Full text: Newspaper volume (1936, Bd. 2)

sues 
lochen Verjummlung zu Oxford und der da 
durch bei ihr herbeigeführten völlig veränder 
ten Stellung gegenüber denr Parteiniesen mit 
allen damit verbundenen Tatsachen, die einer 
wirklich christlichen Gesinnung auf das schroff 
ste widersprächen, weil hier nicht Wahrheit und 
Selbstlosigkeit, sondern gerade das Gegenteil 
eine ausschlaggebende Rolle spielen. Sie würde 
daraus alle Folgerungen ziehen. 
Sie teilte zugleich mit, daß vor nicht langer 
Zeit der dänische Finanzminister in einer 
Sitzung der Finanzkommission Mitteilungen 
darüber gemacht habe, daß die Steuerbehörden 
in Dänemark seit einigen Monaten die er 
staunliche Tatsache festzustellen hätten, daß 
dauernd anonyme Briefe mit kleineren und 
größeren Nachzahlungen einliefen, die in frei 
williger Nachzahlung frühere Steuerhinter 
ziehungen ausgleichen wollten, deren Nachprü 
fung von Staats wegen an sich garnicht mehr 
zur Frage gestanden hätten. Der Finanzmini 
ster brachte sein Erstaunen über eine solche Er 
scheinung zum Ausdruck, worauf ihm gleich 
zeitig von den verschiedensten Seiten aus dem 
Kreise der Kommissionsmitglieder zugerufen 
wurde: „Das ist Oxford!" 
* 
Ein Beispiel aus der Praxis des wirtschaft 
lichen Lebens. Ein Fabrikbesitzer auf Seeland 
mit einer großen Gefolgschaft hatte sich die Ox 
ford-Grundsätze zu eigen gemacht. In wenigen 
Monaten waren viele der Angestellten und 
Arbeiter, die, angeregt durch die neue Haltung 
ihres Chefs, sich mit Oxford beschäftigten, zu 
einer gleichen inneren Grundeinstellung ge 
kommen. In dem wirtschaftlichen Leben seiner 
Fabrik wertete daraufhin der Fabrikbesitzer die 
Oxford-Grundsätze dadurch aus, daß er nach 
dem Beispiel der diesbezüglichen 
national so ziali st ischen Arbeits 
gesetzgebung, ohne durch dänische Gesetze 
irgendwie dazu verpflichtet zu sein, einen 
Vertrauensrat bildete, in dem wichtige 
Angelegenheiten des Gesamtbetriebes bespro 
chen wurden. Dieser Fall ist deshalb lehrreich, 
weil er zeigt, einen wie guten Nahmen die na 
tionalsozialistische Arbeitsgesetzgebung für den 
Aufbau eines Betriebsgemeinschaft darstellt, 
wenn eine neue Gesinnung der Einzelperson, 
wie sie Oxford voraussetzt, die praktischen Fol 
gen für die Gemeinschaftsarbeit in seinem Be 
triebe ziehen will. 
* 
Nun »och ein Beispiel aus der Kirche: Ein 
hoher und sehr angesehener Geistlicher der dä 
nischen Kirche wurde von dem Oxford-Erleb 
nis ergriffen. Er teilte nach reiflicher Prüfung 
bald darauf seiner Gemeinde mit, daß er bis 
her wohl manche schöne Predigt gehalten habe, 
aber er habe mehr sich wie seiner Gemeinde ge 
predigt. Er habe sich selbst gesonnt in der 
Schönheit des Aufbaus und der Disposition 
seiner Predigten, aber er habe nicht so sehr da 
nach gestrebt, ein wahrer Zeuge Gottes zu sein 
und aus dieser Zeugenschaft heraus seiner Ge 
meinde gegenüber wirksam zu werden. Er 
werde das jetzt tun. Es ist zweifellos, daß dann 
die Wirkung der Predigt eine weit andere sein 
wird, denn sie beruht dann nicht mehr auf 
menschlicher Weisheit, sondern wird befruchtet 
durch den Glauben, der in der Liebe tätig ist 
und wird so in den Herzen der Hörer Samen 
legen, der unter Gottes Güte bei dem einen 
eher, bei dem anderen später aufgehen wird. 
* 
Eine bekannte und angesehene Persönlich 
keit aus Nordfchleswig war von seiner Frau 
seit Jahren geschieden. Seine beiden Kinder 
lebten bei der Frau. Vor etwa einem Jahre 
erlebte er Oxford. Ihm wurde sofort klar 
und deutlich in seinem Gewissen bezeugt, daß 
er durch gröbste Vernachlässigung 
aller seiner Pflichten seiner Frau und seiner 
Familie gegenüber an der Zerrüttung der Ehe 
allein schuldig geworden sei. Ihm 
wurde in seinem Gewissen bezeugt, daß für ihn 
jede Erneuerung seines bisherigen Lebens in 
den christlichen Grundsätzen mit der Bereini 
gung dieses Bruches zu beginnen habe. Er 
wurde aufgrund des Rates eines Oxford- 
Freundes sich darüber schlüssig, auch auf die 
Gefahr hin, völlig mißverstanden zu werden, 
an seine frühere Frau zu schreiben und aus 
diesem Schuldbewußtsein um Verzeihung zu 
bitten. Die frühere Frau antwortete unmittel 
bar, die Ehegemeinschaft wurde wieder herge 
stellt, und er lebt seitdem in glücklichster Ge 
meinschaft mit seiner Familie wieder vereint. 
* 
Eine sehr bekannte Schweizer Persönlichkeit 
aus der Zeitungswelt war in seiner Eigen 
schaft als Journalist zu einer größeren Oxford- 
Tagung zur Berichterstattung entsandt wor 
den. Er selbst ging dorthin mit der bekannten 
spitzen Feder, um nun mit dem scharfen Blick 
der Kritik in diese merkwürdigen Dinge hin 
einzuleuchten. Er kam zurück als überzeugter 
Oxford. Etwa 14 Tage nach seiner Rückkehr 
wollte er in seiner Heimat eine Oxford-Ver 
sammlung besuchen und sagte zufällig zu sei 
ner Sekretärin, er käme heute abend nicht wie 
der, weil er zu einer Oxford-Versammlung 
wäre. Er sei jetzt auch Oxford. Darauf ant 
wortete die Sekretärin: „Das habe ich ge 
wußt." Sehr erstaunt war die Gegenfrage: 
„Das haben Sie gewußt? Das habe ich ja nur 
allein bisher gewußt." Darauf antwortete die 
Sekretärin, er habe seit 14 Tagen nicht mehr 
wie früher so häufig in ärgerlicher 
Stimmung die Türen heftig zuge 
schlagen, auch habe er nicht mehr wie sonst 
seine herrische Laune an seiner ihm unterstell 
ten Angestelltenschaft ansgelassen. Er war be 
kannt durch seine herrische Ungeduld und durch 
Rücksichtslosigkeit in der Beurteilung der Feh 
ler anderer. Das war also für ihn das erste 
Oxford-Ergebnis. 
* 
Nun noch ein Beispiel, wie man es nach dem 
Oxford-Erlebnis machen soll und wie nicht. 
Ein junger, in der Fremde lebender Mann 
pflegte jedes Jahr zu Weihnachten einige Ur 
laubstage in seiner fernen Familie zu ver 
leben. Ausgang des Jahres 1934 war er Ox 
ford geworden. Weihnachten 1934 glaubte er 
dann in seinem Elternhause durch lehrhafte 
Predigt seine Familie überzeugen zu sollen. 
Er traf dabei auf Widerstand seiner nächsten 
Angehörigen, die ihm so etwa entgegenhielten, 
er möge seine Weisheit für sich behalten, sie 
hätten ein durchaus ehrenhaftes Christentum 
geführt und hielten sich für rechtschaffen in 
allen wichtigen Dingen, sie wären gute Chri 
sten. Von neuer „Heiligkeit" wollten sie nichts 
wissen. Sv ging nun denn der junge Mann 
wie ein betrübter Lohgerber, dem seine Felle 
weggeschwommen waren, an seine Arbeitsstätte 
zurück. Er gab einem Oxford-Freunde seiner 
bitteren Enttäuschung Ausdruck, insbesondere 
auch darüber, daß diese Absage doch ein recht 
merkwürdiges Ergebnis seiner Fürbitte für 
die Seinen sei. Der Freund antwortete ihm, er 
habe es ganz falsch gemacht. Die lehrhafte Pre 
digt könnte er in diesen Zusammenhängen zu 
Hause lassen, es wäre wichtiger, das schwei 
gende Zeugnis des Lebens zu geben. Weih 
nachten 1936 folgte er diesem Rat. Er war un- 
ter seinen Geschwistern nicht gerade als selbst 
los bekannt, er pflegte gern den größten 
Brocken für sich herauszufischen. Auch war er 
nicht geneigt, seine eigenen Wünsche einmal 
einem anderen Dienste der Liebe unterzuord 
nen. So habe er z. B. seiner Mutter gegenüber 
möglichst viele Entschuldigungen bereit gehabt, 
wenn sie einmal mit ihm während des Urlaubs 
spazieren gehen wollte. Er fand es eben recht 
langweilig, mit seiner „alten Dame" spazieren 
zu gehen und evt. noch bei dieser Gelegenheit 
mit mütterlichen Ermahnungen bedient zu 
werden. Diesmal begann er den obligaten 
Weihnachtskaffee damit, daß er bescheiden das 
vor ihm liegende Stückchen Kuchen auf seinen 
Teller legte. Dies erregte sofort die Aufmerk 
samkeit eines seiner Geschwister, das ihm mit 
der Bemerkung, so knapp sei es bei ihnen nicht, 
ein schönes, großes Stück Weihnachtskuchen auf 
seinen Teller balancierte. Als die Mutter ihn 
am nächsten Tage fragte, ob er mit ihr einen 
kleinen Spaziergang machen wolle, blieb die 
übliche Entschuldigungsphrase ungesprochen, 
und er sagte nur: „Natürlich, sehr gerne." Und 
so rundete sich dieses Bild des schweigenden 
Zeugnisses während der Urlaubstage 1935 
so sehr, daß endlich der Vater sagte: „Was ist 
denn mit Dir vorgegangen, mein Junge, wir 
kennen Dich ja garnicht wieder." Darauf ant 
wortete der Gefragte nur: „D a s i st d a s E r- 
l e b n i s von Oxford." Die Angehörigen 
beschäftigten sich nun auch mit dieser Sache, 
und heute sind sie alle gemeinsam Oxford. 
Dies ist ein Beispiel dafür, wie das schwei 
gende Zeugnis des Lebens wirkt, und es un 
terliegt auch keinem Zweifel, daß, wenn man 
längere Zeit, wie z. B. die Gäste in Ollerup zu 
Ostern, in einer Oxford-Gemeinschaft ver 
bringt, man das Gefühl hat, in einer ganz an 
deren Atmosphäre zu leben als bisher, in einer 
Gemeinschaft von Menschen, von denen unsicht 
bar Strahlen der Liebe wie eine 
wärmende.Sonne ausgehen. 
Die Beispiele ließen sich verzehnfachen. Es 
sind hier nur Beispiele aus den verschiedensten 
Lebensabschnitten gegeben. Es ist selbstver 
ständlich, daß man Oxford nicht mit dem Ver 
stände begreifen kann. Der kühle Verstand und 
der kritische Intellekt mögen manche Erschei 
nungen wunderlich oder gar lächerlich finden. 
Die englischen Methoden der Propagie 
rung mögen dem Niederdeutschen befremdlich 
erscheinen und Angleichung an ihn erfordern. 
Das hat aber nichts damit zu tun, daß trotzdem 
die wunderbarsten Wirkungen von dem Ox 
ford-Erlebnis ausgehen, von dem Oxford-Er 
lebnis, das, wie noch einmal abschließend un 
terstrichen sein mag, zunächst die Hinwendung 
zu Gott und den inneren Zusammenbruch im 
Gewissen vor Ihm voraussetzt. Aus diesem 
Zusammenbruch vor Gott folgert die Kraft zu 
einem erneuerten christlichen Leben in der Of 
fenbarung der Grundsätze dev Liebe, Wahrheit, 
Selbstlosigkeit und Reinheit. D* 
Bunts Ws!t 
Einzigartige ägyptische Grabfunde. 
Ueber bemerkenswerte Grabfunde berichte 
ten dieser Tage die Archäologen Walter Emery 
und Zaki Effendi Saad vom ägyptischen 
Altertums-Departement nach Kairo. Danach 
haben die Forscher im Dorf Sakkura, nahe dem 
alten Memphis mit dem bekannten Totenşeld, 
die vollständige Grabeinrichtung Hamakas, öes 
Kanzlers von Pharao Den aus der ersten 
Dynastie, der ungefähr 3000 v. Chr. regierte, 
an einem Platz ausfindig gemacht, an dem 
schon einmal vor vier Jahren größere Grabun 
gen stattgefunden hatten, wobei aber übersehen 
worden war, daß in der Nähe noch eine Anlage 
von 42 Grabkammern sich ausdehnte. Ohne daß 
die Arbeiten in dem neuentdeckten Trakt schon 
beendet wären, läßt sich doch schon sagen, daß 
durch sie Gegenstände ans Tageslicht kommen, 
wie man sie bisher noch in keinem ägyptischen 
Grab gefunden hat. Zuerst stießen die oben ge 
nannten Archäologen ans ganze Haufen Fla 
schen mit Wein und Nahrung, die alle das Sie 
gel Hamakas und seines Herrschers tragen. 
Weiter wurde eine Anzahl steinerner, bronze 
ner und elfenbeinerner Scheiben zutage geför 
dert, über deren Verwendungszweck man noch 
keine Vorstellung hat. Die Aufklärung wird 
auch nicht durch die Tatsachen erleichtert, daß 
einige dieser Teller teils mit den Darstellun 
gen einer Gazellenjagd, teils bloß mit Enten 
geschmückt sind. Einzigartig sind auch die un 
gewöhnlich großen Feuersteinmesser, von denen 
einzelne über dreißig Zentimeter lang sind 
und schon durch solche Länge aus dem Rahmen 
des lieblichen herausfallen. Wahrscheinlich 
wird im Verlauf der weiteren Ausgrabung 
noch manche interessante Einzelheit über das 
„Kanzler-Grab" bekannt, von dem Emery und 
Zaki Saad in Kürze mehr zu berichten hoffen. 
Interessante Neuausgrabnngcn in Pompeji. 
KK. Bei Wiederherstellungsarbeiten am 
großen Amphitheater in Pompeji wurde ein 
wichtiger Fund gemacht, der besonders jetzt im 
Olympiajahr alle Sportsleute interessieren 
wird. Unter einer scheinbar leeren Fläche kam 
plötzlich eine hohe Mauer zum Vorschein, die, 
wie einige Sondierungen zeigen, den Teil 
eines mächtigen Baues bildet, in dem die 
Archäologen mit Bestimmtheit die Palästra 
von Pompeji erkennen. Diese monumentale 
Turnhalle ist etwa 110 Meter breit und 90 Me 
ter tief, 12 gewaltige Bogen bildeten ihren 
Zugang und innerlich scheint sie zum Teil 
wenigstens auch mit Fresken« ausgeschmückt 
gewesen zu sein. 
wenn es die eigenen sind", hatte sie endlich ge 
meint, als er nicht abließ mit Fragen, und 
„Kinder seien oft die Zankäpfel zwischen den 
Eltern." 
Hatte sie nicht restlos recht behalten? War 
nicht sein Verhältnis zu Jlma schlechter ge 
worden, seit die kleine Alyda ins Haus gekom 
men war? Zuerst, er gestand es sich heute — 
war er einfach eifersüchtig gewesen auf das 
Kind, das Herz und Gedanken seiner Frau 
auszufüllen schien. Es war damals zu den 
ersten wirklichen Auftritten zwischen ihnen ge 
kommen und war doch immer noch tausendmal 
besser gewesen als jetzt, wo ihr das Kind gleich 
gültig geworden war wie — er selbst. 
Thilo Wartenberg fuhr sich über die Augen. 
Ein Geräusch hatte ihn aufgeschreckt — was 
war es? Er lauschte — da war es wieder — 
Schritte auf der Treppe? 
Sofort war er auf den Füßen. Er tastete 
mit der einen Hand nach seinem kleinen 
Browning, während er mit der anderen das 
Licht ausschaltete. Mit zwei großen, auf dem 
dicken Teppich unhörbaren Schritten war er 
an der Tür, die er leise öffnete. Aber die Diele 
war nicht dunkel, wie er angenommen hatte, 
und über die Treppe kam kein Einbrecher, 
sondern — seine Frau. Sie war zum Aus 
gehen angezogen und tief verschleiert. In der 
Hand trug sie einen kleinen Koffer, der ziem 
lich schwer zu sein schien. Thilo hielt den Atem 
an: Was ging da vor? 
Die junge Frau sah ihren Gatten erst, als sie 
schon unten war. Sie erschrak so, daß der Kof 
fer ihrer Hand entglitt. Abwehrend streckte sie 
die Hände aus. „Was willst du?" rief sie in 
einem Ton, als fürchte sie, von ihm aufgehal 
ten zu werden. 
Er faßte sie an der Hand und zog sie in das 
Speisezimmer, mit der freien Linken das Licht 
wieder einschaltend. 
„Wo willst du hin?" fragte er, ohne ihre 
Hand freizugeben. 
Da packte der Trotz die junge Frau. „Ver 
reisen — du siehst es ja!" stieß sie heftig her 
aus. 
Heiß stieg der Zorn in ihm auf. Aber er be 
zwang sich mit eiserner Beherrschung. Ruhig 
führte er sie zu einem Sessel und bat: „Bitte, 
setze dich, und sag mir, was du vorhattest." 
Sie hatte den Schleier zurückgeschoben und 
starrte finster vor sich hin. Sein Blick hing an 
ihrem Gesicht, das in der matten Beleuchtung 
der verschleierten Lampe geisterhaft bleich 
aussah. Wie schön sie war! Die großen dunk 
len Augen, von langen Wimpern umsäumt, 
schienen vom Weinen gerötet. Das rührte 
ihn so sehr, daß sein Herz sich schmerzhaft zu 
sammenzog. Er hätte sein Leben darum gege 
ben, wenn er ihr etwas hätte sein dürfen — 
nie hatte er das deutlicher gefühlt als in dieser 
Stunde. 
Sanft strich seine Hand über die ihre. 
„Sprich", bat er, „es wird dir gut tun. Denke, 
ich sei dein Bruder, dein Freund!" 
Ein tiefer Seufzer hob Jlmas Brust. Lang 
sam schlich eine Träne über ihre Wange. Zum 
ersten Male wandte sie ihm ihr Antlitz zu. 
„Mein Freund? Wenn du das könntest —?" 
Er nickte eifrig. „Sprich dich aus", sagte er, 
und seine ernsten Augen ruhten warm in den 
ihren. „Hättest du es doch längst getan!" 
Sie schüttelte den Kopf. „Konnte ich denn? 
— Aber heute — jetzt, wo ich endlich den Ent 
schluß gefaßt habe —" 
Unruhig beugte er sich vor. Aber ehe er etwas 
sagen konnte, hob sie die schmale Hand. „Es 
war ein furchtbares Unrecht", begann sie hastig, 
wie wenn sie mit plötzlichem Entschluß ihrem 
Zagen ein Ende machen wollte. Mutter hatte 
recht, sie verlangte immer, daß ich es dir 
sagen sollte, doch ich mehrte mich mit aller 
Macht. Ich liebte dich und fürchtete, dich zu 
verlieren — um es trotz meinem Schweigen 
doch zu tun." fügte sie traurig hinzu. Seine 
Hand strich leise über die ihre. In einer plötz 
lichen Aufwallung beugte sie sich über diese 
feinbehaarte Männerhand, die sie so sehr ge 
liebt hatte, und küßte sie. Es erschütterte den 
Mann. Er sah, wie sie kämpfte, und all seine 
Ritterlichkeit erhob sich in ihm, um ihr das 
Schwere leicht zu machen. 
„Ich will dir sagen, was ich manchmal 
dachte", begann er zögernd. „Es war ein 
Irrtum, das sehe ich jetzt ein — aber viel 
leicht erleichtert es dir das Sprechen. Ich bil 
dete mir ein, Alyda sei dein — Kind! Aber — 
dann würdest du wohl nicht daran denken, 
fortzugehen?" 
Sie war zusammengezuckt unter seinen Wor 
ten. „Du — dachtest —?" 
„Ja, das Kind sieht dir ähnlich. Es hat auch 
Eigenschaften von dir — wenn es dein Kind 
wäre, brauchte es nicht anders zu sein." 
Sie saß ganz still, wie erstarrt. Jeder Rest 
von Farbe schien aus ihrem Gesicht gewichen. 
„Du hast richtig geahnt", flüsterte sie endlich. 
„Niemand wußte es außer Mutter. Ich be 
schwor sie, es dir nicht zu sagen. Ich dachte, 
du kämest nicht darüber hinweg — und ich 
liebe dich." 
Es war ihm heiß in die Schläfen gestiegen 
unter ihren Worten. Er dachte an seinen 
Gang zum Arzt, ehe sie Alyda adoptiert hatten, 
und daran, daß der berühmte Professor ihm 
gesagt hatte, seine Frau würde nie ein Kind 
haben. Irgendwie hatten die Worte ihn selt 
sam berührt, als ob unausgesprochen sich 
etwas dahinter verberge. Aber es hatte seiner 
Natur widerstrebt, die Frage zu formen, die 
sich auf seine Lippen drängen wollte... 
„Wie kam es?" fragte er endlich rauh, mit 
Gewalt seine Gedanken in eine andere Rich 
tung zwingend. 
„Ich war, wie du weißt, in der Schweiz in 
Pension", stammelte sie, ohne ihn anzusehen. 
„Ich war noch sehr jung und dumm. Es war 
da ein Neffe im Hause, der verdrehte uns allen 
den Kopf. Meine Unerfahrenheit nutzte er 
aus — jahrelang habe ich einen Abscheu vor 
den Männern gehabt." Sie schwieg, um nach 
einer Pause hinzuzufügen: „Er wollte mich 
heiraten, aber nun wollte ich nicht mehr." 
Sekundenlang verharrten sie in lastendem 
Schweigen, nur mit ihren Gedanken beschäf 
tigt, bis endlich Thilo fragte: „Und wie kam 
es, daß du heute abend... mir scheint, als ob 
du durch das Theaterstück —" er suchte nach 
Worten, die sie nicht verwunden könnten. 
„Ja", nickte sie ernst. „Das Stück hat mich 
aufgerüttelt. Ich sah ganz plötzlich, auf welch 
abschüssiger Bahn ich mich befand. Denn, siehst 
du, ich konnte dieses Leben nicht ertragen. 
Wir beide fremd nebeneinander, getrennt 
durch die Lüge, das Kind — ich glaube, ich 
haßte es manchmal, weil ich in ihm die Ursache 
unserer Entfremdung sah." 
„Darum wolltest du uns zurücklassen — auf 
einander angewiesen!" Schwer und bitter stieß 
er die Worte heraus. „Und du — wo wolltest 
du hin?" 
Sie faßte sich an die Kehle, als ob etwas sie 
würge bei seinen strengen Worten. „Nicht so 
— ich bitte dich", flehte sie endlich. „Ich mußte 
fliehen, wollte ich nicht ganz tief sinken. Ver 
stehst du es nicht? Ich hätte vielleicht nicht — 
wie Fräulein Julie — Betäubung im Alkohol 
gesucht. Obwohl — wer weiß? Aber es gibt 
anderes: Kokain, Morphium, wcrs weiß ich! 
Noch gestern hätte ich nur an mich gedacht, doch 
heute abend ist es mir wie Schuppen von den 
Augen gefallen, daß ich dir das nicht auch noch 
antun dürfte!" 
Er saß regungslos, wie betäubt. Ihre großen 
Augen schienen sein ernstes männliches Gesicht 
zu durchsuchen: was dachte er? Leise stahl sich 
ihre Hand in seine. „Laß mich gehen", bat sie, 
„ich bin so schlecht — ich weiß, du kommst über 
das alles nicht hinweg." 
Woran er nie gedacht, das war ihm ganz 
plötzlich durch den Kopf gegangen: Was er ihr 
alles schuldig geblieben war in all den Jahren, 
verwöhnt wie sie war. Freilich vor der Welt 
trug sie die Schuld, da würde niemand sein, 
der sie freisprach! 
Wieder neigte sie sich auf seine Hand und 
küßte sie. „Verzeihung", bat sie leise, „später 
— wenn du verstehst, daß — ich nicht wußte, 
was ich tat." 
Er neigte sich zu ihr. „Armes Kind", 
flüsterte er weich, „was mußt du gelitten 
haben!" 
„Thilo!" Es klang wie ein Schrei aus er 
löstem Herzen. Zagend und ungläubig blickte 
sie zu ihm empor, doch dann, vor seinem güti 
gen Blick warf sie sich an seine Brust. „Du ver 
stehst, Liebster? Ist das möglich?" Sie weinte 
laut. Auch ihm wurden die Augen feucht. 
Ganz sanft strich er über ihr Haar. „Geliebte!" 
flüsterte er und schloß sie fest an sein Herz.
	        
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