen, es wäre wichtiger, das schwei
gende Zeugnis des Lebens zu geben. Weih
nachten 1936 folgte er diesem Rat. Er war un-
ter seinen Geschwistern nicht gerade als selbst
los bekannt, er pflegte gern den größten
Brocken für sich herauszufischen. Auch war er
nicht geneigt, seine eigenen Wünsche einmal
einem anderen Dienste der Liebe unterzuord
nen. So habe er z. B. seiner Mutter gegenüber
möglichst viele Entschuldigungen bereit gehabt,
wenn sie einmal mit ihm während des Urlaubs
spazieren gehen wollte. Er fand es eben recht
langweilig, mit seiner „alten Dame" spazieren
zu gehen und evt. noch bei dieser Gelegenheit
mit mütterlichen Ermahnungen bedient zu
werden. Diesmal begann er den obligaten
Weihnachtskaffee damit, daß er bescheiden das
vor ihm liegende Stückchen Kuchen auf seinen
Teller legte. Dies erregte sofort die Aufmerk
samkeit eines seiner Geschwister, das ihm mit
der Bemerkung, so knapp sei es bei ihnen nicht,
ein schönes, großes Stück Weihnachtskuchen auf
seinen Teller balancierte. Als die Mutter ihn
am nächsten Tage fragte, ob er mit ihr einen
kleinen Spaziergang machen wolle, blieb die
übliche Entschuldigungsphrase ungesprochen,
und er sagte nur: „Natürlich, sehr gerne." Und
so rundete sich dieses Bild des schweigenden
Zeugnisses während der Urlaubstage 1935
so sehr, daß endlich der Vater sagte: „Was ist
denn mit Dir vorgegangen, mein Junge, wir
kennen Dich ja garnicht wieder." Darauf ant
wortete der Gefragte nur: „D a s i st d a s E r-
l e b n i s von Oxford." Die Angehörigen
beschäftigten sich nun auch mit dieser Sache,
und heute sind sie alle gemeinsam Oxford.
Dies ist ein Beispiel dafür, wie das schwei
gende Zeugnis des Lebens wirkt, und es un
terliegt auch keinem Zweifel, daß, wenn man
längere Zeit, wie z. B. die Gäste in Ollerup zu
Ostern, in einer Oxford-Gemeinschaft ver
bringt, man das Gefühl hat, in einer ganz an
deren Atmosphäre zu leben als bisher, in einer
Gemeinschaft von Menschen, von denen unsicht
bar Strahlen der Liebe wie eine
wärmende.Sonne ausgehen.
Die Beispiele ließen sich verzehnfachen. Es
sind hier nur Beispiele aus den verschiedensten
Lebensabschnitten gegeben. Es ist selbstver
ständlich, daß man Oxford nicht mit dem Ver
stände begreifen kann. Der kühle Verstand und
der kritische Intellekt mögen manche Erschei
nungen wunderlich oder gar lächerlich finden.
Die englischen Methoden der Propagie
rung mögen dem Niederdeutschen befremdlich
erscheinen und Angleichung an ihn erfordern.
Das hat aber nichts damit zu tun, daß trotzdem
die wunderbarsten Wirkungen von dem Ox
ford-Erlebnis ausgehen, von dem Oxford-Er
lebnis, das, wie noch einmal abschließend un
terstrichen sein mag, zunächst die Hinwendung
zu Gott und den inneren Zusammenbruch im
Gewissen vor Ihm voraussetzt. Aus diesem
Zusammenbruch vor Gott folgert die Kraft zu
einem erneuerten christlichen Leben in der Of
fenbarung der Grundsätze dev Liebe, Wahrheit,
Selbstlosigkeit und Reinheit. D*
Bunts Ws!t
Einzigartige ägyptische Grabfunde.
Ueber bemerkenswerte Grabfunde berichte
ten dieser Tage die Archäologen Walter Emery
und Zaki Effendi Saad vom ägyptischen
Altertums-Departement nach Kairo. Danach
haben die Forscher im Dorf Sakkura, nahe dem
alten Memphis mit dem bekannten Totenşeld,
die vollständige Grabeinrichtung Hamakas, öes
Kanzlers von Pharao Den aus der ersten
Dynastie, der ungefähr 3000 v. Chr. regierte,
an einem Platz ausfindig gemacht, an dem
schon einmal vor vier Jahren größere Grabun
gen stattgefunden hatten, wobei aber übersehen
worden war, daß in der Nähe noch eine Anlage
von 42 Grabkammern sich ausdehnte. Ohne daß
die Arbeiten in dem neuentdeckten Trakt schon
beendet wären, läßt sich doch schon sagen, daß
durch sie Gegenstände ans Tageslicht kommen,
wie man sie bisher noch in keinem ägyptischen
Grab gefunden hat. Zuerst stießen die oben ge
nannten Archäologen ans ganze Haufen Fla
schen mit Wein und Nahrung, die alle das Sie
gel Hamakas und seines Herrschers tragen.
Weiter wurde eine Anzahl steinerner, bronze
ner und elfenbeinerner Scheiben zutage geför
dert, über deren Verwendungszweck man noch
keine Vorstellung hat. Die Aufklärung wird
auch nicht durch die Tatsachen erleichtert, daß
einige dieser Teller teils mit den Darstellun
gen einer Gazellenjagd, teils bloß mit Enten
geschmückt sind. Einzigartig sind auch die un
gewöhnlich großen Feuersteinmesser, von denen
einzelne über dreißig Zentimeter lang sind
und schon durch solche Länge aus dem Rahmen
des lieblichen herausfallen. Wahrscheinlich
wird im Verlauf der weiteren Ausgrabung
noch manche interessante Einzelheit über das
„Kanzler-Grab" bekannt, von dem Emery und
Zaki Saad in Kürze mehr zu berichten hoffen.
Interessante Neuausgrabnngcn in Pompeji.
KK. Bei Wiederherstellungsarbeiten am
großen Amphitheater in Pompeji wurde ein
wichtiger Fund gemacht, der besonders jetzt im
Olympiajahr alle Sportsleute interessieren
wird. Unter einer scheinbar leeren Fläche kam
plötzlich eine hohe Mauer zum Vorschein, die,
wie einige Sondierungen zeigen, den Teil
eines mächtigen Baues bildet, in dem die
Archäologen mit Bestimmtheit die Palästra
von Pompeji erkennen. Diese monumentale
Turnhalle ist etwa 110 Meter breit und 90 Me
ter tief, 12 gewaltige Bogen bildeten ihren
Zugang und innerlich scheint sie zum Teil
wenigstens auch mit Fresken« ausgeschmückt
gewesen zu sein.
wenn es die eigenen sind", hatte sie endlich ge
meint, als er nicht abließ mit Fragen, und
„Kinder seien oft die Zankäpfel zwischen den
Eltern."
Hatte sie nicht restlos recht behalten? War
nicht sein Verhältnis zu Jlma schlechter ge
worden, seit die kleine Alyda ins Haus gekom
men war? Zuerst, er gestand es sich heute —
war er einfach eifersüchtig gewesen auf das
Kind, das Herz und Gedanken seiner Frau
auszufüllen schien. Es war damals zu den
ersten wirklichen Auftritten zwischen ihnen ge
kommen und war doch immer noch tausendmal
besser gewesen als jetzt, wo ihr das Kind gleich
gültig geworden war wie — er selbst.
Thilo Wartenberg fuhr sich über die Augen.
Ein Geräusch hatte ihn aufgeschreckt — was
war es? Er lauschte — da war es wieder —
Schritte auf der Treppe?
Sofort war er auf den Füßen. Er tastete
mit der einen Hand nach seinem kleinen
Browning, während er mit der anderen das
Licht ausschaltete. Mit zwei großen, auf dem
dicken Teppich unhörbaren Schritten war er
an der Tür, die er leise öffnete. Aber die Diele
war nicht dunkel, wie er angenommen hatte,
und über die Treppe kam kein Einbrecher,
sondern — seine Frau. Sie war zum Aus
gehen angezogen und tief verschleiert. In der
Hand trug sie einen kleinen Koffer, der ziem
lich schwer zu sein schien. Thilo hielt den Atem
an: Was ging da vor?
Die junge Frau sah ihren Gatten erst, als sie
schon unten war. Sie erschrak so, daß der Kof
fer ihrer Hand entglitt. Abwehrend streckte sie
die Hände aus. „Was willst du?" rief sie in
einem Ton, als fürchte sie, von ihm aufgehal
ten zu werden.
Er faßte sie an der Hand und zog sie in das
Speisezimmer, mit der freien Linken das Licht
wieder einschaltend.
„Wo willst du hin?" fragte er, ohne ihre
Hand freizugeben.
Da packte der Trotz die junge Frau. „Ver
reisen — du siehst es ja!" stieß sie heftig her
aus.
Heiß stieg der Zorn in ihm auf. Aber er be
zwang sich mit eiserner Beherrschung. Ruhig
führte er sie zu einem Sessel und bat: „Bitte,
setze dich, und sag mir, was du vorhattest."
Sie hatte den Schleier zurückgeschoben und
starrte finster vor sich hin. Sein Blick hing an
ihrem Gesicht, das in der matten Beleuchtung
der verschleierten Lampe geisterhaft bleich
aussah. Wie schön sie war! Die großen dunk
len Augen, von langen Wimpern umsäumt,
schienen vom Weinen gerötet. Das rührte
ihn so sehr, daß sein Herz sich schmerzhaft zu
sammenzog. Er hätte sein Leben darum gege
ben, wenn er ihr etwas hätte sein dürfen —
nie hatte er das deutlicher gefühlt als in dieser
Stunde.
Sanft strich seine Hand über die ihre.
„Sprich", bat er, „es wird dir gut tun. Denke,
ich sei dein Bruder, dein Freund!"
Ein tiefer Seufzer hob Jlmas Brust. Lang
sam schlich eine Träne über ihre Wange. Zum
ersten Male wandte sie ihm ihr Antlitz zu.
„Mein Freund? Wenn du das könntest —?"
Er nickte eifrig. „Sprich dich aus", sagte er,
und seine ernsten Augen ruhten warm in den
ihren. „Hättest du es doch längst getan!"
Sie schüttelte den Kopf. „Konnte ich denn?
— Aber heute — jetzt, wo ich endlich den Ent
schluß gefaßt habe —"
Unruhig beugte er sich vor. Aber ehe er etwas
sagen konnte, hob sie die schmale Hand. „Es
war ein furchtbares Unrecht", begann sie hastig,
wie wenn sie mit plötzlichem Entschluß ihrem
Zagen ein Ende machen wollte. Mutter hatte
recht, sie verlangte immer, daß ich es dir
sagen sollte, doch ich mehrte mich mit aller
Macht. Ich liebte dich und fürchtete, dich zu
verlieren — um es trotz meinem Schweigen
doch zu tun." fügte sie traurig hinzu. Seine
Hand strich leise über die ihre. In einer plötz
lichen Aufwallung beugte sie sich über diese
feinbehaarte Männerhand, die sie so sehr ge
liebt hatte, und küßte sie. Es erschütterte den
Mann. Er sah, wie sie kämpfte, und all seine
Ritterlichkeit erhob sich in ihm, um ihr das
Schwere leicht zu machen.
„Ich will dir sagen, was ich manchmal
dachte", begann er zögernd. „Es war ein
Irrtum, das sehe ich jetzt ein — aber viel
leicht erleichtert es dir das Sprechen. Ich bil
dete mir ein, Alyda sei dein — Kind! Aber —
dann würdest du wohl nicht daran denken,
fortzugehen?"
Sie war zusammengezuckt unter seinen Wor
ten. „Du — dachtest —?"
„Ja, das Kind sieht dir ähnlich. Es hat auch
Eigenschaften von dir — wenn es dein Kind
wäre, brauchte es nicht anders zu sein."
Sie saß ganz still, wie erstarrt. Jeder Rest
von Farbe schien aus ihrem Gesicht gewichen.
„Du hast richtig geahnt", flüsterte sie endlich.
„Niemand wußte es außer Mutter. Ich be
schwor sie, es dir nicht zu sagen. Ich dachte,
du kämest nicht darüber hinweg — und ich
liebe dich."
Es war ihm heiß in die Schläfen gestiegen
unter ihren Worten. Er dachte an seinen
Gang zum Arzt, ehe sie Alyda adoptiert hatten,
und daran, daß der berühmte Professor ihm
gesagt hatte, seine Frau würde nie ein Kind
haben. Irgendwie hatten die Worte ihn selt
sam berührt, als ob unausgesprochen sich
etwas dahinter verberge. Aber es hatte seiner
Natur widerstrebt, die Frage zu formen, die
sich auf seine Lippen drängen wollte...
„Wie kam es?" fragte er endlich rauh, mit
Gewalt seine Gedanken in eine andere Rich
tung zwingend.
„Ich war, wie du weißt, in der Schweiz in
Pension", stammelte sie, ohne ihn anzusehen.
„Ich war noch sehr jung und dumm. Es war
da ein Neffe im Hause, der verdrehte uns allen
den Kopf. Meine Unerfahrenheit nutzte er
aus — jahrelang habe ich einen Abscheu vor
den Männern gehabt." Sie schwieg, um nach
einer Pause hinzuzufügen: „Er wollte mich
heiraten, aber nun wollte ich nicht mehr."
Sekundenlang verharrten sie in lastendem
Schweigen, nur mit ihren Gedanken beschäf
tigt, bis endlich Thilo fragte: „Und wie kam
es, daß du heute abend... mir scheint, als ob
du durch das Theaterstück —" er suchte nach
Worten, die sie nicht verwunden könnten.
„Ja", nickte sie ernst. „Das Stück hat mich
aufgerüttelt. Ich sah ganz plötzlich, auf welch
abschüssiger Bahn ich mich befand. Denn, siehst
du, ich konnte dieses Leben nicht ertragen.
Wir beide fremd nebeneinander, getrennt
durch die Lüge, das Kind — ich glaube, ich
haßte es manchmal, weil ich in ihm die Ursache
unserer Entfremdung sah."
„Darum wolltest du uns zurücklassen — auf
einander angewiesen!" Schwer und bitter stieß
er die Worte heraus. „Und du — wo wolltest
du hin?"
Sie faßte sich an die Kehle, als ob etwas sie
würge bei seinen strengen Worten. „Nicht so
— ich bitte dich", flehte sie endlich. „Ich mußte
fliehen, wollte ich nicht ganz tief sinken. Ver
stehst du es nicht? Ich hätte vielleicht nicht —
wie Fräulein Julie — Betäubung im Alkohol
gesucht. Obwohl — wer weiß? Aber es gibt
anderes: Kokain, Morphium, wcrs weiß ich!
Noch gestern hätte ich nur an mich gedacht, doch
heute abend ist es mir wie Schuppen von den
Augen gefallen, daß ich dir das nicht auch noch
antun dürfte!"
Er saß regungslos, wie betäubt. Ihre großen
Augen schienen sein ernstes männliches Gesicht
zu durchsuchen: was dachte er? Leise stahl sich
ihre Hand in seine. „Laß mich gehen", bat sie,
„ich bin so schlecht — ich weiß, du kommst über
das alles nicht hinweg."
Woran er nie gedacht, das war ihm ganz
plötzlich durch den Kopf gegangen: Was er ihr
alles schuldig geblieben war in all den Jahren,
verwöhnt wie sie war. Freilich vor der Welt
trug sie die Schuld, da würde niemand sein,
der sie freisprach!
Wieder neigte sie sich auf seine Hand und
küßte sie. „Verzeihung", bat sie leise, „später
— wenn du verstehst, daß — ich nicht wußte,
was ich tat."
Er neigte sich zu ihr. „Armes Kind",
flüsterte er weich, „was mußt du gelitten
haben!"
„Thilo!" Es klang wie ein Schrei aus er
löstem Herzen. Zagend und ungläubig blickte
sie zu ihm empor, doch dann, vor seinem güti
gen Blick warf sie sich an seine Brust. „Du ver
stehst, Liebster? Ist das möglich?" Sie weinte
laut. Auch ihm wurden die Augen feucht.
Ganz sanft strich er über ihr Haar. „Geliebte!"
flüsterte er und schloß sie fest an sein Herz.