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Jur Unterhaltung
^9. Jahrgang Dir. 98
Beilage der Schleswiq.Holsteinischen Landeszeitung (Rendsburger Tageblatt)
MļķîN / Bo« Paul Wegener
Ich kam als elendes Bübchen zur Welt mit
^enig Aussicht, in diesem Jammertal wirklich
àh zu fassen. Ich war der Jüngste von fünf
Geschwistern. Meine Mutter starb zwei Jahre
ņach meiner Geburt. Eine Tante, die mich er-
Rg, fand nie den Weg zu meinem Herzen,
äein Vater hatte eine wundervolle Art, sich
ņicht um mich zu kümmern. Meine drei
Schwestern waren geschlossen in sich, mein Bru
der zehn Jahre älter. So war ich herrlich al-
Ie üt. Park und See, ein Boot, und von früh
?uf ein Pony meine Welt, meine phantasti
schen Träume mein Lebensinhalt. Ich wurde
Uu Park ausgesetzt, und mit einer großen alten
^chlittenglocke zu den Mahlzeiten wie ein
kleines Tier herangeläutet. Meine älteste
Schwester säuberte mich dann von der schlimm
en Schmutzkruste. Mit vier Jahren machte ich
Kleine ersten Gedichte, die noch, mündlich über
liefert, in der Familie kursieren. Dann kam der
fernst des Lebens in Gestalt des Gymnasiums
Dt Königsberg. Der Abschied vom Land, mit
Zäumen und Getier, nach den Sommerferien,
Um wieder in die Stadt zu müssen, meine
schlimmsten Kindererinnerungen. Ich stellte
Rich nachts heimlich mit nackten Füßen aufs
mlte Ofenblech, um krank zu werden, aber es
putzte nichts. In den oberen Klassen ging es
besser.
Bald brachte das Abitur Ausweg aus der
Schulenge in die Welt. Mein Entschluß, Schau
spieler zu werden, stand mit Obertertia fest,
^rotzdem habe ich erst ein paar Semester in
Freiburg und Leipzig studiert, um mir eine
bessere geistige Basis zu schaffen. Meines Va-
mrs wegen war ich als Jurist inskribiert,
hörte aber im wesentlichen Philosophie und
Kunstgeschichte, welch letzteres Fach mein Pri
vatsteckenpferd bis heut geblieben ist. Nebenher
nahm ich in Leipzig bei einem Schauspieler des
Stadttheaters ein paar Stunden sogenannten
„dramatischen Unterricht". Mit einem „Zeug
nis" meines Lehrers und einem kleinen Rol
lenrepertoire fuhr ich nach Berlin, sprach in
der alten Agtenur Crelinger dem Direktor Ha
gen aus Rostock den ersten Schauspieler in
„Hamlet" vor, und wurde für zweite Charak
terrollen ans Stadtthcater mit einer Gage von
75 Mark im Monat engagiert. Mein Stolz!
Ein ziemlich emphatischer Bericht an meinen
Vater, den ich einfach vor die Tatsache stellte,
hatte üble Folgen: Mein Wechsel blieb aus,
und ich nahm, um mein Leben zu fristen, ein
Engagement für Chor und kleine Rollen am
Sommertheater Stadt Nürnberg in Leipzig
an. Ich bin ein musikalisches Rindsvieh, aber
noch heute kann ich den ersten Baß einer Reihe
von Possenchören mitsamt den blödsinnigen
Texten, und ihr Vortrag in guter Stunde ist
eine hohe Freude für meine Kinder und Stief
kinder. Und das sammelt sich langsam! Aber
Fluch und Enterbung hielten nicht an. Sogar
mit einem Zuschuß fuhr ich ins Engagement
nach Rostock. Der neue Heldenvater dort war
zu meinem Glück ein Säufer, er war nicht ein
getroffen, und so spielte ich an seiner Stelle
zur Eröffnung des neuen Stadttheaters den
„Stauffacher" im „Tell". „Wattons", Vollbart
und geklebte Nase! Wie es auch war, dem Di
rektor genügte es, und so war ich denn mit
20 Jahren „Heldenvater". Nun gings los.
Bald hatte ich auch einen Vertrag für den
Sommer an die Vereinigten Theater von Swi-
nemünde, Ahlbeck, Heringsdorf und einen
neuen Vertrag zur Wintersaison. Diesmal als
Charakterdarsteller, erste Rolle „Franz Moor".
Meine Seligkeit! Aber es kam anders. Frauen
geschichten. Eine Ehe ging meinetwegen aus
einander. Die Frau zog zu mir, ich wurde
wieder, diesmal wirklich „Heldenvater", und
heiratete mit noch nicht 21 Jahren. Mein Va
ter mußte als „Amtsvorsteher", das war er in
seinem Gutsbezirk, seine Einwilligung geben.
Ich wurde zum zweiten Male verflucht und
enterbt, diesmal sogar gründlicher, und ein
fünfjähriges Elend begann. Es kamen grauen
volle Jahre. Der gute Direktor Hagen bat mich,
auf meinen Vertrag zu verzichten, da das The-
aterkvmitee „sittliche Einwendungen" gegen
mich machte, verschaffte mir aber ein Engage
ment zu gleicher Gage nach Koblenz. Fran und
Kind in einem möblierten Zimmer mit Man-
Allerlei ans aKer Welt
Wie alt werden unsere Waldbäume?
Während die moderne Waldwirtschaft unse
ren Waldbäumen höchstens ein Alter von 150
Jahren gönnt, ist das wirkliche Lebensalter der
Walübäume wesentlich höher. Zu den Nadel
hölzern mit höchster Lebensdauer gehört wohl
die Eibe, die angeblich mehrere tausend Jahre
alt werden kann. An die Eibe schließen sich
Eiche und Linde als Patriarchen unserer Wäl
der an. Wie die „Umschau in Wissenschaft und
Technik" (Frankfurt a. Main) berichtet, konnte
man bei einer in Mecklenburg gefüllten Eiche
über 1100 Jahresringe zählen. In diesem Re
vier befindet sich auch die stärkste Eiche Deutsch
lands, die bei einer Höhe von 40 Mir. in
Brusthöhe einen Durchmesser von 3,5 Mir.
hat. Bei Alpenlärchen wurden bis zu 700, bei
Kiefern und Tannen 500 Jahresringe gezählt!
Ahorn, Buche und Wildobstbäume können ein
Alter von einigen hundert Jahren erreichen.
Hingegen gelangen Birke, Pappel und Weide
im günstigsten Falle an die Grenze des 2. Jahr
hunderts.
Ueberfüllte Ostergottesdieufte in Moskau.
Das Osterfest der orthodoxen Kirche, das nach
dem julianischen Kalender berechnet wird, fiel
diesmal mit dem Osterfest der übrigen Chri
stenheit zusammen. Wie alljährlich wurde das
russische Hauptkirchenfest unter größter Mas
senbeteiligung begangen. Von den 800 Kirchen,
die Moskau vor dem Umsturz zählte, sind heute
nur noch 36 den Gläubigen zugänglich. Alle
anderen sind zerstört oder anderen Zwecken
nutzbar gemacht. Am Ostersonnabend war
schon in den Abendstunden das Gedränge in
den Kirchen lebensgefährlich. Um Mitternacht,
wo nach dem Brauch der russischen Kirche die
Auferstehung Christi gefeiert wird, schwollen
die Menschenmassen vor den Gotteshäusern
immer mehr an. Hunderte standen vor den
Kirchen auf der Straße, da der Zugang gänz
lich unmöglich geworden war. Allgemein wurde
beobachtet, daß der Andrang der Gläubigen in
diesem Jahre noch stärker gewesen ist als in
den vergangenen Jahren. Vor allem fiel die
große Zahl der Männer und Jugendlichen auf.
Und dies im Zeichen der verstärkten Tätigkeit
der Gottlosenorganisationen, die auf dem Frei
denkerkongreß von Prag die Führung an sich
gerissen haben und die alle erdenklichen Mittel
anwenden wollen, um das Volk von der „Ver
dummung durch die Religion" zu befreien.
Wie alt werde« Kanarienvögel?
Naturwissenschaftler haben festgestellt, daß
Kanarienvögel in der Freiheit nur drei Jahre
leben, in der Gefangenschaft dagegen ein Alter
von sechs bis zehn Jahren erreichen können.
Eine Erklärung für diese merkwürdige Erschei
nung hat man noch nicht gefunden.
Montag, den 27. April 1930
sarde, eine Frau, die vom Wirtschaften keine
Ahnung hatte, Petroleumkocher und Reisekorb.
Wintersaison, Zwischensaison, Sommersaison.
Mit drei Proben, jede Woche eine neue große
Nolle, dabei ewig Geldsorgen, es war eine
Hölle. Dabei wurde die materielle Not immer
größer. Pfändungen, Gläubigerversammlun-
gen, schlaflose Nächte mit Kindergeschrei und
Rollenbüffeln, ständige Nervenanfülle der
schwer hysterischen Frau, es waren herrliche
Zeiten! Die Szenerie wechselte, das Drama
blieb dasselbe. Coblenz, Bromberg, Lübeck,
Aachen, stets das gleiche Elend. Kleine Selbst
mordversuche der immer krankhafter werden
den Frau waren so Glanzlichtcr in diesen
Nachtstücken in Callots Manier. Tiefpunkt:
Ein Engagement nach Berlin kam zustande am
Neuen Theater bei Frau Futze. Erste jugend
liche Charakterollen, 300 Mark im Monat. Ich
glaubte, endlich mein Glück in der Hand zu
halten. Franz Moor und Tartüffe, erste Rol
len. Eröffnungsvorstellung: „Reichsfürst und
Landesherr" von E. V. Weitra. Der Abend war
eine Katastrophe! Das Stück wurde abgesetzt,
in größter Hast „Hofgnnst" einstudiert, und
wer einen Kündigungsparagraphen im Ver
trag hatte, bekam den Laufpaß. Dazu gehörte
ich. In der Prinzenstraße, weit hinten, 4 Trep
pen hoch, ein Zimmer, Wanzen selbstverständ
lich, Frau im sechsten Monat, saß ich da, ohne
Geld, ohne Engagement. Der Direktor von
Aachen nahm mich wieder zurück. Ein geschla
gener Mann kehrte nach dieser furchtbaren
Enttäuschung unter leisem und lautem Hohn
der dortigen Kollegenschaft zurück. Dann kam
endlich ein Sprung. Hülsen kam aus Wies
baden, um einen Tenor anzuhören. Im An
schluß an eine Spielvper wurde der alte
Schmarren „Adelaide" gegeben, in dem ich den
Beethoven spielte. Der Tenor hatte darin ein
Lied zu singen. Das war mein Glück. Hülsen
blieb auch zu dem Schauspiel im Theater, und
ich wurde engagiert, der Tenor nicht. Folgen
drei Hoftheaterjahre. Auf die Dauer ging es
nicht in Wiesbaden. Meine Differenzen mit
Hülsen wurde immer größer. Das Repertoire
hinderte meine Entwicklung. Mit großem,
ziemlich pikantem Krach erzwang ich meine
Entlassung. Folgten drei Jahre Hamburg.
Wichtigste Etappe meiner Entwicklung. Ich
spielte, spielte: Narciß, Richard III., Shylock,
Mephisto, König Philipp, Jago, Franz Moor,
College Crampton usw. usw. Am 22. Novem
ber 1905 spielte ich in Berlin im Neuen The
ater am Schiffbauerdamm, der Stätte meiner
Berliner Unglückszeit, in der Neuen Frauen
Volksbühne durch Vermittlung von Josoph
Ettlinger den alten Aschenbach in „Die Aschen
bachs" von Gimmertal zusammen mit Albert
Steinrück und der Wangel. Die Presse war
überschwenglich, am nächsten Tage hatte ich
Engagementsanträge von sämtlichen ersten
Berliner Bühnen.
Märchen der Kindheit
Skizze von Gerhard Büttner.
(Nachdruck verboten.)
Dies waren die vier Sehenswürdigkeiten
j 30 « Radhausen: Das alte Schloß, um das
Fşeu und Wilörosengerank eine märchenschöne
Romantik geschaffen, der Hungerturm, der zu
gleich Schloßturm war und das einzige Uebcr-
Reibsel der Stammburg, der Rote Berg und
^in Wasserfall. Zweihundert Familien im
Dorf lebten von den Fremden, die in diese
Rîiniatur-„Schweiz" kamen, auch Heimbachs,
genen der halbe Rote Berg, der Wasserfall und
gas „Haus zum kühlen Grunde" gehörte. Und
^vtte Heimbach kannte nichts Schöneres, als
Re vermietbaren Räume des elterlichen Be
ides in Ordnung zu halten und, wenn es ihre
şeit erlaubte, den vielen Malern, die hier ent
ehrten und wochenlang blieben, zuzusehen.
Renn sie den Wasserfall, das Schloß, den Hun-
öerturm oder den Roten Berg malten. Sie
Ratten alle das gleiche, nur in verschiedener
Folge. Wer aber dies und das davon zu
Ralen unterließ, den brachte schon Lottes An
legung bestimmt dazu,' denn sie hatte ein
großes Photoalbum mit den Abbildungen
Rler Gemälde, die die Künstler hierorts ge
raffen hatten. Sehr namhafte Leute waren
Drunter, hatten sogar Widmungen hineinge
trieben. Und cs war noch keiner dagewesen,
Rr Lotte Hcimbach nicht wieder um zwei oder
R:ei Photos bereichert hätte. Nur seU fünf
^agen hatte einer mit einem blonden Scheitel
^üd lichtblauen Augen das Eckzimmer mit dem
grandiosen Blick auf den Wasserfall inne, der
'chr ganz besonders gefiel, der aber auch nicht
geringsten Anstalten machte, diesen vielge-
Ralten Wasserfall, das Schloß und die anderen
Sehenswürdigkeiten von Radhausen zu zeich
nen oder zu malen. Ueberhaupt: Lotte Heim-
gach kam an Andreas Lechler überhaupt nicht
^ran. Bei anderen war sie morgens zum
Aufräumen ins Zimmer getreten, wenn sie
Margens zum KaMetrürkeu Hinunter mußten
oder wenn sie überhaupt zum Weggang auf
brachen. Es hatte sich immer von selbst erge
ben, daß man dann miteinander sprach. Dieser
junge Mensch flitzte mit seiner festverschnürten
Mappe davon, wenn sie noch auf der halben
Treppe war, trank seinen Morgenkaffee irgend
wo in der Umgebung, nahm auch nicht eine
einzige Mahlzeit bei Heimbachs ein und ver
wahrte alles, was ihm gehörte, in wohlver
schlossenen Koffern und Kisten.. Sein Gruß
war freundlich, aber knapp. Daß er ein Maler
war, bewiesen Lotte Pinsel und Farbenreste,
die dann und wann auf dem Waschtisch zu fin
den waren,' aber sonst war eben ein großes
Geheimnis um diesen Andreas Lechler, und
Lotte hätte sehr gern gewußt, wo er tagsüber
steckte und was er trieb. Sie sprach zu ihrer
Mutter von der Geheimnistuerei, und die
sagte, es ginge sie gar nichts an. An den Vater
wagte sie sich erst recht mit keiner Frage heran.
So verlegte Lotte sich auf das Spionieren und
stellte fest, daß der junge Mann morgens den
Weg nach dem dörflichen Amtshaus nahm,
dann in das Wirtshaus am Nordausgang des
Dorfes ging und dieses nach jedesmal knapp
wenigen Minuten mit Arbeitsmännern ver
ließ, die allerlei sonderbare Geräte mit sich
trugen. Ihr Alterskamerad Zobel konnte ihr
nicht erklären, was das für Geräte seien, aber
seines Erachtens wären Vermessungen im
Gange, und der Männertrupp mit dem Herrn
Lechler triebe sich den lieben langen Tag auf
dem Roten Berg und Umgebung herum. Lotte
erstieg also den Berg, fand zunächst kein leben
des Wesen, aber da und dort staken rotweiße
Stangen im Erdreich und zogen sich vom Was
serfall in der ganz bestimmten Richtung auf die
Radhauser Mühle hin, die am Südabhang des
Berges dort in der Talmulde träumte, wo
die letzte Kehre des durch den Wasserfall gebil
deten Fließes den Karpfenteich bildete. Lotte
erzählte es ihrer Mutter, die Mutter dem
Vater, und am nächsten Morgen gingen Vater
Heimbach und Lotte in gemessener Entfernung
dem Trupp mit Lechler nach. Aber, beim alten
SteuerHäuscheu stand ein Lastauto. Daraus
fuhren die Männer mit diesem schweren Ge
fährt in Richtung Burgstotten davon. „Gehen
wir zum Schulzen", sagte Lotte. „Nein", sagte
der Vater, „mit dem steh' ich mich nicht, gehen
wir ins Wirtshaus." Als sie im „Abendfrie
den" einkehrten, trug der Wirt gerade Bier
an einen Tisch, um den einige Herren herum
standen und eine Karte studierten. „Klaus
Borkmann", sagte Vater Heimbach, „was geht
hier vor?" — „Na, das solltest du doch früher
wissen, Werner, als ich. Bei euch wohnt doch
der neue Schloßherr von Radhausen. Das
Schloß wird abgerissen, ein Sanatorium wird
gebaut, ein riesiger Park angelegt, und — da
mit der recht schön wird — wird ein neuer
Wasserfall gebaut, schöner und größer als un
ser alter. Es fragt sich bloß, ob dem alten
Wasserfall dann noch genug Wasser zufließen
wird. Für die Mühle wird es ja egal sein.
Außerdem, wenn dem nicht so wäre, wäre das
wohl Sache des Herrn Lechler selbst, denn die
hat er auch gekauft."
„Na, das ist ja... Ja, Lotte, ja, Borkmann,
das ist ja unerhört. Wenn der Wasserfall nun
noch in den neuen Park fällt, dann verlieren
wir ja unsere größte Sehenswürdigkeit. Du
auch, Borkmann, alle Einwohner am Ort
leben doch von den Fremden. Es kann doch
nicht ein xbelicbiger Mensch daherkommen und
uns die Natur wegnehmen, wann und wie er
will und ohne uns irgendwie zu entschädi
gen ..."
Klaus Borkmann zuckte die Achseln. „Der
Gemeinderat hat zugestimmt, Werner Heim
bach, wärst neulich in der Sitzung gewesen,
dann hättest mit abstimmen können. Lechler
baut ein neues Amtshaus, trägt die Pflaster
kosten für die neue Straße und gibt 10 000
Mark für die Unterstützungskasse der Gemein
de. Da ist nichts mehr zu machen."
„So, so, da ist nichts mehr zu machen. Das
wollen wir mal sehen", sagte Lotte Heimbach
und der Vater desgleichen, „der Alte Fritz hat
auch die Mühle von Sanssouci nicht so mir
nichts dir nichts stillegen können. Der Wasser
fall geHört uns." Dann gingen He wütend fort
und kamen unterwegs fast zu Zank miteinan
der, wie man dem drohenden Verlust des Was
serfalls vorbeugen könne. „Und den Feind im
eigenen Hause beherbergen... Nee, Lotte, der
muß sofort raus." Dem pflichtete auch Mutter
Heimbach bei. Also war die Exmission Lech-
lers eine beschlossene Sache, und Lotte begann
sie dadurch vorzubereiten, daß sie anfing,
Herrn Andreas Lechlers Koffer und Kisten
auf den Flur zu räumen. Dabei ging ein Be
hältnis auf, und eine Menge gleichartiger
gedruckter Prospekte mit dem Titelbild des
Radhauser Wasserfalls in seiner alten und heu
tigen Gestalt fielen zu Boden. Was war denn
das? Lotte Heimbach las noch über dieser
Frage grübelnd im Prospekt, als der Vater,
die Mutter und Herr Andreas Lechler gemein
sam ins Zimmer traten. „Lotte", sagte der
Vater, „du kannst dich beruhigen, der Wasser
fall bleibt, wie er ist. Borkmann hat uns einen
Bären aufgebunden. Lechler hat das Schloß auch
nicht für sich gekauft, sondern als Erholungs
heim für den großen Jnöustriekonzern, bei
dem er seit Jahren eine führende Stellung be
kleidet,' und im übrigen, schau dir den Lechler
nur einmal näher an. Komm her und sei nicht
so schüchtern. Uns allen hätte schon der Name
auffallen müssen. Es ist doch dem Herrn
Dorfschulzen Lechler sein Neffe, mit dem du
als Kind Hangauf, hangab die kleine Welt um
uns unsicher gemacht hast. Er hat geglaubt, wir
kennen ihn gleich. Da das aber nicht der Fall
war, so hat er ein bißchen Versteck mit uns
und dir gespielt. Im übrigen hat er seine Ju
gendliebe nicht vergessen, sondern liebt sie jetzt
noch mehr als zuvor. Um es kurz zu sagen:
der Andreas hat um deine Hand angehalten."
Da fielen die blauen Wolken vom Himmel,
und der alte Wasserfall rauschte noch schöner
als einst, wenn sie Braut und Bräutigam
spielten. Und nun sollte das Märchen der
Kindheit in Erfüllung gehen. Lotte Heimbach
hing an Andreas Lechlers Hals. „Dummer
Lausbub", sagte sie küssend ein über das andere
. Mal, „warum Haft du bas nicht gleich gejagt?"